Cold War – Der Breitengrad der Liebe

KEIN KRAUT GEGEN LIEBE

6/10

 

coldwar© 2018 Polyfilm

 

LAND: POLEN 2018

REGIE: PAWEL PAWLIKOWSKI

CAST: JOANNA KULIG, TOMASZ KOT, BORYS SZYC, AGATA KULESZA U. A.

 

Unterwegs im Nachkriegs-Polen, natürlich in Schwarzweiß. Erinnerungen an Schindlers Liste werden wach, aber das legt sich bald. Viel mehr ist nun Andrej Tarkowskij am Zug. Die Bilder aus der Provinz sind karg und authentisch, irgendwie auch entrückt. In dieser folkloristischen Wildnis bemüht sich Komponist Wiktor, altes Liedgut zu entlocken, direkt vorort, sowohl von den Alten als auch von den Jungen. Entdeckt verborgene Talente und Melodien, die berühren. Mitunter berühren sie auch deswegen, weil die Liebe ewiges Thema dieser Volksstücke sind. Kummer, Sehnsucht, ewiges Versprechen. Da findet die traute Zweisamkeit zwischen Mann und Frau ihr Elysium, ihre poetische Reife. Da wird Liebe zur Legende. Zu etwas, das sich wiederholt rezitieren lässt, in harmonischen Klängen. Wiktor weiß das zu schätzen, will er doch ein Ensemble auf die Beine stellen, das all die vom Krieg verschüttete Kultur wieder auf einen Nenner bringen soll, gebündelt und überarbeitet, neu und auch jenseits der Grenzen präsentierbar. Kultur darf natürlich nicht verloren gehen, muss konserviert werden. So wie die Liebe. Und die ist manchmal da, wenn man sie gar nicht braucht. Wie im Fall der jungen, selbstbewussten Zula (Joanna Kulig, auch zu sehen in der amazon-Serie Hanna), die einfach jeden Ton trifft, quasi ein verborgenes Talent zu sein scheint und den ehrgeizigen, etwas stoisch dreinblickenden Komponisten fasziniert. Aber ist das nicht eher ein Fluch, der da übertragen wird? Ähnlich einer ansteckenden Krankheit, der Krankheit Liebe?

Liebe, so wie wir sie uns jetzt vorstellen mögen, mit all ihrem rosenstreuenden Brimborium, schmachtenden Blicken und gehauchten Geständnissen, fast ein bisschen so wie Bogart und Bergmann in Casablanca, diese Liebe werden wir in Cold War – Der Breitengrad der Liebe, leider verzweifelt vermissen. Obwohl Pawel Pawlikowski sich zumindest bei Thomasz Kot an das charakterliche Grundmuster des Trenchcoatträgers Bogart angelehnt hat. Joanna Kulig hingegen ist längst nicht Ingrid Bergmann. Dafür ist sie viel zu resolut. Viel zu eigennützig. Und ebenfalls einem Fluch verfallen, der sich nur zu gerne abschütteln lassen würde. Allein – es klappt nicht. Denn was die beiden verbindet – den Komponisten und die Sängerin – ist höchstens ein gewisses gemeinsames Leiden unter einer Verbundenheit, die sich wie ein amorphes Stigma über die beiden Auserwählten gelegt hat. Das klingt jetzt etwas hart, vielleicht habe ich da auch zu radikale Wörter bemüht. Was ich damit aber sagen will: Cold War ist zwar ein Liebesfilm, aber einer, der soweit von Romantik und Gefühlsidealen entfernt ist wie Roman Polanskis bizarrer Beziehungsreigen Bitter Moon.

Pawlikowskis Film ist eine mögliche Antithese zu diesem viel zitierten, in Kunst und Kultur flächendeckend angewandten Mysterium zwischenmenschlicher Zweisamkeit. Sobald sich die erste Gelegenheit ergibt, stehlen sich Zula und Wiktor davon, um ihrer vorrangig sexuellen Wut Luft zu machen. Sex wird zu einem quälenden Symptom, schafft kaum Befriedigung, ist wie das Niesen bei einem Schnupfen. Ist der Einstand mal getan, können Mann und Frau nicht mehr voneinander lassen, obwohl, und das lässt sich in jeder Szenen des Filmes spüren, beide dies so gern tun würden. Weder Zula noch Wiktor vermitteln dem Zuseher das innige Lodern einer Leidenschaft. Beide bleiben sachlich, direkt kühl und abschätzend. Nach längerer Trennung dann wieder die Vereinigung – im Zuge dieser Stationen der Beharrlichkeit eines inneren, unzerreissbaren Bandes verändert sich auch die Liedkultur des Minnesangs. Vom ländlichen Stimmzauber bis zum anrüchigen Chanson reicht die Palette, und immer bizarrer wird das Verhältnis zueinander. Immer ignoranter, beschämender, eigentlich ausdrucksloser. Thomasz Kot trägt sowieso nur die Maske eines vorgestrigen Männerbildes. Joanna Kulig ist wie eine Joanne Moreau in ihren besten Jahren, die, und das könnte man vermuten, die bessere Hälfte rational betrachtet am liebsten loswerden will.

Die Liebe, die hat in Cold War nichts verloren, von Anfang an nicht. Sie bleibt konserviert im Liedgut europäischer Romanzen aus Stadt und Land. Pawlikowskis Film ist wie ein Versuch, einer seltsamen Bestimmung auszuweichen, ungefähr so wie Amors Pfeil, der seine Opfer sucht. Trifft er, so hat man ihn, und der einzige Weg hier wieder raus bleibt vielleicht nur Shakespeare überlassen.

Cold War – Der Breitengrad der Liebe

Juliet, Naked

DER FAN IN MEINEM BETT

7,5/10

 

julietnaked© 2018 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: JESSE PERETZ

CAST: ROSE BYRNE, ETHAN HAWKE, CHRIS O’DOWD U. A.

 

Nerds können manchmal anstrengend sein. Über nichts lässt sich plaudern, außer über das Objekt der Begierde, der Lebenszeit verschlingenden Leidenschaft. Nerds können aber auch witzig sein, viel mehr belächelnd witzig, sodass der Lachende froh ist, nicht ganz so zu sein wie der, über den sich andere gerade amüsieren. Dieses Konzept hat bei The Bing Bang Theory eine Zeit lang gut funktioniert – und den Experten mit Tunnelblick für das Nicht-Wesentliche salonfähig gemacht. Nick Hornby hat sich auch damit beschäftigt. Also mit den Eigenheiten eines Fans. Noch dazu eines Fans, der in einer Beziehung lebt. Der hat in dessen komödiantischer Romanze ein unergründliches Faible für einen ganz gewissen Musiker, der irgendwie zum Mythos wurde, nachdem er nach wenigen Jahren des Ruhms plötzlich in der Versenkung verschwand. Einziger Hinweis über dessen Verbleib sind unscharfe Schnappschüsse, die ungefähr so aussagekräftig sind wie das Waldfoto von Bigfoot.

Tucker Crowe hieß also dieser geheimnisvolle Songwriter, und Lebensgefährte Duncan hat sich vor lauter Hingabe im häuslichen Keller eine Art Schrein errichtet, in welchem er den erdigen Balladen des Verschwundenen mit Hingabe lauscht und einen Fanblog unterhält, der gerade mal eine Handvoll Follower hat. Auch Freundin Annie liest mit, wagt leise Kritik an einem bisher unveröffentlichten Unplugged-Tape des Künstlers – und setzt damit eine ungewöhnliche Verkettung von Ereignissen in Gang, die Tucker Crowe auf der Bildfläche erscheinen lassen. Und zwar deutlicher, als manch einem lieb sein kann. Mitunter auch dem Fan selbst.

Wer sich an den literarischen Vorlagen von Nick Hornby vergreift, braucht sich um den Plot keine Sorgen mehr machen. Diese Bücher (die ich leider selbst noch nie gelesen habe) leben, wie es den Verfilmungen nach scheint, von recht unaufgeregt skurrilen, alltäglichen Verstrickungen und von kuriosen romantischen Konstellationen, vor allem Ausgangssituationen, die recht schnell und wortgewandt in die Substanz des Erzählten finden, ohne um den heißen Brei herumzustromern. Das war bei High Fidelity oder About a Boy schon der Fall, und das ist bei Juliet, Naked genauso. Wieder ist die Musik etwas, ohne der es sich nicht gut leben lässt, ist die nerdige Verspieltheit und ein irgendwie nicht ganz ernstzunehmender Ernst diversen geschmacksorientierten Schräglagen gegenüber Fokus dieser intellektuell angehauchten Boulevardkomödien. Schauspielerisch bietet sich hier einiges an Möglichkeiten, damit sich längst etablierte Stars nochmal fast intuitiv entfalten und auf komödiantisch tun können, ohne sich lächerlich zu machen. Denn Hornbys Komödien, die haben Niveau, Geschmack und Stil. Sind nicht hemdsärmelig, sondern gesprächsverliebt. Niemals mieselsüchtig, und wenn, dann höchstens trotzig, aber immer zuversichtlich. Genauso reagiert Rose Byrne auf den kuriosen Wink des Schicksals, der ihr Ethan Hawke nach Hause lotst – als Ex-Musiker im Gammel-Look, der in der Garage wohnt, nebenan die Exfrau, doch was tun bei einem gemeinsamen Kind? Irgendwas will der ehemalige Schwerenöter und Dauerbekiffte doch noch auf die Reihe bekommen. Und neben dem Filius könnte auch noch aus Anne ein neuer Lebensmensch werden. Dieser Versuch hat nun einige spaßige Situationskomik in petto, der souverän ergraute Ethan Hawke ist großartig, wie er versucht, sich händeringend all der Familie zu erwehren, die da die seine ist. Und spätestens wenn der Lieblingsschauspieler eines Richard Linklater zwischen Sonnenaufgang und -untergang eine rauchig-melancholische Version von Waterloo Sunset unter Keyboardbegleitung in die Runde schmettert, gehört Juliet, Naked ganz sicher zu meinen liebsten Komödien der letzten Zeit. Weil all die schmeichelnde Ironie dieses Films beweist, dass es auch ohne Slapstick und tiefer Kalauer gehen kann. Dass man einfach eine gute, kluge Geschichte braucht, um zu begeistern. Da muss man gar kein Fan sein, von irgendetwas. Und wenn doch, dann wäre es wohl besser, wenn die Person des öffentlichen Interesses weit genug wegbleibt, um die Wolke 7 aus Sehnsucht und Anbetung nicht abregnen zu lassen.

Juliet, Naked

Smallfoot

ZEIGT HER EURE FÜSSE

7/10

 

smallfoot© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: KAREY KIRKPATRICK, JASON REISIG

MIT DEN STIMMEN VON: CHANNING TATUM (KOSTJA ULLMANN), GINA RODRIGUEZ, ZENDAYA, JAMES CORDEN U. A.

 

Reinhold Messner hat als Vortragender und High Society-Abenteurer wohl genug um die Ohren, um ins Kino zu gehen, aber diesen Film sollte er sich wirklich nicht entgehen lassen. Wie wir wissen, hat der Südtiroler Extrembergsteiger vor langer Zeit ja tatsächlich Stein und Bein geschworen, einem gigantischen weißen Fellknäuel, der im Volksmund Yeti genannt wird, begegnet zu sein – bis er irgendwann diese marktschreierische Lüge leider dementieren musste. Nach der Sichtung von Smallfoot könnte man ja dazu geneigt sein, Messner´s Dementi auch in einem anderen Licht zu betrachten. Und all diejenigen, die ein Faible für komödiantische Animationsfilme haben, können den vollbärtigen Brixener ruhig begleiten. Denn Smallfoot ist eine enorm liebevolle Bergtour bis jenseits der Wolken geworden. Und was Smallfoot vor allem anderen auszeichnet: die phantastische, aufwändig entworfene Schneeballschlacht von Drehbuchspezialist Karey Kirkpatrick und Jason Reisig ist zum Brüllen komisch.

Man kann den Spieß auch umdrehen und daran zweifeln, dass es den Smallfoot – in diesem Fall die Spezies Homo sapiens – in Wirklichkeit überhaupt gibt. Das lässt sich leicht machen, sofern man selbst ein Yeti ist, und als Yeti irgendwo am Berg in völliger Isolation seiner eigenen eiskalten, aber alles andere als unterkühlten Kultur frönt. Wer weiß, was Reinhold Messer alles gesehen hat – vielleicht so viel wie dieser unglückliche Bruchpilot, der vor den Toren der klirrend kalten Festung der Yetis niedergeht. Migo, der so blaulippige wie nasenlose wandelnde Bettvorleger, ist zur rechten Zeit am rechten Ort, um eines dieser mythischen Menschenwesen mit eigenen Augen zu sehen. Warum ihm danach keiner glaubt, und warum Migo verbannt wird und wieso das Oberhaupt des kleinen Reiches ein zentnerschweres Steingewand mit sich herumträgt, darüber verliere ich jetzt nicht allzu viele Worte, denn der Reiz des vorwiegend in geschmackvollen Blau-, Türkis und Lilatönen kolorierten, geistreichen Komödie liegt in den originellen inhaltlichen Details, die den Alltag der Schneemonster umreißen. Spätestens dann, wenn sich die fleischgewordenen kryptozoologischen Unikume talwärts bewegen, gibt es humoristisch gesehen kein Halten mehr.

Normalerweise sind die Drehbücher für Animationskomödien eine Aneinanderreihung schriller Slapstickszenen, die den eigentlichen Plot untergeordnet wissen. Bei Pixar ist es meist umgekehrt. Dass die Warner Animation Group Ähnliches zuwege bringen kann, erstaunt mich dann doch. Die großartigsten Momente sind nicht unbedingt die immer wiederkehrenden Gesangseinlagen, die an Frozen erinnern, die aber junges, weibliches Publikum nachhaltig an sich binden, sondern der Sichtwechsel zwischen Mensch und Yeti. Für letztere sprechen Menschen piepsendes Kauderwelsch, und für unsereins können Yetis nichts anderes als grölen und brüllen. Diese leidenschaftlich zelebrierte Differenz birgt eine Situationskomik, die ungefähr so unterhaltsam ist wie die Sicht der kalaharischen N´Xau auf die Zivilisation in Die Götter müssen verrückt sein. Das ist so charmanter wie augenzwinkernder Humor, und umrahmt sogar pädagogisch wertvolle Botschaften wie Respekt, Völkerverständigung, Toleranz und die Neugier, doch einfach mal hinter den Horizont zu blicken – wo vielleicht ein paar Antworten warten. Auf Fragen, die lange schon gestellt sind.

Ob es den Yeti gibt, ist rückblickend ganz einerlei. Es ist schon erfüllend genug, dass das augenscheinlich gutmütige Wesen in unserer Vorstellung Gestalt annimmt – und in so atemberaubend animierten Filmen wie Smallfoot seinen barfüßigen Auftritt erhält.

Smallfoot

A Star is Born

VON RUHM UND RUM

5,5/10

 

astarisborn© 2000-2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRADLEY COOPER

CAST: LADY GAGA, BRADLEY COOPER, SAM ELLIOT, DAVE CHAPELLE, BONNIE SOMERVILLE U. A.

 

Erstaunlich, was Make-up so alles leisten kann. Personen des öffentlichen Interesses können sich glücklich schätzen, zugekleistert bis zu den Haarspitzen ihr wahres Erscheinungsbild zu verschleiern, um im Alltag unbekümmert einkaufen zu gehen. Die wenigsten würden womöglich Marilyn Manson ohne Spuk-Verputz auf den Wangen als solchen erkennen, Kiss-Frontsänger Gene Simmons ohne Venom-Schlecker und Augenblitze, und auch Lady Gaga nicht, die eigentlich Stefani Germanotta heißt, die mal in Schlabberhose und T-Shirt schnell mal Milch kaufen geht. Für letztere könnte sich aber mit Bradley Cooper´s Regiedebüt einiges ändern. Denn in A Star is Born, da zeigt sich Germanotta, die hier wirklich nicht mehr Lady Gaga ist, von einer verblüffend natürlichen Seite, als wäre sie die eigene Nachbarin, die bei Abwesenheit Paketzustellungen übernimmt. Lady Gaga wird Mensch, behält zwar ihren Künstlernamen, streift aber sonst all das aufgebrezelt unechte und Artifizielle von sich ab, inklusive der künstlichen Augenbrauen, wobei ihr Bradley Cooper hierbei sogar in Echtzeit zur Hand geht.

A Star is Born ist ein sehens- und vor allem hörenswerter Film, der aber einzig und allein aufgrund der Gesangs- und Spielgewalt Lady Gaga´s diesen Status erreicht. Hätten wir den Überraschungseffekt einer abgeschminkten Kunstfigur nicht, und wäre nicht die Neugierde so groß, diesen exaltierten Weltstar so gänzlich auf die niederen Ränge einer Normalsterblichen heruntergebrochen zu begaffen, wäre A Star is Born ein Film, der seine Hauptdarsteller aneinander vorbeispielen lässt und im Grunde außer lähmender Ernüchterung nicht viel Mehrwert für das Kinopublikum besitzt. Bradley Cooper scheint aus seinem Hangover zumindest in diesem Film auch niemals wirklich herauszufinden, da er den Zustand der verkaterten Ernüchterung eigentlich selten erreicht. Diese Überdosis Alkohol durfte er in Todd Philipps dreimaligem Sautanz für große Buben als Lachnummer wieder auskurieren – in seiner Neuinterpretation des bewährten Stoffes von Licht und Finsternis der Showbranche gibt es rein gar nichts mehr zu lachen. Cooper inszeniert sich selbst als bemitleidenswerte, verschwitzt-unrasierte Mischung aus Harald Juhnke in den letzten Jahren und dem Versuch, Kris Kristofferson auf Augenhöhe zu begegnen. Natürlich, schauspielerisch hat Bradley Cooper auf alle Fälle Talent. Den versoffenen Altstar verkörpert er souverän, bis zuletzt ist dieser bis zum Fremdschämen verkorkste Country-Rocker auf den Punkt gebracht. Die zumindest im Original so verraunzte wie belegte tiefe Stimme erzeugt schon eine ordentliche Portion Testosteron, die uns da um die Ohren fliegt – und der auch Lady Gaga erliegt, wobei sie wiederum nicht so genau weiß, ob sie sich das, was sie sich da mit Filmfigur Jackson Maine da zugelegt hat, wirklich auf die Dauer antun soll. Lange braucht es nicht, und das Aufblicken auf den Leit-Promi der Musikszene wechselt bald mit einem Blick ganz tief hinab auf ein eifersüchtiges, psychisch enorm labiles Wrack, das um ihre koketten Fußballerwaden herumkreucht. Da fällt mir ganz plötzlich Nicolas Cage ein, in seiner Oscar-prämierten Rolle des Säufers aus Leaving Las Vegas. Jackson Maine allerdings hat in A Star is Born noch dazu das Trauma einer zerrütteten Kindheit mit sich herumzutragen. Diese Figur, die ist also von Anfang an zum Scheitern verurteilt, und gar nicht so sehr das Opfer einer rücksichtslosen Musikerbranche, die sich eigentlich relativ dankbar zeigt, was die Fans von E-Gitarre und erdigem Männergesang betrifft. Cooper orientiert sich an Jeff Bridges und adaptiert die Rolle des abgewrackten Country-Stars aus Crazy Heart für die traurige Mär von Ruhm, Rum und seidenmatten Glanz, der immer stumpfer wird.

Den Verrat, den begeht eigentlich Lady Gaga an sich selbst. Ihr Weg zum Ruhm ist eine Anbiederung an den Kommerz und ein Ausverkauf ihrer Ideale. Erfolg ist eine Sache, die andere die Essenz des Talents und des Könnens, die einem flüchtigen Platz am Olymp der Stars geopfert wird. Irgendwann beginnt das große Herumhampeln als Popsternchen inmitten einstudierter Tänzer im Glitter, ein austauschbarer und für mich sehr entbehrlicher Event-Stil, mit welchem sich Gesangsgöttin Ally wohl kaum wirklich identifizieren wird. Das Stimmwunder wird zur Marionette, daneben ihre große Liebe und ihr Entdecker: der alkoholkranke Kamikaze-Held, bis auf die Knochen blamiert, und der Absturz geht weiter.

Zu wirklich beeindruckender Größe schafft es A Star is Born in den wenigen Szenen, in denen Cooper und Lady Gaga auf der Bühne ihr Duett zum Besten geben. Shallow ist schon jetzt ein Klassiker unter den Filmsongs, und mich würde es schon sehr wundern, wenn beide, oder zumindest Germanotta, nicht Anfang nächsten Jahres den Goldjungen dafür abstauben würden. Als Konzertfilm würde die Liebesgeschichte im Schatten des Glamours für mich bestens funktionieren und wäre womöglich sogar ein Highlight des Kinojahres geworden, denn Lady Gaga ist eine Entdeckung, ihre Stimme berührend, ihre Auftreten sympathisch, fast schon burschikos und im Glauben an sich selbst so ansteckend zuversichtlich. Klar, Gaga plaudert hier aus dem Nähkästchen, autobiographischen Subtext holt sie sich womöglich unter autodidaktisch angelerntem Method Acting mit Leichtigkeit aus ihrem Erfahrungsschatz. Leider aber gilt zwischen den Acts das große Hollywood-Kino eines La La Land-Musicals als vermisst, und Bradley Cooper bleibt in seinem etwas überlang geratenen und teils auch leerläufigen Epos ernüchternd pessimistisch. Er selbst und sein Co-Star, die wandern irgendwann nach Halbzeit so ziemlich auseinander, das Knistern des Anfangs fällt weg, die eine Figur steigt auf, die andere ab, Berührungspunkte sind rein zweckmäßig. So muss ich A Star is Born als viel zu schwermütigen, teils trägen Versuch betrachten, einen großen Musikfilm auf die Leinwand zu tönen, der zwischen Talenteshow, Lovestory und Suchtdrama zu wählen hätte und sich leider vorwiegend für letzteres entscheidet, sein Kraftpotenzial damit aber nicht ausbalancieren kann. Bei Coopers Regie ist also noch Luft nach oben. Und beim kometenhaften Aufstieg eines Label-Zugpferds namens Lady Gaga sehr bald genügend Luft nach unten, bis in die schattenseitige Hölle des Ruhms.

A Star is Born

Florence Foster Jenkins

MUSIK IST, WENN MAN TROTZDEM SINGT

6,5/10

 

fosterjenkins© 2016 Constantin Film / Quelle: hollywoodreporter.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: STEPHEN FREARS

MIT MERYL STREEP, HUGH GRANT, SIMON HELBERG U. A.

 

Meryl Streep hat es nach Mamma Mia wieder getan. Sie hat sich abermals dem Gesang hingegeben. Doch diesmal nicht in blauer Latzhose und Lockenmähne, sondern in aufgerüschten Blusen und jeder Menge Schmuckbehang. Denn Meryl Streep – nach wie vor womöglich einer der besten amerikanischen Schauspielerinnen und in keinster Weise überbewertet – ist Madame Florence Foster Jenkins. Ihres Zeichens die wohl beliebteste schlechteste Sängerin, die jemals von sich Reden gemacht hat. Und tatsächlich gibt es eine einzige Schallplatte, die ihr „alternatives“ Gesangstalent für die Ewigkeit konserviert hat. Denn hat man es nicht gehört, kann man es kaum glauben.

Die leidenschaftliche, gutherzige und an Syphilis erkrankte Dame lebte und starb für die Musik. Nicht unbedingt zwingend für ihre, aber generell für den gespielten und gesungenen Ton, bevorzugt aus der Klassik. Was in Anbetracht ihres gesellschaftlichen Stands nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist, dass Florence steinreich war. Ihr Musikverein zog Tonkünstler aller Klassen an. Alle wollten sie Geld. Unterstützung für ihr Projekt. Für das Ideal, die Idee, der großen Kunst. Da kann jemand wie die sozial engagierte, ältere Dame kaum widerstehen. Als Dankeschön, und um den musischen Goldesel bei Laune zu halten, winkt die Anerkennung für ihren Gesang, obwohl eben dieser grottenschlecht ist. Eine traurige, bittere Konstellation. Die heile Welt von Florence Foster Jenkins – zum Großteil eine Lüge. Diese Lüge und den Vertrauensmissbrauch eines zwar naiven, aber unendlich großherzigen Menschen hat schon Catherine Frot alias Madame Marguerite um ihre schiefen Töne gebracht. Die 2015 entstandene französische Produktion hat die Lebens- und Leidensgeschichte der Florence Foster Jenkins als lose Vorlage für ein ähnlich gestaltetes Drama hergenommen. Dieses ist mit Abstand zynischer, schwermütiger und beklemmender geworden. Ein sehenswerter Film, keine Frage.

Die ziemlich nah an Foster Jenkins´ Biografie angelehnte Verfilmung von Stephen Frears ist betulicher, liebevoller und versöhnlicher. Allerdings auch langatmiger. Frears hat das Jahrzehnt des großen Schaffens irgendwie hinter sich gelassen. Von der Intensität seiner Gefährlichen Liebschaften oder Hero ist kaum mehr etwas über. Seit The Queen mit Helen Mirren, der meines Erachtens völlig überbewertet wurde (nicht aber Helen Mirren´s schauspielerische Leistung), ist der irische Regisseur ein Garant für in sich stimmige, aber zähe Unterhaltung, die sich in stets flüchtigem Plauderton in die Länge zieht. Das ist teilweise auch bei Florence Foster Jenkins der Fall, obwohl es auch hier darstellerisch überhaupt nichts zu meckern gibt. Die Streep ist wie immer souverän und auf fast schon routinierte Weise grandios. Selbst Hugh Grant blüht in diesem kostüm- und requisitenorientierten Requiem auf eine Muse ohne Talent zur Höchstform auf und präsentiert den zweigleisig fahrenden Ehemann an Florences Seite als aufrichtige Altersrolle. Nicht zuletzt begeistert Big Bang-Ingenieur Simon Helberg als verschrobener, aber herzenstreuer Pianist an der Seite der Grand Dame mit skurril-sympathischen Momenten.

Florence Foster Jenkins ist Schauspielerkino mit leicht enervierenden Klangerlebnissen und einem Faible für Schmuck, Mode und Bühnenpräsenz. Ähnlich einer mittelmäßigen Oper, deren Arien in Erinnerung bleiben, die ausgesessenen Intermezzi aber, bis auf die Kulissen, klanglos verhallen.

Florence Foster Jenkins

Trolls

EIN FALL FÜR DIE TROLLFAHNDUNG

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trolls

Glück kann man nicht essen. Und das gibt’s auch nicht in kleinen, pharmazeutischen Dosen, abgepackt in Form von farbenfrohen Wichteln, die sich Trolls nennen, und eine erstaunliche Vorliebe für Cupcakes, Singen und Kuscheln an den Tag legen. Tatsächlich handelt das allem Anschein nach superkitschige Märchen von ewig partyschmeißenden, knapp zehn Zentimeter großen Gnomen, die von griesgrämigen Riesen namens den Bergen unentwegt gejagt, gefangen und verputzt werden, um durch die orale Einnahme der sorgenfreien Radaubrüder den Rhythmus des immerfröhlichen Lebens zu verspüren. Wenn man sich den Placebo-Effekt lange genug einredet, so kann’s passieren, dass das Ergebnis wie erwartet eintritt. Ein bisschen erinnert die Vorgehensweise der ogerartigen Riesen das an jene kannibalischer Völker aus Neuguinea oder Borneo, die durch den Verzehr besiegter Feinde deren Seele in sich aufzunehmen glaubten. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Nicht aber in jenem Land, wohin uns diese zauberhafte, quirlige Animationsfantasy entführt.

Mädchen und Jungs dürften von Trolls gleichermaßen begeistert sein. Und auch wenn alles auf eine verkitschte Kommerzhysterie hindeutet – die Erwachsenen werden staunen, was alles zwischen Cupcakes und Regenbogen sonst noch Platz hat. Nämlich allen voran eine kluge Geschichte, die den Vergleich mit anspruchsvollen Kindergeschichten im Stile von Mira Lobe nicht zu scheuen brauchen. Freilich, Kitsch ist genug vorhanden. Die Farbe Rosarot verursacht genauso Augentränen wie farbexplodierende Feuerwerke, funkelnde Glitzertrolle und allerhand quietschbunter Fantasiewesen in einer Mischung aus Plastilin und Filzbastelei. Andererseits aber, und das hätte man kaum hinter diesem Film vermutet, finden sich die haarprächtigen Kerlchen in einem düster-bizarren Filmkosmos ähnlich eines Tim Burton wieder. Die Welt der Bergen erinnert stark an den Laika-Puppentrickfilm Die Boxtrolls. Vor allem die Optik erinnert zeitweise an Stop-Motion, auch dank der Beschaffenheit filz- und stoffartiger Landschaften. Manch eine Kreatur könnte aus Nightmare before Christmas in die kindliche Welt von Dreamworks hinübergerutscht sein. Der Mix des Filmes macht es aus, dass wir es hier tatsächlich mit einem gelungenen Stück Kinderkino zu tun haben, das zugleich spannend, weise und überaus komisch ist. Vor allem die Figur des unansehnlichen, aber drolligen Bergen-Zimmermädchens Bridget ist ein greifbarer, berührender Charakter geworden, voller Sehnsüchte und Selbstzweifel. Wenn das Mädchen dann unter ihrem wallenden Trolls-Haar und in Plateauschuhen ihrem geliebten Prinzen gegenübertritt (übrigens mein Favorit), werden Erinnerungen an John Waters Musical Hairspray wach. Dieses Switchen zwischen verspielter Lieblichkeit und einem bizarren Mut zur Hässlichkeit macht den Reiz des Filmes aus, weniger die neuinterpretierten Ohrwürmer aus den 80ern.

Trolls sprüht vor Elan und entführt die ganze Familie auf eine abenteuerliche Sinnsuche zwischen Gefressen werden und Glückshormonen. Und die magischen, enorm belastbaren Frisuren der kleinen Wesen lassen den Drei-Wetter-Daft von Schwarzkopf reichlich alt aussehen.

Trolls