Mulan (2020)

STAND BY YOUR CHI

6/10

 

mulan© 2020 The Walt Disney Company

 

LAND: USA 2020

REGIE: NIKI CARO

CAST: LIU YIFEI, DONNIE YEN, GONG LI, JET LI, JASON SCOTT LEE, TZI MA, RON YUAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN

 

Die einen retten das Kino, die anderen machen es verzichtbar: Während Christopher Nolan mit seinem Zeitreiseknüller Tenet wieder leere Sitzreihen füllen will, kommt der Mauskonzern auf den Geschmack, seine Blockbuster streamen zu lassen, in der Hoffnung, den Home-Cinema-Erfolg von Trolls World Tour vielleicht zu toppen. Ins Kino trauen sich sowieso nur wenige, in den USA womöglich noch weniger als hierzulande. Also erscheint Mulan exklusiv auf Disney+, zu einem ordentlichen Preis wohlgemerkt – allerdings gilt der Preis für alle, die vor dem Bildschirm sitzen, und so gesehen fällt das Heimkino vermutlich günstiger aus als wenn man sich im Familien-Kontingent aufmacht ins nächstgelegene Multiplex.

Aber wie sieht es denn wirklich aus? Hätte Mulan lieber ins Kino kommen sollen? Oder ist der Release als Stream völlig ausreichend? Nun, wer bereits sämtliche Disney-Realverfilmungen gesehen hat, wird wissen, dass diese High-End-Produkte eindeutig etwas fürs Kino sind. Und er wird auch wissen, dass dort, wo Disney draufsteht, auch Disney drin ist. Kurz gesagt: Mulan hat als Zeichentrickversion womöglich mehr eigene Klasse, während sich die Realverfilmung nahtlos und unauffällig in all die anderen Realverfilmungen einreiht, die es bereits von Disney gibt. Da sticht vielleicht nur noch Der König der Löwen hervor, ansonsten aber haben alle Filme eines gemeinsam: sie folgen einer gewissen Faustformel, folgen durch Chefetagen gereichten Anforderungen und Geboten und hüten sich davor, aus der Reihe zu tanzen. Diese dogmatische Message Control, die Disney fein säuberlich durchdacht hat, sorgt für ein erwartbares und gleichsam konventionelles Filmerlebnis, das aber zweifelsohne und technisch gesehen auf der Höhe seiner Kunst ist, nichts anbrennen lässt und erfahrene Profis an den Regiestuhl lässt. Wie zum Beispiel Niki Caro, bekannt durch ihr wirklich bezauberndes Coming of Age-Mythendrama Whale Rider, die sich sicherlich nicht zweimal hat bitten lassen, für Disney die uralte chinesische Legende aus der zweiten Dimension zu holen.

Die Legende selbst ist nicht sonderlich komplex: im antiken China droht Gefahr von Seiten der Hunnen. Da springt ein burschikoses Mädchen für ihren Papa ein, ein Kriegsveteran, der kaum noch aufrecht gehen kann, der aber nochmals in die Armee hätte eingezogen werden müssen, da sein Nachwuchs nicht männlicher Natur ist. Damals war das so: Frauen bleiben daheim, Männer ziehen in den Krieg. Alles andere: ein bitterer Affront gegen Traditionen. Mulan allerdings macht einen auf Yentl und tarnt sich als Junge mit stark ausgeprägtem Chi, woraufhin bald alle ihre Kommilitonen staunen werden. Und nicht nur die: auch eine Hexe findet Gefallen an Mulans Mut, der folglich natürlich das Kaiserreich retten wird.

Wenn Mulan mit wallendem schwarzem Haar und in roter Gewandung samt Schwert im kargen Hochland Asiens Pirouetten und Salti schlägt, an den Wänden hochläuft und in Pose geht, dann ist das natürlich großes Kino. Auch die Meute der schwarzbekleideten Antagonisten, die zu Pferde allerhand Staub aufwirbeln, ermöglichen Szenen, bei denen nur noch die Kehlgesänge der Huun Huur Tu fehlen. Jede Menge fernöstlichen Glamour versprüht dieser gesangsbefreite Film, schöne Bilder der Kaiserstadt, ganz nette, natürlich unblutige Kampfszenen. Unterm Strich aber ist die Blutleere aus bereits erwähnten Gründen, nämlich, brav den Disney-Traditionen zu folgen, ebenso auf die angepasste Dramaturgie zu übertragen, die einen gewissen kecken Esprit und darüber hinaus auch Humor vermissen lässt und sich kaum mit dem wachen Geist solidarisch zeigt, den Mulan als erste Kriegerin eigentlich hat.

Mulan (2020)

XXX: Die Rückkehr des Xander Cage

EINEN KORB FÜR STALLONE

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xxx

Ob Boliden-Macho und Riddick-Krieger Vin Diesel dem Angebot von Silvester Stallone für Expendables 4 wiederstehen kann? Womöglich ja. Denn die Expendables, die hat er selber. Zufälligerweise hat die charmante Glatze mit der vibrierenden Grabesstimme nach langjährigem Zaudern und der halbgaren Fortsetzung mit dem weniger sympathisch dreinblickenden Ice Cube doch noch das angebotene Honorar der Paramount abgenickt. Für hartgesottene Actionfans könnte es zu einem zweiten Weihnachten werden. Für das legendäre Produktionsstudio ist es ein Liebäugeln mit Stallones Erfolg auf Basis einfach gestrickten Krawumm-Teamworks. Mit dem Unterschied, dass XXX: The Return of Xander Cage nicht mit dem illustren Who is Who der Rentnergang aufwarten kann. Anstelle von van Damme, Dolph Lundgren, Chuck Norris oder gar Mel Gibson darf Vin Diesel exotische Models um sich scharen, die mit grünen Haaren, sportlichen Tops und ausreichend Know-How im Zielschießen den stiernackigen Actionhelden tatkräftig unterstützen. Damit geht nun unweigerlich die Selbstironie, die Schwarzenegger und Lundgren draufhatten, fast zur Gänze flöten. Humorlos ist der klassische Kracher aber trotzdem nicht. Das könnte er sich bei seinem trashigen Plot und der abgedroschenen Agentenstereotypie auch nicht wirklich leisten. Ernstzunehmen ist hier gar nichts mehr. Das Videotheken-Actionkino der Achtziger feiert wieder einmal fröhliche Urstände, und wäre es damals nicht Vin Diesel, dann wäre es Steven Seagal gewesen.

D. J. Caruso´s unfreiwillige Supereliten-Parodie ist eine anspruchslose Muskelkinoversion von Ein Colt für alle Fälle oder Suicide Squad. Wer hier nicht zum Bier greift, ist selber schuld. Und wer aber nebenbei ein Kreuzworträtsel lösen möchte, kann dies allerdings auch tun. XXX überfordert nicht. In seiner nicht unsympathischen Banalität bleibt der zweite Aufguss aber weit hinter Rob Cohens innovativem Erstling zurück. Zu stark ist der Einfluss der reanimierten Zoffabenteuer Stallones bemerkbar. Selbst der einnehmende Donnie Yu, der erst kürzlich als Chirrut Imwe in Rogue One – A Star Wars Story den Rebellen zu den Plänen des Todessterns verholfen hat, ist zwar gern gesehen, entspricht aber in seinem Filmcharakter den augenzwinkernden Auftritten von Jet Li. Und der Cameo von Ice Cube als völlig aus der Luft gegriffene Lösung aller Probleme hat fast schon Chuck Norris-Niveau. Wahrscheinlich, und das kann ich nicht mit Sicherheit beurteilen (da ich keinen Teil der The Fast & the Furious-Reihe gesehen habe), ähnelt XXX in seiner plumpen Austauschbarkeit der KFZ-Zerstörungsorgie so sehr, dass manch einer die beiden Franchises mittlerweile leicht verwechseln kann. Auch hier gehen Autos zu Bruch, und der abstürzende Kotzbomber, der den Babynator in der Schwerelosigkeit hantieren lässt, würde als zumindest am Boden rollendes Gefährt beim Ensemble der Furiosen sicherlich auch Gefallen finden. Zwei The Fast & the Furious-Filme gleichzeitg ins Kino zu bringen ist sicherlich keine gute Idee, also schnell noch das dreifache X gegen die Automarke tauschen und schon kann die Post abgehen.

Das neue Kräftemessen zu Wasser und zu Land lässt es also vorallem gegen Ende gehörig und ununterbrochen krachen und beschenkt übermüdete Vollzeitbeschäftigte an Feierabenden mit plakativen, bunten Bildern, Machofantasien und einem bizarren Samuel L. Jackson, der den Fußballer Neymar als Triple X abwerben will. Action für heranwachsende Halbstarke und solche, die es manchmal noch gerne sein würden. Kann aber auch sein, dass auch diese den Stunt- und Projektil-Zirkus als nicht mehr ganz zeitgemäße Intelligenzbeleidigung empfinden.

 

XXX: Die Rückkehr des Xander Cage