28 Days Later

DAS VIRUS IST EINE INSEL

7/10


28-days-later© 2002 Twentieth Century Fox


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2002

REGIE: DANNY BOYLE

SCRIPT: ALEX GARLAND

CAST: CILLIAN MURPHY, NAOMIE HARRIS, BRENDAN GLEESON, MEGAN BURNS, CHRISTOPHER ECCLESTON, NOAH HUNTLEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Wir können wirklich froh sein, dass uns „lediglich“ Corona in der Mangel hat, und nicht sowas wie das hier: ein künstliches Virus, das den Homo sapiens bis zur Weißglut treibt und dabei auch noch darauf schaut, dass dieser genug Sport macht. Da hilft kein Lockdown für Ungeimpfte mehr, weil diese Sorte Querdenker würde jede Bude stürmen, gäbe es dort noch Zweibeiner, die man beißen kann. Diese aufgrund menschlicher Dummheit entfachte Endemie hat das Pech, in Großbritannien ausgebrochen zu sein. Das Vereinigte Königreich ist schließlich eine Insel, und übers Meer kommt das Killervirus auch nicht, da dieser nur – Gott sei Dank – über Blut und Speichel übertragen werden kann. Die Aerosole lachen sich dabei ins Fäustchen, die haben’s mit Corona besser erwischt. Aber gut: der Rest der Welt muss nun zusehen, wie die Briten vor die Hunde gehen.

Einer, der noch keine Ahnung davon hat, was Sache ist, erwacht eines Tages in einem leergefegten Krankenhaus, am Tropf hängend und splitternackt. Im Ärztekittel steht Jim dann alsbald auf den leergefegten Straßen Londons und ruft seine Hallos in die Runde – niemand antwortet. Ein Bild, das mittlerweile in die Filmgeschichte eingegangen ist. Vor einiger Zeit hätte man noch sagen können: Ein Bild, das den Lockdown ganz gut skizziert. Aber das hier ist Endzeit pur – von der Sorte, die niemand seinem schlimmsten Feind wünschen würde. Denn richtig verquer wird die Lage erst, als Jim die Beine in die Hand nehmen muss. Die Zombies aus 28 Days Later sind nämlich keine torkelnden traurigen Gestalten mit halb verwesenden Leibern, sondern instinktgetriebene Aggro-Bürger, die im Urban Running wohl Bestzeiten schreiben würden.

Nach zwei Jahren Corona, wo wir alle schon etwas pandemiemüde geworden sind, ist Danny Boyles zackig geschnittener und manchmal sehr chaotisch herumfuchtelnder Videoclip-Horror genau der richtige Absacker. Wie es aussieht, haben wir das Schlimmste vielleicht hinter uns, also könnte diese Schreckensvision aus den frühen 2000er Jahren nicht mehr zwingend für schlaflose Nächte sorgen. Düster ist der apokalyptische Entwurf aber dennoch. Und das deswegen, weil der aus dem menschlichen Verhalten herausdestillierte blanke Hass das Zeug zum lähmenden Schreckgespenst hat. Wer bisher Zombies stets belächelt hat, lernt bei diesen ausrastenden Normalbürgern ein bisschen das Fürchten. Die unkontrollierte Wut und die Gewalt im Affekt ist im Grunde auch das, was uns Abstand halten lässt vor verhakltensauffälligen Fremden. Mit diesen Instinkten probieren Boyle und Drehbuchautor Alex Garland (u.a. Auslöschung) freudig herum, zumindest anfangs – um dann mit bizarrer Endzeit-Logik aufzuräumen. Mag sein, dass 28 Days Later Robert Kirkman und Tony Moore für ihre 2003 gestartete Graphic Novel The Walking Dead inspiriert haben. Auch hier droht die Gefahr nicht nur von außerhalb, sondern auch an der eigenen Front, die keinen Schulterschluss mehr zulässt, weil jeder so seinen eigenen Entwurf von der Rettung der Menschheit hat. Das macht Boyles Film psychologisch interessant und Cillian Murphy in seiner großen Erfolgsrolle zum schlaksigen, stets am Rande der Erschöpfung befindlichen Helden, der bereits erlernte humane Werte nicht einfach so über Bord wirft.

Über Bord wirft Danny Boyle aber manchmal so einige plausible Wendungen, die für das Andrehen so mancher Spannungsschraube geopfert werden. Hätte gar nicht mal sein müssen, da 28 Days Later seine Qualitäten nicht aus dem Suspense bezieht, sondern aus dem von einem unheilvollen Score unterlegten, hilfeschreienden Panorama einer sich selbst aufzehrenden Anarchie.

28 Days Later

The Limehouse Golem

EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER

4/10


limehousegolem© 2000-2017 Concorde Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: JUAN CARLOS MEDINA

CAST: BILL NIGHY, OLIVIA COOKE, DOUGLAS BOOTH, DANIEL MAYS, SAM REID, EDDIE MARSAN, MARIA VALVERDE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Dem Briten Bill Nighy, selbst wenn er mal keinen „Kraken-Bart“ trägt, sieht man durchaus gerne zu. Seine aufgeräumte, distinguierte Art ist ein befriedigendes Gegengewicht zum hinterlassenen Chaos eines Serienmörders, der im London des viktorianischen Zeitalters – also womöglich gegen Ende des 19. Jahrhunderts – sein Unwesen treibt. Epizentrum der schändlichen Taten sind die Docklands der Stadt, auch als Gemeinde Limehouse bekannt. Dorthin wird Inspektor Kilday – eben Bill Nighy – zitiert, um sich entsetzlich entstellte Leichen anzusehen, deren Art der Quälerei aber einem gewissen künstlerischen Konzept folgen. Nighys Mimik sei dabei zu beachten, wenn er vor dem Unaussprechlichen steht – gerade mal aus Fassungslosigkeit geweitete Augen sind das Einzige, was vermuten lässt, dass auch diesen hartgesottenen Kriminalbeamten nicht alles kaltlässt.

Bei seinen Ermittlungen macht er alsbald Bekanntschaft mit einer Varietékünstlerin namens Elizabeth Cree, die ihren Ehemann vergiftet haben soll, der wiederum mit den Golem-Morden in Zusammenhang stehen könnte. Weiters findet der findige Inspektor ein Tagebuch, dass die Morde beschreibt – und er muss sich beeilen: Denn es könnte sein, dass die des Mordes beschuldigte junge Dame statt ihrer Hinrichtung Strafmilderung erfahren könnte, wenn bewiesen wird, dass diese das Kapitalverbrechen nur begangen hat, um die Golem-Morde enden zu lassen.

Ein Serienkiller-Thriller, schön und gut. Mit verregneten Londoner Gassen, Kutschen und jede Menge Zylinder. Weiters mit düsteren Zimmern und blutigen Details. Doch mit einer überkonstruierten und langweiligen Story. The Limehouse Golem hätte prinzipiell genug Potenzial, seinen Mystery-Faktor entsprechend zu nutzen, Haken zu schlagen und auch Bill Nighy an seine Grenzen gehen zu lassen. Durch die Dominanz von Olivia Cooke gerät der Film aber zu einem leidlich interessanten Justizdrama, das sich viel zu sehr mit Rückblenden aufhält und eine fiktive Biografie erzählt, auf die der Zuseher eigentlich nicht wartet. Warum Cooke, die ihrer Rolle nicht annähernd so viele Facetten verleiht wie verlangt, so viel Spielzeit erhält, verwundert. Entfernt man die vielen Rückblenden, bleibt wenig über. Kaum ist eine abgedreht, kommt die nächste. Der Fall gerät ins Stocken. Bill Nighy weiß nichts Genaues, probiert seine Theorie mit verschiedenen Verdächtigen, die wir dann auch noch in einer alternativen Realität als Mörder sehen. Zu bemüht zieht sich diese Geschichte dann dahin, als wäre man ein ganzes Wochenende auf einem Mystery-Jahrmarkt mit einigen Geisterbahnen, die man längst durchhat, von dort aber nicht wegkommt und die Zeit totschlägt, bis das unglaubwürdige Finale die letzte Hoffnung auf eine Chance, hier doch noch mal mitgerissen zu werden, ausräumt.

Die Buchvorlage von Peter Ackroyd mag vielleicht besser sein, vielleicht auch, weil die Protagonisten anders angelegt sind. Die Verfilmung jedoch versucht vergebens, den Figuren die richtigen Prioritäten einzuräumen.

The Limehouse Golem

Last Night in Soho

EIN HORROR WIE DAMALS

7/10


lastnightinsoho© 2021 Universal Pictures International Germany

LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH / REGIE: EDGAR WRIGHT

CAST: THOMASIN MCKENZIE, ANYA TAYLOR JOY, MATT SMITH, DIANA RIGG, TERENCE STAMP, RITA TUSHINGHAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Zum ersten mal ist mir Thomasin McKenzie in Debra Graniks Aussteigerdrama Leave No Trace aufgefallen – und von da an gab’s kein Zurück mehr: Die junge Dame zählt mittlerweile zu den herausragenden Naturtalenten im Kino. Jetzt verbündet sie sich in Edgar Wrights neuestem Streich mit einer nicht weniger begabten Größe: Anya Taylor-Joy, den meisten wohl bekannt aus der Netflix-Miniserie Das Damengambit. Mit Esprit, Ausstrahlung und einem Sinn für Extravaganz meistert die junge Dame jedes Genre. Sie und McKenzie ergänzen sich auf einnehmende Weise, und dieses Double Impacts ist sich Wright jedenfalls so sehr bewusst, dass er um die beiden herum einen Film schneidert, der nicht nur die Puppets on a String tanzen lässt, sondern auf so leidenschaftliche Art Retro ist, dass man glatt vermuten könnte, ob Last Night in Soho nicht ein verschollen geglaubtes Machwerk aus der Hochzeit des Psychothrillers sein kann. Ist es natürlich nicht, aber Wright tut so als ob. Und es gelingt ihm.

Dabei verbeugt er sich bis zu den Schuhspitzen vor einem Meister, der nach Hitchcock wohl am besten verstanden hat, die bedrohliche Metaphysik der Wahrnehmung auf versponnene junge Damen (und auch Herren) niedersausen zu lassen: Roman Polanski. Da gab es eine Zeit, da war eines seiner perfiden Horrorszenarien besser als das andere. Ekel mit Catherine Deneuve zum Beispiel – die Studie einer labilen Persönlichkeit, die dem Wahnsinn verfällt. Der Mieter mit Polanski himself, der von seiner Wohnung in den Selbstmord getrieben wird. Mia Farrow in Rosemaries Baby hat‘s da gleich mit dem Teufel zu tun – oder doch nicht? Thomasin McKenzie als Eloise, die Unschuld vom Land, bildet das bisherige Ende einer Reihe denkwürdiger Auftritte. Von Mode und der Musik aus den Sechzigern fasziniert, reist sie nach London, um eine Fachschule zu besuchen. Dabei bezieht sie ein Zimmer im berühmt-berüchtigten Viertel Soho. Dieses Zimmer jedoch schleust sie des Nächtens in eine andere Zeit, nämlich in die Sechziger, um den Spuren der aparten Sandy zu folgen, die sich in einem Tanzlokal als Sängerin bewirbt. Das fängt alles ganz gut und schön an, und Eloise träumt sich gerne in die andere Welt, in der sie mitunter auch die Rolle der swingenden Blondine übernimmt. Doch irgendwann kippt das Ganze, und plötzlich ist die gute alte Zeit aus eleganten Kleidern, rhythmischer Musik und hochgesteckten Frisuren nicht mehr so das Gelbe vom Ei. Und all die Schwärmerei nimmt unangenehme Ausmaße an.

Mit Musik geht bei Wright immer alles besser. Das hat er schon in Baby Driver bewiesen. In Last Night in Soho (der Titel bezieht sich auf einen Song der Band Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich) sind nicht nur blinkende Neonreklamen, regennasse Straßen und darauf brummende Oldtimer die Kulisse für einen Paranoia-Thriller wie diesen, sondern eben auch der 60er Sampler, der mit sowohl unbekannten als auch ganz bekannten Stücken wie Petula Clarks Downtown eine immense Stimmung erzeugt, und zwar auch in Szenen, in denen Schreckliches mit lieblichem Sound konterkariert wird. Alles in diesem nostalgischen Grusel ist Kulisse, und das muss auch so sein: Wright will die Demaskierung einer verklärten Ära, in denen Frauen im Püppchen-Outfit den lüsternen Avancen eines uniformierten schlipstragenden Patriarchats willenlos ausgeliefert waren. #Metoo war da weit entfernt. Was für ein Jagdrevier wäre das für Carey Mulligans Figur aus Promising Young Woman gewesen? Doch die führt erst Jahrzehnte später unverändert unverhohlene Geilspechte an der Nase herum, während McKenzie erst lernen muss, was es hieß, als Frau Erfolg haben zu wollen.

Last Night in Soho orientiert sich auch an Werken von Nicolas Roeg oder sogar Quentin Tarantino, der mit Once upon a Time…in Hollywood die idealisierten Siebziger vorgeführt und dabei den Mut hatte, verklärtes Zeitkolorit intelligent zu untergraben. Wright tut das auch. Doch genug ist ihm das nicht. Mit ganz viel überzeichnet-schaurigem Hokuspokus bekleckert er seinen feministischen Thriller, der letzten Endes zwar nicht die Strategien kluger Wendungen neu konzipiert, seine beiden Stars aber in bevorzugt rotem Licht und mit viel Liebe fürs Zitat über einen Laufsteg des Grauens irren lässt.

Last Night in Soho

Locked Down

WAS TUN, WENN SONST NICHTS LOS IST

6,5/10


locked-down© 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Susan Allnutt


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: DOUG LIMAN

BUCH: STEVEN KNIGHT

CAST: ANNE HATHAWAY, CHIWETEL EJIOFOR, BEN KINGSLEY, BEN STILLER, STEPHEN MERCHANT, CLAES BANG, MINDY KALING, LUCY BOYNTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis sich Film und Fernsehen der seltsamen sozialen Anomalie eines sogenannten Lockdown annehmen würden. Bis vor zwei Jahren hätte wohl keiner daran gedacht, das sowas mal spruchreif wird. Dafür, dass dieses globale Ereignis uns Menschen in unserem Tun und Nicht-Tun so dermaßen beeinflusst hat, bleiben Produktionen, die darüber referieren, bislang ungewöhnlich rar. Es gibt zum Beispiel Songbird – ein direkt auf dem Streamingportal amazon prime veröffentlichter Streifen über ein Worst Case-Szenario in Sachen Covid-19. Kam leider nur zur falschen Zeit, als die reale Angst noch allen in den Knochen steckte und niemand, wirklich niemand, den Teufel an die Wand malen wollte. So gut kam der Film also nicht weg. Vielleicht die Sache lockerer angehen? Mit Publikumsliebling Anne Hathaway zum Beispiel, die sich für scharfzüngige Dialogkomödien eigentlich immer recht gut eignet? Hathaways Mitbewohner ist Chiwetel Ejiofor, groß geworden durch das Sklavendrama 12 Years a Slave. Sie, ganz Geschäftsfrau, ist CEO eines Schmuckriesen, während der Mann, bereits vorbestraft, als Kurier in einem Transportunternehmen schuftet. Linda und Paxton leben zwar noch unter einem Dach, sind aber bereits getrennt. Im Lockdown können beide schließlich nirgendwo hin. Linda macht Home Office, Paxton hingegen gibt sich mitunter die Dröhnung mit garteneigenen Mohnkapseln. Bis sein Chef anruft – Ben Kingsley im Videochat – und Paxton für einige pikante Aufträge engagieren will. Einer davon geht ins Kaufhaus Harrods (erstmals in einem Film!), wo wertvoller Klunker den Schauplatz wechseln soll.

Und wie sich das anbietet, einen Film zu drehen, in welchem die Hälfte des Cast eigentlich nur online zugeschalten wird. Kingsley, Ben Stiller und Co haben ihre kurzen und recht augenzwinkernden Auftritte selbst gedreht, mitunter saß der eine oder die andere tatsächlich im Lockdown fest. Doug Liman konnte sich also, unter Unterschreitung des ihm zur Verfügung gestellten Budgets, voll und ganz auf die Beziehungsgeschichte zwischen Hathaway und Ejiofor konzentrieren. Gekonnt machen beide auf Alltagstrott, fern liegt ihnen allerdings ein gewisser Seelenstriptease wie bei Malcolm & Marie. Hier hat alles eine gewisse resignierende, mit leicht sarkastischem Humor genommene Leichtigkeit, obwohl mitunter auch Aspekte erwähnt werden, die weniger spaßig sind. Drehbuchautor Steven Knight, der mit No Turning Back ja bewiesen hat, wie knackige Dialoge zu setzen sind, hat die ereignislose Zeit der Selbstreflexion mit der verlockenden Möglichkeit einer Gaunerei verknüpft. Da ein Lockdown ja sämtliche Normalzustände aushebelt, könnte es auch für ein Heist-Ding andere Umstände spielen. Und so würzt sich die Dramödie selbst mit einer launigen Robinhoodiade, die aber gar nicht so ins Detail gehen will. Was aber schade ist: A little less conversation, a little more action, wie es Elvis Presley wohl sagen würde, hätte diesem „Oceans Two“ zusätzlich noch gut getan. Natürlich irritiert darüber hinaus die inkonsequente Anwendung des Mund-Nasen-Schutzes, doch wie einen Film drehen, wenn alle verhüllt sind? Darüber hinwegzusehen fällt also nicht schwer, auch wenn man sich bereits schon hierzulande über sogenannte Nasen-Exhibitionisten wundert. Weniger hinwegsehen lässt sich über das schludrige und viel zu beiläufig auserzählte Finale des geplanten Coups. Ist mir das was entgangen? Womöglich, aber wen wunderts – es ist schließlich Lockdown.

Locked Down

Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker

DER GARTEN IST NICHT GENUG

6/10


peterhase2© 2021 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2021

REGIE: WILL GLUCK

CAST: ROSE BYRNE, DOMNHALL GLEESON, DAVID OYELOWO U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCH): CHRISTOPH MARIA HERBST, HEIKE MAKATSCH, JESSICA SCHWARZ, ANJA KLING U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Seit ein bekannter Elektronikriese das hoppelnde Saison-Maskottchen auch für die stillste Zeit des Jahres beansprucht hat, muss ein Hase nicht mehr zwingend mit österlichem Eiersuchen in Verbindung stehen. Prinzipiell wäre das zwar mit Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker so vorgesehen gewesen, doch Fellknäuel dieser Art haben auch in den Sommermonaten genug zu tun, also ist der auf zwei Pfoten dahinwackelnde Freigeist mit blauem Jäckchen ein Sommerhase erster Güte, umgeben von einer Entourage ebenfalls eingekleideter Haus- und Hoftiere, vom distinguierten Schwein bis zum geistig recht schlicht gestrickten Hirschen. Die fellfröhliche Truppe ist uns bereits aus dem ersten Film bekannt, da muss keiner mehr seinen Hofknicks machen, da lässt es sich gleich in die Vollen gehen. Einige wenige Neuzugänge gibt es, doch was wäre eine Fortsetzung ohne Charakterboni. Natürlich sind auch wieder Rose Byrne und der zum Glück diesmal weniger hölzerne Domnhall Gleeson mit dabei. Letzterer bemüht sich diesmal redlich, mehr wie eine schlaksige Zeichentrickfigur aus den Disneyfilmen zu fungieren, fast schon ein bisschen wie Dick von Dyke. Diese Anpassungen machen schon einiges aus, und tun der Fortsetzung sichtlich gut.

Der Plot selbst ist klarerweise nicht neu und erinnert stark an Toy Story 3, aber dennoch – darum geht´s: Kinderbuchautorin Bea hat mit ihrem Peter Hase-Büchlein einen guten Erfolg eingefahren. Die Fabel rund um einen Gartenkrieg in der Provinz, wo einem die Karotten nur so um die Ohren fliegen, kommt bei den britischen Familien ganz gut an. Wo sich allerdings Erfolg lukriert, sind andere Verleger nicht weit, und so macht sich der Medienhai Nigel (David Oyelowo) vorstellig, um das Buch nicht nur breit gefächert, sondern auch bereits geplante Fortsetzungen und einen Film auf den Markt zu bringen. Ist doch wunderbar, denkt sich Bea. Die Persönlichkeitsrechte der Hasen werden allerdings nicht eingeholt. Sind doch nur Tiere, allerdings aufrecht gehend und angezogen, aber wen stört das schon in dieser obskuren Alternativwelt, in der die klassische Tierfabel mit einer recht altbackenen Menschenwelt korreliert. Darüber hinaus wird Peter Hase, in Thomas‘ Augen immer noch ein Tunichtgut, für alle weiteren Veröffentlichungen als Bösewicht besetzt, was diesen gar nicht passt. Ziemlich gekränkt macht sich Peter – wie der Subtitel der deutschen Übersetzung schon sagt – klammheimlich vom Acker, um kurzerhand auf den Straßenhasen Barnabas zu stoßen, der Peters Vater angeblich ganz gut gekannt haben soll und der unseren (Anti)helden davon überzeugt, bei seinen Diebstählen mitzumachen.

Ob Mopsi, Flopsi oder Wuschelpuschel ihren Freund wieder rehabilitieren können? Vermutlich schon, denn wir haben es hier natürlich mit einem vergnüglichen Kinder- und Familienfilm zu tun, der die Äuglein der Jüngsten zum Glänzen bringen wird. Was ich selbst stets verwirrend finde, ist die bereits erwähnte Verknüpfung einer Welt intelligent denkender und sichtlich den Menschen nachahmender Tiere mit der unsrigen. Diese seltsame Anomalie gibt’s ja bereits schon bei Paddington – überall sonst aber bleiben die Tiere, zwar ebenfalls intelligent, sprechend und menschelnd, aber mit all diesen von den Zweibeinern unterschätzten Qualitäten, im Verborgenen. In Peter Hase gelingt der Spagat nur bedingt, und daher sind die Szenen mit Hase Barnabas im Untergrund der Stadt wohl jene, die am stimmigsten ausgearbeitet sind, da der Mensch nicht interagiert. Einer konsequenten Logik folgend, müsste diese Welt dominiert sein von einer zivilisationstauglichen Fauna, die Homo sapiens mit Leichtigkeit den Rang ablaufen könnte. Mit diesem Denkfehler muss die inkonsistente Welt von Peter Hase eben weiter existieren. Die leicht verdauliche und nach konventionellem Strickmuster erzählte Identitätssuche eines Hasen, der auf die schiefe Bahn gerät, zieht die Aufmerksamkeit aber ohnedies auf sich.

Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker

Enola Holmes

ES BLEIBT IN DER FAMILIE

6/10


enola-holmes© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: HARRY BRADBEER

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, HENRY CAVILL, SAM CLAFLIN, HELENA BONHAM-CARTER, LOUIS PARTRIDGE, FIONA SHAW, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Der wohl beliebteste analoge Detektiv der Welt, wohnhaft in Londons Baker Street, bekommt nun Zuwachs. Familienzuwachs wohlgemerkt. Was nicht heißt, dass der mit fotografischem Gedächtnis gesegnete Blitzgneisser vor hat, auch kommende Generationen in detektivische Hände zu legen. Sherlock Holmes, der darf sich einer jüngeren Schwester erfreuen, die da heißt Enola. Bezug zu ihr haben Sherlock und sein dauerarroganter Bruder Mycroft wohl keinen. Genau so wenig zu ihrer merkwürdigen Mutter, die plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, sehr zum Leidwesen ihrer Tochter, der zumindest noch die Haushaltshilfe bleibt und die sich plötzlich unter der Fuchtel ihres älteren Bruders Mycroft wiederfindet, hätte sie doch viel lieber mit Sherlock die Causa Mama gelöst. Doch wie es sich für einen eigensinnigen und geistig nicht auf den Mund gefallenen Teenager gehört, nimmt dieser sein Leben selbst in die Hand und findet sich alsbald in einen mysteriösen Fall verwickelt, der irgendwas mit politischen Reformen und reichen Erben zu tun hat. Und mit Mutter Holmes, die, wie es scheint, auf radikalem Wege die Welt verändern will.

Sherlock Holmes-Pastiches gehen immer, ganz so wie bei James Bond. Ob als Fäuste schwingender Wiffzack oder pfeilschneller Kombinierer, ob als pfeifenrauchender Tweed-Träger oder eben als gelockter Dandy wie hier in dieser exklusiv auf Netflix veröffentlichten Produktion, die eigentlich ins Kino hätte kommen sollen: der distinguierte Nerd darf ob seiner Beliebtheit durchaus mal einen Blick nach links und rechts werfen, oder gar die Bühne frei geben für ähnlich veranlagte, gar weibliche Pendants. Elona Holmes hat´s nämlich genauso faustdick hinter den Ohren wie Arthur Conan Doyles Kultschnüffler. Und findet in Stranger Things-Star Millie Bobby Brown eine so dankbare wie versierte Interpretin, die mit ihrer verschmitzten Lebensart den ganzen Laden schmeißt.

Die aufgeweckte Figur aus Nancy Springers Jugendbuchreihe vollendet Brown mit einem ganzen Repertoire an kuriosen Mimiken und schmollmündiger, sympathischer Unruhe und holt sich ihr vergnügtes Publikum durch das Durchbrechen der Vierten Wand in die Karikatur eines viktorianischen Großbritannien knapp vor der automobilen Revolution. Die junge Heldin des Films schert sich wenig um weibliche Stereotypen, kleidet sich immer wieder mal als Bursch, dann wieder als trauernde Witwe. Mieder wäre ihr zu bieder, gäbe es dafür nicht taktische Verwendung. Dieser wache Geist der jungen Dame ist das Herzstück des Films – und verleiht ihm auch diese Herzlichkeit, die ein Murder Mystery-Abenteuer wie dieses benötigt. Denn ohne Millie Bobby Brown und ihrem energischen, fast schon wachrüttelnden Auftreten wäre Enola Holmes mit seinem recht routinierten Krimi-Plot reif für Scotland Yards Rundablage. Durch diese Coming of Age-Komponente (derzeit in Film und TV sehr beliebt) ist das Netflix-Release fast schon mehr eine kauzige Charakterstudie als ein spannendes Krimivergnügen.

Enola Holmes

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

WIE DIE ANDEREN WOLLEN

7/10


davidcopperfield© 2020 Constantin Film


LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ARMANDO IANNUCCI

CAST: DEV PATEL, TILDA SWINTON, HUGH LAURIE, BEN WISHAW, PETER CAPALDI, ANEURIN BARNARD, BENEDICT WONG, JAIRAJ VARSANI, ROSALIND ELEAZAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ist es nicht so? Bei Nennung des titelgebenden Namens kommt doch sogleich der amerikanischen Zauberkünstler mit den dunklen Augenbrauen in den Sinn, der durch die Chinesische Mauer ging oder die Freiheitsstatue hat verschwinden lassen. Der wiederum hat sich allein aufgrund des lautmalerischen Wohlklangs so benannt. Und noch etwas recht Interessantes tritt zutage, setzt man sich mit Charles Dickens´semi-fiktionaler Biopic David Copperfield auseinander: Uriah Heep kommt darin vor. Natürlich nicht als Hardrock-Band, sondern als Namensquelle selbiger. Warum aber haben sich die britischen Musiker ausgerechnet nach der niederträchtigsten Figur aus Dickens´ Roman benannt? Der wiederum von Death of Stalin-Regisseur Armando Iannucci auf höchst exzentrische, aber vergnügliche Art interpretiert wurde.

Viel anders als überstilisiert, so denke ich, lässt sich dieser Stoff in dieser Zeit aber wohl kaum publikumswirksam für die Leinwand adaptieren. Entstanden ist ein kostümfundiertes Kommen und Gehen unterschiedlicher skurriler Gestalten, neurotischer Lebenskünstler, von Reichtum und Armut. Vor allem jene letztgenannten Gegensätze, die bei Charles Dickens in vielen seiner Werke Kern der Sache sind, bilden nicht nur das Alpha und Omega der Memoiren von David Copperfield – vor allem die Armut ist zwischendurch immer wieder Antrieb und Quelle der Improvisation all dieser Figuren, die durch ihre Entrücktheit ihren Existenzzustand überhaupt erst erträglich machen. Dazwischen verweilt der Zuseher zwischen den blumigen Worten einer eloquenten Gesellschaftskomödie, eines Begegnungsreigens und einer chaotischen Zettelwirtschaft. Denn Copperfield, der sich eigentlich nur selbst so nennt, weil alle anderen ihn so nennen wie sie wollen, notiert sein Leben stets auf Resten von Papier – der Zettelpoet ist geboren.

Eine solche Verfilmung wäre vielleicht zur langatmigen Angelegenheit eines Lebens geworden, das nicht wirklich tangiert – wäre Iannucci nicht auf die Idee gekommen, nebst eines ausgeschlafenen und bestens aufgelegten Star-Ensembles (Tilda Swinton, Hugh Laurie und auch Ben Wishaw als Uriah Heep agieren großartig) ethnische Merkmale vollständig zu ignorieren. Das ist, soweit ich weiß, ein gänzlich neuer Impuls: Copperfield selbst ist indischer Herkunft, wobei beide Eltern Europäer sind. Der Industrielle Wickfield ist Asiate, seine Tochter eine Schwarze, so wie die Mutter von Copperfields weißem Kommilitonen Steerforth. Wie seltsam das plötzlich klingt: schwarz, weiß, asiatisch, indisch. Iannucci beschämt das schubladisierte Denken seines Pubikums, sprengt die gesellschaftlichen Normen dahinter, schert sich nicht um ethnische Unterschiede. Das ist mutig – zwar anfangs etwas verwirrend, aber letzten Endes durchaus konsequent. Auch altern all die Figuren kein bisschen, sie sind stets das, was sie in Copperfields Erinnerung sind: unabänderbare Erscheinungen aus der ersten Begegnung, wie Fotografien oder gemalte Portraits. Vor diesen farbenfrohen, satten Pop-Up-Bildern aus Requisiten und liebevoll eingerichteten Interieurs klingelt das Charakterkarussell rotierend vor sich hin. Nicht unanstrengend, das Ganze, weil Iannucci seine Inszenierung in einem zweistündigen Stakkato an exaltierter Theatralik loszulassen gedenkt. Auf der Habenseite allerdings steht eine komplexe Kostüm-Adaption – auf den Punkt gebracht, straff und kurzweilig.

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Cats

KATZEN, EMPÖRT EUCH!

5,5/10


© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH


LAND: USA 2019

REGIE: TOM HOOPER

CAST: FRANCESCA HAYWARD, JUDI DENCH, JAMES DERULO, JAMES CORDEN, JENNIFER HUDSON, IDRIS ELBA, IAN MCKELLEN, REBEL WILSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Es war DIE Kino-Anomalie der letzten Weihnachten. Dann Spottobjekt und Preisträger der Goldenen Himbeere. Und noch etwas: erstmals wurde ein Film nachbearbeitet, der bereits im Kino lief. Regisseur Tom Hooper trifft da womöglich am wenigsten die Schuldfrage. Mit The Kings Speech war klar: er versteht sein Handwerk. Was ihm allerdings in die Quere kam, das waren das Studio mitsamt seiner Marketingstrategen, die über Biegen und Brechen die Verfilmung des Musicals Cats termingenau in die Kinos bringen wollten, auch wenn Hooper das eine oder andere mal bemerkt haben soll, für diesen Blockbuster mehr Zeit zu benötigen. Doch alles egal: was auf der Theaterbühne so gut funktioniert, wird im Kino genauso klappen. Dafür sorge doch alleine schon die fulminante Musik von Genie Andrew Lloyd Webber. Spätestens bei Memory hätten dann alle Katzen- und Musicalliebhaber Tränen in den Augen. Diese flossen dann weniger wegen Jennifer Hudsons geschmettertem Klassiker, sondern aufgrund der nicht ganz astreinen CGI-Kostümierung eines namhaften Ensembles. Allen Vorschusshimbeeren aber zum Trotz – und vielleicht rettet den Film die niedrige Erwartungshaltung beim Ansehen vor weiteren vernichtenden Urteilen – muss ich zu folgender Conclusio kommen: Tom Hoopers Cats-Version ist ansehbar, annehmbar und musikalisch gesehen verantwortlich für so manchen Ohrwurm, der tagelang haften bleiben wird.

Bezugnehmend auf die Entstehung dieser Kult-Revue aus den 80ern (hierzulande in Österreich konnte Theatermann Peter Weck mit seiner Inszenierung die Hallen füllen) ist die Kino-Version gar nicht mal so viel anders. Da wie dort sind es Menschen in Katzengestalt – oder umgekehrt, je nach Blickwinkel. Katzen wie in Felidae oder Aristocats kommen hier nicht hinter der Mülltonne hervor. Der Umstand wird alleine schon dadurch verdeutlicht, es mit Jellicle-Katzen zu tun zu haben, die sowieso anders sind. Und weil sie so anders sind, ist auch das alljährliche Katzenfest nichts Artfremdes. Im Zuge dieses Come together wird einer der Stubentiger vom Alt-Kater Deuteronimus (gespielt von Judi Dench mit Ehering am Finger) auserwählt, um wiedergeboren zu werden. Einzige Gefahr dabei: Macavity, ein fieser Kater, der das Event stets sabotiert. Bevor es aber so weit kommt, gibt’s ein Who is Who aller möglichen Charaktere, die singend ihre Skills präsentieren.

Zugegeben, da hat sich das Studio vorzeitig zurückgelehnt – bevor analoge Bodysuits mühsam geschneidert werden müssen, schlüpft der Cast doch lieber in grüne Viskose, um sich Fell und Schnurrhaar digital andichten zu lassen. Geht ganz einfach. Doch weil es so einfach geht, wird leicht geschludert. Und schon haben wir den Uncanny Valley-Effekt, der zurecht zumindest anfangs etwas seltsam aussieht. Vielleicht, weil das Make-up im Gesicht manchmal fehlt. Und an den Händen. Und manche der Katzen tragen Schuhe. Ich gebe zu, das ist etwas bizarr, so wie die Szene mit den Kakerlaken und den seltsamen kleinen Mäusen. Die ist wirklich missglückt. Doch bevor ich mich darüber ausgiebig mokiere, kommen die Ohrwürmer. Gut gesungen, auch in der Synchro, wenngleich die Lippenbewegungen nicht ganz passen. Katzengleich räkelt sich das Ensemble vor bunten Requisiten und hinter Plastikmampf. Alles ist Show, alles ist unecht und Bühne, selbst auf der Leinwand. Doch ist das im Theater nicht auch so?

Cats ist keine Fabel, Cats liegt irgendwo außerhalb und definiert sich vorrangig durch seine Musik. Akustische Erinnerungen aus der Kindheit werden wach, als das Musical überall zu hören war. Als Memory von allen, die Stimme hatten, gesungen wurde. In Tom Hoopers Film überlagern die Songs so manche Schwäche, die die Produktion durchaus hat. Francesca Hayward als weiße Katze Victoria ist ein anmutiger Hingucker, links und rechts von ihr mögen technisch gebrechliche Figuren die Choreographie halten. Iris Elba ist fehlbesetzt, Ian McKellen hingegen zum Knuddeln. Letzten Endes stehen die beiden auch dafür, wie der Film geworden ist: das Auf und Ab einer klangvollen Nummernrevue mit ordentlich Katzenkitsch.

Cats

Blue Story – Gangs of London

LIVIN‘ IN THE GANGSTA’S PARADISE

6/10

 

bluestory© 2019 Paramount Pictures Germany / Nick Wall

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: ANDREW „RAPMAN“ ONWUBOLU

CAST: STEPHEN ODUBOLA, MICHAEL WARD, KARLA-SIMONE SPENCE, ERIC KOFI ABREFA, KHALI BEST U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN

 

Die soziale Landschaft einer Stadt, die der Normalbürger, der allwöchentlich seinem Brotjob nachgeht, zu Gesicht bekommt, ist nur ein Bruchteil dessen, was in urbanen Gefilden wirklich abgeht. Die sogenannten Subkulturen bemerkt man kaum. Die sozialpolitische Ordnung von Jugendgangs noch weniger. Das einzige, was auffällt, sind deren Brandings an den Hausfassaden. Kryptische Kürzel, Symbole, Worte, die der, der die Materie nicht kennt, schwer interpretieren kann. Das ist hier in Wien genauso wie eben in London. Dort dürfte aber die Bemerkbarkeit von deren Existenz über Territorienmarkierungen am Verputz aber hinausgehen. Dort könnte man schon das eine oder andere Mal Zeuge davon geworden sein, wie sich rivalisierende Gangstas in die Haare kriegen. Von dieser brustsreckenden Dominanz gegeneinander kann Musiker Andrew Onwubolu, besser bekannt als Rapman, ein Liedchen singen. Oder sogar mehr als das: denn das Multitalent entdeckt auch noch das Kino für sich, als neues Medium für seine Inhalte, die eindeutig nicht gesellschaftszersetzend und provozierend, sondern viel mehr moderat kritisch und versöhnlichen Kolorits sind.

Sein 2019 erschienener Film Blue Story wurde 6 mal für den National Film Award Großbritanniens nominiert und erzählt eine Geschichte, die im Dunstkreis einer ent romantisierten West Side Story stattfinden könnte, nur ohne Bernstein-Kompositionen, ohne Getanze, dafür aber mit groovigen Rapper-Rhythmen. Rapman expandiert das Einflussgebiet seiner Banden über Ganggrenzen hinaus und macht sogar jene haftbar, die mit diesen impulsiven Scharmützeln gegeneinander überhaupt nichts zu tun haben wollen, die aber das Pech haben, schwarz zu sein und in jener Gegend zu wohnen, die in die jeweiligen Territorien fällt. Was noch absurder ist: diese Territorien sind abgesteckt nach den Postleitzahlen. Das scheint scheinbar willkürlich, aber ebenso willkürlich, wenn man es genauer betrachtet, sind die Grenzen diverser Länder auf der Weltkarte, die keine Rücksicht nehmen auf Ethnie, Religion oder Heimat. So kommt also Schüler Timmy, der, selbst kein Gangmitglied, den einen oder anderen Schulkollegen aus der Grundschulzeit in einer der Banden wiederfindet. Aller Überredung zum Trotz will der aufrechte Jugendliche bei diesen sinnlosen Querelen nicht mitmischen. Sein bester Freund ebenso wenig, der aber hat einen Bruder, der gerne mal für seine Postleitzahl in die Schlacht zieht, allerdings auf der anderen Seite der Hoods, zu denen Timmy nicht zählt. Klar, dass diesem Druck von außen auf Dauer nicht wiederstanden werden kann. Und die beiden besten Freunde werden zu besten Feinden. Eine tragische Liebesbeziehung mittendrin führt später zur Eskalation, die nicht mehr zu befrieden ist.

Blue Story lief hierzulande in Österreich nicht in den Kinos – in Großbritannien aufgrund seiner Brisanz natürlich schon, in Deutschland ebenso. Dabei hätte Rapmans tragische Geschichte über Gewalt, Gegengewalt und Sippenhaft den Auftritt auf der großen Leinwand durchaus verdient. Sein Film hält sich nicht mit langen dramaturgischen Verzettelungen auf, der Thriller ist ein kerniges, straßengraues Gewaltdrama, das versucht, den obskuren Argumenten der aggressierten jungen Menschen auf den Grund zu gehen, die solcher Gruppendynamik aufgrund fehlender gesellschaftlicher Alternativen zur Integration ins eigene Leben nicht entkommen können. Diesen Mechanismen versucht Rapman anhand einer melodiösen Tragödie über Liebe und Freundschaft auf den Grund zu gehen. Dabei gibt es auch für ihn keine Alternativen, innerhalb einer Gang lange zu überleben: die Folgen sind Tod, Niedertracht und verbissene Feindschaft. Einzige Lösung: der dogmatischen Gangpolitik den Rücken zu kehren.

Blue Story ist einerseits konsequent, andererseits durch seine Rap-Gesang-Intermezzi vom Macher selbst, der als Moderator die einzelnen Kapiteln seiner Geschichte trennt, und durch seine scheinbaren Coming-of-Age bzw. Highschool-Settings auf unverkrampfte Art vereinfacht und verspielt, was dem Film seltsamerweise die Ernsthaftigkeit des Gezeigten nimmt, obwohl das alles traurig genug erscheint. Das Gangsta’s Paradise ist hier ein Fegefeuer, aber eines, das trotz all des vernichtenden Zeugnisses immer noch auf gewisse Weise für den einen oder anderen cool erscheinen mag. Diese toxische jugendliche Männlichkeit urbaner Heckenritter ist vielleicht ungewollt idealisierend, obwohl sie letzten Endes keine Zukunft hat.

Blue Story – Gangs of London

Judy

GOODYBE, YELLOW BRICK ROAD

8/10

 

judy© 2019 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: RUPERT GOOLD

CAST: RENÉE ZELLWEGER, JESSIE BUCKLEY, RUFUS SEWELL, MICHAEL GAMBON, FINN WITTROCK U. A.

 

„Ein Herz wird nicht danach beurteilt, wie viele du liebst, sondern danach, von wie vielen du geliebt wirst.“ Das sagt der Zauberer von Oz zum Blechmann im gleichnamigen Film aus den 30er Jahren, in welchem Judy Garland zu dem geworden war, was sie Zeit ihres Lebens geblieben ist: einerseits ein Star aus Bühne und Film, und andererseits jemand, dessen Seele für Ruhm und Mammon verkauft worden war. Das eingangs erwähnte Zitat sagt doch schon alles: Ist man wirklich so weit gekommen, sein Herz danach beurteilen zu lassen, von wie vielen man geliebt wird, dann ist das die wohl euphemistischste Einladung zu einer bedingungslosen Abhängigkeit von all jenen, die es in der Hand haben, das Lebensglück eines Künstlers zu steuern. Dieses Zitat – es erscheint auch im Abspann von Rupert Goolds biographischem Drama Judy – lässt erkennen, aus welchen Gründen Garlands Leben eigentlich zum Scheitern verurteilt war, trotz all des Ruhms und der Anerkennung. Der Preis für so ein Leben war so hoch, den konnte die junge Judy damals gar nicht erfassen. Um diesem Druck am Set standzuhalten und nonstop zu drehen, dafür hatten die Verantwortlichen unter Studioboss Louis B. Mayer, der auf seine Art wohl um kein Haar besser war als Harvey Weinstein, einen Bauchladen voll der diversesten Drogen zu verteilen. Auch ein Umstand, den ein Kind nicht abschätzen kann, und bis zuletzt dessen Geissel blieb. Diese Sehnsucht nach einem verlorenen Leben und der Ruhelosigkeit in einem Hamsterrad namens Showbiz verkörpert Renée Zellweger mit nie dagewesener Intensität und lässt den strauchelnden Star für ein beeindruckendes Da Capo wieder auferstehen.

Es gibt Schauspieler und Schauspielerinnen, denen es gelingt, hinter ihrer Rolle vollends zu verschwinden. Das war zum Teil bei Rami Malek als Freddy Mercury in Bohemian Rhapsody so. Das war bei Gary Oldman als Winston Churchill so, da konnte aber jede Menge Makeup unterstützend zu diesem Status quo beigetragen haben. Renée Zellweger verschwindet hinter Judy Garland zur Gänze. Mit Judy kann sie ihrem Publikum zeigen, was ihr schauspieltechnisch alles möglich ist. In jeder noch so kleinen Geste, in jeder Mimik und jedem Blick liegt die wehmütige, bittere Erkenntnis, einen fordernden Traum gelebt zu haben, eine Vision mit viel zu vielen Ecken und Kanten. In alkohol- und tablettenbedingtem Rausch absolviert die leidgeprüfte Glamour-Queen einen Auftrittsparcour in Übersee, hat dabei Schwierigkeiten, als integre Geschäftspartnerin ihre Shows zu absolvieren. Ist unpässlich, ausfallend, im Grunde eine Katastrophe für Crew und Publikum. In diesem letzten Jahr ihres Lebens, welches Goold auf Basis eines Bühnenstücks mit dem Titel End of the Rainbow in den Fokus rückt, hat man das Gefühl, neben der Künstlerin zu stehen, genau wie diese beiden treuen Fans, die in einer der schönsten Szenen des Films Garland in den eigenen vier Wänden zu bewirten gedenken. Zellweger erlaubt es sich, dass wir uns der Person Judy auf unverstellte, freundschaftliche Weise nähern. Dafür lässt sie das Publikum sehr nah an sich heran, offenbart ihren Kummer und gesteht sich all ihre Fehler ein. Diese händeringende Lust an der Nähe ist es dann, die teilweise sogar das gesamte Drumherum einer Realität jenseits des Kinosaals vergessen lässt. Faszinierend, diese bedingungslose Sympathie für einen Menschen, der, zermalmt zwischen dem Räderwerk eines scheinheiligen Despotismus, als Opfer der Traumfabrik schutzbietendes Mitgefühl weckt.

Judy zählt für mich zur größten Überraschung unter den diesjährigen Oscar-Kandidaten, und wundern würde es mich sehr, würde Zellweger diesmal leer ausgehen. Goolds Film wird durch ihre Performance zu einem elegant inszenierten, einnehmenden Solo, irgendwo zwischen Terrence McNallys Bühnenstück Meisterklasse Maria Callas und Marion Cottillards Edith Piaf-Triumph La Vie en Rose. Ein stimmiges Portrait, melodisch, unaufdringlich, genau beobachtet. Und als Hommage an eine Legende auf dezente Weise mit narrativen Freiheiten dekoriert. Das hätte Judy Garland sicher gefallen. Auch, dass das Ende des Regenbogens wieder dorthin führt, wo alles begonnen hat. Bei der kleinen Dorothy, die sie im Grunde immer geblieben war.

Judy