Recluse (2026)

LEBENSBEICHTE EINES HAUSES

5/10


Xander Berkeley als bedrohliche Vaterfigur in Recluse
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: HENRY CHAISSON

KAMERA: BRYCE HOLDEN

CAST: SASHA FROLOVA, XANDER BERKELEY, TOBY POSER, MIA VALLET, KIMBALL FARLEY, FRANKIE SERATCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



In den Sechzigern landete Schlagersänger Bruce Low einen morbid-finsteren und dennoch humorvoll intonierten Hit: Das alte Haus von Rocky Docky. Da kann man, also zumindest ich, gleich mitsingen. Schließlich hat dieses alte Haus vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt.

Häuser solcher Art können viel erzählen, wenn man sie denn versteht. Jahrhunderte haben sich in Gemäuer wie dieses eingeschlichen: Auren verblichener Persönlichkeiten, Erinnerungen, Reste von Leid und Glück und Trauer, Behaglichkeit und Angst. Da zittert und bebt, jammert und weint es – auch diese Zeile findet sich in Bruce Lows launigem Architektur-Steckbrief.

Einem Gemäuer das Mikro hinhalten

In Recluse jammert und weint auch so einiges – um das alles interpretieren zu können, hat Protagonistin Joan, die als Soundtechnikerin beim Film ihr Auskommen findet, gleich ihr ganzes Equipment mitgebracht, um in den Gängen, Räumen und Nischen nach dem Klang des Damals zu forschen. Hochsensible Gerätschaften sind das, die man womöglich nirgendwo im Einzelhandel für Normalsterbliche erstehen kann, da bedarf es schon der Fachkenntnis von Experten.

Mit diesem schmucken Equipment geistert Joan durch das Anwesen mit sehr wahrscheinlich düsterer Geschichte. Es ist der Ort ihrer Kindheit, die nicht ganz so lieblich gewesen sein mag, wie sich das manche gerne für ihre eigene gewünscht hätten. Irgendeinen Faktor kann Joan nicht fassen. Und es ist nicht ihr Vater, der im Erdgeschoß in einem Bett vor sich hinvegetiert und nur noch auf das Ableben wartet, schwer gezeichnet durch Verbrennungen und das Gesicht hinter einer weißen Gipsmaske verborgen, die bei schnellem Hinsehen so aussieht, als wäre sie Michael Myers entwendet worden.

Gruselig kann man das Szenario durchaus nennen, doch das ist nicht der Grund, warum Joan Kontakt zu ihrem alten Herrn anfangs tunlichst meidet. Der war schließlich zu seiner aktiven Zeit hochgelobter und abgöttisch verehrter Künstler, praktizierend mit dem Okkulten und für die Familie nicht greifbar. So ein Ego-Trip forderte seine Opfer. Damit hat auch dieses rätselhafte Geheimnis zu tun, das in den alten Wänden schlummert. Darüber hinaus spukt noch die verstorbene Mutter durch den Flur – in jedem Fall lohnt es sich, als Geisterjäger dranzubleiben. Alle anderen würden hier Reißaus nehmen, denn es kann sein, dass das Blut gefriert.

Im Haunted-House-Grusel daheim

Das Blut gefror schon bei Shirley Jacksons verfluchtem Hill House, einem Gothic-Schauerroman, der in den 60er Jahren und später von Mike Flanagan stilsicher verfilmt wurde. Doch nicht nur Flanagan hat eine Vorliebe für verfluchte Häuser, auch Henry Chaisson, der bislang als Autor unter anderem für Antlers oder Servant tätig war und nun seine erste eigenständige Arbeit präsentiert, hört das Flüstern und Rumoren, das Knarzen der Dielen und spürt die Kälte unruhiger Seelen in der Zwischenwelt.

Ganz im Stile Flanagans plustert sich Recluse (was soviel heißt wie Einsiedler) zu einem traumatischen, jedoch umständlich erzählten Familiendrama auf, dessen halbtote Ahnen Zeit ihres Lebens so einige Fehler machten. Mit rätselhaften Figuren wie der langjährigen Haushälterin oder einer Pflegerin für den alten Herrn, die mehr Zeit mit ihm verbringt, als sie müsste, gestaltet Chaisson sein Gruseldrama zu einem Cold-Case-Whodunit aus, der auf etwas zähe Weise Verborgenes ans fahle Licht des Tages bringt.

Der Funke springt nicht über

Sasha Frolova als zentrale Figur jenes Films verpasst in ihrem Spiel allerdings die Gelegenheit, dass man sich für sie und ihre Familiengeschichte auch wirklich interessiert. Genauso zäh, wie der Film in Gang kommt, genauso sperrig zeigt sich unsere Hauptfigur, für die sich wenig Zuneigung empfinden lässt. Damit fügt sie sich aber gut ins ganze Ensemble ein, denn die übrigen Verdächtigen und Nicht-Verdächtigen bleiben auf Distanz zur knisternden, kratzenden und jaulenden Geschichte, die sich in ihrer filmischen Umsetzung zu sehr auf den Sound verlässt und auf stimmige Atmosphäre verzichtet.

Recluse (2026)

Butcher’s Crossing (2022)

MÄNNER FÜR ALLE FELLE

5/10


butcherscrossing© 2022 Splendid Films


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: GABE POLSKY

DREHBUCH: GABE POLSKY, LIAM SATRE-MELOY, NACH DEM ROMAN VON JOHN WILLIAMS

CAST: NICOLAS CAGE, FRED HECHINGER, JEREMY BOBB, PAUL RACI, XANDER BERKELEY, RACHEL KELLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Forrest Gump würde sagen: Nicolas Cage ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt. Denn Cage, der kann alles und will auch alles spielen, schreckt vor nichts zurück, mag Komödien genauso wie Action, Horror oder Experimentelles, das als Arthouse einem breiteren Publikum wohl nicht so unter die Nase geht. Grund genug für mich, immer mal wieder reinzuschnuppern, wenn der Set-Workaholic mit neuem Content von sich reden macht. Manche dieser Werke finden auch ihr Ziel auf der großen Leinwand, manches erfreut hierzulande nur im Stream.

Schüsse in den Ofen sind Cages Arbeiten längst nicht immer. Cage ist Profi, und als Profi lässt er Genres wie den Western genauso wenig aus. Um sich von seinen bisherigen Figuren auch optisch abzuheben, gibt’s diesmal die Radikalrasur. Narbige Glatze und Dreitagebart, das räudige Äußere eines zwielichtigen Abenteuers aus dem Billigpistolen-Paradies des Italiens der Sechzigerjahre. So lässt sich der in Büffelfell gehüllte und gemächlich einen Whisky schlürfende Klischee-Zampano auch ohne weiteres zu einer Expedition überreden, für die er schließlich keinen müden Dollar locker machen muss, packt doch den aus Boston direkt in die wilde Provinz verschlagenen und auch gut betuchten Studienabbrecher Will Andrews die Lust, eins mit der Natur zu werden und Leuten wie Miller (eben Nicolas Cage) in ein Territorium zu folgen, dessen Boden nur wenige Menschen zuvor betreten haben. Angeblich, so Miller, soll es dort noch die letzten großen Büffelherden geben, und da die Nachfrage für das Fell der Tiere noch größer als das Angebot scheint, lässt sich damit eine goldene Nase verdienen.

So koffert das berittene Team aus vier grundverschiedenen Abenteurern durch feindliches Indianergebiet ohne Indianer, um letzten Endes tatsächlich an einen Ort zu gelangen, wo es vor Rindviechern nur so wimmelt. Miller sollte recht behalten – im El Dorado eines Büffeljägers lässt sich hemmungslos wüten und dem Wahnsinn verfallen. Nicolas Cage findet anfangs geschmeidig in seine Rolle, nur ist diese des Großwildjägers Miller keine, die, wie so oft im Genre des Western, auf eine psychologische Reise in Wechselwirkung mit den Umständen verzichtet. Der anfängliche Grundcharakter der Figur wechselt später nur ungern zum Psychogramm eines blutrünstigen Tier-Killers, der den Hals nicht voll bekommt. Dementsprechend gibt es Response auch von den Co-Charakteren, die weitaus glaubwürdiger agieren als Cage. Sich bedeutungsschwer an den Kopf zu greifen wie seinerzeit Marlon Brando in Apocalypse Now oder den typischen Manierismus des Schauspielers, die da so sind wie das wilde Gestikulieren mit den Armen – es scheint, als hätte Cage die Dimension seiner Figur nicht kommen sehen oder einfach unterschätzt.

Fred Hechinger als der blauäugige Junge vom Land hat, je mehr Cage aufdreht, immer weniger bis gar keinen Text mehr. Es ist, als hätte man auf seine Figur vergessen, dabei fungiert sie obendrein als Erzähler. Das Abenteuer rund um den einbrechenden Winter, für den on location in Montana gedreht wurde, spiegelt sich kaum in der Psychologie der Abenteurer wider. Butcher’s Crossing verliert irgendwann das Gefühl für Zeit und die Fähigkeit, Zeiträume zu vermitteln. Das ambitionierte Vorhaben Polskys, die Beinahe-Ausrottung des nordamerikanischen Büffelbestands zu thematisieren, scheitert zum Teil an genau diesen Knackpunkten, während jene Szenen, die das Töten und Schlachten der Tiere visualisieren, so verblüffend gut gemacht sind, dass einem mulmig wird.

Butcher’s Crossing (2022)