Collide

FÜR HERZ UND NIERE

6/10

 

TT_Autobahn_SD32_42319.CR2© 2016 Universum Film

 

LAND: USA 2016

REGIE: ERAN CREEVY

CAST: NICHOLAS HOULT, FELICITY JONES, ANTHONY HOPKINS, BEN KINGSLEY, JOACHIM KROL U. A. 

 

Sieh mal einer an, wer tummelt sich denn da? Erstmal der großartige Anthony Hopkins, gefolgt vom legendären Ben Kingsley (der sich aber mittlerweile des Öfteren in unsäglichem Trash verirrt, und sei es auch nur für einen fünfminütigen Auftritt, um einen Billigfilm zu pushen). Des weiteren X-Men-Beast Nicholas Hoult und niemand Geringerer als Rogue-One-Star Felicity Jones, die für Die Entdeckung der Unendlichkeit mit einer Oscar-Nominierung geadelt wurde. Und wer ganz genau hinsieht, kann sich an Nebenrollen-Quereinsteiger Joachim Król erfreuen. Er darf sogar die Wumme auf „Hannibal Lecter“ richten, was will man als deutscher Filmroutinier im Rahmen einer internationalen Produktion denn mehr? Stellt sich die Frage: Was machen all diese Stars denn hier? Nun, ihr gemeinsamer Nenner ist, sagen wir´s mal so, ein relativ simpler Actionfilm. Nun, simpel heißt jetzt nicht zwingend misslungen. Simpel kann auch erstaunlich sehenswert sein. Collide von Eran Creevy ist irgendwo in der Mitte. Jetzt nicht ganz so erstaunlich sehenswert, aber auch längst nicht misslungen. Das liegt vor allem daran, wie die Rollen eben besetzt sind.

Ganz im Vordergrund steht Nicholas Hoult. Einer, der wahnsinnig gut Auto fährt und Boliden aus Fremdeigentum auch gerne kurzschließt. Zumindest hat er das mal gemacht. Die kriminelle Laufbahn will der us-amerikanische Endzwanziger zugunsten seiner großen Liebe Felicity Jones natürlich an den Nagel hängen – hätte das ganze nicht einen unübersehbaren Haken: die große Liebe erkrankt – und braucht dringend eine neue Niere. So Spenderorgane sind nicht billig, und das nötige Kleingeld hat man auch nicht in der Portokassa. Also noch mal einen Coup landen, im Auftrag von Drogenboss Geran – gespielt von Ben Kingsley –, um dem zwielichtigen Geschäftsmann Hagen Kahl – diesmal Hopkins – eins auszuwischen. Es heißt ja meist: wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. In Collide hat der Dritte allerdings wenig zu lachen, und ist wenig später andauernd auf der Flucht.

Collide ist sauber inszeniertes Handwerk ohne viele Schnörkel. Ein Actionfilm unter vielen? Nicht ganz, obwohl in seinen Ansprüchen genügsam, und die beiden Grand Seigneurs – vor allem Kingsley – überzeichnen sich bis zur Selbstparodie. Der Gummi, der glüht. Und zwar nicht nur auf der Autostrada, da wird auch Filmkulisse Köln zum heißen Pflaster. Die Action kann sich sehen lassen, die können getrost mit dem Karosserie-Geplänkel aus anderen Filmen mithalten. Und umso weniger zu verstehen bleibt da die Tatsache, dass Collide hierzulande nicht mal im Kino lief. Gut, es werden Unmengen an durchschnittlicher Actionware produziert, mit durchwegs ansehnlichem Cast – die alle ins Kino zu bringen geht natürlich nicht. Vieles ist auch wirklich zu banal. Doch Collide hat was. Da ist womöglich mehr dran als an Filmen wie Anna, Luc Bessons was weiß ich wievielter Interpretation einer Femme fatale. Collide ist augenzwinkernd genug, um zwischen verschwörerischer Lovestory und Seitenstechen fördernder Action in leicht wegzusteckender Schwebe zu bleiben, der Film hat ordentlich Drive und mit Felicity Jones ein Mädel, um welches sich nachvollziehbar bangen lässt. Durch den Druck, der hinter der Action steht, bleibt der Film auf Zug und Nicholas Hoult wünscht man dabei gutes Gelingen.

Collide

True Story

DER TEUFEL UND SEIN SCHREIBER

6/10

 

truestory© 2015 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2015

REGIE: RUPERT GOOLD

MIT JAMES FRANCO, JONAH HILL, FELICITY JONES U. A.

 

Kriminalpsychologen haben sich an diesem Fall sicher die Zähne ausgebissen – und das nicht, weil der Mörder nicht zu überführen gewesen wäre. Vielmehr sind es die Beweggründe, die eine so unvorstellbar schlimme Tat zur Folge gehabt hat. Das Motiv ist meist immer am schwierigsten nachzuvollziehen. Als unergründliches Beispiel für die Psyche eines Menschen, der sein eigen Fleisch und Blut am Gewissen hat – oder zumindest am Gewissen haben könnte – führt das Kriminaldrama True Story den authentischen Fall eines Familienvaters an, der seine Frau und seine drei kleinen Kinder ermordet, in Koffer verpackt und versenkt haben soll. Was ist das wohl für ein Mensch? Und ist es überhaupt ein Mensch? Vielleicht ist der Täter Opfer einer Psychose, denn nach vorsätzlichem Mord sieht das Ganze auch nicht aus. Kurzschlussreaktion? Dazu bin ich selbst zu wenig Profiler, um diese Fragen zu beantworten. Die kann nicht mal der Journalist Mike Finkel beantworten, einst renommierter Journalist der New York Times, der sich aber mit einer bewusst falsch recherchierten Geschichte über Entwicklungshilfe in Afrika selbst den Podest hinter dem Allerwertesten weggezogen hat. Wieder am Boden der Tatsachen, fällt ihm die Sache mit dem vermeintlichen Mörder Christian Longo in den Schoß. So gesehen nicht verlockender als andere Kriminalfälle – nur Longo hat bei der Verhaftung die Identität eben jenes Journalisten angenommen. Natürlich muss Finkel da zuschlagen, schon allein, weil sonst keiner den in Verruf geratenen Schreiberling engagiert.

Kurze Zeit später sitzen sich beide gegenüber – der Mörder und sein Sprachrohr nach draußen. Der Teufel und sein Memoirenschreiber. Der manipulativen Redner und sein Laufbursche. Szenarien, die wir schon aus anderen gewichtigen Spannungsfilmen kennen. Mir fällt Der Totmacher mit Götz George ein. Eine Spielfilmlänge lang steht der bis zur Unkenntlichkeit getarnte Tatort-Star als Massenmörder Fritz Haarmann in einem Zimmer Rede und Antwort. Bedrückend, niederschmetternd, faszinierend. Jodie Foster blickt Anthony Hopkins durch die Glasscheibe bis ins Innerste seiner schwarzen Seele. Und Edward Norton führt Richard Gere auf geniale Weise hinters Zwielicht. James Franco, Mutlitalent und Alleskönner, kann auch in die Fußstapfen genannter Schauspielgrößen treten, wenn es heißt, einen des Mordes beschuldigten Horrorvater zu spielen. Seine Miene ist Tarnung pur, sein müder Blick versteckt hellwache Taktik. Oder doch nicht? Jonah Hill, der im Grunde auch alles spielen kann, was man ihm vorsetzt, scheint von dem verschlossenen Geheimnistuer ziemlich fasziniert. Ganz so wie der Interviewer von Fritz Haarmann. Oder Agent Starling von Hannibal Lecter. Abstoßend sind sie ja, die bösen Buben – aber andererseits ist das unergründlich Böse sowas wie eine Freiheit der Bestie, die sich keiner wirklich leisten kann. Der Journalist Finkel will die ganze Wahrheit wissen – und beginnt, dafür die eigene Seele preiszugeben.

Es ist so wie mit dem Abgrund, in den man hineinblickt. Es kommt immer darauf an, mit welcher Intensität oder welcher bizarren Leidenschaft man das macht. Theaterregisseur Rupert Goold begibt sich mit der Verfilmung des gleichnamigen Berichts von Journalist Finkel nicht weit weg von seinem eigentlichen Metier. True Story ist ein Kammerspiel, enorm nüchtern, reduziert und in graue Düsternis getaucht – einzig durch den orangen Overall des Sträflings zeitweise von aufweckender Farbgebung. Jonah Hill blickt streng, freudlos und begierig, alles zu hören, und sei es auch noch so verstörend. Franco dirigiert, manipuliert und heischt Mitleid. Dazwischen, oder eher aus der Distanz: Felicity Jones, die die Mechanismen des Psychoduells der beiden Egomanen als einzige erkennt. Für den Zuseher wird bald klar, was Sache ist. Und auch, was wirklich dahintersteckt. Dass sich diese Geschichte tatsächlich so ereignet hat, ist fast kaum zu glauben – viel zu bühnentauglich hört sich die ganze Begebenheit an.

Das gegenseitige Ergötzen am Gegenüber ist fast schon ekelhaft, doch wert, verfilmt worden zu sein. Spaß macht der Film allerdings keinen. Hobbykriminalisten und Fans von True Crime-Stories dürften den grauenvollen Einzelheiten der Ermordung sachlich gegenüberstehen – Zartbesaitete könnte die tragische Geschichte, die glücklicherweise meist nur erzählt wird, ziemlich beschäftigen – vor allem weil sich das Warum und Wieso im diffusen Zwielicht der Haftanstalt verstörend bedeckt hält. Und der Teufel über alles erhaben zu sein scheint. Übrigens: Briefkontakt haben die beiden immer noch (Stand 2015).

True Story

Sieben Minuten nach Mitternacht

MEIN FREUND, DER BAUM

7/10

 

siebenminuten

Regie: Juan Antonio Bayona
Mit: Lewis McDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

 

Man muss nicht der emotionale Part seiner Beziehung sein – die Verfilmung des Jugendbuches von Patrick Ness war seit langer, langer Zeit (um genau zu sein seit Nanni Moretti´s Das Zimmer meines Sohnes) einer jener seltenen Kinomomente, in denen es ratsam gewesen wäre, Taschentücher mitzunehmen. Sieben Minuten nach Mitternacht geht tatsächlich enorm aufs Gemüt, vor allem ans Herz, und nicht zuletzt stimuliert der Film jenen Bereich des Gehirns, der Mitgefühl und Traurigkeit zu einem Kloß im Hals verbindet. Wenn Bruder Baum, das gigantische, uralte Monster in Gestalt einer tausende Jahre alten Eibe der Stunde des Todes beiwohnt, werden die Augen feucht. So ein Monster, und sei es auch noch so rätselhaft, würde auch ich mir vorstellen können. Momente gab und gibt es genug, an denen man sich etwas Magisches, Unzerstörbares an seine Seite wünscht. Etwas, das in der Lage ist, alle Widrigkeiten des Lebens erklären zu können. Etwas, das über den Dingen steht. Der namenlose Riesenbaum tut das. Allerdings leider nur in der Fantasie, aber wer weiß – vielleicht ist die Fantasie ja genauso real wie die oftmals gnadenlos unabänderliche Realität, die unverrückbaren Gesetzen folgt und kein Mitleid kennt? 

Regisseur Juan Antonio Bayona, der schon mit seinem Tsunami-Drama The Impossible seine Vorliebe für Emotionen größeren Formats gekonnt umgesetzt hat, beweist auch in dieser psychologisch-phantastischen Bewältigung weltbewegenden Schmerzes, dass die emotionalen Bande, die eine Familie zusammenhält, die größten und stärksten sind. Dabei verliert er sich kein Bisschen in plattem Pathos, sondern scheint zu wissen, wovon er erzählt. Denn der bevorstehende Tod eines geliebten Menschen verlangt den unmittelbar Betroffenen ein Übermaß an seelischer Belastung ab. Das Wechselspiel der Gefühle bewegt sich dabei zwischen der Hoffnung auf ein Wunder über den Selbstbetrug an der Wahrheit bis hin zum Willen, dass das Leiden ein schnelles Ende findet. Wie ein zwölfjähriger Junge damit wohl umgeht? Kann ein junger Mensch das überhaupt ertragen? Patrick Ness sagt: er kann. Doch dazu bedarf es laut seiner Vision drei Geschichten, oder besser gesagt vier. Die ersten drei erzählt der Baum, das Unterbewusstsein, der Inbegriff der Zeit und des Schicksals. Die letzte ist die Geschichte des Jungen. Sein Albtraum, seine Wahrheit. Bayona dringt tiefer in die Psyche eines Kindes vor als einst Guillermo del Toro in Pans Labyrinth. Dort sind es die Schrecken des Krieges, vor welchen die spanische Version einer Alice im Wunderland in einer magisch-bedrohlichen Parallelwelt Zuflucht und Heilung sucht. Diese Tiefe verdankt der Regisseur aber auch zum Großteil der geradezu opferbereiten Schauspielqualitäten von Lewis MacDougall, der vor Drehbeginn des Filmes gerade selbst einen Verlust in der Familie verarbeiten musste. Vielleicht gerade deswegen ist seine Darstellung eine greifbare Tour de Force. Ihm zur Seite stehen die Grand Dame Sigourney Weaver und die im Laufe des Filmes immer blasser und kränker werdende Felicity Jones als Conor´s Mutter. Beide würdige und starke Nebenrollen. 

Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein bildschönes, zutiefst berührendes Drama um Tod, Abschied und Loslassen. Aber auch um Zuversicht und Neuanfang. Wer mit dem Genre des Phantastischen nicht viel anzufangen weiß, muss aber trotzdem keinen weiten Bogen um diesen Film machen. Hier ist alles Übernatürliche Ausdruck emotionaler Zerrissenheit, die erzählten Allegorien lebendige Illustrationen aus Gouache. Und das Monster? Eine Metapher auf die Kraft und Unbeugsamkeit des Lebens, eine riesenhafte Grauzone der Existenz jenseits aller allgemeingültigen Normen. Ja, ich wünsche mir einen Baum, der mich trägt, wenn ich nicht mehr kann. Etwas Ewiges. Vielleicht muss man es nur zulassen. Und sieben Minuten nach Mitternacht bereit sein.  

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Sieben Minuten nach Mitternacht

Rogue One – A Star Wars Story

TWINKLE, TWINKLE LITTLE STAR

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rogueone

Es ist nun endgültig bewiesen. Alle, die bislang daran gezweifelt haben, Disney und Lucasfilm würden ihre Fangemeinde ignorieren oder ihnen ihre Sicht der Dinge überstülpen – sie alle können jetzt getrost aufatmen. Disney liebt seine Fans. Und alle, die an der weiteren Ausführung des Star Wars-Universums mitarbeiten, sind entweder selber Fans oder schon immer Teil dieser Welt gewesen. Denn das Spin-Off Rogue One – A Star Wars Story ist seit der Originaltrilogie, die von 1977 bis 1983 über die Leinwand ging, das Beste, was über die weit, weit entfernte Galaxis jemals zu sehen war. Nicht nur ist das dramatische Abenteuer, dass die Beschaffung der Pläne des Todessterns erzählt, ein ganz großes Weihnachtsgeschenk für Freizeitjedis, Alltgaspadawans und Hobbyrebellen – es katapultiert das Star Wars-Universum in einen Bereich jenseits von Leia, Han und Luke und zeigt, was in diesem riesengroßen Potpourri an Welten, Sternen und Planeten überhaupt möglich sein kann. Und das Beste daran ist: es ist immer noch Star Wars in seiner Reinkultur. Ich möchte fast sagen, dass Rogue One seine Treue zum Original geschickter unter Beweis stellt als Star Wars VII – Das Erwachen der Macht.

Leseaffine Fans haben schon längst ihre Raumgleiter Richtung Expanded Universe vom Hauptstrang ausgeklinkt. Das Star Wars Universum bietet so viel mehr als die Kerngeschichte und hat scheinbar unendliches Potenzial. Vor allem Comics und Romane aller Art erzählen spannende Randgeschichten, Biografien einzelner Helden und Anti-Helden und tauchen tief ein in die Geschichte der Macht. So ist auch das neue Filmjuwel eine eigenständige, in sich abgeschlossene Erzählung, die den Weltraumkitsch von Episode I – III komplett über Bord wirft und Schauplätze heimsucht, die fast schon aus dem Herr der Ringe-Universum sein könnten. Ohnehin ist Star Wars längst kein reines Science Fiction mehr. Im Grunde ist es High Fantasy, das zufällig im Weltraum spielt. Gareth Edwards, Regisseur von beeindruckenden Filmen wie Monsters und dem Neuaufguss von Godzilla, weiß seine visuellen Stilmitteln fulminant einzusetzen und erschuf einen packenden, grandios gefilmten Mix aus Spionagethriller und Bürgerkriegsdrama. Das Kolorit des Filmes ist viel erdiger, wüster, verregneter. Wenn man so will, dann imitiert Gareth Edwards Teil V der Saga – Das Imperium schlägt zurück. Mit Abstand der beste Teil aller Filme zusammengenommen, allein aufgrund seiner kompromisslos packenden Story, seiner Tiefe und seiner Figurenzeichnung. Eben auch das gelingt Rogue One. Der Suicide Squad der Rebellen, dieser Haufen dreckiger Hunde, sind zusammengewürfelte Individualisten, die, nach anfänglichen Schwierigkeiten, letzten Endes gemeinsam für eine Sache stehen.

Felicity Jones als mittlerweile schon als Kultfigur zu bezeichnende Jyn Erso, die von Papa und Todesstern-Architekt Galen Erso alias Mads Mikkelsen liebevoll „Kleiner Stern“ genannt wird, changiert ihre Rolle von desillusionierter Teilnahmslosigkeit über schmerzenden Verlust bis zur Selbstlosigkeit. Sie macht ihre Sache gut, jedoch nicht ganz so enthusiastisch wie Daisy Ridley als Rey in Das Erwachen der Macht. Noch beeindruckender sind all die anderen Individuen, allen voran das Duo des blinden Halbjedi Chirrut Imwe und sein treuer, bis an die Zähne bewaffneter Begleiter Baze Malbus mit ultimativer Wumme. Der eine erinnert an einen zweifelnden Ben Kenobi, der den Zugang zur Macht nur mühsam findet, der andere ist wie ein Wookie, der für den besten Freund im ganzen Universum steht. „Idi Amin“ Forest Whitaker als fanatischer Extremist gegen das Imperium legt einen ebenso überzeugenden, geradezu faszinierenden Auftritt ab. Zwar eine Nebenrolle, aber dafür umso intensiver. Und was natürlich nicht in einem Star Wars-Film fehlen darf, sind Roboter. Künstliche Persönlichkeiten, die meistens exaltierter sind als ihre menschlichen Partner. Dieser K2SO ist so ein Blechjunge – unschlagbar zynisch, ehrlich und einfach sympathisch. Bei diesem Selbstmordkommando überlegt man es sich nicht zweimal, dabei sein zu wollen. Neben neuen Planeten und irren Raumschiffdesigns spart das gehaltvolle, raue Abenteuer nicht an Hinweisen und Anspielungen auf die unmittelbar an Rogue One anschließende Episode IV. Was es da zu entdecken gibt, erkennt nicht nur der Star Wars-Nerd. Edwards schafft es, zielsicher an Eine neue Hoffnung anzudocken. Und er schafft es, auf völlig neue Art den Krieg im Weltraum zu filmen. Bei ihm ist das Gefecht längst keine chaotische Materialschlacht. Bei ihm sitzt man scheinbar selbst im Flieger. Die Kamera heftet sich fast ruhend an die Außenhülle der Schiffe, um mitzufliegen. So wird aus dem Kampf um Scarif eine Sternensymphonie erster Sahne. Zwischen Zeitlupe, Stillstand und Beschleunigung orchestriert die Schlacht wie eine klassische Komposition, um in einem Finale zu gipfeln, das man so noch nicht gesehen hat. Die Szenen sind nie zu lang. Perfekt getimt wechselt der Film zwischen mehreren Schauplätzen, ohne die Übersicht zu verlieren. Das hatten wir schon bei Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Und auch da war der dramaturgische Aufbau an Dichte und Straffheit kaum zu überbieten. Genau an diesen Aufbau hat sich Visionär Edwards orientiert. Und er hat ihn ganz anders eingesetzt, nämlich ohne repetitiv zu werden.

Damit nicht genug. Ein unerwarteter Kniff des Filmes ist die Erweckung alter Charaktere, deren Auftauchen in der Geschichte über den Todesstern nicht ausgespart werden konnte. So erhält Grusel-Altstar Peter Cushing als Grand Moff Tarkin einen posthumen Auftritt. Ob das leicht künstliche Gesicht Cushings der Intensität der Szenen gerecht wird, darüber lässt sich streiten. Sowohl Jeff Bridges in Tron: Legacy als auch Brad Pitt in Benjamin Button hatten bereits das Vergnügen, vor- oder rückwärts zu altern. Im Kontext der Geschichte ein netter Effekt. Nur Vorsicht – allzu viel ist bei solch einer virtuellen Exhumierung ungesund. Allerdings kriegt Edwards die Kurve. Die Szenen mit Tarkin sind gezielt und kurz und  können sich ganz gut in den Film integrieren. Viel besser noch gelingt dies bei der letzten Szene des Filmes, die ich hier nicht verraten möchte und Star Wars Fans jubeln lassen wird. Denn das Ende ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein neuer Anfang. Filme, die Wünsche erfüllen, gibt es selten, sehr selten. Rogue One schafft es, vor allem in diesen letzten Minuten eine Sehnsucht wahr werden zu lassen. Und obwohl ich mich vorab über den Verzicht von John Williams´ Score ziemlich echauffiert habe – ich bin mehr als nur versöhnt, wenn man die Musik von Michael Ciacchino, die eindeutig nach Star Wars klingt, in seiner Gesamtheit im Kopf noch mal Revue passieren lässt. Dies gilt auch für den Anfang. Denn ein Spin Off so beginnen zu lassen, ist eine Lösung, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Am Besten nämlich ohne Musik. Wenn, dann nur in gezielten Tönen und reduziertem Score, um im Abspann aber noch mal aufzufahren und das Sahnehäubchen auf der Piemontkirsche genussvoll zu platzieren.

Die 80er-Generation, die mit Episode IV bis VI groß geworden ist – die ist erwachsen geworden. Und so ist es auch Star Wars. In einer Geschichte, die die Generationen vereint. Mit Rogue One ist ein Kino- und Weltraumerlebnis gelungen, das mich als Fan mehr als zufrieden stellt. Kritiker und Boykottierer, die den Inglourious Basterds aus dem Outer Rim feministische Propaganda oder Anti-Trump-Botschaften vorwerfen, sind nur kopfschüttelnd zu belächeln. Die Macht ist mit dem Film, und der Griff in die hauseigene Filmothek zu Episode IV nur eine Frage der Zeit.

Star Wars in seiner Quintessenz. Eigenständig, aber dennoch Teil des Kanons. Fetzig, martialisch und gleichzeitig voller Seele. Und wenn der dunkle Lord der Sith aus der unheilvollen Finsternis heraus sein Lichtschwert entzündet und seinen Zorn entfesselt, dann verzeichnet die Saga eine der stärksten, wuchtigsten und genialsten Szenen seit Anbeginn an. Der Weltraum, ein Fest.

Star Wars at it´s best.

 

Rogue One – A Star Wars Story