Crime 101 (2026)

AM ENDE LOCKT IMMER DER KLUNKER

6/10



© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: BART LAYTON

DREHBUCH: BART LAYTON, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON DON WINSLOW

KAMERA: ERIK WILSON

CAST: CHRIS HEMSWORTH, HALLE BERRY, MARK RUFFALO, BARRY KEOGHAN, MONICA BARBARO, COREY HAWKINS, NICK NOLTE, JENNIFER JASON LEIGH, TATE DONOVAN, DEVON BOSTICK, PAYMAN MAADI U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wie viel Charme verträgt ein Verbrechen? Sofern keine menschliche Seele zu Schaden kommt, durchaus einigen. Vorausgesetzt, der Gesetzeswidrige hat Gesicht und Physiognomie wie zum Beispiel Bilderdieb Josh O’Connor (The Mastermind), Tageskassenplünderer Channing Tatum (Der Hochstapler) oder Juwelen-Entwender Chris Hemsworth. Gegen so viel Attraktivität macht die Moral gerne einen Kniefall, gerade bei letzterem wird Verbrechen zum Kavaliersdelikt, wenn der dann noch den geheimnisvollen Sinnierer gibt, der zwischen seinen Coups gerne gedankenverloren ins Narrenkästchen blickt oder das nächtliche Treiben der Großstadt beobachtet, als würde sie ihm gehören. Hemsworth ist zum Anhimmeln da, vorwiegend von der weiblichen Seite, so auch im Film Crime 101, einem anmutigen Kriminalkonstrukt, der verschiedene Parteien gleichzeitig aus ihren Tiefgaragen fahren lässt und zusieht, wohin sie abbiegen und ob sie sich dabei irgendwann in die Quere kommen.

Raus aus der Tiefgarage

Dabei kommt es ganz drauf an, von wo aus jede der Parteien startet. Letztlich folgen sie alle dem Highway 101, einem nicht erst seit Depeche Mode popkulturtauglichen Stück Straße, an welchem der eine oder andere Juwelier seine Zelte aufgeschlagen hat. Der zu entwendende Reichtum taucht dann als Inkognito-Lieferung auf, die für Hemsworths Figur aber alles andere als das ist: Der weiß längst, wer hier wann wem die Klunker rüberreicht, um im rechten Moment zuzuschlagen. Ein zerzauster, brummbäriger Mark Ruffalo, der als Prequel-Version eines Inspektor Columbo wirklich keine Anstalten mehr macht, Hulk sein zu wollen, darf als vom Leben recht enttäuschter Detektive dem Juwelendieb auf den Fersen sein. Von anderer Seite versucht Halle Berry ihr Karriereglück als Versicherungsmaklerin, was nun auf den ersten Blick nichts mit der ganzen Sache zu tun hat, aber da würde ich sagen: nur langsam mit den jungen Pferden, die Story braucht etwas, um den richtigen Gang einzulegen, nichts will schließlich überhastet passieren, denn Filme wie Crime 101 will man ja auch nicht hinhudeln und dann an Glaubwürdigkeit und Akkuratesse verlieren.

Die Reichen beklauen

Die Grenze zwischen Gut und Böse ist dabei so diffus gehalten wie nur möglich, wobei den genannten Figuren eindeutig die Seite des Lichts zufällt – auf der anderen hängt immerhin ein verbraucht wirkender Nick Nolte an den Fressbuden in Little China herum, während der immer wieder unberechenbare Barry Keoghan den Antagonisten mimt, und zwar den wirklichen, nicht nur den halbseidenen wie Hemsworth. Schließlich ist Klunkerklau nichts, was wir zwingend als falsch erachten würden, trifft es schließlich, wie wir finden würden, keinen Armen.

Da haben wir es wieder, das bisschen Neid und die Genugutuung – diese innere Zufriedenheit, wenn die, die nichts haben, plötzlich, uneinsehbar für Passanten, den Inhalt eines kleinen braunen Kuverts in die Handfläche plumpsen lassen. Ob Hemsworth verdient hat, damit Erfolg zu haben? Ob die Rechtschaffenen, die durch ihre Rechtschaffenheit übervorteilt werden, nicht auch mal mit der Illegalität liebäugeln dürfen? Robin Hood hat es doch längst schon vorgemacht, und längst finden wir diese Handhabe durchaus heldenmütig. Doch das war im Mittelalter – und Hemsworth klaut die Karat ja nicht für wohltätige Zwecke. Sondern um etwas zu verarbeiten, das irgendwo in seiner Vergangenheit liegt. Deswegen zeigt er sich ja so lakonisch und geheimnisvoll. Wer will so einem Typen dann nicht alles entschuldigen, was vielleicht nicht ganz des Gesetzen entspricht?

Stadtfahrt ohne Überholmanöver

Crime 101 von Bart Layton (American Animals mit Barry Keoghan) liegt eine Kurzgeschichte von Don Winslow zugrunde, der – wir erinnern uns – das Drehbuch zu Oliver Stones brutalem Drogenthriller Savages verfasst hat. So blutig wie damals geht es in diesem zündschlüsselintensiven Karren-, Knarren- und Karat-Thriller längst nicht zu, hier wählt Layton gediegenes urbanes Ambiente, das nicht sonderlich auffällt. In dieses durchschnittliche Umfeld bettet Layton eine durchschnittliche Handlung, die zwischen all den Figuren den Durchschnitt sucht, also einen gewissen gemeinsamen Nenner, um so alle Fäden zusammenzuführen. Wie schon erwähnt treiben diese Fäden noch lange Zeit den Highway entlang, und immer wieder, sobald Chris Hemsworth zähneknirschend bedeutungsschwer und gleichermaßen stocksteif die Szene dominiert, lässt einen das Gefühl nicht los, dass die Figur dieses James Davis längst nicht so interessant ist, wie sie scheinen möchte. Ruffalo und Berry kompensieren das Defizit mit deutlich mehr Lust, sich zu öffnen. Sobald Barry Keoghan die ungewollt duldsame Harmonie zwischen den Protagonisten stört, indem er für Reibung sorgt, dreht Layton an der Spannungskurve. Es scheint, als wäre der ganze Film von dieser einen Figur abhängig, als würde sich alles auf diesen Keoghan verlassen. Der Showdown wird zur dramaturgischen Artistennummer, und am Ende zählt, wie so oft, immer nur der Klunker.

Crime 101 (2026)

Der Tiger (2025)

IM PANZER HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10



© 2025 Amazon MGM Studios


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, TSCHECHISCHE REPUBLIK 2025

REGIE: DENNIS GANSEL

DREHBUCH: DENNIS GANSEL, COLIN TEEVAN

KAMERA: CARLO JELAVIC

CAST: DAVID SCHÜTTER, LAURENCE RUPP, LEONARD KUNZ, SEBASTIAN URZENDOWSKY, YORAN LEICHER, TILMAN STRAUSS, ANDRÉ HENNICKE, ARNDT SCHWERING-SOHNREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Kriegsfilme sind so eine Sache. Leicht ist es passiert, und das ganze Szenario gerät verherrlichend, chaotisch oder in Anbetracht der Wahl der Protagonisten durchaus problematisch. Wenn Feuergefechte, Explosionen, Schießereien und massenhaft Tote in Summe zu Kriegsaction werden, kann vielleicht einer wie Chuck Norris oder Sylvester Stallone damit klarkommen. Mittlerweile ist diese Art von Actionfilm ohne begleitender Metaebene obsoleter und regressiver als sonst wie.

Suicide Squad im Russlandkrieg

Krieg ist ein Übel, die im Krieg Befindlichen arme Schweine, schuldlose Opfer oder – wie General Kurtz aus Apocalypse Now – psychotische Fanatiker, die Krieg einzig zu dem Zwecke betrachten, einst zugestandene Macht auszuüben. Die armen Schweine, die sichtlich keine andere Wahl hatten, als an die Front zu gehen, weil sie sonst, wie im Fall Jägerstätter (Ein verborgenes Leben), am Schafott ihr Leben gelassen hätten, während im Kriegseinsatz die Hoffnung, zu überleben, nicht sofort gestorben wäre, sind vor allem in den Filmen rund um den ersten und zweiten Weltkrieg jene Sorte von Mensch, um den es auch hier geht. In Der Tiger ist die Besatzung eines Panzers selbiger Klasse alles andere als freiwillig im Einsatz, haben die doch vor dem Krieg ganz andere Leben geführt. Der eine war Winzer, der andere Lateinprofessor, wieder ein anderer überhaupt erst mit der Schule fertig. Nun aber, weit entfernt von daheim, im Jahre 1943, nachdem die Schlacht von Stalingrad dem Deutschen Reich eine verheerende Niederlage beschert hat, muss die Crew jenseits der Frontlinie eine Person ausfindig machen: Major von Hardenberg – Panzerkommandant Gerkens scheint ihn nicht nur zu kennen, sondern auch eine Rechnung offen zu haben. Welche genau, bleibt lange unklar. Dieses Mysterium gerät auch zu einer Methode, den Film von Philipp Gansel (u. a. Die Welle) mehr sein zu lassen als nur ein martialischer Kriegsfilm. Dieses Vage, Unklare, diese Fahrt ins Nichts – natürlich erinnert der Plot in seinen Grundzügen an Francis Ford Coppolas unnachahmbarem Meisterwerk. Dort, im kriegsgebeutelten Vietnam, reist Martin Sheen mit seinem Team den Mekong hinauf, um General Kurtz zu finden, irgendwo im Dschungel. Was er entdeckt, ist längst Filmgeschichte. Hier sitzen die auf Mission Befindlichen in einem Kettenfahrzeug aus Stahl und durchqueren russische Wildnis, stets im Ausnahmezustand, und stets Gefahr laufend, den Feinden in die Hände zu fallen.

Wir sind keine Helden

Philipp Gansel konzentriert sich dabei weniger auf akkurat gefilmte Gefechtsszenen. Es geht auch weniger darum, Geschichte aufzuarbeiten oder gar Helden zu ermitteln. Die gibt es nicht, und es gibt auch kaum Geschichte. Die versteckt sich auf den Uniformen als vages Hakenkreuz unter aufgesticktem Reichsadler. Letztlich rückt der Feind, der, in vielen anderen Kriegsfilmen, vorzugsweise der amerikanischen, den gesichtslosen Schwarm-Antagonisten markiert, in den psychosozialen Fokus eines Kriegsdramas, das nicht zwingend in Stalingrad hätte spielen müssen, sondern fast schon universell funktioniert. Ähnlich hielt es Wolfang Petersen mit seinem Frühwerk Das Boot – und machte daraus einen nervenzerrenden Survivalthriller, der die Entbehrungen jedes einzelnen ganz im Sinne eines Antikriegsszenarios als letztlich sinnlos erachtet.

Wenn der Abgrund den Blick erwidert

Der Tiger funktioniert ähnlich – und je weiter das Kettenfahrzeug vordringt, umso mehr entfernt sich der Film von seinem Genre, um auf anderer Ebene weiterzuspielen – auf der Ebene eines mit Mystery-Elementen angereicherten Psychothrillers. Zugegeben, eine Ahnung hatte man schon zuvor, dass nichts hier mit rechten Dingen zugehen dürfte. Diese Wende, diesen Twist, den haben Filme wie Fury – Herz aus Stahl zum Beispiel nicht. Das Werk von David Ayer ist geradlinige Kriegsfilmkost: hart, schmutzig, ungeschönt, wie sich Krieg eben anfühlen muss. Gansel setzt aber noch eine Dimension drauf, und schickt seine Verlorenen in ein gespenstisches Fegefeuer, in die seltsame Stasis einer Zwischenwelt der letzten Worte, möglicher Gedanken und alternativer Taktiken. Laurence Rupp, David Schütter und Sebastian Urzendowsky lassen in ihrem Spiel sehr viel Nähe zu – dadurch wird der Trip zwischen Leben und Tod zu einem schmerzlichen, nihilistischen Brocken rettungsloser Verdammnis.

Der Tiger (2025)