Rampage

HALALI ZUM WILDLIFE-WRESTLING

5/10

 

rampage© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRAD PEYTON

MIT DWAYNE „THE ROCK“ JOHNSON, NAOMIE HARRIS, JEFFREY DEAN MORGAN, MALIN AKERMAN U. A.

 

Die Elternschaft aller Kinogeherinnen und Kinogeher wissen, wovon ich schreibe: Da will man einmal das Kinderzimmer betreten, und es geht nicht. Ein aussichtsloses Unterfangen. Der Spielteppich und die Wohnfläche darüber hinaus sind verwüstet. Im Zentrum des Wahnsinns ist gerade noch eine Stadt aus Bausteinen zu erahnen, die aber schon ziemlich mitgenommen aussieht. Dazwischen Figuren, denen die einen oder anderen Extremitäten fehlen. Und dann diese Dinos und Drachen eines bekannten deutschen Figurenherstellers, die alles breitgetreten haben. Zwischen all den Relikten einer sagenhaft aggressiven Zerstörungsorgie: Zufriedene, aber überreizte Kinder. Gut, der Tag war lang, ab ins Bett. Wer sich das so ungefähr vorstellen und gleich noch dazu die Antwort auf die Frage geben kann, wer das alles wieder aufräumen wird, darf erahnen, was beim neuen Film mit Dwayne „The Rock“ Johnson auf ihn zukommt. Und ja, es ist was großes. Aber so groß nun auch wieder nicht.

Rampage ist wie ein Kinderzimmer während und nach einer Spielzeugschlacht. Man muss auch wissen, das von einem Film, der sich Rampage nennt, nichts anderes zu erwarten ist als Rampage – nämlich Randale, Tobsucht, Amoklauf. Dabei versucht der Film sogar, dem Mutantentheater so etwas wie eine Einleitung voranzustellen. Was wäre da nicht einfacher, als die schon gefühlt unendlich oft vorgekaute Angstmacherei rund um unsere Gene einzuschreddern. Das Ausschlachten dieser Wissenschaft fernab jeglicher Realität ist deswegen so simpel, weil man das Ganze nicht zu verstehen braucht. Das Wort Gene an sich ist schon ein Schreckgespenst, da weiß ein jeder, dass sich da ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper in progress befindet und gewiss Kollateralschäden verursacht. Wunderbar einfach, eigentlich schon fertig, das Drehbuch. Eine sinistre Organisation mit ebenso sinistrem Personal – und der Spielteppich ist vorbereitet. Dwayne Johnson kann kommen – und er kommt. Und er ist so, wie wir ihn erwartet haben. Er ist auch nie anders. Eigentlich, und obwohl mir das eigentlich schon viel früher so richtig bewusst hätte werden sollen, hat Dwayne johnson von Schauspielerei nicht den blassesten Schimmer. „The Rock“ ist „The Rock“. Muss er denn in kopflastigem Method Acting die Essenz seiner Rollen spüren? Nein, das sollen andere machen. Und außerdem ist der wandelnde Kleiderschrank so einnehmend sympathisch, dass es reicht, einfach ihn selbst sein zu lassen. Also, wohlgemerkt: wenn Dwayne Johnson draufsteht, ist Dwayne Johnson drin. Und zumindest ich sehe ihm beim Praktizieren dieser einfachen Formel durchaus gerne zu.

Das lässt sich bei mir auch auf Monster ummünzen. Wer meine Reviews kennt, dem wird meine Liebe zu Kreaturen aller Art nicht verborgen geblieben sein. Die Tiermutanten in Rampage sind animationstechnisch wieder mal State of the Art. Wenn sich der Warzenschwein-Alligator durch Chicagos Häusermeer wühlt, der große böse Wolf einen auf Stachelschwein macht oder der Albino-Primat in einer modernisierten Version des guten alten King Kong alles auf die Spitze treibt, können Genre-Liebhaber durchaus vergünglichen Momenten beiwohnen. Klarer Fall von Kaiju-Kino, wie es der südostasiatische Mainstream gerne sieht. Rundherum aber registriere ich weitgehend tote Hose, überraschungsfrei und unfreiwillig trivial. Nichts gegen Trash, noch dazu Edeltrash, das ist die King Kong-Hommage im Stile eines Roland Emmerich von vornherein, und das weiß das Publikum auch. Allerdings scheint es so, als wäre das unausgewogen getimte, dröhnende Krawallkino noch mehr in Richtung Unfug abgeglitten als von den Machern beabsichtigt. Zum Haareraufen, wenn zum Beispiel der Gorilla seine Ernährung umstellt. Vergnüglich wiederum, wenn „Watchman“ Jeffrey Dean Morgan als Süffisanz in Person das Klischee des FBI-Agenten karikiert. Na gut, zum Glück muss ich dann Chicago nicht wieder aufräumen, sondern nur den samtbezogenen Sitzplatz im Kino. Und vielleicht das Kinderzimmer.

Rampage

Logan – The Wolverine

ÜBER DIE KLINGEN GESPRUNGEN

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logan

„Ein X-Men-Drama, wie Sie es noch nie gesehen haben!“ So spricht Regisseur James Mangold vor der Premiere, um seinen neuesten Film zu promoten, an dessen Drehbuch er sogar selbst mitgeschrieben hat. Neben solchen Interviews und einem überzeugenden Trailer, der so richtig Endzeitstimmung erzeugt, hat man bei Logan – The Wolverine weitestgehend darauf verzichtet, einen Hype loszutreten, der dem Film womöglich nur geschadet hätte. Und tatsächlich war es gut so. Und tatsächlich – um auf den Kommentar Mangold´s zurückzukommen – ist der dritte und letzte Teil der Wolverine-Trilogie nicht nur die gelungenste Episode seiner Reihe, sondern auch neben The First Avenger: Civil War mit Abstand das Beste, was Marvel in letzter Zeit in die Kinos gebracht hat. Und ja – so haben wir Comics auf der Leinwand tatsächlich noch nicht gesehen.

Mangolds bittere Mutantenballade ist weit entfernt von einem martialischen Effektgewitter, wie es uns The Avengers oder der leider eher missglückte X-Men: Apocalypse dargeboten haben. Sein düsteres Endzeitepos erinnert viel mehr an die unterschwellig bedrohlichen Momente aus James Cameron´s Terminator II, an zynische Italowestern, dreckige Junkie-Dramen aus dem Independentkino oder gar an die Postapokalypse eines Mad Max. Hier fehlt, was man im Blockbusterkino sonst so an Bilderstürmen bewundern kann – und gerade durch diese Abstinenz und durch die Betonung von Schauspiel, Setting und Stimmung entwickelt sich ein packendes Actiondrama, dessen Sogwirkung man sich nur schwer entziehen kann. Mangold, Hugh Jackman und der stets angenehm intellektuell wirkende Patrick Stewart (ja, auch in seiner Altersrolle) vereinen sich vor allem in den ersten zwei Dritteln des Filmes zu einem nihilistischen Abgesang aller nur erdenklichen Heldenmythen. Die Mutanten sind bis auf wenige einzelne ausgerottet, die Besonderheiten einer Gen-Mutation sind einer faschistoiden Wissenschaft zum Opfer gefallen, die sich einer nationalsozialistischen Euthanasie verschrieben hat. Schlimmer kann es in Logan kaum mehr kommen. Und so ist auch unsere titelgebende Hauptperson am unteren Ende einer erfüllenden Restexistenz angelangt, gemeinsam mit Charles Xavier, dem großen Begründer der Mutantenschule, der nur noch vor sich hin fantasierend in einem abgewrackten Silo irgendwo im Nirgendwo versteckt wird und aufs Ableben wartet. Inmitten all der Sinnlosigkeit erweckt das junge, verstörte Mädchen Laura zwangsläufig neue Lebensgeister im Rest der alten Riege der X-Men. Und ähnlich wie der junge John Connor aus Terminator wird auch dieses besondere Kind von einer nicht einschätzbaren Übermacht bis an die Grenzen des Erträglichen gejagt. In diesem Fall ist es eine marodierenden Cyborg-Gang, die allem, was anders ist, ans Leder will. Wolverine und seine wenigen Leidensgenossen wehren sich bis aufs Blut – und dieses spritzt ungewöhnlich oft und sichtbar gurgelnd durchs Bild.

Logan – The Wolverine geht ans Eingemachte und erreicht in seinen brillant choreographierten Kampf- und Meuchelszenen die künstlerisch überhöhte, ultrabrutale Intensität des indonesischen Martial Arts-Thrillers The Raid. In der definitiv nichts für Zuseher jüngeren Geburtsdatums geeigneten Blutoper rollen Köpfe und dringen scharfgeschliffene Messerkrallen aus jedem nur erdenklichen Winkel in Gesicht und Körper. Das mag zwar für das X-Men-Universum ein völlig unerwartetes und unerhörtes Rating nach sich ziehen – James Mangold schafft seine Überhöhung der Gewalt perfekt in den Kontext seiner Erzählung einzubetten und in keiner Szene auch nur deren Notwendigkeit über Gebühr zu strapazieren. Quentin Tarantino gelingt dies ebenso. Auch Zac Snyder in 300 ist dies gelungen. Der sich ergießende Lebenssaft ist unverzichtbarer Protagonist des Fantasythrillers und ist wie bei The Raid vielmehr Gestaltungselement als trashiger Splatter. Wer das aushält, und sich dem schmerzhaften Schicksal seiner gestrandeten Figuren hingibt, wird mehr als belohnt. Das komplex erzählte, stringente und atmosphärische Requiem auf den Comic-Kult der X-Men ist ein durchdachtes, intimes Meisterwerk mit Symbolcharakter und hat vielleicht auch Pionierstatus. Findet der Film an den Kinokassen vor allem lukrativen Gefallen, könnten manch andere Nachzügler aus dem Comic-Genre vielleicht ganz anders aussehen als bisher und sich von ihrer mittlerweile stetigen Schablonenhaftigkeit verabschieden. Logan legt im erzählerischen Bereich für andere Regisseure die Latte höher als bislang und fordert geradezu auf, mehr Wert auf den Charakter ihrer „Helden“ zu legen als nur die volle Breitseite an kurioser Action zu verpulvern. Der sympathische Hugh Jackman ist wie immer vor allem grandios geschminkt, und die junge Schauspielerin Dafne Keen alias Mutantin Laura wird mit Sicherheit in Zukunft öfters auf der Leinwand zu sehen sein. Ihr wildes, ungestümes, natürliches Spiel ist beeindruckend und gibt dem wüsten, archaischen Roadmovie einen noch unberechenbareren Anstrich.

Wenn der Wolverine gegen sich selbst kämpfen muss, und das Treffen der Generationen einen Paradigmenwechsel im zukünftigen Paralleluniversum der Mutanten auslöst, ist der verletzliche, intime Kern der X-Men freigelegt. So berührbar und gleichzeitig unberührbar war schon lange kein Held mehr. So long, Logan!

Logan – The Wolverine

Die Insel der besonderen Kinder

INSEL DER (UN)SELIGEN

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besonderekinder

Das war doch klar, dass sich Kultregisseur Tim Burton in die Bücher von Ransom Riggs verlieben wird. Womöglich hat er das Buch nach der letzten Seite jauchzend auf seine Couch gepfeffert, zum Mobiltelefon gegriffen und sich bei seinem Management nach den Verfilmungsrechten des literarischen Stoffes erkundigt. Denn selten hat eine Vorlage wie Die Insel der besonderen Kinder in Stil, Inhalt und Aufmachung so sehr dem Themenspektrum Burtons entsprochen.

Wobei wir es bei diesem bemerkenswerten Genre-Mix mit etwas viel Abgründigerem zu tun haben als bei Burtons anderen Filmen. Die Geisterbahn-Version der X-Men ist verspielter Fantasygrusel im Stile gestriger, aber atmosphärischer Steampunk– und Gothic-Novels. Angefangen bei den bizarren Charakteren über die etwas konstruiert wirkende, aber in ihren Details originellen Idee der Zeitschleife bis hin zu augenlosen, grotesken Ungeheuern, die mit Vorliebe und am liebsten täglich die Augen begabter Kinder verzehren. Man sieht – Tim Burton darf sich wieder einmal austoben und aus seiner kreativen Quelle schöpfen. Die Insel der besonderen Kinder erinnert an vieles, was bereits die Filmwelt bereichern durfte. Die Hollows genannten Monster sind ein Crossover aus del Toro´s Pans Labyrinth und Marvel´s Spider-Man, hier kommt mir ganz besonders das zähnefletschende Monster Venom in den Sinn. Die bizarren Charaktere scheinen allesamt verwandt zu sein mit den Freaks aus Tod Brownings gleichnamigem Film, allerdings gesegnet mit weiterführenden Fähigkeiten, die sie das eine oder andere Mal, wenn auch eher ungeübt, einsetzen dürfen.

Wäre nicht Tim Burton am Werk, würde die Verfilmung von Ransom Riggs erstem von insgesamt 4 Romanen der phantastischen Gänsehautreihe nur Patchwork bleiben. Doch dank seiner Visionen hat alles, was auf dem Bildschirm auftaucht, eine eigene Handschrift. Ein bisschen Nightmare before Christmas, ein bisschen Dark Shadows, da Eva Green auch diesmal wieder die Hauptrolle verkörpern darf. Und natürlich auch ein bisschen Beetlejuice, da sich Stop-Motion-Fetischist Burton es sich nicht nehmen lassen wollte, auch hier wieder Handgetrickstes präsentieren zu dürfen. Natürlich nichts Gefälliges, sondern düsteren Budenzauber. Und dazwischen augenlose Opfer, die in ihrer Agonie vor sich hin brabbeln. Diese Fantasy kann bei jüngerem Publikum Albträume verursachen. Zwar hat zu Beginn alles den Anschein, als wären wir in einem Jugendroman a la Spiderwicks oder Narnia gelandet – doch spätestens, wenn Asa Butterfield – leider als Hauptrolle etwas sehr blass und mit der ganzen Szenerie sichtlich überfordert – die Zeitschleife betritt, wird das Ganze zum gespenstischen Marionettentheater für morbide Gemüter. Liebevoll gestaltet und märchenhaft, eine Welt, die Jack Skellington zu schätzen wüsste. Und wenn gegen Ende eine ganze Armee bewaffneter Skelette den Großangriff auf die stelzenartigen Augenfresser wagen, hat der Trash aus Mars Attacks und Armee der Finsternis Einzug gehalten. Stimmt, viele Querverweise und Vergleiche, die sich da aufdrängen und die ich da heranziehe. Aber dieses teils erzählerische, teils wüste, dunkle Kasperltheater lässt sich tatsächlich schwer irgendwo einordnen, und wirkt wie eine Hommage an die abgehobene Welt des schrägen Erfinders von Edward mit den Scherenhänden. Dabei ist es nicht sein bester Film, ganz und gar nicht. Eher wie eine rückblickende Werkschau, in der er alles zitiert, worauf er selber stolz zu sein scheint. Und ja, man sieht sowas gerne, vorausgesetzt, man kann – so wie ich – seinen Stil zu schätzen wissen. Schauspielerisch tritt die Besetzung deutlich hinter dem mehr oder weniger gewollt konstruierten Szenario zurück. Einzig Samuel L. Jackson als entstellter Freak genießt sichtlich sein sekkant-bösartiges Spiel.

Unterm Strich ist Die Insel eine wild zusammengewürfelte Mottenkiste voller alter, merkwürdiger Fotografien und allerhand kuriosem Getöse. Wie ein Flohmarkt in einer Familiengruft – neugierig machend, erlebenswert und erschreckend, aber vernäht und zum großen Ganzen zusammengeflickt wie Frankensteins Monster. Interessant und nicht übel, aber aufs Augenscheinliche reduziert, ohne zu berühren. Immerhin – X-Men ohne Bumm und Krach, dafür aber mit nostalgischem Steampunk-Grusel.

 

 

Die Insel der besonderen Kinder