The Gambler

FREUDE AM PRIVAT-KONKURS

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All jene, die Mark Wahlberg unlängst in dem Ölkatastrophenthriller Deepwater Horizon bewundern durften, werden bei Betrachten des Zockerdramas The Gambler verwirrt mit den Augen blinzeln. Denn der ehemalige Bodybuilder und derzeitiges Transformers-Herrchen wirkt in diesem hierzulande nur im Retail-Bereich erschienen Film dermaßen verjüngt, dass man das Gefühl hat, hier einem zeitlichen Betrug aufzusitzen. Doch keine Sorge, der Betrug findet maximal nur am Black Jack-Tisch statt. Das sieht man auch am in die Jahre gekommenen John Goodman, der als glatzköpfiger Unterweltler keinerlei Kuschelfaktor mehr aufzuweisen hat. Im Gegenteil – die wuchtige Statur in ein Feinripp zu zwängen birgt enormen Mut zur Hässlichkeit. Bei Mark Wahlberg hingegen liegt seine Verjüngung in der Wahl des Haarschnittes. Man sieht, nicht nur Kleider machen Leute.

Jedenfalls lässt der Schauspieler – ihm zur Seite Oscargewinnerin Brie Larson (Oscar für Room) und eine aufgrund diverser Botox-Behandlungen bis zur Unkenntlichkeit mutierte Jessica Lange – als krankhafter Glücksspieler das eigene reizlose Leben an sich vorbeiziehen. Im Grunde ist der melancholische, hausbackene Schuldenkrimi die sehr persönliche Sinnsuche eines Mannes, der alles haben kann und nichts will. Der sich nur dann spürt, wenn er Geld verspielt, das ihm nicht gehört. Und sich seinen Gläubigern ausliefern kann. Das mag interessieren, muss es aber auch nicht. Überhaupt legt die Figur, welche Wahlberg verkörpert, eine Arroganz an den Tag, der man sich auch nicht unbedingt auszusetzen wünscht. Daher folgt man der sanften Spirale abwärts, die dieser eher gediegen-ruhige, kleine Film vollführt, mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit. Da hatte Arronofsky´s The Wrestler, Spike Lees kraftvolle Verliererballade 25 Stunden oder Inside Llewyn Davis von den Coen-Brüdern, allesamt sehr persönliche, intensive Portraits gesellschaftlicher Outlaws, mehr Reibungsflächen, mehr Ecken und Kanten. Und mehr Ironie. Zumindest Inside Llewyn Davis.

The Gambler – ein Remake des Filmes Spieler ohne Skrupel aus dem Jahr 1974 – spart sich das und schildert die Chronik der inneren Verwahrlosung eher halbherzig. So, als würde Regisseur Rupert Wyatt seine eigene Figur nicht wirklich zu seinen Freunden zählen. Das spürt auch der Zuseher, der ein packendes Zockerdrama erwartet, oder zumindest das Psychogramm eines Spielsüchtigen. Ansatzweise ist es das. Meist aber bleibt der Film zwischen Drama und Kriminalgeschichte stecken, ohne sich entschieden zu haben, was er sein will. Im Grunde müsste er das nicht – zwischen den Themen hin und herzupendeln gelingt aber nur, wenn man seine Figur genug charakterisiert, um sie greifbar zu machen. Das ist bei The Gambler nicht gelungen. Der Film wartet zwar mit einer illustren Besetzungsliste auf, enttäuscht aber aufgrund seiner deprimierenden Antriebslosigkeit und der Antipathie, die von Mark Wahlberg ausgeht.

Übrigens – für alle, die ihn nicht erkannt haben: In der ersten Szene ist der 2016 verstorbene Dallas-Veteran George Kennedy in seiner letzten Rolle zu sehen.

 

The Gambler

Manchester by the Sea

LEBEN, ERBARME DICH MEINER

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Wieviel seelischen Schmerz verträgt der Mensch? Oder gibt es einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und die Psyche entweder dem Wahnsinn verfällt, Suizid als einziger Ausweg erscheint oder die gequälte Person als ausgebrannter, lebender Leichnam durch den Rest seines Lebens wandelt. In alle drei Fällen hat man im Grunde schon kapituliert, aufgegeben, resigniert. Keine erbaulichen einleitenden Worte, um einen Film zu beschreiben. Aber ich mache euch auch nichts vor.

Das, was in Manchester by the Sea dem jungen Familienvater Lee Chandler wiederfahren ist, lässt sich nie mehr, zumindest nicht in diesem Leben, überwinden. Eine Tragödie, die nicht nur ihn, sondern auch seine Ehefrau (unfassbar zerbrechlich: Michelle Williams) an den Rand des Erträglichen und darüber hinaus geführt hat. Solche Menschen wie diese beiden finden entweder einen Neuanfang oder lassen sich im übertragenen Sinne begraben, ohne Chance, sich selbst zu verzeihen oder ein neues Leben zu beginnen.

Kenneth Lonergan´s selbst verfasstes und inszeniertes Drama ist wie ein Bühnenstück Ödön von Horvaths, in welchem sich die Poesie Nick Caves hineinstiehlt. Ein erschütterndes, tieftrauriges Requiem auf das Familien- und das Lebensglück. Eine in graublauen, winterkalten Bildern komponierte Ballade auf Vergebung, Erlösung und Trauer. Inmitten des elegischen, düsteren, aber niemals depressiven Reigens an Gefühlen und Begegnungen verweilt Ben´s Bruder Casey Affleck in einer Stasis der emotionalen Ausgebranntheit. Den Schmerz verschüttet, das Leben an den Rand der Wahrnehmbarkeit gedrängt und auf das Notwendigste heruntergefahren. Affleck gibt den gebrochenen, vom Schicksal verratenen Versehrten als auf seine Grundfunktionen reduzierten Schatten seiner selbst. Ausdruckslos, impulsiv aggressiv und verbittert. Zumindest muss das Leben weitergehen, der Tod wäre keine Lösung. Und auch kein befriedigender Ansatz. So hat sich Casey Affleck alias Lee Chandler dazu entschieden, sich selbst lebenslang in ein Freiluftgefägnis zu begeben, das ihm jegliche Erlösung verwehrt. Erst als sein herzkranker Bruder das Zeitliche segnet und dessen Sohn, großartig gespielt von Newcomer Lucas Hedges, laut testamentarischem Wunsch unter die Obhut seines Onkels soll, erwacht der zurückgezogen lebende, resignative Hausmeister aus Boston ein bisschen mehr zum Leben. Zaghaft, leise, fast unmerklich. doch irgendwie entdeckt Chandler in sich selbst sowas wie Verantwortung. Eine neue Sinnhaftigkeit. Etwas, wofür es sich zum Weiterleben lohnt, obwohl vieles nie mehr verheilen wird und die Welt zu einer guten wird.

Kenneth Lonergan fängt gar nicht erst an, seinem Film auch nur irgendwie jenes Pathos oder jene Gefühlsduselei zu verleihen, die wir aus vielen amerikanischen Melodramen gewohnt sind. Lonergan beobachtet seine Protagonisten mit den Augen eines Realisten. Mitunter auch mit den Augen eines zuhörenden Therapeuten, ohne sich auch nur in bemühten Erklärungen zu verlieren. Die Schauspieler sprechen für sich. Die Szenen erklären sich aus ihrer behutsamen Inszenierung heraus besser, als es jeder Effekt des Tränendrüsendrückens hinbekommen hätte. Und dabei ist die Traurigkeit des Filmes eine ganz andere. Eine kühle, nüchterne, in der Ganzheit eines menschlichen Lebens betrachtete Traurigkeit. Und ihr sitzt man bei Betrachtung des Filmes hilflos gegenüber wie Affleck vor den Trümmern seiner Existenz. Dazu noch fast schon beschämt. Denn wie es nun mit dem Umgang bei einem trauernden, verzweifelten Menschen so ist, gewinnt die Ratlosigkeit die Oberhand. Das Gefühl, helfen zu müssen, wäre fast schon anmaßend, wenn man das Ausmaß des Unglücks betrachtet. Jeder stirbt für sich allein, und jeder trauert für sich allein. Eine ernüchternde Erkenntnis, der sich auch Casey Affleck stellen muss. Und der Zuschauer ebenso, obwohl es äußerst unbefriedigend ist. Er-Lösungen lassen sich eben nicht so schnell finden. In Manchester by the sea bricht die persönliche Apokalypse nicht wie eine alles erzitternde Naturkatastrophe herein. Sie erscheint urplötzlich wie ein erbarmungslos konsequentes Naturgesetz. Und schafft einen neuen Status Quo des Lebens, ohne ihn zu bewerten. Der Mensch bewertet ihn selbst. Und lebt damit. Ganz Ödön von Horvath. Unweigerlich denke ich an sein Drama Der jüngste Tag – in ähnlichem Ausmaß, und in ähnlicher Intensität, schildert der österreichische Dramatiker die Geschichte eines fatalen Fehlers und dessen Auswirkung in Seele und Gesellschaft. Lonergan orientiert sich auch am skandinavischen Erzählkino und schafft es, Emotionen zuzulassen, deren Skalen nach oben offen sind, sich authentisch anfühlen und niemals falsche Hoffnungen wecken.

Das stille, sehr schwere, aber niemals schwermütige Drama ist kein Film, der Spaß macht. Kein Film, der erquickt, ausgleicht oder für gute Stimmung sorgt. Aber von Hoffnungslosigkeit und Resignation ist Manchester immer noch weit entfernt. Zugegeben, das Schauspielkino hat sogar einen gewissen leisen Witz. Und einen zaghaften Silberstreifen am Horizont. Den man aber allerdings nur vermutet. Doch auf den Mut, auf den kommt es an.

 

 

 

Manchester by the Sea