Just Mercy

GNADE VOR UNRECHT

7/10

 

Just_Mercy_Picture_No_1© 2020 Warner Bros GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

CAST: MICHAEL B. JORDAN, JAMIE FOXX, BRIE LARSON, TIM BLAKE NELSON, O´SHEA JACKSON U. A.

 

Da blieb kein Auge trocken: Als der reuige und zum Glauben gefundene Sean Penn in Dead Man Walking seinen titelgebenden letzten Gang antreten musste, war die Schmerzgrenze des zumutbar Tragischen eigentlich längst erreicht. An seiner Seite: Susan Sarandon, die als Emotional Support des zum Tode Verurteilten ihren Oscar erhielt. Wen allerdings dieser ultimative Film zur Todesstrafe noch immer nicht ganz davon überzeugt hat, dass dieses drakonische Mittel nichts mehr anderes ist als ein so sinnloser wie obsoleter Rest aus dem Mittelalter; wer nach diesem Film immer noch nicht verstanden hat, dass die Dunkelziffer aller Fehlverurteilten erschreckend hoch und Tod durch Tod keine Lösung ist, der könnte sich durch den vor Corona im Kino angelaufenen und nun auf amazon als Streaming-Highlight abrufbaren Justizdrama nun die letzten Prozent seines Zweifels ausräumen lassen. Just Mercy beruht auf den als Buch verfassten Erfahrungen des Bürgeranwalts Bryan Stevenson und präsentiert ein ausgeschlafenes Ensemble, das gegen die Todesstrafe und für eindeutig mehr Gnade wettert.

Gnade vor Unrecht könnte der Slogan sein, der dieser Art von Strafe den Tod bringen kann. In vorliegendem Film wagt der Harvard-Jurist Stevenson, souverän und einnehmend verkörpert von Michael B. Jordan, das Abenteuer Südstaaten – und lässt sich gerade dort nieder, wo die rassistische Kacke Ende der 80er immer noch gehörig am Dampfen ist. Mutter sieht das kritisch, ungefährlich ist dieses Unterfangen nicht. Doch Stevenson will helfen, ist durch und durch Humanist und steht für eine Gerechtigkeit, die verhindern soll, das „Herrenmenschen“ Menschenrecht mit Füßen treten. Getreten werden die Schwarzen dort tagaus tagein. Leicht ließe sich die Darstellung weißer Rednecks in Uniform als gängiges Klischee interpretieren. Die erschreckende Erkenntnis wird aber sein: diese Darstellung ist womöglich gar noch untertrieben. Ein Schwarzer als Sündenbock ist schnell mal herbei intrigiert und Zeugenaussagen zum Schaden anderer sehr leicht eingeholt. Jamie Foxx, der landet dann in der Todeszelle. Natürlich für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Stevensons CEO-Anwaltskanzlei, speziell auf Todesstrafen und deren Revision fokussiert, will es in diesem Fall wissen – und legt sich mit korrupten, kriminellen Mechanismen auf Seiten des Gesetzes an.

Just Mercy ist ein hemdsärmeliges, gehaltvolles Stück Justizdrama, alles nach Fakten. Jamie Foxx war nach Ray womöglich nie mehr so gut, sein nachvollziehbares Verhalten zwischen gottergebener Resignation vor dem Damoklesschwert der Ungerechtigkeit und dem Fall ins Bodenlose balanciert der Schauspieler in einer intensiven Performance. Die Szenen im Todestrakt erinnern etwas an The Green Mile, und auch der Schrecken selbst – der Tod auf dem elektrischen Stuhl – zeigt sich wiedermal als Barbarei, die sich vom Ketzerverbrennen am Scheiterhaufen nicht viel wegbewegt hat. Ein guter Film, ein durchaus wichtiger Film, und einer, der diesen ewigen Kampf gegen die Windmühlen der US-Strafgesetze wieder in Erinnerung ruft.

Just Mercy

Aus dem Nichts

DER MENSCH ALS DES MENSCHEN WOLF

7/10

 

ausdemnichts© 2017 Warner Bros. GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2017

REGIE: FATIH AKIN

CAST: DIANE KRUGER, NUMAN ACAR, SIIR ELOGLU, JESSICA MCINTYRE, ULRICH TUKUR, JOHANNES KRISCH U. A. 

 

Ich will mir das einfach nicht vorstellen müssen: eines Tages nach Hause zu kommen und die Familie ist nicht mehr da. In Fatih Akins Terrordrama passiert genau das. Erleben muss das Undenkbare Mutter Katja, intensiv dargeboten von Diane Kruger. Als sie nämlich ihren Sohn vom Büro seines Vaters abholen will, ist das Büro auch nicht mehr da. Restlos zerstört durch eine Nagelbombe, die vor dem Laden deponiert war. Keiner hat’s bemerkt, niemand hat so etwas kommen sehen, schon gar nicht in einem Viertel Berlins, in welchem ohnehin nur fast ausschließlich Immigranten wohnen und arbeiten. Oder vielleicht genau deswegen. Katja kann das alles natürlich nicht fassen. Kein Boden mehr unter den Füßen. Eine Katastrophe, in die ich mich als Vater garantiert nicht schrankenlos hineindenken möchte – und auch nicht werde, selbst wenn ich vorhabe, dem Geschehen bis zum Ende zu folgen. Hinwegkommen lässt sich über einen solchen Verlust die Zeit eines ganzen Lebens nicht. Ob es sich überhaupt lohnt, weiterzuleben, ist eine andere Frage, die von vielen anderen Faktoren abhängt. Zum Beispiel davon, ob die Tat, begangen aus dem rechtsextremen Milieu, gesühnt werden kann – und die Schuldigen vor Gericht gestellt werden. Das passiert auch, tatsächlich. Und Diane Kruger alias Katja ist sich sicher, dass das junge Nazi-Paar nicht davonkommen wird. Aber wie sicher kann man sein, bei einem Justizsystem, das auf die Eloquenz und taktische Ausgeschlafenheit der Verteidiger und Ankläger setzt, auch wenn die Sache noch so auf der Hand liegt.

Fatih Akin, selbst Staatsbürger türkischer Herkunft, hat sich anhand des unübersehbar schwelenden Rechtsaktivismus in Deutschland so seine Gedanken gemacht. Allerdings nicht im Sinne eines gesellschaftspolitischen Reports. Viel kraftvoller, intensiver und klarer erkennbar ließe sich anhand eines Einzelschicksals Stellung beziehen. Anhand eines Opfers unter den Lebenden, das das eigene Fleisch und Blut zu Grabe tragen muss. Das ist fürchterlich unbequem, schmerzhaft, und eigentlich nichts, was man sich als Zuseher länger antun will. Warum Aus dem Nichts aber dennoch auszuhalten ist, liegt daran, dass Fatih Akin sich nicht damit begnügt, den enormen Verlust bis zur letzten Filmminute anzuweinen. Irgendwann, und das zur rechten Zeit, ist damit Schluss. Dann geht es nicht mehr nur zwingend um die Toten, dann geht es um die, die zurück bleiben – und dem latenten Hass weiter ausgesetzt sind. Die ihre Genugtuung nicht bekommen, die den Staat in diesem Punkt schwächeln sehen und selbst zu radikalen Mitteln greifen.

So ein Szenario kennen wir aus dem Selbstjustiz-Actionkino zu Genüge. Aber das wäre zu platt für einen Film wie diesen. Aus dem Nichts wechselt keineswegs ins Actionfach. Will auch kein Thriller sein. Fokussiert sich rechtzeitig sehr aufmerksam auf Diane Kruger und ihre Figur, die sich als gebrochenes menschliches Wesen klar werden muss, ob es eine Zukunft geben kann und wenn ja, welche. Akin beobachtet genau, lässt sich Zeit. Tritt in der zweiten Hälfte des Films deutlich vom Gaspedal runter, wird weniger schwermütig, dafür aber realistisch – und sogar etwas zynisch. Vom Trauer-, Justiz- und Bewältigungsdrama wird ein im wahrsten Sinne des Wortes bombenfestes Statement über die Sinnlosigkeit von Terror und den destruktiven Mechanismen, die er auslöst, und das innerhalb des kleinsten sozialen Gefüges. Dabei aber distanziert sich der Film immer weiter von seiner Leidensfigur, verklärt nicht, was sie tun muss und verurteilt auch nicht. Bewahrt eine geradezu objektive, fast schon nüchterne Sicht auf das große Ganze. Täter und Opfer sind bald auf einer Ebene, und wir erleben aus der Distanz, wie das Perpetuum Mobile der wechselseitigen Gewalt beginnt – und nicht mehr aufzuhalten sein wird. Dieses Gleichnis lässt sich auf nationale Größe aufblasen, und es ist immer noch dieselbe Dynamik – ob im Irak, in Israel oder eben in Deutschland, völlig egal, wer hier die Zündschnur entfacht. Somit ist aus dem Nichts kein politisches, sondern viel eher ein analytisches Werk zu einer uralten dunklen Seite des Menschseins geworden.

Aus dem Nichts

Motherless Brooklyn

DIE BALLADE VOM SCHIMPFENDEN SCHNÜFFLER

6,5/10

 

motherlessbrooklyn© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: EDWARD NORTON

CAST: EDWARD NORTON, GUGU MBATA-RAW, BRUCE WILLIS, WILLEM DAFOE, ETHAN SUPLEE, ALEC BALDWIN, LESLIE MANN, BOBBY CANNAVALE U. A. 

 

Kann noch irgendwer die genaue Handlung aus Howard Hawks Klassiker Die Spur des Falken rekapitulieren? Ich habe nur noch diese Vogelskulptur in Erinnerung, und Humphrey Bogarts müden Blick. Sonst aber war mir schon bei direkter Sichtung des Films der Plot einen Tick zu vertrackt. Der amerikanische Film Noir, der war bekannt dafür, einfach ganz viele Namen in ganze vielen Dialogen zu verstecken, die dann plötzlich immens wichtig waren und nach angestrengtem Erinnern vermutet man, diese irgendwann doch schon gehört zu haben. Hat man einmal nicht aufgepasst, hat man in der ganzen Dichte einer Story nicht den geringsten Durchblick mehr – Aufpassen wie ein Haftelmacher also das einzige Mittel dagegen. Edward Norton dürfte diese Art von Filmen der schwarzen Serie geliebt haben. Tote schlafen fest, Die Spur des Fremden oder wie sie alle heißen. Ein späteres Beispiel, das mir so in den Sinn kommt, ist The Two Jakes von Jack Nicholson, gemeint als Fortsetzung von Roman Polanskis Chinatown. Ein ungelöster Kriminalfall, mysteriöse Frauenfiguren und eine politische Verschwörung im Schatten – genau das ist es, was Norton auf die Leinwand bringen wollte, nicht weniger detailverzettelt und mit allerhand Namen. Um das zu gewährleisten, hat er gleich die literarische Vorlage des Schriftstellers Jonathan Lethem adaptiert. Warum gerade dieses Buch? Womöglich, weil Protagonist des ganzen wortgewaltigen Krimis keiner ist, der völlig unbemerkt in der Menge verschwinden kann. Dieser Lionel Essrog, oder auch Motherless Brooklyn, wie er gerne genannt wird, der leidet unter dem Tourette-Syndrom. Nicht leicht zu spielen so was. Entweder man verpeilt sich als Schauspieler in einer lächerlichen Nummer, oder man stellt die Krankheitssymptome, die sich in unkontrolliertem Lauteschmettern und Schimpfen bemerkbar machen, wirklich als ein pathologisches Defizit dar. Norton gelingt letzteres. Die Nervenkrankheit, die er imitiert, ist ein erschwerender Umstand in einem Job, der äußerste Diskretion verlangt. Ob all die Leute, denen er begegnet, mit diesem Erscheinungsbild umgehen können? Der blitzgescheite Lionel Essrog macht diesbezüglich niemanden etwas vor, denn er hat trotz all dieser Schwierigkeiten etwas, was wiederum andere vielleicht lieber hätten: ein eidetisches Gedächtnis. In diesem Zwielicht aus wandelndem Pocketmemo und Freakshow versucht der grundsympathische Sonderling, dem Mord an seinem Freund Frank (ein relativ farbloser Bruce Willis) aufzuklären. Was natürlich ungeahnte Kreise zieht.

Nortons gepflegte Krimikost samt Ich-Erzähler aus dem Off lädt zur mehr als abendfüllenden Postkartenschau aus dem Nachkriegs-New York, entwickelt eine Vorliebe für formschöne Boliden und erzählt aus einer längst vergangenen Zeit, in der noch Stil großgeschrieben wurde, fahrbare Untersätze noch Schmuckstücke waren und der Fedora als gängige Kopfbedeckung des kultivierten Mannes galt. Des Weiteren hat nicht nur Woody Allen eine fieberhafte Vorliebe für Jazzclubs und der dort gespielten Musik – auch in Motherless Brooklyn trötet die Trompete, klimpert das Klavier und federn die Saiten des Basses. Alles mit Stil, alles formschön und formatfüllend in Szene gesetzt – adrett, geschmackvoll und im Grunde fast jede Einstellung eine Verbeugung vor Huston, Hawks und einer ebenso längst vergangenen Film-Ära, die spannendes Bohren nach der Wahrheit mit sozialkritischen Untertönen vereinbaren konnte. So gesehen erfüllt Motherless Brooklyn als Reminiszenz auf das nostalgische Großstadtkino viele Erwartungen und bringt selbst Verweigerern von Hochprozentigem auf den Geschmack rauchiger Whiskeys. So richtig risikofreudig wird Norton bei der Interpretation bewährter Stilelemente allerdings nicht, wenngleich er nihilistische Weltbilder aus seinem Krimi weitestgehend getilgt hat und letztendlich zugunsten romantischer Ambitionen das Schlachtfeld aus langen Schatten von mantel- und huttragenden Daviden gegen krakengleiche Goliathe leerräumt.

Motherless Brooklyn

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

ZOFF AUS VILLA KUNTERBUNT

7/10

 

birdsofprey© 2020 Warner Bros.

 

LAND: USA 2020

REGIE: CATHY YAN

CAST: MARGOT ROBBIE, EWAN MCGREGOR, MARY ELIZABETH WINSTEAD, ROSIE PEREZ, ALI WONG, JURNEE SMOLLETT-BELL, CHRIS MESSINA U. A. 

 

Was wäre eigentlich aus Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf geworden? Wir wüssten es, hätte die schwedische Kinderbuchautorin jemals über die Zukunft ihres Rotschopfs auch schriftlich nachgedacht. Vielleicht hat sie das, ich weiß es nicht. Aber falls nicht, so könnte ich mir vorstellen, dass Pippis Zukunft womöglich durchaus jener von Psychiaterin Harlinn Quinzel geähnelt hätte. Vorausgesetzt natürlich, Pippi wäre mit Mitte Dreißig immer noch so von infantiler Anarchie beseelt gewesen wie sie es zu ihrer Kindheit war, völlig autark in ihrer Villa Kunterbunt residierend, mit Affe und Pferd, während sie die örtliche Exekutive permanent an der Nase herumführt. Harley Quinn allerdings hat zwar kein Pferd, aber immerhin eine Hyäne, die sich durchaus gern an Menschen vergreift. Die Gespielin vom Joker (allerdings des Jokers aus dem Suicide Squad-Universum, nicht aus jenem von Tod Phillips) ist, wenn man so will, eine Art Feedback bei dem Versuch, sich vorzustellen, was Pippi als Erwachsene wohl für einen Radau machen könnte. Der Grund dafür war bei Harley Quinn der Korb vom Joker. Aus ist´s mit der Bonnie & Clyde-Masche, Wahnsinn im Doppelpack. Ohne den Dauergrinser ist Quinn gar nicht mehr so auffallend durchgeknallt. Neben der Spur auf alle Fälle, aber zumindest kommen da viel deutlicher ihre nerdigen Ecken und Kanten zum Vorschein, die irgendwie sympathisch sind. Das findet natürlich „Obi-Wan“ Ewan McGregor gar nicht, der mit garstiger Spielfreude den Antagonisten ekelhaft fies anlegt. Harley Quinn ist ihm, da nun solo, ein Dorn im Auge, Gründe dafür gibts viele. In diesem dampfenden Sündenpfuhl des Bezirkes East-End kommen ihr aber noch ganz andere Beinchensteller in die Quere, die aber alle nicht Quinn, sondern irgend etwas anderes wollen, um am Ende aber festzustellen, dass sie als rach-, glücks- und ehrgeizsüchtige Girlie-Gang eine ganze Menge verbindet.

Ihr Auftritt bitte: Black Canary, Huntress und Cassandra Cain dürften eingefleischten DC-Comiclesern wohl ein Begriff sein. Ich jedenfalls bin noch nicht so tief in den Dschungel Gothams vorgedrungen, umso unvoreingenommener ließ sich für mich auch dieses Stelldichein an trotziger Emanzipation genießen, was sich in seiner Gesamtheit entschlossen hat, tatsächlich einer der sehenswertesten Comicfilme aus dem DC-Universum zu sein. Birds of Prey – The Emancipation of Harley Quinn ist wirklich gelungen. Margot Robbie ist sowieso die Idealbesetzung für diese schräge Figur, die nicht viel weniger grinst als der Joker, Oneliner schiebt und mit gedrechseltem Holz gerne Mannsbilder vermöbelt. Während bei Todd Philipps Joker gar nichts mehr auf die leichte Schulter genommen wird und Zack Snyders heroische Ikonographien nur bemüht selbstironisch sind, verortet man in Cathy Yans Origin-Story serientaugliche Action-Comedy, die zwar keine besonders satirischen Spitzen loslässt wie Taika Waititis Thor, dafür aber den Drive in einem knackigen Script verorten kann. Wie, wo, warum und weshalb hier eine Handvoll Damen zum knochenbrechenden Kränzchen antanzen, ist souverän verknäuelt, setzt die Konsequenzen ihres Handelns völlig richtig und hält sich nicht unnötig mit bemüht komplizierten Wendungen oder nebenher laufenden Storylines auf, die niemanden interessieren. Birds of Prey macht Spaß und hat genau das Quantum an Teamspirit, das sich vorrangig bei Joss Whedon (bestes Beispiel: Buffy) verorten lässt (was bei Justice League aber nicht groß geholfen hat) und genau hier seine richtige Balance findet. Birds of Prey ist ein verkappter, frecher Teeniefilm. Oder das martialische, durchaus dezent-blutige Zerrbild einer High School-Clique, die als einzige den Absprung verpasst hat und sich folgedessen nirgendwo mehr integrieren will. Die mal mehr oder weniger begabten Superheldinnen lassen ihrer Ambivalenz freien Lauf, und erlauben sich im Grunde, was ihnen gerade einfällt. Womit wir wieder bei Pippi wären, die niemals was anderes getan hat, die später auch mal auf die schiefe Bahn geraten hätte können, um sich dann wieder auf ein paar Werte zu besinnen, die unter anderem besagen: die Feindinnen meines Feindes sind meine Freundinnen. Was soviel heisst wie: Lieber gemeinsam als einsam asozial.

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

Sweethearts

GERMANY´S NEXT SCREAM QUEEN

5/10

 

sweethearts© 2019 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: KAROLINE HERFURTH

CAST: KAROLINE HERFURTH, HANNAH HERZSPRUNG, FREDERICK LAU, ANNEKE KIM SARNAU, CORDULA STRATMANN U. A.

 

Sie haben es schon wieder getan – diese Handvoll smarter Filmschaffender, die schon seit geraumer Zeit das deutsche Kino verwöhnen. Begonnen hat das damals alles mit Til Schweiger, dem das Schauspielen nicht mehr genug war – und der jetzt auch schon – allerdings fast vergeblich und zum Leidwesen der Filmpresse – versucht, in Hollywood mit Stars wie Nick Nolte Fuß zu fassen. Nach ihm kamen dann Matthias Schweighöfer, stiltechnisch ganz im Fahrwasser von Vorbild Schweiger. Dann kam Florian David Fitz. Und dann – ja, dann Karoline Herfurth. Weil Schauspielen allein, das reicht nicht – oder doch? Vielleicht ergänzt das die Sicht auf die eigene Profession ja so dermaßen, dass man das einfach einmal gemacht haben muss. Doch was sagte Brad Pitt kürzlich bei einem Interview zu Ad Astra? „Dort draußen gibt es so viele großartige Regisseure, dass ich nicht wüsste, warum es da auch noch mich bräuchte“. Wahre Wörter. Ohnehin hat Pitt genug damit zu tun, seine Produktionsfirma Plan B auch noch zu hosten. Also ein Muss ist der Sprung ins Regiefach nicht wirklich, es sei denn, man will als Schauspieler mal so richtig so sein dürfen, wie man gerne wollen würde. Das heißt: niemand sagt dir, wann du deine Figur, die du dir vielleicht sogar selbst an den Leib geschrieben hast (wie hier der Fall) wie anzulegen hast. Karoline Herfurth kann also herumschreien wie sie will, und auch noch so allerhand schräges Verhalten an den Tag legen. Und sich selbst so richtig in den Mittelpunkt stellen. Das hat seinen Reiz, macht einen zum Wiederholungstäter. Und das Ego dankt.

Wobei das am besten mit Neurotikern funktioniert. Neurotiker und psychisch labile Zeitgenossen sind im deutschen Dramödienfach im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig beliebt. Da lässt sich so herrlich überzeichnen, aber nicht so weit, dass der Eindruck entsteht, sich über soziale Defizite lustig zu machen. Nein, bei Filmen wie Sweethearts ist das Hadern mit der Neurose ein sympathischer Zug, etwas Skurril-Harmloses, vielleicht Nerviges, aber niemals etwas, dem man die Integration verwehrt. Herfurth setzt also in ihrer zweiten Regiearbeit nach SMS für Dich auf das Motto Scream Queen, und sie kreischt nicht nur ihrem Co-Star Hannah Herzsprung die Ohren voll. Sie quietscht und meckert auch so in der Gegend herum, natürlich zu Recht, denn sie wird entführt, muss eine Zeitlang trotz klaustrophobischer Schübe im Kofferraum ausharren und bekommt Knarren vorgehalten. Und das nur, weil sie ganz zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war. Immer wieder lustig, solche Zufallsbekanntschaften, wo sich zwei, die gegensätzlicher nicht sein können, zusammenraufen und letzten Endes füreinander da sind, koste es was es wolle – Lemmon und Matthau lassen grüßen. Das Grundprinzip solcher Buddy-Movies nutzt auch Herfurth nach Strich und Faden, und so wie bei den meisten Filmen von Schweiger, Schweighöfer und Fitz kann sie die konveniente und oft probierte Balance zwischen Situationskomik und Tragik halten, noch dazu in gefälliger, wenn auch routinierter Optik. Weh tut hier gar nichts, und all diese Filme fühlen sich unglaublich gleich an. Die, die als sympathische Identifikationsfiguren herhalten sollen, überraschen mitnichten mit keinerlei konterkarierten Wendungen.

Dennoch oder eben deshalb ist Sweethearts im Einheitsbrei der trendigen Schauspielregisseure relativ austauschbar, auch ziemlich vorhersehbar und eigentlich einzig durch das quirlige Spiel seiner rothaarigen Leading Woman einen Blick wert. Jedenfalls kann ich abschließend feststellen, dass, um es mit den Worten von Brad Bitt zu sagen, da draußen weitaus bessere Regisseure längst darauf warten, coole Stoffe zu verfilmen, die sich nicht zwingend um die eigene Person drehen müssen.

Sweethearts

Der Distelfink

DAS GLÜCK IST EIN VOGERL

5/10

 

distelfink© 2019 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: JOHN CROWLEY

CAST: ANSEL ELGORT, OAKES FEGLEY, NICOLE KIDMAN, JEFFREY WRIGHT, LUKE WILSON, SARAH PAULSON, ASHLEIGH CUMMINGS, FINN WOLFHARDT U. A.

 

Wie lange sitze ich denn jetzt schon hier im Kino? Es fühlt sich an wie ein ganzer Nachmittag, obwohl die Länge des Filmes nur zweieinhalb Stunden beträgt – das bringt eigentlich schon jeder Blockbuster auf die Reihe, doch John Crowleys neuer Film Der Distelfink ist fast schon eine Art Paradoxon: Seine inhaltliche Epik sprengt den zeitlichen Rahmen in einer seltsam anderen Dimension. Was der verfilmte Roman erzählt, geht, so könnte man sagen, auf keine Kuhhaut, oder entzieht sich gerne dem völlig natürlichen Begriff vom Vergehen der Zeit. Nach zweieinhalb Stunden ist das Popcorn schon seit Ewigkeiten aufgegessen, jede Sitzposition eingenommen und die Gedanken vielleicht schon auf dem Heimweg. Eine Auszeichnung für einen gelungen Film ist das allerdings nicht. Gelungen wäre er dann, ließe sich die Dauer dessen nicht so greifbar spüren. Oder wäre die Dauer dessen sind so exorbitant verzerrt.

Andreij Rubljow von Andeij Tarkowski ist auch so ein Epos. Auch nicht deutlich überlang, aber gefühlt ewig. Oder die Verfilmung von Thomas Manns Buddenbrooks mit Armin Müller Stahl. Ein Schmöker fürwahr, filmtechnisch aber auch relativ eingestrichen, um ihn überhaupt schaubar zu machen. Längen von knapp 3 Stunden übersteigen diese Filme alle nicht. Das sollte man doch aushalten können. Ja, man hält es aus. Man hält auch den Distelfink aus. Doch dieses über Jahrzehnte gesponnene, enorm vielschichtige Drama um Trauma, Schmerz und Erinnerung lässt sich nur schwer in ein Spielfilmformat pressen, muss Abstriche machen, genau dort, wo man eigentlich mehr wissen will, und quält sich in spürbarer Überforderung durch ein vakuumverpacktes Drehbuch, das glaubt, all die relevanten Eckpunkte der Geschichte entdeckt und erörtert zu haben. Nun, ich würde meinen: Mitnichten. Der Roman rund um das kleine Vogelbildnis von Carel Fabritius, sage und schreibe über 1000 Seiten lang, hat angesichts des Plots wirklich eine Menge zu erzählen. Und es ist kein stringentes Werk – es wechselt zwischen den Zeiten, ist Coming of Age-Geschichte und Kunstkrimi, Trauerspiel und Bewältugungsdrama. Nichts, was sich über einen einfachen Nenner brechen lässt. Da steckt viel drin, und eine Etappe im Leben von Theodore Dexter ist so relevant wie die andere, sind einfach nicht wegzulassen, um den Erzählfluss zu erhalten.

Es gibt literarische Wälzer, die lassen sich tatsächlich gut kürzen. Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil zu Beispiel. Da kenne ich zwar keinen Film davon, allerdings aber ein Theaterstück, und das war, auf 2 Stunden Spielzeit runtergekürzt, die geschmeidige Essenz von tausenden von Seiten Lesestoff. Die Strudelhofstiege von Heimito von Doderer, aktuell in der Josefstadt in Wien, quält sich wiederum sichtlich durch den Theaterabend, während Die letzten Tage der Menschheit, bis zum Gehtnichtmehr komprimiert auf 5 Stunden interaktives Kulturerlebnis samt Dinner sein will. Der Distelfink hat da auch ganz schön zu tun, nicht aus dem Ruder zu laufen. Dieser Film ist harte Arbeit, weitaus mehr für die Macher als für das Publikum. Immerhin – besetzt ist das ganze Werk meines Erachtens wirklich gut. Ansel Elgort als kunstsinniger Geschäftsmann im Stile von Patricia Highsmiths Mr. Ripley schlägt elegant die Brücke zwischen verlorener Kindheit und der Sehnsucht eines Erwachsenen nach einer alternativen Vergangenheit. Stranger Things-Star Finn Wolfhardt, für mich eine lohnenswerte Neuentdeckung, brilliert als halbwüchsiger Leidensgenosse des jungen Theo und Sarah Paulson als schrille Stiefmutter bleibt ebenfalls in Erinnerung. Was hält all den Cast jetzt zusammen? Ein ordentlich dichter Stoff, der sich nicht ganz aufrollen lässt, der vor allem in der letzten halben Stunde den Drang verspürt, in fahriger Hektik den Brocken Pulitzer-Literatur zu Ende zu bringen. Das Element des Kunstkrimis hinkt dem der tragischen Jugend deutlich hinterher, fühlt sich an wie ein schlecht verklebtes Stückwerk. Aus einem Guss ist Der Distelfink jedenfalls nicht, seine Regie allerdings tüchtig beim Bestreben, der Vorlage gerecht zu werden. Ob die gute Absicht einen Film bereits entsprechend auszeichnet? Das man nicht schlecht von ihm denkt – vielleicht. Mit Brooklyn hatte Crowley einfach mehr Spielraum zwischen den Zeilen, während im Distelfink zwischen den Zeilen nochmals Zeilen sind, die auch noch irgendwie rein müssen. Und wenn sie gestrichen werden, bleiben Lücken. Das ist die Krux, wenn das Kino sich an Literatur, die einfach als Literatur gelesen werden will, zu schaffen macht. Da bleibt am Ende zwar engagierte, aber kurzatmige Liebhaberei, die immer auf der Suche ist nach dem Ende des Buches.

Der Distelfink

Godzilla II: King of the Monsters

KÖNIGRUFEN MIT GEBRÜLL

3,5/10

 

godzilla2© 2019 Warner Bros. Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: MICHAEL DOUGHERTY

CAST: VERA FARMIGA, KYLE CHANDLER, BRADLEY WHITFORD, MILLIE BOBBY BROWN, CHARLES DANCE U. A.

 

Es heißt ja immer: Gottes Wege sind unergründlich. Das gilt für die Spezies Mensch aber auch, und das schon während ihres ganzen Bestehens, und nicht nur einmal waren die fragwürdigen Entscheidungen weniger der Richtwert vieler, die dann zu beängstigenden Prämissen geführt haben. Gott ist dabei anscheinend fein raus, seine Handlungsweisen haben mittlerweile mehr Sinn. Gott ist auch im Sequel zu Gareth Edwards Godzilla-Entwurf von 2014 nur eine artig verhaltene Fußnote, während der Mensch in Sachen kruder Affekthandlung die Welt wieder mal an den Rand des Abgrunds und darüber hinausführt. Was bin ich froh, dass Klimaschutz-Ikone Greta Thunberg an den Verstand und das Gewissen der drahtziehenden Herrenmenschen appelliert, und nicht irgendwelche Titanen aus dem Koma erweckt. Das scheitert schon allein daran, dass es diese Ungeheuer, soweit wir wissen, gar nicht gibt. Gäbe es sie – würde Greta darauf zurückgreifen, um den Planeten zu retten? Fragen wir sie doch. Vielleicht würde sie meinen, mit Arnie an ihrer Seite hätten wir Begleitschutz, aber nach Sichtung von Godzilla II: King of the Monsters wäre das auch schon in die Jahre gekommene As im Ärmel maximal so hilfreich wie ein Zehenspreitzer am Halux-Stampfer unserer Superechse.

Jedenfalls befinden wir uns in Godzilla II in der Jetztzeit – und überall auf dem Planeten wurden nach Abtauchen der Riesenechse mit dem unstillbaren Hunger nach Atomenergie ganz andere Kreaturen entdeckt, die irgendwie vor sich hinschlummern. Lauter gigantische Dornröschens, die da vor sich hinsägen. Und lauter gigantisch dumme Menschen, die in ihrem Öko-Aktivismus den Abfluss-Häcksler aktivieren, um den Unrat der eigenen Spezies zu dezimieren und so das Gleichgewicht meinen wiederherstellen zu können. Das hatten wir schon in Twelve Monkeys, als Brad Pitt den Zootieren freies Geleit gewährte. Und wir wissen, wie es um den schieläugigen Schönling bestellt war. Aktivismus läuft in unserer Dimension eher auf Greenpeace-Manier ab – mit Schlauchbooten gegen Walfänger und dem Anketten an Atommeilern. Günther Nenning hat damals die Donauauen besetzt, ein Aufstand Marke Gandhi. Doch wahllos die ganze Menschheit zum Handkuss kommen zu lassen, hätte auch er nicht mal im Traum ersonnen. Charles Dance, der Ober-Lennister aus Game of Thrones, der will das schon. Nur glaube ich ihm kein Wort. Genauso wenig wie Vera Farmiga oder Kyle Chandler. Was genau diese Charaktere alle im Schilde führen, ist so seltsam versponnen, krude und konfus wie die politische Correctness populistischer Parteien. Diese Figuren sind alle austauschbar, flach und sind nicht mehr als Beiwerk. Besonders tragisch: die großartige Sally Hawkins als Lückenfüller, die womöglich vertraglich dazu verpflichtet war, hier nochmal die Dramatik Personae aufzuputzen.

Gebracht hat es relativ wenig. Michael Doughertys (z.B. Krampus) Sequel hat die künstlerische Taktik seines Vorgängers Gareth Edwards kaum bis gar nicht verstanden. Oder er hat sie verstanden, wollte nur nicht so geheimnisumwittert penibel seine Monster teasern, vielleicht das Ganze auch einfach so machen, wie sein Geschmack es verlangt hat. Und das ist, gleich rund um den Erdball zu klotzen, als gäbe es kein Morgen. Damit ist der Sprung zum Desastergewitter eines Roland Emmerich wirklich nicht mehr weit, einmal umfallen, und schon sind wir dort. Es stimmt schon, manchmal muss weniger nicht immer mehr sein, oder umgekehrt. Manchmal ist mehr wirklich mehr, aber diese Menge an ikonographischem Flügelschwingen und denkmalverwandten Posen diverser mythologischer Riesen gerät zum inflationären Bauchladenverkauf. Ein Hausieren mit puppenhaften Tieren, die zu groß für Terra sind und zwischen seltsam durchleuchteten Wolkenballungen und Gewitterstürmen so viel Energie freisetzen, dass wir über Jahrmillionen hinweg kostenfrei fernsehen könnten. Was ja auch nicht zwingend unbequem wäre, was uns aber noch mehr den Durchblick nehmen würde, um die kausalen Zusammenhänge unserer Welt zu verstehen. In Anbetracht von Godzilla II – King of the Monsters aber könnten wir uns kosten- sowie bierfrei zudröhnen lassen, bis die Riesenechse nochmal kommt. Hopfen und Malz wäre da nämlich schon längst verloren.

Godzilla II: King of the Monsters

100 Dinge

FKK FÜR EGO-MESSIES

4/10

 

100dinge© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: FLORIAN DAVID FITZ

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, FLORIAN DAVID FITZ, MIRIAM STEIN, MARIA FURTWÄNGLER, HANNELORE ELSNER, KATHARINA THALBACH U. A.

 

Die Filme von Matthias Schweighöfer, die kennen wir. Das heißt: kennen wir einen, keinen wir eigentlich alle. Sie sind gefällig, farbentsättigt wie bei Til, den Geist junger Bobo-Erfolgsmänner bis in jede Pore einmassiert. Die Riege talentierter Jungschauspielerinnen umkreisen den Egomanen in teils angestrengt distanziertem, aber stets anhimmelndem Spiel. Denn in Wahrheit ist Schweighöfer ja unwiderstehlich, auch wenn er sich zwischenmenschliche Eskapaden leistet, die mit einer konventionell schrägen Entschuldigung wieder sofort vergessen sind. Denn ja, Frau liebt ihn. Florian David Fitz, der Vincent, der Meer wollte und als Kehlmann´scher Gauß in der Verfilmung Die Vermessung der Welt beeindruckend spröde großes Schauspieltalent bewies, will diesmal aber auch so sein wie der blonde, sommersprossige Athlet, der stets sich selbst spielt und selbst in der als Thriller angedachten Amazon-Serie You Are Wanted einfach nicht aus seinem Yuppie-Hedonismus hinauskann. Fitz wiederum will da hinein, also einfach mal selbst so einen Film inszenieren, genauso wie sein Buddy. In welchem die beiden Männer ihren nackten Po in die Kamera halten dürfen und eigentlich von allen, vor allem vom weiblichen Geschlecht, geliebt werden dürfen. Ob das in deren echten Leben auch so ist? Keine Ahnung, deutsche Schauspieler halten ihr Privatleben natürlich auch zurecht bedeckt. Nicht bedeckt bleiben wie gesagt die ansehnlichen Körper der beiden. Warum? Weil sie dem Konsumzwang eins auswischen wollen.

Kurz gesagt: es geht um eine Wette. Beide Freunde müssen ihren ganzen Besitz in einen Lagerraum sperren, und für hundert Tage dürfen sie sich täglich ein Ding aus dem ganzen Fundus wieder herausnehmen. Das gilt selbst fürs Untergewand. Im Adamskostüm beginnt also die Challenge für die konsumgeilen Schnösel, die sich dadurch eigentlich auf griffigere Werte besinnen sollen, was aber nicht vorrangig der Fall ist, denn Grund der Wette ist der Aus- und Verkauf ihrer Softwarefirma, die eine App entwickelt hat, die alle haben wollen. Vor allem einer, der so aussieht wie Mark Zuckerberg. Bei diesem Vorhaben der beiden Erfolgsmänner, die gefühlt sowieso immer das Glück auf ihrer Seite haben, kann einer wie Mel Brooks nur lachen. Wieso Mel Brooks? Weil der Ähnliches erlebt hat. Zum Beispiel als reicher, asozialer Millionär, der den Altruismus mit Füßen tritt, in einer Satire, die Das Leben stinkt heißt. Ebenfalls ist eine Wette der Kern des Plots, nur dass Geizkragen Brooks für rund einen Monat auf der Straße leben muss. Der Reiz dieser Satire liegt darin, dass der alte Industrielle tatsächlich auf sich alleine gestellt ist, dass letzten Endes der Verrat der anderen zu einer gewissen Erkenntnis führt, und er sich eigenhändig aus dem Schlamassel ziehen muss. Ein bisschen wie bei Scrooge, ein bisschen wie beim Fischer und seiner Frau, die letztendlich Papst sein wollte. Fitz und Schweighöfer, die sind sowohl vor als auch hinter der Kamera einfach immer Stars und haben auf dem Weg zu ihrer kolportierten Selbsterkenntnis kaum Berührungspunkte mit anderen sozialen Schichten. Eloquente, toughe, charmante Frauenversteher, auf die keiner böse sein kann, die einfach zu gelackt sind, um sich selbst wirklich zu hinterfragen. In 100 Dinge stehen sie zwar kurze Zeit vor dem Nichts, doch in Wahrheit haben sie alles, und zwar zu jederzeit. Die Frage nach der Kunst des Weglassens, des Verzichts und dem „Weniger ist Mehr“-Prinzip ist gar nicht richtig gestellt, das wollen die Firmenchefs längst nicht so genau wissen. So, wie sich die beiden darauf besinnen und die eigenen Schattenseiten des Kapitalismus aufdröseln, bleibt das Ganze ein Lippenbekenntnis ohne tieferen Sinn.

100 Dinge handelt von einer Freundschaft, von beruflicher Partnerschaft und Beziehungen. Wie so viele Filme Schweigers und Schweighöfers. Und jetzt auch von Fitz. Es ist eine gehetzte, viel zu schnelle Komödie zweier elitärer Helden um die Vierzig, die alles können, aber nicht alles können müssen. Die alles haben, aber nicht alles haben müssen. Das macht den Film so schlaksig, als würde man beim Fangenspielen mit einem Bein andauernd im Leo stehen. Das geht so nicht, nicht wirklich. Das kaufe ich den beiden nicht ab. Und wenn doch, dann will ich es geschenkt. Blöd nur, dass sie nichts davon hergeben werden.

100 Dinge

Shazam!

SYMPATHIE FÜR DEN BLITZGNEISSER

7/10

 

shazam© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: DAVID F. SANDBERG

CAST: ZACHARY LEVI, ASHER ANGEL, MARK STRONG, JACK DYLAN GRAZER, DJIMON HOUNSOU, JOHN CLOVER U. A.

 

„Weißt du schon, was du mal werden willst?“ Mit 14 Lenzen könnten Teenies schon eine konkretere Vorstellung davon haben, wie die berufliche Zukunft aussehen soll. Der junge Billy Batson weiß das noch nicht, oder wir wissen es zumindest nicht, weil er während des Films niemals danach gefragt wird. Und wenn doch, dann wäre es im Moment gar nicht mal so wichtig, denn erst mal muss eine Familie her. Am besten die eigene. Doch wie soll der Junge sie finden? 11 Jahre ist es her, da ging Billy im Trubel eines Rummelplatzes verloren. In seiner Hand: ein Kompass. Der ihm aber auch nicht viel genützt hat. Weil Billy auch noch nicht wusste, wie ein Kompass funktioniert. Was aber an seiner misslichen Lage auch nichts geändert hätte. Dennoch – so ein Kompass, das ist schon ein erstaunliches Ding. Das kann man herzeigen, damit kann man angeben, doch wenn man nicht weiß wie´s geht, nützt das Teil selbst im Dschungel nichts. Also – wie lässt es sich verwenden, ohne Know-How? Ist die Zeit dafür knapp, bleibt es bei Learning by Doing. So wie bei Billy. Der erstmal nur Shazam! sagen muss, um über sich selbst hinauszuwachsen. Äußerlich, zumindest. Gekleidet in ein rotes Trikot mit leuchtendem Blitz an der Brust, einem römisch anmutenden Cape und goldenen Stiefeln. Sieht zwar etwas lächerlich aus – ist es aber nicht. Denn Billy hat in seinem neuen Job abseits von Schulklasse und Unterricht, abseits vom Getrieze lästiger Mitschüler und der besessenen Suche nach seiner Mutter, jede Menge Superkräfte. Welche genau, das hat ihm keiner gesagt. Ziehbruder Freddy, einer von 5 Geschwistern von Billys neuer Familienkommune, hilft dem halbwüchsigen Autodidakten dabei, das alles herauszufinden. Und wie das bei Jungs mal so ist, reicht das Blitzewerfen, die Unverwundbarkeit und die Kraft eines Herkules gerade mal, um Spaß zu haben. Dass dabei alles noch gefilmt wird und online abrufbar ist, macht das Verständnis für den schicksalhaften Wink von irgendwo auch nicht besser. Und – Superheldenkräfte zu haben heißt noch lange nicht ein Superheld zu sein. Das muss Billy erst begreifen lernen. Ich sage nur: Kompass, ganz ohne Tutor.

Dieses Wühlen im Equipment, die Inventur der eigenen Fähigkeiten, das findet sich bereits in vielen Heldengenesen, war aber selten so verspielt und begeisterungsfähig wie hier. Wer sich noch an die Serie Heroes mit Zachary Quinto und Hayden Panettiere erinnern kann, oder an Josh Tranks Chronicle, wird ungefähr ahnen können, wie pubertäre Testläufe zu metaphysischen Selbsterfahrungen aussehen können. Meist landet da dokumentiertes Material auf Social-Media-Kanälen, zur Freude heiß glühender Like-Buttons. Ähnlich mit dem Zeitgeist spielt sich Shazam! und landet dabei eine schmeichelnde Kritik an der Sucht nach Selbstdarstellung und am Mega-Ego von Influencern. Später dann kommt, wie es kommen muss – die als Prolog gesetzte Einführung des Antagonisten findet ihren Status Quo, und ein klassischer Kampf Gut gegen Böse entbrennt, wobei die eigentlich recht tragische Geschichte des verlorenen Sohnes trotz anfangs aufrichtiger Anteilnahme allzu abrupt zufriedengestellt wird. Den Wert der Familie allerdings weiß Hollywood nicht oft genug zu betonen, ein Loblied darauf kommt auch hier nicht zu kurz, wobei manch rationale Akzeptanz gegebener Umstände unter einem unnötig in die Länge gezogenen Showdown zum Liegen kommen. Natürlich, Shazam! hat seine Makel, das stört aber meinen Gesamteindruck nicht. Zu augenzwinkernd sind die zahlreichen Bonmots und Easter Eggs auf Batman, Superman und natürlich Big mit Tom Hanks, der die phantastische Mär des Kindes im Manne ohne Heldenapotheose in den 80ern in ähnlicher Laune auf die Leinwand brachte. Was sich noch darunter mischt? Ein bisschen was von R. L. Stines Gänsehaut-Geschichten, wenn man die an Ray Harryhausens Monstermodelle erinnernden dämonischen Kreaturen betrachtet, die Bösewicht Mark Strong flankieren.

Was der Horrorfilmer James Wan (Saw) mit Aquaman nicht wirklich auf die Reihe bekommen hat, ist Annabelle 2-Regisseur David S. Sandberg dafür umso mehr gelungen. Shazam! ist gegen aller Befürchtungen, einen infantilen Schmarren vorgesetzt zu bekommen, der zum Fremdschämen einlädt, der bislang vergnüglichste und luftigste Film aus dem DCUniversum. Manche Kritikerstimmen meinen, die Bat/Superman-Schmiede falle von einem Extrem ins andere. Extrem ist Shazam! wirklich nicht. Weder zu jedem Preis lustig, noch ein tosender Overkill, der auf Durchzug schalten lässt. Das urbane Märchen rund um ein Kind als Super-Erwachsener, das zum Wächter über die sieben Todsünden wird, erlaubt sich dort Schabernack, wo es aufgelegt ist, und setzt dort auf Gefühl, wo Gefühle nun mal hingehören. Die Komik, die verdankt ihre reizende Qualität den zwangsläufigen Kollateralschäden durch das orientierungslose Durchstarten eines Teenagers in einem muskelbepackten Halbgott und ist niemals nur der Plakativität einer oberflächlichen Blödelei geschuldet. Die kindlichen Kalauer, die können aus der Situation heraus gar nicht anders sein als der Sinn für frechen Humor, den Halbwüchsige gerne an den Tag legen. Sandberg vermeidet Zoten unter der Gürtellinie und erspart uns infantilen Fäkal- und Ekelhumor. Shazam! bleibt charmant, redet Tacheles und funktioniert wieder mal deshalb so gut, weil erstens Zachary Levi scheinbar Zeit seines Lebens nur darauf gewartet hat, Shazam! zu spielen. Und dieser zweitens ein Sidekick-Ensemble um sich schart, welchem man gerne durch das nächtliche Philadelphia folgt. Allen voran Jack Dylan Grazer als hinkender Best Friend von Billy zeigt enormes komödiantische Talent und könnte einem Peanuts-Cartoon entsprungen sein.

Shazam! ist kein fehlerfreier, aber sympathisch entspannter Lichtblick im DC-Universum, weil er sich über sein eigenes Ensemble an Kultfiguren lustig macht und endlich über seinen verkniffenen Anspruch, so getragen wie möglich zu erscheinen, hinauswächst. So wie Billy, der womöglich bald weiß, was er werden will.

Shazam!

Game Night

DIE WOLLEN NUR SPIELEN

5/10

 

GAME NIGHT© 2017 Warner Bros. Ent. Inc.

 

LAND: USA 2018

REGIE: JOHN FRANCIS DALEY, JONATHAN GOLDSTEIN

MIT JASON BATEMAN, RACHEL MCADAMS, JESSE PLEMONS, KYLE CHANDLER U. A.

 

Spieleabende – ja, die kenn ich. Eine erlesene Auswahl an sozial kompetenten Freunden, jeder bringt etwas mit, ob Bier oder Naschkram, und dann dauert das Ganze bis spät in die Nacht. Wie die Wohnung hinterher aussieht, das wage ich nicht zu beschreiben. Jedenfalls ist das Chaos danach meist nicht ganz so nachhaltig wie bei diesem Live-Act-Agentenspiel von Schnöselbruder Brooks aka Kyle Chandler, der die Spieleabende von „Max“ Jason Bateman nur zu gut kennt und unbedingt noch eins draufsetzen will, was Exklusivität betrifft. Blöd nur, dass genau zur selben Zeit nicht nur Fake-Kriminelle, sondern auch tatsächliche böse Buben unterwegs sind, und die alle gemeinsam das selbe Ziel haben – den Spieleabend zu crashen. Das Verwirrspiel ist alsbald perfekt, die Regeln des Spiels kennt sowieso niemand mehr und so gut wie alle, die man nicht beim Namen kennt, sind Teil der Spielidee.

Regie-Jungspund John Francis Daley, der den unsäglichen Neuaufguss des Griswolds-Klamauk zu verantworten hat, gibt sich in Game Night zum Glück etwas weniger derb, obwohl auch hier vulgäre Kalauer ihre Sendezeit bekommen. Die Idee, ein Detektivspiel aus dem Ruder laufen zu lassen, gabs schon in Robert Moore´s Eine Leiche zum Dessert. Die Gäste waren damals allesamt ikonische Schnüfflerpromis, die tatsächlich einen Mord aufzuklären hatten. In Game Night wird der Gastgeber entführt – und keiner der Anwesenden hat das Zeug zum Hobby-Sherlock Holmes. Dabei ahnt noch keiner, dass die Hopsnahme des überheblichen Bruders längst nicht mehr Teil der gebuchten Show ist. Entsprechend gelangweilt kommen die Freunde in die Gänge, entsprechend konfus gestaltet sich die Lösung des Falls. Und entsprechend den Erwartungen passieren Dinge, die einfach passieren müssen, ohne zu überraschen. Die Krimikomödie verschenkt ihr Mehr-Schein-als-Sein-Potenzial, hält den hakenschlagenden Hasen an den Hinterläufen und bemüht sich nicht mal, die Vorhersehbarkeit des scheinbar Unvorhersehbaren zu unterlaufen.

Viel mehr lässt sich über Game Night nicht berichten. Boulevardkomödien im Kellertheater sind kurioser, lassen den Spaß an der Verwechslung auch so richtig von der Leine. Das kann die nächtliche Eskapade mit Schauspielern in gewohnt routinierter Panik nur ansatzweise für sich nutzen. Dass da mehr drin gewesen wäre, liegt vielleicht wirklich am Ensemble, oder an der Selbstzufriedenheit des Regisseurs – oder überhaupt in der Wahl des Spiels. Aber so sind die Regeln. Und man geht nicht zu einem Spieleabend, um sie zu brechen. Man inszeniert auch keine Komödie, um neue Regeln aufzustellen. Da haben die Filmemacher wohl etwas verwechselt – oder nicht? Wie auch immer – ist mal ein Film vonnöten, der angenehm unterfordert und nicht so perfide hinters Licht führt wie David Fincher´s The Game, dann ist Game Night genau die richtige Wahl. Zündende Ideen für das eigene spielerische Freundeskreis-Revival sucht man allerdings vergebens.

Game Night