Das Ende der Sterne (2026)

STEREOTYPEN DES NEUEN WILDEN WESTENS

4,5/10


Jacob Elordi als Hig in Ridley Scotts Das Ende der Sterne
© 2026 20th Century Fox


ORIGINALTITEL: THE DOG STARS

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: MARK L. SMITH, CHRISTOPHER WILKINSON, NACH DEM ROMAN VON PETER HELLER

KAMERA: ERIK MESSERSCHMIDT

CAST: JACOB ELORDI, JOSH BROLIN, MARGARET QUALLEY, GUY PEARCE, BENEDICT WONG, ALLISON JANNEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Erst kürzlich ging am Wiener Kunstmuseum Albertina eine Ausstellung über den Konzeptkünstler Richard Prince zu Ende. Der Amerikaner ist Vertreter der sogenannten Appropriation Art, was so viel bedeutet wie: Bereits vorhandene Werke, zu welchem Zweck auch immer, neu zu zitieren und damit umzuinterpretieren. Er refotografierte also in seinem Western-Zyklus klassische Marlboro-Werbungen und hinterfragte damit das stereotype, klischeebeladene Lebensgefühl, das Zigarettenkonsum so salonfähig machte. Starke, konservative Männer in rauer Wildnis, Pferde reitend oder bändigend, nach harter Arbeit in den Sonnenuntergang blickend, fast schon wie ein Lucky Luke des echten Lebens, das Lasso lässig an der Seite. Und das Päckchen Tschick irgendwo.

Eine Kehrtwende hin zu traditionellen Versatzstücken

Diese Kunst muss man wirklich nicht mögen, doch verständlich ist die Aussage dennoch. Mag sein, dass Ridley Scott Ähnliches im Sinn hatte. Mag sein, dass er bereits etablierte Versatzstücke aus längst vergangenen Genre-Stilen des Films wieder aufleben lassen und neu anordnen wollte – längst zur Genüge bediente stereotype Rollenmuster und ein Wertebewusstsein aus noch vor dem Kalten Krieg bis in die Reagan-Ära hinein – das könnte für die Verfilmung eines Bestsellers reichen, den Peter Heller verfasst hat und den Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte trägt, assoziationsauslösend mit John Irvings Garp und wie er die Welt sah.

Diesmal aber ist es nicht Garp, sondern der momentan gut im Geschäft stehende Jacob Elordi, der als Elvis oder Frankensteins Monster gute Figur gemacht hat und der auch hier, im Gras liegend und in den Nachthimmel blickend, sich selbst erkennt, wie er in Sofia Coppolas Priscilla Cailee Spaeny auf die starallürenhaften Laken zitiert. Das Sternbild des King of Rock hängt dort, und das seines Hundes Jasper.

Auf den Hund gekommen

Mit Hunden kennt sich die Postapokalypse schließlich sehr gut aus – sowohl Don Johnson in Der Junge und sein Hund oder Will Smith in I Am Legend: Sie alle hatten ihren Vierbeiner an der Seite, denn welche Freundschaften bleiben einem noch, auf die man setzen kann, in anarchischen Zeiten wie diesen, in denen die Weltbevölkerung in Clans zerbricht und verwilderte, marodierende Banden durchs Unterholz treiben. Ein bisschen erinnert mich dieses Konzept an die von Netflix bedauerlicherweise abgesetzte deutsche Serie Tribes of Europa. Da hätte man etwas draus machen können. Daran hätte sich auch Ridley Scott orientieren können, doch das hat er nicht.

Grenzschutz in der Postapokalypse

Dieser Hig hat nicht nur einen Hund, sondern auch den Ex-Marine Bangley an seiner Seite – ein harter Knochen, der im Laufe der Gespräche in diesem Film unter anderem seine Brille von Anfang an bei Fielmann kaufen hätte sollen. Was die von Josh Brolin verkörperte, republikanisch anmutende Institution von Mann an Grenzverteidigung an den Tag legt, beschert Donald Trump wohl feuchte Augen. Da wird nicht gefragt, da wird nicht Asyl gewährt, da wird geschossen, denn auf Dialog setzen muss man nachher nicht mehr.

Diese Radikalität amerikanischer rechter Werte kokettiert mit der melancholischen Verträumtheit eines Jacob Elordi, der mit Schlafzimmerblick, Lethargie und Muskelkraft zum Fast-Bäume-Ausreißen eben diesen Rollentypus aus den Konzepten von Richard Prince verkörpert, die Zigaretten in Griffweite und mit der Cessna über eine Landschaft brummend, die Amerika keiner nehmen kann.

Die ist nun mal da, und die verspricht Freiheit, Chancen und einen Neuanfang. Hig muss nur Grand Junction finden, von wo aus ein Signal noch ein Rest an Zivilisation verspricht. Unterwegs trifft er auf Verbündete. Und das war’s auch schon mit der Story.

Make Wild West great again!

Am besten, man beginnt hier gleich wieder von vorne und holt das Zeitalter des Wilden Westens aus der Mottenkiste. Man muss dieses Gesellschaftsbild nur in eine dystopische Zukunft setzen, und siehe da – es macht fast keinen Unterschied, ob Elordi, John Wayne oder Clint Eastwood den Ton angeben. Hier werden die weißen Amerikaner zu den neuen Nativen, und die noch weißeren zu den Pionieren, die sich zu kleinen Farmen zusammenfinden, wo zwischen Mennoniten und Mormonen kein Unterschied gemacht wird, Hauptsache der christliche Glaube bringt am Ende Friede, Freude, Eierkuchen.

Immer dieser Retro-Charme

Übersehen darf man in dieser kauzigen kleinen Klischeekiste des neuen Sonnenaufgangs jedenfalls nicht Margaret Qualley und ihren Filmpapa Guy Pearce. Qualley diesmal nicht als eine ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft bewussten Manipulatorin, sondern pioniergeistig in Latzhose und Kappe – Pearce muss man als brummigen Endzeit-Mundl fast schon gern haben. All diese Personen kippen dann ganz plötzlich in die Welt von Fallout, natürlich fragt man sich: Warum, wieso und was hat Ridley Scott geritten, den elegischen Kevin-Costner-Grundtonus durch eine misslungene Kopie der postatomaren Aftermath-Groteske auf Amazon Prime zu stören. Der Spuk ist aber bald wieder vorbei, rausschneiden kann man diesen Brocken immer noch.

Was bleibt, ist eine abendfüllende Prosa-Werbung über die guten alten Werte eines Staatenbündnisses mit ganz viel Landschaft, in der die Leute einfach nur zu wissen brauchen, wann sie schießen, wann sie in die Sterne gucken und wann sie die kolportageartig zur Schau gestellte Melancholie verlorener Lebenskonzepte empfinden müssen. Hättiwari bringt einen da nicht weiter, MAGA vielleicht schon.

Das Ende der Sterne (2026)

New Order – Die neue Weltordnung (2020)

GRÜN IST DIE FARBE DES UMBRUCHS

7,5/10


Naián González Norvind inmitten der Aufstände in New Order
© 2020 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: NUEVO ORDEN

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: NAIÁN GONZÁLES NORVIND, MÓNICA DEL CARMEN, DIEGO BONETA, FERNANDO CUALETLE, ELIGIO MELÉNDEZ, DARIO YAZBEK BERNAL, AVIER SEPULVEDA, ROBERTO MEDINA, SEBASTIAN SILVETI, GUSTAVO SÁNCHEZ PARRA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Der Mexikaner Michel Franco hat seine ganz eigenen Visionen, um daraus Filme zu machen. Er schert sich wenig um altbekannte Erzählweisen, orientiert sich auch nicht an den Eliten in Hollywood oder Europa. Es kann passieren, dass ganz andere Pioniere in Francos Art und Weise des Filmemachens genug Inspiration sehen, um in sein Fahrwasser zu schippern – warum auch nicht. Gut übernommen ist halb gewonnen – für andere.

Die Kunst des Weglassens

In seinem Mysterydrama Sundown – Geheimnisse in Acapulco gibt Tim Roth einen rätselhaften Aussteiger, der in der Strandpromenade titelgebender Stadt herumhängt. Was relativ langweilig klingt, entwickelt sich zu einem vertrackten Psychogramm, in dem nur nach und nach das ganze seltsame Verhalten des isolierten Mannes Sinn ergibt. Ein Vexierspiel also mit nichts außer Tim Roth, viel Acapulco und einem Existenzialismus, der an Albert Camus erinnert.

Dabei zeigt sein erster abendfüllender Spielfilm, der Polit- und Gesellschaftsthriller New Order, bereits Francos Kunst des Weglassens und Nicht-Erzählens. Im Grunde sind es Bruchstücke, die er aneinander montiert, doch die sind gerade groß oder klein genug, um nicht fragmentarisch zu wirken. Nur Fragmente wären recht plump, doch so, wie Franco es macht – diese erzählerische Brut-Art, die nicht klotzig erscheint, sondern klug auf- und aneinandergelegt wird – das zeugt von einer eigenen intuitiven Vision. Und in dieser einen, ersten Vision, geht die ganze kaputte neureiche Elite von Mexiko-Stadt den Bach runter.

Die Reichen werden nicht erfreut sein

Reichtum ist im größten urbanen Moloch Mittelamerikas, um die Phrase nochmal zu dreschen, mehr als nur eine Schande. Wie so oft in Ländern wie diesem haben nur wenige alles, und alle anderen wenig. Eine Ungerechtigkeit, deren Konsequenzen man in den Geschichtsbüchern Europas lesen kann. Zum Beispiel im Kapitel über die Französische Revolution. Guillotine im Dauereinsatz. Köpfen, was das Zeug hält, die Vernichtung des Adels – und letztlich nur der vorübergehende Aufschwung des Proletariats, bevor kaisergleiche Anführer ihren Allerwertesten wieder auf den Thron geschoben haben werden.

In Mexiko erscheint dieser Umbruch als niederschmetternde, semidokumentarische Zukunftsvision, die schon in den ersten Minuten für Unbehagen sorgt. Eine feine Hochzeitsgesellschaft gibt sich die Ehre, die Wohlhabenden versammeln sich, während ein gewaltiger Demo-Zug der Unzufriedenen und Übervorteilten im ganzen Stadtkreis revolutionäre Züge annimmt.

Von Chaos und Ordnung

Und dann schwappt der Wahnsinn über – mit grüner Farbe, in Rage und mit Mordlust in den Augen, um die Diskrepanz zwischen den Klassen ein für alle Mal auszubügeln. Da kann es schon passieren, dass sich ehemalige Angestellte der feinen Familie zum Lynchmord an ihre Brotgeber hinreißen lassen.

Wer glaubt, damit wäre in dem ohnehin knappen 80-Minüter das Fass schon zum Überlaufen gebracht worden, der irrt. In weiterer Folge erzählt Franco das Schicksal von Braut Marianne. Wer das aushält, ist entweder gerade mit Unmengen an Resilienz gesegnet oder abgehärtet wie ein Krisenreporter.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn sie stirbt…

New Order ist schlichtweg harter Tobak. Ein Film, der verstört und lange nachhallt. Was objektiv wie das Erstarken einer Militärdiktatur ganz und gar nicht nach düsterem Zukunftsszenario klingt, da Südamerika diesen Wahnsinn bereits mehrmals über sich ergehen lassen musste, ist im Detail abgrundtief nihilistisch, destruktiv und hoffnungslos. Wer glaubt, im Kino gäbe es immer und überall noch die Gunst des Schicksals für das Gute und Aufrichtige, der irrt spätestens hier, wo es keine Werte mehr gibt – nur Unterdrückung, Macht- und Raffgier.

Definitiv nichts für schwache Nerven, kann New Order niemanden gefallen. Allerdings ist die Chronik einer enthumanisierten Gesellschaft, die man sich garantiert kein zweites Mal ansehen will, es sei denn, es geht uns zu gut, auf erschütternde Weise fabelhaft gelungen und wirkt wie Flugangst ohne beruhigendes Händchenhalten.

New Order – Die neue Weltordnung (2020)

Lebensansichten eines Huhns (2025)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ (K)EIN HUHN

7/10


Dieser Vogel erlebt in György Pálfi's Lebensansichten eines Huhns so einige Abenteuer
© 2025 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: KOTA

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GYÖRGY PÁLFI

KAMERA: GIORGOS KAVELAS

CAST: ESZTI, SZANDI, FERI, ENCI, ETI, ENIKÖ, NÓRA, ANETT (ALLES HÜHNER), IOANNIS KOKIASMENOS, MARIA DIAKOPANAGIOTI, ARGYRIS PANTAZARAS, ELENI APOSTOLOPOULOU, MAHMOD BAMERNY U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Das meiner Review den Titel gebende Lied der Comedian Harmonists aus der Frühzeit der Spaß- und Quatschlieder tönt mir in den Ohren, und lieber ein Huhn zu sein, das würden sich wohl so einige der Zweibeiner in dieser bitteren Groteske des Ungarn György Pálfi wünschen. Denn so, wie Homo sapiens sich hier aufführt – das kann nicht der Zivilisation letzter Schluss sein, oder doch?

Denn zum Essen sind sie da

Zumindest wundert sich darüber das namenlose schwarze Schaf innerhalb seiner Spezies Gallus gallus domesticus, kurz: das Haushuhn. Kosmopolit, gezüchtet aus der wilden Urform des fasanartigen Bankaviahuhns und eigentlich nur dazu da, um von Milliarden an Menschen tagtäglich getötet, geröstet, gebraten, gekocht und letztlich verspeist zu werden. Zu diesem Schicksal gesellt sich dann noch die erniedrigende Tatsache des Eierklaus, tagtäglich und immer wieder.

Die schwarzgefiederte, durchaus schmucke Lady mit dem Seitenblick muss mit so einigen Schicksalsschlägen und radikalen Wendungen klarkommen. Mit der Hasswelle übler Gehege-Genossinnen, mit den Übergriffen eines wirklich hässlichen Hahns. Mit dem Kiefer eines Hundes, dem flammenden Inferno, heißem Asphalt und lauernden Füchsen. So ein Tier hat ein hartes Leben, doch wie es aussieht, lässt sich immer noch der Schluss ziehen, dass der von Gott gegebene Umstand, Federn zu tragen, direkt schon als nachhaltiges Glück erscheint.

Irgendwo in Griechenland…

Will Pálfi damit die Ironie auf die Spitze treiben? Natürlich geht es Gallus gallus domesticus schlecht. Und dem Menschen? Ebenso. Denn irgendwo in Griechenland, und zwar dort, wo man meinen könnte, hier lässt es sich sogar Urlaub machen, schwappen humane Tragödien von der anderen Seite des Meeres hinüber, wollen grimmige Gesellen ihre Geschäfte machen, und will ein versoffener alter Patriarch aus seinen Fehlern lernen.

Der hat das schwarze Huhn unter seine Fittiche genommen. Die beiden sind sich ähnlich, zumindest, was das Straucheln und Wiederaufstehen betrifft. Doch bei diesen Lebensansichten, die ein Huhn an den Tag legt, sind wir weit entfernt von George Millers Schweinchen Babe, und sogar noch weit entfernt von Schafen, die kriminelle Fälle lösen. Diese Lebensansichten nähern sich jenen Erfahrungen, die mal ein Esel gesammelt hat – im assoziativen Kunstfilmdrama EO, das aber dem Esel jedoch nicht jene Ehre erweist und ihn zu einem Individuum formt wie György Pálfi es tut.

Vielleicht besser, doch ein Huhn zu sein

Der ungarische Exzentriker hat mit seiner Gesellschaftskritik keine Fabel im Sinn, er entzieht seinem Huhn niemals seine natürliche Bestimmung und den tierischen Aspekt. Er spricht keine gackernden Sätze, aber gackert.

Wie zäh und widerstandsfähig so ein Wesen sein kann, ist einerseits wirklich witzig, andererseits respekteinflößend. Und es wäre nicht Pálfi, wären die Lebensansichten eines Huhns ein lediglich unterhaltsamer Schwank, der einer uns so reichlich ernährenden Tierart alles in die Hand gibt, damit es Freiheit erlangt. Die Aardman Studios hatten mit ihrem Plastilin-Geflügel die Hühnerstall-Version von Gesprengte Ketten fabriziert (Chicken Run) – Palfi will sein Huhn sogar noch mehr herrschen und bestimmen lassen, ganz so, wie es das Schicksal will. Und dieses meint es für Hühner gut, für Menschen nicht.

Antihumanistische Gutenachtgeschichte für Kücken

Palfis bisheriges Filmschaffen ist von eigentümlichem Kolorit. Der fast wortlose Dorfkrimi Hukkle ist nur eines seiner Experimente, im Generationeepos Taxidermia wissen so manche, wie man sich und seine Familie präpariert. Die Lebensansichten eines Huhns sind so eigenwillig und unzuordenbar wie alles Bisherige von Pálfi. Zwischen Düsternis, Hässlichkeit und kauziger Satire bewegt sich dieser von allen Schubladen befreite, beharrliche Selbstverwirklichungstrip eines Vogels auf eine Welt ohne Menschen zu, um tatsächlich sowas wie kitschige Harmonie zu finden. Ein bizarres Abenteuer zwischen Leben, Tod und allen Unannehmlichkeiten dazwischen – für Mensch und Tier gleichermaßen.

Lebensansichten eines Huhns (2025)

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

EMANZIPIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN

5/10

 

Haley Bennett will in Virginia Woolf's Night & Day einfach nur studieren
© 2026 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: TINA GHARAVI

DREHBUCH: JUSTINE WADDELL, NACH DEM ROMAN VON VIRGINIA WOOLF

KAMERA: SEBASTIAN EDSCHMIED

CAST: HALEY BENNETT, ELYAS M’BAREK, LILY ALLEN, TIMOTHY SPALL, JENNIFER SAUNDERS, JACK WHITEHALL, MISIA BUTLER, SALLY PHILLIPS, SIMON PHILLIPS, CAMILLA BORGHESANI, ERIKA LINDER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Wenn ein Trailer den Film erzählt

Es gibt keinen anderen Film, von welchem ich in den letzten drei Monaten im Kino nicht öfters den Trailer ansehen habe müssen als für diesen hier: Virginia Woolf’s Night & Day. Haley Bennett, die, des Nächtens im Wasser schwimmend, zu den Sternen blickt und sich bei diesen Lichtjahre entfernten Himmelskörpern erkundigt, ob diese ihr nicht zublinzeln. Immer und immer wieder, es ist, als hätte man den Film bereits gesehen, da der Gusto machende Zusammenschnitt sogar das zu erwartende Ende vorwegnimmt. Da will ich schließlich auch wissen, ob der Film selbst dann mehr bietet als nur Sterne, Blinzeln, Heiratsanträge und ein griesgrämiger alter Patriarch namens Timothy Spall, der seine Tochter anhält, gefälligst Mutter und Ehefrau zu sein.

Drängende Themen bis heute

Virginia Woolf war da immer schon eine Avantgardistin in Sachen Frauenrecht und Selbstbestimmung. Ihr zweiter, 1919 erschienener Roman Night and Day erzählt von einer resoluten jungen Frau, die nicht daran denkt, sich mit ihrem Sandkastenfreund zu verloben, nachdem der ihr einen mehr oder weniger unbeholfenen Antrag macht. Katharine, so nennt sich Bennetts Figur, will studieren, das Universum erforschen, und ganz im Speziellen herausfinden, was es zu bedeuten hat, wenn manche Gestirne heller scheinen als andere. Dafür büffelt und erforscht sie im Obergeschoss einer Fabrik, die nebenbei noch den Suffragetten als Basislager dient. Mit anderen Worten: Eine Kämpferin wie Katherine können all die Frauenrechtlerinnen (und Frauenrechtler) gut gebrauchen.

Nur nichts ausprobieren!

Was nicht zu erwarten war: Elyas M’Barek, Zugpferd des Deutschen Kinos, darf sich hier im England des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts als immigrierter Lektor versuchen – bei einem unaufgeregten Film wie diesen gelingt ihm das formidabel, und natürlich kann man, was die Professionalität des ganzen Ensembles angeht, nicht wirklich meckern. Doch obwohl Virginia Woolf’s Night & Day naturgemäß für eine gute Sache einsteht, oder besser gesagt: von den Anfängen weiblicher Emanzipation berichtet (worüber man nie zu viel bringen kann), plätschert der ganze Streifen ohne Wendungen recht gediegen und von vornherein schon durch seine thematische Ansage gesättigt vor sich hin – und kann tatsächlich kaum viel mehr beitragen als bereits schon im Trailer veröffentlicht. Dort ist tatsächlich alles schon gesagt, im Film dann vom selben noch viel mehr, was Virginia Woolf’s Night & Day eine Beschaulichkeit angedeihen lässt, die jedwede gesellschaftliche Aufbruchs- und Ausbruchsstimmung einfach nicht empfinden kann.

Was läuft denn zu den Feiertagen?

Tina Gharavis Arbeit hat den Verve eines für die Weihnachtsfeiertage angefertigten BBC-Fernsehfilms, der sich mehr hat kosten lassen als womöglich andere Projekte, der aber in seiner konventionell erzählten Simplifikation der Geschichte jeden fernsehenden Haushalt weitestgehend zufriedenstellen wird. Ist ja nett anzusehen, dieses Drama, es regt nicht auf, es schert nicht aus, es bedient den Glanz der Festtage mit gefällig aufbereiteter Literatur.

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

Evil Dead Burn (2026)

SCHWARZE SCHAFE DER FAMILIE

7/10

 

Luciane Buchanan als Deadite in Evil Dead Burn
© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: SÉBASTIEN VANIČEK

DREHBUCH: SÉBASTIEN VANIČEK, FLORENT BERNARD

KAMERA: PHILIP LOZANO

CAST: SOUHEILA YACOUB, HUNTER DOOHAN, LUCIANE BUCHANAN, ERROLL SHAND, GRETA VAN DEN BRINK, TANDI WRIGHT, MAUDE DAVEY, GEORGE PULLAR, KEANU KARIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN

 

Wer oder was sind diese Deadites überhaupt?

Was sie definitiv nicht sind: Zombies. Aber auch da wieder im klassischen Sinne, denn was die dämonische Kollektiv-Präsenz in den Evil Dead-Filmen auch kann, ist, neben an sich vitalen Körpern noch bereits tödlich verunglückte auf eine Weise wiederzubeleben, die ans Zombie-Dasein erinnert. Inspiration wird sich Sam Raimi wohl bei William Friedkins Der Exorzist geholt haben. Schließlich reicht es, sich zu überlegen, was gewesen wäre, wenn man Linda Blair nicht ans Bett geschnallt hätte.

Doch anders als Untote sind Deadites ausgesprochen intelligent und, gepaart mit sadistischer Bösartigkeit, gezielt darauf ausgerichtet, andere zu „infizieren“. Das gelingt über alle Arten von Körperflüssigkeiten, und ja: bei Evil Dead fließen davon viele. Was noch nicht ausgetestet wurde, ist sexuelle Übertragbarkeit. Vielleicht heben sich das die Macher für den nächsten Teil auf – der womöglich wieder ganz andere Saiten aufziehen und den kreativen Werkzeugkasten eines ganz anderen Filmemachers über sich ergehen lassen wird. Schließlich ist das Konzept von Evil Dead ein grundlegend äußerst simples – ganz so wie jenes aus Alien, Aliens – und wie sie noch so alle heißen.

Der anthologische Charakter einer Lore

Dieses Basiskonzept hat anthologischen Charakter und mag andere dazu einladen, ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Bei Alien wissen wir längst: James Camerons Sequel war grundlegend anders als das Original von Ridley Scott, hat das Thema uminterpretiert und, da sonst keine weiteren Regeln vorhanden waren, als Actionthriller aufgezogen. Einen Film später dann David Fincher. Seine Version wurde zwar durch das Studio gegängelt, gekürzt und verstümmelt, ist aber wieder anders als die anderen beiden Teile, während Jean-Pierre Jeunet aus dem Weltraumhorror eine Freakshow inszeniert hat – optisch kühn, progressiv und enorm verspielt. Auch der Body-Horror-Faktor steigerte sich ins Groteske.

Was bisher geschah

Bei Evil Dead funktioniert das genauso. Sam Raimi hat sein Original zwischen Groteske und knallhartem Horror angesiedelt, Teil 2 war da schon nahe an der Komödie, Teil 3 sowieso nur noch Fantasy, mitsamt Skelettarmeen und lauter kleinen Bruce Campbells. Dann kam lange nichts – und 2013 dann das bierernste Remake von Fede Álvarez. Eine Gruppe junger Leute wird erneut aufgemischt, die Kettensäge kommt zum Einsatz, der fiese Dämon steckt zeternd im Keller. Das alles hatte keine nennenswerte eigene Handschrift. Modern zwar, aber austauschbar.

Lee Cronin, der eben erst The Mummy ent-wickelt hat (mehr schlecht als recht), bekam für seinen Evil Dead Rise vollkommen freie Hand. Entstanden ist eine destruktive Stirb Langsam-Version: rabiat, dunkel und durchaus augenzwinkernd. Interessant dabei, dass hier erstmals ein griffiger Subplot hinzukommt – im Grunde ein kleines, aber feines Familiendrama, das sich aber letztlich völlig in blutgetränkten Shining-Reminiszenzen verliert.

Nun aber hat sich der Franzose Sébastian Vaniček an das nicht immer ganz schlüssige und ausbaufähige Evil Dead-Regelwerk herangewagt. Vaniček sagt wohl den wenigsten etwas – Liebhaber des Tierhorrors kennen aber vielleicht seinen arachnophoben Wohnhaus-Terror und Festival-Liebling Spiders – Ihr Biss ist der Tod. Immer noch, wenn ich daran denke, werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas Vielbeiniges seinen Weg unter mein Gewand gefunden hat.

Ein Familiendrama wird korrumpiert

Vaniček lässt diesmal in entsättigten, modrigen Bildern seine Deadites brennen – jedoch erst, nachdem er seine Version mit viel mehr Story-Kontext angereichert hat, als es in bisher jedem Evil Dead-Film der Fall war. Evil Dead Burn ist insofern eine unerwartete Überraschung, da sein Film so wirkt, als wäre das Familiendrama zuerst dagewesen und hätte sich anders weiterentwickelt, würde da nicht die Hölle wie eine unerwartete Katastrophe über die Lebenden stürzen, die alles anders kommen lässt.

Diese „unerwartete Wendung“ des Schicksals ist Vaničeks größter Triumph – und er wartet damit, bis es losgeht; er zügelt seine Teufel, obwohl sie längst wild mit den Zähnen blecken. Herzstück ist fast schon die vor Anspannung kaum auszuhaltende Ruhe vor dem Sturm, wenn die Familie des tödlich verunglückten Will und dessen Witwe Alice nach dessen Beerdigung in scheinbar trauter Harmonie zu Tisch sitzen. Zu diesem Zeitpunkt weiß das Publikum schon weitaus mehr als die Familie, und so kitzelt Vaniček das Unbehagen und die Spannung aus jeder Sekunde.

Im Kreise der Familie kreist die Säge

Wenn das Fass überläuft und sich die ganze kaputte Familie plötzlich ganz anderen Problemen gegenübersieht, die sie noch kaputter machen, bedient sich Evil Dead Burn einer ganzen Bandbreite an Ideen, wie man den rabiaten Horror anders als gewohnt abfilmen kann. Kameramann Philip Lozano lässt sich sowohl zu Inception-ähnlichen Rotationen hinreißen als auch zur bodennahen Reportage, die den Fokus auf eine Person setzt, die, als wäre sie in einem Kriegsfilm, über das Schlachtfeld robbt, während um sie herum kataklysmische Gewalt herrscht.

Mit Intensität kennt sich Vaniček aus. Er spielt mit dem Vorhersehbaren, ohne das Erwartbare aber zu unterwandern. Er erweitert, anders als in allen anderen Filmen, das Wissen um die Deadites und ergänzt das Mysterium um ein Artefakt. Durch dieses Ding bekommt der Film dann seinen Drive. Plötzlich geht es nicht nur ums Überleben, plötzlich mogelt sich hier eine Schatzsuche ins apokalyptische Geschehen – und ganz plötzlich ist der Horror mehr als nur eine Schlachtplatte.

Mit der hätten die meisten aber ohnehin genug, das ist wie nochmal das Alien in einem Raumschiff weit ab vom Schuss. Hier aber ist das heruntergekommene familiäre Heim die ideale Kulisse für ein Spukhaus und hat deutlich mehr Spielplatz als die überschaubare Hütte im Wald. Souheila Yacoub (Planet B) zeigt hier gleich zu Beginn, wie sehr sie sich auf sich selbst verlassen kann – der französische Touch, den sie reinbringt, sorgt für eine gewisse Arthouse-Eleganz, ein Chanson untermalt gar den Showdown. Das sind Aspekte, die kommen dann doch überraschend, während natürlich, und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, die gory Messlatte an Blut, Gebein und Ekel recht hoch sitzt, sich das Ganze aber nicht unnötig ausufernd in organischem Stückwerk suhlt.

CGI als Wermutstropfen

Am Ende verhaspelt sich Vaniček dann doch. So weit, so stilsicher und virtuos, bedient er später die digitale Trickkiste, lässt Assoziationen an James Camerons dystopischen Kult-Einstand aufkommen und erfährt aufgrund eines gewissen Übermuts, dass dieser selten guttut – auch wenn das Statement zu häuslicher Gewalt dem Ganzen eine hauchdünne Message mitgibt. So, als wären die Deadites nur Sinnbilder und Nachtmahre unbereinigter Konflikte und entstanden aus der ohnmächtigen Angst vor Kontrollverlust.

Evil Dead Burn (2026)

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (2025)

RÜPEL AN DER KETTE

7/10


Andrea Riseborough, Kit Rakusen, Stephen Graham und Anson Boon sind eine schrecklich nette Familie in an Komasas Good Boy
© 2025 RPC Good Boy Limited & Skopia Film / Foto Lukasz Bakj, X Verleih


LAND / JAHR: POLEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: BARTEK BARTOSIK, NAQQASH KHALID

KAMERA: MICHAL DYMEK

CAST: STEPHEN GRAHAM, ANDREA RISEBOROUGH, ANSON BOON, KIT RAKUSEN, MONIKA FRAJCZYK, SAVANNAH STEYN, CALLUM BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Wie macht man aus einem Tunichtgut einen guten, und wenn schon nicht gleich einen guten, dann zumindest einen besseren Menschen? Diese Frage hat sich bereits Anthony Burgess gestellt, ein britischer Schriftsteller, aus dessen Feder die verstörende Dystopie Clockwork Orange stammt.

Der Zweck heiligt die Mittel

Die, die das Buch nicht gelesen haben, aber zumindest Stanley Kubricks Verfilmung kennen, erinnern sich vielleicht noch an die milchtrinkende Verbrechergang rund um Bösewicht Alexander DeLange, wofür Malcolm McDowell wohl seine Paraderolle fand. Sie erinnern sich vielleicht auch an den Prozess der Gehirnwäsche, die letztlich jedwede Art von sexueller wie körperlicher Gewalt aus den Probanden rausexorzieren soll. Durch das Zwangsbetrachten gewalttätiger Darstellungen, das Verabreichen übelkeitsauslösender Seren im Kontext solcher Reize und Beethovens neunter Symphonie sollen Verbrecher ihrer bisherigen Laufbahn den Rücken kehren.

Am Puls der Zeit

Tja, schön wärs, denkt sich Stephen Graham, der allerdings nicht in Clockwork Orange mitwirkt, sondern im neuen Film von Jan Komasa, der schließlich auch nicht dafür bekannt ist, filmischen Eskapismus an den Tag zu legen. Für Corpus Christi war er vor einigen Jahren oscarnominiert, sein Film The Hater lief hierzulande nicht im Kino, sondern reüssierte auf Netflix. Ein Film, der von allen Filmen Jan Komasas sein thema am grellsten umreisst. Und überall, auch in The Change – seinem jüngsten Werk, mit Kyle Chandler und Diane Lane in den Hauptrollen, geht es um individuelles Fehlverhalten, das in einer ignoranten Gesellschaft seine Wurzeln schlägt und weitestgehend als grimmiges Symptom für einen flächendeckenden Missstand steht.

Zwangslurlaub für einen Unhold

Stephen Graham, so richtig bekannt geworden durch die Netflix-Miniserie Adolescence, findet sich in keinem der genannten Filme wieder, stattdessen aber in Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes. Und dort dürfte er als prinzipien- und regeltreuer Familienvater und moralischer Ritter Clockwork Orange zumindest gelesen haben, um nachträglich auf die Idee gekommen zu sein, missratene Subjekte von der Straße zu holen und sie ganz privat und exklusiv in einen Rehabilitationsurlaub zu stecken, der sich anfühlt, als wäre er ein gediegener Aufenthalt in einer Familienpension, wären da nicht ein muffiger Keller und eine lange, sehr lange Kette, die den jede Nacht über die Stränge schlagenden Tommy daran hindern soll, abzuhauen.

Clockwork Orange Light

Dieser Tommy hat alles Mögliche auf dem Kerbholz – Kapitalverbrechen allerdings nicht. Und dennoch oder gerade deswegen sehen Stephen Graham und seine schwer depressive Frau Andrea Riseborough, die als gespenstische Ahnfrau die verkappte Matriarchin gibt, genug Silber am Horizont, um den jungen Mann ähnlich zu quälen wie einst Malcolm McDowell – zum Glück ohne Lidklemmen, dafür aber mit klassischer Musik und den eigenen Schandtaten, die sich auf TiKTok finden lassen.

Moralischer Fragenkatalog

Was lässt sich von so einer gewaltsamen Verbesserung einer von allen möglichen Bedürfnissen gepeinigten Psyche denn halten? Begegnet man besser Gewalt mit Gegengewalt? Sind Graham und Riseborough in Wahrheit die Guten und trotzdem sie Verbrechen begehen, geheiligt durch den guten Zweck?

Wie bändigt man den gewaltbereiten Pöbel auf der Straße? Und all die straffrei gehenden, weil minderjährigen, marodierenden Gangs in allen Metropolen der Welt? Wo liegt die Ursache, wo und wie setzt man an, um den wütenden Alltag dieser Menschen neu zu kanalisieren? Lassen sie mit sich reden, wenn man sie unter Androgung von Gewalt dazu zwingt? Zum Lesen, zur Einsicht, zum guten Benehmen?

Jan Komasa wirft viele Fragen auf, der bald schon zu einem Katalog an offenen Diskursen wird. Antworten hat er keine, und er maßt sich auch nicht an, welche zu liefern. Stattdessen aber gelingt es ihm, innerhalb dieser geschaffenen Grauzone, die in all der sozialen Ratlosigkeit nichts anders kann als herumzuexperimentieren und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben (vor allem beim eigenen Kind – ich sage nur: Zigaretten), sein behändes und fast schon entschleunigtes Sozialdrama alle Vorhersehbarkeit zu nehmen.

Der Faktor X, der letztlich fruchtet

Das liegt daran, dass Komasa nicht einer ist, der seine Problemfälle am Ende idealisiert. Kann ja gut sein, dass nichts fruchtet, kann aber auch sein, dass die Familie, die ihre Welt irgendwie besser machen will, gerade durch einen einzigen Faktor Erfolg hat, und zwar einen, den sie selbst nicht kennen.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes ist unerwartet introvertiert, manchmal fast zärtlich. Und trotz all der grotesken Situationen selten zynisch. Mag sein, dass die Erwartungshaltung bei einem Film, in dem ein entführter junger Mann an der Kette hängt und „gebessert“ werden muss, wohl ganz anders liegt, vielmehr beim hässlichen Thriller mit Hang zum Nihilismus.

Nur nicht tatenlos zusehen!

Tatsächlich gibt Komasa die Hoffnung in diesem Film niemals auf und will seine Gutmenschen niemals moralisch höher stellen als die Verdorbenen. Das macht was mit der Akzeptanz, das macht was mit dem erlernten Moralverständnis.

Good Boy ist trotz all der Ambivalenz ein manchmal fast schöner Film geworden, der seinen „Alexander DeLange“ niemals aus Spaß an der Freude so hat werden lassen. Womit wir wieder bei diesem, von Komasa oft zitierten, flächendeckenden gesellschaftlichen Problem wären, das nur anhand von fast schon improvisierten Verzweiflungstaten bewältigt werden kann.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (2025)

Rückkehr nach Ithaka (2024)

ZUHAUSE IST ES DOCH AM SCHÖNSTEN

6/10

 

Ralph Fiennes und Juliette Binoche als Odysseus und Penelope in Rückkehr nach Ithaka
© 2024 Piffl Medien

 

ORIGINALTITEL: THE RETURN

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, ITALIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH, GRIECHENLAND 2024

REGIE: UBERTO PASOLINI

DREHBUCH: UBERTO PASOLINI, EDWARD BOND, JOHN COLLEE, NACH MOTIVEN AUS HOMERS EPOS

KAMERA: MARIUS PANDURU

CAST: RALPH FIENNES, JULIETTE BINOCHE, CHARLIE PLUMMER, TOM RHYS HARRIES, MARWAN KENZARI, CLAUDIO SANTAMARIA, AMIR WILSON, ÁNGELA MOLINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Auch hier spielt, wie in Christopher Nolans Blockbuster, Prinzessin Nausikaa von der Phäakeninsel keine Rolle. Auch hier liegt, mehr tot als lebendig, ein von Abenteuern und Entbehrungen geschundener Körper am Strand, der zu niemandem geringerem als dem schon seit zwanzig Jahren abstinenten König von Ithaka gehört. Zu diesem Zeitpunkt weiß das aber noch niemand. Nicht mal Sohnemann Telemachos, der den reumütigen Haudegen nicht mal als seinen Vater erkennen würde, wenn er vor ihm stünde. Auch Penelope weiß nichts davon und webt weiter ihr ewiges Leichentuch für den Großvater, der auch nicht mehr lange zu leben hat.

Vor Nolan war noch ein anderer dran

Bevor nun Christopher Nolan seinen marketingtechnisch klug konzipierten und breit gefächerten IMAX-Kamera-Hype losgetreten und für die Macht des Analogen im wahrsten Sinne des Wortes eine Lanze gebrochen haben wird, hat sich zwei Jahre zuvor ein bescheidener, italienischer Autorenfilmer namens Uberto Pasolini (grandios: Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit) des Homerischen Epos angenommen und dabei jenen Teil verfilmt, der mit Odysseus‘ Heimkehr zu tun hat.

Erkennst du mich denn nicht?

The Return heisst das spartanische Werk, übersetzt: Rückkehr nach Ithaka. Stimmt schon, das Wort Ithaka lockt schon mal Freunde der Antike an. Da wissen die meisten schon: Hier wird der Bogen zwar nicht über-, aber gespannt werden, und zwar nur von einem einzigen, nämlich dem König, gehüllt in Tüchern eines Landstreichers und unkenntlich gemacht durch Bartwuchs und verfilzter Mähne.

Dass ihn Penelope aber trotzdem nicht erkennt, sich an seine Stimme nicht mehr erinnern und die Augen des Geliebten nicht mehr als die seinen identifizieren kann, mag schon in der grundlegenden literarischen Vorlage verwirren. Aber gut, mit dieser Prämisse und diesen Parametern musste auch Nolan klarkommen, der hat immerhin Penelope und Odysseus in einen erweiterten Beichtstuhl gesetzt, während die Gemahlin dem Inkognito-Reisenden die Sünden absolviert.

Das Epos gehört den Liebenden

Pasolini, der nicht mit dem großen Neorealisten Paolo Pasolini verwandt ist, stattdessen aber mit einem anderen, nämlich Luchino Visconti (ebenfalls Realist), konzentriert sich lieber auf die leidende Intensität seiner beiden Hauptfiguren. Mit Juliette Binoche als Penelope und Ralph Fiennes als Odysseus hat der Filmemacher zwei Kapazunder am Start, die in ihrer Rollenfindung aufgehen, und wodurch sich Pasolini auch leisten kann, alles in seinem Film komplett auf die beiden auszurichten.

Puristischer On Location-Anspruch

Was braucht es noch, um kostengünstiger und weniger egomanisch, trotz allem aber nicht weniger visionär ein Alternativprogramm zum Sommerblockbuster zu liefern? Vielleicht schmeckt Pasolini der Anspruch, alles on Location drehen zu wollen, genauso.

Bei ihm gibt es noch weniger Studio als bei Nolan. Er ergänzt seine Gemäuer nicht mit gezimmerten Kulissen, sondern lässt sie, wie sie sind – verfallen, verschimmelt, der Verputz blättert ab. Nichts weist darauf hin, dass es sich hierbei um ein Königreich oder gar um einen ehrwürdigen Palast handelt.

Pasolini macht Pasolini

Binoche, meist mit einem schwarzen Schleier verhüllt, der die Trauer und das Warten symbolisiert, wirkt wie aus einem Bibeldrama entnommen. Als die Version einer katholischen Heiligen geistert sie durch spärlich beleuchtete, dunkle Gewölbe. Wenn man da nicht depressiv wird. Pasolini macht es dabei seinem Namensvetter Pasolini gleich. Dieser hatte mit Das 1. Evangelium: Matthäus, einen expressionistischen und auf allen Schnickschnack verzichtenden Bibelfilm geschaffen, in harten Schwarzweißkontrasten und in einen sozialrealistischen Kontext gesetzt, den der andere Pasolini, nämlich Uberto, zwar nicht unbunt, aber ähnlich, zur Wirkung bringt.

Zu alt für diesen Scheiß

Die dramaturgische Wucht, die bisweilen bei Nolan entfesselt wird, hat Rückkehr nach Ithaka nirgendwo. Hier zählt das kontemplative, innere Ankommen und die Akzeptanz jener, die nach langem Warten gar keine Erfüllung mehr darin finden können, wenn der Ersehnte endlich anlandet. In sich gekehrt und mit nacktem Oberkörper, von der Sonne gegerbt, zerschunden und gezeichnet, probt dieser ersehnte Ralph Fiennes hier schon mal für seinen Auftritt als Knochenmann in den letzten beiden 28 Years Later-Episoden.

Von ihm geht nicht weniger Faszination aus als von Matt Damon. Fiennes ist im Gegensatz zu seinem Schauspielkollegen so richtig „zu alt für jeglichen Scheiß“ – desillusioniert und reif für den Ruhestand, ein bisschen wie Hugh Jackman als Robin Hood, gleichsam ernsthaft und grimmig, dafür aber sehnsüchtiger. Juliette Binoches Penelope ist verhärmt, verschlossen, und unterdrückt ihren Seelenschmerz. Beide also Menschen, die sich vieles zu sagen hätten, es aber nicht mehr können.

Gestelzte Theatralik

Da ist Nolans Altkönigspaar deutlich profaner, immer noch resolut und vielleicht auch kämpferisch, für ein letztes Gefecht. Der Vergleich zahlt sich aus, zumindest im Hinblick seiner Figuren. Allerdings bringt Pasolini einen zähen Rhythmus in sein sparsames Szenario – gestelzte Dialoge und unbeholfenes Auftreten erwecken den Spirit einer schulisch einstudierten Passionsgeschichte, fast wie ein kleines Fernsehspiel, das den Neo-Realismus vielleicht nur anwendet, um mangelnden Ressourcen zu kaschieren.

Die Zärtlichkeit, die Nolan nicht hatte

Das aber ist nur eine gewagte These. Die letzte Episode in Homers Epos auf das Wesentliche zu reduzieren, ist dennoch befreiend übersichtlich. Belohnt wird man am Ende mit dem wundersamen Moment einer späten Liebesgeschichte; mit einem Ehedrama, von dem nur Gesichter, Blicke und ein hölzernes Bett erzählen.

Damit schlägt Pasolini sogar die letzten Momente aus Nolans Odyssee – so eine zarte Annäherung, die in seiner Verletzlichkeit an James Ivorys Was vom Tage übrigblieb oder Eastwoods Die Brücken am Fluss erinnert, hätten auch Anne Hathaway und Matt Damon verdient. Nun, das bleibt Binoche und Fiennes vorbehalten, die sich, hoffnungsvoll und wahrhaftig, auf einen gemeinsamen Lebensabend einstellen, ohne dafür gen Westen segeln zu müssen.

Rückkehr nach Ithaka (2024)

Reptile (2023)

DIE DIABOLIK LEERER HÄUSER

6,5/10


REPTILE© 2023 Netflix


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GRANT SINGER

DREHBUCH: GRANT SINGER, BENJAMIN BREWER, BENICIO DEL TORO

CAST: BENICIO DEL TORO, JUSTIN TIMBERLAKE, ALICIA SILVERSTONE, ERIC BOGOSIAN, DOMENICK LOMBARDOZZI, FRANCES FISHER, MICHAEL PITT, ATO ESSANDOH, CATHERINE DYER, MATILDA LUTZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Wenn Benicio del Toro seinen Gedanken nachhängt, und die Kamera filmt ihn dabei, erzeugt das nicht wirklich ein gutes Feeling. Vielleicht, weil bei diesem Kaliber von Schauspieler der Eindruck entsteht, dass irgendetwas im Busch ist. Etwas, dass uns del Toro nicht sagen will. Etwas Abgründiges, vielleicht auch etwas kaum auf Dauer unterdrückbar Aggressives. Del Toros Rollen sind doppelbödig und undurchschaubar. Seine Handlungen unberechenbar, Vertrauen ein Schein, der trügt. Wenn der Mexikaner in Sicario von der völlig durch den Wind befindlichen Emily Blunt die Garantie ihrer Verschwiegenheit einfordert, läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Mit del Toro will sich niemand anlegen. Scheint es nun, dass er auf der Seite des Gesetzes steht oder eben auch nicht. Die Grauzone schwappt auf beiden Seiten ans Ufer, und auch in Reptile, einem akkuraten Kriminalfilm, der ins Detail geht, gilt das Symbol der falschen Schlange, die Adam und Eva hinters Licht führt, nicht umsonst als Motto eines Thrillers, der sich in den Händen des Erzählers windet wie ein Aal und fast weniger wie ein Reptil, denn dieses zieht keine Schleimspur hinter sich her und kann dem festen Griff nicht entkommen, den Grant Singer über weite Strecken seines ersten Spielfilms letztlich ausübt. Singer hält die Zügel straff und konzentriert sich weniger auf Superstar Justin Timberlake, von dem wir wissen, dass er ganz gut schauspielern kann, sondern eben auf diesen maskenhaften unheimlichen Ermittler, den del Toro so scheinbar gelassen darzustellen scheint. Doch es ist eine Ruhe vor einem Sturm, der langsam aufzieht, im Tempo einer Geschichte aus Beobachten und Einschätzen, Vermuten und Bedrohen.

Denn schließlich ist Detektive Nichols, so Del Toros Rolle, verheiratet mit Alicia Silverstone, die lange nach ihrem Clueless-Durchbruch für Geschichten wie diese unerwartet geeignet scheint. Die Drohung, die Nichols als Meister des Understatements eben formuliert, lässt potenzielle Nebenbuhler schwer schlucken. Spätestens da weiß man ganz genau, woran man bei dieser melancholischen Humphrey Bogart-Variation eigentlich ist. Dieser Ermittler, bereits in Verruf geraten durch einen interdisziplinären Fall von Polizeikorruption, schleicht nun unter scharfsinniger Kombinationsgabe in einer zum Verkauf stehenden Immobilie herum, die ein mit mehreren Messerstichen malträtiertes Opfer beherbergt. Der Lebensgefährte, ebenfalls Makler, kann’s nicht gewesen sein, denn der hat ein Alibi. Nachbarn berichten von einem hinkenden Mann mit Hoodie, der sich Zutritt zum Anwesen verschafft haben soll. Ein Rätselraten hebt an, befragt werden alle, die mit Summer Elswick (Matilda Lutz) kurz vor ihrem Ableben noch zu tun hatten. Ausgewertet wird das Mobiltelefon, was Nichols in seinen Ermittlungen tatsächlich weiterbringt. Und da ist noch dieser schräge Typ mit den fettigen Haaren, der unserem Hardboiled-Detective immer wieder in die Quere kommt. Was er zu erzählen hat, kann man glauben oder auch nicht, sehr vertrauenswürdig wirkt Michael Pitt ganz bewusst nicht – so wie alle in diesem Film, der verstohlene Freude daran hat, die vermeintlich Guten oder zumindest die, die sich darum bemühen, Licht in stromlose, leerstehende Immobilien zu bringen, in denen es spuken könnte, straucheln zu lassen.

Da bleibt nur das grübelnde Antlitz Benicio del Toros, hinter Windschutzscheiben, Sonnenbrillen oder in leeren Räumen. Der Teufel steckt dann meist in den Zwischenräumen einer verschachtelten und komplexen Detektivgeschichte, die von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett hätte kommen können. Immer dann, wenn Nichols gerne vernachlässigbare Korrelationen ins Bewusstsein dröhnen, und diese ihn an obskure Orte führen, könnte man Jack Nicholsons Figur des Jack Gittes aus Chinatown an del Toros Stelle sehen, nur ohne aufgeschlitzten Nasenflügel, denn den würde Nichols wohl selbst verursachen.

Reptile wäre bis zum Ende ein piekfeines Krimipuzzle geworden, wäre das Ende vielleicht ein solches, aus dem man selbst seine Schlüsse ziehen könnte. Dass Plots wie diese auserzählt werden müssen, ist längst kein geschriebenes Gesetz und auch kein guter Ton, denn gerade das Mysteriöse in Singers Misstrauensreigen hält so lange stand, bis sich die Katze aus dem verschnürten Sack kratzt und die feine Klinge einem profanen Showdown weicht.

Reptile (2023)

Kodachrome

EIN ANALOGES LEBEN

7,5/10


kodachrome© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: MARK RASO

CAST: ED HARRIS, JASON SUDEIKIS, ELIZABETH OLSEN, DENNIS HAYSBERT, BRUCE GREENWOOD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Den Ploppverschluss öffnen, den Film aus dem kleinen schwarzen Plastikzylinder holen, in die Kamera rückseitig einlegen, mit der Spule verzahnen, die Kamera schließen, dann zweimal aufziehen – schon lassen sich wieder rund 36 Fotos schießen. Zu sehen waren diese natürlich noch nicht – dazu musste das ganze ins Labor. Aber wem erzähl ich das. Die meisten meiner Leser werden noch wissen, wie das funktioniert hat. Doch diese Zeiten sind so gut wie vorbei – bis auf einige wenige Enklaven der analogen Fotografie werden Bilder nur noch digital gebannt. Und da lässt sich knipsen was geht, und was die Speicherkarte von mehr als einem Dutzend Gigabyte hergibt. Das Ende einer Ära? Das Ende der liebevoll gerahmten Dias? Allerdings. Das Ende für manche Fotografen? Womöglich auch. In diesem Fall ist es das bevorstehende Ableben des berühmten, allerdings fiktiven Bildermachers Ben Ryder, der Zeit seines Lebens in der Weltgeschichte unterwegs gewesen war, mit Unmengen an Filmen in der Tasche.

Der alte Mann leidet an Krebs im Endstadium, hat aber noch vier unentwickelte Filme zu Hause, Kodachrome wohlgemerkt, die noch rechtzeitig ins letzte noch offene Fotolabor nach Kansas müssen, genauer gesagt in Dwayne’s Photoladen (den es tatsächlich gab und der auch die Grundlage war für den New York Times-Artikel For Kodachrome Fans, Road Ends at Photo Lab in Kansas aus dem Jahr 2010). Sein Sohn soll ihn dort hinfahren. Das Problem: der Sohn kann den Vater nicht riechen. Warum sollte er auch: letzterer war ein Draufgänger, wie er im Buche steht. Erziehungsauftrag? Was für ein Erziehungsauftrag? Aber sei’s drum – Sohn Matt willigt dann doch ein. Und zu dritt – inklusive Bens persönlicher Pflegerin – sind sie im Cabrio unterwegs durch die Provinz.

Netflix hat hier eine ganz spezielle und wirklich erfahrenswerte kleine Filmperle versteckt gehalten. Und die ist nicht nur für Foto-Nostalgiker sehenswert, die spätestens gegen Ende dann einen Kloß im Hals spüren. Danach werden sie vermutlich nach verbliebenen Filmspulen suchen, die noch zu entwickeln wären. Kodachrome ist ein Vater-Sohn-Melodram der alten Schule, was ja auch passend scheint – überdies zelebriert Ed Harris als knorriger, verlebter und von Krankheit gezeichneter Ex-Abenteurer ein versöhnliches Psychogramm des Endes einer ganzen Ära, eines gelebten Ideals und eines ganz anderen Handwerks. Das Gestern gebärdet sich hier in einer überraschend friedfertigen Agonie, will nur aufräumen und in guter Erinnerung bleiben. Wehmut macht sich breit, später auch bei Jason Sudeikis als Sohn mit Ehrgeiz und Prinzipien, der das bisschen Kindheit wiederfindet, das ihn mit der nur in assoziativen Resten übriggebliebenen Vaterfigur verbindet. Sonst vorwiegend in Komödien zu sehen, gibt der Kill the Boss-Spezi eine durchaus achtbare Performance ab, auch Elizabeth Olsen agiert fernab ihres exaltierten Wanda-Franchise angenehm ungekünstelt. Und Harris? Der ist nicht umsonst einer jener charismatischen Schauspieler, bei denen man, findet man ihren Namen im Cast, kurz mal freudig jauchzt. Die Rolle des alten Fotografen passt gut zu seinem unrasierten Konterfei, obendrauf ein breitkrempiger Hut und stets die Kamera geschultert. Wenn er dann mit zitternden Fingern seinen letzten Film einlegt, bewegt das nicht nur eingefleischte Fotografen und Nostalgiker, sondern auch jene, die Wert legen auf handwerklich erlesenes, mit feiner Musik unterlegtes Besinnungskino.

Kodachrome

Sound of Metal

WIE ES KLINGT WENN NICHTS MEHR KLINGT

6,5/10


sound-of-metal© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2019

REGIE: DARIUS MARDER

CAST: RIZ AHMED, OLIVIA COOKE, PAUL RACI, MATHIEU AMALRIC, LAUREN RIDLOFF U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Eben noch voll ins Schlagzeug gedroschen, dann plötzlich ein Summen, ein Sausen – und dann nichts mehr. Oder fast nichts mehr. Brummelnde Töne, wie die Stereoanlage oder Stimmen aus der Nachbarwohnung, wenn sich die Partei nicht mehr einkriegt. Musiker Riz Ahmed (bekannt aus Four Lions, Star Wars – Rogue One oder Venom) hat als Ex-Junkie Ruben sein Leben in den Griff bekommen, auch dank Musikerin Lou, die mit ihm gemeinsam in einem Wohnmobil durch die Provinz tingelt und als Duo Blackgammon umjubelte Gigs hinlegt. Zugegeben, die Musik ist gewöhnungsbedürftig, aber die Fangemeinde hartnäckig. Das ändert sich eben, als Ruben plötzlich nichts mehr hören kann. Er probiert, den richtigen Einsatz für seine Arbeit durch Vibrationen zu erkennen. Das kann auf die Dauer aber nicht gutgehen, da aus ärztlicher Sicht jeder noch so laute Ton vermieden werden soll. Lou begleitet Ruben in ein Selbsthilfecamp, um mit der neuen Behinderung, die laut Gruppenleiter Joe eben keine Behinderung sein muss, klarzukommen. Da ihm hier, auf dieser Range und in dieser Einschicht, auch der Kontakt zu seiner Geliebten genommen wird, entschließt sich der Künstler, alles aufs Spiel zu setzen und sein Gehör wiederzuerlangen. Koste es was es wolle.

Regisseur und Drehbuchautor Darius Marder (u. a. mitgeschrieben am Skript zu The Place Beyond the Pines) entwirft die sehr persönliche, sehr subjektive Chronik einer irreversiblen Erkrankung, vermengt dies nur peripher mit einer Liebesgeschichte und setzt eigentlich alles auf Hauptdarsteller Riz Ahmed, der für diese Art von Rolle wohl sehr viel Vorbereitungszeit investiert haben muss. Es einfach so draufzuhaben, darzustellen, wie es ist, nichts mehr zu hören, das musste die gehörlose Schauspielerin Marlee Matlin seinerzeit für Gottes vergessene Kinder nicht groß üben. Ahmed hingegen dürfte der Zustand ziemlich erschreckt haben – ähnlich von der Rolle legt er auch seine Figur an, die am Ende eines erst in Ansätzen gelebten Traums steht. Allein mit dem Sound steht und fällt aber dieser Plan. Ich als Grafiker – oder überhaupt als Filmfan – könnte mir zum Beispiel genauso wenig vorstellen, das Augenlicht zu verlieren. Egal also, welcher menschliche Sinn es auch sein mag. Einer davon weniger, und das Weltbild gerät ins Wanken. Ahmed schafft es, diesen chaotischen Zustand des inneren Umbruchs erkennbar werden zu lassen. Olivia Cooke als Sängerin und Geliebte ebenso – ihre Unsicherheit in Bezug auf ihre eigenen Prioritäten im Leben zeigt sie mit unruhigen, mitleidigen Blicken – mitsamt aus der Mimik lesbare Gedanken, die ihre eigene Karriere genauso wichtig nehmen wie das Schicksal des Partners.

Besonders innovativ ist auch die Klangwelt von Sound of Metal, vom dumpfen Dröhnen, von undeutlichem Gemurmel bis zu Krächzen und Scharren bekommt der Zuseher zu hören, was Ruben hört – oder eben nicht hört. Dadurch erhält das Drama auch eine starke, akustische Metaebene der Geschichte. Durchsetzt wird das Ganze von einem ausgewogenen Score und eingängigen Musiknummern. Unterm Strich: ein konventioneller, aber tontechnisch innovativer Streifen, ein sehnsüchtiges Farewell an das Wunder des Hörens und gleichsam auch eine spannende Neuentdeckung der Stille.

Sound of Metal