A Ghost Story

PSYCHOGRAMM EINER SEELE

9/10

 

aghoststory© 2017 Universal Pictures GmbH

 

LAND: USA 2017

REGIE: DAVID LOWERY

CAST: CASEY AFFLECK, ROONEY MARA, MCCOLM CEPHAS JR., KENNEISHA THOMPSON U. A. 

 

Ehrlich gestanden habe ich die Sichtung von David Lowerys Streifen A Ghost Story lange Zeit hinausgezögert. Was ich erwartet hatte, wäre ein in Gedankenwelten zurückgezogenes Trauerdrama gewesen, auf eine Art, mit welcher sich Terrence Malick gerne identifiziert: bis zum Bersten voll mit inneren Monologen, bedeutungsschwer, so philosophisch wie esoterisch. Irgendwann hat Malick da nicht mehr die Kurve gekriegt, seine Filme wurden zu gedehnten, handlungsarmen Exkursen, prätentiös bis dorthinaus. A Ghost Story, so dachte ich mir, teilt ein ähnliches Schicksal. Doch wie sehr kann man sich täuschen. Spätestens zu Allerheiligen war dann doch Zeit (Ich passe meine Filmauswahl durchaus gerne an gesellschaftliche Ereignisse an), A Ghost Story von der Watchlist zu streichen. Und es war eine gute Entscheidung: Lowerys Film ist ein Erlebnis, oder sagen wir gar: eine Begegnung der dritten, der anderen Art. Ein Film über Geister, wie ihn so womöglich noch keiner gesehen hat. Denn das Paranormale ist hier weit davon entfernt, den Lebenden an den Kragen zu wollen wie in knapp 90% aller Geistergeschichten im Kino. Wer sich an Furcht und Schrecken laben, wer den Adrenalinpegel erhöhen will, der muss sich andere Filme ansehen – nur nicht A Ghost Story. Und das ist gut, sehr gut sogar. Wie erlösend, sich dem Wesen eines Geistes zu nähern, ohne dass das Blut in den Adern gefriert, wenngleich das zaghaft Unheimliche neugierig darauf macht, sich mit den Dingen jenseits von Himmel und Erde näher zu befassen: Was ist ein Geist, was bleibt von der Person, die er im Laufe seines Lebens war, und welche Rolle spielt die Zeit?

Vergessen wir einfach Ghost – Nachricht von Sam. Der von Jerry Zucker inszenierte Blockbuster aus den frühen Neunzigern hat Patrick Swayze erfahren lassen, was es heißt, zwar tot zu sein, aber noch nicht ins ewige Licht gehen zu können. In A Ghost Story ist es Casey Affleck, der bei einem Autounfall ums Leben kommt, nicht als Toter, sondern als Seele erwacht und in ein Leichentuch gehüllt durch das immer fremder werdende Diesseits wandelt, mit dem Ziel, zurückzukehren ins Zuhause, wo Rooney Mara über ihn trauert. Da steht er nun, verharrt zwischen seinen vier Wänden, blickt durch zwei schwarze Augenlöcher durch die Gegend und auf den Menschen, der ihm wichtig war. Er ist ein Gespenst, die Essenz eines Individuums, die Idee eines Ichs. Wie viel davon bleibt? Weiß der Geist, wer er ist? Weiß er, was er hier tut? Und wie nimmt er den Lauf der Dinge wahr, der zwangsläufig erfolgen muss, in dieser entropischen Dimension. Der Geist selbst ist diesem Verfall erhaben. Wir sehen ihm zu, wie er anderen zusieht, die kommen und gehen. A Ghost Story ist keine Trauermär, kein Bewältigungsprozess – viel mehr ein Überwältigungsprozess, der zum Ziel hat, alles Irdische abzustreifen. Lowerys Symbolsprache, seine Wahl auf die simpelste Ikonographie, die ein Gespenst haben kann, nämlich ein weißes Bettlaken und zwei Augen, die setzt auch den Begriff Geist auf seine Starteinstellungen zurück. Dabei gewandet er dieses Psychogramm in eine stille Ode an die Vergänglichkeit, an die Erinnerung und das Vergessen. Tatsächlich weilt dieses lakonische Meisterwerk meist jenseits irgendeiner Sprache. Der Geist schaut stumm, und so schaut auch seine Umgebung größenteils stumm auf ihn zurück. Mitunter schafft er es, sich bemerkbar zu machen – dieser Schritt ins Übersinnliche, näher zu unserem eigenen verschwindenden Glauben an das Spitituelle, kommt uns seltsam bekannt vor. Es sind Geräusche, mehr nicht. Sie scheinen wichtiger als das gesprochene Wort, und wenn Lowerys namenlose Personen sprechen, dann tun sie das gebündelt, dann philosophieren sie über den temporären Wert unseren sinnhaften Tuns.

A Ghost Story ist eine cineastische Erfahrung, eine wunderschöne Meditation zwischen Leben und Tod, und seltsamerweise eine Liebeserklärung an das Endenwollende. Im Bildformat 4:3, mit abgerundeten Kanten und der Optik eines am Dachboden wiederentdeckten Super 8-Films wirkt das Drama noch mehr wie das Tor in eine andere Welt, die wiederum durch den Geist in unsere eigene blickt und in welcher Zeit nur Mittel zum Zweck ist, dem Drängen nach etwas Unerledigtem nachzugehen. Alles ist subjektiv, auch die Wahrnehmung des Endes. Das und eigentlich noch viel mehr weiß die einsame Seele, und lässt uns zumindest einen Blick auf eine völlig unerwartete Wahrheit erhaschen.

A Ghost Story

Das Haus der geheimnisvollen Uhren

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

4/10

 

House With A Clock In Its Walls© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

ORIGINAL: THE HOUSE WITH A CLOCK IN ITS WALLS

LAND: USA 2018

REGIE: ELI ROTH

CAST: JACK BLACK, CATE BLANCHETT, KYLE MACLACHLAN, OWEN VACCARO U. A.

 

Jeder, der auch nur irgendwie im Englisch-Unterricht aufgepasst hat, wird um die meisterhafte Erzählung Edgar Allan Poe´s, nämlich The Tell-Tale Heart, nicht herumgekommen sein. In dieser äußerst gruseligen Geschichte, auf Deutsch Das verräterische Herz, treibt das Pochen desselbigen einen Mörder in den Wahnsinn. In einen ähnlichen Geisteszustand soll das Ticken einer verhängnisvollen Uhr die Bewohner einer alten Zauberervilla versetzen. Des Nächtens nämlich treibt das dröhnende, mechanische Pochen den Onkel des Waisenjungen Lewis aus dem Bett und in die weitläufigen, brockatgeschmückten Gänge, um dem Ursprung dieses vermaledeiten Geräuschs auf den Grund zu gehen. Dieser Onkel, gewohnt exaltiert und verschroben verkörpert von Jack Black, muss sich nach dem Tod seiner Schwester des 10jährigen Jungen annehmen. Ihm zur Seite: Cate Blanchett als stets in Zyklamen gekleidete, gutmütige Hexe. Lange können die beiden ihre Ambitionen vor dem hellhörigen Jungen nicht verbergen – und mit der Offenbarung einer bisher unbekannten Welt der Magie und des Phantastischen findet auch allerlei Ungemütliches ihren Einzug in das üppig ausgestattete Gemäuer, das ohne weiteres auch ehemaliger Besitz der Addams Family hätte sein können. Allein es fehlt Butler Lurch, der stets in erschreckend fahler Lethargie auf die Schwelle tritt. Diese Aufgabe übernimmt in Eli Roth´s Fantasygrusel ein altmodischer Fauteuil. Ganz nett, auch das von selbst klimpernde Klavier und die als Generali-Löwe zugeschnittene Hecke, die permanent unter Laubdurchfall leidet. Warum eigentlich nicht, zur Überbrückung bis zum kommenden Grindelwald-Verbrechen ein pittoresker Zeitvertreib. Doch der ehemalige Folterknecht Roth, der gerne ein bisschen das Gespür von Edgar Allan Poe oder R. L. Stine hätte und aus einer guten Laune heraus nur so ansatzweise Harry Potter und Konsorten zeigen will, wo der Zauberstab sonst noch geschwungen werden könnte, scheitert wieder mal ganz besonders an seiner Unfähigkeit, sein ambivalent kinderfreundliches Abenteuer dramaturgisch richtig zu timen.

Ich kenne leider John Bellair´s literarische Vorlage nicht, doch jene Geschichte, die Roth hier erzählt, bleibt in ihrem vermeintlichen Detailreichtum, der gar keiner ist, weit hinter Rowling´s Magierwelten zurück, mag vielleicht ein bisschen so sein wie Gänsehaut, kommt aber nie richtig in Schwung. Dafür tut der Cast, was er kann, um die holprige Regie auszugleichen. Jack Black und Cate Blanchett sind Professionisten nach Vertrag, Jungschauspieler Owen Vaccaro lässt sein Gefühlsspektrum zwischen Trauer, Furcht und Zuversicht auf Hochtouren laufen. Die Schauspieler sind also nicht das Problem – es ist die Dynamik einer windumtosten Nacht und seiner schlagenden Fensterläden. Mal herrscht Leerlauf, dann heult es wieder in den Ritzen und Sollbruchstellen baufälliger, aber bewohnbarer Denkmäler. Ähnlich verliert Das Haus der geheimnisvollen Uhren immer wieder an Energie, erarbeitet sich mühsam einen neuen Spannungsbogen, der aber nie so wirklich kommen will. Spooky wird es, das schon – jüngeres Publikum könnte versucht sein, bei begleitenden Erwachsenen Zuflucht zu suchen. Älteren wird das teils überzeichnet groteske Szenario, das im Wiederspruch zur oberflächlich auserzählten Story steht, leicht irritieren oder langweilen. Viel ältere werden den augenzwinkernden Retro-Zauber Der Rabe von Roger Corman mit den Horror-Ikonen Vincent Price und Boris Karloff vergeblich erhoffen – so kauzig-verspielt hätte ich mir die Uhren-Odyssee nämlich durchaus erwartet.

Ein Versuch war die Verfilmung des Schauerromans vielleicht aber sicherlich wert, nur Eli Roth scheitert auch wie zuvor bei Death Wish an dem Qualitätsanspruch, potenziell spannende Geschichten aus einem Guss zu erzählen. Das vergeblich ambitionierte Abarbeiten einzelner Szenen ist als wochentagsfüllendes Tageswerk allerdings permanent spürbar. So können Welten wie diese kaum fesseln, trotz Auferstehung der Toten. Kyle MacLachlan als wurmzerfressener Hexer ist wohl bildgewordenes Fazit des ganzen Streifens: irgendwie untot, manchmal sehr lebendig, aber gleichzeitig bar jeglicher Vitalität.

Das Haus der geheimnisvollen Uhren

Die Insel der besonderen Kinder

INSEL DER (UN)SELIGEN

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besonderekinder

Das war doch klar, dass sich Kultregisseur Tim Burton in die Bücher von Ransom Riggs verlieben wird. Womöglich hat er das Buch nach der letzten Seite jauchzend auf seine Couch gepfeffert, zum Mobiltelefon gegriffen und sich bei seinem Management nach den Verfilmungsrechten des literarischen Stoffes erkundigt. Denn selten hat eine Vorlage wie Die Insel der besonderen Kinder in Stil, Inhalt und Aufmachung so sehr dem Themenspektrum Burtons entsprochen.

Wobei wir es bei diesem bemerkenswerten Genre-Mix mit etwas viel Abgründigerem zu tun haben als bei Burtons anderen Filmen. Die Geisterbahn-Version der X-Men ist verspielter Fantasygrusel im Stile gestriger, aber atmosphärischer Steampunk– und Gothic-Novels. Angefangen bei den bizarren Charakteren über die etwas konstruiert wirkende, aber in ihren Details originellen Idee der Zeitschleife bis hin zu augenlosen, grotesken Ungeheuern, die mit Vorliebe und am liebsten täglich die Augen begabter Kinder verzehren. Man sieht – Tim Burton darf sich wieder einmal austoben und aus seiner kreativen Quelle schöpfen. Die Insel der besonderen Kinder erinnert an vieles, was bereits die Filmwelt bereichern durfte. Die Hollows genannten Monster sind ein Crossover aus del Toro´s Pans Labyrinth und Marvel´s Spider-Man, hier kommt mir ganz besonders das zähnefletschende Monster Venom in den Sinn. Die bizarren Charaktere scheinen allesamt verwandt zu sein mit den Freaks aus Tod Brownings gleichnamigem Film, allerdings gesegnet mit weiterführenden Fähigkeiten, die sie das eine oder andere Mal, wenn auch eher ungeübt, einsetzen dürfen.

Wäre nicht Tim Burton am Werk, würde die Verfilmung von Ransom Riggs erstem von insgesamt 4 Romanen der phantastischen Gänsehautreihe nur Patchwork bleiben. Doch dank seiner Visionen hat alles, was auf dem Bildschirm auftaucht, eine eigene Handschrift. Ein bisschen Nightmare before Christmas, ein bisschen Dark Shadows, da Eva Green auch diesmal wieder die Hauptrolle verkörpern darf. Und natürlich auch ein bisschen Beetlejuice, da sich Stop-Motion-Fetischist Burton es sich nicht nehmen lassen wollte, auch hier wieder Handgetrickstes präsentieren zu dürfen. Natürlich nichts Gefälliges, sondern düsteren Budenzauber. Und dazwischen augenlose Opfer, die in ihrer Agonie vor sich hin brabbeln. Diese Fantasy kann bei jüngerem Publikum Albträume verursachen. Zwar hat zu Beginn alles den Anschein, als wären wir in einem Jugendroman a la Spiderwicks oder Narnia gelandet – doch spätestens, wenn Asa Butterfield – leider als Hauptrolle etwas sehr blass und mit der ganzen Szenerie sichtlich überfordert – die Zeitschleife betritt, wird das Ganze zum gespenstischen Marionettentheater für morbide Gemüter. Liebevoll gestaltet und märchenhaft, eine Welt, die Jack Skellington zu schätzen wüsste. Und wenn gegen Ende eine ganze Armee bewaffneter Skelette den Großangriff auf die stelzenartigen Augenfresser wagen, hat der Trash aus Mars Attacks und Armee der Finsternis Einzug gehalten. Stimmt, viele Querverweise und Vergleiche, die sich da aufdrängen und die ich da heranziehe. Aber dieses teils erzählerische, teils wüste, dunkle Kasperltheater lässt sich tatsächlich schwer irgendwo einordnen, und wirkt wie eine Hommage an die abgehobene Welt des schrägen Erfinders von Edward mit den Scherenhänden. Dabei ist es nicht sein bester Film, ganz und gar nicht. Eher wie eine rückblickende Werkschau, in der er alles zitiert, worauf er selber stolz zu sein scheint. Und ja, man sieht sowas gerne, vorausgesetzt, man kann – so wie ich – seinen Stil zu schätzen wissen. Schauspielerisch tritt die Besetzung deutlich hinter dem mehr oder weniger gewollt konstruierten Szenario zurück. Einzig Samuel L. Jackson als entstellter Freak genießt sichtlich sein sekkant-bösartiges Spiel.

Unterm Strich ist Die Insel eine wild zusammengewürfelte Mottenkiste voller alter, merkwürdiger Fotografien und allerhand kuriosem Getöse. Wie ein Flohmarkt in einer Familiengruft – neugierig machend, erlebenswert und erschreckend, aber vernäht und zum großen Ganzen zusammengeflickt wie Frankensteins Monster. Interessant und nicht übel, aber aufs Augenscheinliche reduziert, ohne zu berühren. Immerhin – X-Men ohne Bumm und Krach, dafür aber mit nostalgischem Steampunk-Grusel.

 

 

Die Insel der besonderen Kinder