Mission: Impossible – Fallout

EIN TOM FÜR ALLE FÄLLE

7/10

 

null© 2018 Paramount

 

LAND: USA 2018

REGIE: CHRISTOPHER MCQUARRIE

CAST: TOM CRUISE, SIMON PEGG, VING RHAMES, REBECCA FERGUSON, HENRY CAVILL, VANESSA KIRBY, ANGELA BASSETT, ALEC BALDWIN U. A.

 

Wenn die Welt Gefahr läuft, vernichtet zu werden, war früher einmal keiner der Regierenden zweimal überlegt, das rote Telefon anzuwählen und James Bond anzurufen. Neuerdings wäre es nicht verwunderlich, wenn der nervös zitternde Finger kurz mal über den Tasten des Fernsprechgeräts innehält, um nicht vielleicht doch im Register des Telefonbuchs weiterzugehen und 007 dort zu belassen, wo er gerade ist. Besser wäre es vielleicht, die Nummer von Ethan Hunt anzuwählen – dieser Mann nämlich scheint noch unermüdlicher zu sein als der legendäre britische Gentleman-Agent, darüber hinaus noch zeitgeistiger, mehr risikogefährdet und irgendwie gewinnbringend verbissener. Hunt, gemeinsam mit seinen beiden Sidekicks Luther und Benji (in herrlich entspannter, serientauglicher Selbstironie: Simon Pegg und Ving Rhames), ist sozusagen das Bermudadreieck für alle Weltenvernichter, Terroristen und psychopathische Besserwisser, die  nach dem Homöopathie-Prinzip „Bevor es besser wird, soll es noch mal so richtig schlimmer werden“ vorgehen wollen. Eine Herangehensweise, die der Superagent mit der schier unerschöpflichen Energie wie ein Duracell-Hase nicht ganz so sehr zu schätzen weiß – und den finsteren Gesellen, die gerne mit Atombomben jonglieren, ein A für ein U vormacht. Und wenn das nicht klappt, einfach drauflos rennt, boxt, feuert und fahrbare Untersätze bis an die Grenze der Belastbarkeit malträtiert.

Jede Episode – mittlerweile sind wir bei Nummer 6 – hat so seine Schauplätze. Meist Städte, die fremdenverkehrstauglich und stets das kulturelle Erbe wertschätzend in Tages- und Nachtlicht gerückt werden. In den Gassen und allseits bekannten Gebäuden dann Action der guten alten Schule, hemdsärmelig und angestrengt. Theoretisch ist uns Zusehern natürlich klar, wie das Gerangel ausgehen wird, doch das Kino der Franchise-Agenten wäre nicht das Kino der Franchise-Agenten, laden nicht all die handwerklich perfekt inszenierten Event-Kapitel zum Mitfiebern ein. Nicht zuletzt ein großes Verdienst von Mr. Cruise höchstpersönlich, welchem sein gewieftes, scheinbar niemals alterndes Alter Ego ein echtes Anliegen zu sein scheint. Klar, die Mission: Impossible-Reihe ist mittlerweile Cruises Brotjob geworden, damit verdient er die meiste Kohle, und da hinein buttert er auch säckeweise eigenes Geld im Rahmen seiner Produktionsfirma. Einige Faktoren also, die den energischen Zappelphilipp und scheinbaren Jungspund die Sache nicht ganz egal sein lassen.

Mission: Impossible – Fallout ist ein dankbarer Knochenjob mit nur wenigen Überraschungen – und das ist gut so. Bei Mission: Impossible – Fallout ist der rote Teppich der Erwartungshaltung bereits gelegt, und wird weder untergraben noch gestört. Der episodenverwöhnte Zuschauer bekommt, was er erwartet, und unterhält sich zweieinhalb Stunden geradezu prächtig, während der Stakkato-Zickzackkurs der Handlung zwischen lässigem Understatement-Management der Gefahrenlage und verzweifelten Hetzjagden hin und herpendelt. Handwerklich staubfrei geschnitztes Agentenkino, das in gewohnt straffer Dramaturgie von einer ausweglosen Situation zur nächsten sprintet. Hinterfragen darf man den Plot aber lieber nicht, die Notwendigkeit des engmaschigen Konzepts von Tarnen und Täuschen, um zum Ziel der Geschichte zu gelangen, ziehe ich mal vorsichtig in Zweifel, um nicht das ganze Kartenkonstrukt an bemühter Verstrickung zum Einsturz zu bringen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Womöglich unterlag Mission: Impossible – Fallout der gleichen mathematischen Formel wie Brian de Palma´s Erstling: Wie lassen wir es krachen, wohin sollen wir reisen, und wie bauen wie die Geschichte drumherum? Die Stunts, die waren sicher als erste da – und Tom Cruise als Selfmade-Gefahrenjunkie ganz vorne mit dabei. Dabei freut er sich wie ein kleiner Junge, der Räuber und Gendarm spielen darf, nach- und wegläuft, aus Flugzeugen fällt und keine Ahnung vom Fliegen eines Hubschraubers hat, was ihn letzten Endes bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Dem smarten Scientologen (geht das überhaupt?) dabei zuzusehen, wie er sich abstrampelt, hat etwas Mitreißendes. Immer noch hat er’s drauf, und die lausbübische kindliche Gerechtigkeit in uns will so gerne mit dabei sein, wenn Unmögliches möglich wird – so vibriert und blinkt der Notfallbutton für alters- und zynisch befreites spannendes Eventkino, dass sich glücklicherweise nicht schon nach 5 Sekunden selbst zerstört, sondern zweieinhalb Stunden erstklassig routiniertes Retro-Hunting liefert, eingebettet in den ohrenbetörenden Klängen Lalo Schifrins, die Tom Cruise´s Steckenpferd zu einem wohltrainierten Wildpferd striegeln.

Mission: Impossible – Fallout

XXX: Die Rückkehr des Xander Cage

EINEN KORB FÜR STALLONE

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Ob Boliden-Macho und Riddick-Krieger Vin Diesel dem Angebot von Silvester Stallone für Expendables 4 wiederstehen kann? Womöglich ja. Denn die Expendables, die hat er selber. Zufälligerweise hat die charmante Glatze mit der vibrierenden Grabesstimme nach langjährigem Zaudern und der halbgaren Fortsetzung mit dem weniger sympathisch dreinblickenden Ice Cube doch noch das angebotene Honorar der Paramount abgenickt. Für hartgesottene Actionfans könnte es zu einem zweiten Weihnachten werden. Für das legendäre Produktionsstudio ist es ein Liebäugeln mit Stallones Erfolg auf Basis einfach gestrickten Krawumm-Teamworks. Mit dem Unterschied, dass XXX: The Return of Xander Cage nicht mit dem illustren Who is Who der Rentnergang aufwarten kann. Anstelle von van Damme, Dolph Lundgren, Chuck Norris oder gar Mel Gibson darf Vin Diesel exotische Models um sich scharen, die mit grünen Haaren, sportlichen Tops und ausreichend Know-How im Zielschießen den stiernackigen Actionhelden tatkräftig unterstützen. Damit geht nun unweigerlich die Selbstironie, die Schwarzenegger und Lundgren draufhatten, fast zur Gänze flöten. Humorlos ist der klassische Kracher aber trotzdem nicht. Das könnte er sich bei seinem trashigen Plot und der abgedroschenen Agentenstereotypie auch nicht wirklich leisten. Ernstzunehmen ist hier gar nichts mehr. Das Videotheken-Actionkino der Achtziger feiert wieder einmal fröhliche Urstände, und wäre es damals nicht Vin Diesel, dann wäre es Steven Seagal gewesen.

D. J. Caruso´s unfreiwillige Supereliten-Parodie ist eine anspruchslose Muskelkinoversion von Ein Colt für alle Fälle oder Suicide Squad. Wer hier nicht zum Bier greift, ist selber schuld. Und wer aber nebenbei ein Kreuzworträtsel lösen möchte, kann dies allerdings auch tun. XXX überfordert nicht. In seiner nicht unsympathischen Banalität bleibt der zweite Aufguss aber weit hinter Rob Cohens innovativem Erstling zurück. Zu stark ist der Einfluss der reanimierten Zoffabenteuer Stallones bemerkbar. Selbst der einnehmende Donnie Yu, der erst kürzlich als Chirrut Imwe in Rogue One – A Star Wars Story den Rebellen zu den Plänen des Todessterns verholfen hat, ist zwar gern gesehen, entspricht aber in seinem Filmcharakter den augenzwinkernden Auftritten von Jet Li. Und der Cameo von Ice Cube als völlig aus der Luft gegriffene Lösung aller Probleme hat fast schon Chuck Norris-Niveau. Wahrscheinlich, und das kann ich nicht mit Sicherheit beurteilen (da ich keinen Teil der The Fast & the Furious-Reihe gesehen habe), ähnelt XXX in seiner plumpen Austauschbarkeit der KFZ-Zerstörungsorgie so sehr, dass manch einer die beiden Franchises mittlerweile leicht verwechseln kann. Auch hier gehen Autos zu Bruch, und der abstürzende Kotzbomber, der den Babynator in der Schwerelosigkeit hantieren lässt, würde als zumindest am Boden rollendes Gefährt beim Ensemble der Furiosen sicherlich auch Gefallen finden. Zwei The Fast & the Furious-Filme gleichzeitg ins Kino zu bringen ist sicherlich keine gute Idee, also schnell noch das dreifache X gegen die Automarke tauschen und schon kann die Post abgehen.

Das neue Kräftemessen zu Wasser und zu Land lässt es also vorallem gegen Ende gehörig und ununterbrochen krachen und beschenkt übermüdete Vollzeitbeschäftigte an Feierabenden mit plakativen, bunten Bildern, Machofantasien und einem bizarren Samuel L. Jackson, der den Fußballer Neymar als Triple X abwerben will. Action für heranwachsende Halbstarke und solche, die es manchmal noch gerne sein würden. Kann aber auch sein, dass auch diese den Stunt- und Projektil-Zirkus als nicht mehr ganz zeitgemäße Intelligenzbeleidigung empfinden.

 

XXX: Die Rückkehr des Xander Cage