Widows – Tödliche Witwen

VIER FRAUEN UND EIN TODESFALL

5,5/10

 

widows© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVE MCQUEEN

CAST: VIOLA DAVIS, ELIZABETH DEBICKI, MICHELLE RODRIGUEZ, COLIN FARRELL, CYNTHIA ERIVO, LIAM NEESON, DANIEL KALUUYA, ROBERT DUVALL U. A.

 

Fünf Jahre ist es schon her, seit der Brite Steve McQueen mit seiner Leidensgeschichte 12 Years a Slave das Kinopopcorn im Halse stecken hat lassen. Eine Schaffenspause, schön und gut, nach so viel emotionaler Schwere durchaus legitim. Sein neuester Streifen ist zwar um einiges leichter, aber immer noch ein finsterer Brocken an Film, der sich sicherlich nicht auf die leichte Schulter nehmen lässt. Im Kern ist Widows – mit dem banalen deutschen Zusatz Tödliche Witwen – ein Heist-Thriller aus dem urbanen Randbezirk, voller windschiefer Politiker, Korruption und vertuschten Morden. Das gabs im amerikanischen Thriller-Genre natürlich schon des Öfteren, wie zum Beispiel The Drop, ein nicht weniger finsterer Krimi des Belgiers Michaël R. Roskam, mit James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen. Auch Ben Affleck´s The Town fügt sich bequem ein in dieses Subgenre sozialkritischen Räuberpiostolen in diffuser moralischer Grauzone. Widows ist dann doch etwas anders, da sich der Film im Zuge der aktuellen weiblichen Casting- und Umbesetzungswelle männlich dominierter Franchises als reine Damen-Rochade behauptet. Ein feministischer Film Noir also, der das Schicksal von drei völlig unterschiedlichen Frauen herausfordert, die allesamt mehr oder weniger vor dem Nichts stehen, nachdem die überhebliche Dominanz ihrer risikofreudigen männlichen Partner zu nichts anderem geführt hat als zu den Kosten für eine Beerdigung, die garantiert nicht zur Seite gelegt wurden. Stattdessen rückt der sinistre schwarze Bezirkspolitiker Manning der trauernden Viola Davis auf die Pelle, um 2 Millionen Dollar zurückzufordern, die ihr verstorbener Gatte den politisch motivierten Gangstern abgeluchst zu haben scheint.

Es wären keine tödlichen Witwen, würden sich diese auch nur irgendwie einschüchtern lassen. Natürlich, mit der Angst bekommen Sie es sehr wohl zu tun. Doch mit diesen Wassern, mit denen gewiefte Frauen eben gewaschen sind, lässt sich die Sauerei an Männerwirtschaft, die da hinterlassen wurde, zumindest mal in der Theorie ganz gut wegschaffen. Mit einem 5 Millionen-Doller-Bonus, der da winkt, dank eines schlauen Notizbuches von Ganove Liam Neeson, der einmal mehr mit seinem knorrig-impulsiven Gastauftritt womöglich dank eines klugen Rollen-Managements jenseits seiner Action-Stereotypie zeigt, was er sonst noch kann. Allerdings nur in wenigen Szenen, doch diese sind wichtig, um dem Plot seine Twists machen zu lassen, die auch nicht von ungefähr kommen, da Starautorin Gillian Flynn (Gone Girl, The Girl on the Train) gemeinsam mit McQueen das Drehbuch verfasst hat. Was einige von euch womöglich nicht wissen: Widows beruht auf einer britischen TV-Serie, und die wiederum auf einer Romanvorlage von Lynda La Plante. Zum zweistündigen Kriminaldrama zusammenkomprimiert, ist Widows auf jeden Fall illustres Schauspielkino, das kernige Cameos wie die eines Robert Duvall durch den Sumpf des Verbrechens waten lässt. Die resolute Viola Davis ist wie meist von einer tief verwurztelten, spaßbefreiten Tragik erfasst, und Elizabeth Debicki als blond-blasser, verletzlicher Engel entgleitet wohl am Deutlichsten die Balance des Lebens. Als diabolisches Schreckgespenst des Kleinstadt-Terrors: Daniel Kaluuya, bekannt geworden aus Get Out.

Dennoch – auch wenn all diese strauchelnden und bedrohlichen Gestalten recht glaubwürdig agieren – bis auf wenige Momente weiß Widows nicht wirklich zu berühren. Die kalte, herbstgraue Ödnis der Chicagoer Peripherie ist die richtige Kulisse für kalte, herbstgraue Egozentriker, die nur sich selbst als Nächsten wähnen, auch wenn der Reverend der örtlichen Gemeinde das solidarische Soll mit Inbrunst predigt. Geliebt wird hier eigentlich niemand, maximal der Schoßhund von Viola Davis – die Idee, das Glück eines anderen zu schmieden, findet in einer Welt des Übervorteilens und Unterdrückens kein Gehör. Das macht all die Damen und Herren hier nicht wirklich sympathisch, und wieso soll ich als Zuseher Mitgefühl mit jenen haben, die, sozial isoliert, ausschließlich eigennützig agieren. Gut, es sei den vier Frauen der Erfolg ihres Unterfangens schon vergönnt, das demonstrativ emanzipierte Schnippchen natürlich sehr gerne geschlagen. Der unnahbare Stil des Filmes aber, die eigenwillige, zugegeben durchaus interessante Methode, gesprochene Dialoge zeit- und ortsversetzt zu platzieren, Gesprächspartner gar nicht mal zu zeigen und Sequenzen in relativ groben Cuts miteinander zu verflechten – das alles trägt nicht wirklich dazu bei, Berührungspunkte mit dem Publikum zu schaffen. Das macht Widows zu einem affektiert kaltschnäuzigen Thrillerdrama, das relativ ignorant sein Ding durchzieht. Ob dieses dann gelingt, ist bei solchen Leuten wie im Film für mich fast schon irrelevant.

Widows – Tödliche Witwen

Mile 22

DER FEIND MEINES FEINDES

4/10

 

mile22© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER BERG

CAST: MARK WAHLBERG, IKO UWAIS, LAUREN COHAN, RONDA ROUSEY, JOHN MALKOVICH U. A.

 

Der Feind meines Feindes – der ist doch bekanntlich mein Freund, oder nicht? Muss nicht sein, schon gar nicht wenn keiner dem anderen trauen kann. Aber was tun, wenn dieser Freundesfeind alles hat was du brauchst. Nämlich den Zugangscode für eine Festplatte, die brisante Details über illegal gelagertes Cäsium bewahrt und diese Info so lange nicht rausrücken will, bis besagter Überläufer in wohligem Gewahrsam der USA weilt. Das Problem bei der Sache – wir befinden uns in Mile 22 in einem Konsulat inmitten einer fiktiven südostasiatischen Stadt namens Indocarr – bitte keine Vergleiche mit realen Ballungsräumen ziehen, wobei sich Jakarta oder Kuala Lumpur als Vorbilder geradezu aufdrängen. Dieses Indocarr ist politisch betrachtet ziemlich korrupt und hinterfotzig, und diese Hinterfotzigkeit ruft natürlich paramilitärische Gruppen auf den Plan, wie jene, die von Choleriker Mark Wahlberg angeführt wird. Der Lieblingsschauspieler von Peter Berg, welcher hier auch wieder Regie führt, kennt sich ja schon seit The Departed mit Ungustln aus, und auch die Rolle des soziophoben Querkopfs, der auf dem Papier zu den „Guten“ gehört, fällt ihm sichtlich leicht. Der, mit dem er es aber zu tun bekommt, entlockt zumindest bei hartgesottenen Fans des asiatischen Actionkinos ein Jauchzen des Wiedererkennens: Bereits schon legendär als Polizist Rama in den beiden blutigen Actionslashern The Raid und The Raid 2, darf Choreograph Iko Uwais zumindest mal anfangs so tun, als brauche er ganz dringend politisches Asyl. Auf ihn aber haben es alle Bluthunde der Welt scheinbar abgesehen, darunter auch die Russen. Außer Landes bekommt man den ausgebildeten Selbstverteidiger aber nur mit dem Flieger – und dieser liegt besagte 22 Meilen vom Konsulat entfernt.

Der Survival-Trip durch den Großstadtsdschungel ist also Kernstück dieses filmischen Kugelhagels, in dem Menschen sterben wie die Fliegen. Dabei scheint es aber aus meiner Sicht mit der Grundidee für Action wie diese gehörig zu hapern. Wir haben die Botschaft der Vereinigten Staaten auf der einen Seite, und den Flugplatz mit einem Flugzeug, das maximal zehn Minuten auf dem Boden bleiben kann, auf der anderen – das Zeitfenster ist also eng. Dass es wirklich keine andere Möglichkeit gibt als nur mit dem Auto von A nach B zu kommen, kann mir keiner weismachen. Dieses wie so oft betonte Sonderkommando, dessen Profis angeblich wie Geister fungieren, lässt das Parapsychologische aber ziemlich außen vor. Bei so viel Getöse, mit dem diese Superkämpfer, mehr Pfuscher als Professionisten, hier aufmarschieren, weiß die ganze Hemisphäre, dass hier heisse Fracht unterwegs ist. Ein Helikopter wäre ein Stichwort, dass man ins Brainstorming hätte werfen können. Innerhalb von wenigen Minuten wäre der Most Wanted Man in Sicherheit. Taktisch klug wäre auch die Alternative, falsche Fährten zu legen. Und warum wartet Oberboss Malkovich (ähnlich blass, nichtssagend und verheizt wie Gary Oldman in Hunter Killer) ewig auf die Freigabe für den Einsatz der Drohne, die das ganze Unterfangen wie Big Brother aus der Luft beobachtet und jederzeit eingreifen könnte? Der Plot stimmt also hinten und vorne nicht. Möglich aber, sich damit anzufreunden – aber auch dann bleibt ausser viel Getöse nicht viel übrig.

Gut vorstellbar, dass sich Peter Berg mit Raid-Macher Gareth Evans auf einen Kaffee getroffen hat. Der hat ihm dann Iko Uwais empfohlen, damit dieser einen Film produzieren kann, der ungefähr so aussieht wie seine eigene martialische Hochhaus-Invasion aus dem Jahr 2011. Und das tut Mile 22 dann auch. Nämlich ganz so danach auszusehen. Mit der Eleganz eines Ego-Shooters massakriert sich das kugelsichere Häufchen Elend durch eine niemals enden wollende Horde fieser Handlanger, die endlos Munition verballern. Mit dabei eine fahrige Kamera, die von der durchdachten Choreographie des Tötens nicht viel mehr übrig lässt als hektisches Bildwedeln. Dazwischen ein Mark Wahlberg im Verhör, der sich unendlich weise vorkommt, eigentlich aber nur Phasen drischt, die von arrogantem Alpha-Gehabe dominiert wird. Mile 22 ist mehr eine Trittbrett-Hommage an das moderne Asia-Action-Kino als eigenständiges Spannungsvehikel. Was Peter Berg mit Boston so souverän getimt hat, verliert sich hier in zeitvergeudender Hudelei. Selber schuld, wenn all die starken Krieger und Kriegerinnen letztendlich zu spät kommen.

Mile 22

Mission: Impossible – Fallout

EIN TOM FÜR ALLE FÄLLE

7/10

 

null© 2018 Paramount

 

LAND: USA 2018

REGIE: CHRISTOPHER MCQUARRIE

CAST: TOM CRUISE, SIMON PEGG, VING RHAMES, REBECCA FERGUSON, HENRY CAVILL, VANESSA KIRBY, ANGELA BASSETT, ALEC BALDWIN U. A.

 

Wenn die Welt Gefahr läuft, vernichtet zu werden, war früher einmal keiner der Regierenden zweimal überlegt, das rote Telefon anzuwählen und James Bond anzurufen. Neuerdings wäre es nicht verwunderlich, wenn der nervös zitternde Finger kurz mal über den Tasten des Fernsprechgeräts innehält, um nicht vielleicht doch im Register des Telefonbuchs weiterzugehen und 007 dort zu belassen, wo er gerade ist. Besser wäre es vielleicht, die Nummer von Ethan Hunt anzuwählen – dieser Mann nämlich scheint noch unermüdlicher zu sein als der legendäre britische Gentleman-Agent, darüber hinaus noch zeitgeistiger, mehr risikogefährdet und irgendwie gewinnbringend verbissener. Hunt, gemeinsam mit seinen beiden Sidekicks Luther und Benji (in herrlich entspannter, serientauglicher Selbstironie: Simon Pegg und Ving Rhames), ist sozusagen das Bermudadreieck für alle Weltenvernichter, Terroristen und psychopathische Besserwisser, die  nach dem Homöopathie-Prinzip „Bevor es besser wird, soll es noch mal so richtig schlimmer werden“ vorgehen wollen. Eine Herangehensweise, die der Superagent mit der schier unerschöpflichen Energie wie ein Duracell-Hase nicht ganz so sehr zu schätzen weiß – und den finsteren Gesellen, die gerne mit Atombomben jonglieren, ein A für ein U vormacht. Und wenn das nicht klappt, einfach drauflos rennt, boxt, feuert und fahrbare Untersätze bis an die Grenze der Belastbarkeit malträtiert.

Jede Episode – mittlerweile sind wir bei Nummer 6 – hat so seine Schauplätze. Meist Städte, die fremdenverkehrstauglich und stets das kulturelle Erbe wertschätzend in Tages- und Nachtlicht gerückt werden. In den Gassen und allseits bekannten Gebäuden dann Action der guten alten Schule, hemdsärmelig und angestrengt. Theoretisch ist uns Zusehern natürlich klar, wie das Gerangel ausgehen wird, doch das Kino der Franchise-Agenten wäre nicht das Kino der Franchise-Agenten, laden nicht all die handwerklich perfekt inszenierten Event-Kapitel zum Mitfiebern ein. Nicht zuletzt ein großes Verdienst von Mr. Cruise höchstpersönlich, welchem sein gewieftes, scheinbar niemals alterndes Alter Ego ein echtes Anliegen zu sein scheint. Klar, die Mission: Impossible-Reihe ist mittlerweile Cruises Brotjob geworden, damit verdient er die meiste Kohle, und da hinein buttert er auch säckeweise eigenes Geld im Rahmen seiner Produktionsfirma. Einige Faktoren also, die den energischen Zappelphilipp und scheinbaren Jungspund die Sache nicht ganz egal sein lassen.

Mission: Impossible – Fallout ist ein dankbarer Knochenjob mit nur wenigen Überraschungen – und das ist gut so. Bei Mission: Impossible – Fallout ist der rote Teppich der Erwartungshaltung bereits gelegt, und wird weder untergraben noch gestört. Der episodenverwöhnte Zuschauer bekommt, was er erwartet, und unterhält sich zweieinhalb Stunden geradezu prächtig, während der Stakkato-Zickzackkurs der Handlung zwischen lässigem Understatement-Management der Gefahrenlage und verzweifelten Hetzjagden hin und herpendelt. Handwerklich staubfrei geschnitztes Agentenkino, das in gewohnt straffer Dramaturgie von einer ausweglosen Situation zur nächsten sprintet. Hinterfragen darf man den Plot aber lieber nicht, die Notwendigkeit des engmaschigen Konzepts von Tarnen und Täuschen, um zum Ziel der Geschichte zu gelangen, ziehe ich mal vorsichtig in Zweifel, um nicht das ganze Kartenkonstrukt an bemühter Verstrickung zum Einsturz zu bringen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Womöglich unterlag Mission: Impossible – Fallout der gleichen mathematischen Formel wie Brian de Palma´s Erstling: Wie lassen wir es krachen, wohin sollen wir reisen, und wie bauen wie die Geschichte drumherum? Die Stunts, die waren sicher als erste da – und Tom Cruise als Selfmade-Gefahrenjunkie ganz vorne mit dabei. Dabei freut er sich wie ein kleiner Junge, der Räuber und Gendarm spielen darf, nach- und wegläuft, aus Flugzeugen fällt und keine Ahnung vom Fliegen eines Hubschraubers hat, was ihn letzten Endes bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Dem smarten Scientologen (geht das überhaupt?) dabei zuzusehen, wie er sich abstrampelt, hat etwas Mitreißendes. Immer noch hat er’s drauf, und die lausbübische kindliche Gerechtigkeit in uns will so gerne mit dabei sein, wenn Unmögliches möglich wird – so vibriert und blinkt der Notfallbutton für alters- und zynisch befreites spannendes Eventkino, dass sich glücklicherweise nicht schon nach 5 Sekunden selbst zerstört, sondern zweieinhalb Stunden erstklassig routiniertes Retro-Hunting liefert, eingebettet in den ohrenbetörenden Klängen Lalo Schifrins, die Tom Cruise´s Steckenpferd zu einem wohltrainierten Wildpferd striegeln.

Mission: Impossible – Fallout

Train to Busan

WEGEN ERKRANKUNG EINES FAHRGASTES …

7,5/10

 

train_to_busan© 2016 Splendid

 

LAND: SÜDKOREA 2016

REGIE: YEON SANG-HO 

MIT GONG YOO, KIM SOO-AN, YUMI JUNG U. A.

 

Wenn Chris Lohner, die Stimme der Österreichischen Bundesbahnen, nur mehr schwer zu verstehen ist, die Schnellbahn an geplanten Stationen nicht mehr hält und Fahrgäste wie vom wilden Affen gebissen gezielt in eine Richtung strömen, dann hat das weniger etwas mit defekten Türen zu tun, sondern vielmehr mit einer Zombie-Epidemie. Meist erklingt dann noch die Meldung, dass den unregelmäßigen Zugsfolgen die Erkrankung eines Fahrgastes zugrunde liegt. Das ist natürlich ein ausschweifender Euphemismus. Was heißt ein Fahrgast – viele! Außerdem: Seuchen wie diese hier im koreanischen Katastrophenhorror breiten sich rasend schnell aus. Da braucht ein Besessener nur mit dem langen Fingernagel zu kratzen – schon verfällt der nächste Mensch dem Wahnsinn. Wobei so ein Szenario im Kino ausgetretenen Pfaden folgt. Zombie-Filme wiederholen sich. Längst sind es keine Friedhofsflüchtlinge mehr, sondern anlässlich biochemischer Experimentierfreudigkeit in den hochfinanzierten Laboren dieser Welt darf der tumbe Untote nun als Opfer nachhaltiger Fehlzündungen fungieren. Die Symptome sind meist dieselben – milchige Augen, dunkle Adern, unstillbare Gier nicht mal nach Blut, sondern viel mehr danach, den Nächstbesten zu beißen. Das zeugt von einem intelligenten, aggressiven Biostoff, der den Menschen als Wirt benutzt, um sich auszubreiten.

Auch nichts Neues, das habe ich unlängst ebenso in dem Netflix-Zombiedrama Cargo gesehen. Da streunt Martin Freeman mit Tochter im Schlepptau durch den Busch. Der Südkoreaner Yeon Sang-ho setzt seine Protagonisten ebenfalls in Bewegung, allerdings setzt er sie in einen Zug von Seoul nach Busan. Kurz vor der Abfahrt aus der Hauptstadt torkelt ein infiziertes Mädchen in eine der Waggons – und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Ein Zombie-Szenario in die Enge eines Zuges zu verfrachten – das hat was. Und Sang-ho nimmt sich der Neuordnung des Szenarios in blutdrucksteigerndem Timing dankbar an. Dabei erinnert Train to Busan an Marc Forster´s Film-Pandemie World War Z und könnte sogar zur selben Zeit im selben Universum spielen. Da ich die Vorlage zum Film mit Brad Pitt nicht kenne, kann ich getrost sagen, dass mir die verfilmte Chronik der Apokalypse ziemlich gut gefallen hat. Vor allem deswegen, weil World War Z genauso wie Train to Busan sich nur mehr bedingt auf den plakativen Effekt blutverschmierten Zähnefletschens verlässt. Vielmehr ist der koreanische Film großes, emotionales Kino, gleichzeitig natürlich auch ein Nägelbeißer von einem Thriller, weil sich Papa Seok-woo und Tochter Su-an immer wieder in scheinbar ausweglosen Situationen wiederfinden, gemeinsam mit anderen überlebenswilligen Individuen, die sich notgedrungen zusammenraufen müssen und von einer Sekunde auf die andere neu improvisieren müssen.

Das liebe ich am Kino Südkoreas – das es andere Sichtweisen auf altbekannte Genres zulässt, dass es Stile mixt und sich keinen vorgefertigten Dogmen unterwirft. Train to Busan ist sowohl fesselnd als auch unglaublich traurig. Die Melancholie des Abschieds, die Erkenntnis, gebissen und verdammt worden zu sein, die instinktgesteuerte Leere der verlorenen Kreaturen – all diese Wehmut vor dem Untergang entfesselt ein berührendes, spannendes Drama weit jenseits des nackten Horrors. Als würde der Zug, dem man verzweifelt hinterherläuft, auf ewig der letzte sein.

Train to Busan

The Commuter

MORD IM PENDLER-EXPRESS

6,5/10

 

commuter© 2018 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2017

REGIE: JAUME COLLET-SERRA

MIT LIAM NEESON, VERA FARMIGA, SAM NEILL, PATRICK WILSON U. A.

 

Das französische Medienunternehmen StudioCanal hätte gut daran getan, den Titel seiner neuesten Produktion The Commuter vom spanischen Thriller-Spezialisten Jaume Collet-Serra ins Deutsche zu übersetzen. Da die internationale Bezeichnung aufgrund mangelnden täglichen Wortgebrauchs von seiner Bedeutung her nicht jedem geläufig ist, wäre eine sprachregionale Übersetzung durchaus wünschenswert gewesen. Dann würde der Thriller Der Pendler heißen – ist jetzt nicht so der Brüller, aber das ist The Commuter aufgrund seiner beschränkten Wortbekanntheit auch nicht. Aber so spricht einer, der zumindest englischsprachige Filme lieber nicht im Original sehen möchte. Und auch nicht unbedingt als sprachaffin zu bezeichnen ist. Aber dazu stehe ich. 

Der Pendler jedenfalls ist in diesem mysteriösen Spannungsszenario ein relativ abgemagerter Liam Neeson in Anzug und Krawatte, der tagaus tagein mit dem Vororte-Express zur Arbeit fährt – also mit der Schnellbahn quasi. So würde man in Wien dazu sagen. The Commuter wäre ein Film für und gesponsert von der ÖBB – und für alle, die selbst ihren Arbeitstag planmäßigen Intervallen unterwerfen. Für das richtige Feeling quälender Stoßzeiten zeugen schon die ersten Minuten des Filmes. Ein Gedränge, dass es ärger nicht geht. Menschen, jeden Tag neue Gesichter. Ein paar bekannte darunter laden zum erzwungenen Smalltalk ein. Oder zum Ausweinen, sofern man die raren Plätze ergattert. Am Liebsten außen, und nahe bei den Türen. Alles erinnert an die Hustenwerbungen im Fernsehen – fehlt nur noch das Kind mit dem Zauberstab. Also alles in allem keine erstrebenswerten Lebenssituationen. Doch notwendig ist es. Auch für den Versicherungsvertreter MacCauley, ehemaliger Polizist und nun wegrationalisierter Familienvater, der seinen Sohn auf die Mittelschule bringen muss. Nun fehlen das Geld und der Mut zur Ehrlichkeit, den Ist-Zustand seiner besseren Hälfte zu unterbreiten. Das Problem hatte schon Josef Hader in Wilde Maus, doch die seltsame Begebenheit, die nun folgt, blieb dem österreichischen Kaberettisten glücklicherweise verwehrt. Plötzlich sitzt die Fremde im Zug vis a vis und bietet dem vom Pech verfolgten Alltagsüberdrüssigen MacCaulkey einen Deal an. Und es ist Geld im Spiel. Geld, das jeder brauchen kann. Aber wenn so mir nichts dir nichts Geld angeboten wird, ist das schon mal mit Vorsicht zu genießen. MacCauley zögert, doch ehe er sich versieht, hat er den Job an der Backe. Es gilt, einen Passagier zu suchen, der eine Tasche trägt. In einem vollbesetzten Pendler-Zug. Wie soll das geht, ohne Anhaltspunkte? Das fragen wir uns auch – und die Tatsache macht die ganze Sache durchaus spannend. Zumindest anfangs. Da hat das Ganze einigen Suspense. Rätselraten hin und her. Immer wieder improvisiert der getriebene Altvater des Actionkinos aufs Neue. Und andauernd sind Passagiere im Weg, die das Erfüllen der Aufgabe in weite Ferne rücken – oder auf eine falsche Fährte locken. 

Es stimmt, ein ähnliches Szenario hatten wir schon bei Non-Stop, auch hier das Handwerk Collet-Serras. Und auch hier kam das Abenteuer über den Wolken spannend und gut durchdacht ins Rollen – um dann nur mehr stereotype Bausteine bewährten Spannungskinos auszuwählen. Das platte Problem zu umgehen, das gelingt The Commuter einigermaßen besser, oder sagen wir – zumindest über eine längere Dauer der Spielzeit hinweg. Ganz entkommen kann der Film dem Fluch des Schema-F letzten Endes dann auch nicht. Und es tritt ein, womit man ohnehin rechnet. Was aber erstaunlicherweise nicht ganz so enttäuscht wie erwartet. 

The Commuter bleibt einer von mehreren Liam Neeson-Thrillern, die durchaus kurzweilig in Szene gesetzt sind und mehr unterhalten als abgedroschen wirken. Vielleicht ist beim nächsten Film dieser Art das Verhältnis zu seinem Nachteil verschoben – um der Gefahr zu entgehen, sollten sich Collet-Serra und Liam Neeson ab nun was grundsätzlich Neues einfallen lassen.

The Commuter

Life

LEBEN UM JEDEN PREIS

6,5/10

 

Life© 2017 Sony Pictures / Quelle: amazingcinema.it

 

LAND: USA 2017

REGIE: DANIEL ESPINOZA

MIT JAKE GYLLENHAL, RYAN REYNOLDS, REBECCA FERGUSON U. A.

 

Habt ihr schon mal was von den sogenannten Bärtierchen gehört? Ja? Nein? Wie auch immer – Bärtierchen sind die wohl außergewöhnlichsten Lebensformen, die sich auf unserem Planeten tummeln. Sie sind weder Säuger, noch Insekten, noch Reptilien. Sie sind kaum sichtbar – maximal 1500 Mikrometer groß, sehen aus wie volle Staubsaugerbeutel mit acht krummen, bekrallten Beinchen – und sind unkaputtbar. Und damit meine ich unkaputtbar. Bärtierchen sind die einzige Lebensform, die sich tatsächlich an extremer Hitze und Kälte schadlos halten und im Vakuum des Weltraums überleben können. In Anbetracht dieses biologischen Ist-Zustands möglichen Lebens erscheint das Ding aus einer anderen Welt in Daniel Espinozas Science-Fiction-Thriller gar nicht mehr so weit hergeholt. Gut möglich, dass der Tierstamm der Bärtierchen oder Wasserbären überhaupt erst Life ermöglicht haben. Zumindest die Idee dahinter. Allerdings – ein wenige Mikrometer großer Moppel auf acht Beinen wird zwar wohl aufgrund seiner Eigenschaften bestaunt werden, nicht aber aufgrund seiner Bühnenpräsenz. Ein Wermutstropfen, den man mit künstlerischer Freiheit leicht wettmachen kann. Das Ergebnis ist ein Wesen mit den Bonusmerkmalen einer weiteren, sehr menschenunähnlichen Tierart: die des Kephalopoden oder Kopffüßers. Hochintelligente maritime Lebensformen, die im Grunde acht Nebengehirne besitzen und sowohl im seichtem Wasser als auch in unergründlichen Tiefen existieren. Die Rechnung lautet also: Bärtierchen und Oktopus = Calvin. Denn genau so nennen ihn die knapp 8 Milliarden Menschen, die in absehbarer Zukunft die Erde bevölkern – und Zeuge der Erweckung des ersten extraterrestrischen, mehrzelligen Lebens werden.

Doch manche Hunde sollte man schlafen lassen. Auch diesen aggressiven Organismus vom Mars, der, zuerst als Einzeller ziemlich harmlos, ziemlich schnell mutiert und als egoistische Gen-Ansammlung den Astronauten der Raumstation ISS das Leben schwermacht – und folglich nimmt. Denn fressen muss das Wesen schließlich auch, geht es doch ums Überleben. Aus dieser Sicht steht es dem Xenomorph aus Alien um nichts nach. Zwar weniger heimtückisch, und vielleicht auch weniger subversiv – aber im drängenden Bedarf nach Etablierung seiner Art um keinen Deut weniger gierig.

Der Rest von Life ist dann gewohntes Weltraumkino der nicht jugendfreien Art. Hat man Alien gesehen, hat man teilweise auch schon Life gesehen. Allerdings bietet Life mehr Szenen im Outer Space als Alien. Das wiederum erinnert frappant an Alfonso Cuaron´s Gravity. Beide Erfolgsfilme in einem dritten Film zu vereinen heißt nicht automatisch den doppelten Jackpot zu erlangen – vielmehr kopiert Life die Erfolgsrezepte der anderen Filme. Was ihn zwar nicht weniger unterhaltsam macht, aber spannungsärmer.

Doch halt! Bevor Espinoza´s Katastrophenszenario dramaturgisch gesehen in der Schublade 08/15 verschwindet, hat der Film noch ein As im Ärmel. Und bevor sich der nerdige Scifi-Horrorfan leicht enttäuscht aus den samtenen Kinositzen erhebt, darf noch einmal überrascht werden. Life schafft kurz vor Ende noch eine 180°-Wendung. Eine Taktik, die schon Christian Alvart´s Raumschiff-Klaustrophobie Pandorum zu einem denkwürdigen Vorsprung verholfen hat. So gesehen gefällt Life schon allein aufgrund der radikalen Charakteristika einer bioinvasorischen Lebensform als auch aufgrund eines konsequenten wie überraschenden Finales. Und weniger aufgrund blasser, schnell verheizter Schauspieler und einem abgedroschenen Handlungsbogen.

Life