Marty Supreme (2025)

STRESSED FOR SUCCESS

9/10


© 2026 Tobis Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOSH SAFDIE

DREHBUCH: RONALD BRONSTEIN, JOSH SAFDIE

KAMERA: DARIUS KHONDJI

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, GWYNETH PALTROW, ODESSA A’ZION, KEVIN O’LEARY, TYLER OKONMA, ABEL FERRARA, FRAN DRESCHER, KOTO KAWAGUCHI, SANDRA BERNHARD, EMORY COHEN, FRED HECHINGER, PHILIPPE PETIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Vielleicht muss man Tischtennis lieben, um mit Marty Supreme etwas anfangen zu können. Vielleicht muss man selbst mal Tischtennis gespielt haben, weit über den Status eines sommernachmittäglichen Ping-Pong-Spiels hinaus, ohne Match, ohne Zählen, ohne das bange Steigern bis zur 21 hin, denn da endet der Satz, und ein neuer kommt. Das Spielfeld ist überschaubar, der Ball viel kleiner als beim Tennis; es sieht zwar nicht so aus, als würde man sich groß verausgaben, doch der Schein trügt tatsächlich. Tischtennis erfordert die Beherrschung einer Technik bis zur Perfektion. Es gibt gefühlt tausende Möglichkeiten, wie der kleine Hartplastikball aufkommen und abprallen kann, und gefühlt tausend Möglichkeiten, wie man ihn annimmt. Eine von tausend ist die richtige, alles andere nur Glück. Man schwitzt, man keucht, man verrenkt und verdreht seinen Körper. Über allem: Hohe Konzentration, Fokus auf den Ball. Dieser mag weiß sein oder, wie bei Marty Supremes Spezialausgabe, eben Orange.

Marty gegen den Rest der Welt

In dieser Welt ist der auf einer wahren Biografie beruhende Marty Mauser ein Virtuose, lediglich die Japaner machen ihm bei einem wegweisenden Turnier in London einen Strich durch die Rechnung. Einer wie Marty kann sowas nicht auf sich sitzen lassen, will Weltmeister werden, will alles. Und noch viel mehr. Was muss er dafür tun? Das nötige Kapital für eine Teilnahme der Meisterschaften in Japan zusammenkratzen. Klingt extrem nach Sportfilm? Könnte man meinen. Doch wenn man einen Charakter wie Marty Mauser vor sich hat, weiß man: Dieser junge Herr, der es wie Theo gegen den Rest der Welt aufnehmen kann, der von sich selbst so sehr überzeugt ist, es als einziger auf diesem Planeten verdient zu haben, Ruhm zu erlangen – dieser junge Mann wird seinen Stressfaktor so hochschrauben, bis seine Wachsflügel Marke Ikarus die Sonne selbst herausfordern. Und so viel Stress, das kann nur eines sein: Ansteckend, mitreissend, da wird Atemholen zur Atemnot. Und ab und an vergisst man darauf, die Lungen zu blähen, weil einem die Luftzufuhr stockt, weil Marty wieder den Ball auflegt, am Ball bleibt, den Ball verliert, ihm nachjagt, immer und immer wieder.

Dann ist dieser Ball plötzlich kein rundes Ding mehr, keine Miniaturwelt, sondern er selbst in dieser Sphäre gefangen, die aus so vielen Faktoren besteht, die ineinandergreifen. Irgendwann geht’s gar nicht mehr um Tischtennis. Das, um die weniger sportaffinen zu beruhigen, wird wohl die meiste Laufzeit des überbordenden Films einnehmen – das Nicht-Sportliche, die unruhige Suche nach dem Mammon, nach den richtigen Leuten mit Einfluss, nach der Rechtfertigung eines solchen Egos, und weniger nach Verantwortung, Liebe, Geborgenheit und natürlich Werten, die nachhaltiger sind als die Nummerntafeln am Spielfeldrand eines Tischtennisturniers.

Im freien Fall wie eine Katze

Die Brüder Josh und Bennie Safdie haben sich getrennt, weswegen auch immer. Kreative und moralische Differenzen womöglich. Der eine, Bennie, hat sich Dwayne Johnson angenommen und ihn mit The Smashing Machine als Catcher ins Scheinwerferlicht eines Rings gerückt. Ein schaumgebremstes Stück Sportbiografie ohne Extras, dafür mit Extra Haarpracht für The Rock. Der andere, Josh Safdie, wird als der eine von beiden wohl schon immer das Zepter der Dramaturgie geschwungen haben. Er wird gewusst haben, auf wie vielen Ebenen sich Dialoge aufsplitten lassen, wie viele Figuren gleichzeitig aufeinander einreden können, ohne dass die Regie dem Chaos erliegt und nichts mehr geht. Josh Safdie hat mit seinem Marty Supreme alle Trümpfe behalten. Wie er Timothée Chalamet in den freien Fall befördert und ihm dabei zusieht, wie er während dieses Falls alles Menschenmögliche an sich rafft, um mit beiden Beinen aufzukommen, grenzt an draufgängerische Dreistigkeit und spiegelt so die Haupteigenschaft des Charakters.

Anpassung eines Unangepassten

Marty Supreme lässt die Faktoren eines Schicksals, das aus grimmigen Kausalitäten besteht und sich verästelt wie ein Gewitterblitz, aufeinanderprallen, überlagert sie wie Zwölftonmusik. So manches Wortgefecht wird zum hysterischem Konflikt – Marty Supreme ist laut und zeternd und ringend um Klarheit, dabei niemals ringend um den roten Faden, der sich durch dieses gehetzte Psychogramm zieht. Mittendrin plötzlich einer wie Abel Ferrara als hundeliebender Finsterling oder Kevin O’Leary als Alphamann mit Einfluss und reichlich Potenzial für Spott. Ihnen begegnet Chalamet stets auf unterschiedliche Weise, doch selten so wie Leonardo DiCaprio in The Wolf of Wall Street oder Catch Me if You Can. Chalamet ist da noch einen Tick fragiler und gleichzeitig amorpher, seine Anpassungsfähigkeit ist erstaunlich und funktioniert, weil er eben genau das nicht tut: sich anzupassen. Weit weg von Scorsese und Spielberg ist Marty Supreme positioniert, diese anarchische Wildheit trauen sich die beiden Regiestars wohl gar nicht mehr zu, weil sie bereits dermaßen etabliert sind. Josh Safdie aber komponiert seinen Urban-Survival-Thriller fast intuitiv, verkopft sich nie, fühlt die Geschichte und umgekehrt fühlt sie ihn.

Zwischen den Matchbällen

Oscar-Filme sind überraschenderweise wirklich nur in seltenen Fällen nicht die Mühe wert, sie zu nominieren. Marty Supreme hat diesen Ehrgeiz und diesen Eifer in sich, sowohl schauspielerisch als auch inszenatorisch und überhaupt auch, was den Sport betrifft. Dieses Mehrwollen, den Hals nicht voll kriegen; dieses fiebernde Streben nach Erfolg bugsiert diese Tischtennisnummer bis über den Spieltischrand hinaus in schweißtreibende Höhen. Es kommt der Punkt, da geht es nicht höher, und genau diese Neuerdung einer Figur wie jene des Marty Mauser ist der heilende Prozess, um die Dinge klarer zu sehen. Die Welt zwischen Egomanie und Zufriedenheit. Zwischen Lebensziel und Lebensglück.

Ein prachtvoll-derber, schmutziger Schinken also, obszön und liebevoll. Und mag man Tischtennis, gibt’s die Spannung beim Aufschlag obendrauf. Für alle anderen ist der Sport dann nur Platzhalter für ein Können, das uns wettbewerbsfähig macht. Fragt sich nur zu welchem Preis.

Marty Supreme (2025)

Until Dawn (2025)

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

5/10


© 2024 Screen Gems, Inc. and TSG Entertainment II LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: DAVID F. SANDBERG

DREHBUCH: GARY DAUBERMAN, BLAIR BUTLER

CAST: ELLA RUBIN, MICHAEL CIMINO, JU-YOUNG YOO, ODESSA A’ZION, BELMONT CAMELI, MAIA MITCHELL, PETER STORMARE U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Ist das letzte Körnchen Sand durchgerieselt, klingelt der Wecker erneut bei allen, die die Nacht davor ins Gras gebissen haben. Guten Morgen zur Nachtschicht, könnte man sagen, denn Until Dawn schickt seine unfreiwilligen Kandidaten ins Rennen um die Vorherrschaft der nächsten ersten Sonnenstrahlen. Wer bis dahin überlebt, ist fein raus und kann nach Hause. Wer das nicht tut, den weckt zwar nicht I got you Babe wie in Täglich grüßt das Murmeltier, sondern die immer gleiche Situation zu Beginn der Nacht, wenn die Sanduhr sich dreht und das Rieseln erneut beginnt.

Dieses Spiel aus der Playstation-Familie ist längst Kult, und ja, das Konzept verspricht Challenge genug, um dranzubleiben. Überhaupt sind Horrorspiele die bequeme Alternative zur Geisterbahn im Prater oder zum ausgesuchten Escape-Room, in welchem vielleicht der eine oder andere Schausteller den Ghul mimt. Hier aber sind es Wendigos, zumindest behauptet das der Film. Wenn man es genauer nimmt, gilt die Begrifflichkeit für mythologische, Waldwesen, die aufgrund des Verzehrs von Menschenfleisch verdammt sind, immer mehr davon zu essen, ohne jemals ihren hunger zu stillen. Viel genauer nimmt es dabei Coopers Folk-Horror Antlers, der den Steckbrief dieser Kreatur ganz genau gelesen hat. Was in Until Dawn aber kreucht und fleucht und seine spitzen, blutverschmierten Zahnreihen wetzt, sieht eher aus wie ein waschechter Ghul, blass und gespenstisch und räuberisch. Man kann die I-Tüpfel-Reiterei gerne außen vor lassen und den Begriff Wendigo mit Schulterzucken hinnehmen – nicht aber die geistige Konstitution von vier jungen Erwachsenen, die den Schrecken der Spirale des Grauens hinnehmen, als müssten sie lediglich am Samstagvormittag nachsitzen.

Zu Beginn wirft uns der Film, den David F. Sandberg zu verantworten hat und der sich mit Horror schließlich auskennt, da er Filme wie Lights Out oder Annabelle inszeniert hat, in die potenziell psychopathische Provinz, in der Clover (Ella Rubin, Gossip Girl) mit ihrem Freundeskreis inklusive Ex nach ihrer seit einem Jahr vermissten Schwester sucht. Natürlich haben alle weder Tanz der Teufel noch The Cabin in the Woods gesehen, denn sonst könnten sie bereits erahnen, dass dieser Tante-Emma-Laden samt merkwürdigem Besitzer einfach nichts Gutes bedeutet. Der Mann – Peter „Fargo“ Stormare – spart nicht mit guten Ratschlägen, denen die Gruppe auch folgt, womit wir kurzerhand im Haus des Grauens wären, in welchem Nacht für Nacht ein maskierter Killer die Jungschar dezimiert. Der aber ist nicht das einzige Problem, dass die Fünf daran hindert, den neuen Tag zu erleben. Hexen, Wendigos (bleiben wir dabei) und toxische Flüssigkeiten machen die Nacht zur Hölle, während niemand es wagt, sich dem Grauen entgegenzustellen.

Eigene Pläne zu schmieden oder Improvisation in Momenten der Not könnten in Zeiten von KI, die einem sowieso alles Denken abnimmt und sich dabei ins nicht vorhandene Fäustchen lacht, immer schwieriger werden. In Until Dawn ist der träge Geist der jungen Leute der wohl schlimmste Feind. Es heisst zwar immer, alle müssen an einem Strang ziehen – letztlich tut es niemand. Oder braucht es für ein Team immer einen Leader? Wie schwer ist Demokratie in der Katastrophe und warum ist die Psyche der Protagonistinnen und Protagonisten so dermaßen resilient, dass sie diesen Wahnsinn einfach immer wieder wegstecken? Der psychologisch undurchdachte Film kann wohl auch nicht anders, als dem Playstation-Spielekonzept treu zu bleiben und einen Plot zu entwickeln, der wenig plausibel scheint. Anders als in Escape Room von Adam Robitel hat Sandberg hier den Drang, alles erklären zu müssen, während der Horror in Filmen meistens dann stärker wird, wenn alles oder zumindest das Meiste ein Mysterium bleibt.

Abgesehen von einem sehr stimmigen, raffiniert beleuchtetem Creature Design und einem angenehm schaurigen Spukhaus-Setting, das wohl ganz der Vorlage entspricht, kommt das wenig überzeugende Schauspielensemble nie wirklich in die Gänge. Farblose Charaktere, die sich letztlich abstrampeln – und irgendwann weiß man, und das schon sehr früh, wie der Horror enden wird. Zwischen Young Adult-Mystery und beinhartem Sam Raimi-Horror hat sich Sandberg doch eher für erstere entschieden, obwohl erstaunlich viel Blut fließt und die explizite Gewalt ordentlich wütet. Man merkt, daran liegt es nicht, ob ein Genrefilm das Rennen macht oder nicht. Es liegt wohl eher im Grauen, dass sich in den Augen derer spiegelt, die ihn erleben. In Until Dawn sieht man davon wenig.

Until Dawn (2025)