The Change (2025)

POLITIK FRISST FAMILIE

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: ANNIVERSARY

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: LORI ROSENE-GAMBINO

KAMERA: PIOTR SOBOCIŃSKI JR.

CAST: DIANE LANE, KYLE CHANDLER, PHOEBE DYNEVOR, ZOEY DEUTCH, MCKENNA GRACE, DYLAN O’BRIEN, DARYL MCCORMACK, MADELINE BREWER, MAYA O’SHEA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn du nicht dafür bist, dann bist du dagegen! Nach dieser Prämisse soll auch der neue Film von Jan Komasa funktionieren, der mit seinem Klerus-kritischen, polnischen Lokalkolorit-Drama Corpus Christi sogar bei den Oscars für Aufsehen sorgte. Lang hat’s gedauert, bis der polnische Filmemacher wieder auf die Leinwand kam, diesmal mit einem destruktiven Polit- und Familiendrama namens The Change. Davor hat sich Netflix die Rechte für seinen wohl stärksten Film gesichert: The Hater. Im Vergleich dazu fällt The Change auffallend substanzlos aus, während Komasa in seinem Social-Media-Horror zumindest versucht, die Mechanismen hinter geschürtem Hass, Manipulation und in die Wege geleiteten Terror auf eskalierende Weise abzubilden. Das Eskalierende hat auch in The Change seinen hohen Stellenwert. Alles gerät hier aus den Fugen – Ordnung, Werte, jeglicher Kodex und vor allem eines: jegliche Bereitschaft zum Dialog. Wo kein Dialog, da auch kein Umdenken. Wo kein Austausch, sondern nur abwehrende Polemik, da auch kein Miteinander. Man erkennt das leicht bei gewissen Oppositionsparteien, die ihre eigene Existenzberechtigung einfach nur damit rechtfertigen, die Ideen der Konkurrenz abzulehnen.

So endet die Demokratie

Apropos Parteien: Wie ist das, wenn es keine Parteien mehr gäbe? Eine Kein-Parteien-Politik; eine Gesellschaft, die aus sich selbst heraus regiert und lediglich Einzelpersonen in eine Art Parlament schickt, die wiederum was vertreten? Ihr persönliches Weltbild? Irgendwie müssen auch die einen Konsens finden, denn wenn einer allein regiert, wird das ganze zur Diktatur oder gar zum totalitären Staat, den wir aus der Geschichte leider zur Genüge kennen. In The Change – im Original noch treffender mit Anniversary betitelt, da sich dieser auf die einzelnen Kapitel des Films bezieht, die stets an einem familiären Jubiläum stattfinden – spielt Phoebe Dynevor (Fair Play) die ehemalige Studentin von Dr. Ellen Taylor (Diane Lane), die zu deren Leidwesen am Tag der silbernen Hochzeit an der Seite ihres Sohnes antanzt. Wieso zum Leidwesen? Nun, diese gewisse Elisabeth Nettles, wie sich Dynevors Filmfigur nennt, hat schon damals, bevor sie von der Uni flog, eine Master-Thesis verfasst, die sich mit radikalen politischen Ideologien beschäftigt. Nichts für die liberale, linksdenkende Taylor – und jetzt auch noch das: Nettles hat ihre Gedanken längst zu Papier gebracht und verlegen lassen, als The New Social Contract, mit dem aussagekräftigen und interpretierbaren Titel, den der Film trägt.

Mehr hat es nicht gebraucht, und der Bestseller schlägt Wellen, bis in die obersten Ränge der Politik, bis zum letzten kleinen Mann und zur letzten kleinen Frau – alle feiern dieses Buch, während Familie Taylor immer mehr im Chaos versinkt. Die Abwärtsspirale ist enorm, und Jan Komasa bremst hier, obwohl in Jahresschritten, keine noch so erschütternde Veränderung aus. Wie in einem der schärfsten Stücke eines Peter Turrini oder Edward Albee zerpflückt The Change die Grundpfeiler und Prinzipien einer Familie, bis nur noch Fetzen übrig sind. Die politischen Ideologien des Buches werden zur staatstragenden Macht. Was genau das für welche sind, scheint nicht wichtig. Und das ist auch das Grundproblem eines Films, der die Konsequenzen des Niedergangs einer Demokratie abbilden möchte, dabei jedoch selten bis niemals hinter die Symptomatik blickt.

Finger weg vom Diskurs!

Was ist das denn genau für eine politische Idee? Wie setzt sie sich zusammen, wie funktioniert sie? Ist es Kommunismus, ist es faschistoides Gedankengut? Was ist es? Der augenscheinlichen Intelligenz von Diane Lanes Figur zum Trotz liegt die Grundproblematik dieses Untergangs in einer nicht vorhandenen Diskussions- und Kommunikationskultur. Verbohrte Meinungen, kompromissloser Widerstand auf allen Seiten. The Change zeichnet recht oberflächlich diesen Wandel nach, dessen Manifest niemanden interessiert, vor allem nicht Komasa – die Dekonstruktion einer vormals intakten Familie bleibt aber erschütternd genug, um nicht ein gewisses, kloßähnliches Unbehagen zu verspüren, wenn die Welt mit ihren demokratischen Werten allmählich verblasst. Vielleicht ist es auch egal, was den Ausschlag dazu gegeben hat, vielleicht geht es auch nur um die Befreiung der Freiheit und dessen Verschwinden, um den Terror eines Überwachungsstaats und die Sinnlosigkeit, seinen Werten treu zu bleiben.

Beklemmend und nihilistisch? Ja, das ist es. Als grimmiger Warnhinweis funktioniert The Change somit allemal, als Worst Case-Schreckgespenst und politischer Alptraumverursacher. Als gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit radikalem Gedankengut nur bedingt, weil einzig der Endeffekt die richtigen Emotionen erzeugt.

The Change (2025)

Die Verlegerin

KEIN BLATT VOR DEM MUND

6/10

 

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© 2017 Universal Pictures

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: STEVEN SPIELBERG

MIT MERYL STREEP, TOM HANKS, BOB ODENKIRK, ALISON BRIE, SARAH PAULSON U. A.

 

Im Jahre 1976 machte der US-Regisseur Alan J. Pakula mit seiner Verfilmung des Buches Die Watergate-Affäre nicht nur das in dieser Dekade umbruchgeneigte Kinopublikum, sondern auch die Academy auf sich aufmerksam. Die Unbestechlichen schildert die Aufdeckung des Nixon-Skandals unter Carl Bernstein und Bob Woodward, zwei investigativen Journalisten bei der Washington Post. Der Film kann als vorweggenommene Fortsetzung des eben in den Kinos angelaufenen Tatsachendramas Die Verlegerin – im Original The Post – verstanden werden. Der Titel The Post ist klarerweise treffender, da nicht explizit die Rolle Meryl Streeps im Vordergrund steht. Man kann Steven Spielbergs neuesten Film, der selbstverständlich auch als Oscarnominee gehandelt wird, aber auch als Sequel von Pakula´s berühmtem Streifen ansehen. Wie auch immer.

Die Pentagon Papers zählen wohl zu den größten Lügengespinsten, die jemals von einer Regierung über eine medienorientierte Bevölkerung niedergegangen ist. Nach deren Veröffentlichung entpuppte sich der Vietnamkrieg als blutige Farce. Wofür die ganze Qual, das wusste damals niemand. Bis heute gilt das Image-Gemetzel der USA gemeinsam mit dem Irak-Einmarsch unter George W. Bush als Ressourcen- und Existenzen verzehrende Sinnlosigkeit in Sachen Weltpolitik. Dass es zum Vietnam-Einsatz eine langjährige Studie gegeben hat, die belegen konnte, dass der Krieg nicht zu „gewinnen“ war – was für eine sträfliche Verharmlosung, dieses Verb! – davon hat zuerst mal die New York Times etwas spitzgekriegt. Um sich nach ersten Artikeln zu diesem unerhörten Fall eine einstweilige Verfügung einzuhandeln. Was wiederum Die Washington Post zum Handeln zwang. Wie es dazu kam, und wer wem welche Geheimnisse anvertraut hat, und warum die Washington Post-Erbin Katharine „Kay“ Graham den Mut aufbringen konnte, die Freiheit der Presse mit einem Exempel zu manifestieren und den Weg zu ebnen in eine Zukunft der Presse, die nicht für die Regierenden, sondern für die Regierten eintritt – davon erzählt Regielegende Steven Spielberg in einem wortgewaltigen Dialogdrama in fast schon zitierender Tradition des unbequemen Siebzigerjahre-Kinos. Kann sein, dass Spielberg den Watergate-Skandal damals selber gerne verfilmt hätte. Doch er darf sich trösten – die Pentagon-Papiere sind nicht minder unfassbar unerhört wie der Spitzelskandal eines Richard Nixon. Wer da nicht an die Öffentlichkeit geht, hat im Journalismus eigentlich nichts mehr verloren. Und wer diesen Präzedenzfall nicht insofern ausnutzt, um sich den Knebelversuchen einer kaputt-korrupten Regierung hinwegzusetzen, ist wie eine Kassandra, die die Wahrheit kennt, sie aber niemanden mitteilt. Nur im Gegenzug zur mythologischen Figur findet die Leserschaft zu Recht Vertrauen in ihre Presse. Was Nixons Schergen zur Weißglut bringt.

Wer Spielberg kennt, identifiziert Die Verlegerin nur sehr schwer als sein Machwerk. Gut, einzig Janusz Kaminski liefert abermals virtuose Kamerafahrten, aber auch statische Totale, die wie aus einer anderen Zeit wirken. Kultverdächtig schon jetzt die Szene mit den davonwehenden Zeitungsseiten am Kiosk. Sachlich, bürozimmergrau, Neonlicht dort, wo schweißgebadet rund 400 Seiten enthüllendes Material gesichtet werden. Oder das Wählscheibentelefon rot blinkt. Attraktiv ist das nicht, fast schon etwas beklemmend. Doch da gibt es Tom Hanks und Meryl Streep, die in souverän abgestimmtem Timing ihren Rollen Respekt zollen. Dass „die Streep“, wie man sie nennt, tatsächlich wieder für den Oscar nominiert sein darf, gehört fast schon zum guten Ton der Academy – verdient hat sie die Auszeichnung aber diesmal nur bedingt. Auffallendes Schauspiel ist es keines, ein Leinwandliebling in gewohnter Spielfreude. Hingegen ist Tom Hanks erneut eine Ausnahmeerscheinung. Als Chefredakteur Ben Bradley zieht er komplett neue Seiten auf, wirkt geradezu etwas unsympathisch, getrieben, wie ein Workaholic, der nur für die Zeitung lebt. Selbstbewusst, improvisierend, mit graumelierten Haaren. Ich habe den ehemaligen Forrest Gump schon in vielen Rollen bewundert – die Rolle eines Journalisten ist neu. Und auch dieser Rolle gewinnt er ganz eigene Manierismen ab, die wiedermal bestätigen, dass Hanks im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern niemals nur sich selbst spielt. Was mich eine Nominierung auch für ihn vermissen lässt. Aber was soll´s, aus der Academy wird man sowieso nicht schlau.

Kann sein, dass Die Verlegerin die Konzentration des Publikums ein bisschen über Gebühr strapaziert. Vieles wird nur ein oder zweimal wörtlich erwähnt, trägt aber immens zum Verständnis der Geschichte bei. Wer also einmal abschweift, muss zwingend seinen Sitznachbarn quälen. Ist man wieder am Laufenden, wird die zweite Hälfte des Filmes gefälliger und packender. Sofern man sich für das ewige Duell Politik gegen Presse interessiert. Was sich in Zeiten wie diesen, wo Regierungsparteien den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verklagen und umgekehrt, umso brisanter verhält – und tatsächlich mehr Zuseher ins Kino locken wird als zu anderen Zeiten. Als bewegt-bewegendes Drama mit Nachhall bleibt Die Verlegerin aber nicht in Erinnerung. Spielberg hat seinen speziellsten Film ins Kino gebracht und einen Stoff dramatisch aufbereitet, der sich besser liest als gesehen zu werden. Seine Hommage an Alan J. Pakula hat er handwerklich gut gemacht, als bester Film des Jahres 2018 kommt er für mich von allen Kandidaten aber am wenigsten in Frage, auch wenn Die Unbestechlichen das Kunststück 1976 hinbekommen haben. Wohl aber auch nur deswegen, weil die Siebziger ganz andere Zeiten waren, die erzählten Fakten damals unmittelbar zurücklagen und die Art des New Cinema erst so richtig salonfähig wurde. Das ist in den 2000ern allerdings Business as usual. So wie Spielberg´s Film.

Die Verlegerin