No Hit Wonder (2025)

MIT DER ABRISSBIRNE ZU WAHREN WERTEN

7/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: FLORIAN DIETRICH

DREHBUCH: FLORIAN DAVID FITZ

KAMERA: MAX PREISS

CAST: FLORIAN DAVID FITZ, NORA TSCHIRNER, JERUSHA WAHLEN, CORINNA KIRCHHOFF, BERND HÖLSCHER, JASMIN SHAKERI, UDO SAMEL, HOLGER STOCKHAUS, AZIZ DYAB, FALILOU SECK, SEBASTIAN BLOMBERG U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN



Ohne Geld ka Musi, sagt man doch so schön. Heisst das also: Ohne Musi ka Geld? Nur, wenn man damit reich werden will. Um im Geld und Ruhm zu baden, braucht man Erfolg. Da reicht schon ein einzelner Hit, der die Charts stürmt, und schon hat man Mammon genug, um dieses vielleicht klug anzulegen für Zeiten, in denen so mancher Künstler und Interpret wieder in der Versenkung verschwindet. Rein wirtschaftlich betrachtet. Rein psychologisch betrachtet verhält es sich aber so, dass der plötzliche Ruhm die Selbstwahrnehmung durchaus und ungünstig verschiebt. Geht die Anerkennung ob eines Jahrhundertsongs dann flöten, wenn dieser von keinem mehr gehört wird, leidet auch das Selbstbewusstsein. Ein Gefühl macht sich breit, dass Erfolgsverwöhnte fühlen lässt, als wären sie zu nichts mehr zu gebrauchen. Genau so ergeht es Daniel Nowak, der mit dem selbstironischen Konzeptsong Time, Time, Time ganz vorne mit dabei war im Showbiz, um dann abzustürzen, zwischen Möbelhäusern und Hochzeiten, bevor die Enttäuschung des Scheiterns zu groß wird. Nowak versucht sich umzubringen, schießt sich ins Gesicht – und landet, wie durch ein Wunder, doch noch unter den Lebenden weilend in der Psychiatrie.

Musik ist, wenn man trotzdem singt

Klingt nach einem traurigen, depressiv-deutschen Psychodrama? Das wäre es, hätte Florian David Fitz hier nicht das Skript zu dieser warmherzigen und liebevollen Komödie beigesteuert. Die Tragikomödie ist sein Zuhause, das hat er schon mit einigen anderen Arbeiten – Vincent Will Meer, 100 Dinge oder Oskars Kleid – so gut wie bewiesen. Seine Handlungen drehen sich stets um das Zwischenmenschliche, um soziale Klischees, um das Aufbrechen starrer Glaubenssätze und Konventionen. No Hit Wonder reiht sich hier bequem ein – und offenbart sich gar als eines seiner besten Arbeiten. Denn mit der Kraft des Musik lässt sich ohnehin schon Offensichtliches fürs Seelenheil anderer bewerkstelligen. Womit wir wieder auf den Protagonisten dieses Wohlfühlfilms zurückkommen, denn Daniel, der willigt ein, sich an einem Projekt zur Glücksforschung zu beteiligen, den Dr. Lissi Waldstett, gespielt von Nora Tschirner, mit einigen anderen Patienten ins Leben gerufen hat. Dabei geht es um nichts anders als um die heilende Kraft des gemeinsamen Singens und Interpretierens von Liedern. Interessant, dass Suizidpatient Daniel, einst gefeierter Star, diese Gemeinschaft nötig hat, um festzustellen, dass man kein Geld für Musi braucht und Musi auch kein Geld lukrieren muss, um den wahren Reiz von Klang und Stimme als das zu erkennen, was es ist: Ein No Hit Wonder, als ein Wunder, das erst dann seine Wirkung entfaltet, wenn niemand versucht, daraus einen Hit zu machen.

Bewährte Rezeptur

No Hit Wonder ist also die durchaus kluge Abkehr von Kommerzialisierung, Erfolgsklischees und der Selbstbestätigung durch andere. Gerade die Anonymität macht frei, der Selbstzweck der Musik ist die einzig wahre Heilung. Und klar, wir wissen längst, dass sie das tut. Dass, wenn man singt, die Botenstoffe für Glück und Zufriedenheit nur so aufpoppen. Als deutsche Komödie arbeitet die niemals ihren ernsten Kern verratende Tragikomödie sehr wohl aber auch mit den gefälligen, dem Publikum bekannten Parametern, die eine gewisse Vorhersehbarkeit mit sich bringen. Fitz und Regisseur Florian Dietrich wissen genau, wo und wie sie ihr Publikum emotional abholen. Überraschend ist nichts davon. Doch es fühlt sich gut an, wohlig warm, vertraut und bekannt. Und der Kitsch, den man zwischen all den psychischen Problemen des Ensembles entdeckt, ist von einer gesunden Sorte, von einer konventionellen Wohltat, die mit all der Musik so treffsicher funktioniert wie James Camerons Titanic-Romanze.

Das beeindruckende Highlight von No Hit Wonder ist vorallem eine Szene, in der die Forschungsgruppe in einem leeren Schwimmbad Miley Cyrus‘ Wrecking Ball zum Besten geben. Das, liebe Leser, geht wirklich unter die Haut und ist mindestens so berührend wie der weltbekannte Song aus dem Meisterwerk Wie im Himmel. Auch dort war Musik alles und noch viel mehr.

No Hit Wonder (2025)

White Snail (2025)

FAST GESTORBEN IST NOCH AM LEBEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: ELSA KREMSER & LEVIN PETER

KAMERA: MIKHAIL KHURSEVICH

CAST: MARYA IMBRO, MIKHAIL SENKOV, OLGA REPTUKH, ANDREI SAUCHANKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Als Romanze würde ich den neuen Film des Traumpaares des österreichischen Films nicht bezeichnen. Romanze wäre zu banal, zu einfach. Was sich in White Snail entfaltet, sind nicht nur die empfindlichen Stielaugen weißer Landschnecken, die behutsam und zaghaft ins Ungewisse hinein einige Millimeter machen. Zwei Menschen, irgendwo am Rande der Gesellschaft und doch mittendrin, wissen auf jeweils unterschiedliche Weise, wie unnatürlich (oder natürlich) oft die eigene Existenz vom Tod begleitet wird. Man könnte fast meinen: unentwegt.

Francis Bacon der Pathologie

Denn Misha, der ist Pathologe in einem Krankenhaus in Minsk, obduziert das über den Jordan gewanderte belarussische Volk und wahrt dabei klinische Distanz, während er daheim auf unzähligen, teils auch riesenhaften Leinwänden all die Erfahrungen, die er täglich macht, und all die zerschnittenen und beschädigten Körper, denen er begegnet, auf seine Weise verewigt. Es sind Bilder, die unweigerlich an die Arbeiten von Francis Bacon erinnern, es sind surreale, traumhafte, poetische und zugleich grausame Bilder, fast schon sakral, das Imperfekte des menschlichen Körpers geradezu vervollkommnend. Gemalt hat diese Bilder Mikhail Senkov. Schauspieler ist der Mann keiner, agiert vor der Kamera dafür aber umso besser. Vielleicht, weil er die eigen Biografie mit in den Charakter bringen kann, ganz so wie seine Filmpartnerin, Marya Imbro, eine faszinierende Persönlichkeit, weiße Haut, weißblondes Haar, intensiver Blick. Marya spielt Masha, eine Modelschülerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als aus Belarus rauszukommen. Ihr Vater sitzt bereits in Polen und tut alles, damit Frau und Kind nachkommen können. Derweil jedoch hadert Masha mit etwas sehr Dunklem in ihrer Seele, was sie nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus bringt – an jenen Ort, an dem sich Misha und Masha zum ersten Mal begegnen, oder besser gesagt: Masha sieht Misha, wie er mit den Toten hantiert. Und der Tod scheint sie zu faszinieren. Sie will wissen, was Misha mit den Leichen anstellt – und klopft eines späten Abends an die Tür der Pathologie.

Durch den Tod verbunden

Das Traumpaar, das sind nicht nur Misha und Masha, sondern Elsa Kremser und Levin Peter, bislang bekannt geworden durch recht spezifische Dokumentarfilme, die sich mit den Schicksalen russischer Hunde beschäftigen: Ihr Debütfilm trägt den Titel Space Dogs, fünf Jahre später folgt Dreaming Dogs. Ihr Wechsel in den fiktionalen Film hätte kaum besser funktionieren können. Mit einem Gespür für innere Zustände, nicht zynischer, aber trotziger Lakonie und einem immanenten Gefühl, andauernd auf der Suche zu sein nach etwas bestimmbar Unbestimmten, bringen Kremser und Peter zwei mit dem Tod Verwandte und Verliebte einander näher, ohne sie aufeinander zuzustoßen. Langsam, wie zwei Schnecken, kriechen sie umeinander herum, beobachten sich, ertasten sich. Ein herbstdunkles Psychogramm ist White Snail geworden, das in seiner leisen Metaphysik an Krzysztof Kieślowski erinnert, im Umgang mit dem transzendent Natürlichen und Mythischen spricht White Snail eine Sprache, die auch Ildikó Enyedi (Körper und Seele) spricht, zwischen nackter, harter Physis und dem Rätselhaften jenseits des Urbanen, Profanen, Erschlossenen.

Nicht als Anti, aber als Fast-Romanze lässt sich die Begegnung der beiden dann doch betrachten. Ein klassisches Annähern ist das natürlich nicht, umso interessanter, extravaganter und ungewöhnlicher erscheint hier die Möglichkeit, einander viel zu geben, ohne sich für die Zukunft zu irgendetwas bekennen zu müssen.

White Snail (2025)