Mr. Long

KOCHEN UND KILLEN

8/10

 

mrlong© 2017 Rapid Eye Movies

 

LAND: JAPAN, TAIWAN 2017

REGIE: SABU

CAST: CHANG CHEN, YI TI YAO, RUN-YIN BAI, RITSUKO OHKUSA U. A.

 

Wortkarg, auf leisen Sohlen, und 100% tödlich: Eigenschaften, die Profikiller haben sollten, um ihren Job zu machen. Dieses Knowhow besitzt Leon – der Profi genauso wie die zwangsrekrutierte Nikita oder die Filmfiguren eines Takeshi Kitano. Oder eben Mr. Long, dessen wirklicher Name ein Geheimnis bleibt und der noch weniger spricht als Jean Reno in seiner besten Rolle. Mr. Long sagt eigentlich gar nichts, killt und verschwindet. Die Aufträge, die er annimmt, erfüllt er ungefähr genauso mit blutiger Raffinesse wie Denzel Washington als Equalizer, der schon so manchen Antagonisten mit Bleistift oder Löffel unter die Erde gebracht hat. Mr. Long greift aber gern zum Messer. Was für eine Sauerei danach, aber um die sollen sich andere kümmern. Bis plötzlich einer der Aufträge, für den er nach Japan reist, seltsam misslingt, als hätte die Zivilperson gewusst, dass das Unheil auf leisen Sohlen sich seiner annehmen wird. Der stoische Taiwanese wird verletzt, kann flüchten, die Häscher hinter ihm her – und versteckt sich zwischen den Bungalows einer brach liegenden Wohnsiedlung.

Das wäre, so könnte man sagen, dass Ende einer Karriere, würde da nicht ein kleiner Junge auf der Bildfläche erscheinen, der sich bemüßigt sieht, der blutenden Gestalt in der Gosse helfend die Hand zu reichen. Ein Schutzengel. Oder Fügung des Schicksals. Doch warum nur? Mr. Long lässt sich natürlich helfen, muss also zusehen, wie ihm geschieht, bekommt gar nicht so richtig auf die Reihe, welche Amnestie ihm da zuteilwird. Und er beginnt, während er genest, zu kochen. Suppen vor allem, und der kleine Junge, der isst mit. Sowas wie Freundschaft lässt sich erahnen. Doch ob Mr. Long zu so etwas fähig ist, lässt sich nicht erkennen. Klar wird nur, dass der Junge auch seine drogensüchtige Mutter mit ins Spiel bringt, und überhaupt wird noch eine ganze Handvoll anderer Leute auf die verführerischen Düfte diverser Suppen aufmerksam, die durch das verwahrloste Areal wehen.

Das japanische Kino hat mit Mr. Long einmal mehr bewiesen, wie virtuos und unberechenbar es sein kann, wie berührend und erschreckend zugleich. So, wie sich diese Filmerfahrung entwickelt, nämlich sorgfältig, langsam und niemals überstürzt, welche Richtung sie nimmt und welche Schicksale hier noch als Querschläger die Ballade einer verlorenen Seele devastieren, ist von einer Art und Weise, wie es nur das asiatische Kino zustande bringt. Wiedermal wird die Diskrepanz zwischen der narrativen Virtuosität von Filmen aus Fernost zur eher zögerlichen Skepsis Hollywoods, stereotype Erzählstrukturen zu unterwandern, so deutlich wie nie. Mr. Long ist ein so dermaßen ambivalentes Thrillerdrama, dass es schwerfällt, sich auf irgendeine Situation einlassen zu wollen. Dennoch: angesichts dieser Sogwirkung artfremder Kompositionen muss man es. Der japanische Filmemacher Hiroyuki Tanaka, bekannt unter dem Künstlernamen Sabu, hat mindestens etwas so nachhaltig Bewegendes geschaffen wie Takeshi Kitano seinerzeit mit Hana Bi – Feuerblume. Und das, weil er erstens ein ungemein menschliches Drama rund um scheinbar ausweglose Schicksale schonungslos auf die Leinwand heftet, zweitens mit subtilem Humor eine kulinarische Erfolgsgeschichte mit viel Liebe zum Detail auftischt, die ungefähr so geschmackvoll zubereitet ist wie Ang Lees Eat Drink Man Woman, und drittens einen knallharten Killerthriller vor sich hermeucheln lässt, dessen hässliche Effektivität nur die erlösende Antwort ist auf erschütternd perfide Methoden der Unterdrückung. Das hat eine Wucht, kann ich sagen, das berührt und verstört mitunter auch zutiefst, sofern es einem schwerfällt, sich von der Vorstellung zu distanzieren, dem Bösen ausgeliefert zu sein. Mr. Long zwängt sich in diese Tragödie wie ein Freiheitskämpfer wider Willen, wie einer, der zumindest nicht dem Bösen, sondern dem Leben an sich ausgeliefert ist, weil er nichts davon steuern, sondern nur einsetzen kann, was ihn auszeichnet: Kochen und Killen.

Mr. Long

John Wick: Kapitel 3 – Parabellum

DIE MEUTE HETZT DEN WOLF

4,5/10

 

johnwick3© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: USA 2019

REGIE: CHAD STAHELSKI

CAST: KEANU REEVES, HALLE BERRY, LAURENCE FISHBURNE, IAN MCSHANE, ASIA KATE DILLON, JEROME FLYNN, ANJELICA HUSTON U. A.

 

Manchmal, wenn es gerade mal mehr schlecht als recht läuft, gibt es einen Song, bei dem ich die Shuffle-Funktion meiner Playlist abstelle und den tröstenden Ohrwurm direkt anwähle. Es ist dies der Song der Toten Hosen mit dem so bezeichnenden und motivierenden Titel: Steh auf. Und dann grölt Campino ins Mikrofon, dass dies zu tun sei, nämlich aufzustehen, wenn man am Boden ist. Und dann nochmal, wenn man da unten liegt. Die Toten Hosen haben damit einen Song geschrieben, den sollte sich Keanu Reeves unbedingt und am besten gestern und wenn geht noch vor 18 Uhr hinter die Ohren schreiben. Kein anderer Song bringt den dritten Anlauf des wohl tödlichsten Hustenzuckerls der Welt so auf den Punkt wie dieser. Denn so oft wie der strähnig schwarzhaarige Stoiker auch hinfällt, er steht gefühlt öfters wieder auf. Und das macht ihn zu einer Kampfmaschine, wie es sie real gar nicht geben kann. Aber das wissen wir, spätestens seit dem augenzwinkernd zweiten Teil eines erfolgreichen Franchise, der damit endet, dass die Assassinengilde quer über den ganzen Erdball in freudiger Erwartung zum Halali auf den mieselsüchtigen Ernstling bläst. Eine Fortsetzung war da garantiert, denn auch wenn das Original außer einem hohen Bodycount nichts zu bieten hatte, hat Teil 2, der größtenteils in Italien spielt, einen gewissen Sinn fürs comichaft Überzeichnete entwickelt, das geradezu ins Absurde geht – und dem ganze Brimborium gut zu Gesicht steht.

Dieses Konzept will Chad Stahelksi auch im derzeit aktuellen Sequel unter die Killer mischen. Und entwirft eine unter der Fuchtel der ominösen Hohen Kammer stehende dunkle Parallelgesellschaft aus Mördern, Kopfgeldjägern und Auftragskillern, die nur mehr ein Ziel haben, nämlich John Wick zur Strecke zu bringen und das Kopfgeld von 15 Millionen zu kassieren. Das mit Tötungsverbot belegte Continental-Hotel in New York bietet auch keinen Schutz mehr – hat der Schauplatz doch erst den Stein ins Rollen gebracht. Und so hetzt die Meute den Wolf. Und der hechelt im Kleiderbaueranzug, durchnässt, verschwitzt und blutend durch eine verregnete Metropole, die fast schon an ein blaustichiges Sin City erinnert. Diese gehetzte Düsternis, dieses panisch Zufluchtsuchende, das sind die besten Minuten in diesem Film. Vor allem dann noch, wenn die Uhr tickt, bevor zur vollen Stunde der gebürtige Weissrusse zum Freiwild erklärt wird, hat der Thriller doch einiges an dystopischer Suspense zu bieten. Die aber verfliegt, nachdem unser geschundener Held auf einen anderen Kontinent wechselt. Was dann mit John Wick: Chapter 3 – Parabellum passiert, fällt in die Kategorie gepflegte Langeweile für Actionchoreographen, die ihre Schüler rangelassen haben, um mit Messern, Macheten und Schießeisen aller Art eine Art Ausdruckstanz zu veranstalten, der aber Kalibern wie The Raid bei weitem nicht das Pflaster reichen kann. Gareth Evans‘ Immobilien-Gemetzel ist zwar saubrutal, dafür fallen die kampfeswütigen Finsterlinge in so ausgesuchter Akrobatik, das Brutalität plötzlich zur freilich fragwürdigen Kunst wird. Die in diesem Film hier eigentlich alle ziemlich stümperhaften Todesbringer fallen wie schlaftrunkene Fliegen beim Abklatschen über einer Kuhflade, so wirklich Paroli bietet keiner von denen, nicht mal die Endgegner, die so lästig sind wie rollige Karnickel und andauernd um den sowieso schon völlig fertigen John Wick herumscharwenzeln, um ihm da und dort noch eine zu semmeln. Reeves erinnert mich dabei ein bisschen an Peter Sellers in der Eingangsszene zu seinem Slapstickstreifen Der Partyschreck. Da mimt er einen Fremdenlegionär, der bereits schon was weiß ich wie oft von feindlichen Kugeln getroffen wurde, und sich immer wieder und scheinbar endlos aufrafft, um ins Horn zu trompeten. Diese okkulte Widerstandsfähigkeit haben entweder Engel, Dämonen oder eben strähnige, lakonische Wüteriche in Schwarz, die sogar in die Wüste geschickt werden.

John Wick: Chapter 3 – Parabellum bezieht sich auf das lateinische Zitat Si vis pacem para bellum was soviel heisst wie Wenn du (den) Frieden willst, bereite (den) Krieg vor. Klar, der Krieg wird nicht nur vorbereitet, er findet auch statt. Und das ist ungefähr so vorhersehbar und überraschend wie bei den Expendables – und wirklich um einige Viertelstunden zu lange. Wenn man glaubt es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch ein Arschtritt daher. Letzten Endes wünscht man sich nicht nur einmal Time Out. Hätte John Wick doch wenigstens mehr Stil, hätte er einen Killerinstinkt, der andere glauben lässt, es gäbe ihn gar nicht. Szenenweise gelingt ihm das auch, vielleicht auch rein zufällig, wie beim blinden Huhn und dem Korn. Da hat der Film dann wieder seine feinen Actionspitzen doch meist bleibt es bei fuchtelndem Handgemenge, bis einer weint. Das ist redundant, man blickt auf die Uhr, zählt die Toten schon lange nicht mehr, und befindet das schleppende zweite Sequel als wenig originelle Übersprungshandlung, die im bereits zugesichertem Teil 4 noch größere Kreise ziehen wird. Und wir wissen – Quantität ist nicht gleich Qualität, auch nicht beim Bodycount.

John Wick: Kapitel 3 – Parabellum

Hotel Artemis

EIN HERZ FÜR VERBRECHER

4/10

 

hotelartemis© 2000-2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW PEARCE

CAST: JODIE FOSTER, STERLING K. BROWN, SOFIA BOUTELLA, DAVE BAUTISTA, ZACHARY QUINTO, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

In Anbetracht ihres selbstlosen Engagements für Notbedürftige ließe sich die ältere Dame mit dem Watschelgang ja gut und gerne mit karitativen Größen wie Mutter Theresa oder Ute Bock vergleichen – wenn wir die Klientel der Hilfesuchenden mal scheuklappenartig ausklammern würden. Doch das funktioniert vielleicht nicht ganz so gut, ist die dem Hochprozentigen nicht ganz abgeneigte, relativ verlebte Krankenschwester Jean Thomas einzig und allein für das körperliche Wohlbefinden diverser Schwer- und Leichtverbrecher verantwortlich, die in besagtem Hotel Artemis Zuflucht suchen. Diese Einrichtung ist Kopfteil eines baufälligen Hochhauses, beworben mit satter Leuchtreklame, inmitten eines tristen Los Angeles der Zukunft, in dem ein Aufstand geprobt wird, der einem Bürgerkrieg gleicht. Ein Zustand wie in John Carpenter ´s düsterem Klassiker Die Klapperschlange, oder als hätten wir wieder eine der Purge-Nächte durchzustehen. Aber immerhin gibt es eine Exekutive, die der ganzen Anarchie versucht, Herr zu werden. Umso schwieriger, wenn die bösen Buben und Mädels sich andauernd verarzten lassen, um erneut loszuschlagen. Aber was soll eine verlorene Seele wie Jean Thomas auch groß anderes machen, führt sie das spärlich besuchte Hotel wie die gutmütige Ausgabe einer Schwester Ratchet (ihr erinnert euch: Einer flog übers Kuckucksnest, Oscar für Louise Fletcher) und hat allerlei Spielregeln festgelegt, nach deren Pfeife selbst der Unterweltboss aller Unterweltbosse tanzen muss: Keine Waffen, keinen Streit, keine Toten. Ein Leo also, ähnlich wie das deutlich luxuriösere Elysium im Universum eines John Wick. Wenn dann aber plötzlich Killer und Zielperson gemeinsam das Etablissement aufsuchen, müssen Regeln einfach nur dazu da sein, um gebrochen zu werden. Mittendrin eine verzweifelt händeringende Jodie Foster, die nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Die seit Kindertagen in der Filmbranche umtriebige Jodie Foster, die hat sich für den dystopischen Thriller Hotel Artemis viele graue Haare wachsen lassen. Und nicht nur das – auch maskentechnisch hat die Gute Jahrzehnte übersprungen. Da eilt sie dahin, durch die spärlich beleuchteten Gänge eines alten, schmuddeligen Hotels im Art Deco-Stil, die Zimmer mit Palmenornamentik und Wasserfällen kunstvoll tapeziert. Jedes dieser Räume ausgestattet mit medizinischen Geräten am neuesten Stand, damit jeder kugeldurchsiebte oder aufgeschlitzte Gauner auch relativ diskret genesen kann. Die Grundelemente dieses Filmes, die wir hier zur Hand haben, mit denen ließe sich ja tatsächlich einiges anstellen. Nur Regisseur Drew Pearce war womöglich nicht so ganz klar, was genau. Wichtig dürfte womöglich gewesen sein, und wichtiger auch als alles andere, den Thriller so prominent zu besetzen wie möglich. Unter der Besetzungsliste finden sich Althasen wie Jeff Goldblum in der erschreckend blassen Rolle eines Geschäftsmannes, der da der Oberboss sein will, maximal aber so bedrohlich ist wie der Herr Sektionschef Lafite aus der lieben Familie, allerdings mit Schussverletzung. Und jede Menge trendiger Studiolieblinge wie Neo-Spock Zachary Quinto, Dave Bautista und die sinnliche Sofia Boutella, die szenenweise so richtig aufräumen darf. Spätestens bei diesen Sequenzen wird klar, dass Drew Pearce so etwas Ähnliches wie Gareth Evans machen wollte. So etwas wie The Raid. Die Besetzung eines Hotels, wo jeder gegen jeden antritt, und wo so viele Blutwunden versorgt werden wollen, dass Jodie Foster´s Krankenschwester-Figur unweigerlich in ein Burnout steuern würde, klingt natürlich reizvoll. Boutella fetzt wie Martial-Arts-Cop Rama im Abendkleid durch die roten Velourgänge und macht keine Gefangenen – beeindruckend bebildert, aber abgekupfert. Und als hätte Hotel Artemis nur begrenzte Zeit zur Verfügung, hudelt sich die Killerhatz mit Stethoskop und Wundverband zu einem fragmentarischen, ärgerlich unauserzählten Ende, das eigentlich nur eine Kompromisslösung sein dürfte – freiwillig bringt kein Regisseur sein Werk so derart geschludert bis zum Credit-Abspann. Und was noch mehr enttäuscht als die fadenscheinige Schundheftromantik eines Thrillers: Jodie Fosters gestelztes Spiel. Auch sie war schon mal um Hotellobbys besser, auch sie hatte schon mal mehr Subtext in petto als hier im weißen Kilt, der zwar relativ schnell blutig wird, aber sonst eigentlich für nichts anderes gut ist. Das Schicksal dieser Jean Thomas berührt obendrein nicht mal ansatzweise, was wohl an ihrer mangelnden Charakterisierung liegen mag.

Hotel Artemis ist wie der 90minütige Trailer zur einer ganz anderen, aber auserzählten Adrenalin-Social-Fiction, der vieles nachmacht und glaubt, dass Quantität in der Besetzung alle Lücken im Text wieder wettmacht. So viel Tupfer, Skalpell und Zwirn kann man gar nicht haben, um all das zu vernähen, was irgendwie wund läuft. Ein Teil des Ganzen aber bleibt verschontvielleicht, das Setting im Hintergrund, die Endzeit, die in explosionslastigem Kampflärm nebenbei erklingt. Das dramaturgische Kerngeschäft hingegen laboriert verblutend und wartet auf ein Pflegepersonal, das sich längt freigenommen hat.

Hotel Artemis

Death Wish

KEIN KILLER, DER NICHTS BÖSES DABEI DENKT

3/10

 

deathwish© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: ELI ROTH

MIT BRUCE WILLIS, VINCENT D´ONOFRIO, ELISABETH SHUE U. A.

 

„Aus dem Weg, ich bin Arzt!“ – So etwas hören Passanten manchmal, wenn das Damoklesschwert schwindender Gesundheit auf offener Straße herniedersaust und Spezialisten auf den Plan ruft, die lebensrettende Maßnahmen einleiten. Bei Bruce Willis ist das etwas anderes. Der ist auch Arzt, aber leitet keine lebensrettenden Maßnahmen ein. Nicht auf offener Straße, und schon gar nicht „in the crowd“. Eher in den dunklen Seitengassen, und dort wird Leben verkürzt, weil die Justiz gelähmt hinter Paragraphen verharrt und die Exekutive machtlos ist. Und eigentlich alles wieder so sein sollte wie im wilden Westen, wo das Faustrecht Recht spricht und der Stärkere keinen tadelnden Fingerzeig dulden muss. Leute wie Bruce Willis haben genug mitgemacht, keine Frage.

Des Kinos Folterknecht Eli Roth hat sich eingebildet, unbedingt dem Selbstjustiz-Klassiker Ein Mann sieht Rot aus den 70ern Erste Hilfe leisten zu müssen. Ein Film, nachdem eigentlich nie jemand gefragt hat. Und der mit Ledergesicht Charles Bronson ohnehin schon top besetzt war. Das ist aber nicht die einzige Frage, die Death Wish – so das neue Original aus 2018 – unfreiwillg aufwirft. Aber womöglich denkt so manch ein Studio in Trump´schem Einmaleins, erfährt, dass das Original in den Kinos der 70er gut besucht war und das ganze proportional in die Jetztzeit hochrechnet. Dabei aber vergisst, einen völlig anderen Zeitgeist miteinzuberechnen, der die Kassen nicht unbedingt wieder laut klingeln lassen muss. Das Thema Rache allerdings ist anscheinend immer en vogue. Ist dem wirklich so? Könnte sein, der Mensch ist ja immer noch so ein impulsives, triebgesteuertes Wesen unter dem Mäntelchen scheinheiliger Kultiviertheit. Einmal nur leicht kratzen, schon fährt der Mensch seine Krallen aus. Wo geliebt und gelitten wird, da darf Gewalt Genugtuung fordern. Und Bruce Willis hat schließlich seine bessere Hälfte zu betrauern, während die Tochter im Koma liegt. Und das alles nur wegen raubmordendem Gesindel auf den Straßen.

Nur der Mann, der rot sieht, tut dies nicht sofort. Da vergeht einige Zeit. Die rentnerschwere Glatze, die wie so viele Schauspieler aus den Achtzigern ihr Ausdrucksrepertoire auf maximal zwei Mimiken eingespart haben, trauert erstmal, bangt natürlich um den Nachwuchs – zeigt aber nie diesen brennenden, wütenden, kaum zu beherrschenden Hass, der einem Menschen innewohnen muss, der dann plötzlich zur Waffe greift und das Böse auf der Welt kaltblütig wegmissioniert. So sehr diese Selbstjustiz-Szenarien auch mit plumpen Pathos und marktschreierischr Plakativität daherkommen – die Wandlung eines liebenden Familienvaters zum rechtschaffenen Killer ist eine durchaus schwierige Rolle. Eine Figur so glaubwürdig hinzubiegen verlangt Fingerspitzengefühl, psychologische Kenntnis und Erkenntnis, eine sich selbst übertreffende Leidensfähigkeit vor der Kamera. Das ist keine Performance auf Knopfdruck, das ist ein ganzes Spektrum an hochkochendem Verhalten. Vielleicht hätte das Bruce Willis früher einmal meistern können – mittlerweile aber ist der hier dargestellten rächenden Vaterfigur keine Sekunde zu glauben, was sie vorgibt, zu empfinden. Fehlt die psychologische Referenz, fehlt auch die Patrone im Magazin. Da mag geballert und seltsamerweise grausam gequält werden wie bei Eli Roth üblich – im Grunde macht der ganze Film nur „buff“ und „peng“, wenns hoch kommt dann vorne noch ein Fähnchen raus, auf dem steht, dass Rache auch keine Lösung ist. Aber das braucht der Film seinem enttäuschten Publikum gar nicht erst unter die Nase zu reiben. Für diese alttestamentarische Interpretation von Gerechtigkeit als Ausgleichssport für überlastete Akademiker gibt´s von meiner Seite keine mildernden Umstände.

Death Wish

Rendel

PECHMARIE IM RACHEWAHN

6/10

 

rendel© 2017 Splendid Film

 

LAND: FINNLAND 2017

REGIE: JESSE HAAJA

MIT KRISTOFER GUMMERUS, RAMI RUSINEN, MATTI ONNISMAA U. A.

 

Das wohl exzentrischste Land Europas hat schon ein bisschen die Nase voll. Als verhaltensauffälliges Filmland ist Finnland der Experte für lakonische Tragikomik zwischen schwärzestem Humor und pragmatischem Improvisationstalent, was Leben abseits des Gängigen betrifft. Damit hat aber Finnland längst nicht mehr genug. Kaurismäki allein kann es doch nicht gewesen sein. Also probiert Finnland trashiges Actionkino wie Big Game mit US-Export Samuel L. Jackson oder bizarre Fantasy wie Rare Exports. Der verstohlene Blick aufs benachbarte Filmangebot erspäht eine klaffende Lücke. Überall poppt das Superheldenkino aus den Budgettöpfen, selbst Russland schwimmt im Fahrwasser von Marvel und Co, ist allerdings relativ kleinlaut mit Guardians als deklarierter Nichtschwimmer untergegangen. Was dieser Westen also kann, denkt sich Finnland, wollen wir auch können. Das haben wir noch nicht. Und was nicht ist, kann noch werden. Die Sondierung passender Vorbilder hat wahrscheinlich nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen, ein für den hohen Norden passender düsterer Held wie The Punisher oder Spawn war bald gefunden. Batman lässt Finnland mal außen vor, allerdings wäre ein Elk-Man auch nicht schlecht, nur den hat schon IKEA.

Also taucht im Film der geknechtete Familienvater, der sich so eigentlich gar nicht mehr nennen darf, da er alles verliert, was ihm jemals wichtig war, nämlich die Familie, seine Finger tief ins Pech, um sich selbst zu entstellen. Da muss Mann schon ziemlich pfeif drauf sein und wie schon erwähnt nichts mehr zu verlieren haben. Diese hoch adhäsive Substanz, mit welcher sich Rendel irreversiblen Schaden zufügt, ist zäh und aggressiv. dringt in die Haut und ist nicht wieder ablösbar. Formschön zuggeschnitzt, macht die neue Rächer-Visage aber so einiges her. In Lederjacke und alptraumhafter Larve zieht der gebrochene Finsterling in den Krieg, eine traurige Gestalt, wie zurückgekehrt aus der Hölle. Was dann folgt, ist Rache. Die wird frei nach klingonischem Sprichwort am besten kalt serviert. So kalt wie die finnische Polarnacht.

Dem Comiczeichner Jesse Haaja ist ein Traum in Erfüllung gegangen, den so einige Kreative ebenfalls gerne verwirklicht sehen würden. Haaja hat seine eigene Kreation in Szene gesetzt, ebenfalls auch das Drehbuch geschrieben und inszeniert obendrein. Alles aus einer Hand. Saubere Arbeit, kann ich nur sagen. Sehr blutig, sehr brutal, allerdings aber auch sehr abgeguckt. Eigene Ideen im Plot finden sich nur wenige, vieles kennt man schon von den einsamen Racheengeln aus Übersee. Der Vater-Sohn-Konflikt bei den Schurken hat wieder so eine typisch skandinavische Handschrift, da übergibt sich die Tristesse und hat keine Chance mehr auf Genesung.

Rendel – was aus dem Ungarischen kommt und so viel heißt wie „Bestellung“ (fragt mich nicht, das ist sowas von skurril, erklärt sich aber während der Handlung…) ist fast schon vergessenes Anti-Superheldenkino vom Rande, vom Kinoverleih scheinbar verlacht und verstoßen. Nirgendwo anders würde sich Rendel wohler fühlen. Natürlich vorhersehbar, erstaunlich unzynisch, aber durchaus stylish, edel fotografiert und von konstanter Stimmung. Finnland kann´s zumindest besser als der russische Nachbar, dafür gibt’s von meiner Seite grünes Polarlicht.

Rendel

American Assassin

TREFFEN DER ANONYMEN WUTBÜRGER

4/10

 

AMERICAN ASSASSIN@ 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MICHAEL CUESTA

MIT DYLAN O’BRIEN, MICHAEL KEATON, TAYLOR KITSCH U. A.

 

Hallo, ich bin Mitch. Und ich habe meine Partnerin bei einem Terroranschlag verloren.“ Natürlich, das ist traurig und erschütternd. Ganz klar hat die Buchvorlage des Thrillers von Vince Flynn auf tatsächliche Ereignisse des Sommers 2015 Bezug genommen. Was ist passiert? Ein Islamist hat den Strand eines 5-Sterne-Hotels meerseitig überfallen und wahllos um sich geschossen. Zahlreiche Menschen sind dabei gestorben. Die Wirtschaft der Wüstennation am Mittelmeer hat die blutige Katastrophe bis ins Mark erschüttert. Ähnlich furchtbar und wenig zimperlich zeigt Regisseur Michael Cuesta als Auftakt seines Filmes eine ähnliche Szene, die irgendwie schwer zu ertragen ist. Die Bilder kommen einem bekannt vor. An solchen Stränden war man selbst schon einige Male. Sich Vorzustellen, wie man selbst mittendrin ums Überleben rennt, ist somit kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Schauspieler Dylan O’Brien, den wir alle aus der Jugend-Dystopie Maze Runner kennen, erlebt das Unvorstellbare am eigenen Leib – und muss zusehen, wie seine Verlobte von Kugeln durchsiebt wird. Das kann zweifelsohne das Leben der Hinterbliebenen zerstören. Für einen Neuanfang braucht es Therapie oder zumindest einen enormen Willen, weiterzumachen. Oder man lässt sich von Rachegefühlen beherrschen, stählt sich zur Kampfmaschine und schleust sich in die Terrorzelle ein, die das Drama von damals verursacht hat. Das klingt jetzt ein bisschen nach Arnold Schwarzenegger. Der hat, um seine entführte Tochter zurückzuholen, ganze Landstriche in Brand gesteckt. So gesehen in Phantom Kommando. Der Actionklassiker von damals ist heute fast nicht mehr ansehbar. Die unreflektierte, moralisch enorm fragwürdige Lizenz zum Töten hat die Jahrzehnte allerdings spurlos überdauert. Auge um Auge zieht immer noch. Doch die Berufswahl zum modernen Assassinen ist auch keine Lösung.

Egal, denkt sich dieser Mitch. Das Treffen der anonymen Traumatisierten wird zum Treffen der anonymen Nemesis-Übermenschen. Wozu Gesprächstherapie, wenn es gleich ans Eingemachte gehen kann. Wer kann bei dieser Chance zur zwangsbeglückten Aggression da schon widerstehen? Doch sobald es um Geheimdienst geht, ist die ganze Gewaltbereitschaft ja für den guten Zweck des Weltfriedens. Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, davon hat dieser seltsam agierende Geheimdienst noch wenig gehört. Umso plumper und tölpelig stellt er sich an. Am Tölpeligsten ist da Michael Keaton als reaktionärer Drillmeister, der seine Schützlinge im ebenfalls äußerst fragwürdigen Boot Camp sowieso nie im Griff hat. Kommt es dann zum Einsatz, bleiben die Undercover-Qualitäten ebenso geheim wie der Geheimdienst selbst. Und Dylan O’Brien? Der wirkt mit Bart tatsächlich um mindestens zehn Jahre älter als der Jungspund in Maze Runner. Aber berechtigt ihn das zum Ausknipsen der bösen Buben? Mitnichten. O’Brien bemüht sich sichtlich in seiner tragenden Trauma-Figur, ist aber weder ein Matt Damon (Die Bourne Identität) noch ein Leonardo Di Caprio (Der Mann, der niemals lebte). Maximal kann er Taylor Kitsch das Wasser reichen – der gibt nämlich den schlimmen Finger, Keatons gefallenen Engel, ein ausgewachsener Psychopath unter der Sonne. American Assassin wirkt so, als gäbe es die Ausbildung zum staatlich geförderten Killer pro Semester im Volkshochschulkurs. Da könnte ja ein jeder kommen, der auch nur irgendwie Rache verspürt, das psychische Gleichgewicht außen vor.

Wie hanebüchen sich die Story entwickelt, ist fast schon abzusehen. Hier lebt keiner auch nur ansatzweise die notwendige Objektivität und Gelassenheit, die ein Geheimagent besitzen sollte. James Bond kann da nur lachen. American Assassin ist stellenweise sehr brutal, teilt wie ein verhaltensgestörter Jugendlicher überallhin Schläge aus und missfällt letzten Endes aufgrund seiner unverhohlenen Naivität, seinen schwachen schauspielerischen Qualitäten und seinem ideenlosen Nacheifern diverser Genre-Meilensteine. Angesichts dessen könnte man ja leicht aggressiv werden und den nächsten Sommer-Killer-Workshop im Boot Camp Waldviertel buchen.

American Assassin

John Wick: Kapitel 2

DIE MEUTE HETZT DEN WOLF

7/10

 

wick2

LAND: USA 2017
REGIE: CHAD STAHELSKI
MIT KEEANU REEVES, IAN MCSHANE, RUBY ROSE, LAWRENCE FISHBURNE

 

Da bittet man schon John Wick um einen Gefallen, und dann das! Vor allem, wenn John Wick eine Schuld zu begleichen hat. Da kann man schließlich alles verlangen. Dumm nur, wenn John Wick nicht mehr will. Jetzt hat er ein neues Auto und einen Hund und ein nobles Zuhause – das will der Superkiller nicht mehr morden, sondern in den vorzeitigen Ruhestand treten. Keine Ahnung, was man als menschliche Tötungsmaschine macht, wenn man nicht mehr töten will. Im Supermarkt arbeiten? Andere Killer coachen? Nicht wenn das Schuldmedaillon noch in Gebrauch ist. Mit Blut beeidigt und unabwendbar. Also muss John Wick noch mal ans Eingemachte gehen. Und jemanden erledigen. Nicht irgendwen. Ein hohes Tier im Gomorrha-Syndikat. Man kann sich eigentlich denken, wen der Anzugträger mit Brillantine im Haar da alles aus dem Weg räumen muss.

Was aber überrascht, ist, dass John Wick: Kapitel 2 deutlich besser gelungen ist als der Erstling. Das liegt sicher nicht an Keeanu Reeves. Die ehemalige Matrix-Ikone hat schauspielerisch mittlerweile ungefähr so viel drauf wie Jean Claude Van Damme und bedient sich im Laufe des Filmes im Grunde einer einzigen Mimik. Die des verkniffenen Dreinblickens. Aber sei’s drum. Der Film ist ohnehin so abgehoben wie ein Ego Shooter und teilweise so überzeichnet wie das Ballerkino aus Asien. Nehmen wir nur The Raid. Tatsächlich dürfte sich Regisseur Chad Stahelski, der Teil 1 noch gemeinsam mit Atomic Blonde-Macher David Leitch auf sein Publikum losgelassen hat, einiges am Body Count der mittlerweile zweiteiligen Blutoper abgeguckt haben. Weg von der Schmuddel-Action aus dem Videokeller, stattdessen finden die Schusswechsel in anspruchsvollen Settings statt. Kaltes Neonlicht, verspiegelte Aufzüge, die Ruinen von Rom – Stahelski weiß sein knallhartes Männerkino in Szene zu setzen.

Mitunter etwas prätentiös, ist John Wick: Kapitel 2 allerdings nicht ganz frei von bizarren, fast schon ins irreale tangierenden Momenten. Da fällt mir Sin City ein – auch in diesen äußerst brutalen, aber stilistisch hochkomplexen Unterweltfilmen haben wir es längst nicht mehr mit der Realität zu tun. Da gibt es unter anderem gelbe Gnome und bis an die Zähe bewaffnete Amazonen. John Wick geht nicht so weit. Da genügen schon Extras wie das Hotel Intercontinental, eine Freihandelszone und eine Art Leo für alle Killer dieser Welt. Und da gibt es die Meute, die den Wolf hetzt. Der Wolf, das ist John Wick. Wenn er zum Gejagten wird, macht die Action noch mehr Spaß. Die Meute, das sind Menschen wie wir, in Wahrheit aber alles Killer.

Durch die radikale Karikierung einer Welt der Toten und der Tötenden gefällt John Wick: Kapitel 2 vor allem durch eines: die rücksichtslose, augenzwinkernde Erschaffung einer eigenen Welt. In der Blut genauso dick ist wie Wasser.

John Wick: Kapitel 2