Deadpool 2

BEKENNTNISSE EINES KAMIKAZE-COMIKERS

7/10

 

deadpool2© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAVID LEITCH

MIT RYAN REYNOLDS, JOSH BROLIN, T.J. MILLER, MORENA BACCARIN, JULIAN DENNISON, ZAZIE BEETZ, EDDIE MARSAN U. A.

 

Messianische Wiedererweckung ist für diesen Lazarus kein Thema. Waschbär Rocket würde mit ihm gut und gerne abhängen, ist der Guardian of the Galaxy doch der einzige aus dem Marvel-Universum, der ein ähnliches Großmaul hat wie der unkaputtbare Wade Wilson, seines Zeichens eine coole Socke, hauteng eingezwängt in eine ebensolche rot gefärbte, mit allerhand Equipment um die Lenden und nichts mehr zu verlieren. Zumindest nicht mehr sein Leben, denn der schlimme Finger mit dem Schandmaul und temporärer ADHS ist zwar unheilbar an Krebs erkrankt, hat sich aber aufgrund seiner Bereitschaft zum Versuchskaninchen eine Auszeit von Tod und Verderben gekrallt, Ablaufdatum unbefristet. Und man kann ihn hauen, ihn treten, oder seine Visage zerkneten, ihn halbieren oder in die Luft sprengen – der sarkastische Schwertmeister und Ex-Soldat ist das unverschämteste Stehaufmännchen unter der Sonne einer in Panels festgehaltenen Welt. Ähnlich einem Zombie, nur braucht Wilson kein Blut, sondern Input für seinen üblen Wortschatz und ein stetes Update, was die Popkultur betrifft, denn ohne Seitenhiebe auf hippe Klassiker aus Film, Musik und Fernsehen wäre Deadpool nur der halbe Rotzbub, der er ist. Zugegeben, da wird selbst Steven Spielberg mit seinem unlängst erschienenen Ready Player One etwas kleinlaut, denn es bleibt unsicher zu sagen, welcher von den beiden Filmen nicht mehr Bild- und Wortzitate vom Stapel lässt. Das jüngere Publikum wird auch hier zwar mitlachen, aber eher ratlos.

David Leitch, der mit Atomic Blonde eine wirklich sensationell aparte Charlize Theron ins geheimdienstliche Berlin der 80er Jahre geschickt hat, wird in der Inszenierung von Deadpool 2 sicherlich großen Spaß gehabt haben. Und nicht nur er. Für Ryan Reynolds ist Deadpool ohnehin ein Herzensprojekt, der Lieblingskuschelheld, ein treues Alter Ego, verloren irgendwo im X-Men-Universum. Dass der Freddy Krüger unter den Superhelden bereits seinen Auftritt in X-Men Origins: Wolverine gehabt haben soll – daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Der irre Charaktermix aus dem eingangs bereits erwähnten Waschbären Rocket, Beverly Hills Cop, der Braut aus Kill Bill und Schimpfbär Ted ist gleich einem Schweizer Taschenmesser überall einsetz- und zweckentfremdbar. Diese Geschmeidigkeit, gepaart mit der Dauerbefeuerung deftiger Kalauer meist unterhalb der Gürtellinie weiß das wenig zartbesaitete Zielpublikum mittlerweile gut und gerne zu schätzen. Das haben wir beim bahnbrechenden Erfolg des ersten Teils schon gesehen. Und Teil 2 wird unter dieser Rezeptur nicht weniger die Kassen klingeln lassen. Dabei ist das Sequel ohnedies deutlich lässiger und witziger geworden. Klar lässt die Anspannung nach, wenn man weiß, dass das Einmaleins des roten Rächers aufgeht. Etwas mühsam wird es dann, wenn der neurotische Charakter jeden Gedanken verbalisiert. Deadpool schert sich um nichts, ist dadurch aber auch eine relativ anstrengende Figur, die man im echten Leben womöglich nur in sehr konzentrierten Dosen vertragen kann.

In seiner Hassliebe zu den X-Men gründet er die X-Force, um einem impulsiven brandgefährlichen Jungspund Herr zu werden, der, einst im Waisenhaus für Mutanten misshandelt, Rache üben will. Im Grunde ist damit die ganze Geschichte erzählt, die tatsächlich als relativ dünner roter Zwirn durch eine komödiantische Revue für Erwachsene führt, die zwischendurch mit furioser Action unterhält und da und dort mal in überzeichneter Brutalität Blut spritzen lässt. Moment, da wäre aber noch Workaholic Josh Brolin, der zurzeit in fast jedem Film mitzuwirken scheint, in Deadpool 2 aber seiner Figur des Zeitreisenden Cable die platten Attitüden eines Dolph Lundgren aus Universal Soldier verleiht. Mit seiner eigenen Performance des Thanos kann er da nicht mehr mithalten. Das können aber die meisten hier nicht, ausgenommen die aparte Newcomerin Zazie Beetz als Domino und  natürlich Bürohengst Peter, der sich dem Superhelden-Cast nur spaßhalber stellt. Der zusammengewürfelte Haufen fragwürdiger Einzelkämpfer erinnert an die Selbsthilfegruppe aus der charmanten Antihelden-Parodie Mystery Men mit Ben Stiller. Mit derart schrägen Einfällen trifft Deadpool 2 tatsächlich vermehrt ins Schwarze. Die Gagparade macht enormen Spaß, die noch dazu mit fetzigem Sound und alten Hadern untermalt als saucoole Performance durchgeht, die aber weder nachhaltig berührt noch lange in Erinnerung bleibt. Dafür auf der Habenseite: Mehrmals-Sichtung ohne Abnützungserscheinungen.

Deadpool 2 ist Comic-Kabarett fürs nerdige Bierzelt, die Stinkefinger-Antwort auf Wolverine und akkurat aufrichtige Gutmensch-Helden mit Stil. Der ist für Deadpool tatsächlich nur das Ende des Besens. Und für den Moment und für nichts anderes hat der Fan außerdem mal das Gefühl, sich selbst so ziemlich reuelos nichts scheissen zu müssen.

Deadpool 2

Logan – The Wolverine

ÜBER DIE KLINGEN GESPRUNGEN

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logan

„Ein X-Men-Drama, wie Sie es noch nie gesehen haben!“ So spricht Regisseur James Mangold vor der Premiere, um seinen neuesten Film zu promoten, an dessen Drehbuch er sogar selbst mitgeschrieben hat. Neben solchen Interviews und einem überzeugenden Trailer, der so richtig Endzeitstimmung erzeugt, hat man bei Logan – The Wolverine weitestgehend darauf verzichtet, einen Hype loszutreten, der dem Film womöglich nur geschadet hätte. Und tatsächlich war es gut so. Und tatsächlich – um auf den Kommentar Mangold´s zurückzukommen – ist der dritte und letzte Teil der Wolverine-Trilogie nicht nur die gelungenste Episode seiner Reihe, sondern auch neben The First Avenger: Civil War mit Abstand das Beste, was Marvel in letzter Zeit in die Kinos gebracht hat. Und ja – so haben wir Comics auf der Leinwand tatsächlich noch nicht gesehen.

Mangolds bittere Mutantenballade ist weit entfernt von einem martialischen Effektgewitter, wie es uns The Avengers oder der leider eher missglückte X-Men: Apocalypse dargeboten haben. Sein düsteres Endzeitepos erinnert viel mehr an die unterschwellig bedrohlichen Momente aus James Cameron´s Terminator II, an zynische Italowestern, dreckige Junkie-Dramen aus dem Independentkino oder gar an die Postapokalypse eines Mad Max. Hier fehlt, was man im Blockbusterkino sonst so an Bilderstürmen bewundern kann – und gerade durch diese Abstinenz und durch die Betonung von Schauspiel, Setting und Stimmung entwickelt sich ein packendes Actiondrama, dessen Sogwirkung man sich nur schwer entziehen kann. Mangold, Hugh Jackman und der stets angenehm intellektuell wirkende Patrick Stewart (ja, auch in seiner Altersrolle) vereinen sich vor allem in den ersten zwei Dritteln des Filmes zu einem nihilistischen Abgesang aller nur erdenklichen Heldenmythen. Die Mutanten sind bis auf wenige einzelne ausgerottet, die Besonderheiten einer Gen-Mutation sind einer faschistoiden Wissenschaft zum Opfer gefallen, die sich einer nationalsozialistischen Euthanasie verschrieben hat. Schlimmer kann es in Logan kaum mehr kommen. Und so ist auch unsere titelgebende Hauptperson am unteren Ende einer erfüllenden Restexistenz angelangt, gemeinsam mit Charles Xavier, dem großen Begründer der Mutantenschule, der nur noch vor sich hin fantasierend in einem abgewrackten Silo irgendwo im Nirgendwo versteckt wird und aufs Ableben wartet. Inmitten all der Sinnlosigkeit erweckt das junge, verstörte Mädchen Laura zwangsläufig neue Lebensgeister im Rest der alten Riege der X-Men. Und ähnlich wie der junge John Connor aus Terminator wird auch dieses besondere Kind von einer nicht einschätzbaren Übermacht bis an die Grenzen des Erträglichen gejagt. In diesem Fall ist es eine marodierenden Cyborg-Gang, die allem, was anders ist, ans Leder will. Wolverine und seine wenigen Leidensgenossen wehren sich bis aufs Blut – und dieses spritzt ungewöhnlich oft und sichtbar gurgelnd durchs Bild.

Logan – The Wolverine geht ans Eingemachte und erreicht in seinen brillant choreographierten Kampf- und Meuchelszenen die künstlerisch überhöhte, ultrabrutale Intensität des indonesischen Martial Arts-Thrillers The Raid. In der definitiv nichts für Zuseher jüngeren Geburtsdatums geeigneten Blutoper rollen Köpfe und dringen scharfgeschliffene Messerkrallen aus jedem nur erdenklichen Winkel in Gesicht und Körper. Das mag zwar für das X-Men-Universum ein völlig unerwartetes und unerhörtes Rating nach sich ziehen – James Mangold schafft seine Überhöhung der Gewalt perfekt in den Kontext seiner Erzählung einzubetten und in keiner Szene auch nur deren Notwendigkeit über Gebühr zu strapazieren. Quentin Tarantino gelingt dies ebenso. Auch Zac Snyder in 300 ist dies gelungen. Der sich ergießende Lebenssaft ist unverzichtbarer Protagonist des Fantasythrillers und ist wie bei The Raid vielmehr Gestaltungselement als trashiger Splatter. Wer das aushält, und sich dem schmerzhaften Schicksal seiner gestrandeten Figuren hingibt, wird mehr als belohnt. Das komplex erzählte, stringente und atmosphärische Requiem auf den Comic-Kult der X-Men ist ein durchdachtes, intimes Meisterwerk mit Symbolcharakter und hat vielleicht auch Pionierstatus. Findet der Film an den Kinokassen vor allem lukrativen Gefallen, könnten manch andere Nachzügler aus dem Comic-Genre vielleicht ganz anders aussehen als bisher und sich von ihrer mittlerweile stetigen Schablonenhaftigkeit verabschieden. Logan legt im erzählerischen Bereich für andere Regisseure die Latte höher als bislang und fordert geradezu auf, mehr Wert auf den Charakter ihrer „Helden“ zu legen als nur die volle Breitseite an kurioser Action zu verpulvern. Der sympathische Hugh Jackman ist wie immer vor allem grandios geschminkt, und die junge Schauspielerin Dafne Keen alias Mutantin Laura wird mit Sicherheit in Zukunft öfters auf der Leinwand zu sehen sein. Ihr wildes, ungestümes, natürliches Spiel ist beeindruckend und gibt dem wüsten, archaischen Roadmovie einen noch unberechenbareren Anstrich.

Wenn der Wolverine gegen sich selbst kämpfen muss, und das Treffen der Generationen einen Paradigmenwechsel im zukünftigen Paralleluniversum der Mutanten auslöst, ist der verletzliche, intime Kern der X-Men freigelegt. So berührbar und gleichzeitig unberührbar war schon lange kein Held mehr. So long, Logan!

Logan – The Wolverine