Das Ende der Sterne (2026)

STEREOTYPEN DES NEUEN WILDEN WESTENS

4,5/10


Jacob Elordi als Hig in Ridley Scotts Das Ende der Sterne
© 2026 20th Century Fox


ORIGINALTITEL: THE DOG STARS

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: MARK L. SMITH, CHRISTOPHER WILKINSON, NACH DEM ROMAN VON PETER HELLER

KAMERA: ERIK MESSERSCHMIDT

CAST: JACOB ELORDI, JOSH BROLIN, MARGARET QUALLEY, GUY PEARCE, BENEDICT WONG, ALLISON JANNEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Erst kürzlich ging am Wiener Kunstmuseum Albertina eine Ausstellung über den Konzeptkünstler Richard Prince zu Ende. Der Amerikaner ist Vertreter der sogenannten Appropriation Art, was so viel bedeutet wie: Bereits vorhandene Werke, zu welchem Zweck auch immer, neu zu zitieren und damit umzuinterpretieren. Er refotografierte also in seinem Western-Zyklus klassische Marlboro-Werbungen und hinterfragte damit das stereotype, klischeebeladene Lebensgefühl, das Zigarettenkonsum so salonfähig machte. Starke, konservative Männer in rauer Wildnis, Pferde reitend oder bändigend, nach harter Arbeit in den Sonnenuntergang blickend, fast schon wie ein Lucky Luke des echten Lebens, das Lasso lässig an der Seite. Und das Päckchen Tschick irgendwo.

Eine Kehrtwende hin zu traditionellen Versatzstücken

Diese Kunst muss man wirklich nicht mögen, doch verständlich ist die Aussage dennoch. Mag sein, dass Ridley Scott Ähnliches im Sinn hatte. Mag sein, dass er bereits etablierte Versatzstücke aus längst vergangenen Genre-Stilen des Films wieder aufleben lassen und neu anordnen wollte – längst zur Genüge bediente stereotype Rollenmuster und ein Wertebewusstsein aus noch vor dem Kalten Krieg bis in die Reagan-Ära hinein – das könnte für die Verfilmung eines Bestsellers reichen, den Peter Heller verfasst hat und den Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte trägt, assoziationsauslösend mit John Irvings Garp und wie er die Welt sah.

Diesmal aber ist es nicht Garp, sondern der momentan gut im Geschäft stehende Jacob Elordi, der als Elvis oder Frankensteins Monster gute Figur gemacht hat und der auch hier, im Gras liegend und in den Nachthimmel blickend, sich selbst erkennt, wie er in Sofia Coppolas Priscilla Cailee Spaeny auf die starallürenhaften Laken zitiert. Das Sternbild des King of Rock hängt dort, und das seines Hundes Jasper.

Auf den Hund gekommen

Mit Hunden kennt sich die Postapokalypse schließlich sehr gut aus – sowohl Don Johnson in Der Junge und sein Hund oder Will Smith in I Am Legend: Sie alle hatten ihren Vierbeiner an der Seite, denn welche Freundschaften bleiben einem noch, auf die man setzen kann, in anarchischen Zeiten wie diesen, in denen die Weltbevölkerung in Clans zerbricht und verwilderte, marodierende Banden durchs Unterholz treiben. Ein bisschen erinnert mich dieses Konzept an die von Netflix bedauerlicherweise abgesetzte deutsche Serie Tribes of Europa. Da hätte man etwas draus machen können. Daran hätte sich auch Ridley Scott orientieren können, doch das hat er nicht.

Grenzschutz in der Postapokalypse

Dieser Hig hat nicht nur einen Hund, sondern auch den Ex-Marine Bangley an seiner Seite – ein harter Knochen, der im Laufe der Gespräche in diesem Film unter anderem seine Brille von Anfang an bei Fielmann kaufen hätte sollen. Was die von Josh Brolin verkörperte, republikanisch anmutende Institution von Mann an Grenzverteidigung an den Tag legt, beschert Donald Trump wohl feuchte Augen. Da wird nicht gefragt, da wird nicht Asyl gewährt, da wird geschossen, denn auf Dialog setzen muss man nachher nicht mehr.

Diese Radikalität amerikanischer rechter Werte kokettiert mit der melancholischen Verträumtheit eines Jacob Elordi, der mit Schlafzimmerblick, Lethargie und Muskelkraft zum Fast-Bäume-Ausreißen eben diesen Rollentypus aus den Konzepten von Richard Prince verkörpert, die Zigaretten in Griffweite und mit der Cessna über eine Landschaft brummend, die Amerika keiner nehmen kann.

Die ist nun mal da, und die verspricht Freiheit, Chancen und einen Neuanfang. Hig muss nur Grand Junction finden, von wo aus ein Signal noch ein Rest an Zivilisation verspricht. Unterwegs trifft er auf Verbündete. Und das war’s auch schon mit der Story.

Make Wild West great again!

Am besten, man beginnt hier gleich wieder von vorne und holt das Zeitalter des Wilden Westens aus der Mottenkiste. Man muss dieses Gesellschaftsbild nur in eine dystopische Zukunft setzen, und siehe da – es macht fast keinen Unterschied, ob Elordi, John Wayne oder Clint Eastwood den Ton angeben. Hier werden die weißen Amerikaner zu den neuen Nativen, und die noch weißeren zu den Pionieren, die sich zu kleinen Farmen zusammenfinden, wo zwischen Mennoniten und Mormonen kein Unterschied gemacht wird, Hauptsache der christliche Glaube bringt am Ende Friede, Freude, Eierkuchen.

Immer dieser Retro-Charme

Übersehen darf man in dieser kauzigen kleinen Klischeekiste des neuen Sonnenaufgangs jedenfalls nicht Margaret Qualley und ihren Filmpapa Guy Pearce. Qualley diesmal nicht als eine ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft bewussten Manipulatorin, sondern pioniergeistig in Latzhose und Kappe – Pearce muss man als brummigen Endzeit-Mundl fast schon gern haben. All diese Personen kippen dann ganz plötzlich in die Welt von Fallout, natürlich fragt man sich: Warum, wieso und was hat Ridley Scott geritten, den elegischen Kevin-Costner-Grundtonus durch eine misslungene Kopie der postatomaren Aftermath-Groteske auf Amazon Prime zu stören. Der Spuk ist aber bald wieder vorbei, rausschneiden kann man diesen Brocken immer noch.

Was bleibt, ist eine abendfüllende Prosa-Werbung über die guten alten Werte eines Staatenbündnisses mit ganz viel Landschaft, in der die Leute einfach nur zu wissen brauchen, wann sie schießen, wann sie in die Sterne gucken und wann sie die kolportageartig zur Schau gestellte Melancholie verlorener Lebenskonzepte empfinden müssen. Hättiwari bringt einen da nicht weiter, MAGA vielleicht schon.

Das Ende der Sterne (2026)

Twisters (2024)

WIRBEL UMS WETTER

7/10


twisters© 2024 Warner Bros. / Amblin Entertainment


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: LEE ISAAC CHUNG

DREHBUCH: MARK L. SMITH

CAST: DAISY EDGAR-JONES, GLEN POWELL, ANTHONY RAMOS, BRANDON PEREA, DARYL MCCORMACK, MAURA TIERNEY, HARRY HADDEN-PATON, DAVID CORENSWET, KATY O’BRIAN, JAMES PAXTON U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Schönes Wetter ist langweilig. Blauer Himmel, Sonnenschein von früh bis spät – da kommt zumindest mir das große Gähnen. Wetter ist dann interessant, wenn es sich in Szene setzt. Das beginnt bereits mit einer Wolkenbank, die sich über den Horizont schiebt, mit schwerem dunkelgrauen Regen im Schlepptau. Am schönsten ist es, wenn es gewittert. Wenn dann noch der Sturm bläst, wird’s theatralisch. Zugegeben, das sagt einer, der, wohnhaft im Wiener Becken, von den Konsequenzen eines Unwetters stets verschont bleibt. In der Provinz sieht das schon anders aus. Überflutungen, Murenabgänge, entwurzelte Bäume – Sommer in Österreich.

In den USA hingegen treiben Tornados ihr Unwesen, vorwiegend und alljährlich in den zentralen Ebenen des nordamerikanischen Kontinents, von Texas über Oklahoma bis nach Kansas, diese Spur der Verwüstung nennt sich Tornado Alley. Erst kürzlich gab’s gar im österreichischen Bundesland Steiermark einen kleinen Tornado, doch diese Kapriolen sind nichts im Vergleich zu den Ungetümen, die dort in Übersee aus ganzen Dörfern und Städten Kleinholz machen. Eine Katastrophe, der man im Grunde nichts Erbauliches abgewinnen kann. Doch da gibt es die andere Seite – jene, auf der die sogenannten Tornadojäger zu finden sind – weniger Wissenschaftler als vielmehr Abenteurer, die den Kick suchen. In Twisters, der sagen wir mal Neuauflage von Jan de Bonts stürmischem Klassiker Twister aus dem Jahre 1996, kommen beide Seiten zu Wort – einschließlich jene der Opfer, die Regisseur Lee Isaac Chung (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen) gewissenhaft nicht außer Acht lassen will.

In diesem Dreieck der Interessen und Befindlichkeiten lässt Chung das Wetter einem wild gewordenen Rodeo-Büffel gleich aus dem Zwinger. Und präsentiert seinem staunenden Kinopublikum Bilder voller Schönheit und Bedrohlichkeit: Die Natur von ihrer dunklen Seite – so steht es zumindest auf den Filmplakaten. Was aber kann Twisters einem Film wie Twister als Mehrwert verkaufen? Was hat der neue Film, was der alte nicht hatte? Ich erinnere mich noch, dass die Darstellung der Unwetter damals das Beste war, was man auf die Leinwand bringen konnte. Die Story: nun ja, klassisches Hollywood-Katastrophenkino mit Trial und Error, Enttäuschung, Hoffnung, Läuterung und persönlichem Sieg. Den Aufbau der Geschichte hat Chung und Drehbuchautor Mark. L. Smith beibehalten – somit ist Twisters ungefähr so vorhersehbar wie das Wetter der nächsten Tage.

Im Zentrum steht Kate (Daisy Edgar-Jones, Der Gesang der Flusskrebse), die sich nach einer Tornado-Tragödie, während welcher auch ihr Freund ums Leben kam, auch nach fünf Jahren immer noch nicht ganz erholt hat. Javi (Anthony Ramos) der Einzige, der damals noch überlebt hat, will Kate und ihre Fähigkeit, Tornados nachzuspüren, für ein eigenes Projekt gewinnen. Widerwillig kommt sie an Bord, jagt erneut Tornados hinterher und lernt den Youtube-Tornadojäger Tyler Owens kennen, dargestellt von Feschak Glen Powell (A Killer Romance, Top Gun: Maverick), den sie anfangs nicht ausstehen kann.

Was intensiv nach Screwball-Romanze vor dunklen Wolken klingt, in welcher es nicht wirklich viel zu holen gibt, geht unterm Strich als leidenschaftlicher Beweis dafür durch, dass traditionelles Katastrophenkino in uneitler Hemdsärmeligkeit immer noch bestens funktioniert. Twisters, unter der Obhut von Steven Spielberg produziert, entwickelt trotz seiner konventionellen Plot-Struktur unerhört packende Momente, die sich in knappen Intervallen aneinanderreihen. Auch wenn man ziemlich treffsicher ahnt, wer aus der beeindruckenden Himmelhölle geläutert, verändert und soziomoralisch integriert hervortreten wird – auch wenn man weiß, wer welche Beweggründe für sein Tun überdenken wird: es liegt an der straffen Kunst der dramatischen Inszenierung, wie wann welche Emotionen getriggert werden, um die Spannungsschraube zu spüren. Chung und Spielberg schaffen gemeinsam ein sehr menschelndes und menschliches Wetterabenteuer und einen Naturthriller, in welchem Edgar-Jones und Powell mit ihrer Sympathie das Interesse des Publikums gewinnen. Beide sind nicht irgendwer, sondern Identifikationsfiguren, die im Laufe von zwei Stunden viel über sich selbst lernen und sich dementsprechend auch weiterentwickeln. So sehr wie das Wetter in Twisters im Wandel ist, so sehr wandeln sich die Charaktere. Ein Film, der konsequent in Bewegung bleibt.

Twisters (2024)