The Guilty

IM ZWEIFEL FÜR DEN ANRUFER

8/10

 

theguilty© 2018 Nikolaj Møller

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: GUSTAV MÖLLER

CAST: JAKOB CEDERGREN, JAKOB ULRIK LOHMANN, MORTEN THUNBO U. A. 

 

Um einen perfekten Film zu machen braucht man (außer einem guten Buch) eigentlich nicht viel. Im Grunde sogar fast gar nichts. Eine Kamera, eine Schauspielerin oder einen Schauspieler, eine Location. Diese könnte auch nur ein Auto sein. Was man aber mit Sicherheit braucht, ist ein Telefon. Oder mehrere. No Turning Back mit Tom Hardy war so ein Film. Ein Mann in seinem Vehikel, eine Fahrt durch die Nacht. Am Hörer: alle möglichen Leute, die mit Hardys Schicksal zu tun haben werden. Die Rechnung für so ein minimalistisches Konzept, die ging damals tatsächlich auf. Auf den Dialog kommt es an. Auf einen roten Faden. Und dem Charisma des einen Schauspielers, der es schafft, trotz fehlendem Gegenüber unterschiedlichste Emotionen aus dem Ärmel zu schütteln. Hardy konnte das. Jakob Cedergren im Telefonthriller The Guilty kann das auch.

Weniger ist mehr. Den Überblick verliert man in Gustav Möllers Kammerspiel wirklich nicht. Und das ist gut so. Der dänische Knüller beweist sich als eine willkommene Abwechslung von Filmen, die sich in ihrer Ambition, ordentlich Inhalt zu kreieren, in Konfusion verlieren. The Guilty behält als filmischer Einakter einen klaren Kopf, und holt heraus, was aus seinem Potenzial herauszuholen ist, ohne prätentiös zu wirken. Die Dänen, die können das. Ihre Werke sind oft Kunststücke einer überlegten Strategie. Der Stoff, aus dem ambivalente Filme sind, die nicht zwingend Norm-Parameter erfüllen, entfaltet sich dann ganz von selbst. In The Guilty hat die Geschichte eine ganz besondere Eigendynamik. Das Erstaunliche: alles, was hier passiert, wirkt plötzlich. Man könnte meinen, The Guilty ist ein unmittelbares Dialog-Happening, fast schon eine Live-Schaltung, ein Stück Dokusoap über einen strafversetzten Polizisten, der im Innendienst Notrufe entgegennehmen muss und dann einen Anruf erhält, der den Dienstschluss um einige Zeit nach hinten verschieben wird. Am anderen Ende der Leitung: eine Frauenstimme – verzweifelt, weinerlich, angsterfüllt. Die Dame ist entführt worden. Dann, nach mehreren Calls und Backcalls wird der Fall immer klarer, und Polizist Asger immer tiefer in einen Fall hineingezogen, der seine Kompetenzen bei weitem übersteigt und der ihn auch ganz persönlich immer mehr in die Extreme treibt, ohne dabei einen kühlen Kopf zu bewahren. So zumindest scheint es.

Und dann? Dann ist The Guilty mehr ein Hörspiel als ein Film. Diese Hybriden gibt es. Hörfilme, wenn man so will. Hätten wir für Möllers Film kein Bild, würde er allerdings genauso funktionieren. Das Unsichtbare gegenüber am Telefon fasst in Worte, was wir nicht sehen und uns umso stärker vorstellen können. The Guilty entfaltet einen ganz speziellen Sog in eine imaginäre Realität im Kopf. Bei No Turning Back war das längst nicht so stark. Die zweite Ebene des Hörens und Vorstellens ist von einnehmender Gewichtigkeit, fast rückt der kahle Büroraum mit den Bildschirmen und dem Kunstlicht in immer weitere Ferne, das Hörbild übernimmt die Führung. Bis Stille einkehrt und Jakob Cedergrens grübelndes Konterfei wieder den Ist-Zustand dominiert. So switcht das filmische Experiment hin und her, hat fast schon eine interaktive Funktion. Darüber hinaus wagt sich der Thriller auch inhaltlich an einen klugen Diskurs über die Frage nach Schuldigen, Tätern und Opfern. Klar deklarieren lässt sich hier keiner der Involvierten, und wenn doch, dann ist das Spektrum des Gehörten und voreilig Gerurteiltes nur das Segment eines Ganzen, einer nachtschwarzem, verregneten Grauzone, die in beeindruckender Nuancierung narrative Kreativität entfacht, die ausladende Event-Filme manchmal kaum ansatzweise erreichen.

The Guilty

Die Agentin

DIE SPIONIN, DIE MICH LIEBTE

4,5/10

 

dieagentin©  2019 Luna Filmverleih

 

LAND: DEUTSCHLAND, ISRAEL, FRANKREICH, USA 2019

REGIE: YUVAL ADLER

CAST: DIANE KRUGER, MARTIN FREEMAN, CAS ANVAR, ROTEM KEINAN, LANA ETTINGER U. A.

 

Sie war der Grund für die Vernichtung Trojas und ein fiktiver Filmstar der Nazis aus einer alternativen Vergangenheit. Jetzt ist sie auch noch Agentin des Mossad geworden. Diane Kruger, deutscher Export nach Hollywood, sehr souverän, sehr professionell – eine gute Schauspielerin. Natürlich kommt es auch auf die Regie und auf den Film an. Bestes Beispiel für eine Diskrepanz zwischen Cast und filmischer Ausführung wäre das Spionagedrama Die Agentin unter der Regie des israelischen Filmemachers Yuval Adler. Ein Film, der sich anfühlt wie ein waschechter John Le Carré. Zumindest anfangs. Tatsächlich aber beruht das entschleunigte Politdrama auf Yiftach Reicher Atirs Bestseller The English Teacher, und Adler selbst hat das Drehbuch hierfür adaptiert. Als Bestseller wird die melodramatische Geschichte, die zaghaft ins Bourne-Universum schielt, mit dem Timing wohl kaum seine Probleme haben. Die Verfilmung hat das allerdings schon. Vergleichbar wäre das mit einem Autor, der sein Notizbuch vollkritzelt, auf den letzten Seiten selbiger erst so richtig in Fahrt kommt und sich das Ende gedanklich aufzeichnen darf, weil einfach die letzten Seiten dafür fehlen, um es niederzuschreiben. Aber gut, alles der Reihe nach. Womit haben wir es eigentlich zu tun?

Neben Diane Kruger erfreulicherweise auch mit „Bilbo“ bzw. „Watson“ Martin Freeman. Der agiert als Mittelsmann beim Mossad, quasi als Betreuer von Agentin Rachel, die nach einem privaten Aufenthalt in London plötzlich spurlos verschwindet. Coach Freeman erhält lediglich eine Nachricht auf der Mailbox. Der Rest des Films besteht aus manchmal schwer unterscheidbaren Rückblicken auf all die Geschehnisse, die sich zuvor abgespielt haben – und die sind mitunter romantischer Natur, da Rachel in Teheran, wo sie als Spionin fungiert, einen Geschäftsmann (Cas Anvar aus der Sci-Fi-Serie The Expanse) kennenlernt, der bald auch ihr Liebhaber wird. Solche Liaisonen belasten die Arbeitsqualität als Spion natürlich immens, und vorwiegend emotional. Und lässt auch so manchen ungern Ermordeten zurück. Nähe sollte man als Profi also tunlichst nicht zulassen. Aber wer ist schon sein Leben lang durch die Bank immer nur Profi? Man ist ja schließlich auch Mensch. Und als Mensch hat man Gefühle – Befehle, Missionen oder sonst irgendwelche Aufträge für den Staat hin oder her.

Der wirkliche Zünder ist Die Agentin nicht geworden. Wie bereits erwähnt: Das Timing ist das Problem, denn anfangs hält sich Adler unglaublich lange damit auf, die beginnende Beziehung der beiden Hauptfiguren fast schon in Form einer Romanze voller relevanter Geheimnisse mit einer allzu sorglos entspannt zu beschreiben. Irgendwann wird er wohl gemerkt haben, dass ihm die Zeit davonläuft und die Story nicht so wirklich in die Gänge kommt, also wird im letzten Drittel noch alles auf eine Karte gesetzt. Um den Film scheinbar aus heiterem himmel abrupt zu beenden. Als wäre der Speicher voll, der Akku leer oder eben das Ringbuch fürs Skript ausgeschrieben. Oder kommt da noch was? Womöglich Die Agentin 2? An sich wäre das Ende gut geeignet für den Cliffhanger eines weiteren, relativ austauschbaren Serienformats, das sich sein Fernsehpublikum für Staffel 2 sichern will. Für einen Film hinterlässt das abgeschnippelte offene Ende ein unrundes Gefühl. Da fehlt ganz einfach ein ganzer Brocken, was das Thrillerdrama relativ undurchdacht und ziemlich fehlkonzipiert zurücklässt. Endet das Buch genauso? Kann ich nicht beurteilen, nur wenns so wäre dürfte mir so manches Detail aus welchem Grund auch immer entgangen sein.

Die Agentin

Game Night

DIE WOLLEN NUR SPIELEN

5/10

 

GAME NIGHT© 2017 Warner Bros. Ent. Inc.

 

LAND: USA 2018

REGIE: JOHN FRANCIS DALEY, JONATHAN GOLDSTEIN

MIT JASON BATEMAN, RACHEL MCADAMS, JESSE PLEMONS, KYLE CHANDLER U. A.

 

Spieleabende – ja, die kenn ich. Eine erlesene Auswahl an sozial kompetenten Freunden, jeder bringt etwas mit, ob Bier oder Naschkram, und dann dauert das Ganze bis spät in die Nacht. Wie die Wohnung hinterher aussieht, das wage ich nicht zu beschreiben. Jedenfalls ist das Chaos danach meist nicht ganz so nachhaltig wie bei diesem Live-Act-Agentenspiel von Schnöselbruder Brooks aka Kyle Chandler, der die Spieleabende von „Max“ Jason Bateman nur zu gut kennt und unbedingt noch eins draufsetzen will, was Exklusivität betrifft. Blöd nur, dass genau zur selben Zeit nicht nur Fake-Kriminelle, sondern auch tatsächliche böse Buben unterwegs sind, und die alle gemeinsam das selbe Ziel haben – den Spieleabend zu crashen. Das Verwirrspiel ist alsbald perfekt, die Regeln des Spiels kennt sowieso niemand mehr und so gut wie alle, die man nicht beim Namen kennt, sind Teil der Spielidee.

Regie-Jungspund John Francis Daley, der den unsäglichen Neuaufguss des Griswolds-Klamauk zu verantworten hat, gibt sich in Game Night zum Glück etwas weniger derb, obwohl auch hier vulgäre Kalauer ihre Sendezeit bekommen. Die Idee, ein Detektivspiel aus dem Ruder laufen zu lassen, gabs schon in Robert Moore´s Eine Leiche zum Dessert. Die Gäste waren damals allesamt ikonische Schnüfflerpromis, die tatsächlich einen Mord aufzuklären hatten. In Game Night wird der Gastgeber entführt – und keiner der Anwesenden hat das Zeug zum Hobby-Sherlock Holmes. Dabei ahnt noch keiner, dass die Hopsnahme des überheblichen Bruders längst nicht mehr Teil der gebuchten Show ist. Entsprechend gelangweilt kommen die Freunde in die Gänge, entsprechend konfus gestaltet sich die Lösung des Falls. Und entsprechend den Erwartungen passieren Dinge, die einfach passieren müssen, ohne zu überraschen. Die Krimikomödie verschenkt ihr Mehr-Schein-als-Sein-Potenzial, hält den hakenschlagenden Hasen an den Hinterläufen und bemüht sich nicht mal, die Vorhersehbarkeit des scheinbar Unvorhersehbaren zu unterlaufen.

Viel mehr lässt sich über Game Night nicht berichten. Boulevardkomödien im Kellertheater sind kurioser, lassen den Spaß an der Verwechslung auch so richtig von der Leine. Das kann die nächtliche Eskapade mit Schauspielern in gewohnt routinierter Panik nur ansatzweise für sich nutzen. Dass da mehr drin gewesen wäre, liegt vielleicht wirklich am Ensemble, oder an der Selbstzufriedenheit des Regisseurs – oder überhaupt in der Wahl des Spiels. Aber so sind die Regeln. Und man geht nicht zu einem Spieleabend, um sie zu brechen. Man inszeniert auch keine Komödie, um neue Regeln aufzustellen. Da haben die Filmemacher wohl etwas verwechselt – oder nicht? Wie auch immer – ist mal ein Film vonnöten, der angenehm unterfordert und nicht so perfide hinters Licht führt wie David Fincher´s The Game, dann ist Game Night genau die richtige Wahl. Zündende Ideen für das eigene spielerische Freundeskreis-Revival sucht man allerdings vergebens.

Game Night

Mission: Impossible – Fallout

EIN TOM FÜR ALLE FÄLLE

7/10

 

null© 2018 Paramount

 

LAND: USA 2018

REGIE: CHRISTOPHER MCQUARRIE

CAST: TOM CRUISE, SIMON PEGG, VING RHAMES, REBECCA FERGUSON, HENRY CAVILL, VANESSA KIRBY, ANGELA BASSETT, ALEC BALDWIN U. A.

 

Wenn die Welt Gefahr läuft, vernichtet zu werden, war früher einmal keiner der Regierenden zweimal überlegt, das rote Telefon anzuwählen und James Bond anzurufen. Neuerdings wäre es nicht verwunderlich, wenn der nervös zitternde Finger kurz mal über den Tasten des Fernsprechgeräts innehält, um nicht vielleicht doch im Register des Telefonbuchs weiterzugehen und 007 dort zu belassen, wo er gerade ist. Besser wäre es vielleicht, die Nummer von Ethan Hunt anzuwählen – dieser Mann nämlich scheint noch unermüdlicher zu sein als der legendäre britische Gentleman-Agent, darüber hinaus noch zeitgeistiger, mehr risikogefährdet und irgendwie gewinnbringend verbissener. Hunt, gemeinsam mit seinen beiden Sidekicks Luther und Benji (in herrlich entspannter, serientauglicher Selbstironie: Simon Pegg und Ving Rhames), ist sozusagen das Bermudadreieck für alle Weltenvernichter, Terroristen und psychopathische Besserwisser, die  nach dem Homöopathie-Prinzip „Bevor es besser wird, soll es noch mal so richtig schlimmer werden“ vorgehen wollen. Eine Herangehensweise, die der Superagent mit der schier unerschöpflichen Energie wie ein Duracell-Hase nicht ganz so sehr zu schätzen weiß – und den finsteren Gesellen, die gerne mit Atombomben jonglieren, ein A für ein U vormacht. Und wenn das nicht klappt, einfach drauflos rennt, boxt, feuert und fahrbare Untersätze bis an die Grenze der Belastbarkeit malträtiert.

Jede Episode – mittlerweile sind wir bei Nummer 6 – hat so seine Schauplätze. Meist Städte, die fremdenverkehrstauglich und stets das kulturelle Erbe wertschätzend in Tages- und Nachtlicht gerückt werden. In den Gassen und allseits bekannten Gebäuden dann Action der guten alten Schule, hemdsärmelig und angestrengt. Theoretisch ist uns Zusehern natürlich klar, wie das Gerangel ausgehen wird, doch das Kino der Franchise-Agenten wäre nicht das Kino der Franchise-Agenten, laden nicht all die handwerklich perfekt inszenierten Event-Kapitel zum Mitfiebern ein. Nicht zuletzt ein großes Verdienst von Mr. Cruise höchstpersönlich, welchem sein gewieftes, scheinbar niemals alterndes Alter Ego ein echtes Anliegen zu sein scheint. Klar, die Mission: Impossible-Reihe ist mittlerweile Cruises Brotjob geworden, damit verdient er die meiste Kohle, und da hinein buttert er auch säckeweise eigenes Geld im Rahmen seiner Produktionsfirma. Einige Faktoren also, die den energischen Zappelphilipp und scheinbaren Jungspund die Sache nicht ganz egal sein lassen.

Mission: Impossible – Fallout ist ein dankbarer Knochenjob mit nur wenigen Überraschungen – und das ist gut so. Bei Mission: Impossible – Fallout ist der rote Teppich der Erwartungshaltung bereits gelegt, und wird weder untergraben noch gestört. Der episodenverwöhnte Zuschauer bekommt, was er erwartet, und unterhält sich zweieinhalb Stunden geradezu prächtig, während der Stakkato-Zickzackkurs der Handlung zwischen lässigem Understatement-Management der Gefahrenlage und verzweifelten Hetzjagden hin und herpendelt. Handwerklich staubfrei geschnitztes Agentenkino, das in gewohnt straffer Dramaturgie von einer ausweglosen Situation zur nächsten sprintet. Hinterfragen darf man den Plot aber lieber nicht, die Notwendigkeit des engmaschigen Konzepts von Tarnen und Täuschen, um zum Ziel der Geschichte zu gelangen, ziehe ich mal vorsichtig in Zweifel, um nicht das ganze Kartenkonstrukt an bemühter Verstrickung zum Einsturz zu bringen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Womöglich unterlag Mission: Impossible – Fallout der gleichen mathematischen Formel wie Brian de Palma´s Erstling: Wie lassen wir es krachen, wohin sollen wir reisen, und wie bauen wie die Geschichte drumherum? Die Stunts, die waren sicher als erste da – und Tom Cruise als Selfmade-Gefahrenjunkie ganz vorne mit dabei. Dabei freut er sich wie ein kleiner Junge, der Räuber und Gendarm spielen darf, nach- und wegläuft, aus Flugzeugen fällt und keine Ahnung vom Fliegen eines Hubschraubers hat, was ihn letzten Endes bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Dem smarten Scientologen (geht das überhaupt?) dabei zuzusehen, wie er sich abstrampelt, hat etwas Mitreißendes. Immer noch hat er’s drauf, und die lausbübische kindliche Gerechtigkeit in uns will so gerne mit dabei sein, wenn Unmögliches möglich wird – so vibriert und blinkt der Notfallbutton für alters- und zynisch befreites spannendes Eventkino, dass sich glücklicherweise nicht schon nach 5 Sekunden selbst zerstört, sondern zweieinhalb Stunden erstklassig routiniertes Retro-Hunting liefert, eingebettet in den ohrenbetörenden Klängen Lalo Schifrins, die Tom Cruise´s Steckenpferd zu einem wohltrainierten Wildpferd striegeln.

Mission: Impossible – Fallout

Vor uns das Meer

MÜNCHHAUSEN STREICHT DIE SEGEL

7,5/10

 

VOR UNS DAS MEER© 2018 STUDIOCANAL GmbH

 

ORIGINAL: THE MERCY

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JAMES MARSH

MIT COLIN FIRTH, RACHEL WEISZ, DAVID THEWLIS, KEN STOTT, MARK GATISS U. A.

 

Das Subgenre des nautischen Kinos hat bereits so einige sehenswerte Werke vorzuweisen, die noch dazu meist auf Fakten beruhen. Da brauchen die Masterminds am Drehbuch gar nicht mal wirklich viel brainstormen, die Geschichten der privat motivierten Abenteurer, Entdecker und Aussteiger müssen nur gut recherchiert werden, da findet sich einiges. Zum Beispiel – und vielleicht sogar noch im Kino zu sehen: die True Story eines jungen Paares, das nach einem Sturm so ziemlich verloren in den Weiten des Pazifiks herumschippert. Shaileene Woodley gibt da in Die Farbe des Horizonts eine überzeugend verzweifelte Performance ab. Noch nie allerdings hat das Kino eine Geschichte erzählt wie in Vor uns das Meer, inszeniert von James Marsh, der bereits mit Die Entdeckung der Unendlichkeit Eddie Redmayne alias Stephen Hawking zum Oscar verholfen hat. Das britische, konventionell erzählte Drama in stimmigem 60er-Jahre-Kolorit ist längst nicht nur ein Abenteuerfilm, und schon gar kein Survival-Drama. Der im Original als The Mercy betitelte, biographische Streifen ist so tragisch wie faszinierend, und wenn die Geschichte nicht wahr wäre, dann wäre sie eine brillant erfundene Ballade auf falschen Stolz, abstrakter Sehnsüchte, Ruhm und den Horror medialen Drucks.

Colin Firth, der wohl distinguierteste Gentleman im Promipool des britischen Kinos, spielt in diesem Abgesang auf den Seemann, der das Träumen lieber lassen hätte sollen, den Erfinder und Geschäftsmann Donald Crowhurst, dreifacher Vater und liebevoller Ehemann, der im Grunde ohnehin alles realisiert, was ihm durch den Kopf geht, und stets noch mehr will, vielleicht um sich selbst oder den anderen zu beweisen, was für ein sagenhafter Virtuose des Alltags er doch nicht ist. Aber was heißt Alltag – Crowhurst will den Absprung aus dem Hamsterrad wagen und bewirbt sich für eine Segelregatta rund um den Erdball, die noch nie Dagewesenes menschenmöglich machen soll: Nämlich die Umrundung der Welt ohne Landgang. Crowhurst ist die Teilnahme an der schon theoretisch schweißtreibenden Challenge nicht genug – er lässt auch sein eigenes Boot bauen. Und immer ist noch nicht genug. Der verträumte Idealist mit dem Geltungsdrang eines Superhelden lässt sich von der Presse hofieren und verpfändet für die Finanzierung seines Traumes sogar Haus und Hof. Kleine Notiz am Rande: Der unruhige Tausendsassa hat als Seemann und Nautiker nicht die geringste Erfahrung. Und so tritt er eine Lawine aus Sensationslust, Erwartungen und Versprechungen los, aus dem es bald kein Entrinnen mehr gibt. Sponsoren und Gläubiger steigen dem kurz vor Abfahrt kneifenden Crowhurst ordentlich auf den Schlips. Die geweckten Hunde, die den Schlitten ziehen sollen, beginnen plötzlich zu beißen. Erfolg oder Untergang, heißt das sofortige Dogma. Nur die Familie, die bangt auf der Seite des Biedermanns, der sich wie Ikarus gnadenlos selbst überschätzt und höher fliegt, als die legendären Wachsflügel es erlauben.

Was folgt, ist die bittere, selbstzerfleischende Chronik eines siegeswilligen Münchhausen, der letzten Endes der Wahrheit ins Auge sehen muss, sei es aus Stolz oder Feigheit. Die Quadratur des Äquators ist aber etwas, was sich nicht verbiegen lässt, und so verharrt der verblendete Anti-Abenteurer in einem Fegefeuer, in dem es kein Vor und kein Zurück mehr gibt. Colin Firth liefert nach seinem bravourös stotternden Auftritt als britischer Monarch mit dem gescheiterten, von allen Göttern verlassenen Lügenbaron seine bislang beste Performance ab – die Angst, Panik, Hoffnungslosigkeit und die Gier nach einem Rettungsanker, der sich als quälende Fata Morgana der Erfüllung darstellt, steht Firth jede Sekunde ins Gesicht geschrieben. Ebenso die Überforderung, der Irrsinn, die schlussendliche Leere wie Lehre. die der einsame Mann aus seinem Handeln ziehen muss. Eine Story wie von Ernest Hemingway, ein Gleichnis wie aus der griechischen Mythologie, ein Requiem auf das Prinzip Abenteuer. Wer wagt, gewinnt also auch nicht immer.

Vor uns das Meer