Nightborn (2026)

WENN MUTTER UND KIND EIN BÄUMCHEN PFLANZEN

6/10

 

Seidi Haarla und Rupert Grint in Nightborn von Hanna Bergholm© 2026 Polyfilm / Crossing Europe

 

ORIGINALTITEL: YÖN LAPSI

LAND / JAHR: FINNLAND, LITAUEN, FRANKREICH, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: HANNA BERGHOLM

DREHBUCH: ILJA RAUTSI, HANNA BERGHOLM

KAMERA: PIETARI PELTOLA

CAST: SEIDI HAARLA, RUPERT GRINT, PAMELA TOLA, PIRKKO SAISIO, REBECCA LACEY, JOHN THOMSON, SILVIA SALORANTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN



Väter haben keine Ahnung davon, wie es ist, Mutter zu sein. Umgekehrt wiederum haben Mütter keine Ahnung, wie es ist, Vater zu sein. Dessen Bindung zum Kind ist weniger körperlich, denn Väter tragen ihren Nachwuchs auch nicht 9 Monate in ihrem Leib herum. Väter müssen in dieser Zeit auch nicht ein zweites Leben miternähren, kein Kind aus sich herauspressen und dann auf schmerzhafte Weise erfahren, wie es ist, den eigenen Körper als Nahrungsquelle zur Verfügung zu stellen. An gesunden Schlaf können Väter schon viel früher denken, um untertags wieder arbeiten zu gehen – Papamonat hin oder her.

Kleinkindpädagogik aus dem Wald

Dieses Überschreiten natürlicher Grenzen und das Aufgeben der eigenen Bedürfnisse für ein neues Leben – das hat vor zwei Jahren schon Amy Adams in der mysteriösen Horrorkomödie Nightbitch demonstriert. Auch hier der Vater nur einer, der leicht reden kann und vorne bis hinten nicht versteht, was die Mutterrolle für Entbehrungen verlangt. Hanna Bergholm geht einen ähnlichen Weg, entfernt sich aber von urbanen Gefilden und siedelt ihre wuchernde Reinigung von gesellschaftlichem Regelwerk, obwohl in Litauen gedreht, zumindest storytechnisch im finnischen Forst an.

Wer dort leben will? Mitunter könnte man dort, wo Saga und Jon sich ansiedeln, auf die Dauer mieselsüchtig werden. Auch ist der Wald ringsum kein einladendes Stück Natur, eher ein Gesamtbewusstsein mit seltsamem Eigenleben und knorrigen Bäumen, die so aussehen, als steckten in ihnen Dämonen, die gerne befreit werden wollen. Das Kind, das Saga auf die Welt bringt, würde dorthin ganz gut passen, weist es doch körperliche Anomalien auf, die sich auch noch im Verhalten widerspiegeln.

Der konstruktive Schrecken

Jede Mutter sollte die Möglichkeit, haben, eine für sie eigene, ideale Art der Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, die sich für beide Seiten richtig anfühlt. Diese Botschaft ist Hanna Bergholm ein Anliegen – und sie weiß: leicht wird es nicht. Der Weg dorthin ist hart, sie schickt Schauspielerin Seidi Haarla (großartig in Abteil Nr. 6) auf einen bizarren Weg, auf dem es keine Umkehr gibt. Die Natur spielt hierbei eine große Rolle, weiters Vermächtnis, Bestimmung und das Eingestehen selbiger.

Was Bergholm dabei gerne macht, ist, den Prozess der Entwicklung als einen Horror darzustellen, vor dem man eigentlich nicht flüchten sollte; der einem letzten Endes nicht schadet, sondern den es anzunehmen gilt, so schauerlich er auch sein mag. Mit ihrem Vorgängerfilm Hatching hat sie ähnliches getan: Das seltsame Ei, dass die junge Tinja im Wald findet, birgt einen zwar bedrohlichen, aber wichtigen Bestandteil auf dem Weg zum Erwachsenwerden. In Nightborn wiederum ist die Annahme und Akzeptanz auch des Rätselhaften im wahrsten Sinne des Wortes ein Stolperpfad über Wurzeln und zwischen Bäume. Es modert und wuchert, der Appetit nach Fleisch und Blut untermauert die Phrase „Mein Fleisch und Blut“ nochmal neu.

Die Mythen gehen Väter nichts an

Rupert Grint als Vater Jon bleibt da der Fremdkörper, als hätte dieser Teil der Familie nichts zu sagen – weil Väter, so die Prämisse, nicht verstehen, worauf es ankommt. In dieser Phase der Bindung sieht Bergholm für diese Rolle etwas ganz anderes vor, eine ganz andere Opferbereitschaft – und vereinigt dies mit nordeuropäischer Mythologie, über deren versteckte Existenz sich schon Ali Abbasi in Border seine Gedanken gemacht hat.

Schon sehr früh wird klar, was es mit diesem Nachtgeborenen auf sich hat, welches Geheimnis hier über allem schwebt wie ein düsteres Omen. Marielle Heller sucht in Nightbitch nach der archaischen Bedeutung von Mutterschaft genauso wie Bergholm. Nur Bergholm hat den Vorteil, die Natur noch viel deutlicher zu einem Verbündeten werden zu lassen, weg von der Zivilisiertheit.

Blutdurst und simple Symbolik

Was ihr dabei aber immer wieder in die Quere kommt, und ihr Vorhaben auch erschwert, ist eine allzu offensichtliche, simpel konnotierte Symbolsprache, die, oftmals aufgewärmt, selten fasziniert. Die unausweichliche Eskalation wäre in diesem Ausmaß entbehrlich gewesen, andererseits aber unterstreicht sie eingangs erwähnte Ambition, die Vaterrolle im Kontext einer kompromisslosen Natur zu hinterfragen.

Nightborn (2026)

Knock at the Cabin (2023)

DIE REITER DER APOKALYPSE

6/10


knockatthecabin© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: M. NIGHT SHYAMALAN

CAST: DAVE BAUTISTA, BEN ALDRIDGE, JONATHAN GROFF, NIKKI AMUKA-BIRD, RUPERT GRINT, ABBY QUINN, KRISTEN CUI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wer klopfet an? Nein, es sind nicht die Zeugen Jehovas, obwohl sie vom Ende der Welt predigen. Vielleicht verleitet ja ein unwesentliches Detail dazu, nicht unbedingt anzunehmen, die Sekte mit dem Leuchtturm vor der Türschwelle zu haben. Dieses Detail sind archaische Waffen, die aussehen wie Dreschflegel, Morgensterne oder Hellebarden. Sowas tragen die Jehovas nicht mit sich, das ist mal klar. Zumindest noch nicht. Wer sind also diese vier Auserwählten hier, dass sie es besser wissen als der Rest der Welt? Dave Bautista, der Einbauschrank unter den Schauspielern, hat eine Vision gehabt, die er nicht nur nicht mehr loswird. Die drei, die ihn begleiten, hatten dieselben Bilder vor Augen. Kann kein Zufall sein. Man kann nicht einfach dasselbe träumen. Und die Welt kann genauso wenig von heute auf morgen den Bach runtergehen.

Ich wäre genauso skeptisch wie das schwule Pärchen Eric und Andrew samt ihrer kleinen Tochter Wen, die da plötzlich, mitten am Wochenende in der reinsten Idylle, überfallen werden. Wieso sollte ich jemandem glauben, die Welt gehe unter, nur aufgrund seltsamer Koinzidenzen? Ich würde ihnen einen Kaffee anbieten und sie dann schön brav nach Hause schicken, nachdem ich vielleicht ihre Annahmen zerstreut hätte, die argumentell unmöglich zu untermauern sind. Leichter gesagt als getan. Denn die vier seltsamen und nicht minder bedrohlichen Gestalten, die zwar vorgeben, niemandem etwas tun zu wollen, was aber genauso schwer zu glauben ist wie der Weltuntergang, fordern einen selbstlosen Einsatz. Einer der drei aus der Familie Andrew, Eric und Wen müssen geopfert werden. Dies müssen sie allerdings untereinander klären, und zwar schnell, da die Zeit drängt, denn da draußen, jenseits der Hütte im Wald, braut sich bereits was zusammen. Es sind Plagen wie seinerseits Gott über Ägypten gebracht hat, nur globaler. Einer für alle ist also die Devise. Nur wer? Und es stellt sich immer noch die Frage: Warum?

Man möchte meinen, dass all die Schwurbler und Querdenker, die in den letzten drei Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, beim Master of Mystery längst einen Stein im Brett haben. Nicht alles, was so scheint, als könnte zwischen den obskursten Begebenheiten kausale Zusammenhänge bestehen, ist nichts als Zufall. Auf diesem Gedankenspiel baut Shyamalan seinen neuen Home-Invasion-Thriller auf, der sich trotz einiger gewalttätiger Zuspitzungen deutlich friedfertiger gibt als seine paranoide Alien-Invasion Signs – Zeichen, der zumindest bei mir für schlaflose Nächte gesorgt hat. Wie in so einigen seiner Filme gibt es weder Gut noch Böse. All die Figuren und der paranormale Stoff, mit dem sich Shyamalan umgibt, passen selten in gewohnte Schubladen. Und das macht so einiges mit der Wirkung seiner Filme. Weil es irgendwo und irgendwann etwas viel Größeres geben muss und gibt, was der herumirrende Mensch nicht versteht und am Ende auch nicht zu verstehen braucht, da die Wissenschaft ohnehin Ausgang hat.

In Knock at the Cabin geht es einzig und allein darum, die guten alten Riten der Opfergabe, deren Bekannteste wohl jene ist, wenn Abraham auf Geheiß des Allmächtigen seinen Sohn zur Schlachtbank führt, einem neuzeitlichen Praxistest zu unterziehen. Was heißt das für uns? Sind wir den Mythen trotz allen Fortschritts und trotz all der Aufklärung und der Erkenntnis immer noch hilflos ausgeliefert? Und ist die Besinnung auf das Archaische der einzige Weg, unsere Welt zu retten? Das ist viel an philosophischem Gedankengut, das Shyamalan komprimiert hat auf einen mit genretypischen Versatzstücken ausgestatteten Thriller, der viel öfter ins selbstmitleidige Endzeitdrama kippt als vielleicht angestrebt. Dafür eignet sich Ex-Wrestler Bautista wirklich gut, der, gegen sein Image gebürstet, den selbstlosen Lehrer gibt, der meint, auserwählt zu sein. In dieser persönlichen Diskrepanz zwischen Auftreten und Erscheinung liegt die Tiefe seines Charakters als Zugpferd des Films. Und weniger in den Schreckensszenarien, die dieser indirekt über den Fernseher schickt. Anscheinend dürfte Shyamalan nichts mehr erschrecken als Found Footage in den Nachrichten – dieses Ausleben der Angst findet sich auch in Signs wieder, wenn Augenzeugen, die irgendwo anders sind, nur nicht am Schauplatz des Films, das Undenkbare nicht fassen können. Auf diese Weise sammelt der Mysterythriller Bedrohung in kleinen Happen – um am Ende ganz andere Saiten aufzuziehen als wie es sonst bei Shyamalans Filmen üblich ist. Vielleicht liegt das daran, dass Knock at the Cabin auf keinem Originaldrehbuch beruht. Und daher überraschend überraschungslos bleibt, obwohl die Wahrheit hinter all dem sowohl das eine als auch das andere sein kann. Ob Schwurbler oder wahrer Prophet – anscheinend steckt beides im Menschen, und die Chance, was zum Zug kommt, ist Fifty-fifty. Damit arrangiert sich der irrationale Film sehr bald, sehr willig und recht leidenschaftslos, womit er sein eigenes Licht unter den Scheffel stellt.

Knock at the Cabin (2023)