Whalefall (2026)

VON WALEN UND VERWANDTSCHAFTEN

5,5/10


Austin Abrams als Jay im Survivalthriller Whalefall
© 2026 Disney / 20th Century Fox


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: BRIAN DUFFIELD

DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD, DANIEL KRAUS, NACH SEINEM ROMAN

KAMERA: AARON MORTON

CAST: AUSTIN ABRAMS, JOSH BROLIN, ELISABETH SHUE, JOHN ORTIZ, JANE LEVY, EMILY RUDD U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Keine Hand mehr frei

Austin Abrams hat im Kino derzeit zwei Probleme zu bewältigen – oder genauer gesagt drei, denn zwei davon sind in einem Film vereint. Dass er nebenher noch in Resident Evil vor den Untoten Haken schlägt, mag man kaum glauben, wenn man gesehen hat, wie dieser zur selben Zeit von einem Pottwal verschluckt wird, während eigentlich ein wuchtiges Vater-Sohn-Drama die Bühne entern und von Meeressäugern, die mehr frühstücken, als ihnen lieb ist, keinen Meter verdrängt werden will.

Ein Vater, so einschüchternd wie das Meer

Schließlich hat sich Josh Brolin als verwegener Seebär mit Muckis und Tattoos dazu bereit erklärt, seinem eingeschüchterten Filius die Welt und noch mehr zu erklären, und zwar auf eine Weise, die einen zum Duckmäuser werden lässt, es sei denn, man plant die innerfamiliäre Revolution.

Austin Abrams tut das aber nicht. Er hält sich zurück, gibt klein bei, kann auch später nichts mit diesem Unangepassten von Vater anfangen. Letztendlich aber lernt man immer irgendetwas von denen, die einen aufziehen – ungeachtet der Tatsache, ob man sie schätzt oder nicht. Und so hat Jay, wie sich Abrams im Film nennt, zumindest perfekt tauchen gelernt, sodass er selbst ohne Buddy an einem wenig einladenden Tag ins Meer steigt, um die Überreste jenes Papas zu finden, der, schwer erkrankt, an seinem Lieblingstauchspot den Freitod gewählt hat.

Muss man alles einfach runterschlucken?

Und so finden wir uns nach der obligaten Episode des Kennenlernens, um mal ein Gefühl für die Figur und ihr Umfeld zu schaffen, bald schon an einer Abbruchkante im tosenden Pazifik wieder. Abrams blickt über den Rand in die Tiefe, man könnte Nietzsche wieder mal zitieren, aber ich lasse es. Zwischen Kelp, bunten Fischen und reichlich Plankton, das die Sichtweite einschränkt, macht Jay ganz plötzlich die Tierbeobachtung seines Lebens: Ein Architeuthis oder Riesenkalmar! Eines jener Exemplare, die man als Lebendtier lange nicht vor die Linse bekam. Neidisch wird man angesichts dieses einzigartigen Moments in der maritimen Natur. Ach, hätte Jay doch eine Kamera dabei – was für eine verpasste Chance.

Dieser Kalmar ist aber nicht alles. Was dem Kopffüßer hinterherjagt, ist ein Pottwal, ein stattliches Tierchen, das den vielarmigen Pechvogel (einen Schnabel hat er immerhin) verschlingt, und mit ihm rutscht, weil Beilagenesser, auch noch der strampelnde und sich windende Jay mit hinein, will doch der Kalmar anscheinend nicht alleine sterben.

Gastroskopie mal anders

Diese Szene ist wahrlich spektakulär, und man kann schon einen guten Teil dieses anatomischen Bio-Action-Kunststücks während des Trailers miterleben. Im Film ist das Ganze natürlich extended, und wie Austin Abrams ins Innere des Tieres gelangt, ist so atemlos wie komplex und dennoch nicht völlig chaotisch gefilmt.

Es stellt sich die Frage: Wie lässt sich in der Finsternis eines Leibes denn überhaupt die ganze Geschichte darstellen? Mangels einer Taschenlampe dient die Biolumineszenz sämtlicher Mikroorganismen, die für lauschige Lichtstimmungen sorgen – inmitten höhlenwandgleicher, gigantischer Muskeln. Die Panik, die Abrams dabei durchlebt, macht er jede Sekunde glaubhaft, Nichts davon scheint nur so getan, als ob. Alles ist hier auf Flucht ausgerichtet – man fühlt, man bangt, man kämpft hier lange Zeit mit, und vergisst dabei fast, sich zu fragen: Ist so etwas überhaupt möglich?

Wie realistisch ist das Ganze?

Die sensationellen Aufnahmen eines Surfers, der versehentlich von einem Buckelwal geschnappt, aber dann gleich wieder ausgespuckt wird, sind das Höchste der Gefühle tatsächlicher Ereignisse. Unser Held hier erlebt womöglich dann doch höchst unwahrscheinliche Momente, die zwar nicht ganz auszuschließen sind, bei denen aber der Zufall sämtliche absonderlichen Faktoren zusammenbringen muss, um die Geschichte von Jonas und dem Wal nacherzählen zu können. Auch Pinocchio gelangte doch damals in so eine Situation, oder? Da ist Whalefall dann doch noch eine Spur realistischer, denn möbliert ist das Innenleben des Säugers schließlich nicht.

Regisseur Brian Duffield bemüht sich, dem Roman von Daniel Kraus ein reales Setting zu bescheren und Brehms Tierleben nicht gleich ganz zu verbrennen. Weniger beim Verhalten der Tiere wurde die Glaubwürdigkeit strapaziert, sondern mehr bei Abrams Fluchtversuchen. Wenn man will, kann man schon ein, zwei Augen zudrücken, um etwas zu sehen zu bekommen, was man so wohl noch nicht kennt.

Der Wal als Vatersymbol – Echt jetzt?

Whalefall, was eigentlich den in die Tiefe gesunkenen Kadaver eines Wales beschreibt, mag sich zwar wie Trash anhören, will aber mithilfe des Vater-Sohn-Dramas glaubwürdig bleiben. Genau da liegt aber das Problem des Films: Die Familienangelegenheiten lassen sich nur schwer mit dem existenziellen Überlebenskampf vereinen, das Loblied auf die Naturgewalt ringt mit der Atemluft. Es drängt sich sogar auf, den Walhorror metaphorisch zu verstehen, was aber richtig creepy wird, wenn man da weiterspinnt.

Doch irgendwie muss Duffield die Story ja auch genug strecken, um den Abend zu füllen. So kann man Brolin und Abrams zwar zusehen, wie sie sich streiten, vertragen und zwischen den Dimensionen des Tiefenrauschs miteinander reden, während der Wal als Sprachrohr dient – mehr Aufmerksamkeit bekommt das Drama trotzdem nicht, während der Fall mit dem Wal im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefe geht. Dorthin, wo man ohnehin nicht mehr zwischen Realität und Fabulierlust unterscheiden kann.

Whalefall (2026)

Das Ende der Sterne (2026)

STEREOTYPEN DES NEUEN WILDEN WESTENS

4,5/10


Jacob Elordi als Hig in Ridley Scotts Das Ende der Sterne
© 2026 20th Century Fox


ORIGINALTITEL: THE DOG STARS

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: MARK L. SMITH, CHRISTOPHER WILKINSON, NACH DEM ROMAN VON PETER HELLER

KAMERA: ERIK MESSERSCHMIDT

CAST: JACOB ELORDI, JOSH BROLIN, MARGARET QUALLEY, GUY PEARCE, BENEDICT WONG, ALLISON JANNEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Erst kürzlich ging am Wiener Kunstmuseum Albertina eine Ausstellung über den Konzeptkünstler Richard Prince zu Ende. Der Amerikaner ist Vertreter der sogenannten Appropriation Art, was so viel bedeutet wie: Bereits vorhandene Werke, zu welchem Zweck auch immer, neu zu zitieren und damit umzuinterpretieren. Er refotografierte also in seinem Western-Zyklus klassische Marlboro-Werbungen und hinterfragte damit das stereotype, klischeebeladene Lebensgefühl, das Zigarettenkonsum so salonfähig machte. Starke, konservative Männer in rauer Wildnis, Pferde reitend oder bändigend, nach harter Arbeit in den Sonnenuntergang blickend, fast schon wie ein Lucky Luke des echten Lebens, das Lasso lässig an der Seite. Und das Päckchen Tschick irgendwo.

Eine Kehrtwende hin zu traditionellen Versatzstücken

Diese Kunst muss man wirklich nicht mögen, doch verständlich ist die Aussage dennoch. Mag sein, dass Ridley Scott Ähnliches im Sinn hatte. Mag sein, dass er bereits etablierte Versatzstücke aus längst vergangenen Genre-Stilen des Films wieder aufleben lassen und neu anordnen wollte – längst zur Genüge bediente stereotype Rollenmuster und ein Wertebewusstsein aus noch vor dem Kalten Krieg bis in die Reagan-Ära hinein – das könnte für die Verfilmung eines Bestsellers reichen, den Peter Heller verfasst hat und den Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte trägt, assoziationsauslösend mit John Irvings Garp und wie er die Welt sah.

Diesmal aber ist es nicht Garp, sondern der momentan gut im Geschäft stehende Jacob Elordi, der als Elvis oder Frankensteins Monster gute Figur gemacht hat und der auch hier, im Gras liegend und in den Nachthimmel blickend, sich selbst erkennt, wie er in Sofia Coppolas Priscilla Cailee Spaeny auf die starallürenhaften Laken zitiert. Das Sternbild des King of Rock hängt dort, und das seines Hundes Jasper.

Auf den Hund gekommen

Mit Hunden kennt sich die Postapokalypse schließlich sehr gut aus – sowohl Don Johnson in Der Junge und sein Hund oder Will Smith in I Am Legend: Sie alle hatten ihren Vierbeiner an der Seite, denn welche Freundschaften bleiben einem noch, auf die man setzen kann, in anarchischen Zeiten wie diesen, in denen die Weltbevölkerung in Clans zerbricht und verwilderte, marodierende Banden durchs Unterholz treiben. Ein bisschen erinnert mich dieses Konzept an die von Netflix bedauerlicherweise abgesetzte deutsche Serie Tribes of Europa. Da hätte man etwas draus machen können. Daran hätte sich auch Ridley Scott orientieren können, doch das hat er nicht.

Grenzschutz in der Postapokalypse

Dieser Hig hat nicht nur einen Hund, sondern auch den Ex-Marine Bangley an seiner Seite – ein harter Knochen, der im Laufe der Gespräche in diesem Film unter anderem seine Brille von Anfang an bei Fielmann kaufen hätte sollen. Was die von Josh Brolin verkörperte, republikanisch anmutende Institution von Mann an Grenzverteidigung an den Tag legt, beschert Donald Trump wohl feuchte Augen. Da wird nicht gefragt, da wird nicht Asyl gewährt, da wird geschossen, denn auf Dialog setzen muss man nachher nicht mehr.

Diese Radikalität amerikanischer rechter Werte kokettiert mit der melancholischen Verträumtheit eines Jacob Elordi, der mit Schlafzimmerblick, Lethargie und Muskelkraft zum Fast-Bäume-Ausreißen eben diesen Rollentypus aus den Konzepten von Richard Prince verkörpert, die Zigaretten in Griffweite und mit der Cessna über eine Landschaft brummend, die Amerika keiner nehmen kann.

Die ist nun mal da, und die verspricht Freiheit, Chancen und einen Neuanfang. Hig muss nur Grand Junction finden, von wo aus ein Signal noch ein Rest an Zivilisation verspricht. Unterwegs trifft er auf Verbündete. Und das war’s auch schon mit der Story.

Make Wild West great again!

Am besten, man beginnt hier gleich wieder von vorne und holt das Zeitalter des Wilden Westens aus der Mottenkiste. Man muss dieses Gesellschaftsbild nur in eine dystopische Zukunft setzen, und siehe da – es macht fast keinen Unterschied, ob Elordi, John Wayne oder Clint Eastwood den Ton angeben. Hier werden die weißen Amerikaner zu den neuen Nativen, und die noch weißeren zu den Pionieren, die sich zu kleinen Farmen zusammenfinden, wo zwischen Mennoniten und Mormonen kein Unterschied gemacht wird, Hauptsache der christliche Glaube bringt am Ende Friede, Freude, Eierkuchen.

Immer dieser Retro-Charme

Übersehen darf man in dieser kauzigen kleinen Klischeekiste des neuen Sonnenaufgangs jedenfalls nicht Margaret Qualley und ihren Filmpapa Guy Pearce. Qualley diesmal nicht als eine ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft bewussten Manipulatorin, sondern pioniergeistig in Latzhose und Kappe – Pearce muss man als brummigen Endzeit-Mundl fast schon gern haben. All diese Personen kippen dann ganz plötzlich in die Welt von Fallout, natürlich fragt man sich: Warum, wieso und was hat Ridley Scott geritten, den elegischen Kevin-Costner-Grundtonus durch eine misslungene Kopie der postatomaren Aftermath-Groteske auf Amazon Prime zu stören. Der Spuk ist aber bald wieder vorbei, rausschneiden kann man diesen Brocken immer noch.

Was bleibt, ist eine abendfüllende Prosa-Werbung über die guten alten Werte eines Staatenbündnisses mit ganz viel Landschaft, in der die Leute einfach nur zu wissen brauchen, wann sie schießen, wann sie in die Sterne gucken und wann sie die kolportageartig zur Schau gestellte Melancholie verlorener Lebenskonzepte empfinden müssen. Hättiwari bringt einen da nicht weiter, MAGA vielleicht schon.

Das Ende der Sterne (2026)

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

DIE GEMEINDE LÄSST BITTEN

6,5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: RIAN JOHNSON

KAMERA: STEVE YEDLIN

CAST: DANIEL CRAIG, JOSH O’CONNOR, JOSH BROLIN, GLENN CLOSE, MILA KUNIS, JEREMY RENNER, KERRY WASHINGTON, ANDREW SCOTT, CAILEE SPAENY, DARYL MCCORMACK, THOMAS HADEN CHURCH, JEFFREY WRIGHT,  JAMES FAULKNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN



Schön ist das, wenn man als Regisseur freie Hand bei einem Franchise hat und sowohl für Skript als auch für die Umsetzung verantwortlich sein darf. Und das, obwohl Star Wars VIII: Die letzten Jedi (für mich aus völlig unerfindlichen Gründen) kaum auf Gegenliebe stieß. Dennoch: Bei Knives Out hat Rian Johnson für beide Seiten alles richtig gemacht. Also lässt er schon zum dritten Mal seinen bunten Haufen an Verdächtigen im Upstate New York zusammenkommen, irgendwo zwischen New York und Long Island, einem tristen Pflaster, wenn man obendrein noch voller Reue im christlichen Glauben die Absolution sucht. In dieser Gegend lassen sich Geheimnisse gut verstecken und Mordfälle nur schwer aufklären. Und wenn dann doch einer passiert, dann vorzugsweise in heiligen Hallen, wenn geht während des Gottesdienstes, und während Monsignor Jefferson Wicks (Josh Brolin mit dichter, grauer Haarpracht) wie üblich seine Gardinenpredigt hält. Der Verdacht fällt auf den strafversetzten Priester Jud (Josh O’Connor, The Mastermind), der mit den Methoden des Gemeindepfarrers überhaupt nicht zurechtkommt. Er nimmt diesem zwar die Beichte ab, doch stellt er selbst Nachforschungen an, um herauszufinden, was es mitunter auf sich hat, dass in der Apsis der Kirche kein Kreuz mehr hängt. Dabei stößt er auf eine zurückliegende, düstere Familientragödie rund um Vermögen, Erbe und einem versteckten Schatz. Als sich der Disput zwischen den Geistlichen zuspitzt, lässt sich der durchaus aggressive Jud zu Morddrohungen hinreissen – die folglich gegen ihn verwendet werden. Und gerade dann, wenn alles aussichtslos und der Mord an Jefferson Wicks unlösbar scheint, tritt Benoit Blanc auf den Plan. Ein Schnüffler in edlem Zwirn und herrlich distinguiert, der frappant an Peter Ustinovs Darstellung des Hercule Poirot erinnert, gemixt mit Dreitagebart und blonder Mähne, die seinem Alter anachronistisch zuwiderläuft und obendrein an Oscar Wilde erinnert. Dieser Benoit Blanc steht ebenfalls auf der Leitung, was den Fall betrifft. Jeder könnte wie üblich verdächtig sein und für jeden gilt es, Indizien zu sammeln. Währenddessen ereignen sich weitere mysteriöse Dinge, sogar eine Auferstehung von den Toten erfüllt den Filmtitel geradezu wortwörtlich.

Der Schnüffler als Nebenrolle

Rian Johnson hat diesmal, nach trautem Familienheim und einsamer Insel, den heiligen Ort der Kirche erwählt – und zugegeben, das Setting ist für einen Whodunit zwar nicht neu, hat aber noch jede Menge Potenzial. Hinzu kommt, dass man mit dem Entdecken bekannter Gesichter fast nicht nachkommt. In Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery sammelt sich wieder mal erlesene Schauspielzunft, um in diesem Ensemblestück etwas oder auch gar nichts im Schilde zu führen oder nur so zu tun, als ob. Die Stimmung, das neogotische Gewölbe, die dunklen Gänge, der labyrinthartige Garten – alles klassische Versatzstücke, die funktionieren. Nur diesmal steht Benoit Blanc vollends im Schatten all der anderen. Die Conclusio lautet gar: Daniel Craig in seiner zweiten Paraderolle nach James Bond – man hätte ihn nicht gebraucht. Denn O’Connor und Brolin, die beiden Joshs, geigen auf, da verkommt der Rest des Ensembles sowieso nur zur Staffage, und auch Benoit Blanc fehlt komplett die Durchsetzungskraft eines charismatischen Privatermittlers.

Schließlich ist es auch so, dass Blanc den Fall gar nicht mal richtig lösen muss. Die Challenge der Beweisführung zeigt überraschend früh Ermüdungserscheinungen, da Rian Johnson in seinem Skript so sehr darauf aus ist, einen unmöglich entschlüsselbaren Tatbestand zu ersinnen, dass die prickelnde Dynamik seines Filmes bis zum großen Paukenschlag an Kraft verliert. Mit anderen Worten: Die Lust an der kriminologischen Genialität steht sich selbst im Weg und hemmt die Ermittlungen. Am Ende öffnet Johnson das einzig mögliche Ventil, um den Kopf freizubekommen.
Was man danach mitnehmen kann, ist das feine Spiel des Ensembles und das ans Paranormale grenzende Mysteriöse – die Mörderjagd selbst ist, statt von Ehrgeiz gekrönt, kein Gipfelstürmer.

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

The Running Man (2025)

WENN WUTBÜRGER HAKEN SCHLAGEN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: EDGAR WRIGHT

DREHBUCH: EDGAR WRIGHT, MICHAEL BACALL, NACH DEM ROMAN VON STEPHEN KING

KAMERA: CHUNG CHUNG-HOON

CAST: GLEN POWELL, JOSH BROLIN, COLMAN DOMINGO, LEE PACE, KATY O’BRIAN, DANIEL EZRA, KARL GLUSMAN, MICHAEL CERA, JAYME LAWSON, EMILIA JONES, WILLIAM H. MACY, DAVID ZAYAS U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Gewichtige 38 Jahre nach Arnold Schwarzenegger im Ganzkörper-Radleroutfit hechtet nun ein sichtlich weniger aufgepumpter, aber immer noch äußerst sportiver Publikumsliebling durch ein dystopisches Amerika, das sich den Leitsatz an die Fahnen geheftet hat: The Show must Go on. Wenn also alles andere schon den Bach runtergeht, und womöglich die dritte und wohl verheerendste Amtszeit eines Donald Trump mich Ach und Weh überstanden wurde, haben die Staaten so gut wie nichts, womit sie sich Zuversicht leisten können. Was bleibt, ist das liebe Fernsehen, das überraschend analog daherkommt und Live-Shows bietet, als wäre man immer noch in der Ära von Wetten dass…?.

Zerstreuung wie im alten Rom

Tatsächlich dürfte im neuen Aufguss von The Running Man in diesem wohlgestalteten gesellschaftspolitischen Nirgendwo das Programmfernsehen zurück sein, um wie schon seinerzeit als Straßenfeger das zerstreuungsgierige Volk vor die Flimmerkiste zu locken. Diesmal flimmern die Shows sogar auf ganzen Hauswänden, man bräuchte eigentlich nur den Blick heben und ist  mittendrin in diesem Show-Wahnsinn, der seine schönste Eskapade nicht in den Spielen von Panem findet, auch nicht im Inselkampf Battle Royale (der ja vorher da war, wie wir nicht erst seit Tarantino wissen) und auch nicht während eines Todesmarschs (The Long Walk), bis der letzte wegknickt. Hier gibt es Freiwild, und dieses wird gejagt. Von einer Killer-Elite, oder vielleicht auch von tötungshungrigen Zivilisten, die zu viel The Purge gesehen haben. Dieses Freiwild ist unter anderen Ben Richards – der in Sachen Show wohl lieber sanftere Töne anschlagen wollte und nun mittendrin in der Show aller Shows steckt, wo die mangelnde Aussicht auf Erfolg Richards Frau mit dem Gedanken spielen lässt, als alleinerziehende Mutter weiterzustrudeln. Doch Geldnot verlangt den Pakt mit dem Teufel, und so muss Richards hauptsächlich eines: Untertauchen, ab und an ein Lebenszeichen von sich geben. Davonlaufen, wenn‘s knapp wird. Oder aber den Gegner um die Ecke bringen.

Do the Wright Thing

Jahrzehnte ist es her, da hat Stephen King unter dem Pseudonym Richard Bachmann neben The Long Walk eine weitere TV-Show-Dystopie verfasst. Wer hätte gedacht, dass für den Reboot mit dem smarten Schönling Glen Powell nun einer wie Edgar Wright auf dem Regiestuhl Platz nimmt – womöglich handelt es sich hier weniger um ein Projekt auf dessen Wunschliste, sondern eine gut bezahlte Auftragsarbeit weit jenseits der Originalität, die man von der Cornetto-Trilogie gewohnt ist. The Running Man ist ja schließlich auch kein Autoren- oder Independentfilm, sondern eine stattliche Studioproduktion, wo viele VIPs mitzureden haben und dann auch ihren Senf dazugeben, weil künstlerische Freiheit ja nichts ist, was sich zwingend gut verkaufen lässt. Genau das ist mehr als nur bemerkbar. Wäre es nicht Edgar Wright, wäre es jemand anders gewesen, und den Unterschied hätte, bis auf einige Szenen britisch-sarkastischen Teatime-Humor, niemand bemerkt. Was aber alles nicht heisst, dass The Running Man ein schlechter Film ist. Immerhin gelingt ihm eines: Gut zu unterhalten.

Der nahbare Sozialheld

Weder hat das Remake repetitive Szenen noch zum Augenrollen verleitende Szenen, die nicht mehr sind als Lückenfüller. Wright hält die Zügel straff, Action und Thrill in gesunder Balance und den Rest erledigt Powell. Mit dem Zynismus eines Wutbürgers, der statt nichts eben viel zu verlieren hat und der wie ein Berserker manchesmal in völliger Todesverachtung wie einst Bruce Willis im Nakatomi Plaza vor den Schießeisen der Killerbrigade herumtanzt, um doch noch zu entwischen, lässt Powell den trockenen Achtziger-Helden im Feinripp fast schon wiederauferstehen. So gesehen wäre damals vielleicht sogar wirklich einer wie Willis die bessere Wahl gewesen, weil hemdärmeliger, nahbarer und geerdeter als Arnie. Mit solchen Typen solidarisieren sich Action-Afficionados durchaus gerne, der Typ hat Sympathie, das Herz am rechten Fleck, und hat auch die Dreistigkeit eines Revoluzzers, den Mächtigen voller Inbrunst die eine oder andere – wie sagt man so schön – Gosche anzuhängen. Mit „Ich bin noch hier, ihr Kackfressen“ schlägt diese Jetzt-erst-recht-Manier wie „Yippie-Ya-Yay, Schweinebacke!“ auch aufs Publikum um, und schließlich will man wissen, zu welchen geradezu übermenschlichen Fähigkeiten der Knabe noch fähig sein wird.

Dass es am Ende stets zum obligaten Showdown kommen muss, nimmt dem ganzen etwas die Spontaneität, weil es dann doch so aussieht, als wäre vieles allzu konstruiert. The Running Man inhaltlich so aufzublasen, damit die Kritik an der Unterhaltungsindustrie nicht versandet, ist löblich, aber wäre im Endeffekt gar nicht notwendig gewesen. So haben wir wieder – im Gegensatz zum weitaus mutigeren The Long Walk – einen aufgestempelten Paradigmenwechsel, der aber mit gerechter Wut die mittlerweile auch im realen Leben existierende Konzern-Ohnmacht abwatscht.

The Running Man (2025)

Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025)

HAMELN LIEGT IN PENNSYLVANIA

8/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: ZACH CREGGER

KAMERA: LARKIN SEIPLE

CAST: JULIA GARNER, JOSH BROLIN, ALDEN EHRENREICH, AUSTIN ABRAMS, BENEDICT WONG, CARY CHRISTOPHER, AMY MADIGAN, TOBY HUSS, JUNE DIANE RAPHAEL, SARA PAXTON, JUSTIN LONG U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Wie kleine Flugzeuge düsen die Schattenrisse sämtlicher Kinder aus der Nachbarschaft über die von nächtlichen Laternen beleuchteten, regennassen Asphaltwege und getrimmter Rasenflächen einem unbekannten Ziel entgegen. Diese Szene, die man bereits im Trailer zum Film Weapons – Die Stunde der Verschwindens verstört betrachten kann, lässt erschaudern. Was hat Zach Cregger jetzt wieder angestellt? Ist er der neue. Meister des Horrors, des subversiven, nachhaltigen Grusels? Leute, die Barbarian gesehen haben, können ungefähr erahnen, mit welchen Methoden der Autorenfilmer aus Virginia hier abermals das Genre neu definieren will.

Der Stilbruch als Methode

Mit Barbarian hat sich Cregger seinen Platz als innovativer Horrorfilmer bereits gesichert – erst kürzlich konnte ich den subversiven Querschläger von meiner Watchlist streichen, nicht ohne mir klar geworden zu sein, dass es noch unzählige Wege geben kann, wie man filmische Glaubenssätze und alteingesessene Do’s und Dont’s genüsslich über den Haufen wirft, weil man als Künstler niemandem folgen muss. Als Neuer Wilder, zu denen auch Ari Aster gehört oder die Gebrüder Philippou (Talk to Me), muss sich Cregger um nichts scheren. Er wirft das geradlinige Storytelling völlig über Bord und ordnet seine zutiefst mysteriösen Entwürfe zu einem Origami, dessen Form und Bedeutung man lange nicht versteht. Typisch für Cregger ist der kompromisslose Bruch mit der Tonalität, mitunter auch dem visuellen Stil. War Barbarian schon ein bisschen wie filmische Zwölftonmusik, spielt Weapons – Die Stunde des Vrschwindens auf der Klaviatur beklemmender Recaps, die immer wieder die selbe Geschichte erzählen – nur aus immer wieder anderen Blickwinkeln. Dieses Rückspulen, das Neusetzen der Perspektive und das mosaikartige Ergänzen eines erschreckend rätselhaften Falls, der nicht unwesentlich an die Sage des Rattenfängers von Hameln erinnert, mag eine ganze Menge Zuseherinnen und Zuseher irritieren. Was Cregger nämlich liefert, ist kein atmosphärische Near-History-Grusel wie das Conjuring-Universum rund um das Ehepaar Warren und die Puppe Annabelle. Es ist auch kein Geisterbahn-Horror wie bei Stephen King, der die Kleinstadt Derry als Spielplatz des Bösen entdeckt hat. Wobei: Zwischen Derry und David Lynchs nicht unwesentlich weniger schauderhaftem Folk-Horror-Hotspot Twin Peaks liegt irgendwo neben der Spur Maybrook, im Nordosten der USA, genauer gesagt in Pennsylvania, wo herbstfrische Mieselsucht die depressive Stimmung nach dem unerklärlichen Verschwinden von 17 Kindern nur noch unterstützt.

Das Unheil im Banalen

Tief betroffen davon ist Lehrerin Justine (Julia Garner), da die verschwundenen Kinder allesamt aus ihrer Klasse stammen – bis auf einen, den jungen Alex. Hier legt Cregger schon die erste Spur, doch viel anfangen kann man damit noch nicht. Im weiteren Verlauf rückt Josh Brolin ins Bild, er selbst verzweifelter Vater, der versucht, ein System hinter all den Vorkommnissen zu finden. Cregger splittet seinen Horror aber noch mehr auf – durch die Gegend geistert neben dem Schuldirektor Benedict Wong ein Polizist und ein Junkie, spätestens da variiert die knallharte Mystery seinen Rhythmus, erzählt scheinbar völlig andere Geschichten, wagt den Schritt ins Komödiantische, was irritierender nicht sein könnte. So bewegt und variiert Weapons – Die Stunde des Verschwindens ist, so kurios ist seine Eskalation, mutiert zum brachialen Horror, zur Kasperliade, zum investigativen Kriminalfall. Die Metaebene, die sich zivilisationskritischen Betrachtungen über Macht, Instrumentalisierung und Missbrauch hingibt könnte einem dabei glatt entgehen.

Cregger, der sein Können nach Barbarian nochmal perfektioniert, weiß, dass er auf diese Weise Genre-Vorbilder auch mal zitieren darf, dass er Formeln verwenden und nur anders aneinanderknüpfen braucht, um sein eigenes Ding zu gestalten. Zwischen Folk-Budenzauber, der Inkarnation des Bösen und zynischen Schicksalsschlägen wirkt die knackige, brillant geschnittene Collage wie aus einem Guss. Ob man lachen oder sich fürchten soll – manchmal ist dabei die Entscheidung die falsche, und genau das macht Weapons so besonders. Denn gerade im Harmlosen liegt das Unheil auf fruchtbaren Boden.

Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025)

Dune: Part Two (2024)

IM SAND DER ZEITENWENDE

9,5/10


dune2© 2024 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DENIS VILLENEUVE

DREHBUCH: DENIS VILLENEUVE, JON SPAIHTS & CRAIG MAZIN, NACH DEM ROMAN VON FRANK HERBERT

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, ZENDAY, REBECCA FERGUSON, JAVIER BARDEM, STELLAN SKARSGÅRD, AUSTIN BUTLER, DAVE BAUTISTA, JOSH BROLIN, CHRISTOPHER WALKEN, FLORENCE PUGH, CHARLOTTE RAMPLING, LÉA SEYDOUX, SOUHEILA YACOUB, ANYA TAYLOR-JOY U. A.

LÄNGE: 2 STD 46 MIN


Der Wortwitz mit dem Wurm drin ist sicherlich nicht neu, und ja, in diesem Fall vielleicht sogar schon abgedroschen. Ich bemühe ihn aber trotzdem: Obwohl in Dune selbige Tiergattung in überdimensionaler, evolutionsbedingter Monstrosität wohl drinnen steckt, ist Denis Villeneuves Maßstäbe setzendes Meisterwerk gleichzeitig komplett frei davon. Jene Kritiker, die schon als allererste bei der Weltpremiere in London das Werk vorab sichten konnten, und die mich manchmal einem gewissen Erwartungsdruck aussetzen, wenn sie Filme über den grünen Klee hinaus loben, sollen letztlich recht behalten. Mit Dune: Part Two gelingt Villeneuve etwas Bahnbrechendes. Science-Fiction, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hat.

Dabei ignoriere ich den rund drei Jahre zurückliegenden ersten Teil. Der hat mich stilistisch zwar abgeholt, emotional jedoch nicht. Misslungen war Dune: Part One keinesfalls, schon allein deswegen nicht, weil Villeneuve als vorausschauender Perfektionist nichts dem Zufall überlässt und dramaturgisches Timing beherrscht wie vielleicht noch Martin Scorsese oder Christopher Nolan. An Dune: Part One gibt es nichts zu kritisieren – die Schwierigkeit darin bestand jedoch, mit den vielen Charakteren in diesem „Game of Thrones“ der Galaxis vertraut zu werden. Viele bekannte Gesichter reichen da nicht, und so sehr die exzentrisch-ästhetische Bildsprache auch den Atem raubt – den Zugang in diese Welt macht es schwerer als den Zugang in eine Welt, die mit der narrativen Mechanik eines europäischen Mittelalters arbeitet. Diese Welt in Dune liegt, anders als die Welt von Star Wars, weit, weit in der Zukunft. Die Erde ist womöglich nur noch diffuse Legende, ganz anders aber politische Machtstrukturen, die sich über die Jahrtausende erhalten haben und, nicht viel anders als in der Frühzeit des Menschen, immer noch die Machtgier des Alleinherrschers hervorbringen, ohne sich gesellschaftspolitisch weiterentwickelt zu haben. Insofern ist das Machtgefüge in der dystopischen Realität von Frank Herbert eine archaische, vorgestrige. In dieser stecken archaische, vorgestrige Figuren, die jede einem gewissen Zeremoniell folgt. Dieses unnahbare Ensemble kennenzulernen, dafür war Dune: Part One genau richtig. Ein Vorspiel sozusagen, eine Einführung, die Ambivalenz gerade zulassen, die polarisieren muss. Und nicht nur darauf aus war, zu gefallen.

Im ersten Teil ist dann auch nicht viel passiert, der Plot bleibt überschaubar, wenn auch grandios bebildert. Mit Antiheld Paul Atreides auf dem Weg in die Wüste endet dieser auch, um alle Erwartungen zu sammeln für den großen, gigantischen Clash, für den Ur-Krieg der Sterne, den schon Alejandro Jodorowsky mit irrer Besetzung, angefangen von Orson Welles über Mick Jagger bis Salvador Dali (!) als wohl größten Film, der je existiert haben wird, verfilmen wollte. In der Dokumentation Jodorowsky’s Dune erfährt man, dass das oberarmdicke Storyboardbuch nur darauf gewartet hätte, verfilmt zu werden. Doch „ohne Geld ka Musi“ – und so ist dieser Zug mit Villeneuves eigenem Jahrhundertprojekt abgefahren. Ein Remake wird es für Dune nicht mehr geben. Denn besser lässt sich Herbert kaum verfilmen.

Nicht nur, dass dieses heilige erste Buch, dass viele Fortsetzungen und Ableger fand und noch genug Stoff bieten würde für ein ganzes Franchise, endlich doch noch jene Verfilmung bekommen hat, die es, wie schon Der Herr der Ringe auch, verdient hat – die Maßstäbe für das Kino der Science-Fiction und überhaupt des Phantastischen werden neu gesetzt. Dune: Part Two ist ein Opus Magnum, indem alle hier Verwendung findenden Kunstrichtungen ineinandergreifen und sich gegenseitig antreiben. Da gibt es diese einzigartige Bildsprache, diese Vorliebe für Wüstenstürme, Staubnebel und den Rauch brennender Trümmer, die wie ikonische Kolosse tonnenschwer auf die Erde stürzen. Da gibt es die Grazie der Gravitation entronnener, technologischer Körper, bizarre Raumschiffe und Zweckmaschinen wie albtraumhafte Panzer, die an den Stil von H. R. Giger erinnern und eine Reminiszenz an Jodorowskys gescheiterte Träume sein könnten. Da gibt es Gestalten in formverändernden Kostümen, die in geometrischen Inneren eines architektonischen Brutalismus Welten verändern. Stellan Skarsgård zum Beispiel als levitierender Baron Harkonnen wird zum Zerrbild eines gewissen russischen Diktators, auf den die schwarze Sonne seines Heimatplaneten herabscheint, während ein psychopathischer Thronfolger mit schwarzen Zähnen Freude am Ausweiden seiner Opfer hat. Längst wird klar: Was J.R.R.Martin für die High Fantasy schwerterschwingender Nibelungen-Interpreten, ist Herbert wie demzufolge auch Villeneuve für die Science-Fiction. Das Portal zum Shakespeare’schen Königs- und Revolutionsdrama tut sich auf, zum geopolitischen Lawrence von Arabien Lichtjahre weit von seinem Ursprung entfernt. Aus Peter O’Toole wird Timothée Chalamet, dessen Augen immer blauer werden und der bald Geheimnisse kennen wird, von denen er lieber nichts gewusst hätte. Seine Figur bleibt strebsam, doch bereits ansatzweise ambivalent. Wie die doppelbödige Mutterfigur Sarah Ferguson. Mit ihr erhält Dune: Part Two die kritische Komponente einer Betrachtung von religiösem Fundamentalismus. Unschwer ist Kritik am Islamismus zu erkennen, andererseits aber auch das Hinterfragen der Selbstverständlichkeit, die Rolle eines Messias einzunehmen. Dune: Part Two ist somit ein nicht zu unterschätzendes Politikum mit ganz viel zwischenmenschlichem Drama, und selbst Zendaya tritt aus ihrer Celebrity-Blase heraus und gibt sich ihrer zornigen Figur hin, die als Katalysator dafür dient, letztendlich so sehr in den Sog des Geschehens gerissen zu werden, dass dieses Mittendrin zur Bewusstseinserfahrung wird – zum opernhaften Event aus schweren, unirdisch klingenden Geräuschen, einem wummernden Score, der die Wüste und ihre Beschaffenheit zu einem epischen Schlachtfeld werden lässt, wie in Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs die Ebene vor Minas Tirith, auf der die letzte Schlacht gegen Sauron geschlagen wird.

War Part One noch die Ruhe vor dem Wüstensturm, lässt Part Two der ganzen aufgestauten Energie freien Lauf. Wie das Herannahen eines Gewitters, das die ersten Sturmböen bringt, während hier nun das Unwetter mit all seiner Wut losbricht. Man braucht nicht glauben, dass die ganze Kraft einem freien Spiel unterliegt. Villeneuve kanalisiert sie, strukturiert sie, gibt ihr Raum. Will man sich als Kritiker einer fast schon arroganten Nörgelei auf hohem Niveau hingeben, ließe sich maximal der sprunghafte Wechsel zwischen den undefinierten Kapiteln anmerken – vom fließenden Übergang hält Villeneuve nicht viel. Wohl auch, um zeitlich nicht auszuufern. Diese Zügel sitzen fest, und geben dem Werk auch das entsprechende Fundament, um der Wucht an audiovisuellen Eindrücken standzuhalten.

Villeneuve weiß genau, dass er auf dieses Fundament seine Dramatis Personae stellt, dass er das Menschliche immer als allererstes hochhalten muss, um seine Figuren in all diese schwebenden Objekte einsteigen; um sie herunterblicken zu lassen von der Balustrade eines für die Ewigkeit errichteten Gebäudes. Geometrie, Symmetrie – und die Wildheit eines Planeten: Das, was sich ausschließt, entwickelt unter der durchgetakteten Arbeit des Filmemachers und seiner Crew ungeahnte Synergien, die es tatsächlich schaffen, diese fremde, bizarre Welt immersiv erleben zu lassen und als Ganzes zu begreifen. Und das nur in Folge von zwei Filmen, die letztlich den Großvater des Sandwurms reiten – felsenfest stehend, den Blick nach vorne, die Zügel fest im Griff. Dune: Part Two ist wie ein Ritt auf einem solchen Monster. Eine formvollendete, seinem System perfekt angepasste Monstrosität von Kino, die man reiten sollte, bevor das Leben vorbei ist.

Dune: Part Two (2024)

Dune

DIE GRAZIE SCHWEBENDER OBJEKTE

7/10


dune© 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: DENIS VILLENEUVE

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, REBECCA FERGUSON, OSCAR ISAAC, JOSH BROLIN, JASON MOMOA, ZENDAYA, CHARLOTTE RAMPLING, STELLAN SKARSGÅRD, DAVE BAUTISTA, JAVIER BARDEM, SHARON DUNCAN-BREWSTER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 36 MIN


Gut Ding braucht Weile. Denn je länger eine Sache auf sich warten lässt, umso besonders muss sie sein. Etwas, das pünktlich erscheint, hat nichts zu verbergen. Größe entsteht durchs Hinhalten anderer, wissen wir von so manchem Monarchen oder Medienstar. Selbst die akademische Viertelstunde zeigt, dass der, der den Begriff der Pünktlichkeit ad absurdum führt, nicht minder weise sein muss. Dieser Umstand kommt auch Denis Villeneuves neuem und eben lange erwarteten Film zugute, natürlich ohne Absicht, denn die Umstände sind schließlich allesamt bekannt. Hinzu kommt, dass der kanadische Visionär schon seit jeher als Liebling der Kritiker gilt, und hinzu kommt, dass Frank Herberts Dune – Der Wüstenplanet nebst einer großen, eingelesenen Fangemeinde auch zu den besten Science-Fiction-Romanen unserer Zeit zählt. Verfilmt von einem der besten Regisseure? Die entsprechenden Vorschusslorbeeren hatten massig Zeit, sich zu entfalten. 

Nun flimmert er also über die Leinwand, der monumentale Schinken mit der Philosophie aus den Sechzigerjahren. Und bald wird klar, dass Dune viel stärker spätere Genrefilme beeinflusst hat als ich dachte. Wenn man so will, lässt sich Herberts Epos als die Ursuppe bezeichnen, durch die George Lucas‘ Star Wars erstmal schwimmen musste. Viele Elemente lassen sich aus der einen Sternensaga in der anderen finden, angefangen von raupenähnlichen Fahrzeugen, die durch die Wüste ächzen, über von magischen Fähigkeiten beseelten Auserwählten und deren Religion bis hin zu vermummten Gestalten in kuriosen Kostümen, umgeben von in Mitleidenschaft gezogener, fremdartiger Mechanik, die ihre volle Entfaltung in der Ausstattung zuletzt in The Mandalorian gefunden hat. Der Wüstenplanet und Star Wars, das ist der Ernst des Lebens und verspielter les affaires. Villeneuve, der nimmt seine Challenge so ernst, da lächelt bis auf ein paar Ausnahmen niemand, denn diese Welt unter dem Joch eines Imperators, der die einzelnen Herzogtümer untereinander ausspielt, ist nicht die eines blitzewerfenden Palpatine, sondern eines gesichtslosen, faschistoiden Diktators. Dabei wird der Wüstenplanet Arrakis zur Spielwiese freier Mächte – nämlich dem Geschlecht der Atreides, dem Geschlecht der Harkonnen und den indigenen Fremen. Auserwählt scheint da nicht Luke Skywalker, sondern Paul Atreides zu sein, der stets von Visionen heimgesucht wird und von seiner Mutter, einer Schülerin der Bene-Gesserit, in scheinbar magischen Künsten unterwiesen wird. Die Atreides, nunmehr die administrative Gewalt über den Spice-Planeten, werden von den vertriebenen Harkonnen überfallen, und so entspinnt sich ein Krieg der drei Parteien, während Wunderkind Paul bei den blauäugigen Fremen mitten im Land der Wüstenwürmer Zuflucht sucht.

Das Buch ist natürlich eine Schwarte, da hat Villeneuve gut daran getan, den Stoff zu splitten. Er weiß, dass es darauf ankommt, nun genug Geld einzuspielen, um sein Werk überhaupt vollenden zu können. Da er keine Kosten gescheut hat, blieb auch kein Budget, um das Projekt – so wie Peter Jackson es für Herr der Ringe getan hat – gleich in einem durch abzudrehen. So allerdings bleibt das Gespenst des unvollendeten Kunstwerks stets präsent. Doch die Meter an Film, die der Visionär bereits im Kasten hat, können sich vor allem sehen – und hören lassen. Was er bereits in Arrival so geschmackvoll formuliert hat, findet in Dune sein Crescendo: es ist die Grazie des schwebenden oder fliegenden Objekts, des vorzugsweise geometrischen Körpers. Es ist die Liebe zu in Form gebrachten Rohstoffen wie Stein und Metall. Dune ist kubistische Science-Fiction, ein tonnenschwerer Expressionismus, der Physik des Weltalls oder fremder Planeten ausgesetzt, zerkratzt, abgenutzt. Der Behäbigkeit der Dinge ist nur durch das Aufheben der Gravitation zu entkommen. selbst Stellan Skarsgård als Baron der Harkonnen mutiert zur levitierenden Skulptur. Diesem Ringen der Elemente miteinander, in Linien, Formen und Kuben, schenkt Villeneuve sehr viel Zeit, die er auch dazu nutzt, seinen Formenreigen mit entsprechenden sphärischen Klangwelten zu vertonen. Das ist natürlich ein Erlebnis, wofür es Preise regnen sollte. Science-Fiction hat sich selten so sehr in seiner Bild- und Tonsprache selbst genügt. Da wirken all die vielen bekannten Gesichter in relativ verschwindend kleinen Rollen wie Teile von Villeneuves Installation, ohne ihren Charakter preiszugeben. Am meisten kämpft damit Timothée Chalamet, der wie eine griechische Gottheit mit seiner Bestimmung hadert, jedoch wenig dafür empfindet. Zum Glück steht ihm Rebecca Ferguson bei, die aus dem ganzen Ensemble wie eine Lichtgestalt hervorsticht – ihre Performance ist einzigartig und nuanciert, sie ist es auch, die Chalamet immer wieder ins Spiel holt.

Obwohl Herberts interstellares Game of Thrones als Vorreiter gilt, wirkt der prinzipiell simple, aber durch die messianische Heilskomponente recht diffuse Plot fast schon nachahmend – die Ironie auf Kosten desjenigen, der‘s erfunden hat. Da sich Villeneuve sehr viel Zeit nimmt, das ganze Epos mit all seinen Darstellern überhaupt erst anzustarten, sich dabei aber in seine erschaffenen und genialen Welt verliert, zeigt sich die Dramaturgie etwas spröde und ungelenk. Wäre Dune als Serie konzipiert, wäre die Stärke der Charakterzeichnung eine so wichtige wie das visuelle Arrangement, denn Zeit dafür wäre dann genug vorhanden. Selbst nach 2 Std. 36, die sich mitunter etwas ziehen, ist die Geschichte nicht sehr viel weiter. Wie der ganze Rest in den zweiten Teil soll, kann ich mir nicht vorstellen. Klar, Dune ist keine leichte Materie, an dem nicht nur Alejandro Jodorowsky mit seiner verrückten LSD-Version bereits scheiterte. Villeneuve hingegen hat’s geschafft. Und es gelingt ihm aufgrund seines Könnens vieles – aber nicht alles.

Dune

Sicario

DER FEIND MEINES FEINDES

7,5/10


sicario© 2015 Studiocanal GmbH


LAND: USA 2015

REGIE: DENIS VILLENEUVE

CAST: EMILY BLUNT, JOSH BROLIN, BENICIO DEL TORO, DANIEL KAYUULA, JON BERNTHAL, JEFFREY DONOVAN, VICTOR GARBER U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN 


Einen Drogenkönig aufzuspüren – das ist, „als würde man einen Impfstoff gegen eine gefährliche Krankheit entdecken“ – ungefähr so vergleicht Benicio del Toro den best case eines Einsatzes gegen die dunklen Mächte. Dabei ist der Vergleich mit einem Vakzin ja gar nicht mal so weit hergeholt. Zumindest nicht in Sicario. Denn da werden die dunklen Mächte von ihren eigenen dunklen Mächten heimgesucht. Will heißen: manchmal bleibt nichts anders übrig, als zum Wohle aller den Feind auszusenden, um den Feind zu besiegen. Und ja, anscheinend funktioniert das gar nicht anders, denkt man an all die Kartelle und Bünde und organisierten Verbrechen, die im stillen Kämmerlein vor sich hinarbeiten und immer wieder mal entsetzlich entstellte Leichen hinterlassen, bevorzugt irgendwo unter Brücken hängend (das Mittelalter lässt grüßen) oder hinter Pressspanverschalungen leerstehender Häuser.

So gesehen in der Eröffnungssequenz des Films. Spätestens schon in den ersten Minuten bleibt nicht viel Chance, sich dieser Sogwirkung des grimmigen Dramas zu entziehen. Im Mittelpunkt steht die Hüterin von Moral und Anstand – Emily Blunt als FBI-Agentin Kate Macer, die nicht weiß, wie ihr geschieht, als sie unter die Fittiche des CIA-Ermittlers Matt Graver genommen wird. Kate tappt im Dunkeln ob des Vorhabens des überheblichen und betont jovialen Mannes, der den wortkargen Geheimniskrämer namens Alejandro mit im Schlepptau hat, ein Spezialist für heikle Dinge, wie es scheint. Gemeinsam wollen sie Staub aufwirbeln, um auf die Spur zum Boss des Sonora-Kartells zu gelangen. Dumm nur, dass die Partie ganz ohne gesetzliches Sanctus plötzlich in Mexiko einmarschiert, was Kate völlig gegen den Strich geht. Diskrepanzen sind vorprogrammiert. Und die Methoden der CIA äußerst fragwürdig. Dabei nicht weniger kriminell als die Kriminellen an sich.

Denis Villeneuve, längst ein ganz großer im Filmbiz und ein Regisseur, der, nach dem schwer beeindruckenden Arrival und Blade Runner 2049 nun auch die Verfilmung von Frank Herberts Dune am Start gehabt hätte (Danke Corona an dieser Stelle), hat 2015 mit dem Drogenthriller Sicario wieder mehr auf die Beine gestellt als die Summe seiner Teile. Taylor Sheridan (u. a. Regisseur von Wind River) hat hier ein wummerndes, teils hypnotisches Gleichnis über die Bedeutung von Moral angesichts einer unkontrollierbar wuchernden Bedrohung geschrieben. Emily Blunt muss sich in ihrer Rolle als das aufrechte Gute eingestehen, dass die märchenhafte Klarheit eines Gut-und-Böse-Szenarios ausgedient hat, dass der Weg zwischen Schwarz und Weiß der einzig begehbare bleibt. Das heißt aber nicht, dass Werte keine Bedeutung mehr haben. Was Alejandro antreibt ist simple Rache und die Konvertierung von seelischem Schmerz. Was Matt Graver antreibt ist die rationale Lösung eines Dilemmas. Kate selbst – um den medizinischen Vergleich nochmals aufzugreifen – sorgt mit ihrer integren Symptombehandlung gerade mal für Linderung, als würde man Aspirin zu Bekämpfung von Malaria verwenden, nur damit das Fieber sinkt.

Der wunderbare Roger Deakins als Virtuose hinter der Kamera und der bereits verstorbene Komponist Jóhann Jóhannsson erzeugen eine Art opernhaften Thriller, der das Grauen punktuell einsetzt, vieles indirekt erahnbar macht und die Spannung in eine malerische, teils suggestive Bildsprache bettet. Ein bedrohliches Wühlen an der Wurzel ist Sicario geworden, aufrichtig im Bekenntnis, in letzter Instanz so sein zu müssen wie ein vom Virus heimgesuchter Antikörper.

Sicario

Avengers: Endgame

THOSE WERE THE DAYS MY FRIEND…

6/10

 

avengers_endgame© 2019 Marvel Studios

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: ROBERT DOWNEY JR., CHRIS EVANS, SCARLETT JOHANSSON, CHRIS HEMSWORTH, JOSH BROLIN, PAUL RUDD, MARK RUFFALO U. V. A.

 

Unser Universum ist vermutlich unendlich. Ein anderes ist es nicht – und lotet gerade seine Grenzen aus. Wir sind da mit dabei, die Geeks des Comic- und Popkultur-Kosmos, die Serienjunkies und Freunde fiktiver Welten. Die Rede ist vom Marvel Cinematic Universe. Sein Ereignishorizont – zum Greifen nah. Jenseits davon eine nicht sichtbare, da alles Licht verschluckende Singularität, ein Nichtwissen, wie es überhaupt weitergehen soll. Darüber sollten wir uns aber noch nicht den Kopf zerbrechen. Kommt Zeit, kommt Rat. Apropos Zeit – die ist für viele der liebgewonnenen Helden, die sich bis zum zehnten Jahr mit sämtlichem Gesocks der irdischen und interstellaren Welt herumschlagen mussten, abgelaufen gewesen. Im wohl besten Film des ganzen MCU – in Avengers: Infinity War – wurde die Marvel-Gemeinde mit einem völlig unerwarteten und vom Hocker fegenden Ende konfrontiert. Rund ein Jahr blieb also Zeit, diesen vorläufigen Status Quo überhaupt mal zu realisieren. Und um die Gewissheit zu erlangen, dass hier längst noch nicht aller Tage Abend sein kann. Denn – laut Christian Morgenstern – „kann nichts sein was nicht sein darf“. Also grübel und studier: was könnte das Schicksal denn noch nachträglich abwenden? Leerlauf genug, um sich seine eigenen Theorien zu schmieden. Wohl die meisten würden auf den gemeinsamen Nenner kommen, der irgendwie mit Zeit zu tun hat. Und spätestens nach Ant-Man and the Wasp war es beschlossene Sache – Marty McFly wird in irgendeiner Form grüßen lassen. Wenn schon nicht mit einem fliegenden De Lorean, dann zumindest mit dem profunden technischen Wissen eines Tony Stark oder Bruce Banner. Die Papas werden´s schon richten. Mit guter Hoffnung geht also das Finale Grande in die Zielgerade. Und hat den Ziellauf eigentlich schon hinter sich. Was bleibt: schön sachte auslaufen, nicht sofort stehenbleiben, den Jubel genießen. Wie das bei einem Marathon eben so ist, nämlich dass die körperliche Anspannung von rund 42 Kilometern oder 11 Jahren nicht einfach so ausgepustet werden kann.

Was ich damit sagen will – Avengers: Endgame ist wie das, was folgt, wenn das Zielbanner durchlaufen ist. Die letzten Meter Sprint, die hatten wir letztes Jahr. Das war anfeuern, bangen, mitfiebern, da war alles drin. Und das haben Anthony und Joe Russo genauso konzipiert. Mit voller Konzentration, um aufzuholen, niederzuringen, den Trumpf auszuspielen, den man noch in den Muskeln und im Equipment hat. Avengers: Infinity War ist ein Meisterwerk, weit besser als der oscarnominierte Black Panther, und von einer dramaturgischen Fingerfertigkeit, die anbetracht dieser monumentalen Riege an Stars und Sternchen punktgenau akzentuiert und erzählt wird. Das braucht schon Hirn- und Koordinationsschmalz – eine große Leistung. Hätte man Infinity War und Endgame zu einem fünfstündigen Epos zusammengeschmiedet, hätte sich das Regie-Duo sicher irgendwann verheddert. Oder wäre über ihren eigenen Perfektionismus gestolpert. Doch auch wenn – so wie de facto – Avenger: Endgame als eigenständiger Schlussakkord auf die Leinwand gewuchtet wurde, um dem Verheddern zu entgehen: dieser Stolperfalle entkommt er dann doch nicht. Mit dem Timing des Auf- und Abtretens der Charaktere stimmt so einiges nicht. Aus gewohnt geschmeidigem Rhythmus erklingen Misstöne, die gleichmäßig lodernde Fackel des Widerstands vor dem Endgegner flackert, und das durchaus kritisch. Da helfen zeitnah und akribisch eingeführte Asse im Ärmel als Standalone enttäuschend wenig – und machen ihren Platz in der bisherigen Anthologie der Superhelden ernüchternd irrelevant. Und der Antagonist selbst: der darf, damit das Drama funktioniert, frei wählen, wie stark er ist. Zum Leidwesen einer dem ohnehin Phantastischen inhärenten Logik.

Die To-Do-Liste bei den Avengers ist lang. Also Ärmel aufkrempeln, ran an die Arbeit, und am besten gestern. Multitasking, Kleingruppen und erhöhte Belastbarkeit. Das Ganze klingt wie das Bewerbungsprofil eines mittelgroßen Konzerns, der mit der Challenge am Markt mithalten will. Daraus entwickelt Avengers: Endgame den Anspruch, mehr als nur ein Film sein zu wollen. Vielleicht gleich zwei zusammen. Oder besser eine Miniserie, wie derzeit Game of Thrones. Die Westeros-Saga ist ja großes Kino im Fernsehen und funktioniert. Endgame ist aber großes Fernsehen im Kino – und setzt auf die inszenatorischen wie dramaturgischen Mechanismen einer Show, deren letzter, deutlich fahriger Akt in viele kleine zersplittert und auf einen orchestralen Tusch hinsteuert, der dann sein Publikum wohlkalkuliert in die Sitze drücken soll. Doch, mitunter tut er das ja auch. Aber so richtig packend ist etwas anderes. Und dafür gibt es zwei Gründe, nebst den bereits genannten.

Abgesehen davon, dass mir wirklich keiner – und das wage ich zu behaupten – erklären kann, wie das alles technisch funktionieren soll, und noch dazu in so kurzer Zeit, ist erstens die Wahl der Mittel zur Lösung aller Probleme eine, die Tür und Tor öffnet für die willkürliche Abänderbarkeit gegebener Umstände. Wie das Zurückblättern in einem Spielbuch darf zurechtgerückt werden, bis alles passt. Und das nimmt dem Drama etwas die Würze, schwerwiegenden Entscheidungen die zu ertragenden Konsequenzen. Und zweitens? Avengers: Endgame rekapituliert drei Stunden lang zehn Jahre MCU auf eine Weise, die alle Nichtkenner und sei es auch nur von einzelnen Episoden das eine oder andere Mal sicherlich verwirrt zurücklässt. Endgame ist also nichts, was aus dem Infinity-Kontext gerissen werden kann (Wer sich das aber trotzdem antut, dem wird vieles entgehen). Was wir sehen, ist eine Retrospektive von Iron Man bis Captain Marvel, betreten scheinbar interaktiv viele der Filme, die uns zu Recht begeistert haben – und sehen sich eigentlich nicht wirklich Neuem gegenüber. Das Neue ist das überraschend Alte, kleinteilig verwoben in einem einzig nur wählbaren, und daher auch erwartbaren Fortgang einer Geschichte, deren Dynamik seit eh und je in den Details steckt. Was mitunter gut ist, und wo Widersehen auch Freude macht. Doch die Kompromisslosigkeit von Avengers: Infinity War ist fort, die theatralische Dichte einem augenzwinkernden Heist-Movie gewichen, das durchaus großes Vergnügen macht, aber in fast rührender Wehmut vor sich hinplätschert, mit ganz viel Dialog, langen ruhigen Sequenzen und zwischendurch einigen dramatischen Spitzen, die wie schon erwähnt so typisch Serie sind, dass sich im Kino am Stück seltsame Längen einschleichen. Sind die überwunden, kommt das Ende vom Ende, kolossal wie Herr der Ringe und so bunt und angeräumt wie die Vitrine in einem Comicbuchladen. Was zu erwarten war, so wie der unvermeidliche Appendix eines rührseligen Pathos, leider ganz typisch Hollywood. Wenn die großen Gameplayer der Unterhaltung etwas beenden, dann nicht ohne Zapfenstreich. Der ist also jetzt verklungen, und das Ende ist ein neuer Anfang. Ich liebe Marvel, und all die Kritik hier ist aus einer wohlmeinenden Affinität heraus notiert, die eine ganz bestimmte Hoffnung niemals zerstreuen könnte. Nämlich jene, dass das MCU vielleicht doch unendlich ist.

Avengers: Endgame

Inherent Vice

DAS MODEL UND DER SCHNÜFFLER

4/10

 

inherentvice© 2014 Warner Bros.

 

LAND: USA 2014

REGIE: PAUL THOMAS ANDERSON

MIT JOAQUIN PHOENIX, JOSH BROLIN, OWEN WILSON, KATHERINE WATERSTON, REESE WITHERSPOON U. A.

 

Es gibt so dermaßen viele lesenswerte Bücher auf dieser Welt. So viele wirklich fesselnde Geschichten, die es wert sind, verfilmt zu werden. Von spannenden Krimis über unglaubliche, aber wahre Tatsachenromane bis zu detailliert ausgearbeiteten Utopien nach unserer Zeit. Aber nein, Paul Thomas Anderson greift zu der mit Abstand wohl uninteressantesten und belanglosesten literarischen Vorlage, bei der ich mich mit härtester Eigendisziplin dazu durchgerungen habe, den prätentiösen Murks bis zum Ende auszusitzen. Und wahrlich, es ist kaum zählbar, wie oft ich meine Gedanken bei diesem Film bändigen habe müssen, bevor sie irgendwohin in andere Bereiche des Erlebten oder noch zu Erlebenden abgeglitten wären. Inherent Vice ist wirklich harte Arbeit. Und das sicherlich nicht aufgrund der Geschichte, die der Film erzählt. Sondern aufgrund des Wunsches, dem Szenario nicht noch mehr sauer verdiente Lebenszeit zu opfern. Da drängt sich aber die Frage auf – wieso hab ich mir das angetan? Und wieso habe ich den Film nicht einfach vorzeitig beendet? Nein, das würde ich natürlich nicht tun, vor allem nicht, wenn ich eine Review wie diese schreiben möchte. Ich kann doch keinen halben Film beurteilen – oder sind im Filmjournalismus ganz andere Methoden usus? Stehen Kinoreporter ihre verordneten Filme bis zum Ende durch?

Zugegeben, es ist ein gutes Gefühl, wenn sich die Neon-Lettern des Abspanns von Inherent Vice in meinen Brillengläsern spiegeln. Da weiß ich, es ist vorbei. Und dabei hat Paul Thomas Anderson´s Krimigroteske nicht nur „natürliche Mängel“. Das ganze Kind mit dem Bade auszuschütten wäre irgendwie unfair. Denn schauspielerisch hat sich der Film nämlich gehörig ins Zeug gelegt. Ein Staraufgebot, da bekommt man feuchte Augen. Sogar einnehmende Gute-Laune-Bären wie Owen Wilson geben sich die Ehre. Absolut verführerisch und mit schwindelerregendem Sex-Appeal ausgestattet lässt Katherine Waterston, die wir eher in zugeknöpften Rollen aus Phantastic Beasts oder als Ripley-Verschnitt aus Alien: Covenant kennen, ungeniert die Hüllen fallen, da kann Jennifer Lawrence noch einiges lernen. Waterston strahlt so viel laszive Erotik aus, das hat zuletzt noch Sharon Stone geschafft. Die junge Dame ist ein Hingucker. Das ist der Backenbart von Joaquin Phoenix auch. Und ja, er brilliert in seiner Rolle. Aber wofür?

Ich habe die Vorlage von Pynchon natürlich nicht gelesen. Und nein, das werde ich auch nicht nachholen. Zu wenig Anreiz, das Ganze. Wer jetzt von wem in die Klapse gesteckt werden soll, und wer wann verschwindet, und wer dann wiederum am Verschwinden beteiligt ist, tangiert so wenig wie das neue Lippgloss von Paris Hilton. Gut, es gibt sicher jemanden, dem das wichtig ist, aber mir selbst geht die ganze Geschichte so ziemlich hinter dem Kinositz vorbei. Weder baut Inherent Vice irgendwelche Bezugspersonen auf, die das Geschehen wohl relevanter machen würden, noch bemüht sich Anderson auch nur irgendwie, sich auf gefällige Weise (und das ist im Kino bis zu einem gewissen Grad nicht verkehrt, gefällig zu sein) die Aufmerksamkeit des Publikums zu sichern. Viele Details erklären sich aus schnell gesprochenen Dialogen. Viele Namen kommen ins Spiel, eben auch nur verbalisiert. Passt man da einmal nicht auf – und ich habe vorhin schon erwähnt, wie schwer das war, dranzubleiben – geht’s einem so wie Privatdetektiv Larry Sportello, der den Auftrag hat, den Lover seiner Ex (eben diese K. Waterston) vor der Entmündigung durch dessen Gattin zu bewahren.

Sportello kennt aufgrund seines permanenten Stoned-Zustandes wohl kaum alle Namen. Den Durchblick hat er längst nicht, da bin ich noch in der ersten Halbzeit mit sattem Vorsprung mit dabei. Und ich war nicht mal bekifft. Aber vielleicht hätte ich das sein sollen. Dann wäre mir Inherent Vice nicht so dermaßen irrelevant erschienen. So nichtssagend in seiner gewollt aufgeplusterten Hippie-Reminiszenz, die mittlerweile auch keine Auszeichnung für eine Standing Alone-Idee mehr verdient. Alle Nase lang versucht ein Filmemacher, die Ära der Glockenhosen als schräges Kinovariete zu verkaufen. Dieser Versuchung ist schon David O. Russel mit American Hustle erlegen. Die Musik war gut, die Outfits auch – die Story flach wie Pizza Hawaii. So ergeht es auch Paul Thomas Anderson, der fraglos ein begnadeter Filmkünstler ist, der sich aber in seinem exorbitant gut fotografierten, aber hohlen Werk in eine Verklärung nostalgischer Coolness hineingeritten hat, aus der er satte zweieinhalb Stunden nicht mehr herausfindet.

Inherent Vice