Game Night

DIE WOLLEN NUR SPIELEN

5/10

 

GAME NIGHT© 2017 Warner Bros. Ent. Inc.

 

LAND: USA 2018

REGIE: JOHN FRANCIS DALEY, JONATHAN GOLDSTEIN

MIT JASON BATEMAN, RACHEL MCADAMS, JESSE PLEMONS, KYLE CHANDLER U. A.

 

Spieleabende – ja, die kenn ich. Eine erlesene Auswahl an sozial kompetenten Freunden, jeder bringt etwas mit, ob Bier oder Naschkram, und dann dauert das Ganze bis spät in die Nacht. Wie die Wohnung hinterher aussieht, das wage ich nicht zu beschreiben. Jedenfalls ist das Chaos danach meist nicht ganz so nachhaltig wie bei diesem Live-Act-Agentenspiel von Schnöselbruder Brooks aka Kyle Chandler, der die Spieleabende von „Max“ Jason Bateman nur zu gut kennt und unbedingt noch eins draufsetzen will, was Exklusivität betrifft. Blöd nur, dass genau zur selben Zeit nicht nur Fake-Kriminelle, sondern auch tatsächliche böse Buben unterwegs sind, und die alle gemeinsam das selbe Ziel haben – den Spieleabend zu crashen. Das Verwirrspiel ist alsbald perfekt, die Regeln des Spiels kennt sowieso niemand mehr und so gut wie alle, die man nicht beim Namen kennt, sind Teil der Spielidee.

Regie-Jungspund John Francis Daley, der den unsäglichen Neuaufguss des Griswolds-Klamauk zu verantworten hat, gibt sich in Game Night zum Glück etwas weniger derb, obwohl auch hier vulgäre Kalauer ihre Sendezeit bekommen. Die Idee, ein Detektivspiel aus dem Ruder laufen zu lassen, gabs schon in Robert Moore´s Eine Leiche zum Dessert. Die Gäste waren damals allesamt ikonische Schnüfflerpromis, die tatsächlich einen Mord aufzuklären hatten. In Game Night wird der Gastgeber entführt – und keiner der Anwesenden hat das Zeug zum Hobby-Sherlock Holmes. Dabei ahnt noch keiner, dass die Hopsnahme des überheblichen Bruders längst nicht mehr Teil der gebuchten Show ist. Entsprechend gelangweilt kommen die Freunde in die Gänge, entsprechend konfus gestaltet sich die Lösung des Falls. Und entsprechend den Erwartungen passieren Dinge, die einfach passieren müssen, ohne zu überraschen. Die Krimikomödie verschenkt ihr Mehr-Schein-als-Sein-Potenzial, hält den hakenschlagenden Hasen an den Hinterläufen und bemüht sich nicht mal, die Vorhersehbarkeit des scheinbar Unvorhersehbaren zu unterlaufen.

Viel mehr lässt sich über Game Night nicht berichten. Boulevardkomödien im Kellertheater sind kurioser, lassen den Spaß an der Verwechslung auch so richtig von der Leine. Das kann die nächtliche Eskapade mit Schauspielern in gewohnt routinierter Panik nur ansatzweise für sich nutzen. Dass da mehr drin gewesen wäre, liegt vielleicht wirklich am Ensemble, oder an der Selbstzufriedenheit des Regisseurs – oder überhaupt in der Wahl des Spiels. Aber so sind die Regeln. Und man geht nicht zu einem Spieleabend, um sie zu brechen. Man inszeniert auch keine Komödie, um neue Regeln aufzustellen. Da haben die Filmemacher wohl etwas verwechselt – oder nicht? Wie auch immer – ist mal ein Film vonnöten, der angenehm unterfordert und nicht so perfide hinters Licht führt wie David Fincher´s The Game, dann ist Game Night genau die richtige Wahl. Zündende Ideen für das eigene spielerische Freundeskreis-Revival sucht man allerdings vergebens.

Game Night

Das krumme Haus

DIE SIPPE AN DER KIPPE

7/10

 

krummehaus© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: GILLES PAQUET-BRENNER

CAST: MAX IRONS, GLENN CLOSE, TERENCE STAMP, STEFANIE MARTINI, CHRISTINA HENDRICKS, GILLIAN ANDERSON U. A.

 

Der König ist tot, lang lebe der König – oder zumindest das, was von ihm übrig blieb. Und das sind meist materielle Dinge, ein schier unendliches Vermögen in bar oder ganze Immobilien. Ist man klug, huldigt man dem Obersten schon Zeit seines Lebens aus diesem einem Zweck, nämlich ordentlich etwas abzustauben, wenn es soweit ist, das Zeitliche zu segnen. Das nennt sich Erbschleicherei, und manche können das wirklich gut. So wie diese liebe Familie in Agatha Christie´s zu Unrecht eher weniger bekanntem Roman, die schon so etwas wie eine Monarchie im Kleinformat vertritt. Über allem ein Patriarch, der die Strippen zieht und alle Untertanen kaum merkbar manipuliert. Diese Untertanen, die bewohnen das sogenannte krumme Haus – ein Anwesen, dafür würden Papapsychologen aus aller Welt an die alten Pforten klopfen. Das es in diesem schlossähnlichen Gemäuer nicht spukt, ist fast eine vertane Chance. Unheilvoll ist es aber trotzdem, mit all seinen Türmchen, gotischen Bögen und verwinkelten Zimmern, dessen jeweiliges Interieur die Persönlichkeit des Nutzers widerspiegelt. Mal sonnendurchflutet, dann wieder staubig und dunkel. Diese psychovisuelle Begehung des herrschaftlichen Sitzes alleine macht Das krumme Haus zu einer indiskreten Aufwartung, wenn Privatdetektiv Charles Hayward auf Gesuch einer ehemaligen Liebschaft durch die uneigenen Räumlichkeiten schnüffelt, um nacheinander Bekanntschaft mit einer illustren Runde zusammengewürfelter Egomanen zu machen, die sich anmaßen, eine Familie zu sein. Da weiß man wieder, das Blut nicht unbedingt dicker als Wasser sein muß, und das Familie nicht ist, was es auszusuchen gibt. Die geniale Agatha Christie hat sich diese Momentaufnahme eines neidvoll-garstigen Nachbebens nach dem Ableben auch sicher nicht aus den Fingern gesogen. In vielen ihrer Romane sind es augenscheinliche Gemeinschaften, die im Endeffekt nichts gemeinsam haben, gemeinsam aber ausharren müssen, weswegen auch immer. Dieses Miteinander-auskommen-müssen ist die Lunte, die Christie stets sehr geschmackvoll entzündet – und dann brennt sie lichterloh – und niemand ist mehr imstande, das Who is Who richtig einzuschätzen. Falsche Fährten sind die Folge.

Das krumme Haus, behutsam und in keinem Moment übereilt inszeniert von Gilles Paquet-Brenner, ist ein Agatha Christie, wie er im Buche steht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Psychokrimi lässt sich sicher noch genüsslicher lesen als er anzusehen ist, allerdings ist ein Kinobesuch nicht weniger lohnenswert, denn Brenner macht aus diesem klassischen Whodunit ein langsam überkochendes Kammerspiel voll eleganter Suspense, die mit unheilvoll misstönenden Geigenklängen unterlegt ist. Orientiert an zeitgenössischem Theater, setzt er zwischen den diversen Schlüsselszenen stimmungsvoll verschwiegene Intermezzi, die Gesagtes stark genug wirken lassen. Und die, die etwas zu sagen haben, zeigen sich schauspielerisch nicht weniger von ihrer besten Seite. Schön, auch wieder mal Glenn Close in einer formidablen Rolle als familienältersten Maulwurfschreck zu begegnen. Terence Stamp als knorriger Kommissar könnte den Marple-Krimis entsprungen sein, und sowieso halten sich alle anderen Rollen eines Mysterykrimis adäquat bedeckt. Alles zusammen ergibt einen atmosphärischen Krimispaß, der sich den Traditionen alter Agatha Christie-Verfilmungen hingibt. Das ist tadellos fotografiert und hält in geschickter Balance aus Stimmungen und emotionalen Störfällen, was es verspricht. So wie die ungezählte Wiederholung der Schnüffeleien einer Margareth Rutherford, die in muffigem Samstagnachmittags-Schwarzweiß das Böse hinter bürgerlichem Anstand hervorkehrt. Max Irons ist zwar nicht Miss Marple, aber dennoch ist sein Rätselraten um die wahren Umstände des familiären Thronraubs ein Spiel der Indizien in geschmackvollem wie angenehm unbequemem Ambiente.

Das krumme Haus