G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

BREHMS TIERLEBEN ALS TEAMSPORT

7/10


© 2026 Sony Pictures Animation


ORIGINALTITEL: GOAT

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: TYREE DILLIHAY, ADAM ROSETTE

DREHBUCH: AARON BUCHSBAUM, TEDDY RILEY

KAMERA: JOHN KLARK

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CALEB MCLAUGHLIN, GABRIELLE UNION, AARON PIERRE, NICOLA COUGHLAN, DAVID HARBOUR, NICK KROLL, STEPHEN CURRY, JENIFER LEWIS, PATTON OSWALT, JENNIFER HUDSON U. A.

LÄNGE: 1STD 40 MIN



Warum steckt der Strauß eigentlich seinen Kopf in den Sand? Manche sagen, er tut dies, weil, wenn er nichts sehen kann, sehen die anderen, die ihn vielleicht jagen, genauso wenig. Stimmt aber nicht. Der Strauß steckt den Kopf gar nicht in den Sand, es ist lediglich das Resultat falscher Beobachtungen. Und dennoch, auch wenn wir eines besseren belehrt werden können, bleibt dieses Verhaltensklischee an diesem Tier haften wie Honig auf Bienenwaben. Vielleicht, weil es so kurios ist.

Auf Tierklischees herumdribbeln

Folglich kann man davon ausgehen, dass Straußdame Olivia genau das tun wird. Und Mane, das Pferd im Netztrikot und vollbeladen mit überheblichen Sprüchen, tut so, als wäre es die schlichtweg auserwählte Spezies auf dem Planeten, während darüber gar nichts mehr kommt. Wen wir sonst noch im Team haben? Nashorn Archie, der seine beiden Kinder mit sich herumschleppt, den verhaltensauffälligen Leguan Modo (fälschlicherweise auf Wikipedia als Komodo Dragon bezeichnet), eine Giraffe, die trotz ihres langen Halses am wenigsten parodiert wird – und zu guter Letzt der kleine Ziegenbock Will, aufgrund seiner Statur eben vollkommen ungeeignet für einen Sport, der sich ROAR nennt und frappant an Basketball erinnert, mit einigen abenteuerlichen Extras natürlich, die man im normalen Spiel nicht finden wird. Für dieses ROAR begeistert sich der Spalthufer schon von klein auf – im gerade mal erlangten Erwachsenenalter scheint ihm die Tür zum Erfolg gerade aufgestoßen zu werden. Ein Capybara und eine Hyäne sind an dieser Sache nicht ganz unbeteiligt. Schon findet sich Will im Team der nicht gerade auf der Erfolgswelle dribbelnden Thorns wieder, was Panther-Teamchefin Jett sauer aufstößt. Die – und auch alle übrigen des Teams – können mit so einem Dreikäsehoch so gut wie gar nichts anfangen. Was in ihm steckt, offenbart sich erst später, wenn es hart auf hart kommt und Will beweisen kann, dass es nicht auf die Größe, nicht auf die Tierart, nicht auf etablierte Klischees ankommt. Dass ein Um- und Andersdenken von Stereotypien neue Potenziale eröffnet.

Der ganze Brehm in Farbe

Klar läuft alles darauf hinaus, dass es gut wird. Hindernisse sind in G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge nur dazu da, um sie zu überwinden, um sie aus dem Weg zu räumen. Filme wie diese legen es auch nicht drauf an, Erwartungshaltungen nicht zu erfüllen. Es passiert, was passieren muss, und das ist fast schon Nebensache, wenn man sich nur ansieht, wie die gefühlt ganze Fauna eines Planeten niemals despektierlich, sondern wohlwollend karikiert oder gar parodiert wird. Das Pferd ist dabei einer der Highlights, mitunter auch das der Komfortzone erliegende Capybara oder das auf den eigenen Vorteil bedachte Warzenschwein als toughe Business-Lady. Viele Liebe fürs Detail und ein ausgeprägtes Gespür für Farbgebung haben die Macher von Sony hier hineingesteckt, und das mussten sie auch tun, um ihr eigenes Zoomania aus der Taufe zu heben.

Was Disney hat, will auch der andere Konzern, und legt dabei noch eines drauf: Während bei Zoomania ganze Tiergattungen warum auch immer fehlen, sind die urbanen Gefilde in G.O.A.T. deutlich artenvielfältiger, von der Schabe bis zum Papagei kreucht und fleucht es deutlich mehr, ist die Biomasse einfach üppiger, ist der Hamsternachwuchs fast schon mit einer kleinen Bevölkerungsminderheit gleichzusetzen, wenn die kleinen Flauschbälle Tribbles-like auf der Couch vor dem Fernseher Platz nehmen, um das Spiel zu sehen. Und das ist zugegeben furios gefilmt.

Diese Jugend von heute

Wenn man so will, lässt sich G.O.A.T. tatsächlich als insgeheimes Spin-Off von Zoomania betrachten, und was man auch deutlich erkennen kann, ist, dass das Thema Mannschaftssport deutlich mehr Charakterwitz lukriert als es ein Kriminalfall tut – was nicht heisst, dass Fuchs und Kaninchen bei ihren Nachforschungen nicht auch zur Genüge auf artspezifisches Verhalten stoßen. In G.O.A.T. gelingt dieser Umstand aber wie von selbst und macht erst dann Halt, wenn die Jugendsprache Einzug hält ins sportive Weltgeschehen. Das hat dann gar nichts mehr mit Tieren zu tun, sondern eher nur mit einem jungen Publikum, das im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sehr wohl auch mitbekommen haben, was so als Jugendwörter des Jahres in Frage kommt, in Augenhöhe mit dem Film positioniert werden. Mitunter mag das andauernde Wiederholen von „Das Crazy“ etwas auf die Nerven fallen, die durchaus heftige Anbiederung an die Zielgruppe bisweilen ebenso.

Doch seis drum, wer Tiere mag, und diese auch gerne als Fabel sieht: wer sowieso auf Zoomania steht und eine Welt frei von Homo sapiens (obwohl Homo sapiens durchaus auch in jedem dieser Tiere steckt) als die bessere betrachtet, der findet in dieser scheinbar gepinselten Bilderwelt 100 Minuten überraschungsfreie, gute Laune.

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

Air – Der große Wurf (2023)

GEHEILIGT WERDE DAS TESTIMONIAL

7/10


Air Jordan© 2023 Amazon Studios / Ana Carballosa


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: BEN AFFLECK

BUCH: ALEX CONVERY

CAST: MATT DAMON, BEN AFFLECK, JASON BATEMAN, CHRIS MESSINA, VIOLA DAVIS, CHRIS TUCKER, MARLON WAYANS, JULIUS TENNON, BARBARA SUKOWA, GUSTAF SKARSGÅRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Kam eigentlich nur mir der Umgang mit der Person Michael Jordan in diesem Film höchst irritierend vor, oder ging es Euch vielleicht genauso? Wie Ben Affleck tunlichst versucht hat, den wohl besten Basketballspieler aller Zeiten zu anonymisieren, ist nichts, was so nebenbei geschieht. Ganz deutlich und sichtlich bemüht wird Jordan in der Schlüsselszene rund um das erste Treffen mit ihm und den Verantwortlichen bei Nike aus dem Bild gedrängt, bevor jener Schauspieler, der die Sportikone verkörpert hat, berzweifelt versucht hat, sein Gesicht von der Kamera abzuwenden, um das leidlich interessante Interieur des Konferenzraumes zu begutachten. Ich kenne solche Maßnahmen eigentlich nur aus einer ganzen Reihe älterer Historienfilme, deren Timeline sich mit derer von Jesus kreuzen. Da ließ man das Konterfei des Heilands außen vor, um religiöse Befindlichkeiten nicht zu kompromittieren. Mittlerweile hat dieser ein Gesicht – Michael Jordan indes nicht. Woran kann das liegen? Und wie sehr hatte der Star wohl Mitspracherecht bei diesem Film, der sich doch nur von Anfang bis Ende um ihn dreht? Hat er auch hier Prozente am Umsatz eingefordert? Wollte er nicht, dass man ihn durch eine andere Person interpretiert? Oder ging es eher darum, den Fokus auf Jordans Eltern durch nichts anderes, schon gar nicht durch den Sohnemann selbst, abzulenken, der wiederum außer einem „Hallo“ keinerlei Worte von sich gibt, geschweige denn sich dazu äußert, wie es wohl wäre, mit Nike zu kooperieren. Das kann nicht so gewesen sein – oder doch?

Dieser Aspekt des Films Air – Der große Wurf ist seltsam. Doch zum Glück haben wir auf der anderen Seite einen Matt Damon, der wieder mal zeigt, was in ihm steckt – unter anderem auch ein waschbärbäuchiger Talentscout mit Sinn für Marketing und dem Mut, Regeln zu brechen. Denn nur so lässt sich Pioniergeist umsetzen. Damon ist Sonny Vaccaro, der gemeinsam mit Marketingleiter Rob Strasser darüber nachgrübelt, wie man den Marktanteil Nikes von 17% im Verkaufsranking von Sportschuhen erhöhen und wie man Nike aus der Nische für ungeliebte Wirtschafts-Mauerblümchen hervorholen könnte. Da helfen kleine B-, C- oder D-Sportler – sondern nur einer, der bereits 1984 als Korb-Wunder galt: Michael Jordan, damals blutjunge achtzehn Jahre alt und vielversprechend. Leider mischen beim Rummel ums beste Angebot auch adidas und Converse mit, die deutlich bessere Chancen haben, den Zuschlag zu erhalten. Doch sie haben die Rechnung ohne Sonny Vaccaro gemacht, der so dreist genug ist, Jordans Agenten zu umgehen und direkt bei den Eltern des NBA-Talents aufzuschlagen. Das ist der Anfang eines Marketing-Märchens als True Story.

Und auch obwohl ich mit Basketball überhaupt nichts am Hut habe außer schmähliche Erinnerungen im Schulturnsaal, mich Markenware überhaupt nicht triggert und Schuhe so lange langweilig sind, bis man sie trägt, war die Exklusiv-Premiere auf amazon prime trotzdem Grund genug, die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Vielleicht auch deswegen, weil Tetris, der letzte Behind the Scenes-Wirtschaftsfilm, alle Stückchen spielen hat lassen. Könnte das mit Air – Der große Wurf nicht auch so gelungen sein? Nicht ganz so gut, aber eigentlich: ja.

Ben Afflecks Markengeschichte ist kein Fachchinesisch für Interessensgruppen mit Vorabwissen (naja, vielleicht anfangs, wenn es um all die anderen Basketballer dieser Welt geht), sondern eine launige Dornröschen-Variation darüber, wie man Testimonials und wandelnde Werbeträger wachküsst, ohne sie auszuverkaufen. Allein schon aufgrund von Matt Damons kauzigem Spiel macht der Film Spaß. Affleck selbst, Justin Bateman und Chris Tucker beleben den Film aber ebenso – und nichts davon atmet den Turnsaal-Mief eines ungelüfteten Papierkram-Faktenchecks.

Air – Der große Wurf (2023)

Der schwarze Diamant

STEIN DES ANSTOSSES

7/10

 

uncut-gems© 2019 Netflix

 

ORIGINALTITEL: UNCUT GEMS

LAND: USA 2019

REGIE: BENNY UND JOSH SAFDIE

CAST: ADAM SANDLER, JULIA FOX, ERIC BOGOSIAN, IDINA MENZEL, THE WEEKND, KEVIN GARNETT, JUDD HIRSCH U. A.

 

Die kleinen Smaragde, die ich das Glück hatte, letzten Sommer im österreichischen Habachtal zu finden, diese kleinen Uncut Gems, die haben schon eine Wirkung, das brauche ich gar nicht kleinzureden, sowas zu finden hat schon so ein bisschen die Attitüde eines kleinen Schatzes, den man zwar nicht den Fängen eines Drachen entrissen, aber zumindest der Erdgeschichte entnommen hat. Im neuen Film der Gebrüder Safdie geht es um einen weitaus größeren Brocken, um einen so genannten schwarzen Opal, oder genauer gesagt um ein Konglomerat aus mehreren Opalen, halb verborgen im Muttergestein. Der Brocken ist ungefähr so groß wie eine Süßkartoffel – und steingewordener Glücks- und Geldbringer eines jüdischen Juweliers und Wettsüchtlers, der sich damit für den Rest seines Lebens gesund stoßen will. Das Glück ist, wo sie sind, sagt man – oder dort, wo der Stein des Anstoßes gerade herumgereicht wird. Polykrates hätte seine Freude damit, aber womöglich würde er den Stein gar nicht benötigen, war er doch ohnehin zum Glück verdammt. Mit Polykrates musste sich schon unlängst Philipp Hochmair in der österreichischen Psycho-Krimikomödie Glück gehabt herumschlagen. Zu viel dieses diffusen Zustandes der Wohlgesinnung ist bekanntlich ungesund. Obacht, wer es sich zur Obessison gemacht hat, es unentwegt herauszufordern.

In Der schwarze Diamant macht das niemand anderer als der womöglich wirklich zu Unrecht als nerviges Klamaukfilm-Faktotum abgestempelte Adam Sandler. Die Überraschung, ihn in einem Film dieser Art wiederzufinden, ist jedoch nicht über die Maßen groß. Es gibt Sandler bereits in anderen, weniger klamaukigen Produktionen, wie unter anderem in Noah Baumbachs Meyerowitz Stories oder überhaupt schon in dem viel früheren, 2004 entstandenen Werk Punch Drunk Love von Paul Thomas Anderson. Es ist also nicht so, als wüsste man nicht, dass Sandler genauso gut weniger blödeln kann. Mit Der schwarze Diamant aber hat er bislang seinen engagiertesten Auftritt absolviert. Und das war sicher einer, der einiges an Substanz gekostet hat. Nicht aufgrund seiner Art, wie er spielt, sondern vielmehr wen oder was er spielt – und mit welchem irrwitzigen, in seiner Hektik und Ruhelosigkeit kaum zu überbietendem Drehbuch er sich zurechtfinden musste. Seine Figur des Howard Ratner ist die eines idealistischen, obsessiven Hektikers, eines scheinbar ewigen Jägers nach dem großen Jackpot, ein Kaufmann von Venedig, wenn man so will. Einer, der Hasard spielt, unentwegt und so dermaßen auf Speed, dass es schwer fällt, während des Film herauszufinden, wohin Sandler jetzt wieder eilt, mit wem er jetzt wieder telefoniert oder welches Ding er jetzt am Laufen hält. Diese Konfusion alleine reicht aber noch nicht – im Nacken sitzt ein Haufen Gläubiger, die mit der Eintreibung von Schulden wenig zimperlich vorgehen. Und das alles reicht immer noch nicht – dieser wertvolle Stein, der wird zum Infinity-Pusher für einen Basketballer, der sich diesen zwar ausborgt, aber ungern wieder hergeben will.

Wer sich an den urbanen Nachtthriller Good Time erinnern kann – jenen Film mit Robert Pattinson, in dem es ebenfalls um ganz viel Geld geht, das man nicht hat wenn man’s braucht – weiß, welchen ungewöhnlichen Stempel die Gebrüder Safdie ihren Werken aufdrücken: es sind Filme, genauso wie Der Schwarze Diamant, die eine unergründliche Liebe zur Hässlichkeit haben. Das heißt nicht, dass ihre Filme schockieren. Dieses Hässliche, Verbrauchte, Abgemühte, das spiegelt sich in den Visagen plötzlich auftauchender Figuren wieder, die von Gier, Geld und Rache gezeichnet sind. Die ebenfalls alle auf ihren eigenen Sieg setzen, wie Juwelier Ratner, der es allen und am Besten gleichzeitig recht machen will. Unschön ist das, und auch Sandlers gezeichnetes Antlitz ist ein ungeschminktes, unreines Konterfei. Safdies Film ist unerhört ruhelos, hechelnd und hektisch, manchmal hat man das Gefühl, dass mehrere Filme, mehrere Handlungen übereinander liegen, dass die kataklysmische Eigendynamik der von Sandler verursachten Handlungen alle gleichzeitig hereinbrechen. Darin steckt die Anstrengung, welcher er pausenlos schimpfend, zeternd und andere einkochend ein Fünkchen Erfolg abluchsen will. Dabei ist das irre, fiebernde Szenario unterlegt mit einem noch irritierenderen Synthie-Sound, der an die tiefsten Achtziger erinnert, und das ganze Desaster wohl kaum moderater werden lässt. Der schwarze Diamant ist mit all seinen gierenden Geschöpfen (außer Eiskönigin Idina Menzel als Sandlers Ehefrau und einziger Ruhepol) faszinierend unsympathisch, unbequem und pöbelhaft bedrängend. Dennoch erzeugt das finstere Thrillerdrama einen Sog, aus dem wie beim Roulette das oft zitierte rie ne va plus ertönt und das Glück zu einer Belohnung des Karmas wird, mit dem Sandler sichtlich und mit Bravour überfordert ist.

Der schwarze Diamant