VERBORGENE SCHÖNHEIT

TROST VON FREMDEN

6,5/10

 

verborgeneschoenheit

REGIE: DAVID FRANKEL
MIT WILL SMITH, KATE WINSLET, EDWARD NORTON, HELEN MIRREN

 

Will Smith war immer schon ein stets gut aufgelegter, sympathischer Schauspieler. Kennengelernt haben wir ihn alle als Prinzen von Bel Air, und als Men in Black oder als Kampfpilot, der zum Independence Day Aliens den Allerwertesten versohlt, bleibt er unvergessen. Stets mit einem Schmunzeln im Gesicht und aus dem Ärmel geschüttelten, coolen Onelinern. Ein liebenswerter Kerl. Und dann der Imagewandel. Ja, warum eigentlich nicht? Als Schauspieler muss man ja auch zeigen können, dass man wirklich Talent hat und auch ernste Rollen bravourös verkörpern kann. Also am besten gleich gestern den Agenten damit beauftragen, anspruchsvolle Filmrollen zu buchen. Independence Day-Fortsetzungen bitte außen vorlassen. Ob das die richtige Entscheidung war? Sagen wir mal – Jein.

Will Smith ist einer von den Guten. Jemand, dem man gerne dabei zusieht, wie er mit links die Welt, die Liebe oder sonst wen rettet. Humoristisch, ja. Und sieht man ihm dabei gerne zu, wie er sich selbst rettet? Nun ja, es kommt auf die Geschichte an. Schon in dem Vater-Tochter-Sozialdrama Das Streben nach Glück haben wir den Afroamerikaner von einer ernsteren Seite kennengelernt. In Sieben Leben wurde es noch düsterer. Und in Verborgene Schönheit können Smiths Mundwinkel kaum mehr stärker nach unten gebogen, die Stirn nicht noch mehr gerunzelt werden. Will Smith gibt sich der ewigen Trauer hin. Eine Tatsache, die das Kinopublikum, vor allem das Amerikanische, nicht wirklich sehen will. Daher wurde David Frankel´s durchaus komplexes Filmdrama zu einem Flop.

Allerdings zu unrecht. Frankel, der Regisseur der rundum gelungenen und immer wieder gern gesehenen Fashion-Komödie Der Teufel trägt Prada, trägt unterm Strich flächendeckend etwas zu dick auf und verwöhnt seine Figuren mit pathetischen Blicken, Gesten und Worten. Doch die Story selbst, die hat was. Aus irgendeinem Grund fällt mir Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein, oder gar James Stewart in Ist das Leben nicht schön. Beides bewegende Geschichten zur Weihnachtszeit. So spielt auch Verborgene Schönheit zur stillsten Zeit des Jahres. Und hinterfragt im Stile eines modernen Märchens den Sinn des Lebens und des Weiterlebens. Wenn Liebe, Zeit und Tod die wandelnde Trauerweide namens Will Smith heimsuchen, sind das die griffigsten Momente des Films. Und wenn dann nicht nur Will Smith, sondern auch Kate Winslet und Edward Norton völlig unbedarft in die Schule des Lebens hineinmanövriert werden, teilt das zwar die Handlung auf mehrere Erzählstränge, kommt aber überraschend unerwartet. Und bevor sich der Vorhang des metaphysischen Szenarios überhaupt zur Gänze lichtet und Vieles klarer wird, erschließt sich bereits ein grobes Gesamtbild des Helfens und Geholfenwerdens.

Verborgene Schönheit meint es gut, manchmal aber zu gut. Wenn Helen Mirren als der Leibhaftige darauf hinweist, auf die titelgebende Eigenschaft zu achten, mag das zwar geheimnisvoll sein – verborgen bleibt die Bedeutung dahinter allerdings auch nach dem Film. Will Smith sucht nach Erlösung, so wie Scrooge und „George Bailey“ James Stewart. Spätestens da meldet sich das Universum, das Verborgene hinter dem alltäglichen Leben. Vielleicht hat der Film das damit gemeint? Dass die Dinge mehr Bedeutung haben als sie vorgeben. Ein Trost, wenn auch nur einer auf der Leinwand.

VERBORGENE SCHÖNHEIT

Sieben Minuten nach Mitternacht

MEIN FREUND, DER BAUM

7/10

 

siebenminuten

Regie: Juan Antonio Bayona
Mit: Lewis McDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

 

Man muss nicht der emotionale Part seiner Beziehung sein – die Verfilmung des Jugendbuches von Patrick Ness war seit langer, langer Zeit (um genau zu sein seit Nanni Moretti´s Das Zimmer meines Sohnes) einer jener seltenen Kinomomente, in denen es ratsam gewesen wäre, Taschentücher mitzunehmen. Sieben Minuten nach Mitternacht geht tatsächlich enorm aufs Gemüt, vor allem ans Herz, und nicht zuletzt stimuliert der Film jenen Bereich des Gehirns, der Mitgefühl und Traurigkeit zu einem Kloß im Hals verbindet. Wenn Bruder Baum, das gigantische, uralte Monster in Gestalt einer tausende Jahre alten Eibe der Stunde des Todes beiwohnt, werden die Augen feucht. So ein Monster, und sei es auch noch so rätselhaft, würde auch ich mir vorstellen können. Momente gab und gibt es genug, an denen man sich etwas Magisches, Unzerstörbares an seine Seite wünscht. Etwas, das in der Lage ist, alle Widrigkeiten des Lebens erklären zu können. Etwas, das über den Dingen steht. Der namenlose Riesenbaum tut das. Allerdings leider nur in der Fantasie, aber wer weiß – vielleicht ist die Fantasie ja genauso real wie die oftmals gnadenlos unabänderliche Realität, die unverrückbaren Gesetzen folgt und kein Mitleid kennt? 

Regisseur Juan Antonio Bayona, der schon mit seinem Tsunami-Drama The Impossible seine Vorliebe für Emotionen größeren Formats gekonnt umgesetzt hat, beweist auch in dieser psychologisch-phantastischen Bewältigung weltbewegenden Schmerzes, dass die emotionalen Bande, die eine Familie zusammenhält, die größten und stärksten sind. Dabei verliert er sich kein Bisschen in plattem Pathos, sondern scheint zu wissen, wovon er erzählt. Denn der bevorstehende Tod eines geliebten Menschen verlangt den unmittelbar Betroffenen ein Übermaß an seelischer Belastung ab. Das Wechselspiel der Gefühle bewegt sich dabei zwischen der Hoffnung auf ein Wunder über den Selbstbetrug an der Wahrheit bis hin zum Willen, dass das Leiden ein schnelles Ende findet. Wie ein zwölfjähriger Junge damit wohl umgeht? Kann ein junger Mensch das überhaupt ertragen? Patrick Ness sagt: er kann. Doch dazu bedarf es laut seiner Vision drei Geschichten, oder besser gesagt vier. Die ersten drei erzählt der Baum, das Unterbewusstsein, der Inbegriff der Zeit und des Schicksals. Die letzte ist die Geschichte des Jungen. Sein Albtraum, seine Wahrheit. Bayona dringt tiefer in die Psyche eines Kindes vor als einst Guillermo del Toro in Pans Labyrinth. Dort sind es die Schrecken des Krieges, vor welchen die spanische Version einer Alice im Wunderland in einer magisch-bedrohlichen Parallelwelt Zuflucht und Heilung sucht. Diese Tiefe verdankt der Regisseur aber auch zum Großteil der geradezu opferbereiten Schauspielqualitäten von Lewis MacDougall, der vor Drehbeginn des Filmes gerade selbst einen Verlust in der Familie verarbeiten musste. Vielleicht gerade deswegen ist seine Darstellung eine greifbare Tour de Force. Ihm zur Seite stehen die Grand Dame Sigourney Weaver und die im Laufe des Filmes immer blasser und kränker werdende Felicity Jones als Conor´s Mutter. Beide würdige und starke Nebenrollen. 

Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein bildschönes, zutiefst berührendes Drama um Tod, Abschied und Loslassen. Aber auch um Zuversicht und Neuanfang. Wer mit dem Genre des Phantastischen nicht viel anzufangen weiß, muss aber trotzdem keinen weiten Bogen um diesen Film machen. Hier ist alles Übernatürliche Ausdruck emotionaler Zerrissenheit, die erzählten Allegorien lebendige Illustrationen aus Gouache. Und das Monster? Eine Metapher auf die Kraft und Unbeugsamkeit des Lebens, eine riesenhafte Grauzone der Existenz jenseits aller allgemeingültigen Normen. Ja, ich wünsche mir einen Baum, der mich trägt, wenn ich nicht mehr kann. Etwas Ewiges. Vielleicht muss man es nur zulassen. Und sieben Minuten nach Mitternacht bereit sein.  

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Sieben Minuten nach Mitternacht

Birnenkuchen mit Lavendel

RAIN MAN IN LOVE

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birnenkuchen

Autismus? – Ja klar, da weiß ich Bescheid. Ich habe Rain Man gesehen…“ Dank Barry Levinsons Roadmovie aus den späteren Achtzigern mit Oscarpreisträger Dustin Hoffman ist die Diagnose des Autismus auch in jene Teile der aufgeschlossenen Bevölkerung vorgedrungen, die mit Neurologie bis dato nichts anzufangen wusste. Dass mit dieser popkulturellen Offenbarung eigentlich fast gar nichts über diese psychische Erkrankung verlautbart wurde, mag zwar der Tatsache entsprechen – ein Anfang war aber gemacht.

Ein weiterer Film zu diesem Thema ist Eric Besnard´s französische Tragikomödie Birnenkuchen mit Lavendel. Auch hier bringt ein verhaltensauffälliger junger Mann das Leben einer bildschönen Witwe und deren Kinder durcheinander. Der Autismus des hier dargestellten Eremiten Pierre, der im Hinterzimmer einer Buchhandlung wohnt, ist mit dem Asperger-Syndrom gleichzusetzen. Dabei handelt es sich um eine schwächere Form dieser Entwicklungsstörung, die sich vor allem im sozialen Bereich und in der Strukturierung des Alltags widerspiegelt. Dass Autismus nicht zwingend mit einer außergewöhnlichen Intelligenz zu tun haben muss, wird vor allem im Film gerne außen vorgelassen. Film-Autisten werden gerne als hochbegabt dargestellt. Sheldon Cooper aus der Fernsehserie Big Bang Theory zum Beispiel weist ebenfalls Merkmale des Asperger-Syndroms auf. Könnte sein, dass da was dran ist.

Nun ist es unvorstellbar, dass sich ein Mensch mit einem derart sozialen Handicap als familientauglich erweist. Auf den ersten Blick, würde ich sagen. Birnenkuchen mit Lavendel belehrt uns aber eines Besseren. Auch Menschen wie Pierre können ihr Glück in einer Beziehung finden. Und das Leben „normaler“ Menschen durch ihren veränderten Blickwinkel auf die Welt durchaus bereichern. Vor allem, wenn deren Leben drauf und dran ist, zu entgleiten. Spätestens, wenn die Farmerin Louise die geliebten Birnenbäume ihres verstorbenen Gatten mit dem Traktor entwurzelt, kann es schlimmer nicht mehr werden. Und dann kommt Pierre. Und ordnet die Bruchstücke eines traurigen Alltags neu. Diesem Prozess zuzusehen macht Freude. Spendet Trost und Zuversicht. Und läuft in keiner Szene Gefahr, das Thema zu verkitschen, zu idealisieren oder allzu plump erscheinen zu lassen. Schon gar nicht auf Kosten des eigenwilligen Mathematik- und Hackergenies, der das Herz am rechten Fleck hat und im Grunde genauso fühlt wie jedes andere menschliche Wesen. Gespielt wird dieser von dem jungen, hageren Schauspieler Benjamin Lavernhe, der dem Charakter seiner Filmfigur und den besonderen Anforderungen, die diese Rolle mit sich bringt, mehr als gerecht wird. Ihm zur Seite der Inbegriff des Sommers in der Provence schlechthin: Virginie Efira, die sowohl im Arbeitsoverall als auch – und ganz besonders – im luftigen Kleidchen Lavernhe fast schon die Show stiehlt. Und das trotz dessen Bonus, ein verliebter Rain Man sein zu dürfen, der andere zwickt, um seine Zuneigung zu gestehen.

Birnenkuchen mit Lavendel ist ein sonnendurchfluteter, warmherziger Liebesfilm. So anmutig wie eine Blumenwiese, so wohltuend wie ein weißer Spritzer, so erdverbunden wie das Setzen von Sämlingen. Und so schräg, wie Menschen manchmal eben sind.

Birnenkuchen mit Lavendel