Lou

ALWAYS TAKE THE WEATHER WITH YOU

5/10


Lou© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANNA FOERSTER

BUCH: MAGGIE COHN, JACK STANLEY

CAST: ALLISON JANNEY, JURNEE SMOLLETT, LOGAN MARSHALL-GREEN, RIDLEY ASHA BATEMAN, MATT CRAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Wenn’s mal regnet, dann hat das durchaus auch was für sich. Ganz besonders, wenn man durch den Wald wandert, selbst gar nicht mal so nass wird aufgrund eines dichten Blätterdachs und sich vom Geräusch der aufklatschenden Regentropfen auf allerlei Blattwerk einlullen lassen kann. Doof nur, wenn man für all das keine Zeit hat und einen Kidnapper erwischen muss, der gerade zum ungastlichsten Sauwetter, das man sich nur vorstellen kann, die Nachbarstochter entführt. Gut, dass man selbst das Richtige gelernt hat – nämlich allerlei Methoden, wie unliebsame Gesellen aus dem Weg geräumt werden können. Dieser jemand mit solchen Skills ist Allison Janney. Sie gibt Lou, eine eigenbrötlerische und recht unfreundliche Person, die sich scheinbar nur um ihren eigenen Kram kümmert und für sonst niemanden irgendein höfliches Wort auf den Lippen trägt. Wenn Mutter und Tochter, die bei ihr auf ihrem Grundstück zur Untermiete leben, dann nicht rechtzeitig das Geld rüberwachsen lassen, kann’s schon mal ruppig werden. Bei Kidnapping hört sich der Spaß jedoch auf, und in eben jener verregneten Nacht klopft es an Lous Tür – gerade dann, wenn diese ihrem Leben ein Ende setzen will. Die Dame mag zwar unfreundlich sein, aber nicht herzlos und macht sich mit der verzweifelten Mutter auf die Suche nach deren Ex, der, angeblich verblichen, von den Toten wieder auferstanden zu sein scheint und sein väterliches Recht fordert.

In dieser nasskalten Botanik auf Orcas Island im äußersten Nordwesten der USA ernennt Anna Foerster (Westworld, Underworld: Blood Wars) Allison Janney zum weiblichen Liam Neeson. Als jemand, der nichts mehr von der Welt wissen will, ein Leben gelebt hat und auch alles bereut, was so passiert ist, scheint die Figur der Lou perfekt in dieses Bild der einsamen Frau fürs Grobe zu passen, die durchtrainierten männlichen Bösewichten nicht nur das Wasser, sondern auch die zur Waffe umfunktionierte Konservendose reichen kann. Da staunt man nicht schlecht über die gute Knochendichte von Janneys Antiheldin, die sich auch nach mehrmaligem Herumschleudern aus den Trümmern stemmt und immer noch Kraft genug hat, um sich aus kniffligen Situation rauszumorden. Jurnee Smollet kann da nur groß staunen und bibbern vor lauter herbstlicher Kälte. Irgendwann hört aber auch der Regen auf, und auf Regen folgt zwar kein Sonnenschein, aber eine etwas gemäßigtere Witterung. Und mit der gemäßigten Witterung geht auch dem Survivalabenteuer die Luft aus. Die Challenge durchs regennasse Unterholz, die das schlechte Wetter als erschwerende Komponente freudig mit einbezogen hat, kann den Ausnahmezustand später nicht mehr aufrechterhalten. Was bleibt, ist ein Thriller von der Stange, der gerade durch seine bemühten Story Twists auf matschigem Untergrund die Balance verliert. Zumindest wollten die beiden Skriptautorinnen und -autoren einer gewissen Routine entkommen; einem gewissen Schlendrian, der in gefühlt jedem zweiten Actionthriller mittlerweile für Langeweile sorgt. Gut, kann man so sehen. Wirkt zwar etwas konstruiert, aber zumindest spielt die Komponente eines Familiendramas erst gegen Ende ihre verdeckten Karten aus. Erwartet hätte man solche Offenbarungen letztlich nicht. Und sie wären auch nicht notwendig gewesen, hätte die gnadenlose Natur wohl etwas ausdauernder mit der Peitsche geknallt. Im Regen ist alles den gleichen Erschwernissen unterworfen – da hätte man viel mehr daraus machen können, anstatt einen Kreis zu schließen, der gar nicht hätte geschlossen werden müssen.

Lou

Godland

ISLAND SEHEN… UND STERBEN?

8,5/10


godland© 2022 Jour2fête


LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, FRANKREICH, SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: HLYNUR PÁLMASON

CAST: ELLIOTT CROSSET HOVE, INGVAR EGGERT SUGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, VICTORIA CARMEN SONNE, JACOB LOHMANN, WAAGE SANDØ U. A. 

LÄNGE: 2 STD 23 MIN


Keine Ahnung, wohin die eigentliche Reise geht, aber jene durch die Nachmittagstermine der diesjährigen Viennale hat gestern ihr Ende gefunden. Es ergibt sich daraus eine schmucke kleine Landkarte, die in Südkorea begonnen hat, über die Ostküste der USA, Belgien bis nach Irland ging und von dort bis in den Norden reichte – nach Island. Weiter geht’s diesmal nicht, und besser wird es ebenso wenig werden: Godland ist mein persönliches Highlight der von mir frequentierten Wiener Festspiele und lässt das lange vergangene Abenteuerkino eines Werner Herzog genauso aufleben wie die gemeinsame Geschichte Dänemarks und Islands, die bis fast in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hineinreichte und die vulkanische, unwirtliche, aber allseits beliebte Insel, eben weil sie so besonders ist, zu einem Schauplatz werden lässt, an welchem sich das europäische Festland in Gestalt eines Verlorenen die Zähne ausbeißen wird. Das bezieht sich auf die Art des Lebens, das kompromisslose Gesetz von Wind und Wetter und die menschenverachtende Wildnis, in die sich nur eingliedern kann, wer sich ihr hingibt. Wer mit alten Dogmen hier aufkreuzt, mit einem Sinn für Werte, der hier oben weder geschärft noch eingesetzt werden kann, stößt bald an seine eigenen Grenzen. Von so einem Kommen und Sehen, so einem Scheitern und Straucheln, von diesem Dilemma der Bezwingung radikaler Urkräfte – davon berichtet Hlynur Pálmason in seiner für ihn typischen Manier des distanzierten Betrachtens tragischer Umstände, die in wechselnden Witterungen stets andere Bedeutungen erlangen.

Im Zentrum des Geschehens steht ein dänischer Priester, der im 19. Jahrhundert, als Island noch unter der Fuchtel des dänischen Königshauses stand, dafür auserwählt wird, eben dorthin zu reisen, um im gottvergessenen Südosten der Insel eine Kirche zu bauen, am besten noch vor dem Winter. Um Land und Leute kennenzulernen und sich in seine neuen göttliche Aufgabe einzufügen, nimmt er eine Reise quer durch die Insel auf sich, begleitet von einem Vollblut-Isländer namens Ragnar (Ingvar Eggert Sigurðsson, der bereits auch in Pálmasons Weißer weißer Tag die Hauptrolle spielt und in der Netflix-Mystery Katla zu sehen ist), der alles Dänische skeptisch beäugt und den verknöcherten Festland-Geistlichen bis an seine Grenzen bringen wird. Für diesen verbissenen und niemals wirklich ausgetragenen Konflikt zwischen der längst nach Autonomie lechzenden Insel und dem arroganten, immer wieder in die Einsamkeit einfallenden Dänemark stehen die beiden grundverschiedenen Männer stellvertretend im Regen, für den es in Islands Sprache unzählige Bezeichnungen gibt. Der Trip durch eine fremde Welt, konfrontiert mit unorthodoxem Gedankengut, lässt Priester Lucas den Glauben an sich selbst verlieren und ihn alles verraten, was stets für ihn von Wert war.

Wie Werner Herzog eben, bis zum Äußersten. Mit einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden lädt das im Format 4:3 gefilmte, elegische Drama zu einer faszinierenden Kurzweile ein, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Großzügig teilt Pálmason die Faszination für seine Heimat, dessen Bewohner als in sich ruhende Menschen ihre Autarkie feiern und von einer dogmatischen Person, wie Lucas sie darstellt, nichts erwarten wollen. Godland wird durch diese Prämisse zum teils nüchternen, dann wieder auf experimentelle Weise epischen Streifen, der die Fassungslosigkeit des aversiven Priesters bis zur rabiaten Wut steigert. Es ist die Nutzlosigkeit seiner Mission und die Beiläufigkeit seiner Entbehrungen, die wie Aguirre oder Fitzcarraldo den Wahnsinn bringt. Die Wucht einer in sich geschlossenen, genügsamen Welt vermittelt Pálmason in langsamen Kameraschwenks und im nüchternen Bobachten der Vergänglichkeit alles Lebens. Düstere Bilder, mystische Gleichnisse und das zündende Knirschen frischer Lava über begrüntem Boden – aus all dem entsteht ein Kino des Sich-darin-Vergessens, welches einen aus dem Auditorium holt, hinein in ein Szenario aus Entbehrung und Erkenntnis. Dinge, die eine Reise fernab von etablierter Ordnung eben mit sich bringen.

Ob dieser Film Aufnahme ins reguläre Kinoprogramm finden wird, ist fraglich. Doch wenn doch, dann sei hier diese ungewöhnlich erzählte, klassische Geschichte eines Mannes, der sich mit wimmerndem Zorn gegen ein ganzes Land stemmt, unbedingt zu empfehlen.

Godland

Wild Men

EIN MANN FÜR ALLE FELLE

5/10


wildmen© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, NORWEGEN 2021

BUCH / REGIE: THOMAS DANESKOV

CAST: RASMUS BJERG, ZAKI YOUSSEF, BJØRN SUNDQUIST, SOFIE GRÅBØL, MARCO ILSØ, JONAS BERGEN RAHMANZADEH, HÅKON T. NIELSEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo, wenn nicht in Norwegen, lässt sich die Rückkehr des archaischen Männerbildes besser zelebrieren? Man nehme zum Beispiel die beeindruckend in Szene gesetzte Legende von Ragnar Lodbrok her: ein Wikinger durch und durch. In der höchst erfolgreichen Serie Vikings dürfen tätowierte Kahlköpfe mit Rauschebart die Axt und sonst was schwingen. Es fließt Blut jede Menge, Ehre und Verrat wechseln sich auf verlässliche Weise immer wieder ab. Da weiß man wieder, was das für Männer waren. Männer, die es heutzutage nicht mehr gibt. Denn heutzutage zwängen sich Männer viel lieber in ihren Slim Fit-Anzug, schlüpfen in ihre Designerschuhe und schmeißen stundenlange Meetings. Oder aber sie ackern scheinbar endlos als Workaholic vor irgendwelchen Bildschirmen und sind zwar Meister der Informatik, haben aber sonst ganz vergessen, wie es sich anfühlt, in einen Ameisenhaufen zu steigen, einen Speer zu schnitzen oder eine Flamme zu entfachen, und zwar mit Zunder und Feuerstein.

Konnte das Ragnar Lodbrok auch? Vermutlich – wir wissen es nicht, und Martin, der gerade bis über beide Ohren in einer Midlife Crisis steckt, weiß es auch nicht, will aber der Sache auf den Grund gehen. Also lässt er Frau und Kind einfach im Stich und zieht von Dänemark nach Norwegen in die Wildnis. Dorthin, wo ihn niemand findet. Er wechselt seine Kleidung gegen Felle und lässt fast alles, was ihn sonst auch nur irgendwie an die müde Alltagsblase erinnert, hinter sich (außer seines Mobiltelefons: das ist für den Notfall, versteht sich). Womit er jagt, das sind Pfeil und Bogen. Doch das Besitzen dieser Dinge heißt nicht gleich, dass Mann damit umgehen kann. Martin kann es nicht und würde sonst verhungern, würde er nicht ab und an in den nächsten Tankstellenshop einfallen und Essbares rauben wie seinerzeit die vorbildlichen Männer aus grauer Vorzeit. Wenig später findet er in den Wäldern den verletzten Musa – einen Kriminellen, dem nicht wohlgesonnene Drogenschmuggler auf den Fersen sind. Die folgen dem Duo bald über die Berge, und auch die Polizei ist bald hinter Martin her, genauso wie dessen desperate Ehefrau, die dem Gatten ordentlich die Leviten lesen will.

Mit einer psychologisch durchdachten Komödie über das Scheitern eines überzeugten Aussteigers ist Wild Men vom Dänen Thomas Daneskov nur bedingt zu vergleichen. Oder aber auch gar nicht. In den ersten Szenen, in welchen ein bewusst unfreiwillig komischer Rasmus Bjerg nicht nur mit der Krise eines ereignislosen Alltagslebens hadert, sondern auch mit dem Vorhaben, dem Ideal des harten Mannes nahe zu sein, spielt Daneskov bereits die höchsten Karten aus. Der Einbruch in den Supermarkt ist das ironische Zeugnis eines Selbstbetrugs – aus dieser Situation hätte man ein tragikomisches Survivaldrama bergauf und bergab jagen können. Doch leider will der Regisseur etwas anderes. Er will eine kauzige Krimikomödie drehen, die sich trotz der ungewöhnlichen Ausgangssituation dem normalen Genrealltag des Kinos mehr anbiedert als für diese Thematik zu empfehlen gewesen wäre. Da jagen stereotype Verbrecher hinter Martin und seinem Schützling her, von der anderen Seite kommt die Staatsgewalt mit unmotivierten Polizisten, die zu Feierabend daheim sein wollen. Alles schön und gut, und ja – ganz nett. Aber dafür, dass der Film so klingt, als wäre er eine komödiantische Mischung aus Beim Sterben ist jeder der Erste und City Slickers, angereichert mit dem eigentümlichen und gerne sarkastischen Humor Skandinaviens, fällt Wild Men viel zu gezähmt aus. Oder soll genau das der ironische Witz sein?

Wild Men

Prey (2022)

EIN MONSTER STEHT IM WALD

5/10


prey_predator© 2022 Twentieth Century Fox


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DAN TRACHTENBERG

CAST: AMBER MIDTHUNDER, DANE DILIEGRO, DAKOTA BEAVERS, STORMEE KIPP, STEFANY MATHIAS, RAY STRACHAN, MICHELLE THRUSH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Nicht wenige haben die letzte Episode des Predator-Franchise so richtig ausgebuht. Mir hat Predator – Upgrade von Shane Black durchaus gefallen, vielleicht deswegen, weil das Wesen aus dem All aufgrund seines mageren Steckbriefes (ehrlich: was weiß man schon über diese Spezies?) den Freibrief für alle möglichen Entwicklungen in der Tasche hatte, darunter auch dieses Blow Up zum Superkiller, der im Film von 2018 über die Kinoleinwand polterte. Ein erbärmliches und seines Status als Profijäger unwürdiges Ende findet das Monster aber immer. Und langsam sollte es begreifen, dass mit Homo sapiens, wenn’s darauf ankommt, nicht wirklich zu spaßen ist, trotz seines unscheinbaren Äußeren. Doch gewisse Gewohnheiten können auch Aliens wie die Yautja nicht so einfach ablegen. Diese Tradition, den Planeten Erde heimzusuchen, um zum Halali zu blasen, wird schließlich schon länger praktiziert als angenommen. Das zumindest vermittelt nun der neueste Ableger rund um den popkulturellen Dreadlocks-Träger und Mister Unsichtbar, inszeniert von 10 Cloverfield Lane-Regisseur Dan Trachtenberg. Er verlagert das Geschehen rund 300 Jahre in die Vergangenheit.

Wir schreiben das Jahr 1719 und befinden uns irgendwo in den Great Plains, wo das Volk der Comanchen seine Zelte aufgeschlagen hat. Teil dieser lokalen Sippe ist das Indianermädchen namens Naru (Amber Midthunder, u. a. zu sehen in The Ice Road), die gar nicht tun will, was Mädchen in ihrem Alter und unter diesen Umständen so tun sollen. Sie will lieber jagen und ihrem großen Bruder ebenbürtig sein. Also ist sie stets mit dabei, wenn es heißt, Hirsche zu erlegen oder Löwen in die Schranken zu weisen. Doch eines Tages ist so manches anders als sonst. In das vertraute Spurenmuster der aktiven Wald- und Steppenfauna mischt sich etwas Großes, Geheimnisvolles und allem Anschein nach Gefährliches. Und damit sind nicht die Büffeljäger aus Europa gemeint, die hier ebenso ihr Unwesen treiben. Sondern etwas, das nicht von dieser Welt ist. Ein Monster, erstanden aus den Lagerfeuererzählungen für Comanchenkinder. Man sieht es nicht, man hört es nicht kommen. Und wenn es da ist, verraten entweder der rot glimmende Triple-Laserpointer oder gierige Klickgeräusche, dass das Leben bald vorbei sein kann. Naru will der Sache auf den Grund gehen – und schlittert in ein Abenteuer auf Leben und Tod, bei welchem selbst Yakari auf seinem Pferdchen Kleiner Donner das Weite suchen würde.

Der Trailer für das Sommerevent auf Disney+ war schon mal vielversprechend genug, und die Vorfreude auf Anfang August gegeben. Allerdings hätte man sich bereits angesichts des archaisch angelegten Plots ausmalen können, wie der Hase wohl laufen wird. Eine junge Comanchin und ihr Hund, das Herz am rechten Fleck und emanzipiert bis in die Federspitzen, wird dem Predator mit Sicherheit so lange einheizen, bis dieser die Freude am Spiel verliert. Dass Prey in vertrauten Gefilden jagt, ist zu erwarten. Trachtenbergs Film ist Monster- und Survival-Action im Gewand eines Young Adult-Abenteuers, das als Jugendroman seine Leserinnen und Leser sicherlich packen würde. Wäre der Yautja nicht, würde Prey an das Steinzeitabenteuer Alpha erinnern – ein Junge und sein Hund kämpfen ums Überleben. Eine Welt, die der Hightech-Gegenwart den Rücken kehrt und die Natur zum Lehrmeister erklärt, verspricht natürlich atemberaubende Landschaftsbilder und kernige, traditionell ausgestattete Indigene, die durchs Unterholz hirschen. Fast schon wie bei Iñárritus The Revenant. Und dann das: der Killer aus dem All hält, anstatt Pilze zu sammeln, Ausschau nach Trophäen. Im Prinzip birgt Prey eine gute Kombination – aus der sich aber nicht viel mehr herausholen lässt als aus Schwarzeneggers Dschungeltrip. Wenn es blutet, können wir es töten, sagt dieser in John McTiernans erdigem Reißer. Wen wundert’s, wenn der selbe Satz auch diesmal wieder zitiert wird.

Das Artwork des Monsters hingegen ist erste Sahne. Grimmiger, urtümlicher, mit antik anmutenden technischen Raffinessen ausgestattet. Wenn der Predator ins Bild stapft, ist das Fanservice pur. Allerdings scheint dieser zu tough, als dass Amber Midthunder als dessen Nemesis so leichtes Spiel haben kann. Im Kräftemessen der ungleichen Jäger drückt das Alien zu oft ein Auge zu. Das geschieht um einer moralischen Correctness willen, die den Film viel zu sehr ausbremst und seine Wucht, die er vielleicht haben hätte können, nicht ausspielen lässt.

Prey (2022)

The Father Who Moves Mountains

DIE GRENZEN DES MÖGLICHEN

7,5/10


fatherwhomovesmountains© 2021 Netflix


LAND / JAHR: RUMÄNIEN, SCHWEDEN 2021

BUCH / REGIE: DANIEL SANDU

CAST: ADRIAN TITIENI, ELENA PUREA, JUDITH STATE, VALERIU ANDRIUTÃ U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Das menschliche Verhalten ist eine Terra incognita an faszinierenden Eskapaden und bizarren Wendungen, ist beeinflusst durch das soziale Umfeld und vor allem auch durch die Erziehung. Es ist vor allem auch eines: des öfteren absolut unlogisch. So richtig glockenhell und klar werden solche Ausformungen dann, wenn eine wie auch immer geartete Extremsituation in greifbare Nähe rückt. Dann wird zumindest vom schwedischen Regisseur Ruben Östlund seziert, was das Zeug hält. Und aufgedröselt, was als Schmach unter den Teppich gekehrt werden soll. Weil es sich nicht schickt, die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen. Höhere Gewalt schildert das Verhalten von Menschen während des Abgangs einer Lawine. The Square geht sogar noch einen Schritt weiter und sucht nach der Motivation für Zivilcourage. Was Östlund auf die Leinwand und somit aufs Tapet bringt, schafft auch der Rumäne Daniel Sandu. In ganz anderem Kontext, in einer ganz anderen Geschichte, doch die Katastrophe ist ähnlich dominant. Hier, im Festivalfilm The Father Who Moves Mountains, lotet ein verzweifelter Vater auf der Suche nach seinem Sohn die Grenzen des Möglichen aus. Das kommt gerade richtig in Zeiten wie diesen, wo Überanstrengung und Burnout die Basis dafür sind, immer besser zu werden. Auch wenn schon das Beste gegeben wird.

Dieser Mann, von dem hier die Rede ist, scheint zu seinen Dienstzeiten im rumänischen Geheimdienst so einige Strippen gezogen zu haben. Entsprechend groß ist auch noch sein Einfluss quer durchs Land. Mircea kennt viele und jeden, weiß alles besser und lässt nicht locker, wenn es darum geht, andere soweit verbal zu zermürben, damit diese das tun, was Mircea für richtig hält. Ein anderes Wort dafür ist grenzenlose Überheblichkeit. Der pensionierte Vater eines Sohnes sieht sich aber bald mit einem unlösbaren Problem konfrontiert: Sein Filius gilt zusammen mit seiner Freundin nach einer winterlichen Bergtour in der montanen Wildnis Rumäniens als verschollen. Sogleich setzt Mircea alle Hebeln in Bewegung, will gar selbst auf den Berg, um auf eigene Faust den Schutzheiligen zu spielen. Das gefällt der örtlichen Bergrettung überhaupt nicht – Zivilisten behindern nur die Suchaktion, was rational betrachtet eigentlich vollkommen klar sein sollte. Doch der Ex-Offizier beharrt auf sein Zutun und lässt ein ganzes Team an Geheimdienstlern anreisen, die ihrerseits dem Berg auf die Pelle rücken.

Der Einfluss eines Einzelnen scheint manchmal grenzenlos. Das Menschenmögliche ist bald erreicht, doch die Schmach vor dem Versagen entbehrt jegliche Vernunft. In einer selbstgefälligen und rechthaberischen Eitelkeit plustert sich Schauspieler Adrian Titieni zu einem Helden auf, der meint,  Berge versetzen zu können. Faszinierend und auch erhellend, was Daniel Sandu aus dem verzweifelten Ringen eines Vaters an Verhaltensparametern ausgraben kann. Am Ort des Geschehens, sowohl am Berg als auch im Tal, entsteht die Oligarchie eines Rettungsstaates, die alle Beteiligten nach der Pfeife eines sturen Patriarchen tanzen lässt, den sein eigener Ehrgeiz wie eine Lawine heimzusuchen droht. So tragisch das Schicksal der verschollene Wanderer auch sein mag, umso mehr gerät der Zweck für diesen aussichtslosen Rundumschlag in den Hintergrund. In diesen Momenten erreicht The Father Who Moves Mountains die garstigen Spitzen eines Ruben Östlund und zeigt auf, wo die Nächstenliebe aufhört und das eigene Ego alles andere verdrängt. Dieses sehenswerte, kluge Charakterstück ist übrigens auf Netflix zu entdecken.

The Father Who Moves Mountains

Abseits des Lebens

ÜBERLEBEN ALS THERAPIE

6,5/10


abseitsdeslebens© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA, KANADA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: ROBIN WRIGHT

CAST: ROBIN WRIGHT, DEMIÁN BICHIR, WARREN CHRISTIE, MIA MCDONALD, KIM DICKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Rüdiger Nehberg oder heutzutage Bear Grylls wissen, wie es geht: in der Wildnis überleben. Sie machen das, weil sie es können. Andere machen das, weil sie es zwar nicht können, aber zumindest wollen. Weil sie den einzigen Weg darin sehen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. So eine Challenge kann gefährlich werden, wenn man nicht genau weiß, worauf zu achten ist. Doch Edee ist das ziemlich egal. Sie hat alles verloren, was ihr jemals lieb und teuer war. Und das ist ein Schmerz, der durch nichts gelindert werden kann. Außer vielleicht durch das Wagnis, den Grundregeln des Lebens selbst so nahe zu kommen, damit dieses wieder einen Sinn hat. Bewusst ist das Edee allerdings nicht. Vielleicht kann die Wildnis einen anderen, neuen Menschen aus ihr machen, wer weiß. Der Blick nach vorne gelingt vielleicht nur unter der Bedingung, niemals mehr zurückzusehen.

Also bezieht Edee eine Hütte im Wald – mit Konserven, Klamotten – und sonst eigentlich nichts. Das Auto lässt sie abholen, Handy hat sie auch keins dabei. Läuft irgendwas schief, ist das ihr Ende. Und es dauert nicht lange, bis der nächste Winter kommt, und Edee bemerkt, dass sie weder ein Rüdiger Nehberg noch ein Bear Grylls ist und kurz davor steht, entweder zu erfrieren oder zu verhungern. Das Schicksal will es anders und schickt gerade zur rechten Zeit einen Jäger an ihrer Hütte vorbei.

Abseits des Lebens (im Original nur: Land) birgt ein Skript, um welches sich wohl eine Menge Schauspielerinnen gerissen hätten. So gut wie eine One-Woman-Show, erfährt hier die Protagonistin die gesamte Klaviatur des Lebens, vorzugsweise die tiefen, schweren Töne. Doch Robin Wright findet da gut hinein. Vor allem auch, weil sie sich selbst inszeniert hat. Da kann man Empfindungen in die Rolle legen, wie man es für richtig hält. Wright lässt sich dennoch nicht zum Melodramatischen hinreissen. Und die Trauer ist eine, die selten im Selbstmitleid versinkt. Wenn, dann sind das Momente, die wir beim Verlust eines geliebten Menschen sowieso alle kennen. Die Natur zeigt sich dabei unbeeindruckt. Zieht das durch, was sie in all den Äonen immer tut, vom Frühling bis zum Winter und wieder von vorne. Genau das ist das Tröstende an Wald, Wiese und Berg. Wright ist begeistert davon und bringt dies mit pittoresken Kalenderbildern sehr wildromantisch zum Ausdruck. Dieses Beständige, Erwartbare, Kompromisslose scheint ein Leitsystem, dem man in schwierigen Zeiten folgen kann.

Vergleichbar ist Wrights Film zumindest anfangs und auch dazwischen mit Julian Roman Pölslers Haushofer-Verfilmung Die Wand. Während dort die Isolation eine aufgezwungene ist, sucht sich die Figur der Edee selbige freiwillig aus. Letzten Endes aber birgt sowohl in Die Wand als auch in Abseits des Lebens der Umstand des Alleinseins in einer atemberaubend schönen, wilden Welt genau das nicht, was der Mensch zum Weiterleben braucht: andere Menschen.

Abseits des Lebens

Gaia – Grüne Hölle

PILZSAISON FÜR QUERDENKER

5,5/10


gaia© 2021 Leonine


LAND / JAHR: SÜDAFRIKA 2021

REGIE: JACO BOWER

CAST: MONIQUE ROCKMAN, ANTHONY OSEYEMI, CAREL NEL, ALEX VAN DYK

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Wir werden alle kontrolliert, gegängelt, gefügig gemacht. Wir sind nur noch Sklaven des Profits und willenlose Befehlsempfänger für entweder Echsen aus dem Outer Space oder einigen wenigen Mächtigen, die uns mit der Covid-Impfung Mikrochips in die Blutbahn jagen. Verschwörungstheorien gibt es viele. Und meist ist es der Mensch, der dem Menschen auf lange Sicht etwas antun will. Was aber, wenn die mutmaßliche Verschwörung von einer Macht ausgeht, der wir von Anfang an auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind? In Gaia zum Beispiel braut sich im südafrikanischen Urwald ein unbemerkt aufziehendes Gewitter zusammen. Ein Schrecken, der noch perfider zu sein scheint als jener, den die Natur bereits mit Corona auf den Weg gebracht hat: Todbringende Pilzsporen.

Dabei fängt alles so an, wie normalerweise Krokodil-Slasher anfangen. Ein Boot unterwegs in der Wildnis, das Boot kentert, das Schuppentier frühstückt. Ganz so ist es dann doch nicht. Rangerin Gabi kundschaftet mit einer Drohne den flussnahen Wald des Tsitsikamma Nationalparks aus, als das Elektroteil von etwas Unbekanntem irgendwo im Dickicht zu Boden gerissen wird. Sie geht der Sache nach – und landet prompt in einer steinzeitlichen Bolzenfalle. Wenig später erwacht sie in der Hütte von zwei Aussteigern – einem Vater und seinem Sohn. Die beiden haben der Zivilisation und allem, was dazugehört, den Rücken gekehrt. Wie Ben Foster und Thomasin McKenzie in Leave No Trace, nur noch radikaler. Zurück zum Ursprung heißt es, und damit auch zurück zu einem Glauben, der dem von indigenen Naturvölkern gleicht, und die eine Entität anbeten, die eins zu sein scheint mit Baum, Pilz und Boden. Was ist da dran, fragt sich Gabi. Und stößt bald auf sichtbare Anzeichen einer alles verschlingenden und absorbierenden Biomasse.

Man könnte ja meinen, dass die eigentliche Gefahr von den beiden seltsamen Hinterwäldlern ausgeht, die – ausgemergelt, mit Schlamm beschmiert und in ihrem Verhalten etwas entrückt – einen auf Wrong Turn machen könnten. Die Möglichkeit eines ausbrechenden Wahnsinns, der sich gegen die Frau von außerhalb richtet, hängt wie das Damoklesschwert über der grünen Szenerie, die wie ein selbst denkendes, kollektives Bewusstsein Motive aus Stanislav Lems Solaris oder Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie variiert. Im Science-Fiction Film Auslöschung gerät Natalie Portman ebenfalls in einen extraterrestrisch umgekrempelten Evolutionsmechanismus, der die Physis mancher Spezies neu zusammensetzt. In Gaia (= die Erdgöttin, die dem Urchaos entsprang) macht selbige ähnliches, nur scheint dieses aggressive Verhalten vorsätzlich und gezielt, wie das Schwarz aus den DC-Comics rund um Swamp Thing. Auch dort mutiert der Pflanzenwuchs und nimmt mitunter menschliche Gestalt an. Wer die Eigenschaften von Myzelien schon seit jeher eher abstoßend und unheimlich fand, wird sich im Film von Jaco Bower hin- und herwinden. Pilzesammeln ist hier nur der Anfang artig drapierter Wucherungen, die als parasitäre Vorhut einer von der Erd- zur Kriegsgöttin umgesattelten Furie den Body-Horror bedienen.

Leider jedoch kokettiert Jaco Bower viel zu sehr mit der esoterischen Komponente seines Öko-Thrillers. Traumsequenzen und surreale Einsprengsel hindern den Film am Vorwärtskommen. Viel zu oft verweilen die wenigen Gestalten in müder Stagnation, ahnen und fürchten sich vor etwas, dass so langsam daher kriecht wie Efeu am Verputz. Das Creature-Design der sogenannten Fungus ist hingegen recht ansprechend und erinnert an Guillermo Del Toros Stil. Diese formschön schrecklichen Aggressoren werden von konspirativem Geschwurbel zu sehr in die Ecke gedrängt, wenngleich man nicht sicher sagen kann, wie das ganze Abenteuer letztlich enden wird. Dafür bleibt genug Suspense, und trotz einiger dramaturgischer Abstriche gerät die faszinierende Welt der Pilze genussvoll und fast schon auf der eigenen Haut spürbar auf die schiefe Bahn.

Gaia – Grüne Hölle

Die Wand

BIS HIERHIN UND NICHT WEITER

6,5/10


diewand© 2013 Bodega Films


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2012

BUCH / REGIE: JULIAN ROMAN PÖLSLER, NACH DEM ROMAN VON MARLEN HAUSHOFER

CAST: MARTINA GEDECK, KARLHEINZ HACKL, ULRIKE BEIMPOLD, JULIA GSCHNITZER, HANS-MICHAEL REHBERG, WOLFGANG MARIA BAUER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Österreich hat einen Filmemacher, der seine Locations für den Dreh nicht irgendwo wählt, sondern ganz besonders das Fremdenverkehrsamt einzelner Bundesländer besonders glücklich macht. Sei es ein durchs burgenländische Weinbaugebiet radelnder Erwin Steinhauer im spätsommerlichen Abendlicht oder das Salzkammergut fernab jeglicher touristischer Bildflitzer in schwerem, warmem Grün, dampfend und taufrisch. Julian Roman Pölsler ist der Mann für das kleine Drama vor großer Kulisse, und Autor Alfred Komarek zum Beispiel hat in ihm seinen Bildermacher gefunden. Doch nicht nur er, auch die 1970 viel zu früh verstorbene Marlen Haushofer wäre froh gewesen, ihren berühmten Roman Die Wand in seinen Händen zu wissen. Bereits schon 1963 verfasst, scheint das Werk wie ein dem momentanen Trend verwandter Beitrag zur Endzeit des Menschen und vielleicht dessen Neuanfang zu sein. Zeitlos, könnte man sagen. Und zeitlos ist auch Pölsler Inszenierung, und zwar zu einem Gutteil auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer Haushofers beklemmendes Szenario nicht kennt: eine Frau macht gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar (Karlheinz Hackl und Ulrike Beimpold in wirklich sehr kleinen Rollen) Urlaub im schönen Oberösterreich, und zwar inmitten malerischer Forstwildnis in einem stattlichen Bauernhaus fürs Wochenende. Während das Ehepaar ins Dorf geht, bleibt die Frau mit dem Hund Luchs allein zurück, erwacht nächsten Morgen und stellt fest, dass die beiden nicht heimgekehrt sind. Sie geht der Sache auf den Grund – und stößt dabei auf eine unsichtbare Mauer. Jenseits der Mauer scheint die Zeit, gleich eines Dornröschenfluchs, stillzustehen. Die Frau muss sich also arrangieren, wird zur Selbstversorgerin und vom Großstadtmenschen zur Bäuerin. Die Tage vergehen, inmitten ihrer Enklave. Doch die Grenze verschwindet nicht.

Hauptdarstellerin Martina Gedeck ist natürlich eine gute Wahl. Sie gibt sich natürlich, neugierig und oftmals verzweifelt. Jedoch selten ängstlich. Sie weiß – Angst bringt sie nicht weiter. Und dennoch muss sie, auch ohne ausbaubares Ego-Ziel, weiterleben. In anderen Filmen mit ähnlichen Themen würde die Geschichte eine ganz andere Richtung einschlagen. In anderen Filmen, in denen Isolation als roter Faden eine zu bezwingende Hürde spielt, gilt es, diese zu überwinden. Wie aus dem Glassturz entkommen? Da wird stets allerhand ausprobiert. Nicht so in Haushofers Romanverfilmung. Ihre Geschichte ist nicht die einer abenteuerlichen Flucht aus der Begrenzung, sondern die Akzeptanz einer solchen. Gedecks Figur macht nur zaghafte Versuche, herauszufinden, ob es ein Entkommen gibt. Sehr schnell fügt sie sich den Umständen, während ich mir wohl beim Zusehen so allerhand Möglichkeiten ausmale, der Gefangenschaft zu entgehen. Haushofer will etwas ganz anderes erzählen. Neben einer Rückbesinnung auf substanzielles Tagwerk ist es Bescheidenheit, sich nach der sprichwörtlichen Decke zu strecken, was allerdings nicht dem menschlichen Naturell entspricht. In diesem Zwiespalt steckt Pölslers Film, und wird, auch durch Gedecks nüchterne Stimme aus dem Off, von einer düsteren Resignation befallen, trotz Vogelgezwitscher in den Wäldern, sonnendurchfluteten Almen und herrlichen Ausblicken. Die Freiheit des Blickes wird zur Betrachtung einer Illusion, die sich nicht greifen lässt. Genau dieser Punkt macht diesen wie eine Lesung anmutenden Survivaltrip so unbequem und einschnürend.

Die Wand

They Want Me Dead

SO NAH AM FEUER

4/10


theywantmedead© 2021 Warner Bros. Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: TAYLOR SHERIDAN

BUCH: TAYLOR SHERIDAN & MICHAEL KORYTA, NACH DESSEN ROMAN

CAST: ANGELINA JOLIE, FINN LITTLE, AIDAN GILLEN, NICHOLAS HOULT, JON BERNTHAL, MEDINA SENGHORE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


They Want Me Dead – Wer genau? Egal, das ist nicht so wichtig. Irgendwelche x-beliebigen politischen Funktionäre, die irgendein x-beliebiges Konto frisiert haben und die eben zwei x-beliebige Killer losschicken, um all jenen, die davon wissen, das Leben zu verkürzen. In dieser Austauschbarkeit scheint sich dieser Thriller nach der Vorlage eines soliden Krimi-Schmökers von Michael Koryta zu gefallen, frisch vom Mängelexemplar-Wühltisch einer Franchise-Buchhandlung. Diesen hatte vielleicht Taylor Sheridan oder gar einer der Produzenten des Filmes auf dem Nachttisch oder als Lektüre im Handgepäck vom letzten Urlaub, ich weiß es nicht – jedenfalls erhärtet sich der Eindruck, dass diese Buchvorlagen für effizient abzudrehendes Spannungskino aus einer Begeisterungslaune herrühren, die gerade mal jemand beim Lesen gehabt haben muss. Und Those Who Want Me Dead (so der Titel des Buches) mag vielleicht ganz kurzweilig geschrieben sein – als Film überzeugt der Stoff relativ wenig. Auch wenn der Wald brennt, und auch wenn Angeline Jolie hier einen traumatischen Einsatz als Feuerwehrfrau verarbeiten muss.

Die bislang sehr selten gesehene Ex von Brad Pitt, die man eine Zeit lang viel mehr mit Celebrity als mit filmischen Qualitäten verbunden hat, ist als toughe und einzig weibliche Brandbekämpferin unter Männern diejenige, die, nach psychologisch betreuter Auszeit, wieder an die Arbeit gehen darf. Und zwar auf einen Beobachtungsturm irgendwo in den wilden Waldweiten der USA. Sobald es in der Ferne auch nur ansatzweise orange schimmert, gibt’s Alarm. Währenddessen aber sind in der Gegend ein forensischer Buchhalter mit seinem Sohn auf dem Lewis & Clark-Straßentrail unterwegs, auf der Flucht vor eingangs erwähnten Killern, die aber dem verzweifelten Vater bereits eine Nasenlänge voraus sind. Die Folge: ein Crash, der Vater tot, das Kind schlägt sich mit den brisanten Daten durch den Forst. Klar, dass der eingeschüchterte und traumatisierte Knabe auf Heldin Angelina trifft, die sich um den gehetzten Sechstklässler selbstredend kümmert. Und natürlich sind die beiden skrupellosen Mordmaschinen in Menschengestalt nicht nur hinter dem Jungen her, sondern auch hinter seiner Beschützerin. Ein vorsätzlich gelegter Waldbrand soll helfen, damit niemand ihnen in die Quere kommt.

Dass sich so ein Waldbrand einer Monsterwelle gleich rasend schnell ausbreitet, damit haben die beiden Killer wohl nicht gerechnet. Wir, die Zuseher, allerdings schon. Wir haben schließlich Backdraft gesehen, den Klassiker zum Thema Feuerverhalten. Das intensive Tatsachendrama No Way Out – gegen die Flammen, in welchem Josh Brolin und Miles Teller dem wütenden Chaos entgegentreten, bietet hier ebenfalls den besseren Einblick.

Womit wir sonst noch gerechnet haben? Nun, es gibt in They Want Me Dead eigentlich kaum etwas, das nicht vorherzusehen war. Taylor Sheridans Film fühlt sich an, als wäre er ursprünglich viel länger gewesen, als wäre er grob gekürzt worden – entsprechend substanzlos verrichten alle ihren Job, mit Ausnahme des Jungdarstellers Finn Little, der wieder mal ob des intensiven Spiels für Verblüffung sorgt. So richtig enttäuschend aber sind „Kleinfinger“ Aidan Gillen und der völlig verheizte Nicholas Hoult. Normalerweise werden solche Rollen mit weniger renommierten Akteuren besetzt. Hier jedoch markieren beide schauspielerisch den schwarzen Peter.

They Want Me Dead hätte so etwas wie Mörderischer Vorsprung mit Sidney Poitier werden können. Trotz der Feuer-Komponente und den wunderbaren Overviews auf amerikanische Wälder hat Taylor Sheridans Film leider nichts, was ihn aus der Masse routinierter Outdoor-Thriller hervorhebt. Da hilft nicht mal Angelina Jolies Diven-Bonus. Im Gegenteil, der wirkt manchmal fehl am Platz.

They Want Me Dead

Mein Lehrer, der Krake

KOMM IN MEINE ARME

8/10

 

octopusteacher© 2020 Netflix

 

LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: PIPPA EHRLICH & JAMES REED

MIT CRAIG FOSTER

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Als Wildlife-Fotograf (wer gerne vorbeischauen möchte: www.biodiversity.at) verbindet mich mit diesem Film so einiges. Das sind zum einen die gemeinsamen maritimen Erkundungen von Vater und Sohn oder die Art und Weise, ohne Sauerstoff und nur mit Druckausgleich und Flossenschlag am Meeresboden entlangzugrundeln, um Fotos zu machen. Zum anderen sind es Begegnungen mit Kopffüßern, die, so kann ich bestätigen, zum Außergewöhnlichsten gehören, was man im Meer erleben kann. Mein letztes Intermezzo mit so einem Tier liegt schon einige Jahre zurück, jedoch ist es so, als wäre es gestern gewesen. In einer Bucht im Süden der griechischen Insel Zakynthos, im gerade mal kniehohen Wasser, hatte ich das Glück, einen Octopus vulgaris zu entdecken, der, ganz so wie sein Artgenosse im Film, eine auffallende Neugier an den Tag legte. Mit seinen saugnapfbestückten Armen, die sich wie Gummi dehnen lassen, beschloss der Kephalopode, meine Kamera zu erkunden. Das Schauspiel seines Pigmentwechsels war dabei der reinste Farbzirkus, von sandig weiß bis zu leuchtendem Blau. Dass diese Tiere intelligent sind, merkt man sofort. Oder spätestens nach Sichtung des oscarnominierten Dokumentarfilms Mein Lehrer, der Krake.

Diesmal ist es nicht das Mittelmeer, sondern der Süden Afrikas. Schauplatz sind die Tangwälder und ihr artenreiches Ökosystem. Von Helmschnecken bis Pyjamahaie (ja, die gibt es wirklich) hat hier scheinbar jeder seine Nische gefunden. Sogar Tierfilmer Craig Foster, der nach einem Burnout langsam wieder zu sich selbst finden konnte, indem er im kalten, bewegten Wasser des Atlantiks regelmäßig schnorcheln ging und dabei auf eine Artenvielfalt aufmerksam wurde, die ihren Höhepunkt in der Begegnung mit einem Oktopus fand. Dieses urtümliche, von der Evolution bis heute ignorierte Wesen war anfangs natürlich skeptisch, dann neugierig – und schließlich fasste es Vertrauen in dieses blasse, große, zweibeinige Wesen, das da immer wieder auftauchen muss, um Luft zu holen. Umgekehrt entstand so etwas wie eine freundschaftliche Liebe, und Foster beschloss, aus dieser Freundschaft ein Projekt zu machen: Was passiert, wenn der Mensch zum selbstverständlichen Teil im Leben eines Kraken wird? Und was macht ein Krake sonst so, wenn er seine täglichen Runden dreht?

Anders als herkömmliche Tierdokumentationen steht hier nicht vorrangig die atemberaubende Beschaffenheit der Natur im Vordergrund. Klar tut sie das auch, doch was diesen Film ganz besonders hervorhebt, ist der paraverbale Dialog zwischen Mensch und Umwelt um die Suche nach einem längst verloren geglaubten Platz unserer Art in den komplexen Ökosystemen dieser Welt. Foster will zeigen, dass es falsch ist, zu behaupten, der Mensch ist nicht Teil von all dem hier, was uns umgibt. Er ist es doch. Und er kann, wenn er will, selbst für die von uns so heftig geschundene Natur bereichernd sein. Er muss sich nicht entfremden, um seinen Selbstwert zu schützen. Er kann sich ebenso gut integrieren. Foster hat das getan, mit Beharrlichkeit und Obesssion – zumindest ein Jahr lang (was ungefähr der Lebensdauer eines Kopffüßers entspricht).

Es ist eine Balance zwischen Teil der Ordnung zu sein – und die Ordnung zu stören. Eine Verhaltensstudie, die das Regieduo Pippa Ehrlich und James Reed behutsam und respektvoll in Szene setzen, dabei in rotierender Reihenfolge Foster zu Wort kommen lassen, den Kraken beobachten und den lebensverändernden Einfluss der Ökosysteme Küste und Meer geltend machen. Am Ende dieses Krakenlebens ist ein liebevolles Beziehungsdrama mit all seinen Höhen und Tiefen entstanden, voller Neugier und Achtsamkeit.

Mein Lehrer, der Krake