Vampires vs. the Bronx

UNSERE TEUFLISCHEN NACHBARN

3/10


vampiresvsthebronx© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: OSMANY RODRIGUEZ

CAST: JADEN MICHAEL, GERALD W. JONES III, GREGORY DIAZ IV, COCO JONES, SHEA WHIGHAM, SARAH GADON,  U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Halloween naht, das macht sich überall bemerkbar. Auch Netflix hat da wohl recht vorausschauend damit angefangen, sämtliches mitunter auch familientaugliches Material an Grusel und wohlig schauriger Fantasy ins Sortiment zu quetschen, was gerade bei drei nicht bei anderen Anbietern gelandet ist. Manches hat Netflix auch bestellt, und wie es scheint auch nur, um ein saisonmäßiges Angebot zu selektieren, dass Jung und Alt auf die Nacht der Toten einstimmt. Vampires vs. The Bronx ist schon etwas länger im Sortiment, ist ein urbanes Teenie-Abenteuer und versucht, mit dem Stranger Things-Konzept – nerdige Jungspunde treten gegen das Unerklärliche, Metaphysische an – das Prädikat „sehenswert“ zu erhalten. Allein: dieser Film ist alles andere als das.

Schon klar, das Minderheiten-Konzept geht bei Netflix voll auf – das ist schön. Wir haben hier sämtliche Kids mit Migrationshintergrund – in der Bronx genauso wie in den Vororten von Paris. Und wir haben auch eine Handvoll schräger Erwachsener, die eindeutig nicht von hier sind und seltsamerweise nur bei Dunkelheit das Haus verlassen. Was kann da wohl dran sein? Ein weiteres Indiz: diese Fremden arbeiten für Murnau, einer Immobiliengesellschaft, die ganze Straßenstriche des Grätzels aufkauft – um sie wiederzuverkaufen. Gentrifizierung nennt man das, aber die geht womöglich nach hinten los. Denn die Kids, die merken bald, dass mit den spitzzahnigen Untoten etwas in ihrer Nachbarschaft sickert, das ungesunde Folgen haben könnte. Da fragt sich natürlich: Wo bleibt Buffy, the Vampire Slayer? Denn das hier wäre genau ihr Fall. Leider nebbich, ist das falsche Universum. Also müssen die Freunde selber ran, mit Knoblauch, Holzpflöcken und was das Handbuch für Vampire sonst noch so hergibt.

Obwohl die Dämonen hier recht bissfreudig sind – Vampires vs. The Bronx fehlt es an Biss, und zwar an allen Eck- und Durchhäusern. Das größte Problem ist die Dynamik. Es will nichts so recht in die Gänge kommen, das Drehbuch wirkt unausgegoren und provisorisch, wie die Vorfassung eines viel besseren Films. Schauspielerisch hangeln sich die Jungdarsteller von Textzeile zu Textzeile, anfangs wird Zoe Saldana in einem Cameo noch vor ihrem namentlichen Erscheinen im Vorspann verheizt, und der schiefnasige Obervampir ist meilenweit von dem Kaliber eines Spike, ebenfalls aus Buffy, entfernt. Sarah Gadon ist die einzige aus dem recht austauschbaren Dramatis Personae, gegen die es wert ist, das Kruzifix unter dem T-Shirt hervorzuholen. Sonst aber bleibt Vampires vs. The Bronx ein schwächelndes Stück vorhersehbare Routinearbeit ohne Nervenkitzel, scheinbar gemacht für wenig Budget und unter Zeitdruck hingehudelt.

Vampires vs. the Bronx

See You Yesterday

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

6/10

 

SYY-7-26-18-231.RAF© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: STEFON BRISTOL

CAST: EDEN DUNCAN-SMITH, DANTE CRICHLOW, MARSHA STEPHANIE BLAKE, ASTRO, MICHAEL J. FOX U. A.

 

Nerds gibt’s nicht nur als Sitcom. Die gibt’s eigentlich schon seit den 80ern von Amiga, Commodore und Hero Quest, nur nannte man sie damals noch nicht so. Nerds gibt’s jetzt auch wieder im Film, und zwar im Netflix-Streifen See You Yesterday, in welchem die beiden afroamerikanische College-Schüler Claudette und Sebastian die Außenseiter markieren, dafür aber blitzgescheit daherkommen und technische Spielereien entwickeln, die ans Übernatürliche grenzen. Eines dieser Projekte ist – erraten! – eine Zeitmaschine, quasi ein Rucksack mit Schläuchen und seltsamen Utensilien, einer großen Uhr am Buckel, die sich, keiner weiß wie und in welche Richtung auch immer, dreht und letztendlich einem Armband für Smartphones, auf welchen Ort und Zeit angegeben sind. Ihr Equipment sieht aus, als hätten die Kerle aus Michael Gondrys Be Kind Rewind wieder mal einen Blockbuster „geschwedet“, beim schnellen Hinsehen vielleicht Ghostbusters, denn die haben auch alle so ein Equipment auf den Schultern. Die beiden Nerds aber, die wollen einen Quantentunnel damit erzeugen, um in Beam Me Up-Manier statt die Seiten die Zeiten zu wechseln. Nach mehreren Anläufen gelingt ihnen das tatsächlich. Doch seit Marty McFly wissen wir, dass das Spielen mit Vergangenheit und Zukunft etwas ist, dessen Gesamtheit sich nicht erfassen lässt, dessen Auswirkung im kleinsten veränderten Detail stecken und was eigentlich – das wissen wir auch seit Butterfly Effect – einfach nicht mehr korrigiert werden kann.

Doch würden wir nicht auch, könnten wir in die Zeit zurückreisen, so ein Tool  liebend gerne benutzen? Man stelle sich nur vor, wie schnell sowas zu sagenhaftem Gewinn führen kann, vor allem Mittwochs oder Sonntags vor der Lottoziehung. Es müssen gar keine Epochen sein, die da zurückgelegt werden müssen. Umso mehr Zeit dazwischen, umso nachhaltiger sind all die Veränderungen. Und es kommt, wie es kommen muss – die beiden fingern allzu enthusiastisch in den temporären Schleifen herum, und das Schicksal ist dabei nicht gnädig. Claudettes Bruder stirbt bei einer polizeilichen Amtshandlung, fahrlässige Tötung, motiviert aus rassistischem Vorurteilsdenken. Wie lässt sich dieser Fehler wieder gut machen? Ganz einfach, noch einmal zurück in die Vergangenheit. Klingt ganz einfach, ist es aber nicht.

See You Yesterday ist erfrischend buntes Black Cinema, unter der Obhut von Althasen Spike Lee entstanden und von dessen Schützling Stefon Bristol inszeniert. Dabei sind neben einem so erfreulichen wie liebevollen Cameo eines ganz bekannten Zeitreisenden die beiden jungen Hauptdarsteller die größte Entdeckung dieses aufgeweckten, straighten Science-Fiction-Abenteuers, die so aussehen, als wären sie aus den 90er-Fernsehserien Der Prinz von Bel Air oder Alle unter einem Dach entsprungen. Die beiden verleihen dem Film ihren eigene unverhohlene Neugier, dem sozialen Kolorit der Bronx angepasst, cool wie ein improvisierter Rap und das amerikanische Grätzel-Klientel selbstironisch beobachtend. Die Sache mit der Zeit, die folgt den Parametern von Zurück in die Zukunft, enthält also eine ganz andere Logik wie zuletzt in Avengers: Endgame, wo die Reise zurück in die Zeit dem Prinzip des Multiversums folgt. In See You Yesterday gibt es nur eine Zeitlinie, auf der man vor- und zurückreisen kann, und die, laut Doc Brown, bei Begegnungen derselben identität zu einem verheerenden Paradoxon führen kann. Das ist witzig und höchst unterhaltsam, der Logik nochmal zu folgen, obwohl wir das seit den 80ern fast schon durch sind. Nur anders als bei Zemeckis´ Dreiteiler ist hier das Beheben von Zeitreiseproblemen durch Zeitreisen weniger von Erfolg gekrönt. So sehr es auch aussieht, Tragisches ändern zu können, bleibt das Schicksal festgeschrieben, deterministisch also. Somit tritt See You Yesterday irgendwann nur noch auf der Stelle. Und nimmt dem gesellschaftskritischen Märchen die Dynamik, die es zu Beginn hatte. Bristol hatte hier eine Idee nicht zu Ende gesponnen, was schade ist, denn nur zu gern hätte ich den beiden noch 20 Minuten länger die Daumen gehalten, damit sie alles wieder ins Lot bekommen. Man könnte ja zurückspulen – das würde aber auch nichts ändern. Ganz so wie im Film.

See You Yesterday