Eismayer (2022)

ROMANZE IM KASERNENTON

7/10


eismayer© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2022

BUCH / REGIE: DAVID WAGNER

CAST: GERHARD LIEBMANN, LUKA DIMIĆ, JULIA KOSCHITZ, ANTON NOORI, KARL FISCHER, CHRISTOPHER SCHÄRF, LION TATZBER, THOMAS OTROK, STAN STEINBICHLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Ich bin heilfroh, dass es hier in Österreich den Zivildienst gibt und ich nach meiner Schulausbildung darauf zurückgreifen konnte. Es hätte ja alles anders sein können, in manchen Ländern wird man als Mann automatisch zum Exerzieren verpflichtet. Nur um nichts in der Welt hätte ich mich systematischer Erniedrigung aussetzen wollen, die sich unter anderem gerne als keifender Kasernenton manifestiert und die weniger abgebrühten oder sensibleren Gemüter an den Rand psychischer Resignation bringt. Militärdienst ist nur was für harte Männer – wie obsolet das klingt.

Man setzt den Drill da an, wo er greift. Stanley Kubrick hat diese Methode in Full Metal Jacket, seinem Antikriegs-Schlag in die Magengrube, auf die Spitze des Wahnsinns getrieben. Mit der Figur des von R. Lee Ermey dargestellten Drill Instructors Sergeant Hartman hat der Meister eine Figur des Schreckens erschaffen, die angehende Kadetten wohl nochmals in sich gehen ließ, um ihre Wahl für den Staatsdienst nochmal zu überdenken. Und tatsächlich ist diese Figur gar nicht so weit hergeholt. In Österreich gab und gibt es Charles Eismayer: Hast du ihn als Ausbilder, kommst du entweder psychisch gebrochen aus dem Grundwehrdienst oder hast dir eine derart harte Haut zugelegt, die dich für alles weitere Entsetzliche im Leben abstumpfen lässt. Eismayer war in seinen besten Zeiten wohl einer der gefürchtetsten Hof-Dirigenten im Österreichischen Bundesheer. Horror- und Einzelfallgeschichten machten die Runde, der Angstschweiß stand den Jungen auf der Stirn. Dabei ist Eismayer gar nicht mal so eine bedrohliche Erscheinung. Die Tyrannei, die für den absoluten Gehorsam wohl notwendig scheint, legt dieser in sein Organ. Also schreit und brüllt er wie seinerzeit Sergeant Hartman vor dem Vietnamkrieg seine Greenhorns nieder, macht sie zur Sau und sägt sie ab. Hat das gefaltete Hemd einen Knick – alles nochmal raus aus dem Spind. Schmerzt der Arm beim Exerzieren, fällt der Begriff Muttersöhnchen. Hat aber jemand die Widerrede auf den Lippen – ab auf den Boden und Push Ups, bis es Stopp heißt.

Einer dieser gehorsamen Ungehorsamen ist Grundwehrdiener Mario Falak (Luka Dimić), ein junger Mann mit Migrationshintergrund und gar nicht auf den Mund gefallen. Eismayer ist irritiert, erbost und erzürnt zugleich – andererseits fasziniert von so viel Chuzpe und sowieso angetan von diesem Feschak, da der harte Hund des Militärs tunlichst geheim hält, dass er schwul ist. Und nicht nur er: auch Falak ist vom anderen Ufer, und Homosexuelle unter sich scheinen den anderen zu erkennen, auch wenn dieser sich nicht outet. Falak macht aus seiner Orientierung keinen Hehl; es scheint Zeit, frischen Wind durch die Habt-Acht stehenden Reihen verkrusteter Stereotype wehen zu lassen. Ein Bussi für den Leutnant sollte niemanden verwundern. Und das ist dann der Anfang einer zartfühlend inszenierten Romanze, die so gar nicht mit Stereotypen arbeitet und die Positionen der an der Liebe Beteiligten völlig neu besetzt.

Eismayer ist eine wohltuende Überraschung im Betroffenheitsdschungel des österreichischen Films. Was zuerst den Anschein hat, als hätten wir es mit nüchternem Alltagsrealismus zu tun, entwickelt genug Farben, um das Olivgrün gewohnter Gesellschaftsordnungen am Exerzierplatz sehr bald zu ersetzen. Spätestens dann, wenn der von Gerhard Liebmann mit viel Aufmerksamkeit für seine Figur dargebotene Eismayer denn Hemmschuh der Geheimnisse ob seiner sexuellen Neigung ablegt. Spätestens dann fällt ihm ein Stein vom Herzen, und wie der verbitterte, mit allerlei Wut und Ohnmacht aufgestaute Mann seine Freiheit findet, ist erfrischendes Coming Out-Kino, ohne jemals beschämend zu wirken. Liebmann ist sensationell, und auch Luka Dimić ergänzt sein gegenüber auf Augenhöhe. Der Bruch mit der eigenen, als Hetero-Mann geführten Familie mag zwar traurig und schmerzhaft sein, doch ist sie auch gleichzeitig der Schlüssel zur Wende Richtung Zuversicht. Am Ende lässt David Wagner seine True-Story-Romanze wie Hollywood an der Donau wirken – liebevoll, auf gute Art etwas kitschig und wohltuend selbstverständlich.

Eismayer (2022)

Der Fuchs (2022)

DIE SCHWACHEN BESCHÜTZEN

7/10


derfuchs© 2023 Alamode Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2022

BUCH / REGIE: ADRIAN GOIGINGER

CAST: SIMON MORZÉ, KARL MARKOVICS, PIT BUKOWSKI, ALEXANDER BEYER, ADRIANE GRADZIEL, STAN STEINBICHLER, CORNELIUS OBONYA, KAROLA MARIA NIEDERHUBER U. A.

LÄNGE: 2 STD


Wenn die eigene Familie genug Stoff für gleich mehrere Filme hergibt, dann kann es sich hierbei nur um den Österreicher Adrian Goiginger handeln, der mit seinem Regiedebüt Die beste aller Welten völlig zu Recht sämtliches Kritikerlob für sich beanspruchen durfte. Und nicht nur Journalisten vom Fach fanden da Gefallen: Auch das Publikum hat sich vom dicht erzählten Mutter-Sohn-Drama, in welchem es um Drogen, Abhängigkeit und Verantwortung ging, so ziemlich vereinnahmen lassen. Diesem grandios aufgespielten Sog in einen sozialen Mikrokosmos hinein konnte sich keiner so recht entziehen.

Die Urheimat seines familiären Ursprungs, nämlich das westliche Salzburgerland, wurde letztes Jahr erstmals zum Schauplatz einer Literaturverfilmung, die niemand geringerer als Felix Mitterer schrieb: Märzengrund, die Geschichte eines Aussteigers, der sich in die Isolation der Alpen zurückzieht, auch aufgrund einer unglücklichen Liebe und der Lust am Ausbruch aus einem starren Konformismus. Dabei blieb Terrence Malick als inszenatorisches Vorbild schon mal nicht ganz unbemerkt. Satte Bilder vom Landleben, meist in Weitwinkel und ganz nah am Geschehen – Naturalismus pur, inmitten dieser schmerzlich-schönen Idylle Johannes Krisch. Das Jahr darauf hält gleich den nächsten Film Goigingers parat: Der Fuchs. Und diesmal ist es kein Literat, der die Vorlage liefert, sondern der eigene Urgroßvater Franz Streitberger. Welch ein Glück, dass Goiginger Zeit seines Lebens die Möglichkeit gehabt hat, Erzählungen aus dem Zweiten Weltkrieg aus erster Hand zu erfahren. Die meisten, die das Ende der Welt am Kriegsschauplatz Europa erlebt hatten – und da schließe ich meine eigenen Großeltern mit ein – konnten und wollten nicht viel darüber berichten, was Ihnen widerfahren war. Womöglich würde es einem selbst nicht anders gehen. Doch in manchen Fällen saß die Zunge lockerer als das versteinerte Trauma in den Köpfen – und so hat dieser Franz Streitberger vieles preisgegeben. Vielleicht war dieser Umstand einem ganz besonderen Wesen geschuldet, eben dem titelgebenden Waldtier, das, als hilfloser Welpe mit gebrochener Pfote, in Motorradkurier Franz seine Bestimmung fand.

Wie es dazu kam? In der Antwort auf diese Frage setzt Goiginger bereits in den Zwanzigerjahren an, an einem Hof irgendwo im Pinzgau, bewohnt von einer bitterarmen Großfamilie, die längst nicht mehr alle Mäuler stopfen kann, die da im Herrgottswinkel um den Tisch sitzen. So wird Franz im Volksschulalter an einen Großbauern verkauft – ein prägendes Erlebnis für ein Kind, dass seine Zukunft als Erwachsener immer danach richten wird müssen. Zehn Jahre später ist aus diesem Buben, für den eine ganze Welt zusammenbrach, ein wortkarger und introvertierter junger Mann geworden, der in der Wehrmacht sein Glück zu finden hofft. Und dann, als der Krieg losbricht, sitzt im Beiwagen des Motorradkuriers ein Tier, das ungefähr so viel Schutz benötigt wie Franz in jungen Jahren wohl auch verdient hätte. Diesmal aber will dieser  jene Verantwortung zeigen, die seine eigenen Eltern nicht wahrnehmen konnten.

Die Bewältigung einer enormen Kränkung ist Thema eines modernen, aber doch retrospektiven Heimatfilms, der die Elemente aus dem Genre eines schonenden Kriegsfilms mit nostalgischem Pathos verknüpft. Simon Morzé (u. a. Der Trafikant) gibt den in sich gekehrten jungen Mann in keinem Moment so, als hätte er diese Schmach aus seiner Kindheit nie erlebt. Sein psychosozialer Steckbrief, sein ungelenkes Verhalten lässt sich in aller Klarheit auf das Erlebte zurückführen – das Psychogramm des Urgroßvaters ist Goiginger wunderbar gelungen. Die Sache mit dem verwaisten Jungtier ist natürlich ein besonderes Erlebnis, doch nur ein Symptom für eben diese ganz andere Geschichte am Hof der Eltern. Der Fuchs gerät zur inneren Wiedergutmachung oder zur Probe aufs Exempel, ob es überhaupt möglich sein kann, angesichts quälender und entbehrungsreicher Umstände die Obhut schutzbedürftigen Lebens gewährleisten zu können. An dieser Prüfung wird sich Franz abmühen und immer wieder knapp scheitern. Wie schwer es ist, Sorge zu tragen, bringt das sehr persönliche Historiendrama auf den Punkt, natürlich wieder in filmtechnischer Perfektion wie schon in Märzengrund. Die Kamera unter Yoshi Heimrath und Paul Sprinz findet formschönen Zugang zur pittoresken Landschaft Österreichs und der niemals prätentiösen Darstellung historischen ländlichen Lebens. Die Szene, in der die Familie des Abends ums Herdfeuer sitzt, und Karl Markovics (wieder mal genial als vom harten Bauernleben Gezeichneter) ein altes Volkslied anstimmt, gehört zu den besten des Films. Selten war Heimatfilm so intensiv.

Unter dem Aspekt des Kriegsfilms verliert Goiginger dann etwas seine Stärken. Obwohl mit reichlich Aufwand ausgestattet und professionell inszeniert, genießt Goigingers Stil hier eine Art nüchterne Auszeit vom Naturalismus. Die Szenen wirken routiniert, die Romanze in Frankreich etwas bemüht, wenn nicht gar arg oberflächlich. Doch sie ist nun mal Teil der Erlebnisse – und da hier vieles, was Urgroßvater Streitberger erzählt hat, zusammenkommt, ist auch Der Fuchs nicht mehr so aus einem Guss. Das Kernstück aber – das unausgesprochene Leid zwischen Vater und Sohn, symbolisiert durch eine Fabel vom Fuchs und dem Soldaten – findet trotz manchmal etwas überhöhtem Tränendrüsen-Score, der aber seine Wirkung nicht verfehlt, zu einer rührenden, kleinen Vollkommenheit.

Der Fuchs (2022)