Burning

BLASSE SCHIMMER EINES VERDACHTS

7,5/10

 

burning© 2019 Capelight Pictures

 

LAND: SÜDKOREA 2018

REGIE: LEE CHANG-DONG

CAST: YOO AH-IN, STEVEN YEUN, JEON JONG-SEO U. A. 

 

Das Filmland Südkorea ist wie eine große Kiste voller Objekte unterschiedlichster Art, in die man blind hineingreift und gar nicht weiß, was man hervorholt. Das Filmland Südkorea ist Kino als Überraschung, ist niemals etwas, das zu erwarten war. Der Cineast Lee Chang-Dong hat mit Burning endlich wieder mal ein Werk geschaffen, das als ungelöstes Rätsel im Gedächtnis bleibt, sich lediglich auf Andeutungen verlässt und dem überhaupt nicht danach ist, auch nur irgendwelche Fragen, die während des Films aufgeworfen werden, zu beantworten. Wie befreiend ist das denn? Und was für ein lobenswerter Versuch, einen Gegentrend gegen das teils zu Tode erklärte westliche Kino zu setzen, das oft nicht den Mut hat, sein Publikum ratlos zurückzulassen. David Lynch hat diese Wagnis niemals bereut. Seine fragmentarisch anmutende Fabulationsfreude quer durch alle Albträume gibt Raum für eigene Deutungen. Chang-Dong gelingt Ähnliches. Sein Film ist inspirierend unkonventionell, und gleichzeitig aber spielt er mit den Elementen klassischer Krimiliteratur, die stark auf Suspense abzielt und die Sicht auf all die Umstände – trotzdem eine zentrale Person das Geschehen wahrnimmt  – auf mehrere mögliche Ebenen zu zerstreuen weiß.

Woran Burning am Meisten erinnert? Seltsamerweise an Patricia Highsmith und ihrem talentierten Mister Ripley. Allerdings auch an Hitchcock, an einen panikmachenden Sog aus Verdacht und erflehter Gewissheit. Dabei lässt sich die Vorlage zum Film auf die Feder Haruki Murakamis zurückführen. Seine Kurzgeschichte Scheunenbrennen stand Pate, wie genau sich Chang-Dong daran gehalten hat, kann ich nicht sagen. Doch er hat bestimmt etwas ganz Eigenes geschaffen, auf eine bedächtig erzählte, zweieinhalbstündige Geschichte ausgedehnt, in welcher der intellektuelle, etwas verschlafen wirkende Möchtegern-Romancier Jongsu, gerade mal mit dem Studium fertig, auf Haemi, eine Bekannte aus Kindertagen trifft, die ihn bittet, während ihres Urlaubs auf ihre Katze aufzupassen. Es dauert nicht lang, da verliebt sich Jongsu in die hübsche junge Dame, hat gar Sex mit ihr – und trifft sie auch später wieder, allerdings kaum mehr alleine: Das Mädchen hat einen Begleiter mitgebracht, einen undurchschaubaren Lebemann, der anscheinend stinkreich ist und sich alles im Leben leisten und machen kann, was immer er auch will. Eifersucht macht sich breit. Irgendwie nervt dieser Typ, obwohl er freundlich ist. Aber da er alles hat, und alles haben kann, und sogar seltsame dunkle Seiten einfach zulässt, weil er sie seiner Philosophie nach einfach zulassen muss, ist er gleichermaßen faszinierend wie abstoßend. Klar zu erkennen ist ein entrücktes Trio infernal, das plötzlich alles gemeinsam macht. Bis Haemi plötzlich verschwindet.

Jongsu rätselt nicht nur über den Verbleib des Mädchens. Er rätselt noch über ganz andere Dinge in seinem Dunstkreis. Haemis Katze taucht ebenfalls nie auf, wenn er sie füttern muss. Sie ist gleichzeitig anwesend, und gleichzeitig auch verschwunden. Klingt frappant nach Schrödinger. So wie der Drang des rätselhaften Dritten, erlassene Gewächshäuser abzufackeln. Meint er das ernst? Oder will ihn der Rivale nur aufziehen? Vieles ist also eine Variable in Chang-Dongs Film, die große Unbekannte. Selbst die Vergangenheit ist nicht das, was sie scheint. Die große Variable ist das Vertrauen, das sich nicht fassen lässt, das so flüchtig ist wie der Rausch von Marihuana, die Dämmerung oder das Subjekt der Begierde. Ein Mysterium, dieser Film, auch wenn vieles so klar und der Plot alles ist, nur kein konfuses Konstrukt, das mutwillig prätentiös erscheinen will. In Wahrheit ist Burning ein kleiner, bescheidener Film, der aber durch seine Undurchschaubarkeit größer scheint und stets an der Schwelle zum Psychothriller herumscharwenzelt, ohne sie übertreten zu wollen. Mit Betonung auf Wollen, denn können würde er es spielend. Doch gerade diese geschaffene Distanz zu gängigen Genremustern macht aus Burning ein besonderes spekulatives Erlebnis, das sich erst ganz am Ende erlaubt, seine aufgestaute Furcht, dumm zu sterben, rauszulassen.

Burning

Lost Girls

IM SUMPF DER TRAUER

6,5/10

 

lostgirls© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: LIZ GARBUS

CAST: AMY RYAN, THOMASIN MCKENZIE, GABRIEL BYRNE, OONA LAWRENCE, REED BIRNEY, LOLA KIRKE U. A. 

 

Wer von euch kann sich eigentlich noch an Aktenzeichen XY erinnern? Lief immer freitags im Hauptabendprogramm, und immer dann, wenn mal nicht Derrick oder Der Alte ermitteln mussten. Aktenzeichen XY ließ sein Publikum anhand ungelöster Fälle rätseln und zittern – plus gespielter Szenen, die dem realen Schrecken noch eins draufsetzten. Ganz so wie dieses Aktenzeichen XY, wie die Chronik eines ungeklärten Verbrechens, von dem nur bekannt ist, dass die- oder derjenige Opfer krimineller Aktionen wurden – ganz so mutet Lost Girls an. Ein Film über ein Tappen im Dunkeln, über einen Fall, der sich tatsächlich so zugetragen hat. Vorlage dafür war das Sachbuch gleichen Titels von Robert Kolker. Die Spielszenen, bei XY normal nur einige Minuten lang, expandieren hier zu Spielfilmlänge – und zu einem bewölkten, trüben Drama mit schwermütigem November-Blues.

Love and Death in Long Island, könnte man sagen. Nur ohne Love, dafür doppelt so viele Tode. Gesucht wird die Tochter von Mari Gilbert, in resoluter Verbissenheit und mit Hausverstand darf nun Amy Ryan, die man sonst nur in Nebenrollen zu Gesicht bekommt, ganz vorne stehen. Der Nachwuchs – Tochter Shennan – hätte eigentlich beim Rest der Familie aufschlagen sollen, ist aber nie erschienen. Das Gewerbe, dass sie ausübt, nämlich das älteste der Welt, trägt auch nicht dazu bei, die Sicherheit im Job zu gewährleisten. Irgendwas muss passiert sein. Die Polizei wassert nach – mehr schlecht als recht – und Mari Gilbert tritt den laxen Kerlen in den Hintern. Bis noch mehr Mädchen auftauchen, tot natürlich. Und der Verdacht auf einen Serienkiller die Runde macht. Diesen hat es wirklich gegeben. Und gibt es noch. Denn aufgeklärt wurde die Causa eigentlich nie. Die Erkenntnis entfacht Unruhe, hinterlässt gar ein unbequemes Grundgefühl. Verdachtsfälle gab’s genug, einer davon sehr konkret. Aber ein Verdacht ist kein Beweis, also heißt es weiterforschen auf eigene Faust, damit zumindest die Leichen geborgen werden können und all die Mütter ohne Töchter zumindest über Leben und Tod Bescheid wissen können.

Wie lähmend muss das sein, genau diesen Umstand nicht zu wissen. Unweigerlich muss ich an den Fall von Natascha Kampusch denken. Letzten Endes eine Entführung, die das Mädchen überlebt hat. Als vermisst galt sie rund 8 Jahre lang. Ein Horror für die Eltern. Da lässt sich erahnen, wie entlastend das sein muss, zumindest darüber Gewissheit zu erlangen, ob das eigene Kind noch lebt, kein Leid ertragen hat oder beerdigt werden muss. Lost Girls ist eine freitagabendliche Kriminaltristesse, die sich in keinster Weise schönreden lässt. Die Suche nach den Toten ist ein quälendes Umherirren im Morast, quer durch die unwirtlichen Sumpfgebiete der wenig einladenden Ostküste. Das einzig Tröstende ist die Solidarisierung der Hinterbliebenen. Zu den Schwestern der Vermissten zählt auch die talentierte Newcomerin Thomasin McKenzie, die zuletzt in Taika Waititis Jojo Rabbit zu bewundern war. Sie bleibt aber eher im Hintergrund – das Feld führt Amy Ryan an, die sehr praktisch veranlagt – und das vielleicht zum eigenen Schutz – mit dem Schlimmsten rechnen muss.

Liz Garbus (Oscarnominierung für die Doku What happened, Miss Simone?) erster Spielfilm ist eine Netflix-Premiere. Schön, dass der Streamingriese auch Sundance-Beiträgen eine Plattform bietet, so wie dieses sehr ernste, semidokumentarische, nüchterne True-Crime-Szenario, das nur noch Eduard Zimmermann benötigt hätte, um den mysteriösen Fall auf eigene Initiative wieder aufzurollen.

Lost Girls

Just Mercy

GNADE VOR UNRECHT

7/10

 

Just_Mercy_Picture_No_1© 2020 Warner Bros GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

CAST: MICHAEL B. JORDAN, JAMIE FOXX, BRIE LARSON, TIM BLAKE NELSON, O´SHEA JACKSON U. A.

 

Da blieb kein Auge trocken: Als der reuige und zum Glauben gefundene Sean Penn in Dead Man Walking seinen titelgebenden letzten Gang antreten musste, war die Schmerzgrenze des zumutbar Tragischen eigentlich längst erreicht. An seiner Seite: Susan Sarandon, die als Emotional Support des zum Tode Verurteilten ihren Oscar erhielt. Wen allerdings dieser ultimative Film zur Todesstrafe noch immer nicht ganz davon überzeugt hat, dass dieses drakonische Mittel nichts mehr anderes ist als ein so sinnloser wie obsoleter Rest aus dem Mittelalter; wer nach diesem Film immer noch nicht verstanden hat, dass die Dunkelziffer aller Fehlverurteilten erschreckend hoch und Tod durch Tod keine Lösung ist, der könnte sich durch den vor Corona im Kino angelaufenen und nun auf amazon als Streaming-Highlight abrufbaren Justizdrama nun die letzten Prozent seines Zweifels ausräumen lassen. Just Mercy beruht auf den als Buch verfassten Erfahrungen des Bürgeranwalts Bryan Stevenson und präsentiert ein ausgeschlafenes Ensemble, das gegen die Todesstrafe und für eindeutig mehr Gnade wettert.

Gnade vor Unrecht könnte der Slogan sein, der dieser Art von Strafe den Tod bringen kann. In vorliegendem Film wagt der Harvard-Jurist Stevenson, souverän und einnehmend verkörpert von Michael B. Jordan, das Abenteuer Südstaaten – und lässt sich gerade dort nieder, wo die rassistische Kacke Ende der 80er immer noch gehörig am Dampfen ist. Mutter sieht das kritisch, ungefährlich ist dieses Unterfangen nicht. Doch Stevenson will helfen, ist durch und durch Humanist und steht für eine Gerechtigkeit, die verhindern soll, das „Herrenmenschen“ Menschenrecht mit Füßen treten. Getreten werden die Schwarzen dort tagaus tagein. Leicht ließe sich die Darstellung weißer Rednecks in Uniform als gängiges Klischee interpretieren. Die erschreckende Erkenntnis wird aber sein: diese Darstellung ist womöglich gar noch untertrieben. Ein Schwarzer als Sündenbock ist schnell mal herbei intrigiert und Zeugenaussagen zum Schaden anderer sehr leicht eingeholt. Jamie Foxx, der landet dann in der Todeszelle. Natürlich für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Stevensons CEO-Anwaltskanzlei, speziell auf Todesstrafen und deren Revision fokussiert, will es in diesem Fall wissen – und legt sich mit korrupten, kriminellen Mechanismen auf Seiten des Gesetzes an.

Just Mercy ist ein hemdsärmeliges, gehaltvolles Stück Justizdrama, alles nach Fakten. Jamie Foxx war nach Ray womöglich nie mehr so gut, sein nachvollziehbares Verhalten zwischen gottergebener Resignation vor dem Damoklesschwert der Ungerechtigkeit und dem Fall ins Bodenlose balanciert der Schauspieler in einer intensiven Performance. Die Szenen im Todestrakt erinnern etwas an The Green Mile, und auch der Schrecken selbst – der Tod auf dem elektrischen Stuhl – zeigt sich wiedermal als Barbarei, die sich vom Ketzerverbrennen am Scheiterhaufen nicht viel wegbewegt hat. Ein guter Film, ein durchaus wichtiger Film, und einer, der diesen ewigen Kampf gegen die Windmühlen der US-Strafgesetze wieder in Erinnerung ruft.

Just Mercy

We Have Always Lived in the Castle

GESCHWISTER ÜBER ALLES

5/10

 

alwayslivedcastle© 2019 Kinostar

 

LAND: USA 2018

REGIE: STACIE PASSON

CAST: TAISSA FARMIGA, ALEXANDRA DADDARIO, SEBASTIAN STAN, CRISPIN GLOVER, PETER COONAN U. A.

 

Dieses Setting kommt mir irgendwie bekannt vor: Auf einem Hügel ein herrschaftliches Gemäuer, drum herum eine Kleinstadt, bevölkert von Leuten, die dem Schloss da oben nicht wirklich wohlgesinnt sind. Da gäbe es zum Beispiel die von Charles Addams ersonnene Familie gleichen Namens, die über alle gängigen Sozialformen erhaben ist und sich so verhält, wie ihr Eigensinn eben gewachsen ist, und in welche Richtung er auch steuert. Spooky sind sie obendrein. Und vor allem eines: durchaus komisch. Die beiden Geschwister aber, die in vorliegendem Film das immobile Erbe ihrer Eltern hüten, sind weit davon entfernt, irgendeinen Gefallen an ihrer Situation zu finden. Zumindest vorerst nicht. Denn das Anwesen war Schauplatz eines Giftmords. Die Opfer: beide Eltern. und ja, auch der Onkel, der aber knapp überlebt hat und seitdem im Rollstuhl sitzt. Obendrein wohnt der noch mit seinen Nichten unter einem Dach und gibt sich traumatisierter und durchgeknallter als die beiden Stammhalterinnen selbst.

Davon ist eine sehr daran interessiert, den Schein eines perfekten Lebens zu wahren, nach guter alter Hausfrauenart aus der Waschmittelwerbung. Die andere macht einen auf Hexe, erntet Kräuter, vergräbt Dinge unter der Erde. Will verfluchen und Flüche bannen. Wenn ihr mich fragt: ich würde mich diesem düsteren Wohnsitz wohl auch nicht nähern, weil Halbwissen oftmals zu Gerüchten führt, und Gerüchte zu Jahrzehnte überdauernden Legenden werden. Ich hätte mich dem Spuk im Hill House aber auch nicht ausgesetzt. Kenner des Filmes aus den 60er Jahren – Bis das Blut gefriert – und der aktuellen Serie auf Netflix würden wissen, was sie erwartet. Beides – We have always lived in the Castle und Bis das Blut gefriert – sind Werke aus der Feder von Shirley Jackson. Eine Art weiblicher Edgar Allan Poe, nur vielleicht romantischer, bürgerlicher, auf eine gediegene Art schauriger, während Poe in seinen Werken stets einer Schrecklichkeit zusteuert, aus der es kein Entrinnen gibt.

Ich könnte mir We have alyways lived in the Castle gut als Schwarzweiß-Produktion vor vielen Jahrzehnten vorstellen. Jean Crawford, Bette Davis in jüngeren Jahren, hausend in verfluchten vier Wänden. Rätselhafter Suspense in Reinkultur. Den lässt die aktuelle Verfilmung fast zur Gänze vermissen. Gibt es wenigstens mehr Mystery? Stimmungen, die so in ihren Bann ziehen, dass man nicht wegsehen kann? Wohl eher nicht. Aus Shirley Jacksons Vorlage wird ein hemdsärmeliger, etwas steifer Gesellschaftskrimi, der mehr an Agatha Christie erinnert, wobei aber die Suche nach dem Unheilvollen, nach den Tätern, sollte es solche geben, nicht vorrangig verfolgt, sondern sich ganz auf seine Schwestern konzentriert, die aber aneinander vorbeispielen. Alexandra Daddario wird natürlich ihrer Rolle gerecht und gibt sich unglaublich maskenhaft, wie eine der Frauen von Stepford. Das schafft aber auch Distanz. Die buckelnde Taissa Farmiga (unübersehbar die Schwester von Vera Farmiga) hingegen bleibt so richtig undurchschaubar, sie ist die Erzählerin aus dem off gleichermaßen und das Zentrum des Geschehens. Die übrigen Figuren bleiben schemenhaft, Was dahintersteckt, lässt sich bald erahnen, lässt aber aufgrund dieser eher gestelzten Inszenierung die Neugier außen vor. Der Thriller mit behändem Eskalationsfaktor will zwar geheimnisvoll sein, will vielleicht auch über Urban Legends und ihre Opfer philosophieren, verschenkt aber sein Potenzial an dem Anspruch, sich von Gothic-Stilmitteln allzu sehr loszulösen. Da wäre ein tieferer Griff in die durchaus gern verstaubte Trickkiste klassischer Stimmungsmacher durchaus ratsam gewesen.

We Have Always Lived in the Castle

Der Honiggarten

BIENENFLÜSTERN GEGEN BIGOTTERIE

6,5/10

 

honiggarten© 2019 capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: ANNABEL JANKEL

CAST: ANNA PAQUIN, HOLLIDAY GRANGER, GREGOR SELKIRK, KATE DICKIE, LAUREN LYLE, BILLY BOYD, STEVEN ROBERTSON U. A. 

 

Verdammt lang ist das schon her – 1993 erhielt das junge Mädchen namens Anna Paquin für ihre außergewöhnliche Leistung in Jane Campions Neuseeland-Drama Das Piano mit gerade mal zwölf Jahren den Oscar. Sie war somit die zweitjüngste Gewinnerin in der Geschichte des Goldjungen nach Tatum O´Neal für Papermoon. Das nur am Rande. Seitdem hat die kanadisch-neuseeländische Schauspielerin allerhand zu tun gehabt – für nicht zu knappe Bekanntheit sorgte natürlich ihr Auftreten in Xaviers Mutantenschule bei den X-Men. Der  Liebesfilm Der Honiggarten (im Original viel treffender: Tell it to the Bees) lief noch vor Scorseses The Irishman, wo Paquin die von De Niro schwer enttäuschte Tochter spielt. Interessant, welche Künstler am Set dieses durch und durch britischen Streifens zusammengefunden haben: Paquin eben, und eine Dame namens Annabel Jankel, die, was wohl angesichts dieses Films niemand vermuten wurde, den virtuellen Kultkopf Max Headroom in den 80ern mitentwickelt hatte. Nebst diesem Medien-Trendsetter geht auch die weniger prickelnde Game-Verfilmung Super Mario Bros auf ihr Konto – rückblickend eigentlich nicht mehr anschaubar. Gut, auch die Zeiten verändern die Ambition der Schaffenden, und so ist es diesmal die Verfilmung gediegener Belletristik von Fiona Shaw.

Schöne, rustikale Bilder sind´s, die das Stückchen Arthousekino hier beschert. Die britischen Fünfzigerjahre kann man sich sowieso nicht anders vorstellen als verpackt in kleinstädtische Gemeinden, die von der Industrie leben, Backsteinhäusern, Rockabilly-Moden, kleinen Läden und sehr viel Asphalt. Sehr oft Regen und wenn’s mal nicht regnet, spärlicher Sonnenschein, in dessen Gegenlicht die paar schönen Momente stattfinden, die die beiden Liebenden, um die es hier geht, für sich verbuchen können. Natürlich, Der Honiggarten ist kein gewöhnlicher Liebesfilm, das wäre dann gar etwas zu sehr abgegriffen – es ist die sexuelle Beziehung zweier Frauen. Etwas Verbotenes, das niemand wissen darf. Die Nachbarn nicht, der Vater des einzigen Sohnes nicht, der seine Familie verlassen hat (finster: Emun Elliott) – überhaupt niemand. In den 50ern war Homosexualität auf der großen Insel etwas Verachtenswertes, Krankes. Aber nicht nur dort. Aus Todd Haynes betörenden Film Carol wissen wir, dass das auch an der Ostküste der USA ein gesellschaftliches No-Go war. Cate Blanchett und Rooney Mara haben es versucht. Auch Anna Paquin und Holliday Granger versuchen es. Und wie sie es versuchen, genau das bekommt der Film auf geschmeidige Weise hin. Dieses Annähern, dieses diskrete Beobachten, die unausgesprochene Sympathie. Dann will es das Schicksal, dass Mutter Granger und Sohn mit Anna Paquin unter einem Dach leben. Nichts besser als das, sagt die romantische Ader der beiden Frauen. Das ist schon sehr behutsam, sehr zartfühlend inszeniert. Paquins Rolle der verschreckten Erbin eines Landsitzes mit Mut zum unorthodoxen Lebensstil entbehrt nicht einer gewissen Faszination – Grangers Sehnsucht nach dieser Person lässt sich durchaus nachvollziehen. Dazwischen der Junge, der nicht weiß, wo er hin soll. In den bigotten Konservatismus seiner väterlichen Verwandten – oder mit dem Neuland, welches ihn umgibt, zurechtkommen. Dazwischen auch jede Menge Bienen, denn zu diesem geerbten Landsitz gehört auch eine Imkerei. Dieses Mysterium der nützlichen Insekten, zu denen man sprechen kann und die einem auch angeblich zuhören, quasi eine freud´sche Biene Maja samt Hofstaat, dieses Mysterium verleiht dem traditionellen Liebes- und Leidensreigen eine Art literarische Abgehobenheit, die sich dann aber gegen Ende etwas zu viel erlaubt – das dick aufgetragene Irreale wirkt leider etwas schnulzig.

Macht aber nicht allzu viel, darüber lässt sich hinwegsehen. Der Honiggarten ist eine ansehnliche Verfilmung geworden, die in ihrer klassisch erlernten Erzählweise jetzt nicht die Liebe neu erfindet, aber zumindest der eher selten gesehenen Anna Paquin einen noblen, sinnlichen und selbstbeherrschten Auftritt ermöglicht.

Der Honiggarten

Appaloosa

WER HAT ANGST VORM SCHWARZEN MANN?

4/10

 

appaloosa© 2018 HBO

 

LAND: USA 2008

REGIE: ED HARRIS

CAST: ED HARRIS, VIGGO MORTENSEN, JEREMY IRONS, RENÈE ZELLWEGER, LANCE HENRIKSEN U. A.  

 

Nein, dieser Film ist nicht die US-Version von Ostwind. Er hat nichts mit der gleichnamigen Pferderasse zu tun, und es geht auch nur peripher um Pferde, die maximal als reitbare Untersätze für coole schießwütige Socken herhalten müssen, wie Ed Harris eine ist. Obwohl: schießwütiug würde ich gar nicht sagen. Ed Harris hat sich ganz so wie Countryikone Johnny Cash mal komplett in schwarz gekleidet. Das steht ihm, keine Frage. Ein passender breitkrempiger Hut dazu – sieht fein aus. Wäre Ed Harris schwarz, wäre er Denzel Washington aus der Neuverfilmung von Die glorreichen Sieben, aber soweit wollen wir nicht gehen. Ed Harris kommt also in das Kaff, das so heisst wie eine Pferderasse, nämlich Appaloosa, und will dort für Recht und Ordnung sorgen. An seiner Seite: Viggo Mortensen, hinter dichtem Schnauzer versteckt und bei den Allüren seines unberührbaren Mentors auf Ausgleich bemüht. Denn ja – dieser Shootist Virgil Cole, den Harris verkörpert, der setzt da an, wo die dörfliche Justiz Marke Sheriff versagt. Und das tut sie in diesem Film. Jeremy Irons ist daran Schuld, der treibt als machtgeiler Viehbaron überall sein Unwesen und glaubt er ist Gott in Frankreich.

Ist er nicht, das wissen wir. Das wissen wir schon seit Die rechte und die linke Hand des Teufels, wo der im Maßanzug herumkommandierende Major letztendlich ordentlich Prügel einsteckt. Wie das bei klassischen Western eben so ist, lässt sich bei Appaloosa schon ziemlich siegessicher vorhersagen, wie das Ganze enden wird. Das nimmt dem Genre mittlerweile auch fast all seine Spannung, aber es ist immer wieder eine Genugtuung, zu sehen, wie das Unrecht seine Hosen verliert. Mit diesem Man in Black namens Virgil Cole hat das Unrecht einen seltsam autistischen Gegner, der nicht so richtig kann mit anderen Leuten. Sozial etwas inkompetent, und mit Frauen läuft da auch fast nichts. Für diese Komponente hat sich Ed Harris Renée Zellweger auf den Pferderücken geholt – nun, nicht die beste Wahl. Harris, der mit Appaloosa 2008 seine zweite Regiearbeit nach der elektrisierenden Künsterbiopic Pollock vorlegt, hat zwar jede Menge namhafter Schauspieler für seine klassische Westernpistole verpflichten können (all die erwähnten sind längst noch nicht alle bekannten Gesichter), geschickt zusammenspielen lässt er sie nicht.

Appaloosa ist so hölzern geraten wie die ungebeizten Holztüren des Saloons, nur deren Schwung hat er nicht. Ed Harris spielt unglaublich steif, Mortensen kommt sich, trotz seiner sonst so professionellen Qualitäten, vermehrt fehl am Platz vor. Und Renée Zellweger ist schwer auszuhalten. Ihre übertriebene Attitüde schmerzt, und überhaupt wirken auch all die anderen Pro- und Antagonisten wie bestellt und nicht abgeholt. Als hätte Ed Harris, selbst wohl überfordert mit der Aufgabe, seiner klischeehaften Rolle ambivalentes Leben einzuhauchen, keine Zeit und keine Nerven dafür gehabt, seine Co-Akteure durch den Dreh zu geleiten. Angesichts dieser bedeutenden Namen sollte das vielleicht gar nicht notwendig sein, aber je simpler und austauschbarer ein Film ist, umso schwieriger wird es, dem Setting etwas Neues, Erfrischendes abzugewinnen. Appaloosa, das ist die Verfilmung eines Westernromans, wie er am Fließband geschrieben wird, noch dazu von jemandem, der nebenbei noch allerlei Detektivgeschichten Marke Hammett und Chandler veröffentlicht hat, was aber prinzipiell kein Grund wäre, dem Westernmythos nur mit Abziehbildern zu begegnen. Appaloosa ist aber genau das: ein Abziehbild ohne Charisma, Dutzendware auf staubiger Straße. Warum Ed Harris bloß diese Vorlage gewählt hat? Weil er vielleicht in Jugendjahren diesen Robert B. Parker gelesen hat? So wie hierzulande manche Winnetou nicht aus ihrer Kindheit wegdenken können? Schon möglich. Dann ist es wiederum ein sehr persönliches Werk. Doch für mich als Zuseher hätte das keine Relevanz.

Appaloosa

Glück gehabt

DER PHILOSOPH DES KLEINEREN ÜBELS

6,5/10

 

glueckgehabt© 2019 Luna Filmverleih

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: PETER PAYER

CAST: PHILIPP HOCHMAIR, JULIA ROY, LARISSA FUCHS, ROBERT STADLOBER, RAIMUND WALLISCH, CLAUDIA KOTTAL U. A.

 

GIS-Gebührenzahler und Flimmit-Abonnenten kennen ihn schon längst, und zwar spätestens seit der ersten Staffel der Vorstadtweiber: Philipp Hochmair. In der Wiener Antwort auf die desperaten Hausfrauen aus der Wisteria Lane gab der Burg- und Thailiatheatermime den arroganten Politiker und Mörder Joachim Schnitzler – herrlich gelackt, lüstern und durchgeknallt. Das der Mann auch anders kann, das zeigt er eben im Kino, in dem wohl nur hierzulande vom Radar erfassten Thrillerkomödie Glück gehabt. Die Figur des Schnitzler, die ist hier sehr weit weg. Hochmair gibt einen zauseligen, allerdings hochtalentierten Comiczeichner, der den lieben langen Tag sehr gerne in Pyjamahose, rauchend und biertrinkend seinen Alltag vorüberziehen lässt, während die Freundin Karriere macht. Sein filziges Erscheinungsbild irgendwo zwischen einem arglosen James Stewart-Lebenskünstler und einer dezenten Ralf König-Comicfigur ist großartig. Früher hätte diese Rolle sogar Alfred Dorfer dankend angenommen, doch der ist das Medium Film wie es scheint ziemlich durch. Hochmair kann zwar schon viel vorweisen, kommt aber im Kino womöglich erst so richtig in Fahrt. Und diesen phlegmatischen Alltagsabenteurer kann man ihm getrost abnehmen. Dabei ist er nicht das, was man unter Glückritter versteht, denn das Glück, das ist bekanntlich „dort, wo sie sind“ – in diesem Fall aber eher dort, wo Filmfigur Artur eben nicht ist. Denn all das, was geschieht, vollzieht sich scheinbar in einem imaginären Nebenraum, als käme unser Antiheld wie die Jungfrau zum Kind, und wo das Kind herkommt, geht Artur nichts an. Oder will ihn scheinbar gar nicht interessieren.

Interessant ist in erster Linie die geheimnsivolle junge Frau namens Alice, die sozusagen direkt aus dem Wunderland in Arturs Welt gestiegen kommt. Das Problem einer Leiche in ihrer Wohnung fordert das Glück dann zusätzlich noch heraus – doch wir wissen: überstrapazieren soll man selbiges nicht, denn sonst geht’s einem wie Polykrates, dem Tyrannen, der wohl zu viel davon wollte. Dabei stellt sich in der Verfilmung von Antonio Fians Roman Das Polykrates-Syndrom die Frage, ob eine Art des Glücks nicht doch nur ein Synonym für ein geringeres Übel ist. Für die Wahl des kleinsten Zwanges und der geradesten Strecke aus einem Schlamassel heraus, in dem sich dann plötzlich alle wiederfinden und Erinnerungen an Adrian Lynes Thrillerklassiker Eine verhängnisvolle Affäre wachrütteln. In Peter Payers Film sind wir aber weit entfernt von hollywood´schen Parametern. Hier in Wien geht es viel gemütlicher zu, und der Film lässt sich trotz seiner knappen 90 Minuten ausreichend Zeit, ein schwarzhumoriges Szenario zu entfalten, das dem verträumten Rhythmus des schlurfigen Philipp Hochmair treuherzig entgegenkommt, während der Zuseher will, dass sich hier manches eher Bahn bricht als es letztendlich der Fall ist. Die Faszination aber, die von der österreichisch-französischen Schauspielerin Julia Roy ausgeht, macht so manche Länge wieder wett und auch von ihr könnte es demnächst mehr im Kino zu sehen geben. Ich könnte es auch so formulieren: Julia Roy ist eine aparte Entdeckung.

Sonst aber gibt es in Glück gehabt bis auf die Umdeutung des Mysteriums Glück nicht viel mehr Neues zu entdecken. Als Psychothriller würde ich das Werk nicht bezeichnen, als Horror schon gar nicht. Ein Stilmix sieht anders aus. Vielmehr ist Payers Film eine durchaus charmante Groteske, die nichts bis zum Exzess treibt, weil Hochmairs Artur dies erstens gar nicht so weit kommen lassen und zweitens lieber nur dabei statt mittendrin sein will. Warum auch nicht? Es ist das bequemere, kleinere Übel.

Glück gehabt

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

WARTEN AUF BESSERE ZEITEN

5,5/10

 

rosakaninchen© 2019 Warner Bros.

 

LAND: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2019

REGIE: CAROLINE LINK

CAST: RIVA KRYMALOVSKI, OLIVER MASUCCI, CARLA JURI, JUSTUS VON DOHNÁNYI, MARINUS HOHMANN, ANNE BENNENT U. A. 

 

Das ist einfach zu viel verlangt. Wie soll man sich als Kind entscheiden, welches Lieblingsstofftier der Flucht ins Ausland beiwohnen und welches dieser wattegefüllten Wesen dem Diktator in die Hände fallen soll? Ein Ding der Unmöglichkeit. Ich als Kind hätte das nicht gekonnt. Die neunjährige Anna Kemper tut sich ebenfalls sichtlich schwer. Letzten Endes wird’s der Hund. Das rosa Kaninchen, das nimmt sich Hitler.  Familie Kemper, die hat in weiser Voraussicht schon im Jahr 1933, noch vor der Wahl, die Hitlers Aufstieg besiegeln sollte, die Zelte abgebrochen. Das war der Anfang vom Ende eines vertrauten Lebens. Und der Anfang ohne Ende einer ruhelosen Wanderung quer über den westlichen europäischen Kontinent, über die Schweiz nach Frankreich und von dort nach Großbritannien. Judith Kerr hat diesen Roman verfasst, ihre Lebens- und Kindheitsgeschichte. Genannt hat sie sich in diesem Roman Anna Kemper, doch was sie erlebt hat, ist sicherlich nicht nur ihr so passiert, sondern auch unzähligen anderen jüdischen Kindern, die da mitgeschleppt werden mussten, von einem halbwegs sicheren Platz zum Leben bis hin zum nächsten. Eine prägende Erfahrung, wie man sieht – der Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl wurde millionenfach verkauft. Herangewagt an diese Chronik einer Flucht und des bangen Wartens auf Frieden und Beständigkeit hat sich natürlich Oscar-Preisträgerin Caroline Link, die sich mit den Themen Kindheit und Coming of Age unter besonderen Bedingungen bestens auszukennen scheint. Der Junge muss an die frische Luft war ihr letzter Film, ebenfalls die Adaption eines Bestsellers, nämlich der Erinnerungen aus dem Kinderzimmer von Hape Kerkeling.

Das Kinderzimmer ist diesmal karg und behält nur das notwendigste, und zum Glück ist es kein verstecktes Hinterzimmer wie bei Anne Frank, deren Familie gar nicht so schnell schauen konnte, da wurde die Flucht schon unmöglich. Wie die zutiefst tragische Geschichte ausging, das wissen wir. Judith Kerrs Erlebnisse sind andere, und dabei konzentriert sich der Film auf das Mädchen Anne und auf den Vater, gespielt von Oliver Masucci. Der war dann auch der Grund, warum Annas Familie hat flüchten müssen. Vater Kemper war Schriftsteller und Kritiker und natürlich in den Augen der Nazis eine Persona non grata, Kopfgeld inklusive.

Diese Erfahrungen aus dem Krieg, diese Entbehrungen während des verzweifelten Hoppings durch Europa, die adaptiert Caroline Link sehr zurückgenommen. Ist ja mal ein guter Ansatz, keiner will wirklich übertriebenen Pathos sehen. Allerdings verheddert sich dieser zurückgenommene, geradezu beschauliche Stil in eine traditionelle Erzähl- und Filmweise, die ich nur als hausbacken bezeichnen kann. So werden Fernsehfilme erzählt, da verlässt man sich auf probate und effiziente Mittel, um ein Projekt auch im Zeit- und Geldrahmen und zur Verträglichkeit eines weitaus jüngeren Publikums durch die Drehtermine zu bringen. Interessanterweise entsteht hier aber eine Diskrepanz zwischen dem, was der kreative Kindermund aus dem Off alles erzählt, und Links harmonischen, unerschütterlich glatten Interpretation des Erlebten. Szenenweise wirkt der Film wie ein Neuaufguss von Heidi, natürlich und vor allem in den Szenen, die in der Schweiz spielen. Das ist schon Heimatfilmkitsch allererster Güte, aber vielleicht war das in den Augen von Judith Kerr wirklich so ein pittoreskes Umfeld? Auch in Paris scheut der Film nicht vor Klischees zurück, aber vielleicht sind auch hier Klischees berechtigt, denn von irgendwoher müssen die ja kommen.

Auch wenn eine Flucht Menschen logischerweise an ihre Grenzen bringt, plätschert Als Hitler das rosa Kaninchen stahl gänzlich ohne narrativen Höhepunkt vor sich hin. Es sind Episoden, immer irgendwo anders, und die kleine Anna Kemper muss sich stets neu erfinden. Sehen Kindheitserinnerungen so aus? Vielleicht vervollständigen sie sich erst durch das, was die Eltern erzählen, und die haben schon so manches dabei ausgeschmückt. Genauso wirkt der Film: verklärt, romantisiert, einzig durch die verlorene Figur des Onkels Julius (Justus von Dohnányi) vermutet der Zuseher eine allgegenwärtige Bedrohung von außen. Was aus dem rosa Kaninchen wurde, weiß vermutlich keiner. Was aus Judith Kerr wurde, das schon. Wie sie dazu kam – das erzählt eine uninspirierte Verfilmung über die Kunst, als Familie in der Not zu improvisieren.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Der Distelfink

DAS GLÜCK IST EIN VOGERL

5/10

 

distelfink© 2019 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: JOHN CROWLEY

CAST: ANSEL ELGORT, OAKES FEGLEY, NICOLE KIDMAN, JEFFREY WRIGHT, LUKE WILSON, SARAH PAULSON, ASHLEIGH CUMMINGS, FINN WOLFHARDT U. A.

 

Wie lange sitze ich denn jetzt schon hier im Kino? Es fühlt sich an wie ein ganzer Nachmittag, obwohl die Länge des Filmes nur zweieinhalb Stunden beträgt – das bringt eigentlich schon jeder Blockbuster auf die Reihe, doch John Crowleys neuer Film Der Distelfink ist fast schon eine Art Paradoxon: Seine inhaltliche Epik sprengt den zeitlichen Rahmen in einer seltsam anderen Dimension. Was der verfilmte Roman erzählt, geht, so könnte man sagen, auf keine Kuhhaut, oder entzieht sich gerne dem völlig natürlichen Begriff vom Vergehen der Zeit. Nach zweieinhalb Stunden ist das Popcorn schon seit Ewigkeiten aufgegessen, jede Sitzposition eingenommen und die Gedanken vielleicht schon auf dem Heimweg. Eine Auszeichnung für einen gelungen Film ist das allerdings nicht. Gelungen wäre er dann, ließe sich die Dauer dessen nicht so greifbar spüren. Oder wäre die Dauer dessen sind so exorbitant verzerrt.

Andreij Rubljow von Andeij Tarkowski ist auch so ein Epos. Auch nicht deutlich überlang, aber gefühlt ewig. Oder die Verfilmung von Thomas Manns Buddenbrooks mit Armin Müller Stahl. Ein Schmöker fürwahr, filmtechnisch aber auch relativ eingestrichen, um ihn überhaupt schaubar zu machen. Längen von knapp 3 Stunden übersteigen diese Filme alle nicht. Das sollte man doch aushalten können. Ja, man hält es aus. Man hält auch den Distelfink aus. Doch dieses über Jahrzehnte gesponnene, enorm vielschichtige Drama um Trauma, Schmerz und Erinnerung lässt sich nur schwer in ein Spielfilmformat pressen, muss Abstriche machen, genau dort, wo man eigentlich mehr wissen will, und quält sich in spürbarer Überforderung durch ein vakuumverpacktes Drehbuch, das glaubt, all die relevanten Eckpunkte der Geschichte entdeckt und erörtert zu haben. Nun, ich würde meinen: Mitnichten. Der Roman rund um das kleine Vogelbildnis von Carel Fabritius, sage und schreibe über 1000 Seiten lang, hat angesichts des Plots wirklich eine Menge zu erzählen. Und es ist kein stringentes Werk – es wechselt zwischen den Zeiten, ist Coming of Age-Geschichte und Kunstkrimi, Trauerspiel und Bewältugungsdrama. Nichts, was sich über einen einfachen Nenner brechen lässt. Da steckt viel drin, und eine Etappe im Leben von Theodore Dexter ist so relevant wie die andere, sind einfach nicht wegzulassen, um den Erzählfluss zu erhalten.

Es gibt literarische Wälzer, die lassen sich tatsächlich gut kürzen. Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil zu Beispiel. Da kenne ich zwar keinen Film davon, allerdings aber ein Theaterstück, und das war, auf 2 Stunden Spielzeit runtergekürzt, die geschmeidige Essenz von tausenden von Seiten Lesestoff. Die Strudelhofstiege von Heimito von Doderer, aktuell in der Josefstadt in Wien, quält sich wiederum sichtlich durch den Theaterabend, während Die letzten Tage der Menschheit, bis zum Gehtnichtmehr komprimiert auf 5 Stunden interaktives Kulturerlebnis samt Dinner sein will. Der Distelfink hat da auch ganz schön zu tun, nicht aus dem Ruder zu laufen. Dieser Film ist harte Arbeit, weitaus mehr für die Macher als für das Publikum. Immerhin – besetzt ist das ganze Werk meines Erachtens wirklich gut. Ansel Elgort als kunstsinniger Geschäftsmann im Stile von Patricia Highsmiths Mr. Ripley schlägt elegant die Brücke zwischen verlorener Kindheit und der Sehnsucht eines Erwachsenen nach einer alternativen Vergangenheit. Stranger Things-Star Finn Wolfhardt, für mich eine lohnenswerte Neuentdeckung, brilliert als halbwüchsiger Leidensgenosse des jungen Theo und Sarah Paulson als schrille Stiefmutter bleibt ebenfalls in Erinnerung. Was hält all den Cast jetzt zusammen? Ein ordentlich dichter Stoff, der sich nicht ganz aufrollen lässt, der vor allem in der letzten halben Stunde den Drang verspürt, in fahriger Hektik den Brocken Pulitzer-Literatur zu Ende zu bringen. Das Element des Kunstkrimis hinkt dem der tragischen Jugend deutlich hinterher, fühlt sich an wie ein schlecht verklebtes Stückwerk. Aus einem Guss ist Der Distelfink jedenfalls nicht, seine Regie allerdings tüchtig beim Bestreben, der Vorlage gerecht zu werden. Ob die gute Absicht einen Film bereits entsprechend auszeichnet? Das man nicht schlecht von ihm denkt – vielleicht. Mit Brooklyn hatte Crowley einfach mehr Spielraum zwischen den Zeilen, während im Distelfink zwischen den Zeilen nochmals Zeilen sind, die auch noch irgendwie rein müssen. Und wenn sie gestrichen werden, bleiben Lücken. Das ist die Krux, wenn das Kino sich an Literatur, die einfach als Literatur gelesen werden will, zu schaffen macht. Da bleibt am Ende zwar engagierte, aber kurzatmige Liebhaberei, die immer auf der Suche ist nach dem Ende des Buches.

Der Distelfink

Sauerkrautkoma

LUSTIG HAMMAS

5/10

 

sauerkrautkoma© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ED HERZOG

CAST: SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SCHWARZ, LISA MARIE POTTHOFF, ENZI FUCHS, GEDEON BURKHARD, NORA WALDSTÄTTEN, EISI GULP U. A.

 

Kann sich jemand von Euch noch an Gus Backus erinnern? Der Februar diesen Jahres verstorbene US-amerikanische Sänger mit dem Hang zu deutschsprachigen Schlagern wird wohl in manchen seiner Ohrwürmer aus den 60ern bis auf unabsehbare Zeit weiterleben, ganz besonders in seiner Knüllernummer Sauerkraut-Polka. Diesen schrägen Song, der die Liebe zu diesem schwerverdaulichen, aber gesunden Gemüse beschreibt, hätten die Macher von Rita Falks aktueller Buchverfilmung ruhig integrieren können. Die Sauerkraut-Polka – die hätte fugenlos und formschön in diese schräge Nummernrevue gepasst, die aber leider nicht mehr sein will und kann als eine Nummernrevue. Im Schlepptau: eine geigelnder Torso von Kriminalfall, der im Kreisverkehr sich selbst auffährt und eigentlich überhaupt nicht sein müsste, denn der Kieberer Eberhofer, der an lustloser Phlegmatik kaum zu übertreffen ist, macht lieber ganz andere Dinge als der Handlung zu folgen. Rita Falk hat diesen bauernschlauen Hans im Glück in ihren lokalkolorierten Bayernkrimis mit Hingabe skizziert – auch all die anderen schrägen Figuren, die sich im Kaff Niederkaltenkirchen das Bier in die Hand geben. Die Oma, die ist ob ihrer kulinarischen Raffinesse sowieso das Maß aller Dinge, und letztendlich heißt es: rein in die gute Stube, wenn alle im Herrgottswinkel Grießnockerlsuppe schlürfen oder unwiderstehlich duftenden Braten mit Knödel und sämigem Safterl genießen. Ohne Hungergefühl kann man Rita Falks Bücher kaum weglegen, und ohne ein Schmunzeln auch nicht. Das funktioniert im Kino – wie bei all den anderen mehr schlecht als recht bebilderten Filmversuchen ebenso – eigentlich weniger gut. Warum? Weil Regisseur Ed Herzog höchstwahrscheinlich schenkelklopfenderweise am Set sitzt und sich über die situationskomischen Witze aus der Feder von Drehbuchautor Stefan Betz köstlich amüsiert. Lachen ist natürlich gesund – wenn aber dabei der rote Faden abhanden kommt, bleiben nur einzelne Sketches über, die wie schon zuletzt die subversiven Schlagerparodien eines Christian Steiffen verbraten und die Visagen einem Karikaturmuseum gleich fast unappetitlich genau ins Bild rücken. Das alles gehört zum Stil aller Rita Falk-Verfilmungen, ist aber in der fünften Aufwärmphase nur mehr redundant und ungefähr so schmackhaft wie wiederholt aufgewärmtes Kartoffelpüree.

Was in den Büchern mit den wiederkehrenden Verhaltensautomatismen das vertraute Gefühl eines schrulligen Alltags erzeugt, geht in den Filmen in grobmotorisch komödiantischer Überforderung unter. Es ist wie Kinderbändigen am Faschingsdienstag – alle wollen überall zugleich sein und sowieso alles machen, alles essen und alles trinken, was zur Hebung der eigenen Laune angeboten wird. Da noch zu den jungen Gästen vernünftig durchzudringen ist so gut wie unmöglich. Ebenso in seiner eigenen Blase wie all die andere Sprösslinge: Sebastian Bezzel, welcher der Wurstigkeit des Eberhofer allzu viel Nachdruck verleiht. Seine Figur ist unkaputtbar und mimisch auf die Grundeinstellungen heruntergefahren, wie Comic-Schlappohr Droopy, allerdings auch enorm selbstbezogen und eigentlich nicht sonderlich sympathisch. Da gibt Simon Schwarz als enorm amikaler Privatdetektiv den genussfreudigen Konterpart, und hat auch mit titelgebendem Bewusstseinszustand am meisten von allen zu schaffen. Das natürlich schon recht erheiternd, und wir klopfen uns so wie Regisseur Herzog ebenfalls das eine oder andere Mal wirklich auf die Schenkel, aber ein Krimi ist Sauerkrautkoma, obwohl er besser ist als seine Vorgänger, keiner. Vielmehr ein lustwandelnder Provinzschlager, der nicht merkt, dass er die Hosen verliert, weil er sich so wahnsinnig leicht ablenken lässt.

Sauerkrautkoma