Die bunte Seite des Monds

MYTHENJAGD AM ERDTRABANTEN

6,5/10


bunteseitedesmondes© 2020 Netflix, Inc.


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: GLEN KEANE, JOHN KARS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CATHY ANG, ROBERT G. CHIU, KEN JEONG, SANDRA OH, KIMIKO GLENN, PHILLIPA SOO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In China filmtechnisch Fuß zu fassen scheint schon längst das oberste Anliegen sämtlicher Medienkonzerne zu sein, allen voran Disney, das nach Mulan Monate später noch sein wunderschön getrickstes Märchen Raya und der letzte Drache nachgeschossen hat. Beide Filme finden ihre Entfaltung auf den Ebenen zwischen tibetischem Hochland und der Wüste Gobi – der eine ganz konkret, der andere tut zwar so, als wäre die Welt eine phantastische, blättert aber ganz offensichtlich im folkloristischen Ausstattungskatalog des Reichs der Mitte herum. Und es ist nicht leicht, den dortigen Filmmarkt und überdies noch das Publikum für sich zu gewinnen. Es sei denn, man holt sich lokale Partner ins Boot, die den Ehevertrag aus Do´s und Don´ts gleich mitbringen. Am liebsten sind natürlich harmlose Familiengeschichten fern jeglichen scheelen Blickes auf Vater Staat. Historienfilme kommen da auch immer gut an, da geht’s schließlich ums jahrtausendealte Fundament eines nationalen Selbstbewusstseins.

Nicht nur Disney biedert da etwas überdeutlich herum – auch Netflix klopft an die fernöstliche Pforte. Mit seinem selbstredend harmlosen, familientauglichen und überdies knallbunten Singspiel Die bunte Seite des Monds und winkt dabei mit wohlbekannten chinesischen Mythen – nämlich jenen rund um Mondgöttin Chang’e und ihren Jadehasen. Ein Film, der das chinesische Publikum ganz sicher abholen wird. Im Filmbiz wie diesem wird nämlich nichts produziert, nur weil es künstlerischen oder ideellen Wert hätte. Es wird produziert, weil es Profit bringen kann. Die bunte Seite des Mondes ist genauso ein Film. Ein durchgeplanter, nach Formeln funktionierender, marketingtechnisch nichts dem Zufall überlassender Unterhaltungsfilm, der auf global gültige Werte setzt. Wie so meist geht´s um elterlichen Verlust und um die Trauerarbeit eines Kindes, das nicht weiß, wohin mit seiner übriggebliebenen Liebe für seine verstorbene Mutter.

Dieses Mädchen, Fei Fei, findet in den Legenden um Göttin Chang’e eine Schwester im Geiste. Chang’e, durch einen Trank unsterblich, wartet den Erzählungen nach schon eine Ewigkeit auf ihren Mann Houyi, von dem sie, auf den Mond verbannt, getrennt wurde. Eine Liebe also, die sich nirgendwo hin kanalisieren lässt. Frustrierend auch für Fei Fei, dass niemand sonst an die reale Existenz dieses Mythos glauben mag. Also bastelt das gewiefte Mädchen eine Rakete, setzt ihr Kaninchen auf den Beifahrersitz und wie durch ein Wunder schafft sie es tatsächlich auf unseren Trabanten. Hinterm Mond gleich links dann die Stadt Lunaria. Wo Chang’e tatsächlich existiert. Und die Fei Feis Hilfe benötigt, um ihren Gatten endlich wieder in die Arme schließen zu können.

Aufgetischt wird ein üppiges Familienabenteuer mit allen dazugehörigen Versatzstücken, die so ein Film natürlich braucht. Witzige Kerlchen, knuffige Tierchen, elegante Göttinnen und neben leicht verdaulichen Sentimentalitäten auch jede Menge Slapstick. Wirklich berauschend ist dabei die optische Umsetzung und die beeindruckend plastische Physis der Figuren, Welten und astralen Interieurs, die manchmal so viel Mut zur Abstraktion haben wie Pixar. In nichts steht Die bunte Seite des Monds der optischen Raffinesse von Raya und der letzte Drache nach. Überdies ist der Charakter der Fei Fei nicht so sehr von ihrer Mission eingenommen wie manch eine andere junge Heldin. Fei Fei zuzusehen macht Spaß. Die Musik teilweise weniger. Dass Filme wie diese als Musical astrein funktionieren, ist mit Ausnahme eines führenden Ohrwurms, den es auch hier gibt, selten der Fall. Wäre also meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen, hier andauernd das Glas zum Klirren zu bringen. Aber wenn das Disney andauernd tut, kann es, wenn es nichts nutzt, auch nicht groß schaden.

Das farbintensive Stelldichein vor der Finsternis des Alls wird  – und das ist der eigentliche Grund, sich diesen Film anzusehen – zum visuellen, gestalterisch durchaus innovativen Genuss, der sich von Miró und Pink Floyd inspirieren ließ und der eigentlich noch mehr überzeugt als Disneys taufrisches Fernost-Abenteuer.

Die bunte Seite des Monds

Willkommen in Marwen

MINIMUNDUS FÜR DIE SEELE

6,5/10

 

Untitled Robert Zemeckis Project© 2019 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: STEVE CARRELL, LESLIE MANN, DIANE KRUGER, MERRITT WEVER, GWENDOLINE CHRISTIE, ELZA GONZÁLES U. A.

 

Einem Schulfreund von mir, dem ist ähnliches passiert. Wurde zu später Stunde an einer Imbissbude von seltsamen Typen bedrängt, die ihn auf einen Pfefferoni einladen wollten. Nach dankender Ablehnung dann eine wie aus heiterem Himmel ungebändigte Entladung hasserfüllter Aggression. Die Folge: Gesichtsfrakturen, Spitalsaufenthalt, Gerichtstermine und ein Trauma, das lange nachhält. Und überwunden werden kann, wenn man nicht allein bleibt. Therapie, Familie und Freunde, das alles kann vieles wieder gut machen, auf dem Weg zurück in den Alltag. Manch einer aber scheint so sehr zu verzweifeln, so sehr erniedrigt und gebrochen worden zu sein, dass die Erschaffung einer erdachten Reserve-Welt das einzig probate Mittel scheint. Wie bei Mark Hogencamp. Der ist einer, der war mal Illustrator mit begnadetem Talent. Und einer, der gerne Frauenschuhe trug, am liebsten High Heels. Genau weiß Hogencamp das auch nicht mehr. Aber was weiß er schon, oder besser gesagt was weiß er noch, nachdem ihm Neonazis auf offener Straße das Gedächtnis aus dem Kopf geprügelt haben. Kellnerin Wendy hat ihn dann gefunden. Und das Leben wurde ein anderes, ganz anders als zuvor.

Klingt fast ein bisschen nach In Sachen Henry. Wer sich noch erinnern kann – Harrison Ford wurde da zwar nicht halbtot geschlagen, allerdings wurde ihm in den Kopf geschossen. Willkommen in Marwen hätte eine ähnliche Leidens- und Genesungsgeschichte werden können – bewegt sich aber auf ganz anderen Pfaden und lässt sich nur bedingt mit Mike Nichols Drama vergleichen. Dieser tatsächlich existierende Hogencamp, der wusste zwar noch, wer er war, doch die feinmotorischen Skills für seine Arbeit, die waren dahin. Stattdessen hielten Furcht, Schmerz und Ohnmacht Einzug in das Leben einer wie ausgewechselten Persönlichkeit. Und irgendwann waren sie dann da: Puppen. So groß wie Barbies und meistens weiblich. Und jede von ihnen ein Äquivalent zu real existierenden Frauen, die nach besagtem Tag X an seiner Seite blieben. Letztendlich auch die neue Nachbarin, die rothaarige Nicol. Diese Puppen – die sind aber längst mehr als nur der Ausdruck einer Leidenschaft fürs Sammeln. Sie sind die Bewohner einer fiktiven belgischen Stadt namens Marwen zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Marwen – das setzt sich zusammen aus Mar für Mark und Wen für Wendy, seiner Lebensretterin. Bedroht wird die dörfliche Idylle im Vorgarten von gewaltbereiten, fiesen Nazi-Schergen, die ungefähr das platte sinistere Charisma der Schurken aus Inglourious Basterds haben. Wer in dieser erträumten und auf Foto gebannten Parallelwelt aber zuletzt lacht, lacht am besten – Marks letztes Fünkchen Widerstand in Gestalt des mutigen US-Piloten Captain Hogie, eine Art John Wayne als Beschützer seiner selbst und all der Bewohner Marwens. Und dieses Minimundus für die Seele, dieser schreinartige Kurort, der zieht sich bis in die eigenen vier Wände und dominiert Hogencamps ganzes Dasein.

Allerdings – und das ist ein wichtiger Unterschied – nicht auf eine Weise, die mit einer Flucht vor der Realität gleichkommt. In Filmen wie Pans Labyrinth, Sucker Punch oder Mirrormask suchen vorwiegend junge Mädchen in einer von ihnen erdachten Welt als inhärenter Teil die Lösung für ihr Problem. Ebenso in Sieben Minuten nach Mitternacht oder I Kill Giants interagieren die psychisch Leidenden mit Wesen, die nur in ihrer Vorstellung existieren. Oder sagen wir so – sie sind überzeugt davon, dass sie existieren, für den Moment, ohne diese Realität hinterfragen zu wollen. Mark Hogencamp betrachtet seine Welt stets von außen, er ist Fotograf, ein Beobachter, er erdenkt das Abenteuer, welches wir sehen, als normalen kreativen Prozess, wie jeder andere Künstler auch, der Geschichten erfindet, um erlittene Kränkung zu bannen und auf eine verfremdete, simplifizierte Weise wiederholt durchzuspielen.

Robert Zemeckis, Schöpfer von Klassikern wie Forrest Gump, kennt sich mit realen Schicksalen und Grenzgängern auf alle Fälle gut aus. Und er hat eine Vorliebe dafür, mit Motion Capture zu experimentieren. Die Legende von Beowulf oder der Weihnachtsfilm Der Polarexpress waren erste Pionierarbeiten auf diesem mittlerweile ums x-fache verfeinerten Gebiet der Charakter-Animation. Mit dem Fotokünstler Hogencamp hat Zemeckis die Biographie eines Menschen aufgegriffen, der seine Katharsis selbst gewählt hat und sich so therapieren konnte. Interessant auch, wie Zemeckis sich selbst zitiert, vor allem seinen Klassiker Zurück in die Zukunft, als Wunschtraum dafür, Geschehenes ungeschehen zu machen. Im Ganzen ist die True Story für ihr Genre ungewohnt bunt, dabei durchaus berührend und irgendwie kurios, aber niemals belächelnd. Ein kleines Psychodrama aus der Vorstadt, mit einem sagenhaft guten Steve Carrell, der wie ein Protagonist aus einer Episode von Elisabeth T. Spiras Alltagsgeschichten mit seinem dackelgroßen Jeep voller Figuren die Straße entlangstolpert. Das sind an sich sehr persönliche, verletzliche Momente, die das animierte Puppentheater, das irgendwann sogar die Realität durchdringt, wie einen schützenden Vorhang umgibt. Dieser Vorhang, der mag, kennt man die Hintergründe nicht, relativ dick aufgetragen sein und nicht dem Zweck entsprechen. Mit dem trashigen Miniaturdrama, dass sich parallel oder als Teil von Hogencamps Psychogramm abspielt, kann man sich entweder identifizieren, es verstehen oder fragwürdig finden. Doch der Weg zur Befreiung von den eigenen Dämonen muss nicht gefallen. Sondern vor allem eines: er muss heilen.

Willkommen in Marwen

Aftermath

DER TERMINATOR ALS MENSCH

6/10

 

aftermath© 2017 KSM Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: ELLIOT LESTER

CAST: ARNOLD SCHWARZENEGGER, SCOOT MCNAIRY, MAGGIE GRACE, JUDAH NELSON U. A.

 

Der Selfmade-Multitasker Arnold Schwarzenegger wurde heuer knackige 71 Jahre alt. Wenn schon weniger eine Legende des Schauspiels, dann war die steirische Eiche immerhin eine solche der Popkultur, keine Frage. Arnold war Terminator, Conan und ein schwangerer Mann, und kaum eine Rolle hat er so dermaßen cool gemeistert wie die des Last Action Hero – immer noch mein absolutes Highlight. Allerdings war John McTiernan´s Film im Grunde ein Flop. Aber so ist das mit Filmen, die wirtschaftlich in der hintersten Reihe des Kinosaals sitzen – sie sind meist besser als irgendein ertragreicher Blockbuster. Schwarzenegger weiß allerdings, ihm Gegensatz zu einigen seiner Altersgenossen, dass die Zeit der Actionhelden tatsächlich vorbei ist. Was aber nicht zwingend heißen muss, dass die Kawumm-Rente auch gleich ein Abschied vom Kino sein muss. Das hat sich der Ex-Gouvernator auch gedacht. Filme machen ist ja für jemanden wie Arnie etwas, was das Herz erfreut, und längst nicht mehr die Brieftasche. Entsprechend nischenorientiert sind auch seine letzten Filme gewesen. Ganz besonders seine drittletzte Produktion, die er gemeinsam mit Darren Aronofsky mitfinanziert hat und alles andere als ein gelenkiger Effektreißer ist. Aftermath (im deutschsprachigen Raum übersetzt mit Vendetta – Alles, was ihm blieb war Rache, meiner Meinung nach aber viel zu marktschreierisch, daher bleibe ich beim Originaltitel) ist wohl ein Film, der gar nicht erst darauf abzielt, Geld zu machen. Die bittere Tragödie um einen Mann, der bei einem Flugzeugabsturz Frau und Tochter verliert, ist nichts, was das Publikum sehen will. Auch Arnold Schwarzenegger schauspielerisch herausgefordert zu wissen, in einem Film, in dem keinerlei Action passiert – dem wollen seine Fans garantiert nicht beiwohnen. Doch interessanterweise müsste ich dann sagen: Selber schuld, denn Aftermath gesehen zu haben zahlt sich tatsächlich aus.

Nicht genug, dass der bärbeißige Bauarbeiter Roman seine Familie begraben darf – er kennt auch den Verursacher des Unglücks und will diesen zur Rechenschaft ziehen. Dieses Vorhaben könnte man auch als Rache auslegen, doch so will es Bauarbeiter Roman nicht verstanden wissen. Was er einfordern will, ist die Bitte um Vergebung. Und zwar von jenem Mann, der ebenfalls als Opfer eines fatalen Zusammenspiels aus Personalmangel und Überforderung einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat. Immerhin war es kein leichtsinniger Fehler wie în Öden von Horvath´s Schicksalsdrama Der jüngste Tag, wo die Unachtsamkeit eines Kusses das Entgleisen zweier Züge zur Folge hat, sondern ein tragisches Missverständnis. Doch diese Last der Verantwortung nimmt dem Familienvater auf der anderen Seite der Waagschale allerdings auch keiner ab. Aftermath erzählt beide Geschichten – jene des Hinterbliebenen und jene des Schuldbeladenen. Für beide ändert sich das Leben radikal – in eine Richtung geradeaus in die Dunkelheit.

Der britische Regisseur Elliot Lester hat mit Aftermath einen Film weit jenseits angenehmer Kinounterhaltung inszeniert. Das bedrückende Trauerdrama liegt ungemein schwer im Magen. Wer selbst nicht gerade gedämpfte Laune hat, sollte die sinnierende Schicksalssymphonie tunlichst meiden. Nach Schwarzenegger´s Arbeit in Aftermath wäre es tatsächlich vorstellbar, der Exil-Österreicher könnte mit Michael Haneke einen Film drehen. Spart man am Score, wäre sogar vorliegendes Werk unter der Regie Haneke´s durchaus vorstellbar. Denn nicht weniger intensiv als vom österreichischen Oscarpreisträger gewohnt zieht auch Lester´s Film das Publikum langsam, aber stetig vom Sitz, spätestens dann, wenn eintritt, was längst nicht erwartet wird, und der Druck in der Magengegend noch zunimmt. Aftermath windet den Weg seiner tragischen Geschichte auf wenig betretenen Pfaden und bleibt nachhaltig in Erinnerung, wenn auch auf unbequeme Weise. Schwarzenegger ist zwar immer noch kein mimischer Virtuose, nimmt aber die Challenge in der Verkörperung des Trauernden aufrichtig ernst. Den irreparablen psychischen Schaden und die Verbissenheit seiner Suche nach Erlösung weiß Arnie weitaus besser zu interpretieren als Busenfreund Bruce Willis seinen Killer-Papa in Death Wish – wobei letzterer ein Thriller, und Aftermath ein Drama ist. Und zwar eines, in welchem der Terminator zum Menschen wird, mit all seinen fatalen Irrungen.

Aftermath

Manchester by the Sea

LEBEN, ERBARME DICH MEINER

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manchester

Wieviel seelischen Schmerz verträgt der Mensch? Oder gibt es einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und die Psyche entweder dem Wahnsinn verfällt, Suizid als einziger Ausweg erscheint oder die gequälte Person als ausgebrannter, lebender Leichnam durch den Rest seines Lebens wandelt. In alle drei Fällen hat man im Grunde schon kapituliert, aufgegeben, resigniert. Keine erbaulichen einleitenden Worte, um einen Film zu beschreiben. Aber ich mache euch auch nichts vor.

Das, was in Manchester by the Sea dem jungen Familienvater Lee Chandler wiederfahren ist, lässt sich nie mehr, zumindest nicht in diesem Leben, überwinden. Eine Tragödie, die nicht nur ihn, sondern auch seine Ehefrau (unfassbar zerbrechlich: Michelle Williams) an den Rand des Erträglichen und darüber hinaus geführt hat. Solche Menschen wie diese beiden finden entweder einen Neuanfang oder lassen sich im übertragenen Sinne begraben, ohne Chance, sich selbst zu verzeihen oder ein neues Leben zu beginnen.

Kenneth Lonergan´s selbst verfasstes und inszeniertes Drama ist wie ein Bühnenstück Ödön von Horvaths, in welchem sich die Poesie Nick Caves hineinstiehlt. Ein erschütterndes, tieftrauriges Requiem auf das Familien- und das Lebensglück. Eine in graublauen, winterkalten Bildern komponierte Ballade auf Vergebung, Erlösung und Trauer. Inmitten des elegischen, düsteren, aber niemals depressiven Reigens an Gefühlen und Begegnungen verweilt Ben´s Bruder Casey Affleck in einer Stasis der emotionalen Ausgebranntheit. Den Schmerz verschüttet, das Leben an den Rand der Wahrnehmbarkeit gedrängt und auf das Notwendigste heruntergefahren. Affleck gibt den gebrochenen, vom Schicksal verratenen Versehrten als auf seine Grundfunktionen reduzierten Schatten seiner selbst. Ausdruckslos, impulsiv aggressiv und verbittert. Zumindest muss das Leben weitergehen, der Tod wäre keine Lösung. Und auch kein befriedigender Ansatz. So hat sich Casey Affleck alias Lee Chandler dazu entschieden, sich selbst lebenslang in ein Freiluftgefägnis zu begeben, das ihm jegliche Erlösung verwehrt. Erst als sein herzkranker Bruder das Zeitliche segnet und dessen Sohn, großartig gespielt von Newcomer Lucas Hedges, laut testamentarischem Wunsch unter die Obhut seines Onkels soll, erwacht der zurückgezogen lebende, resignative Hausmeister aus Boston ein bisschen mehr zum Leben. Zaghaft, leise, fast unmerklich. doch irgendwie entdeckt Chandler in sich selbst sowas wie Verantwortung. Eine neue Sinnhaftigkeit. Etwas, wofür es sich zum Weiterleben lohnt, obwohl vieles nie mehr verheilen wird und die Welt zu einer guten wird.

Kenneth Lonergan fängt gar nicht erst an, seinem Film auch nur irgendwie jenes Pathos oder jene Gefühlsduselei zu verleihen, die wir aus vielen amerikanischen Melodramen gewohnt sind. Lonergan beobachtet seine Protagonisten mit den Augen eines Realisten. Mitunter auch mit den Augen eines zuhörenden Therapeuten, ohne sich auch nur in bemühten Erklärungen zu verlieren. Die Schauspieler sprechen für sich. Die Szenen erklären sich aus ihrer behutsamen Inszenierung heraus besser, als es jeder Effekt des Tränendrüsendrückens hinbekommen hätte. Und dabei ist die Traurigkeit des Filmes eine ganz andere. Eine kühle, nüchterne, in der Ganzheit eines menschlichen Lebens betrachtete Traurigkeit. Und ihr sitzt man bei Betrachtung des Filmes hilflos gegenüber wie Affleck vor den Trümmern seiner Existenz. Dazu noch fast schon beschämt. Denn wie es nun mit dem Umgang bei einem trauernden, verzweifelten Menschen so ist, gewinnt die Ratlosigkeit die Oberhand. Das Gefühl, helfen zu müssen, wäre fast schon anmaßend, wenn man das Ausmaß des Unglücks betrachtet. Jeder stirbt für sich allein, und jeder trauert für sich allein. Eine ernüchternde Erkenntnis, der sich auch Casey Affleck stellen muss. Und der Zuschauer ebenso, obwohl es äußerst unbefriedigend ist. Er-Lösungen lassen sich eben nicht so schnell finden. In Manchester by the sea bricht die persönliche Apokalypse nicht wie eine alles erzitternde Naturkatastrophe herein. Sie erscheint urplötzlich wie ein erbarmungslos konsequentes Naturgesetz. Und schafft einen neuen Status Quo des Lebens, ohne ihn zu bewerten. Der Mensch bewertet ihn selbst. Und lebt damit. Ganz Ödön von Horvath. Unweigerlich denke ich an sein Drama Der jüngste Tag – in ähnlichem Ausmaß, und in ähnlicher Intensität, schildert der österreichische Dramatiker die Geschichte eines fatalen Fehlers und dessen Auswirkung in Seele und Gesellschaft. Lonergan orientiert sich auch am skandinavischen Erzählkino und schafft es, Emotionen zuzulassen, deren Skalen nach oben offen sind, sich authentisch anfühlen und niemals falsche Hoffnungen wecken.

Das stille, sehr schwere, aber niemals schwermütige Drama ist kein Film, der Spaß macht. Kein Film, der erquickt, ausgleicht oder für gute Stimmung sorgt. Aber von Hoffnungslosigkeit und Resignation ist Manchester immer noch weit entfernt. Zugegeben, das Schauspielkino hat sogar einen gewissen leisen Witz. Und einen zaghaften Silberstreifen am Horizont. Den man aber allerdings nur vermutet. Doch auf den Mut, auf den kommt es an.

 

 

 

Manchester by the Sea