Wir beide

GELIEBTE NACHBARIN

7,5/10


wirbeide© 2020 Paprika Films


LAND / JAHR: FRANKREICH, LUXEMBURG, BELGIEN 2019

REGIE: FILIPPO MENEGHETTI

CAST: BARBARA SUKOWA, MARTINE CHEVALLIER, LÉA DUCKER, MURIEL BÉNAZÉRAF, JÉRÔME VARANFRAIn U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Auch dieser Film steht auf der Shortlist zu den Oscars für den besten fremdsprachigen Film 2021. Und das völlig zu Recht. Allerdings nicht in erster Linie, weil das Liebesdrama Wir beide gleich zwei Tabuthemen auf einmal thematisiert. Sondern weil ein Stoff wie dieser so selten ohne übertriebene Sentimentalitäten auskommt – hier aber Regiedebütant Filippo Meneghetti eine Möglichkeit gefunden hat, auf geradezu erfrischende Weise von einer Liebe zu erzählen, die an gesellschaftlichem Normdenken gerade bei der jüngeren Generation beinahe gescheitert wäre.

Dabei haben die beiden reiferen Damen – die eine gleichzeitig Oma und Witwe, die andere nonkonforme Lebenskünstlerin – alles was sie brauchen würden, nämlich sich und rosige Aussichten für die Zukunft, da der Traum, gemeinsam nach Rom zu ziehen, kurz davor steht, verwirklicht zu werden. Ein einziges Problem gibt es jedoch noch, das noch aus dem Weg zu räumen wäre: Oma Madeleine muss endlich den Mut aufbringen, ihre Sippschaft zu verklickern, dass sie in einer glücklichen Beziehung mit Nina weilt. Alleine der Umstand, auf ihre alten Tage zu ihrer sexuellen Identität zu stehen, scheint schon unmöglich zu sein, wenn Madeleine nur daran denkt. Der Sohn ist ein zynischer Grantler, und die Tochter glaubt immer noch, dass Mama und Papa damals aus Liebe geheiratet hätten. Bei all den Troubles passiert etwas, dass alles über den Haufen wirft. Madeleine erleidet einen Schlaganfall. Und niemand weiß, dass Nina im Grunde ihre Partnerin ist und eigentlich das Recht hätte, sich um ihren Lebensmenschen zu kümmern.

Das Script zu diesem auf den ersten Blick vielleicht eher konventionell scheinenden Drama überrascht und ist umso cleverer konstruiert, da man erstmal nicht ahnt, welche Schwierigkeiten entstehen können, wenn das Outing zu spät kommt. Klar, in Liebesdingen geht niemanden Dritten auch nur irgendwie an, was Sache ist. Zählen die Beteiligten allerdings nicht mehr zum jungen Eisen, könnte der Nachwuchs mehr mitzureden haben, als den Beteiligten lieb wäre. All diesen aufreibenden Hürden, die plötzlich aufpoppen, nachdem Madeleine ihre Selbstständigkeit verloren hat und plötzlich auf Hilfe von außen angewiesen ist, begegnet eine großartig aufspielende Barbara Sukowa in einer ihrer besten Rollen mit Argwohn und kämpferischer Jugendlichkeit. Martine Chevallier hingegen spielt die zu Beschützende fein nuanciert und mit einem Repertoire an sehnsüchtigen Blicken. Wie die beiden Frauen füreinander kämpfen, wie sehr sie sich brauchen und was sie überwinden, um zusammen zu sein, sind fast schon Shakespear´sche Liebeswirren für eine entsexualisierte Generation, die aber genauso queer sein kann wie jene, die bei den Regenbogenparaden auf die Straße geht.

Wir beide ist jedenfalls eine der besten Liebesfilme der letzten Zeit – authentisch, poetisch und mit augenzwinkerndem Humor.

Wir beide

Der Honiggarten

BIENENFLÜSTERN GEGEN BIGOTTERIE

6,5/10

 

honiggarten© 2019 capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: ANNABEL JANKEL

CAST: ANNA PAQUIN, HOLLIDAY GRANGER, GREGOR SELKIRK, KATE DICKIE, LAUREN LYLE, BILLY BOYD, STEVEN ROBERTSON U. A. 

 

Verdammt lang ist das schon her – 1993 erhielt das junge Mädchen namens Anna Paquin für ihre außergewöhnliche Leistung in Jane Campions Neuseeland-Drama Das Piano mit gerade mal zwölf Jahren den Oscar. Sie war somit die zweitjüngste Gewinnerin in der Geschichte des Goldjungen nach Tatum O´Neal für Papermoon. Das nur am Rande. Seitdem hat die kanadisch-neuseeländische Schauspielerin allerhand zu tun gehabt – für nicht zu knappe Bekanntheit sorgte natürlich ihr Auftreten in Xaviers Mutantenschule bei den X-Men. Der  Liebesfilm Der Honiggarten (im Original viel treffender: Tell it to the Bees) lief noch vor Scorseses The Irishman, wo Paquin die von De Niro schwer enttäuschte Tochter spielt. Interessant, welche Künstler am Set dieses durch und durch britischen Streifens zusammengefunden haben: Paquin eben, und eine Dame namens Annabel Jankel, die, was wohl angesichts dieses Films niemand vermuten wurde, den virtuellen Kultkopf Max Headroom in den 80ern mitentwickelt hatte. Nebst diesem Medien-Trendsetter geht auch die weniger prickelnde Game-Verfilmung Super Mario Bros auf ihr Konto – rückblickend eigentlich nicht mehr anschaubar. Gut, auch die Zeiten verändern die Ambition der Schaffenden, und so ist es diesmal die Verfilmung gediegener Belletristik von Fiona Shaw.

Schöne, rustikale Bilder sind´s, die das Stückchen Arthousekino hier beschert. Die britischen Fünfzigerjahre kann man sich sowieso nicht anders vorstellen als verpackt in kleinstädtische Gemeinden, die von der Industrie leben, Backsteinhäusern, Rockabilly-Moden, kleinen Läden und sehr viel Asphalt. Sehr oft Regen und wenn’s mal nicht regnet, spärlicher Sonnenschein, in dessen Gegenlicht die paar schönen Momente stattfinden, die die beiden Liebenden, um die es hier geht, für sich verbuchen können. Natürlich, Der Honiggarten ist kein gewöhnlicher Liebesfilm, das wäre dann gar etwas zu sehr abgegriffen – es ist die sexuelle Beziehung zweier Frauen. Etwas Verbotenes, das niemand wissen darf. Die Nachbarn nicht, der Vater des einzigen Sohnes nicht, der seine Familie verlassen hat (finster: Emun Elliott) – überhaupt niemand. In den 50ern war Homosexualität auf der großen Insel etwas Verachtenswertes, Krankes. Aber nicht nur dort. Aus Todd Haynes betörenden Film Carol wissen wir, dass das auch an der Ostküste der USA ein gesellschaftliches No-Go war. Cate Blanchett und Rooney Mara haben es versucht. Auch Anna Paquin und Holliday Granger versuchen es. Und wie sie es versuchen, genau das bekommt der Film auf geschmeidige Weise hin. Dieses Annähern, dieses diskrete Beobachten, die unausgesprochene Sympathie. Dann will es das Schicksal, dass Mutter Granger und Sohn mit Anna Paquin unter einem Dach leben. Nichts besser als das, sagt die romantische Ader der beiden Frauen. Das ist schon sehr behutsam, sehr zartfühlend inszeniert. Paquins Rolle der verschreckten Erbin eines Landsitzes mit Mut zum unorthodoxen Lebensstil entbehrt nicht einer gewissen Faszination – Grangers Sehnsucht nach dieser Person lässt sich durchaus nachvollziehen. Dazwischen der Junge, der nicht weiß, wo er hin soll. In den bigotten Konservatismus seiner väterlichen Verwandten – oder mit dem Neuland, welches ihn umgibt, zurechtkommen. Dazwischen auch jede Menge Bienen, denn zu diesem geerbten Landsitz gehört auch eine Imkerei. Dieses Mysterium der nützlichen Insekten, zu denen man sprechen kann und die einem auch angeblich zuhören, quasi eine freud´sche Biene Maja samt Hofstaat, dieses Mysterium verleiht dem traditionellen Liebes- und Leidensreigen eine Art literarische Abgehobenheit, die sich dann aber gegen Ende etwas zu viel erlaubt – das dick aufgetragene Irreale wirkt leider etwas schnulzig.

Macht aber nicht allzu viel, darüber lässt sich hinwegsehen. Der Honiggarten ist eine ansehnliche Verfilmung geworden, die in ihrer klassisch erlernten Erzählweise jetzt nicht die Liebe neu erfindet, aber zumindest der eher selten gesehenen Anna Paquin einen noblen, sinnlichen und selbstbeherrschten Auftritt ermöglicht.

Der Honiggarten