Dual

GUTEN TAG, ICH WILL MEIN LEBEN ZURÜCK

7/10


dual© 2022 Courtesy of Sundance Institute


LAND / JAHR: USA/FINNLAND 2022

BUCH / REGIE: RILEY STEARNS

CAST: KAREN GILLAN, AARON PAUL, BEULAH KOALE, ANDREI ALÉN, MAIJA PAUNIO, KRISTOFER GUMMERUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Sich im Leben zu behaupten und nicht mehr davonlaufen: Wenn man nur wüsste, wie das geht. Wenn man nur all dem sozialen Murks auf erlernte Weise ausweichen könnte; wenn man Angreifern Paroli bäte oder einfach selbstbewusster wäre. Einen Weg in diese Richtung hat Autorenfilmer Riley Stearns bereits eingeschlagen. Und zwar jenen der Selbstverteidigung. Warum nicht einfach einen Kurs buchen, bei der Sportunion oder in der Volkshochschule, um Heldin oder Held des Alltags zu werden? Doch auch das kann in die Hose gehen. Stearns Groteske The Art of Self Defense ist schadenfrohes, schwarzes Satirekino – voll verpeilter Figuren, soziopathischer Tendenzen und dem ironischen Grinsen des praktisch veranlagten Stärkeren. Jesse Eisenberg gibt hier eine außerordentlich gute Performance ab, wenn nicht gar seine beste. Ein paar Jahre später ist nun Karen Gillan am Zug, bekannt als blauhäutige Halbschwester Gamoras aus dem MCU, aus Jumanji und natürlich aus dem unlängst in den Kinos für ordentlich Zunder verantwortlichen Gunpowder Milkshake. Gillan ist allerdings eine Schauspielerin, die es stoisch liebt. Oftmals wirkt sie arg ausdruckslos, fast schon mechanisch, jedenfalls in ihrer Mimik so sehr reduziert, dass man meinen könnte, einem Androiden dabei zuzusehen, wie er soziales Handling erlernt. Das war bei Gunpowder Milkshake, das war als Nebula so (wo es natürlich gepasst hat, da Gillan dort  einen Cyborg mimt). Jetzt verzieht sie in der Science-Fiction-Satire Dual ebenfalls kaum eine Miene. Und das gleich zweimal.

Denn wir schreiben eine Zukunft, die jener des präzisen und überraschend sehenswerten, aber überaus ernsten Dramas Schwanengesang ähnlich scheint. Ist ein Mensch dem Tode geweiht, hat er die Möglichkeit, den Verlustschmerz seiner liebsten Hinterbliebenen zu lindern, indem er einen Klon von sich anfertigen lässt, der im Vorfeld die Lebensagenda des sterbenden Menschen übernimmt. Eine schräge Idee, aber ganz eindeutig etwas, das impliziert, dass manche nicht nur an sich selbst denken. Sarah ist so jemand. Eine nicht näher definierte Krankheit wird sie dahinraffen, also erscheint Sarah 2 auf der Bildfläche. Das Schöne dabei: sowas lässt sich in Dual ambulant erledigen – nach einer Stunde nur ist der Stellvertreter fertig und bereit, die Eigenschaften des Originals zu erlernen. Dumm nur, dass die Monate vergehen und Sarah 1 plötzlich genesen ist, während Sarah 2 ihr schon längst Mann und Familie ausgespannt hat, weil das Duplikat einfach umgänglicher scheint. Sarah 1 will ihr Leben zurück, und dank der zukünftigen US-amerikanischen Gesetze ist die James Bond-Devise „Man lebt nur zweimal“ strafbar. Ein im TV übertragenes Duell auf Leben und Tod soll da Abhilfe schaffen.

Riley Stearns Filme sind lakonische Satiren, die eigentlich nicht den Anspruch erheben, eine in sich logische Realität abzubilden. Dual ist zum Beispiel die abstrahierte Umschreibung eines paradoxen Zustandes, der sich nicht um das Wie kümmert, sondern um das Was jetzt. Egal, wie absurd die Situation für Karen Gillan auch scheint – sie ist nun mal so. Und Gillan als Sarah holt sich als pragmatischer Buster Keaton die nötigen Skills, um sich aus dem Schlamassel zu ziehen. Dabei lehrt Breaking Bad-Star Aaron Paul nicht nur The Art of Self-Defense, sondern auch die des Angriffs. Und auch wenn Stearns gegen Ende das Genre eines subversiven Thrillers durchwinken lässt, nimmt Dual lediglich den Suppenwürfel einer Klon-Zukunft zur Hand, um in einem reduktiven Drama das vermeintlich bessere Leben, das man selbst nicht hat, als ebenso entbehrlich zu entlarven.

Dual

Shadow in the Cloud

DAS MONSTER KRIEGT DEN FENSTERPLATZ

5,5/10


ShadowInTheCloud© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: NEUSEELAND, USA 2020

BUCH / REGIE: ROSEANNE LIANG

CAST: CHLOË GRACE MORETZ, TAYLOR JOHN SMITH, CALLAN MULVEY, BEULAH KOALE, NICK ROBINSON, BYRON COLL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Sind zu Weihnachten alle Kekse weg, dann war das sicher die Weihnachtsmaus. Fällt in der Werkstatt das Werkzeug vom Tisch, war das bestimmt der Pumuckl. Sind im Bomber aber die Schrauben locker, könnte das gut und gerne ein Gremlin gewesen sein. Dabei denken viele natürlich sofort an Joe Dantes Mini-Monster-Rumble zur Weihnachtszeit: Niemals nach Mitternacht füttern, und auch nicht baden. So zumindest hießen die goldenen Regeln, um Gizmo nicht mutieren zu lassen. In Shadow in the Cloud braucht es hierfür weder nachmitternächtliche Fütterung noch einen nassen Waschlappen ins Gesicht – dieser Gremlin ist von vornherein schon fies, so groß wie ein Teenager und äußerst gelenkig. Und bleibt in diesem eigenwilligen Kammerspiel über den Wolken lange Zeit ein Mythos.

Von der Idee, Shadow in the Cloud irgendwo unterwegs auf einem mobilen Endgerät oder am helllichten Tag zu sichten, würde ich abraten. Dieser Film ist schwer verliebt in die Dunkelheit. Keine Ahnung, wieso mit dem Einsatz von Licht so dermaßen gegeizt wird. Aber gut, wir haben schließlich Nacht, und während des Pazifikkrieges der 40er Jahre wäre es auch nicht ratsam gewesen, über den Wolken einen auf Festbeleuchtung zu machen. Also bleibt die Ex-Kick Ass-Queen Chloë Grace Moretz im Halbdunkel des neuseeländischen Flughafens von Auckland gerade noch zu erkennen. Maude, eine Militärpilotin, ist auf geheimer Mission unterwegs und muss den Flieger – oder besser gesagt: den Bomber – nach Samoa erwischen. Eine ominöse Ledertasche ist mit dabei. Von ihrem Überraschungsgast samt Umhänge-Artefakt, das sich anfühlt wie ein MacGuffin, weiß die Crew allerdings nichts – und begegnet ihr relativ schlecht gelaunt, wenn nicht gar hochgradig frauenfeindlich. Macht nichts, nur weg, denkt sich Maude, und darf dafür in die Geschützkabine unter den Bauch des Fliegers klettern. Über Funk muss sich die Gute so einiges an verbalem Ungehorsam gefallen lassen – allerdings auch die völlig unerwarteten Attacken des herumgeisternden Gremlins, der dabei ist, den Bomber zu zerlegen, und nebenbei auch unseren Star.

Snakes on a Plane waren gestern – jetzt hat der Kreaturenhorror über den Wolken phantastische Gefilde erreicht. Und setzt aber genau dort zur Notlandung an. Was aus dieser kuriosen Konstellation herauszuholen gewesen wäre, wird von einem ins Flugzeug hineinkonstruierten Vorgeschichte verdrängt. Solche persönlichen Befindlichkeiten wären auf dem Frachter Nostromo fehl am Platz gewesen. In Alien zählte zum Beispiel nur das nackte Überleben. Hier allerdings macht Moretz auf Drama Baby zwischen Fliegeraction und zähnefletschendem Versteckspiel, alles in undeutlichem Zwielicht, und alles zwischen feindlichen japanischen Kampfflugzeugen. Ganz originell hingegen ist jene Strecke des Films, die ausschließlich in der Schützenkanzel spielt. Die eingezwängte Heldin kommuniziert nur per Funk mit den übrigen Passagieren, und dennoch hat man das Gefühl, auch alle anderen Co-Akteure wären physisch präsent. Ein geschickter Kniff, der schon in No Turning Back oder The Guilty außerordentlich gut gelungen war.

Shadow in the Cloud verlässt sich aber zu wenig auf seine eigentliche Büchse der Pandora – auf den Konflikt zwischen legendärem Geschöpf und lederbejacktem Flieger-As. Das hätte schon längst für einen Low Budget-Knüller gereicht. Das Abenteuer aber mit einem recht hanebüchenen Plotgerüst zu versehen, das keiner wirklich braucht, verwässert den sonst rotzfrechen Nachtflug zu einem unentschlossenen, den Gesetzen der Physik trotzenden Mischmasch und vergisst immer wieder beinahe auf den Endgegner.

Die emanzipatorische Metaebene, die ganz allein den weiblichen Helden der Lüfte gehört, hätte ich allerdings auch nicht weggelassen. Und überhaupt: Frauen werden mit Monstern einfach besser fertig. Das fetzt. Davon kann Ripley mit Pilotin Maude gerne ein Liedchen singen.

Shadow in the Cloud