Sew Torn (2024)

NUR NICHT DEN FADEN VERLIEREN

7/10


Sew Torn© 2024 The Playmaker

LAND / JAHR: USA, SCHWEIZ 2024

REGIE: FREDDY MCDONALD

DREHBUCH: FREDDY & FRED MCDONALD

CAST: EVE CONNOLLY, CALUM WORTHY, JOHN LYNCH, K. CALLAN, RON COOK, THOMAS DOUGLAS, CAROLINE GOODALL, WERNER BIERMEIER, VERONIKA HERREN-WENGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Dass Zwirnfäden so reißfest sein können, ist erstaunlich. Ich dachte stets, dieses hauchdünne Nähzubehör hält keinen größeren Einflüssen stand, doch eigentlich tut es das, und zwar in jedem Kleidungsstück. In Sew Torn (übersetzt: zerrissene Naht) spielt der handwerklich genutzte Nähfaden eine große Rolle, fast noch mehr als der Spinnenfaden bei Spiderman Peter Parker, wenn er sich wieder mal an senkrechte Hauswände heftet. Um den Zweck der Fäden zu nutzen, muss man erstens räumlich gut denken können und zweitens mit geschlossenen Augen den Zwirn ins Nadelöhr bringen – das wiederum in Sekundenschnelle. Man muss auch das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung verstehen, das Prinzip einer Kugelbahn oder des Dominoeffekts. Wäre dem nicht so, wäre Schicksalsschneiderin Barbara (Eve Connolly, u. a. The Other Lamb) wohl sehr schnell über ihr eigenes, komplex geflochtenes Netz gestolpert, das letztlich Dinge in Bewegung bringt, die wie in Kevin – Allein zu Haus unliebsamen Aggressoren das Handwerk legen soll. Eine Art „McGyver“ wäre an Barbara verloren gegangen – hätte sie ihn nicht rechtzeitig entdeckt, nachdem ein einziger kleiner, scheinbar nichtiger Umstand das restliche Leben infrage stellen wird. Dieser Umstand ist ein kleiner, weißer Knopf, der Barbara beim Anprobieren des Hochzeitskleides einer sichtlich längst entnervten Kundin aus der Hand fällt. Vor einem Lüftungsgitter am Boden macht er Halt – die Frage ist: Fällt er durch den Spalt oder bleibt er auf dem Gitter liegen? Barbara fordert das Schicksal heraus – und lässt den Knopf in die Finsternis kullern. Da sie nochmals zurück in ihre Schneiderei fahren muss, um einen neuen Knopf zu holen, wird sie auf der Landstraße zur Zeugin eines kriminell motivierten Unfalls. Auf dem Asphalt der Fahrbahn liegt ein Koffer voller Geld, am Straßenrand zwei schwer verletzte, männliche Individuen, unweit von ihnen entfernt zwei Pistolen. Was soll Barbara also tun? Den Geldkoffer an sich nehmen, um neu anzufangen? Einfach weiterfahren? Oder die Polizei rufen?

An diesem Punkt spaltet sich Sew Torn auf. Ein dramaturgisches Spiel, das durchaus auch an Tom Tykwers experimentellem Thriller Lola rennt erinnert. Dort muss Franka Potente immer und immer wieder und ohne dabei zwingend in einer Zeitschleife gefangen sein zu müssen einen missglückten Raubüberfall durchexerzieren und dabei unterschiedliche Entscheidungen treffen. Der Qual der Wahl muss sich in Freddy McDonalds Film- und Regiedebüt auch Barbara aussetzen und behält die Übersicht über drei Möglichkeiten. Sew Torn näht sich dabei sein Insert zu den jeweiligen Episoden formvollendet selbst – um immer vom selben Punkt weg neu durchzustarten. McDonald setzt dabei auf den Nähkoffer seiner Heldin, die alles enthält, was auch Mary Poppins braucht, um aussichtslose Situationen meistern zu können – oder auch nicht. Sew Torn erhält durch diese kreative Komponente – nämlich: sich die Skills einer Näherin märchengleich zunutze zu machen – ein Alleinstellungsmerkmal und verhält sich auch sonst so, als wäre der Film selbst das Schneidern eines komplizierten Kleidungsstücks, während der Teufel hinter einem her ist. Die Nähmaschine rattert, die Spule entrollt den Zwirn, der geradezu ein Eigenleben entwickelt und es so scheint, als müsste Mission Impossible-Agent Tom Cruise als nächstes einen Weg durch ein Wirrwarr an Fäden finden, ohne auch nur an einen einzigen anzustreifen. Dergleichen Spannung erreicht Sew Torn auffallend früh – und McDonald kann sie halten. Neben vielen originellen und verblüffenden Einfällen, die Barbara zu einem Improvisationstalent hochstilisieren, ist die stets auf dem Gaspedal befindliche Inszenierung auch angesichts einer Erstlingsarbeit eine beeindruckende Leistung. Die Ursache für die handwerkliche Raffinesse des Werkes liegt wohl auch daran, dass McDonald, völlig eins mit dem Rhythmus seines Films, auch für den Schnitt verantwortlich war. Eine Aufgabenverteilung, die sich bezahlt macht.

Sew Torn ist schließlich der Glücksfall eines leidenschaftlichen Handwerks, das über ein anderes unterschätztes Handwerk erzählt, dass sich zweckentfremden lässt, um das Schicksal neu zu schneidern. Die Schwerpunkte sind richtig gesetzt, Eve Connolly als Barbara vielleicht in so kurzer Zeit manchmal zu einfallsreich, doch das ist in dieser Realität des Films eine Prämisse, die man annehmen muss, sonst funktioniert das ganze Konstrukt nicht. Lässt sich damit gut zurechtkommen, sitzt die Naht perfekt. Im Übrigen: von Freddy McDonald, da bin ich mir sicher, wird man noch einiges hören.

Sew Torn (2024)

They See You (2024)

STEGREIFBÜHNE DER VERDAMMTEN

4,5/10


theyseeyou© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE WATCHERS

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: ISHANA SHYAMALAN

CAST: DAKOTA FANNING, OLWEN FOUÉRÉ, GEORGINA CAMPBELL, OLIVER FINNEGAN, ALISTAIR BRAMMER, JOHN LYNCH, SIOBHAN HEWLETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ein eifriger Filmemacher ist er, dieser M. Night Shyamalan – alle zwei Jahre gibt’s einen neuen Film, der letzte war sogar erst 2023 zu sehen: Knock at the Cabin, was allein schon vom Titel ein bisschen an The Cabin in the Woods erinnert und mit diesem zumindest auch inhaltlich das Setting einer einsamen Hütte im Wald gemeinsam hat. Ein Jahr später gleich der nächste – und noch im Kino zu sehen: der Serienkiller-Thriller Trap: No Way Out mit Josh Hartnett. Ist einer wie Shyamalan mal so berühmt, verwundert es oft nicht, dass der Nachwuchs gefeierter Künstlerinnen und Künstler, um nicht unter der Dominanz ihrer Eltern zu verschwinden, ebenfalls nach dem Erfolg eifern, was sich schließlich leichter bewerkstelligen lässt als bei Otto Normalverbraucher, der nicht schon aufgrund seiner Verwandtschaft den Fuß in der Tür weiß und mit Vitamin B auf die große Leinwand gelangt. Der Anfang ist gemacht – der Rest wäre dann wohl wirklich eine Frage des Könnens. Ob Shyamalans Töchterchen Ishana ihre eigene künstlerische Identität gefunden hat, mag angesichts ihres Regiedebüts They See You (im Original: The Watchers) dahingestellt sein. Sie tut schließlich genau das, was ihr Vater tut. Gruselige Mystery mit Story-Twist(s) in Szene setzen, das Ganze natürlich auch selbst verfasst, um ihrem Vorbild in nichts nachzustehen.

Zum Schaffen seltsamer Welten gehört allerdings auch die Handhabung einer eigenen Handschrift. Ishana Shyamalan hat sie nicht. Der Einfluss ihres Vaters ist augenscheinlich, das Setting natürlich ein Vertrautes, verirrt sich doch Dakota Fanning im zwielichtigen Dickicht, aus dem es kein Entkommen gibt. Und Wälder, die sind nicht erst seit The Blair Witch Project spooky genug, um gleich für eine ganze Latte an Filmen herhalten zu können. Was dann noch ans Set gehört, ist eine Zuflucht – ein Haus, ein Tunnel, ein Bunker, was auch immer. Da, sobald sich die Nacht senkt, Fannings Figur im düsteren Tann nicht mehr allein zu sein scheint, läuft sie um ihr Leben – und landet per Zufall in den Armen einer höchst seltsamen Community, die schon jahrelang hier festsitzt und allnächtlich showgeilen Monstren das Fernsehprogramm gestaltetn. Eine Seite des bunkerähnlichen Gebäudes, in dem sich alle einfinden, ist schließlich verspiegeltes Glas – und so präsentieren sie sich, aufgereiht wie beim Da Capo-Applaus in einem Theater, einer unbekannten Macht, die tagsüber in Lächern im Waldboden haust.

Ishana Shyamalan quält sich durch einen verworrenen Pulk an unausgegorenen Mystery-Elementen und Motiven aus folkloristischen Legenden. Dabei misslingt es, das mit allerlei Bedrohlichkeiten aufgebauschte Geheimnis hinter diesem Spuk nicht mit der tatsächlichen Wahrheit, die natürlich ans Licht kommen muss (weil Papa das auch immer tut), zu vereinbaren. Eine biedere Harmlosigkeit erobert das Szenario, die Geschicklichkeit mit den Twists, die, sollten sie gelingen, auf unerwartbare Weise hereinbrechen sollten, erlangt man schließlich nicht mit einem Fingerschnippen. Letztlich enttäuscht der zumindest atmosphärische Versuch eines archaischen Schreckens aufgrund einer gewissen Ratlosigkeit, wie ein Plot wie dieser auf geniale Weise zu Ende gebracht werden könnte. Shyamalan Senior, zumindest Produzent, hat da auch keine knackfrischen Ideen in petto, die benötigt er schließlich selbst, denn aus dem Ärmel schütteln lassen sich narrative Pointen schließlich niemals. Da viel Bekanntes in They See You lediglich variiert wird, ist das Ergebnis dieser Kalkulation kein überraschendes.

They See You (2024)