See You Yesterday

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

6/10

 

SYY-7-26-18-231.RAF© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: STEFON BRISTOL

CAST: EDEN DUNCAN-SMITH, DANTE CRICHLOW, MARSHA STEPHANIE BLAKE, ASTRO, MICHAEL J. FOX U. A.

 

Nerds gibt’s nicht nur als Sitcom. Die gibt’s eigentlich schon seit den 80ern von Amiga, Commodore und Hero Quest, nur nannte man sie damals noch nicht so. Nerds gibt’s jetzt auch wieder im Film, und zwar im Netflix-Streifen See You Yesterday, in welchem die beiden afroamerikanische College-Schüler Claudette und Sebastian die Außenseiter markieren, dafür aber blitzgescheit daherkommen und technische Spielereien entwickeln, die ans Übernatürliche grenzen. Eines dieser Projekte ist – erraten! – eine Zeitmaschine, quasi ein Rucksack mit Schläuchen und seltsamen Utensilien, einer großen Uhr am Buckel, die sich, keiner weiß wie und in welche Richtung auch immer, dreht und letztendlich einem Armband für Smartphones, auf welchen Ort und Zeit angegeben sind. Ihr Equipment sieht aus, als hätten die Kerle aus Michael Gondrys Be Kind Rewind wieder mal einen Blockbuster „geschwedet“, beim schnellen Hinsehen vielleicht Ghostbusters, denn die haben auch alle so ein Equipment auf den Schultern. Die beiden Nerds aber, die wollen einen Quantentunnel damit erzeugen, um in Beam Me Up-Manier statt die Seiten die Zeiten zu wechseln. Nach mehreren Anläufen gelingt ihnen das tatsächlich. Doch seit Marty McFly wissen wir, dass das Spielen mit Vergangenheit und Zukunft etwas ist, dessen Gesamtheit sich nicht erfassen lässt, dessen Auswirkung im kleinsten veränderten Detail stecken und was eigentlich – das wissen wir auch seit Butterfly Effect – einfach nicht mehr korrigiert werden kann.

Doch würden wir nicht auch, könnten wir in die Zeit zurückreisen, so ein Tool  liebend gerne benutzen? Man stelle sich nur vor, wie schnell sowas zu sagenhaftem Gewinn führen kann, vor allem Mittwochs oder Sonntags vor der Lottoziehung. Es müssen gar keine Epochen sein, die da zurückgelegt werden müssen. Umso mehr Zeit dazwischen, umso nachhaltiger sind all die Veränderungen. Und es kommt, wie es kommen muss – die beiden fingern allzu enthusiastisch in den temporären Schleifen herum, und das Schicksal ist dabei nicht gnädig. Claudettes Bruder stirbt bei einer polizeilichen Amtshandlung, fahrlässige Tötung, motiviert aus rassistischem Vorurteilsdenken. Wie lässt sich dieser Fehler wieder gut machen? Ganz einfach, noch einmal zurück in die Vergangenheit. Klingt ganz einfach, ist es aber nicht.

See You Yesterday ist erfrischend buntes Black Cinema, unter der Obhut von Althasen Spike Lee entstanden und von dessen Schützling Stefon Bristol inszeniert. Dabei sind neben einem so erfreulichen wie liebevollen Cameo eines ganz bekannten Zeitreisenden die beiden jungen Hauptdarsteller die größte Entdeckung dieses aufgeweckten, straighten Science-Fiction-Abenteuers, die so aussehen, als wären sie aus den 90er-Fernsehserien Der Prinz von Bel Air oder Alle unter einem Dach entsprungen. Die beiden verleihen dem Film ihren eigene unverhohlene Neugier, dem sozialen Kolorit der Bronx angepasst, cool wie ein improvisierter Rap und das amerikanische Grätzel-Klientel selbstironisch beobachtend. Die Sache mit der Zeit, die folgt den Parametern von Zurück in die Zukunft, enthält also eine ganz andere Logik wie zuletzt in Avengers: Endgame, wo die Reise zurück in die Zeit dem Prinzip des Multiversums folgt. In See You Yesterday gibt es nur eine Zeitlinie, auf der man vor- und zurückreisen kann, und die, laut Doc Brown, bei Begegnungen derselben identität zu einem verheerenden Paradoxon führen kann. Das ist witzig und höchst unterhaltsam, der Logik nochmal zu folgen, obwohl wir das seit den 80ern fast schon durch sind. Nur anders als bei Zemeckis´ Dreiteiler ist hier das Beheben von Zeitreiseproblemen durch Zeitreisen weniger von Erfolg gekrönt. So sehr es auch aussieht, Tragisches ändern zu können, bleibt das Schicksal festgeschrieben, deterministisch also. Somit tritt See You Yesterday irgendwann nur noch auf der Stelle. Und nimmt dem gesellschaftskritischen Märchen die Dynamik, die es zu Beginn hatte. Bristol hatte hier eine Idee nicht zu Ende gesponnen, was schade ist, denn nur zu gern hätte ich den beiden noch 20 Minuten länger die Daumen gehalten, damit sie alles wieder ins Lot bekommen. Man könnte ja zurückspulen – das würde aber auch nichts ändern. Ganz so wie im Film.

See You Yesterday

The Dead Don´t Die

NUR NICHT DEN KOPF VERLIEREN

6/10

 

THE DEAD DON'T DIE© 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 

LAND: UDA 2019

REGIE: JIM JARMUSCH

CAST: BILL MURRAY, ADAM DRIVER, CHLOË SEVIGNY, STEVE BUSCEMI, SELENA GOMEZ, DANNY GLOVER, TILDA SWINTON, TOM WAITS, IGGY POP U. A.

 

Schon mal was von Sturgill Simpson gehört? Ein Singer und Songwriter relativ späten Baujahres, vorwiegend Country. Gut, das ist ein Genre, mit dem muss man etwas anfangen können. Das muss man wollen, dieses schmerzliche Romantisieren, dieses intonierte Fernweh an Orte ohne Wiederkehr. Das ist ein bisschen wie das Wienerlied, nur amerikanisch. Sturgill Simpson, der klingt, als wäre er ein Zeitgenosse von Johnny Cash gewesen – ist er aber nicht. Der Musiker aus Kentucky, der könnte mit Jim Jarmuschs neuen Film aus eng gezogenen Kennerkreisen zu höherer Bekanntheit aufsteigen – mit seinem Song The Dead Don´t Die. Mit diesen saitenbewegenden Klängen, und mit bunter Retro-Typo vor schwarzem Hintergrund, damit betritt Amerikas kultigster Autorenfilmer abermals ein Terrain, auf dem er sich bereits 2013 erstaunlich gut zuerechtfand. Aufgrund dieser Trittsicherheit macht sich nun nochmal weihnachtliche Vorfreude breit, in Erwartung, etwas ähnlich neu Intepretiertes vorgelegt zu bekommen. Dieses Terrain, das ist jene des mythenbesetzten Grusels, bevölkert von den Kindern der Nacht, den Untoten. In Only Lovers Left Alive durften Tilda Swinton und Tom Hiddleston im Cure-Look die schlechten Zeiten für Vampire beklagen. Traumverloren und scheinbar nicht von dieser Welt, völlig deplaziert in einer Gesellschaft, die des Tages lange Stunden nutzt und mit Ewigkeit nichts anfangen kann. Eine Filmballade, die Jarmusch daraus gemacht hat, durchaus selbstironisch und durchdrungen von einem erlesen sortierten Soundtrack, der das Ensemble erst so richtig in der Schwebe hielt, der das Szenario im Zwielicht den nötigen psychedelischen Drive mit auf dem Weg in die Finsternis mitgegeben hat.

Jim Jarmuschs Filme sind ohne ihre groovigen Sampler völlig undenkbar. Man nehme nur Broken Flowers. Da sucht Bill Murray die Mutter seines Sohnes. Wenn The Greenhornes den Song There is an End über die Szene schmettert, während Murray, längst kein oberflächlicher Spaßvogel mehr, mit einem Strauß Blumen in der Hand völlig orientierungslos in der Landschaft steht, dann ist das im Ganzen lakonisches Kino vom Feinsten, für Aug und Ohr gleichermaßen. Ähnlich verläuft es mit seinem neuen Streifen, der wieder mal die Skills der Untoten zelebriert, sich diesmal aber deutlich mehr schmutzig macht, mit Friedhofserde unter den Fingernägeln. Die Zombies brechen aus, und sie tun es endlich wieder wie zu Zeiten von Michael Jackson, als das Video zum Disco-Meilenstein Thriller die Ghule aus den Gräbern geholt hat. Von dort sollen sie auch kommen, meiner Meinung nach. Das sind wiedermal Zombies, die sich ihren ursprünglichen Pflichten besinnen, nämlich als Tote wieder aufzuerstehen, und nicht durch einen fragwürdigen, x-beliebigen Virus erst zu solche gemacht zu werden. In The Dead Don´t Die überfallen sie allesamt eine Kleinstadt namens Centerville, fressen natürlich auch Menschenfleisch, zeigen aber deutlich mehr Vorliebe für die Dinge, die sie Zeit ihres Lebens verehrt haben. Kaffee zum Beispiel, Smartphones oder Süßes, vor allem bei Zombie-Kindern. Das ist ein erfrischend origineller Ansatz, der sein Potenzial aber leider nicht allzu bewusst ausspielt.

Die hirnlose Sucht nach Dingen und Gewohnheiten, nach Konsum und sozialen Mustern hat John Carpenter damals bei Sie leben viel präziser kritisiert. Dass das Zombie-Genre gerne als gesellschaftskritischer Zerrspiegel angesehen wird, kann man so annehmen, oder aber auch nicht. Dafür sind die mit der Tür ins Haus fallende Bedrohung und die Gier nach Blut vorwiegend zu plakativ und effektorientiert, um eine tiefsinnigere Metaebene deutlich auszumachen. Ausnahmen gibt es natürlich genug, allen voran sicherlich auch George A. Romeros Klassiker in Schwarzweiß – The Night of the Living Dead. Obwohl ich den Film nicht kenne, könnte es gut sein, dass Jarmusch den Horrorstreifen bewusst und von Herzen zitiert hat. Die Szenen einer Welt wie wir sie kennen, in der latent und undefinierbar Bedrohliches aufkommt, die Ruhe vor einem unausweichlichen Sturm, erinnern an Twin Peaks, haben aber einen ganz anderen Rhythmus. Einen, den Jim Jarmusch stets zelebriert – die Langsamkeit, das Entschleunigte. Unterlegt mit den bedrohlich-melodischen Klängen der Postrock-Band Mogwai, ebenfalls in genüsslich zurückgeschraubtem Tempo, entfaltet der eigenwillige Künstler durch eben diesen rätselhaften Chill einen fast schon zeitlosen, beklemmenden Ist-Zustand, wie die windstille Schwüle vor einem Gewitter. Mittendrin ein Cast, der wahrlich ungern Macheten und Katanas schwingt, um die faulenden Rüben der Untoten zu kappen, auf lakonische Komik der Rat- und Kopflosigkeit ausweicht, und der wohl gerne zugibt, mit dieser Art Endzeit nichts mehr anstellen zu können.

The Dead Don´t Die ist längst nicht so parodierend wie Shaun of the Dead zum Beispiel, auch nicht so abenteuerlich wie Zombieland oder so hitzig wie Train to Busan. Jarmuschs Antwort auf den Zombie-Hype ist kein innovativer, aber bewusst träger Zitatenschatz, in versonnenen Alltagsfloskeln verloren und voller verpeilter Sprüche, die dem Unausweichlichen höhnen. Da stellt Jarmusch die richtigen Figuren auf, lässt sie scheinbar unentwegt Sturgill Simpson hören und in aus schierer Überforderung entsprungenem Stoizismus eins und eins zusammenzählen. Das wiederum geht sehr langsam. Aber langsam ist hier gut, fast wie neu entdeckt.

The Dead Don´t Die

Elstree 1976

IM GESPRÄCH MIT DARTH VADER

7/10

 

elstree1976_01© 1976 Twentieth Century Fox

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: JON SPIRA

MIT DAVID PROWSE, JEREMY BULLOCH, ANTHONY FORREST, GARRICK HAGON, ANGUS MACGINNES, PAM ROSE U. A.

 

Heute ist Freitag, der 4. Mai 2018. Und wiedermal jährt sich der internationale Star Wars Day. Fans des Skywalker-Universums sind heute bestimmt schon ganz aufgeregt, und ich selbst habe Tage zuvor mit mir gerungen, nicht vielleicht doch das Ben Kenobi-Kostüm überzuwerfen, um mich in den Öffis zu blamieren. Wobei das Phänomen Star Wars eigentlich so weit verbreitet ist, dass mein Outfit womöglich auf wohlgesinntes Verständnis gestoßen wäre. Dennoch – ein T-Shirt tut´s auch. Dabei ist am 4. Mai eigentlich überhaupt gar nichts passiert. Das ist nur das Ergebnis eines Wortspiels auf Kosten des allseits bekannten Jedi-Zitats „Möge die Macht mit dir sein“. Im Original: May the Force be with you. Das sind es keine Parsecs hin zu May the Fourth be with you. Und schon haben wir ein Fan-Konstrukt, dass ewig währt – solange die George Lucas-Maschinerie geschmiert und am Laufen bleibt, militante Verfechter der Originaltrilogie von der Sorge mal ausgenommen.

Irgendwo und irgendwann aber hat dieser sagenhafte Dauerhype aber auch seinen Anfang genommen. Vor langer langer Zeit… Da war so ein Schmierblatt an einer Hausmauer, im Londoner Soho, mit einem Aufruf zum Casting für einen Film, der sich The Star Wars nennen möchte. Pfeil nach rechts, ein paar Meter weiter und man fand sich in einem provisorisch eingerichteten Büro wieder, wo sich jeder für die Produktion bewerben konnte. Denn Komparsen waren bei diesem Science Fiction Film, an den eigentlich niemand so wirklich geglaubt hat, reichlich vonnöten. Wurde man durchgelassen, traf man auf einen eher introvertierten Mann mit Bart und Locken, der dann zu plaudern anfing – und den Bewerber entweder engagiert oder wieder heimschickt hat. Manch einer wurde engagiert – und ist mit diesem Engagement in die Filmgeschichte eingegangen. Denn wie wir alle wissen wurde nicht sehr viel später Star Wars über Nacht zu einem weltbewegenden Popkulturgut, frei nach dem Olympischen Gedanken: Dabei sein ist alles.

Von diesem denkwürdigen Moment der Filmgeschichte inspiriert, hat Autor und Filmemacher Jon Spira einen sehr persönlichen, liebevollen Dokumentarfilm gedreht, der sich an den längst überfeierten, altbekannten Stars aus Krieg der Sterne vorbeidrängt, um die Helden aus der zweiten Reihe näher kennenzulernen. Elstree 1976 ist ein ungewöhnliches Filmprojekt, das sein Glück auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter gefunden hat. Kein Wunder, Projekte mit Star Wars sind womöglich sehr leicht zu finanzieren, Nerds und Fans gibt’s hierfür jede Menge. Sobald diese wissen, was da abgeht, gibt’s kein Halten mehr. So konnte Elstree 1976 – der Titel bezieht sich auf die legendären Londoner Filmstudios, in denen Episode IV vorwiegend gedreht wurde – im Handumdrehen realisiert werden. Doch wie geschmiert lässt sich die Spurensuche in die hintersten Winkel der Filmgalaxie dann doch nicht an, obwohl die Close Ups freigestellter Actionfiguren das Herz des Sammlers gleich mal höherschlagen lassen. 10 Personen erzählen aus ihrem Leben, von ihrem Werdegang, erstmal ohne Bezug zu Star Wars. Das ist vorweg etwas verwirrend, nicht unbedingt irrelevant, aber zumindest sehr viel Information, die leicht durcheinandergerät – bis alle 10 Lebensläufe nach dem Sanduhrprinzip aufeinandertreffen. Die Dreharbeiten zu Episode IV werden in Erinnerungen, Anekdoten und liebevoll ausgeschmückten Skizzen des Produktionsalltags greifbar. Die Darsteller des Kopfgeldjägers Greedo (einer meiner Lieblinge) und Boba Fett, der dem Schnitt vorwiegend zum Opfer gefallene Garrick Hagon als Biggs Starlighter oder Darth Vader höchstpersönlich, nämlich der Hüne David Prowse, plaudern aus dem Nähkästchen und sind letzten Endes allesamt der Meinung, dass dieser völlig unerwartete Erfolg ihr aller Leben verändert hat. Das möchte ich meinen, hat das Ganze mein Leben auch irgendwie verändert, oder besser gesagt geprägt – obwohl ich nicht mal ansatzweise dabei gewesen bin. Zumindest fällt mein Geburtsjahr auf das Jahr der Premiere. Am 25. Mai 77 ist es dann nämlich so weit gewesen.

 

elstree1976_02© 1976 Twentieth Century Fox

 

Elstree 1976 ist eine Collage an Interviews, akkurat strukturiert und statt einige Blicke hinter die Kulissen zu gewähren, auf die ich eigentlich gehofft hätte, sorgt Jon Spira für relativ viel Gesprächsstoff. Das sozusagen in drei Kapitel gegliederte Projekt – vor, während und nach Star Wars – ist sicherlich eine Tour of Duty für jeden Fan, der mal abseits von den gängigen Features in ruhigere Gefilde abtauchen will, um sich später besser vorstellen zu können, wie es sich denn anfühlen möge, dabei gewesen zu sein. Noch dazu ist der im Laufe der Erzählungen angerissene Diskurs über Ruhm, Kult und die Frage des Verdiensts auch nur als Statist, Fans an Comic Cons Schlange stehen zu sehen, das wohl interessanteste Herzstück der eleganten Annäherung an vergangene Zeiten mit dieser unendlich nachhallenden Wirkungskraft.

Es bleibt also eine neue Hoffnung, auf dem diesjährigen Popkultur-Event vielleicht dem einen oder anderen Sidekick der ersten Stunde am Autogramm-Panel die Hände zu schütteln, so verschwindend sein oder ihr Auftritt damals auch gewesen sein mag. Es genügt jedenfalls, Fanboys wie mich wiederum dazu zu verleiten, bereits schon jetzt die Tickets für kommenden Herbst zu sichern.

Elstree 1976

Sie nannten ihn Spencer

BE BUD OF IT!

9/10

 

spencer© 2017 http://www.budspencermovie.com / Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2017

REGIE: KARL-MARTIN POLD

MIT BUD SPENCER, TERENCE HILL, RICCARDO PIZZUTI, SAL BORGESE, MARIO PILAR U. A.

 

Das Jahr 2016 war ein bemerkenswertes Jahr der Trauer in der Welt der Kunst und des Entertainments. Neben Größen wie David Bowie und George Michael haben auch Ikonen wie Bud Spencer das Zeitliche gesegnet. Genauer gesagt am 27. Juni. Obwohl ich Bud Spencer natürlich nicht gekannt habe, hat mich sein Ableben doch ziemlich betrübt. Bis zuletzt hatte ich die Hoffnung, dass Sylvester Stallone auf die Idee kommen würde, dem Mann mit dem Dampfhammer einen Cameo-Auftritt in The Expendables 4 zu bescheren. Wenn die Helden der Kindheit nacheinander an die Himmelstür klopfen, weiß man, dass man wirklich älter geworden ist, so sehr man auch versucht, das innere Kind zu bewahren. Letztes Jahr hat sich sogar noch Jerry Lewis verabschieden müssen. Da bleibt nur zu hoffen, dass zumindest Bud Spencer weder Die rechte noch die linke Hand des Teufels geworden ist. Wobei ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen kann. Denn Bud Spencer, der war zweifellos einer von den ganz guten. Das zum Scherenschnitt stilisierte Konterfei des brummigen Bartträgers ziert tatsächlich auch diverse Brustflächen meiner T-Shirt-Sammlung – und outet mich gelegentlich auch auf offener Straße als großen Fan des mit bürgerlichem Namen genannten Carlo Pedersoli. Seine einfach gestrickten Abenteuer, vor allem jene, die er gemeinsam mit seinem Busenfreund Terence Hill bestritten hat, haben das ohnehin schwierige Erwachsenwerden angenehm einfach erscheinen lassen. Alles in seinen Filmen war auf beruhigende Art Schwarz und Weiß, der große Dicke, den man auch Mücke, Hector, Aladin oder einfach nur Plattfuß nannte, hat mit knochenbrechender Akrobatik für Gerechtigkeit, Klarheit und Ordnung nicht nur in den fiktiven Welten der Fernsehlandschaft, sondern auch bis zu einem gewissen Grad in der eigenen Welt gesorgt. Wenn doch alles nur so simpel wäre! Spencer und Hill haben dafür gesorgt. Mit Ohrenschelle und schwungvollem Kick schräg unters Kinn. Die Prügelkomödie war geboren – ein Subgenre, dass es nicht mehr gibt, und das auch nur mit den beiden Italienern so richtig gut funktioniert hat. Die befreienden Rundumschläge waren auf ihre rotzfreche und herrlich blödelnde Art unglaublich wohltuend, optimistisch und enorm lustig, was letzten Endes auch der kongenialen deutschen Synchro zu verdanken ist. 

In der durch Crowdfunding glücklicherweise erfolgreich finanzierten Dokumentation Sie nannten ihn Spencer von Karl-Martin Pold werden zwei Bud Spencer-Nerds, die nicht von ungefähr eine gewisse Ähnlichkeit mit den zwei Himmelhunden aufweisen, quer durch Europa geschickt, um den einzig wahren- the one and only – Bud Spencer zu finden, um ihm mal so von Herzen Danke zu sagen. Dabei treffen der Blinde und der Blonde im rasenden Van auf Schauspielkollegen und Mitstreiter, lassen Buds Buddy Terence Hill ausgiebig zu Wort kommen und müssen auch die eine oder andere Niederlage einstecken. Dieses Dankeschön – das muss auch ich jetzt mal an dieser Stelle loswerden. Denn die Liebeserklärung an das mürrische Raubein mit weichem Kern ist bislang wohl das Beste, was Fans scheinbar aus dem Nichts heraus auf die Beine gestellt haben. Sie nannten ihn Spencer ist ein Film voller Schrullen, skurriler Leidenschaft und Emotionen, gleichermaßen für Fans wie für Nostalgiker. Mit ganz viel Liebe zum Detail und so begeisterungsfähig, dass es ansteckend ist. Dieses großartige Engagement für eine Sache erinnert mich an den 2016 fertiggestellten, österreichischen Star Wars-Fanfilm Regrets of the Past. Hier durfte ich bei der Premiere des Films dabei sein und konnte so zumindest ein bisschen nachspüren, was Fandom eigentlich wirklich ist. Und genau das spürt man hier genauso. Fandom muss nichts Manisches sein. Nichts, was man skeptisch beäugen muss. Fandom kann eine Lebenseinstellung sein, die lausbübische Freude am Leben hervorbringen kann und den pflichtbewussten Alltag stets versüßt. Der ungeheure Zeitaufwand hinter dieser Bud Spencer-Doku, welcher aus Spaß an der Freude und ungeachtet durchwachter Nächte investiert wurde, hat sich bezahlt gemacht. Sowohl Darsteller als auch die Technik im Hintergrund hat Sie nannten ihn Spencer in eine Form gebracht, die keine Sekunde langweilt, ganz viele unvergessliche Szenen aus fast allen Filmen des Neapolitaners bereithält und diese so geschickt in die eigentliche Handlung hineingeflochten hat, dass man das Gefühl hat, alle Filme von damals auf einmal nochmal sehen zu dürfen. Nebenbei läuft fast unbemerkt die Essenz einer Biografie des Carlo Pedersoli, von seinen Anfängen als Schwimmer bis zum berührenden Höhepunkt der Odyssee, den man, nachdem man geradezu mitfiebern durfte, ob das Projekt überhaupt gelingt, mit einem leichten Kloß im Hals fast selbst erlebt. 

Selten ist eine Entertainment-Doku so grandios geschnitten. Und selten lässt ein Fanfilm nicht das kleinste essentielle Detail außen vor. Hier findet der Nerd alles, was er sucht. Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen, ohne geplant zu wirken. Hier ist so viel Natürlichkeit und Herzblut vorhanden, dass man während des Films sein bekennendes T-Shirt aus dem Schrank holen möchte. Mit den begleitenden, uns wohlbekannten Refrains der Oliver Onions, die man motiviert mitpfeift, wird klar, dass die Jugendjahre ohne Vier Fäuste für ein Halleluja oder Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle tatsächlich ärmer gewesen wären. Mit Sie nannten ihn Spencer kann sich einer wie Bud nur glücklich schätzen, solche Fans sein Eigen zu nennen.

Sie nannten ihn Spencer

Star Wars Fanfilme

WEIT WEIT ENTFERNT, UND DOCH SO NAH

 

Anlässlich der Premiere des neuesten Abenteuers aus dem Star Wars-Universum, dem Spin Off Rogue One, möchte ich mich auch den Millionen Fans rund um den Erdball widmen, für welche die weit weit entfernte Galaxis immer noch nah genug ist, um sich in ihr voller Eifer und Glückseligkeit auszutoben. Damit die Wartezeit zwischen den offiziellen Kinoevents nicht allzu schal und langweilig daherkommt, und weil man nicht schon wieder zum was weiß ich wievielten Male die Staffeln der Clone Wars oder die einzelnen Filme, die man ohnehin schon auswendig kennt, heranziehen möchte, sind die Fans nun selbst aktiv geworden. Unter ihnen gibt es jede Menge Leute, die sich mit dem Filmemachen nur allzu gut auskennen. Die Professionalsten sind, im Bücherschreiben, im Filmen, im Schauspielern. Wieso dieses Potenzial nicht nutzen? Und wieso auf eine Live-Act-Serie warten, die ohnehin nicht kommen wird? Also ran an die Kamera, ran an den Schneidetisch und an die Kostümemacher. Ran ans Drehbuch und hinein ins Jedipedia Online-Lexikon. Und siehe da – der Reihe nach erwachen kinematographisch anmutende Spin Offs zum Leben, die Star Wars um die Kategorie und dem Subgenre Fanfilm bereichern. Mittlerweile gibt es sogar Wettbewerbe und Festivals, auf welchen die besten Werke der selbstlosen NGO-Freizeitjedis honoriert werden. Ein sehr sympathischer Zug von Disney und Lucasfilm. Nur wehe du verdienst was dabei… 😉

Im Zuge dessen möchte ich, fortsetzend zu meiner Rezension über den österreichischen Film Regrets of the Past und Darth Maul: Apprentice, vier weitere Kurzfilme vorstellen, die die Galaxis vom inneren Kern bis ins Outer Rim tatsächlich bereichern und Star Wars-Liebhabern ans Herz zu legen sind. Was sie gemeinsam haben, ist auf alle Fälle mal ihre professionelle Aufmachung. Handwerklich top, wissen sie in Kameraführung, Beleuchtung und Filmmaterial wahrlich zu begeistern. Hier ging man mit teuren. professionellen Geräten zu Werke. Hier stimmt Sound, Beleuchtung und Ausstattung. Hier stimmen Schauspieler, Settings und – was ganz wichtig ist – Atmosphäre. Und abgesehen davon – in ihrer Gesamtheit stechen sie aus all den anderen mehr oder weniger bemühten Fanfilmen deutlich heraus.

Und noch was: Am besten, ihr genießt diese Filme auf eurem Fernsehbildschirm. Je größer das Format, desto besser. Und es erzeugt das richtige Feeling.

KARA

 

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Irgendwo im Outer Rim. Ein Wüstenplanet, könnte Tatooine oder Jakku sein. Ich tippe eher auf letzteren Planeten. Ein Mädchen ist mit ihrem Vater in der Wüste unterwegs, es könnten Nomaden sein. Sie trägt die Macht in sich, kann sie aber nicht steuern. Es passiert einfach. Wenig später entbrennt eine Schlacht zwischen Rebellen und dem Imperium. Die beiden Nomaden sind mittendrin. Der knapp achtminütige Kurzfilm ist exzellent gefilmt. Vor allem die großzügig bebilderte Fliegersequenz über dem Dünenmeer ist grandios und steht tatsächlich der Optik aus Das Erwachen der Macht um nichts nach. Ein Film, der Atmosphäre erzeugt, von der Macht in ihrer rohen Essenz als auch vom Sternenkrieg erzählt. Joe Sill, Regisseur und Werbefilmer aus Los Angeles, hat eine Star Wars-Momentaufnahme im Kinoformat erschaffen. Chronologisch gesehen ungefähr nach Episode VII angesiedelt. Hier gehts zum Film.

HAN SOLO: A SMUGGLERS TRADE

 

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Der amerikanische Schauspieler Jamie Costa mimt den legendären Han Solo – und siehe da: er macht seine Sache ausgezeichnet. Nicht nur, dass er dem jungen Harrison Ford tatsächlich ein bisschen ähnlich sieht – er dürfte all seine Mimik und seine Gestik aus den Originalteilen akribisch studiert haben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es ist alles da, was Fans mit dem alten Haudegen, der sogar einem Gundark das Fell über die Ohren ziehen kann, verbinden. Eine Cantina, zwielichtige Kopfgeldjäger, vermummte Sandkrieger. Ja sogar eine C3PO-Einheit stiehlt sich durchs Bild. Und das Beste aber kommt zum Schluss. Welch eine Überraschung, als Chewies Knurrgejaule ertönt. In dem 13minütigen Kurzfilm versucht Han Solo seinen Freund Chewbacca aus dem Gewahrsam eines zwielichtigen Gangsters zu befreien, der den Schmuggler durch die Geiselnahme des Wookie dazu genötigt hat, ein Lichtschwert zu beschaffen. Nun, seht selbst, was Han Solo alles einfällt, um sein Recht einzufordern. Ein gelungenes, actionreiches Gustostück mit einem Wookie, wie wir ihn kennen. Perfekte Kostüme, großartige Ausstattung. Und viel Witz. Zeitrahmen: Ungefähr einige Jahre vor Episode IV. Hier gehts zum Film.

DAS AMULETT VON URLON

 

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In der Kürze liegt die Würze. Sage und schreibe 4 Minuten und ein paar Sekunden lang ist die düstere Episode aus den Randbereichen des Star Wars Universum. Ein Reliquiensammler unbekannter Herkunft findet auf einem unbekannten Planeten (zur Abwechslung kein Wüstenplanet und auch nicht der Wienerwald hinterm Haus) einen verlassenen Jedi-Tempel. Es könnte aber auch ein Sith-Tempel sein, so genau weiß man das nicht. Der vermummte Unbekannte ist auf der Suche nach einem Amulett, mit dem man angeblich die Raumzeit überwinden kann. In kühlen Bildern und ganz viel Finsternis weiß dieser kurze Epilog zu fesseln. Einzig ein knisterndes Lichtschwert bringt fahlgrünes Licht in einen gespenstischen, verfluchten Ort. Ein Hauch von Star Wars für Erwachsene. Chronologisch nicht einzuordnen. Ich würde sagen, ungefähr lange vor Episode I. Hier gehts zum Film.

THE SECRET OF TATOOINE

 

fanfilm_tatooine

Nicht nur die amerikanischen und österreichischen Fans, auch die Franzosen wissen, wie man sich als Nerd filmisch verewigt: Die stark an Eine neue Hoffnung erinnernde und auch einige Jahre nach Episode III spielende Geschichte ist der zwar handwerklich und dramaturgisch am Wenigsten ausgereifte Kandidat auf meiner Liste, aber der einzige, der John Williams’ Score verwendet und von der Erzählweise wie vom Setting her sehr viele vertraute Elemente zitiert. Darunter ein Auftritt Darth Vaders, der Raumhafen Mos Eisley im Hintergrund und bekannte Figuren wie Owen Lars, Ben Kenobi und der junge Luke Skywalker. Klar ist das Gesicht von Kenobi aus dem Kurzfilm gewöhnungsbedürftig, doch die Story, die sich an einem Comic aus der neuen Panini Star Wars Reihe orientiert und sehr wahrscheinlich dem offiziellen Kanon entspricht, weiß zu überzeugen. Und der Score, ja, der übertüncht so Einiges. Somit wäre dieser letzte Kandidat die perfekte Einstimmung für Rogue One. Nach Episode III, und vor Episode IV. Sehr zeitnah zu Jyn Ersos Einsatz. Hier gehts zum Film.

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