Die Stadt ohne Juden

UTOPIE DES SCHEINBAR UNMÖGLICHEN

7/10

 

stadtohnejuden© 1924 / Foto: FAA/ZDF

 

LAND: ÖSTERREICH 1924

REGIE: HANS KARL BRESLAUER

CAST: JOHANNES RIEMANN, EUGEN NEUFELD, HANS MOSER, FERDINAND MEYERHOFER, ARMIN BERG U. A. 

 

Als hätte er es gewusst, der österreichische Schriftsteller Hugo Bettauer, der seinen Roman Die Stadt ohne Juden 3 Jahre vor seinem Tod aufgeschrieben hat. Als wäre die Prophezeiung eine metaphysische Tugend der Künstler. Nicht nur Bettauer, auch anderen war diese antisemitische Drift ein Dorn im Auge, ein unübersehbares Schwelen aus Missgunst, Niedertracht und faschistoiden Anomalien, das sich da abgezeichnet hat. Die 20er Jahre – ein brodelndes Jahrzehnt, gleichzeitig nach und vor dem Krieg. Das Chaos der Börsen, das Erstarken eines manipulativen Redners für den Nationalismus. All das und noch vieles mehr. In den 20ern, da konnte man gerade noch intellektuellen Widerstand leisten gegen ein zunehmend fanatisiertes Politpublikum. Da konnten Künstler gerade noch sagen, was ihnen im Kopf herumgeht, bevor die Meinungsfreiheit in wenigen Jahren flöten gehen wird. Hans Karl Breslauer hat Die Stadt ohne Juden zwei Jahre später verfilmt – diesen Roman von Übermorgen, diese Was-wäre-wenn-Vision von etwas Unmöglichem, von dem Auseinanderreißen einer Gesellschaft, die nur in ihrer Vielfalt so ergänzend und ausgleichend überleben kann. Utopia heißt auch die Stadt, in der diese politische Absurdität Gestalt annehmen kann. Es wird politisiert, in Gasthäusern philosophiert, die Ablehnung gegen jene Minderheit, die den Wohlstand anscheinend gepachtet hat und im Geiste des Kaufmannes von Venedig die Wirtschaft der Nicht-Juden am Laufen hält, in dem sie wie niemand sonst das Geld vermehren kann, unverhohlen hinausposaunt.

Was für ein Klischee, allerdings viel eher die Überzeichnung eines geduldeten Nischendaseins, in welchem sich das jüdische Volk zum Kenner der Materie aufschwingen konnte. Von diesem Klischee, dieser Abhängigkeit will sich der Ur-Utopia-Wiener befreit wissen. Diese Sache findet im Parlament Gehör, und ehe sich der gottgleiche Bundeskanzler versieht, findet der geplante Erlass positive Zustimmung. Das jüdische Volk hat also bis Weihnachten das Land zu verlassen. Der Exodus beginnt. Und niemand wird für möglich halten, was dann geschieht. Die Folgen werden spürbar sein, und dieses ethnisch gesäuberte Utopia wird sich diese Freiheit wohl ganz anders vorgestellt haben.

Wirklich spannend an Die Stadt ohne Juden ist neben einer prophetischen Grundstimmung vor allem auch die Tatsache, dass dieses Werk lange Zeit als verschollen galt. Die letzte Aufführung des Filmes, die kontrovers diskutiert wurde, fand 1933 statt. Dann: nichts mehr, knapp 60 Jahre lang. Bis 1991 im Filmmuseum der Niederlande eine der letzten Kopien gefunden wurde. Die Qualität ließ zu wünschen übrig. Doch es wird noch besser kommen. Wir schreiben 2015, Paris. Auf einem Flohmarkt findet ein Filmsammler eine weitere Rolle und übergibt sie dem Österreichischen Filmmuseum, das folglich das Budget zusammenkratzen konnte, um eine vollständige Restaurierung zu starten. Entstaubt, gereinigt, neu vertont und in Duplex eingefärbt, wie zuvor schon Fritz Langs Metropolis oder Das Wachsfigurenkabinett, beides Beiträge des expressionistischen Films wie eben Breslauers Werk. Es ist ein klarer, vielleicht zu stark vereinfachter, aber energischer Blick zurück in das mahnende Denken der Liberalen. Man kann auch sagen eine Art Denkmal, vielleicht gar eine Hymne auf das jüdische Volk und eine Predigt gegen das aufkeimende Hitlerdeutschland, dass sich Anfang der 30er längst festgesetzt hat. Wir sehen Szenen auf den Gassen und Straßen Wiens, mitunter klar erkennbar das aufgebrachte Volk direkt vor dem Volksgarten. Die Outdoor-Szenen sind ungewöhnlich dokumentarisch, ihrer Zeit geradezu voraus. In dieses turbulente Geschehen mischt sich ein bekanntes Konterfei: das des jungen Hans Moser, auf seine Art unverkennbar als kauziger, nörgelnde Grantler, der als Antisemit Bernard letzten Endes den Verstand verliert und in einem bizarren Konstrukt seiner Gedanken als verlorenes Häufchen Elend keine Zukunft hat. Kunstvoll auch die Neuvertonung zwischen stark verfremdeten Wienerlied,  Massenlärm und Kletzmermusik, was die irre Vision Bettauers nochmal unterstreicht. Die Realität hat den Film dann längst eingeholt, und zwar um Lichtjahre. Umso erschreckender der Einblick in den Ist-Zustand von damals, der das Unvorstellbare nur in zumutbaren Ansätzen vorwegnehmen konnte.

Die Stadt ohne Juden

Der schwarze Diamant

STEIN DES ANSTOSSES

7/10

 

uncut-gems© 2019 Netflix

 

ORIGINALTITEL: UNCUT GEMS

LAND: USA 2019

REGIE: BENNY UND JOSH SAFDIE

CAST: ADAM SANDLER, JULIA FOX, ERIC BOGOSIAN, IDINA MENZEL, THE WEEKND, KEVIN GARNETT, JUDD HIRSCH U. A.

 

Die kleinen Smaragde, die ich das Glück hatte, letzten Sommer im österreichischen Habachtal zu finden, diese kleinen Uncut Gems, die haben schon eine Wirkung, das brauche ich gar nicht kleinzureden, sowas zu finden hat schon so ein bisschen die Attitüde eines kleinen Schatzes, den man zwar nicht den Fängen eines Drachen entrissen, aber zumindest der Erdgeschichte entnommen hat. Im neuen Film der Gebrüder Safdie geht es um einen weitaus größeren Brocken, um einen so genannten schwarzen Opal, oder genauer gesagt um ein Konglomerat aus mehreren Opalen, halb verborgen im Muttergestein. Der Brocken ist ungefähr so groß wie eine Süßkartoffel – und steingewordener Glücks- und Geldbringer eines jüdischen Juweliers und Wettsüchtlers, der sich damit für den Rest seines Lebens gesund stoßen will. Das Glück ist, wo sie sind, sagt man – oder dort, wo der Stein des Anstoßes gerade herumgereicht wird. Polykrates hätte seine Freude damit, aber womöglich würde er den Stein gar nicht benötigen, war er doch ohnehin zum Glück verdammt. Mit Polykrates musste sich schon unlängst Philipp Hochmair in der österreichischen Psycho-Krimikomödie Glück gehabt herumschlagen. Zu viel dieses diffusen Zustandes der Wohlgesinnung ist bekanntlich ungesund. Obacht, wer es sich zur Obessison gemacht hat, es unentwegt herauszufordern.

In Der schwarze Diamant macht das niemand anderer als der womöglich wirklich zu Unrecht als nerviges Klamaukfilm-Faktotum abgestempelte Adam Sandler. Die Überraschung, ihn in einem Film dieser Art wiederzufinden, ist jedoch nicht über die Maßen groß. Es gibt Sandler bereits in anderen, weniger klamaukigen Produktionen, wie unter anderem in Noah Baumbachs Meyerowitz Stories oder überhaupt schon in dem viel früheren, 2004 entstandenen Werk Punch Drunk Love von Paul Thomas Anderson. Es ist also nicht so, als wüsste man nicht, dass Sandler genauso gut weniger blödeln kann. Mit Der schwarze Diamant aber hat er bislang seinen engagiertesten Auftritt absolviert. Und das war sicher einer, der einiges an Substanz gekostet hat. Nicht aufgrund seiner Art, wie er spielt, sondern vielmehr wen oder was er spielt – und mit welchem irrwitzigen, in seiner Hektik und Ruhelosigkeit kaum zu überbietendem Drehbuch er sich zurechtfinden musste. Seine Figur des Howard Ratner ist die eines idealistischen, obsessiven Hektikers, eines scheinbar ewigen Jägers nach dem großen Jackpot, ein Kaufmann von Venedig, wenn man so will. Einer, der Hasard spielt, unentwegt und so dermaßen auf Speed, dass es schwer fällt, während des Film herauszufinden, wohin Sandler jetzt wieder eilt, mit wem er jetzt wieder telefoniert oder welches Ding er jetzt am Laufen hält. Diese Konfusion alleine reicht aber noch nicht – im Nacken sitzt ein Haufen Gläubiger, die mit der Eintreibung von Schulden wenig zimperlich vorgehen. Und das alles reicht immer noch nicht – dieser wertvolle Stein, der wird zum Infinity-Pusher für einen Basketballer, der sich diesen zwar ausborgt, aber ungern wieder hergeben will.

Wer sich an den urbanen Nachtthriller Good Time erinnern kann – jenen Film mit Robert Pattinson, in dem es ebenfalls um ganz viel Geld geht, das man nicht hat wenn man’s braucht – weiß, welchen ungewöhnlichen Stempel die Gebrüder Safdie ihren Werken aufdrücken: es sind Filme, genauso wie Der Schwarze Diamant, die eine unergründliche Liebe zur Hässlichkeit haben. Das heißt nicht, dass ihre Filme schockieren. Dieses Hässliche, Verbrauchte, Abgemühte, das spiegelt sich in den Visagen plötzlich auftauchender Figuren wieder, die von Gier, Geld und Rache gezeichnet sind. Die ebenfalls alle auf ihren eigenen Sieg setzen, wie Juwelier Ratner, der es allen und am Besten gleichzeitig recht machen will. Unschön ist das, und auch Sandlers gezeichnetes Antlitz ist ein ungeschminktes, unreines Konterfei. Safdies Film ist unerhört ruhelos, hechelnd und hektisch, manchmal hat man das Gefühl, dass mehrere Filme, mehrere Handlungen übereinander liegen, dass die kataklysmische Eigendynamik der von Sandler verursachten Handlungen alle gleichzeitig hereinbrechen. Darin steckt die Anstrengung, welcher er pausenlos schimpfend, zeternd und andere einkochend ein Fünkchen Erfolg abluchsen will. Dabei ist das irre, fiebernde Szenario unterlegt mit einem noch irritierenderen Synthie-Sound, der an die tiefsten Achtziger erinnert, und das ganze Desaster wohl kaum moderater werden lässt. Der schwarze Diamant ist mit all seinen gierenden Geschöpfen (außer Eiskönigin Idina Menzel als Sandlers Ehefrau und einziger Ruhepol) faszinierend unsympathisch, unbequem und pöbelhaft bedrängend. Dennoch erzeugt das finstere Thrillerdrama einen Sog, aus dem wie beim Roulette das oft zitierte rie ne va plus ertönt und das Glück zu einer Belohnung des Karmas wird, mit dem Sandler sichtlich und mit Bravour überfordert ist.

Der schwarze Diamant

Jojo Rabbit

VOM KRIEG DER KINDER

8,5/10

 

jojorabbit© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: ROMAN GRIFFIN DAVIS, TAIKA WAITITI, THOMASIN MCKENZIE, SCARLETT JOHANSSON, SAM ROCKWELL, REBEL WILSON, ALFIE ALLEN, STEPHEN MERCHANT U. A. 

 

Niemals sollte man sein inneres Kind aus den Augen verlieren. Niemals vergessen, wie es ist, Dingen im Leben mit einer verspielten Neugier zu begegnen. So, als wäre man ein Pionier für eine Sache, die zwar durchaus schon längst bekannt ist, aber so noch nicht gesehen worden ist. Mit unbedarftem Blick. Taika Waititi ist so ein Mensch, ein Künstler, der sich formelhafter Herangehensweisen an eine Sache entzieht. Der diese vielleicht kennt, und weiß, wie es andere bislang gemacht haben, dem das Bisher aber nicht sonderlich gefällt, und sich daher auf eine Augenhöhe begibt, die noch niemand eingenommen hat. Seine Augenhöhe ist die des zehnjährigen Johannes, genannt Jojo. Wir sind irgendwo in Deutschland, in einer Kleinstadt, nicht weit vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wo Jungen und Mädchen zur Hitlerjugend müssen und das jüdische Volk längst schon in den KZs vor sich hinstirbt. Jojo himmelt Hitler an, dieser ist sein Idol, und das geht sogar so weit, dass der Führer zu einem imaginären Freund wird, der den blonden Buben stets begleitet und mit rollendem R und kantiger Aussprache Ratschläge fürs arische Leben erteilt. Wäre da nicht seine Mutter, die, was natürlich vorerst niemand ahnt, im Haus ein jüdisches Mädchen versteckt. Was Hitler ganz und gar nicht unter die schnauzbärtige Nase geht. Und dem kleinen Jojo anfangs auch nicht. Aber warum eigentlich?

Ja, warum eigentlich, fragt sich Waititi und entlässt seinen kleinen (Anti)helden in den bizarren Alltag eines so irren wie wertevernichtenden Regimes, dass völlig aus der Luft gegriffene Schauermärchen über alles Andersartige kolportiert und mit kruden Schreckgespenstern vom eigenen Schrecken ablenkt. In diesem zerstörerischen Sog steckt also dieser Jojo, der sich einerseits vom Massenwahn mitziehen und begeistern lässt, wie sich Kinder eben begeistern lassen, und andererseits aber langsam anfängt, seine eigenen Wertvorstellungen anzuerkennen. Einem Kaninchen den Hals umdrehen? Geht nicht. Denn als Kind ist man immer noch Mensch, hat seine eigene Sicht der Dinge und wehe, man bleibt sich nicht selber treu. Waititi weiß das alles, er weiß, welche Fragen er stellen muss, und er weiß, worauf es in Zeiten wie damals hätte vermehrt ankommen sollen. Dass der verspielte Neuseeländer einen ganz eigenen Draht zum Kindsein hat, das wissen wir seit Wo die wilden Menschen jagen. Wobei er das Kindsein niemals idealisiert, niemals wirklich wie Grönemeyer all die Bengel an die Macht kommen lassen will, sondern sie dazu nötigt, in ihrem ach so jungen Alter ihr Tun selbst zu reflektieren.

Dass einem Thema wie diesem – die Nazizeit und all der Krieg – mit solch zerstreuter, verspielter Leichtigkeit begegnet werden kann, ist staunenswert und überraschenderweise kein bisschen irritierend. Jojo Rabbit ist bunt, aber niemals unbotmäßig schrill. Ist parodistisch wie es einst Chaplin in Der Große Diktator, aber niemals geschmacklos. In dieser Kindlichkeit liegt ein bitterer, erschreckender Ernst, der sich aber bewältigen lässt, weil er den Keim junger, humanistisch denkender Helden in sich trägt. Diese Dinge entdeckt man in diesem Film nicht ohne Gänsehaut. Nicht ohne einen Frosch im Hals. Aber mit unverhohlener Sympathie zu einem Ensemble, das ein gefühlt großes Vertrauen zu seinem Regisseur hat und sich in ein Szenario fallen lässt, dass es wert ist, durchzuleben. Roman Griffin Davis ist eine Entdeckung! Thomasin McKenzie fasziniert wiedermal genauso wie schon damals in Leave No Trace. Scarlett Johansson gelingt eine Gratwanderung zwischen Stummfilm-Performance und schönstem Bühnenzauber. Sam Rockwell wiederum hätte ich auch diesmal wieder für den Oscar nominiert, so seltsam hanswurstig und unbefangen verkörpert er seinen Hauptmann Klenzendorf.

Kindheitserinnerungen aus dem Krieg, die gibt es. Maikäfer flieg! zum Beispiel, von Christine Nöstlinger. Die Bücherdiebin. John Boormans Hope & Glory natürlich. Und nicht zuletzt die erschütternde Wahrheit hinter dem Tagebuch der Anne Frank. Waititi nutzt, ergänzend zu all diesen Erinnerungen, die fiktive Chance, in seiner berührenden, fabulierenden Tragikomödie durch die Welt- und spätere Weitsicht eines Jungen die verheerende Absurdität eines kranken Systems klar erkennbar werden zu lassen. Aber was viel wichtiger ist: er lässt die Kinder daraus lernen. Damit sich Fehler wie diese nicht nochmal wiederholen. Denn am Ende ist nichts schöner, als in Freiheit auf der Straße zu tanzen. Jojo Rabbit ist ein großartiger Film, ein rotzfreches Gloria, aufmüpfig, grundehrlich und bezaubernd. Und darf auch erhobenen Hauptes vor Wehmut und Erleichterung schluchzen.

Jojo Rabbit

The Red Sea Diving Resort

REISE NACH JERUSALEM

6,5/10

 

redseadiving© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: GIDEON RAFF

CAST: CHRIS EVANS, MICHAEL K. WILLIAMS, BEN KINGSLEY, GREG KINNEAR, HALEY BENNETT, CHRIS CHALK U. A.

 

Captain America ist zurück: einst aufgepimpter Held im Zweiten Weltkrieg, dann im Tiefschlaf und später Ruler der Avengers, mittlerweile aber im Ruhestand. Das Marvel-Universum hinter sich lassend, probiert sich Darsteller Chris Evans diesmal zwar ebenfalls in einer aufrechten Gutmenschen-Rolle, allerdings aber mit mehr Connex zur Realität als bisher. Und er kaschiert sein Image bis zur Unkenntlichkeit mit noch mehr Vollbart als zuletzt in Avengers: Endgame. Evans ist in Gideon Raffs Agententhriller ein dauermotivierter Abenteurer im Außendienst, ein Befehlsempfänger zwar, aber einer, der die Wahl der Mittel selbst trifft. Wie das Agenten eben so tun, einschließlich erhöhtem Risiko zu vorzeitigem Ableben. Der alte „Captain America“ ist nun der neue „Captain Israel“, und was die beiden Mächte miteinander verbindet, lernen wir aus der Geschichte, die sich durchwegs wie ein Schwarzbuch über Flucht und Vertreibung ganzer Völker und Glaubensgemeinschaften liest. In der vorliegenden Netflix-Produktion sind die Vertriebenen diesmal die Juden Äthiopiens, die in langen Verzweiflunsgmärschen Richtung Sudan auf ein Überleben hoffen. So zugetragen in den 80er-Jahren. Eine Krise fast schon als Fußnote, bekannt war mir die Operation Moses oder Joshua jedenfalls nicht, und da die Hungersnöte in Afrika zu dieser Zeit ohnehin die Schlagzeilen beherrschten, ist diese religiös motivierte Schandtat an einer jüdischen Minderheit wohl weniger bekannt geworden. Nun, es hat sie gegeben, und The Red Sea Diving Resort knüpft lose an diesen wahren Begebenheiten an, die sich womöglich nicht so abenteuerlich und auf Spannungskino zugeschnittene Weise zugetragen haben wie der Film uns erzählen will. So ein Kern der Wahrheit lässt sich mit reichlich Exotik und dem Reiz ferner Länder garnieren. Die Kunst liegt dabei, die eigentliche Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren und sich auch nicht vom Captain America-Liebhaberkult zufriedenstellen zu lassen.

Gideon Raff, der momentan – und zwar ebenfalls für Netflix – eine 6teilige Spionageserie mit dem griffigen Titel The Spy am Laufen hat (Sasha Baron Cohen in einer untypisch ernsten Rolle), und sich damit ebenfalls in das Netzwerk des Mossad einschleust, ist – wen wundert’s – selbst Israeli, und Themenspezialist, wenn’s um den lokalen Geheimdienst geht. Die Eckdaten von damals als Fakten auf dem Tisch, sind es nun mehrere Tage am glutheißen Strand des Sudan, die Chris Evans und sein Team mit Blick auf das Rote Meer verbringen. Neue Einstiegsstelle für den jüdischen Exodus ins Gelobte Land ist ein von Italienern errichtetes und wieder dem Zahn der Zeit überlassenes Tauchresort, das in unruhigen Zeiten wie diesen, und noch dazu in einem instabilen Land wie dem Sudan, wo das Militär macht, was es will, wohl kaum Touristen begrüßen kann. Ein paar allerdings verirren sich immer noch in dieses Niemandsland, und dem Minister für Tourismus freuts, kassiert er doch jede Menge Geld für ein paar rustikale Steinbungalows. Als getarnte Drehscheibe für Flüchtlinge, die in Nacht und Nebel vom Flüchtlingscamp hierher verfrachtet und von Schlauchbooten der Israelis abgeholt werden, ein ideales potemkinsches Feriendorf. Bis dem Camp an der Grenze die Flüchtlinge ausgehen, und das gewaltbereite Militär den Israelis vermehrt auf den Zahn fühlt.

Es ist spannend, mitanzusehen, wie in Zeiten der noch nicht totalen Überwachung Täuschungs- und Rettungsmanöver wie diese gelingen können. Und es ist weiter spannend, mitanzusehen, wie Flüchtlingsrouten wie diese geöffnet statt geschlossen werden, wie jene, die das Zeug haben, zu helfen, auch aktiv helfen, statt in wegsehender Ignoranz den unterzeichneten Menschenrechten wegen sowas wie Asyl gerade noch dulden, um den Rest der darbenden Menschheit sich selbst zu überlassen. Diese damals wie heute brandaktuelle Thematik bettet Gideon Raff in einen routinierten Politthriller, der sich voll und ganz auf seine True Story verlässt. Das heisst im Klartext: keine schauspielerischen Herausforderungen. Die eine oder andere Nebenrolle versandet gar in nichtssagender, allerdings auch klischeehafter Blässe. Dennoch ist dieses wenig beachtete, humanitäre Abenteuer gefällig formuliert, bemüht sich längst nicht um derartige sinnbildliche Deklarationen wie zum Beispiel in Styx, riskiert aber einen berichtenswerten Blick in die jüngere Geschichte humanitärer Krisen. So wuchtig und verstörend wie Klassiker aus dem Politfilm-Hype der 80er (u. a. Salvador, Under Fire oder The Killing Fields) ist The Red Sea Diving Resort aber auch nicht geworden, dafür lässiger, draufgängerischer, im Grunde also Spannungskino der geradezu unterhaltsamen, aber nicht verharmlosenden Art. Was für dieses Thema fast schon untragbar erscheint – so wie das riskante Retten von Menschenleben.

The Red Sea Diving Resort

Tel Aviv on Fire

NAHOST IM SERIENWAHN

6/10

 

telavivonfire© 2019 MFA

 

LAND: ISRAEL, BELGIEN, FRANKREICH, LUXEMBURG 2018

REGIE: SAMEH ZOABI

CAST: KAIS NASHEF, LUBNA AZABAL, YANIV BITON, MAISA ABD ELHADI, NADIM SAWALHA U. A.

 

Wir wissen alle, dass es sie gibt, und zugegeben, manche davon haben wir sogar gesehen: Soap Operas. Vom Haus am Eaton Place über Die Sklavin Isaura bis zur Lindenstraße und Reich und Schön. Dauerbrenner und Guilty Pleasures fürs nachmittägliche Homesitting, tägliche Fixpunkte in Phasen ereignislosen Alltags, die aber für den nötigen Thrill sorgen, und ist es nur der, nicht zu wissen, wer jetzt mit wem liiert ist und wer vom Cast nun doch etwas im Schilde führt. Auch der Nahe Osten hat so seinen Straßenfeger – in der israelisch-französischen Gesellschaftssatire Tel Aviv on Fire ist das die erste Staffel eines aufregenden Schmachtfetzens selbigen Namens, mit einer international renommierten französischen Schauspielerin als Leading Actress. Gedreht wird in Ramallah im Westjordanland, und manch ein Crewmitglied tingelt täglich von Jerusalem nach Palästina, bewaffnete Grenzkontrollen inklusive. Das ist ganz schön mühsam, aber wohl das geringste Übel, wenn man betrachtet, welchen Fehden dieser Fleck auf Erden gefühlten Äonen schon ausgesetzt war. Ob das jemals zu einem Konsens führen wird, und ob irgendwann diese unsägliche und menschenverachtende Grenzmauer ganz im Stile von Deutschland 89 abgerissen wird, ist fraglich. Zu wünschen wäre es beiden Volksgruppen, die, jeder für sich, fest davon überzeugt sind, im Recht zu sein.

Natürlich handelt diese kostengünstig produzierte Dramaserie, die drehscheibe des Films, von einem ganz anderen einschneidenden Konflikt in den 60ern – nämlich vom Sechstagekrieg. Am Vorabend dieser Auseinandersetzung spielen da ganz im Sinne des amerikanischen Spionagefilms Mata Hari-ähnliche Schönheiten eine Rolle, die israelische Generäle bezirzen, um irgendwann zuzuschlagen, am Besten im Zuge eines Attentats. Und die Serie, die wird gedreht, aber keiner weiß, wohin sie führen soll. Bis Regieassistent Salam einem Grenzbeamten in die Hände fällt, der dramaturgisch durchaus was am Kasten  und eine ganz eigene Vorstellung davon hat, wie die erste Staffel enden muss.

Der Israeli Sameh Zoabi nähert sich der religions- und volkspolitisch offenen Wunde von der Maschekseite, nämlich durch die Hintertür eines Filmstudios. Das Fernsehen, das hat eine ganz andere Politik als die der Straße. Das Fernsehen, das verbindet Feinde wie Freunde, mediales Interesse macht weder vor Muslimen noch vor Juden halt, da sind alle anderen Befindlichkeiten zweitrangig. Allerdings – auch bei einer Serie, die genau das thematisiert? Der Serienwahn steckt in Tel Aviv on Fire alle an, doch lassen sich in den Kulissen eines Studios die Konflikte einfacher beiseitelegen als im echten Leben? Und lässt sich der Friede zwischen Palästinensern und Israelis auf völlig naive Weise einfach so inszenieren? Dem Israeli Assi wäre das am Liebsten, das Ideal eines Zugeständnisses von der anderen Seite des Grenzzaunes. Der „Hans im Glück“ Salam, der, plötzlich Drehbuchautor, wie die Jungfrau zum Kind kommt (um hier auch noch die Christen zu bemühen), sieht alle Türen geöffnet, um Geschichte zu schreiben. Die Geschichte einer Vereinigung, die doch so undenkbar scheint.

In Zoabis Film ist vieles möglich, ist vieles auch absichtlich auf klischeehafte Weise karikiert, und mit Hummus geht sowieso alles besser. Doch so richtig bissfest will die augenzwinkernde Komödie dann doch auch nicht sein, will nirgendwo anecken noch kompromittieren. Will in erster Linie natürlich unterhalten, und die Diskrepanz zwischen den beiden Parteien auf versöhnliche Weise durch den Kakao ziehen. Versöhnlich ist ja schon mal gut, auch der Anspruch ein lobenswerter, doch wenn vielleicht Hauptdarsteller Kais Nashef nicht ganz so den Phlegmatiker herauskehren würde, wäre das Feuer in Tel Aviv wohl mehr der Burner, wohl mehr leidenschaftlicher und auch mehr bei der Sache. Es ist also wie mit den Soaps, die zwar immer irgendwelche Hiobsbotschaften heraufbeschwören, aber in ihrer weitgefächerten Zielgruppenorientierung in routinierter Gleichförmigkeit vor sich hinplätschern. Das tut vorliegender Film auch, und er regt nicht auf oder sorgt für Kontroversen, weil es doch nur ein Boulevardstück ist, das in sich sowieso nochmal ein massentaugliches Sprachrohr nutzt, um einen Konsens für alle zu suchen. Weil das Unmögliche nicht mal im inszenierten Traum möglich sein kann. Da hört laut Regisseur Zoabi dann der Spaß auf, so optimistisch will er dann doch nicht in die Zukunft blicken, eher resignierend, oder nur einen kleinen Schritt tun, nämlich den aus der momentan geschilderten Affäre. Ein geflissentliches Zugeständnis also, das man ihm nicht übelnehmen kann. Und noch etwas stellt sich ein, nachdem der Abspann so abläuft wie das kitschige Intro einer dieser eingangs erwähnten Langzeitshows: ein unglaublicher Heißhunger auf Hummus, obwohl man Hummus eigentlich gar nicht so mag.

Tel Aviv on Fire

Das Tagebuch der Anne Frank

UMS LEBEN GEBRACHT

7,5/10

 

annefrank„Das Tagebuch der Anne Frank“ auf Blu-ray & DVD erhältlich (Universal Pictures)

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE: HANS STEINBICHLER

MIT LEA VAN ACKEN, ULRICH NOETHEN, MARTINA GEDECK, STELLA KUNKAT, GERTI DRASSL U. A.

 

Es heißt ja immer: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn aber auch noch die Hoffnung stirbt, bleibt gar nichts mehr. Nur Dunkelheit, Vernichtung, Resignation. Die Niederschrift des gerade mal 15 Jahre alt gewordenen Mädchens Anne Frank zählt zu den wohl erschütterndsten Dokumenten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und das nicht, weil Anne Frank das Grauen in all ihren Details beschrieben hat. Solche Berichte sind in ihrem Tagebuch nicht zu finden. Es ist so erschütternd, weil die kindlich formulierte Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit ungehört bleibt. Das unendlich Traurige ist nicht das, was in dem Tagebuch geschrieben steht. Das unendlich Traurige stützt sich auf dem Wissen, das all das Wünschen, Träumen und Hoffen so kurz vor der Erfüllung letzten Endes umsonst gewesen war. Dass nach den letzten Zeilen in diesem Buch nichts mehr war. Nur Leere und Vernichtung.

Es beweist, dass die wichtigsten sozialen Strukturen einer Kernfamilie gegenüber einer zerstörerischen Macht wie dem Nationalsozialismus unweigerlich zerbrechen müssen. Eine heile Familie – die hat so etwas Unbesiegbares. Da wohnt ein Funken inne, der besagt, dass alles gut werden muss. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. So betroffen wie dieses Bewusstsein der Verletzbarkeit vom Wunsch nach Normalität macht auch der Film von Hans Steinbichler. Seine Neuverfilmung des in die Ewigkeit eingegangenen persönlichen Berichts einer Verfolgten hat seine Besetzung mit Bedacht gewählt. Das Ensemble, allen voran Ulrich Noethen als Otto Frank, lässt das Ausharren und Bangen der versteckten Familie lebendig werden. Lea van Acken lässt ihre Anne Frank der enormen Rollenanforderung zum Trotz das aufgewühlte Emotionsspektrum eines Teenagers empfinden – von Zerbrechlichkeit über Selbstzweifel bis hin zu unerschütterlichem Trotz. Die Schwierigkeit, auch unter so extremen Bedingungen wie der selbst auferlegten Isolation vom Kind zur Erwachsenen zu reifen und ihre eigene unverwechselbare Persönlichkeit herauszubilden, wird zur Gratwanderung zwischen Aufbegehren und dem Suchen nach Nähe. Dazwischen träumt sie. Sieht sich auf sonnenwarmen Wiesen, im Wald, an der Luft.

Kaum eine andere Verfilmung nach Tatsachen endet so vernichtend wie Das Tagebuch der Anne Frank. Und dabei war die Erlösung so zum Greifen nah. Dann der abgrundtief höhnische Zynismus einer unbarmherzigen Realität. Das geht dann gar nicht anders, da läuft es einem kalt über den Rücken. Vor allem dann, wenn man beginnt, sich mit den Rollen zu identifizieren. Und das passiert, sofern man selbst Familie hat. Bei den wortlosen Szenen aus dem KZ am Ende des Films fehlen dann auch noch die Worte, wenn sie nicht schon zuvor ihre Stimme verlieren. Nämlich dann, wenn die Eingesperrten voller Zuversicht an das bevorstehende Ende des Krieges glauben – um kurz darauf entdeckt zu werden.

Das Tagebuch der Anne Frank ist ein handwerklich solider, aber inhaltlich so beeindruckender wie erschütternder Film geworden. Eine immens wichtige Neuverfilmung, die durch das Dokudrama Meine Tochter Anne Frank von Richard Ley ergänzt werden kann, welches das Schicksal der Familie aus der Sicht des Vaters Otto Frank erzählt. Des einzigen Überlebenden.

Das Tagebuch der Anne Frank