Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

WEDER MILCH NOCH HONIG

5,5/10

 

geschichteliebefinsternis© 2016 Koch Media

 

LAND: ISRAEL, USA 2015

DREHBUCH & REGIE: NATALIE PORTMAN

CAST: NATALIE PORTMAN, GILAD KAHANA, AMIR TESSLER, OHAD KNOLLER U. A.

 

Aus dem Steckbrief von Natalie Portman die Frage: Welches ist ihr Lieblingsbuch? Die Antwort könnte klipp und klar lauten: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, nach den Kindheitserinnerungen von Amos Oz, und zum Gedenken an dessen Mutter. Portman, die hat für diese israelische Produktion alles selber gemacht, also zumindest das Wichtigste. Das wären Drehbuch, Regie und Hauptrolle. Beachtlich, das ist ganz schön viel Arbeit. Gut, dass sie Kamera und Schnitt jemand anderem überlassen hat. Wer so viel Herzblut und Arbeitszeit in einen Film investiert, muss vom zu erzählenden Stoff sehr angetan sein. Die gebürtige Israelin, die mit drei Jahren nach Amerika auswanderte, dürfte mit Amos Oz´ früher Geschichte irgendwie verbunden sein. Der mehrfach ausgezeichnete und mit Preisen überhäufte Israeli hätte Portmans Film womöglich noch sehen können – 2018 starb er an einem Krebsleiden.

Keine Ahnung, wie er diesen Film gefunden hätte. Hatte er Mitspracherecht bei dieser Inszenierung? Die Oscar-Preisträgerin passt jedenfalls sicher sehr gut zumindest mal in meine Vorstellung von einer intellektuellen, emotionalen und verträumten Mutterfigur, die sich nach der Flucht aus Polen in Jerusalem von allen ihren Träumen entledigt sieht. Dabei wollte Mutter Oz (eigentlich nur ein Künstlername, ursprünglich hieß die Familie Klausner) so viel aus ihrem Leben machen. So viel erreichen. Stattdessen gelingt das mehr schlecht als recht ihrem Gatten, der sich als Schriftsteller versucht und unwissentlich von Branchenkollegen unterstützt wird, indem sie seine Bücher aufkaufen – auch eine Form von Motivation. Das andere Ende der Fahnenstange ist die Mutter, die zusehends depressiver wird, an chronischen Kopfschmerzen leidet und irgendwann nur noch apathisch in der Gegend herumsitzt, egal ob es regnet, stürmt oder schneit, und irgendwann ganz einfach nicht mehr will. Wie war das bei Hape Kerkeling und seinem Jungen, der an die frische Luft muss? Ziemlich ähnlich. Dessen Mutter litt an einer Krankheit, bei welcher der Geruchs- und Geschmackssinn abhandenkommen. Kerkelings Biographie hat etwas unglaublich Trauriges – auch Amos Oz´ Biographie sollte dies haben, aber im Gegensatz zur Kinderausgabe des Komikers kommt man der Kinderausgabe von Amos Oz nicht wirklich nahe.

Der Mutter aber auch nicht. Manchmal ist es schwer auszuhalten, dieses Theatralisieren des eigenen Schicksals. Portman setzt sich selbst als märtyrerhafte Leidensfigur in Szene, als resignative, vom Soll-Leben enteignete Hoffnungslose. Der Junge tut, was er kann, um den Lebensstandard so, wie er ihn kennt und niemals anders gekannt hat, aufrechtzuerhalten. Was für eine schwierige Kindheit unter diesen Voraussetzungen. Was noch dazukommt, sind die politischen Unruhen, die britische Besatzung. Tage, die Geschichte geschrieben haben, gipfelnd in der Ausrufung des eigenen Staates und gefolgt von einem Krieg, den die Familie des Schriftstellers ungefiltert miterleben muss.

Natalie Portman verknappt diese Autobiographie in verdaulicher Spielfilmlänge und setzt ihren Fokus natürlich auf sich selbst, während Klein-Amos sowie dessen Vater um die häusliche Inkarnation des Leidens herumscharwenzeln und ihr Ding durchziehen. Ein Film über ein nachhallendes familiäres Trauma namens Mama, diese mit versteinertem Gesicht, harten Kontrasten, manchmal ein Lächeln, wie manisch-depressiv. Klar, dass Israel einen Film wie diesen großzügig finanziert, und klar, dass sie wollten, Portman solle in Jerusalem drehen, dafür gab’s dann noch einen Extra-Bonus. Amos Geschichte ist natürlich eine Zeitkapsel über den inneren wie äußeren Zustand eines fühlbar auserwählten, hart geprüften Volkes, dessen alte Generation vernichtet, und dessen neue das Potenzial hat, etwas aufzubauen. Doch Milch und Honig findet sich bis heute nicht.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Das Verschwinden der Eleanor Rigby

ALL THE LONELY PEOPLE

5/10

 

eleonorrigby© 2014 Prokino Filmverleih

 

LAND: USA 2014

REGIE: NED BENSON

CAST: JESSICA CHASTAIN, JAMES MCAVOY, WILLIAM HURT, ISABELLE HUPPERT, CIARÁN HINDS, VIOLA DAVIS U. A.

 

Erst wälzen sich zwei Liebende in einer lauen Sommernacht im Rasen eines urbanen Parks, dann Szenenwechsel – und Jessica Chastain springt von der Brücke. Was hat denn das zu bedeuten? Nun, ein etwas verwirrender Anfang für ein Beziehungsdrama, aber wir sind da auch schon anderes gewohnt, wie zum Beispiel vom französischen Ehedrama 5×2, welches die Geschichte der ersten Liebe bishin zur Trennung rückwärts erzählt. Minuten später wird klar, dass bei manchen Menschen ein Beziehungs-Aus alleine zwar reichen würde, den Suizid zu wählen, aber womöglich wäre das für Das Verschwinden der Eleanor Rigby gar am Thema vorbei. Was weiters irritiert, ist die Wahl für den uns allseits geläufigen Songtitel Eleanor Rigby – Paul McCartney hatte damals mit John Lennon die reisklaubende, einsame Seele auf Immer und Ewig in die Musikgeschichte verbannt. Fährt man nach Liverpool, kann man Eleonor Rigby als Skulptur dort sitzen sehen. Und nicht nur das – die Rigbys liegen dort auch begraben. Erst unlängst ließ Danny Boyle seinen aus dem Beatles-Universum gefallenen Superstar in Yesterday an diesen Ort pilgern. So neugierig diese Referenz auf diesen Namen auch macht, so sehr enttäuscht dann aber auch seine Verwendung in diesem Film: Chastain könnte auch irgendwie anders heissen, eine tiefere Bedeutung hat ihr Namen keinen, und auch relativ unwillig führt sie die Affinität ihrer Eltern zur Band aus Liverpool auch als Entschuldigung für diese Peinlichkeit ins Feld.

Unwillig gibt sich diese Eleanor Rigby aber nicht nur dann, wenn andere sie auf ihren Namen ansprechen. Unwillig gibt sie sich auch in Sachen Beziehung. Denn, wie der Titel schon verrät: sie verschwindet einfach. Ihr Gatte James McAvoy, der bleibt allein zurück. Wieder eine einsame Person, die aus McCartneys Songtext stammen könnte. Der versteht nicht, was passiert ist, beginnt, Eleanor zu suchen, findet sie dann auch rein zufällig. Und erst langsam langsam, im Laufe der leidlich spannenden Geschichte rund um Resignation, Rehabilitation und zögerlichem Zutrauen entsteht so etwas wie ein Gesamtbild, das das Verhalten der Figuren erklärt. Das ist schleppend inszeniert und will nicht so recht packen. Auch stimmt die Chemie zwischen McAvoy und Jessica Chastain seltsamerweise nicht. Chastain ist die toughe Powerfrau aus Die Erfindung der Wahrheit oder Zero Dark Thirty, aber nicht jemand, der sich in seinem Frust verkriecht. Das tut sie jedoch, und lähmt den Film noch mehr als er ohnehin schon in seinem Grübeln verharrt. Mit Chastain und McAvoy grübeln und sinnieren auch noch andere illustre Sidekicks über ein lange unausgesprochenes Schicksal – Isabelle Huppert zum Beispiel, oder der in Nebenrollen bis zur Rente verharrende William Hurt.

James Kent hat in diesem Jahr mit Niemandsland – The Aftermath tatsächlich eine thematisch ähnliche Geschichte inszeniert. Zwar komplett anderer Kontext, andere Zeit und andere Umstände, aber im Grunde ebenfalls die Chronik eines Auseinanderlebens, basierend auf einem Schicksalsschlag, der sich am besten nur mit einem Neuanfang ertragen lässt. Kent konzipiert seinen Film allerdings besser, lüftet das Geheimnis viel früher und konzentriert sich daher viel eher auf das Mit- und Gegeneinander von Keira Knightley und Jason Clarke. In Das Verschwinden der Eleanor Rigby erliegt Regisseur und Drehbuchautor Ned Benson leider dem Irrtum, dass es besser wäre, seinen abwechselnd in Vergangenheit und Gegenwart erzählten Film rund um ein Geheimnis zu errichten, dessen Krämerei von der Diskrepanz des Paares aber eigentlich ablenkt und eine bemühte Wahrheitsfindung konstruiert. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, stattdessen sorgt das wenig evidente Verhalten von Chastain und McAvoy für Langeweile. Die Prämisse in diesem Fall aufzuschieben war also keine so gute Idee.

Das Verschwinden der Eleanor Rigby

Mr. Long

KOCHEN UND KILLEN

8/10

 

mrlong© 2017 Rapid Eye Movies

 

LAND: JAPAN, TAIWAN 2017

REGIE: SABU

CAST: CHANG CHEN, YI TI YAO, RUN-YIN BAI, RITSUKO OHKUSA U. A.

 

Wortkarg, auf leisen Sohlen, und 100% tödlich: Eigenschaften, die Profikiller haben sollten, um ihren Job zu machen. Dieses Knowhow besitzt Leon – der Profi genauso wie die zwangsrekrutierte Nikita oder die Filmfiguren eines Takeshi Kitano. Oder eben Mr. Long, dessen wirklicher Name ein Geheimnis bleibt und der noch weniger spricht als Jean Reno in seiner besten Rolle. Mr. Long sagt eigentlich gar nichts, killt und verschwindet. Die Aufträge, die er annimmt, erfüllt er ungefähr genauso mit blutiger Raffinesse wie Denzel Washington als Equalizer, der schon so manchen Antagonisten mit Bleistift oder Löffel unter die Erde gebracht hat. Mr. Long greift aber gern zum Messer. Was für eine Sauerei danach, aber um die sollen sich andere kümmern. Bis plötzlich einer der Aufträge, für den er nach Japan reist, seltsam misslingt, als hätte die Zivilperson gewusst, dass das Unheil auf leisen Sohlen sich seiner annehmen wird. Der stoische Taiwanese wird verletzt, kann flüchten, die Häscher hinter ihm her – und versteckt sich zwischen den Bungalows einer brach liegenden Wohnsiedlung.

Das wäre, so könnte man sagen, dass Ende einer Karriere, würde da nicht ein kleiner Junge auf der Bildfläche erscheinen, der sich bemüßigt sieht, der blutenden Gestalt in der Gosse helfend die Hand zu reichen. Ein Schutzengel. Oder Fügung des Schicksals. Doch warum nur? Mr. Long lässt sich natürlich helfen, muss also zusehen, wie ihm geschieht, bekommt gar nicht so richtig auf die Reihe, welche Amnestie ihm da zuteilwird. Und er beginnt, während er genest, zu kochen. Suppen vor allem, und der kleine Junge, der isst mit. Sowas wie Freundschaft lässt sich erahnen. Doch ob Mr. Long zu so etwas fähig ist, lässt sich nicht erkennen. Klar wird nur, dass der Junge auch seine drogensüchtige Mutter mit ins Spiel bringt, und überhaupt wird noch eine ganze Handvoll anderer Leute auf die verführerischen Düfte diverser Suppen aufmerksam, die durch das verwahrloste Areal wehen.

Das japanische Kino hat mit Mr. Long einmal mehr bewiesen, wie virtuos und unberechenbar es sein kann, wie berührend und erschreckend zugleich. So, wie sich diese Filmerfahrung entwickelt, nämlich sorgfältig, langsam und niemals überstürzt, welche Richtung sie nimmt und welche Schicksale hier noch als Querschläger die Ballade einer verlorenen Seele devastieren, ist von einer Art und Weise, wie es nur das asiatische Kino zustande bringt. Wiedermal wird die Diskrepanz zwischen der narrativen Virtuosität von Filmen aus Fernost zur eher zögerlichen Skepsis Hollywoods, stereotype Erzählstrukturen zu unterwandern, so deutlich wie nie. Mr. Long ist ein so dermaßen ambivalentes Thrillerdrama, dass es schwerfällt, sich auf irgendeine Situation einlassen zu wollen. Dennoch: angesichts dieser Sogwirkung artfremder Kompositionen muss man es. Der japanische Filmemacher Hiroyuki Tanaka, bekannt unter dem Künstlernamen Sabu, hat mindestens etwas so nachhaltig Bewegendes geschaffen wie Takeshi Kitano seinerzeit mit Hana Bi – Feuerblume. Und das, weil er erstens ein ungemein menschliches Drama rund um scheinbar ausweglose Schicksale schonungslos auf die Leinwand heftet, zweitens mit subtilem Humor eine kulinarische Erfolgsgeschichte mit viel Liebe zum Detail auftischt, die ungefähr so geschmackvoll zubereitet ist wie Ang Lees Eat Drink Man Woman, und drittens einen knallharten Killerthriller vor sich hermeucheln lässt, dessen hässliche Effektivität nur die erlösende Antwort ist auf erschütternd perfide Methoden der Unterdrückung. Das hat eine Wucht, kann ich sagen, das berührt und verstört mitunter auch zutiefst, sofern es einem schwerfällt, sich von der Vorstellung zu distanzieren, dem Bösen ausgeliefert zu sein. Mr. Long zwängt sich in diese Tragödie wie ein Freiheitskämpfer wider Willen, wie einer, der zumindest nicht dem Bösen, sondern dem Leben an sich ausgeliefert ist, weil er nichts davon steuern, sondern nur einsetzen kann, was ihn auszeichnet: Kochen und Killen.

Mr. Long

Loving Vincent

BILDLICH GESPROCHEN

6/10

 

lovingvincent© Bild: Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, POLEN 2017

REGIE: DOROTA KOBIELA, HUGH WELCHMAN

CAST: DOUGLAS BOOTH, SAOIRSE RONAN, JEROME FLYNN, ROBIN HODGES, HOLLY EARL U. A.

 

Niemals davor und niemals danach hat je ein Künstler so gemalt wie er: Vincent van Gogh. Der Niederländer war wahrlich kein Kind seiner Zeit, ein aus der Zeit Gefallener sozusagen, einer der als verrückt galt. Der im Malen aber sich selbst fand und die Welt so wiedergab, wie nur er sie sehen konnte. Das war für viele befremdlich, zu wenig vertraut. Van Goghs Stil war weder expressionistisch noch realistisch, aber immerhin einer, den mittlerweile jeder kennt. Denkt man an van Gogh, dann bevorzugt an Sonnenblumen. Wie bei Klimt und seinem Kuss. Oder Da Vinci und seiner Mona Lisa. Van Gogh war aber mehr als Sonnenblumen, mehr als ein ein strahlender Sternenhimmel, beides und anderes bevorzugt auf Souvenirtassen und Postkarten, T-Shirts und jedem nur denkbaren Merchandising. Van Goghs Kunst ist längst ausverkauft. So wie die von Klimt. Ihn zu entkitschen wäre an der Zeit. Das hat Julian Schnabel dieses Jahr mit seiner faszinierenden Psychostudie, die weit mehr ist als ein biographischer Auszug, sondern gleichzeitig auch ein Diskurs über das Schaffen von Kunst an sich, bereits getan. Ganz famos, wie ich finde.

Wenn jemand so einen Stil kreiert wie van Gogh, dann wäre es auch interessant, herauszufinden, ob sich so ein Stil auch animieren lässt. Ob man einen Film drehen kann, der so aussieht wie Malerei, der jede Szene neu bepinselt, wo die Struktur auf der Leinwand auch zur Struktur auf dem Screen werden kann. In Loving Vincent, einem abendfüllenden Werk der polnischen Künstlerin Dorota Kobiela und des britischen Animationsfilmers Hugh Welchman (u. a. Peter und der Wolf), wurde die Probe aufs Exempel gemacht – und mit irrem Aufwand Kader für Kader im Sinne des künstlerischen Erbes van Goghs bemalt. Wer sich so etwas antut, muss von seiner Idee wirklich mehr als überzeugt sein. Und das Œuvre des großen Avantgardisten abgöttisch lieben. Wobei die Person des Niederländers gar nicht mal wirklich eine Rolle spielt, denn in Wahrheit ist es eine Spurensuche, die nach dessen Tod erst seinen Anfang nimmt. Es geht um einen Brief, gezeichnet mit Loving Vincent, der für Bruder Theo bestimmt war. Allerdings: Zustellung unmöglich, der kaufmännisch tätige Bruder, der stets ein gutes Verhältnis zu Vincent hatte, lebt ebenfalls nicht mehr. Was also tun? Wie wär´s damit, herauszufinden, ob am Selbstmord des Malers wirklich was dran ist. Der Sohn des Postmeisters Joseph Roulin, der ebenfalls von van Gogh portraitiert wurde, trifft folglich alte Bekannte des Verstorbenen und schafft sich und dem Zuseher ein ganz anderes Bild des Vordenkers, das ihn als ruhelosen, obsessiv malenden Menschen darstellt, dessen Innerstes sich eigentlich niemandem wirklich erschlossen hat. Der bekannt war, aber nicht wirklich gekannt wurde. Der in einer ganz eigenen Blase seiner Wirklichkeit daheim war, und die vielleicht wirklich so ausgesehen haben könnte wie das, was er zu Papier brachte, ja geradezu bringen musste, denn was man sagen kann, und was auch mit Julian Schnabels Interpretation d’accord geht, ist die Prämisse: „Ich male, also bin ich. Male ich nicht, bin ich tot.“ Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit aber scheint an van Goghs Ableben keine Zweifel zu haben – Suizid war es in diesem Film keiner. Eine Theorie, die sich immer noch hält. Und ein Geheimnis, das weder dieser oder der andere Streifen wirklich lüften kann.

Natürlich ist es verblüffend, was Loving Vincent visuell hergibt. Der Film ist ein Experiment, Animation auf einer Stufe, die van Goghs Meisterwerke an eine semidokumentarische, fiktive Handlung bindet, die im Gegensatz zu dem entfachten Bildersturm in kühler Klarheit, ja geradezu nüchtern-sachlicher Art aufklärerischen Schulfernsehens auf eine nicht unangestrengte, investigative Reise mitnimmt, auf der wir sogar trotz Überpinseln bekannte Gesichter wie jenes von Saoirse Ronan oder Game of Throne-Star Jerome Flynn erkennen. Die in abstrakte Räume führt, die alle schon mal Motive für van Gogh waren, an denen er gearbeitet und gelebt hat. Loving Vincent ist wie eine begehbare exklusive Ausstellung, an der man keinen Schritt tun muss, deren Exponate mit unermüdlicher, flirrender Nervosität auf den Zuseher einwabern und das Auge durchaus fordern, da all die Bilder nicht wirklich Tiefe haben, weniger als ein klassischer Trickfilm. Das ist mitunter anstrengend, vor allem weil der Plot selbst in gediegener Ruhe gemächlich vor sich her schummert und die Dynamik eines im Wasserglas gerührten Farbpinsels hat. Das ist versponnen, sinnierend, es sind Gespräche, sonst nichts. Was andererseits aber wieder gut ist, denn die Optik lenkt von allem ab, man sucht die Details und lässt sich beeindrucken, doch es ist auch klar, was der Film will. Ein Experiment sein, ein faszinierendes Kuriosum, einzig und allein der Machart wegen. Weil geht, was geplant war. Ob van Gogh selbst beeindruckt wäre? Sicher kann ich das nicht sagen, vielleicht würde er meinen, dass diese Art Plakativität auch nichts anderes ist als ein Ausverkauf seiner Kunst. Weil sie eben gefällt, weil diese Farben und Formen alle Gemüter ansprechen, weil es bunt ist und opulent. Das hätte dem Meister wohl eher gefallen, vielleicht aber auch Angst gemacht. Wer wird das je wissen, ist der Mann doch ein einziges Mysterium, dem man sich vielleicht nur über dem Bildweg nähern und so einen großen gemeinsamen Nenner finden kann, eben wie in Loving Vincent.

Loving Vincent

Der Junge muss an die frische Luft

HUMOR IST, WENN MAN TROTZDEM LACHT

6,5/10

 

frischeluft© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: CAROLINE LINK

CAST: JULIUS WECKAUF, LUISE HEYER, SÖNKE MÖHRING, HEDI KRIEGESKOTTE, JOACHIM KROL, URSULA WERNER U. A. 

 

Was wurde eigentlich aus Hape Kerkeling? 2014 hat er sich doch anlässlich seines 50ers weitestgehend aus dem Showgeschäft zurückgezogen. Untätig ist er aber dennoch nicht geblieben. Nach dem so vergnüglichen wie besinnlichen Bestseller Ich bin dann mal weg, der 2006 erschien und Hape´s Erfahrungen und Betrachtungen auf dem Jakobsweg zum Thema hatte, könnte die Verarbeitung der eigenen Kindheit in autobiografischer Buchform womöglich auch eine gewisse Bandbreite an Lesern erreichen, bekannt genug ist der Komödiant nicht nur als Horst Schlämmer, und da er seit gut 4 Jahren ohnehin nur noch als Synchronstimme präsent gewesen war (u. a. Die Eiskönigin und Kung Fu Panda), nimmt die interessierte Fangemeinde, was sie kriegen kann. Wenn das noch die eigenen Erinnerungen aus einem Westdeutschland Anfang der Siebziger Jahre sind, und wo es ganz viel um Familie und Schicksal geht, ist ein zweiter Bestseller garantiert. Doch eines sollte man vorweg wissen: das Werk mit dem so treffenden wie augenzwinkernden Titel Der Junge muss an die frische Luft ist weder eine Art Greg´s Tagebuch auf recklinghauserisch, noch ein Michel von Lönneberga – sondern etwas ganz zerbrechlich Zartes, eine wehmütige Erzählung aus einem schicksalhaften Damals, in der eigentlich nichts so lustig war, wie es später in Kerkelings Oeuvre gang und gäbe sein wird. Caroline Link, die mit Nirgendwo in Afrika 2003 den Oscar gewinnen konnte, hat den großen deutschen Entertainer dazu eingeladen, in enger Zusammenarbeit und im steten Dialog das berührende Buch über eine Kindheit voller Lachen und Weinen behutsam zu verfilmen.

Daraus geworden ist zwar nicht etwas ganz anderes, als ich erwartet hätte, aber zumindest ein unerwartet schwermütiger Film, der weitab einer unbekümmerten Kindheit längst nicht so erbaulich ist, wie der Trailer vorab vermuten ließ, obwohl man auch da schon mitbekommt, dass sich das Erzählte um das Schicksal von Hape´s Mutter drehen wird. Der ganze große Film allerdings verspricht, noch tiefer in die Finsternis ohnmächtiger Kindersorgen vorzudringen, wobei szenenweise Erinnerungen an Adrian Goiginger´s eigener autobiografischer Aufarbeitung Die Beste aller Welten wach werden. Auch dort geht es um ein Kind, das versucht, die Unpässlichkeiten der Eltern auszugleichen und sich anzupassen. Drogen und sozialer Missstand sind dort das Thema, während bei Der Junge muss an die frische Luft Mutter Kerkeling aufgrund einer Nebenhöhlenoperation Geruchs- und Geschmackssinn verliert. Damit einhergehend stürzt die junge Frau in eine tiefe Depression. So ein psychisches Leiden ist, wie ich finde, für ein Kind ohnehin noch schwerer nachzuvollziehen als für einen Erwachsenen. Doch der kleine Hans Peter, gesegnet mit einer ordentlichen Portion Sinn für Humor und einem publikumswirksamen Hang zur Parodie diverser Charaktere aus dem eigenen Alltag, weiß seine Mama stets zum Lachen zu bringen. Der spontane Witz in Momenten, die alles andere als eine launige Präsentationsfläche für skurrile Scherze bieten, scheint die Schwermütigkeit des geliebten Menschen zumindest für Minuten zu vertreiben. Humor als die Möglichkeit, der Widrigkeit des Lebens zu trotzen – bis gar nichts mehr geht. Und auch der kleine Hans Peter das größte seiner Talente zu verlieren scheint.

Mit Julius Weckauf hat Caroline Link treffsicheres Gespür bewiesen – so wie mit all dem übrigen Ensemble auch. Der elfjährige Junge ist so wie Jeremy Miliker aus Goiginger´s erwähntem Film ein Naturtalent, wenn es darum geht, die unterschiedlichsten Situationen emotional aufzugreifen. Kann gut sein, dass Kerkeling selber bei Betrachtung von Weckauf´s Schauspiel tatsächlich sich selbst sehen konnte. Umso schmerzlicher womöglich, die schwere Zeit von damals noch dazu in bewegten Bildern zu betrachten, die womöglich sehr genau der eigenen Wahrnehmung von damals entsprechen. Und ja, der Humor macht sogar für das Publikum einiges leichter, denn ohne ihn wäre das teils herzzerreißende Drama schwer zu ertragen. Die Szene, in welcher der trauernde Junge um den leeren Küchenstuhl seiner Mutter tanzt, im Pyjama mitten in der Nacht, und mit dem Licht der Wärmelampe, mit der sich Mama stets zu therapieren versucht hat, ist von bittersüßer Wehmut und spiegelt den Seelenzustand Kerkelings als Gänsehautmoment wieder.

Wenngleich Der Junge muss an die frische Luft es nicht wagt, aus der konventionellen Chronik einer Biographie auszubrechen, und die Szenen einer Kindheit Stück für Stück aneinandergereiht sind, ohne ineinander zu fließen, ist das mit 70er Schlagern unterlegte, tragikomische Drama einer Kindheit voll aufrichtiger Wehmut und blickt mit erhobenem Blick nach vorne. Traurig ist der Film dennoch, aber niemals rührselig. Das Durchatmen mag am Ende des Filmes immer schwerer werden, der Kloß im Hals garantiert, spätestens dann, wenn Hape Kerkeling selbst aus dem Off abschließende Worte sagt. Kurzum: Humor ist also, wenn man trotzdem lacht. Und dabei nicht vergisst, wer man ist. Das hat Deutschlands großer Spaßmacher schon damals verstanden.

Der Junge muss an die frische Luft

A Star is Born

VON RUHM UND RUM

5,5/10

 

astarisborn© 2000-2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRADLEY COOPER

CAST: LADY GAGA, BRADLEY COOPER, SAM ELLIOT, DAVE CHAPELLE, BONNIE SOMERVILLE U. A.

 

Erstaunlich, was Make-up so alles leisten kann. Personen des öffentlichen Interesses können sich glücklich schätzen, zugekleistert bis zu den Haarspitzen ihr wahres Erscheinungsbild zu verschleiern, um im Alltag unbekümmert einkaufen zu gehen. Die wenigsten würden womöglich Marilyn Manson ohne Spuk-Verputz auf den Wangen als solchen erkennen, Kiss-Frontsänger Gene Simmons ohne Venom-Schlecker und Augenblitze, und auch Lady Gaga nicht, die eigentlich Stefani Germanotta heißt, die mal in Schlabberhose und T-Shirt schnell mal Milch kaufen geht. Für letztere könnte sich aber mit Bradley Cooper´s Regiedebüt einiges ändern. Denn in A Star is Born, da zeigt sich Germanotta, die hier wirklich nicht mehr Lady Gaga ist, von einer verblüffend natürlichen Seite, als wäre sie die eigene Nachbarin, die bei Abwesenheit Paketzustellungen übernimmt. Lady Gaga wird Mensch, behält zwar ihren Künstlernamen, streift aber sonst all das aufgebrezelt unechte und Artifizielle von sich ab, inklusive der künstlichen Augenbrauen, wobei ihr Bradley Cooper hierbei sogar in Echtzeit zur Hand geht.

A Star is Born ist ein sehens- und vor allem hörenswerter Film, der aber einzig und allein aufgrund der Gesangs- und Spielgewalt Lady Gaga´s diesen Status erreicht. Hätten wir den Überraschungseffekt einer abgeschminkten Kunstfigur nicht, und wäre nicht die Neugierde so groß, diesen exaltierten Weltstar so gänzlich auf die niederen Ränge einer Normalsterblichen heruntergebrochen zu begaffen, wäre A Star is Born ein Film, der seine Hauptdarsteller aneinander vorbeispielen lässt und im Grunde außer lähmender Ernüchterung nicht viel Mehrwert für das Kinopublikum besitzt. Bradley Cooper scheint aus seinem Hangover zumindest in diesem Film auch niemals wirklich herauszufinden, da er den Zustand der verkaterten Ernüchterung eigentlich selten erreicht. Diese Überdosis Alkohol durfte er in Todd Philipps dreimaligem Sautanz für große Buben als Lachnummer wieder auskurieren – in seiner Neuinterpretation des bewährten Stoffes von Licht und Finsternis der Showbranche gibt es rein gar nichts mehr zu lachen. Cooper inszeniert sich selbst als bemitleidenswerte, verschwitzt-unrasierte Mischung aus Harald Juhnke in den letzten Jahren und dem Versuch, Kris Kristofferson auf Augenhöhe zu begegnen. Natürlich, schauspielerisch hat Bradley Cooper auf alle Fälle Talent. Den versoffenen Altstar verkörpert er souverän, bis zuletzt ist dieser bis zum Fremdschämen verkorkste Country-Rocker auf den Punkt gebracht. Die zumindest im Original so verraunzte wie belegte tiefe Stimme erzeugt schon eine ordentliche Portion Testosteron, die uns da um die Ohren fliegt – und der auch Lady Gaga erliegt, wobei sie wiederum nicht so genau weiß, ob sie sich das, was sie sich da mit Filmfigur Jackson Maine da zugelegt hat, wirklich auf die Dauer antun soll. Lange braucht es nicht, und das Aufblicken auf den Leit-Promi der Musikszene wechselt bald mit einem Blick ganz tief hinab auf ein eifersüchtiges, psychisch enorm labiles Wrack, das um ihre koketten Fußballerwaden herumkreucht. Da fällt mir ganz plötzlich Nicolas Cage ein, in seiner Oscar-prämierten Rolle des Säufers aus Leaving Las Vegas. Jackson Maine allerdings hat in A Star is Born noch dazu das Trauma einer zerrütteten Kindheit mit sich herumzutragen. Diese Figur, die ist also von Anfang an zum Scheitern verurteilt, und gar nicht so sehr das Opfer einer rücksichtslosen Musikerbranche, die sich eigentlich relativ dankbar zeigt, was die Fans von E-Gitarre und erdigem Männergesang betrifft. Cooper orientiert sich an Jeff Bridges und adaptiert die Rolle des abgewrackten Country-Stars aus Crazy Heart für die traurige Mär von Ruhm, Rum und seidenmatten Glanz, der immer stumpfer wird.

Den Verrat, den begeht eigentlich Lady Gaga an sich selbst. Ihr Weg zum Ruhm ist eine Anbiederung an den Kommerz und ein Ausverkauf ihrer Ideale. Erfolg ist eine Sache, die andere die Essenz des Talents und des Könnens, die einem flüchtigen Platz am Olymp der Stars geopfert wird. Irgendwann beginnt das große Herumhampeln als Popsternchen inmitten einstudierter Tänzer im Glitter, ein austauschbarer und für mich sehr entbehrlicher Event-Stil, mit welchem sich Gesangsgöttin Ally wohl kaum wirklich identifizieren wird. Das Stimmwunder wird zur Marionette, daneben ihre große Liebe und ihr Entdecker: der alkoholkranke Kamikaze-Held, bis auf die Knochen blamiert, und der Absturz geht weiter.

Zu wirklich beeindruckender Größe schafft es A Star is Born in den wenigen Szenen, in denen Cooper und Lady Gaga auf der Bühne ihr Duett zum Besten geben. Shallow ist schon jetzt ein Klassiker unter den Filmsongs, und mich würde es schon sehr wundern, wenn beide, oder zumindest Germanotta, nicht Anfang nächsten Jahres den Goldjungen dafür abstauben würden. Als Konzertfilm würde die Liebesgeschichte im Schatten des Glamours für mich bestens funktionieren und wäre womöglich sogar ein Highlight des Kinojahres geworden, denn Lady Gaga ist eine Entdeckung, ihre Stimme berührend, ihre Auftreten sympathisch, fast schon burschikos und im Glauben an sich selbst so ansteckend zuversichtlich. Klar, Gaga plaudert hier aus dem Nähkästchen, autobiographischen Subtext holt sie sich womöglich unter autodidaktisch angelerntem Method Acting mit Leichtigkeit aus ihrem Erfahrungsschatz. Leider aber gilt zwischen den Acts das große Hollywood-Kino eines La La Land-Musicals als vermisst, und Bradley Cooper bleibt in seinem etwas überlang geratenen und teils auch leerläufigen Epos ernüchternd pessimistisch. Er selbst und sein Co-Star, die wandern irgendwann nach Halbzeit so ziemlich auseinander, das Knistern des Anfangs fällt weg, die eine Figur steigt auf, die andere ab, Berührungspunkte sind rein zweckmäßig. So muss ich A Star is Born als viel zu schwermütigen, teils trägen Versuch betrachten, einen großen Musikfilm auf die Leinwand zu tönen, der zwischen Talenteshow, Lovestory und Suchtdrama zu wählen hätte und sich leider vorwiegend für letzteres entscheidet, sein Kraftpotenzial damit aber nicht ausbalancieren kann. Bei Coopers Regie ist also noch Luft nach oben. Und beim kometenhaften Aufstieg eines Label-Zugpferds namens Lady Gaga sehr bald genügend Luft nach unten, bis in die schattenseitige Hölle des Ruhms.

A Star is Born