Outlaw King

BLUT UND BODEN

7/10

 

OK_05200.CR2© 2018 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID MACKENZIE

CAST: CHRIS PINE, FLORENCE PUGH, AARON TAYLOR-JOHNSON, STEPHEN DILLANE U. A.

 

William Wallace hat gesiegt. Zumindest posthum, 690 Jahre nach seiner Hinrichtung. Und wiederauferstanden in der virtuellen Welt des Kinos, in der Gestalt eines jungen Mel Gibson, mit teils blau bemaltem Gesicht und zotteliger Mähne. Wütend, einnehmend und letzten Endes bestialisch ermordet. Aber dennoch: 5 Oscars für seine Geschichte, darunter Bester Film. Für die Schotten wäre die mediale Aufarbeitung seiner Taten sowieso nicht notwendig gewesen, sie verehren ihren Nationalhelden unaufgefordert bis heute. Was für uns vielleicht Prinz Eugen von Savoyen, ist für den hohen Inselnorden der Ritter aus Elderslie. Doch warum erzähle ich das? Ganz einfach – das Schicksal des William Wallace ist relativ eng verknüpft mit den Erlebnissen eines gewissen Robert Bruce oder the Bruce, Zeitgenosse der eingangs erwähnten historischen Gestalt und in den letzten zwei Dekaden seines Lebens König von Schottland. Natürlich nicht von heute auf morgen, da ist viel Blut sämtliche Flussläufe Kaledoniens hinabgeflossen, unzählige Gräueltaten vollbracht und Menschen verschleppt worden. Das Mittelalter, das brauche ich niemandem erzählen, war trotz aller wildromantischer Verklärungen in Sagen, Legenden und Fantasy eine fürchterlich brutale Epoche bar jeglicher Menschenrechte. Könige wie Eduard der I., der damals das britische Inselreich mit eherner Faust regierte und nach langem Kampf die Anführer des mühsam niedergerungenen Schottlands zu Kreuze kriechen ließ, waren Ungeheuer der Macht, die mit nichts ihre gottgleiche Gier gezügelt sehen wollten. Unter diesen gebeugten Häuptern war eben auch Robert Bruce, der nach der Einnahme Schottlands nun unter Englands Fuchtel genötigte Disziplin an den Tag legen musste. Ihm zur Zwangsheirat verpflichtet: Elizabeth de Burgh, die Tochter eines Vertrauten des englischen Königs. Schwer, jetzt nochmal aufzubegehren. Aber genauso schwer, das rücksichtslose Rekrutieren der Engländer auf Dauer zu dulden. Die Hinrichtung des Landsmannes Wallace – um hier nun die Brücke zu schlagen – auf dreierlei Grausamkeit, nämlich Hängen, Ausweiden und Vierteilen (die übliche Vorgangsweise bei Verrätern der Krone) und der anschließende Trophäenaushang direkt vor der Nase von Robert brachte das Fass dann allerdings zum Überlaufen.

Was folgt, ist eine entbehrungsreiche Hasenjagd quer übers Hochland und durch die spärlichen Wälder, die es damals noch gab. Ein Mobilisieren des Widerstands, ein Verraten, Verbrüdern und Opfern. Und mit jeder Menge Blut, das den Boden tränkt. David Mackenzie, der bereits schon für seinen Neo-Western Hell or High Water mit „Captain Kirk“ Chris Pine zusammengearbeitet hat, macht nun für das Patschenkinoportal Netflix seinen Star erneut zum Asozialen – diesmal aber mit Kettenhemd, Helm und Schwert, das in abendfüllender Vehemenz nicht zur Ruhe kommen wird. Wer mit dem Faustrecht des Stärkeren in Michael Hirst´s Vikings, bereits in der 5. Staffel angekommen, nach wie vor mitfiebert und auch während den grandios inszenierten Schlachten von Game of Thrones nicht die Hand vor Augen hält, wird in Outlaw King zielgruppengenau unterhalten werden. Mackenzie´s in schottischer Weite schwelgendes, prächtig ausgestattetes Epos aus dem frühen 14. Jahrhundert ist bei Weitem kein gefälliges mittelalterliches Treiben zwischen Minne und intriganten Machenschaften. Outlaw King ist ein Politthriller basierend auf historischen Fakten. Es geht um Rebellen, Unterdrückung und Selbstbestimmung. Das alles in geradezu nüchterner Betrachtung. Zurückhaltend, aber nicht emotionslos. Packend, aber weit entfernt von schwermütigem Kitsch. Pine ist als Robert Bruce ein stiller, fast schon stoischer Denker, ein Pragmatiker unter dem Herrn, der seine Wut zu zügeln weiß – und womöglich deshalb anführen kann. Gut möglich, dass dieser spätere Robert I. tatsächlich so war, ein Grund mehr, Outlaw King als gut recherchiert zu betrachten. So wie die explizite Gewalt, die teilweise über den Bildschirm wütet, sich bis auf einige drastischen Schockmomente aber der spannenden Geschichte zuliebe zügelt. Meist geht das Schlachten in seinen Details im Chaos waffenklirrender Handgemenge unter – ähnlich wie in Mel Gibson´s eingangs erwähntem Meisterwerk, und ähnlich brillant choreographiert.

Outlaw King ist martialisches Mittelalterkino, windumtost, schlammig und karg. Und eigentlich fast als Spinoff-Fortsetzung von Braveheart zu betrachten, da beide Filme chronologisch überlappen. In Anbetracht der Fülle historischer Aufarbeitung, was die Brexit-Insel betrifft, würde ich mir endlich mal ähnliches Eventkino aus dem Herzen Europas wünschen. Andreas Prohaska ist mit seinem Dreiteiler über Maximilian diesem meinem Verlangen schon einige geharnischte Schritte entgegengekommen – aber was ist mit König Ottokar? Oder Rudolf I.? Da gibt es noch jede Menge Stoff. Da muss man gar nicht auf fiktive Welten ausweichen. Für Liebhaber kinematographischer Zeitreisen, die gerne am Boden der Tatsachen bleiben und sich sowieso gerne jenseits von Kino und TV zwischen Burgmauern herumtreiben, führt eigentlich kein Weg an Mackenzie´s biographisch-politischer, aber keinesfalls verklärender Königsgenese vorbei.

Outlaw King

Aufbruch zum Mond

DIE NÄHE DES UNERREICHBAREN

9/10

 

aufbruchzummond© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAMIEN CHAZELLE

CAST: RYAN GOSLING, CLAIRE FOY, KYLE CHANDLER, CIARAN HINDS, JASON CLARK, COREY STOLL, PABLO SCHREIBER U. A.

 

Eigentlich hätte ich es mir denken können. Das junge Naturtalent Damien Chazelle hatte mich schon vor zwei Jahren mit dem Musikerdrama Whiplash so ziemlich mit der Peitsche erwischt, und das zu Recht vielprämierte Musical La La Land ließ mich, obwohl ich Singspiele nicht so sonderlich mag, doch noch an das Gute darin glauben. Die Erwartungshaltung also für Chazelle´s drittes Werk war ziemlich hoch – und diese mangelnde Unvoreingenommenheit im Voraus für etwas, das man nicht kennt, kann leicht zu einer Enttäuschung führen. Die kinematographische Erfahrung aber, die ich mit Aufbruch zum Mond machen konnte, war die eines Gewinners, der erst um Einiges später registriert, was eigentlich gerade passiert ist.

Die Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins haben wohl selbst einige Zeit verstreichen lassen müssen, um überhaupt zu begreifen, welchen Anfang sie da gemacht hatten und ob das alles nicht nur ein Traum gewesen war. Natürlich ist die Nachwirkung eines Filmes nicht mit einem epochalen Schritt wie diesem gleichzusetzen, für ein Leinwanderlebnis aber bleibt Aufbruch zum Mond bewegend genug. Vor allem nachhaltig bewegend. Und all jene, die tatsächlich glauben, die Mondlandung habe gar nicht stattgefunden und niemand geringerer als Stanley Kubrick hätte nach seinem Erfolg von 2001 diese Szenen im Studio nachgedreht, die müssen um Chazelle´s Annäherung an eine Sternstunde der Menschheit keinen großen Bogen machen. Aufbruch zum Mond ist nämlich nicht unbedingt das, was manch einer vielleicht erwarten würde. Das Werk ist auch nicht zwingend gleichzusetzen mit Ron Howard´s Chronik des gescheiterten Mondflugs, nämlich Apollo 13. Auch nicht mit Kaufman´s Der Stoff, aus dem die Helden sind. Beides relativ akkurate Geschichtsstunden und großes Kino, keine Frage. Aufbruch zum Mond aber sieht seine Mission ganz woanders und lässt sich nicht mit der Art vergleichen, die technisch-realistische Weltraumfilme generell anstreben. Dieser Film hat eine deutliche Metabene, auf welcher sich ein völlig differentes Drama abspielt. Nämlich das Drama des Verlustes.

DER TRABANT DES INNEREN FRIEDENS

Selten ist ein Film so grandios als Metapher zu verstehen. Wir sehen zu Beginn Neil Armstrong als einen liebenden Vater. Da gibt es diese kleine Tochter, Karen. Sie stirbt im Alter von zwei Jahren womöglich an Krebs. Näher geht Chazelle nicht auf das Krankheitsbild der kleinen Tochter ein, was aber kaum relevant ist. Nichts ist schwerer zu ertragen, als das eigene Kind zu begraben. Es nie mehr in den Händen zu halten, über dessen Haar zu streichen. Szenen, die im Film immer wiederkehren. Wortlos, grobkörnig, ganz nah, wie mit einer Super 8-Kamera entstanden. Der Tod des Kindes hat die Familie Armstrong natürlich grundlegend erschüttert, und insbesondere Neil, der eine ganz besondere Beziehung zu seiner Tochter gehabt zu haben scheint. Dieser Verlust, diese Erkenntnis des Unwiederbringlichen, die scheint Chazelle´s Figur des Neil Armstrong fortan nicht mehr freizugeben. Immer wieder erinnert Ryan Gosling an den oscarprämierten Casey Affleck in Manchester by the Sea, ebenfalls ein Film, der stark mit den Schicksalen hadert, und eine Bewältigung anstrebt, die nicht zu erreichen ist. Dieses Unerreichbare, diese Dimension des Todes, die unserer Existenz inhärent ist und doch unangreifbar fern – dafür steht unser Trabant, dieser Mond. Eine Art Trost, stets für uns sichtbar. Es ist der Wille zur Nähe des Unerreichbaren, die Gosling´s Armstrong hier antreibt. Um überhaupt das zu erreichen, wofür er erst berühmt werden wird. Doch er tut dies nicht für die Vereinigten Staaten, nicht für irgendein Vaterland, nicht für den Fortschritt. Er tut es ganz alleine für sich. Und da erscheint mir anfangs und sogar während es ganzen Filmes Armstrong als eine unnahbare Persönlichkeit, als ein introvertierter, verbissener Charakter, der die Weltraumkapsel als unsichtbaren Kokon um sich herum mitträgt. Der sich aus dieser erdrückenden Enge menschengemachter Technik nicht hervorzwängen kann. Das macht ihn einerseits sogar zu einem unsympathischen Egoisten, es irritiert und befremdet. Ryan Gosling, generell eher ein Stoiker unter den Schauspielern, bleibt auch hier distanziert, unfähig, der Liebe zu Frau und Kind nachzufühlen, sich gar zu verabschieden, wenn es darum geht, Held zu sein. Vielleicht kommt er niemals wieder. Letzten Endes aber tut er es. Und sein kleiner Schritt wird ein gewaltiger für die Menschheit sein, so nebenbei allerdings. Dieser Grenzgang zwischen Todesverachtung, Wagnis und den Blick hinter den Horizont gerät hier zu einer flirrenden Ballade von Einsamkeit und Sehnsucht nach einem inneren Frieden.

KOMPOSITION AUS DISTANZ UND NÄHE

Erst in zweiter Linie ist Aufbruch zum Mond die Geschichte eines Pioniers, die Erfolgsstory der NASA mit all ihren Meilensteinen zum Ziel. Niemals wieder war der Mensch so weit von der Erde weg. Damien Chazelle gelingen Szenen, die in ihrer hypnotischen Wucht an die Grenzerfahrungen eines Dave aus Kubrick´s 2001 – Odyssee im Weltraum erinnern, da muss unsereins erst gar nicht hinter den Jupiter blicken. Kenner aber wissen: die Szene des Andocktests im Erdorbit ist eine ganz besondere Reminiszenz. Auch liegt der Fokus der Kamera stets auf den traurigen, erwartenden Augen Goslings, der etwas erblickt, was niemand sonst zu sehen vermag. Der den Vorhang einen Spalt breit lüftet. Es ist dieser Blick, der uns wissen lässt, dass hier eine Grenze überschritten wird, das Auge als Sinnbild eines Suchers, der sich einer ewigen Wahrheit nähert. Aufbruch zum Mond erinnert auch an Christopher Nolan´s nicht weniger intensives Kinoerlebnis Interstellar, vor allem die Landung auf dem Erdtrabanten wird zur packenden Sternstunde. Diese Szene ist wie eine Symphonie, wie ein akkurat dirigiertes, majestätisch klingendes Musikstück. Dann, wenn sich der Film daheim in den vier Wänden Armstrongs wiederfindet, Bruchstücken verlorener Gedanken gleich, ist es die Poesie eines Terrence Malick, nur ohne bedeutungsschwerer Stimme aus dem Off. Gesagt wird nicht, was gesagt werden muss. Und wo die Stimme versagt, wird geschwiegen. Die Bilder sprechen für sich, und der Kniff von Kameramann Linus Sandgren ist dabei, für die Schauplätze seines Filmes unterschiedliche Kameras zu verwenden. Während die intimen Szenen des Familienlebens in der ruhelosen Optik eines Homevideos die Distanz zum Publikum verliert, bleiben die NASA-Szenen auf nüchternem Abstand. Chazelle und Sandgren verzichten weitestgehend auf den wirkungsvollen Zauber des Blickes auf schwebende Raumschiffe. Die Magie dieser Erfahrung, die ist anders stark und liegt darin, den Zuschauer mit auf die Reise zu nehmen, lässt ihn den Blickwinkel der Astronauten innehaben, lässt ihn, den phsikalischen Gesetze unterworfen, erzittern wie Armstrong und sein Team. Der Blick durchs Fenster erweitert den Horizont fast mehr als die weite Aussicht über den Orbit. Das ist Kamerakunst, wie sie selten zu sehen ist. Das ist Film, der die Perspektive ändern kann, und der es meisterhaft versteht, das zu tun. Der anders denkt, auf mehreren narrativen Ebenen gleichzeitig, dabei so unfassbar berührt und nicht immer gefällig ist. Der niemals mit Pathos kokettiert oder sentimental wird. Die Rührung ist hier eine andere, eine tiefere, eine elementarere.

Aufbruch zum Mond ist ein bewegendes Kunststück, das die Geschichte des Fortschritts mit psychologischem Drama verbindet. Chazelle´s dritter Geniestreich ist längst nicht nur ein Weltraumfilm, sondern viel mehr. Etwas, dass sich nicht sofort erschließt, dass Zeit braucht, sich zu entfalten. Angesichts des zur Neige gehenden Kinojahres 2018 traue ich mich zu behaupten, dass Chazelle’s Werk für mich wohl das beste Filmereignis des Jahres sein wird. Ein großer Schritt für den Regisseur, und ein noch größerer für´s Kino.

Aufbruch zum Mond

Vor uns das Meer

MÜNCHHAUSEN STREICHT DIE SEGEL

7,5/10

 

VOR UNS DAS MEER© 2018 STUDIOCANAL GmbH

 

ORIGINAL: THE MERCY

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JAMES MARSH

MIT COLIN FIRTH, RACHEL WEISZ, DAVID THEWLIS, KEN STOTT, MARK GATISS U. A.

 

Das Subgenre des nautischen Kinos hat bereits so einige sehenswerte Werke vorzuweisen, die noch dazu meist auf Fakten beruhen. Da brauchen die Masterminds am Drehbuch gar nicht mal wirklich viel brainstormen, die Geschichten der privat motivierten Abenteurer, Entdecker und Aussteiger müssen nur gut recherchiert werden, da findet sich einiges. Zum Beispiel – und vielleicht sogar noch im Kino zu sehen: die True Story eines jungen Paares, das nach einem Sturm so ziemlich verloren in den Weiten des Pazifiks herumschippert. Shaileene Woodley gibt da in Die Farbe des Horizonts eine überzeugend verzweifelte Performance ab. Noch nie allerdings hat das Kino eine Geschichte erzählt wie in Vor uns das Meer, inszeniert von James Marsh, der bereits mit Die Entdeckung der Unendlichkeit Eddie Redmayne alias Stephen Hawking zum Oscar verholfen hat. Das britische, konventionell erzählte Drama in stimmigem 60er-Jahre-Kolorit ist längst nicht nur ein Abenteuerfilm, und schon gar kein Survival-Drama. Der im Original als The Mercy betitelte, biographische Streifen ist so tragisch wie faszinierend, und wenn die Geschichte nicht wahr wäre, dann wäre sie eine brillant erfundene Ballade auf falschen Stolz, abstrakter Sehnsüchte, Ruhm und den Horror medialen Drucks.

Colin Firth, der wohl distinguierteste Gentleman im Promipool des britischen Kinos, spielt in diesem Abgesang auf den Seemann, der das Träumen lieber lassen hätte sollen, den Erfinder und Geschäftsmann Donald Crowhurst, dreifacher Vater und liebevoller Ehemann, der im Grunde ohnehin alles realisiert, was ihm durch den Kopf geht, und stets noch mehr will, vielleicht um sich selbst oder den anderen zu beweisen, was für ein sagenhafter Virtuose des Alltags er doch nicht ist. Aber was heißt Alltag – Crowhurst will den Absprung aus dem Hamsterrad wagen und bewirbt sich für eine Segelregatta rund um den Erdball, die noch nie Dagewesenes menschenmöglich machen soll: Nämlich die Umrundung der Welt ohne Landgang. Crowhurst ist die Teilnahme an der schon theoretisch schweißtreibenden Challenge nicht genug – er lässt auch sein eigenes Boot bauen. Und immer ist noch nicht genug. Der verträumte Idealist mit dem Geltungsdrang eines Superhelden lässt sich von der Presse hofieren und verpfändet für die Finanzierung seines Traumes sogar Haus und Hof. Kleine Notiz am Rande: Der unruhige Tausendsassa hat als Seemann und Nautiker nicht die geringste Erfahrung. Und so tritt er eine Lawine aus Sensationslust, Erwartungen und Versprechungen los, aus dem es bald kein Entrinnen mehr gibt. Sponsoren und Gläubiger steigen dem kurz vor Abfahrt kneifenden Crowhurst ordentlich auf den Schlips. Die geweckten Hunde, die den Schlitten ziehen sollen, beginnen plötzlich zu beißen. Erfolg oder Untergang, heißt das sofortige Dogma. Nur die Familie, die bangt auf der Seite des Biedermanns, der sich wie Ikarus gnadenlos selbst überschätzt und höher fliegt, als die legendären Wachsflügel es erlauben.

Was folgt, ist die bittere, selbstzerfleischende Chronik eines siegeswilligen Münchhausen, der letzten Endes der Wahrheit ins Auge sehen muss, sei es aus Stolz oder Feigheit. Die Quadratur des Äquators ist aber etwas, was sich nicht verbiegen lässt, und so verharrt der verblendete Anti-Abenteurer in einem Fegefeuer, in dem es kein Vor und kein Zurück mehr gibt. Colin Firth liefert nach seinem bravourös stotternden Auftritt als britischer Monarch mit dem gescheiterten, von allen Göttern verlassenen Lügenbaron seine bislang beste Performance ab – die Angst, Panik, Hoffnungslosigkeit und die Gier nach einem Rettungsanker, der sich als quälende Fata Morgana der Erfüllung darstellt, steht Firth jede Sekunde ins Gesicht geschrieben. Ebenso die Überforderung, der Irrsinn, die schlussendliche Leere wie Lehre. die der einsame Mann aus seinem Handeln ziehen muss. Eine Story wie von Ernest Hemingway, ein Gleichnis wie aus der griechischen Mythologie, ein Requiem auf das Prinzip Abenteuer. Wer wagt, gewinnt also auch nicht immer.

Vor uns das Meer