Tom Clancy’s Gnadenlos

BAUERNOPFER VON GESTERN

4,5/10


gnadenlos© 2020 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: STEFANO SOLLIMA

DREHBUCH: TAYLOR SHERIDAN, WILL STAPLES, NACH DEM ROMAN VON TOM GLANCY

CAST: MICHAEL B. JORDAN, JODIE TURNER-SMITH, JAMIE BELL, GUY PEARCE, LAUREN LONDON, JACOB SCIPIO U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Es ist einfach schon ein alter Hut: sofern Filme nicht vorrangig mit visueller Raffinesse ihr Publikum abholen wollen, braucht es zumindest ein schneidiges Drehbuch. Eine plausible Story, wenig Leerlauf und je nach Genre ein entsprechendes Qualitätsbewusstsein. Figuren schälen sich auch nicht von selbst aus der konzipierten Ursuppe, und vielleicht, wenn man es hinbekommt, sitzen unerwartete Wendungen an der richtigen Stelle. Das ist schon mal eine zur Hälfte gemähte Wiese. Gegenwärtig kommt der Stoff, aus dem die Filme sind, aus der Belletristik-Ecke. Da wäre schon die Hälfte der zu mähenden Wiese abgedeckt. Was noch folgt, ist die Adaption der Prosa in ein formschönes Drehbuch. Hier hat gar Taylor Sheridan (Regie bei Wind River, They Want Me Dead) Hand angelegt. Bedient man sich aus dem Œuvre von Vielschreibern, kann es jedoch passieren, dass eines der Bücher so ist wie das andere – von welchem bereits etliche verfilmt worden sind. Die Rede ist hierbei von Tom Clancy, der, wie wir wissen, den unfreiwilligen politischen Actionhelden Jack Ryan an die Fronten geschickt hat. Harrison Ford hat ihn gespielt, Ben Affleck oder Chris Pine. Es gab da aber noch eine andere Figur: John Kelly aka John Clark, weniger Schreibtischheld als Jack Ryan, und eher der Mann fürs Grobe. Um für diese Figur ein Franchise aufzubauen, muss man ganz vorne beginnen – und auch Tom Clancys chronologisch gesehen erstes Buch zur Hand nehmen: Gnadenlos, im Original Without Remorse. Dieses Abenteuer mag zwar der Anfang einer neuen Ära sein – in seinem Aufbau und seiner Art der Geschichte jedoch bleibt es so nichtssagend wie der wahllos ausgewählte, x-beliebige Roman eines marketingtauglichen Tastatur-Virtuosen.

Ich hoffe, ich habe die Story nicht schon wieder vergessen – hier ist sie, kurz und bündig: Der Navy Seal John Kelly folgt den Anweisungen des CIA Operators Ritter (Jamie Bell), im syrischen Aleppo eine Geisel aus den Händen von Islamisten zu befreien. Es stellt sich heraus: die Entführer waren eigentlich Russen. Und die Russen folglich ziemlich sauer auf die Amis, die hier so mir nichts dir nichts Landsleute killen. Trotz Geheimhaltung landen die an der Operation Beteiligten alle auf der Abschussliste des russischen Geheimdienstes – und werden, nachdem sie in die USA zurückgekehrt sind, nach und nach terminiert. Irgendwann ist die Reihe auch bei John Kelly angekommen, der eines Abends in den eigenen vier Wänden um sein Leben kämpfen muss. Das seiner schwangeren Frau kann er nicht retten – und schwört als trauernde Kampfmaschine natürlich Rache.

Es kommt alles, wie es kommen muss. Und ja – natürlich – Tom Clancy´s Gnadenlos punktet mit kernigen, kontrastreichen Bildern und jede Menge Staub aufwirbelnden Actionszenen, die Vorlieb nehmen für alles, was vorzugsweise Autos treffsicher explodieren lässt – erdige Pyrotechnik nach alter Schule. Mittendrin Michael B. Jordan, der sich jedoch vergeblich bemüht, seiner Figur Ecken und Kanten zu geben. Irgendwas ist da schiefgelaufen – John Clark oder Jack Ryan mögen unterschiedlich ticken und ja, sie mögen als Protagonisten genug Charisma haben – die dunkelgraue Welt des politischen Geheimdienstes scheint hingegen erschreckend austauschbar. Clancy ist da wohl am wenigsten zu belangen – sein Buch funktioniert ganz anders als der Film. Obendrein geht der Verlust von Frau und Kind an Jordan fast schon spurlos vorbei. Angesichts dieses Dilemmas in Sachen Überzeugung nutzt Jodie Turner-Smith die Gunst der Stunde, um Jordan problemlos an die Wand zu spielen. Sie ist eigentlich der heimliche Star dieses Films – alle anderen sind so wie das Drehbuch selbst – ernüchternd beliebig. Und jeder weiß: sobald Guy Pearce Schlips und Sakko trägt, ist es kein Geheimnis mehr, wohin die Fäden letztlich führen. Die wiederum bemühen abermals den kalten Krieg auf lachhaft triviale Weise.

Tom Clancy´s Gnadenlos ist zwar handwerklich gut gemacht – als Auftakt für ein neues Franchise jedoch mangelt es an akuter Eigenständigkeit.

Tom Clancy’s Gnadenlos

Bloodshot

EINE RUNDE RACHE

5/10

 

bloodshot2© 2020 Sony Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: DAVE WILSON

CAST: VIN DIESEL, GUY PEARCE, EIZA GONZÁLES, TOBY KEBBEL, SAM HEUGHAN U. A. 

 

Vin Diesel gibt sein Bestes. Und das in zweierlei Hinsicht. Er tut erstens mal das, was er am Besten kann: als coole Actionsocke auftreten und den Bösen die Fresse polieren. Und er bemüht sich zweitens sichtlich und mit Hingabe, Emotionen glaubhaft darzustellen. Das kann er jetzt nicht zwingend am Besten, aber wie gesagt: er gibt sein Bestes. Das immerhin erstaunt schon mal. Und es erstaunt auch, dass die Verfilmung einer Comicreihe aus dem Hause Valiant sich anfangs so anfühlt, als wäre man mitten in einem Michael Bay-Film. Das verflüchtigt sich aber recht rasch. Nach der alles entscheidenden  Schlüsselszene, in der Vin Diesel sozusagen vorbehaltlich das Zeitliche segnet, geht´s in Sachen High-Tech so dermaßen in die Vollen, dass selbst einer wie Tony Stark vor Neid erblassen würde. Und noch was: die hier vorgestellte und als bemüht machbar erscheinen wollende Technik ist zumindest so sagenhaft überzeichnet wie jene aus Wakanda, der Heimat des Black Panther. Dort hat man anscheinend sowieso all den High-Tech-Kram mit der Muttermilch aufgesogen. In vorliegender SciFi-Action scheint das ein ähnlicher Fall gewesen zu sein, zumindest beim wissenschaftlichen Krösus Guy Pearce, der nur halb so viel Charisma hat wie Tony Stark, aber das Wissen eines ganzen Jahrhunderts der Technik für sich gepachtet hat. In dessen Labor erwacht eben Vin Diesel und kann nicht erstmal an nichts erinnern. Dann wird ihm offenbart, er sei von den Toten auferstanden und hätte statt Blut ausgefeilte Nanotechnik, die zerstörtes Gewebe wieder mir nichts dir nichts herstellen können, dafür aber aufgeladen werden müssen wie der Akku eines Smartphones. Und überhaupt ist Diesel nur noch eine gesteuerte Maschine, die unter der Remote-Fuchtel eines dubiosen Vereins steht, der aus versehrten Helden technisch ergänzte Wunderpuppen zimmert. Wobei mir jetzt das amazon-Format Doom Patrol in den Sinn kommt. Ja, so ähnlich ist das hier auch. Nur Bloodshot wird bald zur Staubwolke werden, da er nach einem Total Recall wieder weiß, wozu er noch am Leben ist: um Rache zu nehmen.

Bloodshot hat schon bei der Kinopremiere knapp vor Corona von Seiten der Presse allerhand Kritik einstecken müssen. Manche Argumente mögen berechtigt sein. Aber ehrlich: Es gibt immer noch weitaus Schlimmeres. Weitaus Eindimensionaleres, denn genau betrachtet ist die Story rund um den wiedererweckten Frankenstein, der für sinistre Zwecke missbraucht wird und sich erst nach und nach davon zu emanzipieren beginnt, gar keine so kümmerliche Basis, mal abgesehen davon, dass Vieles an ganz andere Filme erinnert. Verhoevens Total Recall oder Robocop zum Beispiel. Oder Universal Soldier. Es bisschen was von Duncan Jones´ Source Code schwingt mit, nur längst nicht so existenzialistisch. Das ganze ist klassisches Patchwork, und es beschleicht mich das Gefühl, Dave Wilsons Streifen hat kaum eigene Ideen. Die Comicvorlage stammt aber immerhin aus den frühen Neunzigern. Somit lässt sich durchaus auch die Frage in den Raum stellen, wer in manchen Fällen bei wem abgeguckt hat. Aber sei’s drum, der Zitatepunsch ist ganz ansehnlich geglückt und nicht so konfus wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Die Liebe zum Detail, die fehlt. Was noch fehlt, ist der große Wow-Moment, denn Szenen von der Art, wie Vin Diesel sich zusammensetzt, hat man alle schon im Trailer gesehen. Ein Film, der sich im Vorfeld bereits selber spoilert. Das war dann wohl die größte Überraschung.

Bloodshot

Maria Stuart, Königin von Schottland

REGIEREN IST KOPFSACHE

5,5/10

 

MARY QUEEN OF SCOTS© 2018 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JOSIE ROURKE

CAST: SAOIRSE RONAN, MARGOT ROBBIE, GUY PEARCE, DAVID TENNANT, MARIA DRAGUS, BRENDAN COYLE U. A.

 

Macht ist nichts, was man teilt. Das ist schon ein Phänomen, das dem Menschen ganz eigen ist. Die Möglichkeit, über allen anderen zu stehen, könnte, wenn man sich in der Zeitgeschichte und gegenwärtig umsieht, das höchste Gut überhaupt sein, das es als Mensch anzustreben gilt. Mal oben angekommen, wartet eine Menge Verantwortung, die gerne delegiert wird. Was bleibt, ist ein Rausch, der süchtig machen kann. Und das Gefühl, halb Gott zu sein, wird unverzichtbar. Mit dieser Psychologie des Überstarken hätte sich Maria Stuart auseinandersetzen sollen, bevor sie wieder auf schottischen Boden zurückkehrt, nachdem ihr französischer Gemahl frühzeitig verstorben und ihre Machtposition am Festland von heute auf morgen verpufft war. Wäre sie später gekommen, hätte ihr bewusst sein müssen, was für eine Verwandte da am englisch-irischen Thron sitzt. Nämlich Elisabeth I., Alleinherrscherin mit absolutistischen Tendenzen und harter Hand, reformwillig, protestantisch und unverheiratet. So aber ist Maria Stuart´s Cousine gerade mal 3 Jahre an der Macht – und vor allem der Faktor „unverheiratet“ für die Witwe reizvoll genug, um nicht nur Schottland, sondern auch England zu provozieren. Klug mag Maria Stuart gewesen sein, aber nicht allzu politisch erfahren, impulsiv und – wie es in Josie Rourke´s Historiendrama den Anschein hat – unglaublich stur.

Als zweite in der Thronfolge nach Elisabeth gehört Schottland Maria Stuart, der Halbbruder muss also vom Thron, und überhaupt kann der jungen Dame niemand vorschreiben, wen sie zu ehelichen gedenkt. Denn die Ehe, die ist was fürs Herz, so die naive Sicht der Möchtegern-Regentin, die sich stets mit einer Entourage von vier Hofdamen umgibt und alles daransetzt, einen Thronfolger zu zeugen, der dann aber über die ganze Insel herrschen soll. Das zumindest hat Kalkül – die Männerwirtschaft aus Günstlingen, Gegner und militanten Rivalen ringsherum schläft allerdings auch nicht. Und plant von langer Hand, die ungeliebte Katholikin zu entthronen. Was folgt, sind fiese Intrigen, jede Menge Verrat, Mord und Totschlag. Und die ekelhafte Demonstration maskulinen Dominanzverhaltens.

Das ist Geschichte, die hochinteressant ist, spektakulär und fesselnd. Das spätere Schicksal Maria Stuarts ohnehin reichlich bekannt. Und auch ihr Tod in scharlachroter Gewandung historisch belegt. Wie es soweit also kommt, erzählt bei weitem nicht die einzige, aber neueste Verfilmung des Stoffes über Maria Stuart, Königin von Schottland, in großartig besetzter, aber lückenhafter Chronologie, die sich noch dazu ziemlich schwer tut, zwei Handlungsfäden gleichzeitig zu spinnen. Woran das liegen mag? Vielleicht am fehlenden Gespür für den richtigen Rhythmus. John Mathieson findet zwar schöne Bilder vorwiegend aus dem fahl beleuchteten Inneren von Holgrov Castle – die Schnittfolge allerdings, die sowohl Elisabeth´s als auch Maria´s Geschichte abwechseln soll, fällt sprichwörtlich mit der Tür ins Haus und verspielt ihr Timing gerade in der ersten Hälfte des Filmes, die ohnehin inhaltlich allerlei Fäden ziehen muss. Das ist alles andere als eine runde Sache, und macht es anfangs unmöglich, in das Zeitalter der Renaissance einzutauchen. Die Szenen sind zu kurz, vielleicht auch zu nichtssagend gewählt, es gibt keinen Übergang, der thematisch den Schauplatzwechsel einleitet. Es ist, als lese man ein Buch, und irgendjemand blättert die Seite um, bevor das letzte Wort gelesen ist. Später dann, als die Katze aus dem Sack, Maria Stuart isoliert und der Putsch vollendet ist, hat das Geschichtsdrama die notwendige Konzentration gefunden. Allerdings fast zu spät. Denn die Jahre im englischen Exil sowie die eigentlichen Hintergründe der Exekution spart der opulente Monarchenpoker fast zur Gänze aus.

Was das leidenschaftlichen Spiel einer wie aus Wachs modellierten Saoirse Ronan allerdings nicht bremst. Als Königin weckt sie zwar Sympathien beim Zuschauer, gibt sich allerdings auch vollends ihrer Machtgier hin. Quengeliger Trotz und ein realitätsfremdes Fairness-Ideal werden folglich zu ihrem Verhängnis – und von Ronan verbissen genug aufs Tablett gebracht. Ihr gegenüber eine Elisabeth, die, so finde ich, mit Margot Robbie sogar noch näher an der realen Figur der Königin herankommt als es Cate Blanchett vermocht hat, auch wenn die weiß gepuderte Regentin mit knallroter Perücke szenenweise Erinnerungen an Clown Pennywise wachruft. Apropos Cate Blanchett: Shekar Kapur´s Politepen Elizabeth und Elizabeth – Das goldene Konigreich sind filmisch wie dramaturgisch weitaus besser geglückt und liefern genau das, was sie sollen: Packende, ungemein sehenswerte Geschichtsstunden, die ich euch, falls ihr sie noch nicht gesehen habt, unbedingt ans Herz lege.

Geschichtsstunde, das ist Maria Stuart, Königin von Schottland natürlich auch, nur bleiben Robbie und Ronan hier zwei Konstante, die von einer selten so offensichtlichen, grobmotorischen Filmmontage leidlich souverän getragen werden. So einen Stoff wie diesen, den kann man nicht irgendwie erzählen. Aber genau das erscheint hier so. Dennoch: Kostüme, Make-up und Frisuren treiben in diesem Ringen um den Thron beeindruckende Blüten, womöglich authentisch bis in die Spitzen. Und wer sich an sowas nicht sattsehen kann, ist hier auf alle Fälle gut aufgehoben.

Kleine Anmerkung für Austro-Filmfans: Maris Dragus, Hauptdarstellerin aus Barbara Albert´s Kostümfilm Licht, spielt hier eine von Maria Stuart´s Gefährtinnen.

Maria Stuart, Königin von Schottland