Mein Engel

EYES WIDE SHUT

7/10

 

meinengel© 2016 capelight pictures

 

LAND: BELGIEN 2016

REGIE: HARRY CLEVEN

CAST: ELINA LÖWENSOHN, HANNAH BOUDREAU, MAYA DORY, FLEUR GEFFRIER, FRANCOIS VINCENTELLI U. A.

 

Das hätte David Copperfield auch sehr leicht passieren können: zaubern, und den Zauber nicht mehr umkehren können. Irreversible Magie sozusagen. Nur keine Panik, Zaubertricks sind nur Illusion. Das heißt: Copperfield wäre niemals in der chinesischen Mauer stecken oder irgendwann unsichtbar geblieben. Im Kino ist das anders. Im Kino ist Illusionskunst manchmal wirklich das Ergebnis einer Fähigkeit, die als paranormal zu bezeichnen ist. Und diese Kunst, die geht schief. Der Magier bleibt unsichtbar. Und Louise, seine Geliebte, versteht die Welt nicht mehr. Die anderen verstehen Louise natürlich auch nicht mehr, also wandert sie in die geschlossene Anstalt. Um dieser bizarren Situation aber noch eins draufzusetzen: Louise bringt einen Sohn zur Welt – der ebenfalls unumkehrbar unsichtbar bleibt.

Was für eine seltsame Fügung, was für eine seltsame Idee, die der Belgier Harry Cleven da aufgegriffen hat, um daraus einen Film zu machen. Natürlich denkt man da gleich an einen Superhelden, einen X-Men oder gar an den Unsichtbaren aus dem klassischen Dark Universe, der bald schon wieder auf der Leinwand zu sehen sein wird. Nein, Cleven geht die Sache ganz anders an, und führt die Prämisse in die Richtung eines mehr sphärischen als atmosphärischen, vor allem aber enorm sinnlichen Liebesfilms, der ein wunderbar anregendes Element in die ganze surreale Szenerie versenkt: Der namenlose Unsichtbare, der nur Mein Engel genannt wird, verliebt sich in kindlichen Jahren in ein blindes Mädchen, dass von seiner Transparenz natürlich nichts mitbekommt und ihn nur zu fühlen, riechen und schmecken braucht. Dumm nur, dass sich Madeleine Jahre später einer Augenoperation unterzieht, um erstmals sehen zu können.

Mein Engel ist ein assoziatives Memory aus Bildern, verschwommenen Sichtweisen und Gesichtern. Ein traumartiges Gebilde, das nur schüchtern einer zarten Ballade folgt, die von der Bedeutung unserer Sinne erzählt. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – so heißt es doch bei Antoine Exuperys kleinem Prinzen. Das gleiche gilt aber auch für die beiden Liebenden hier, vor allem für Madeleine, welche die Kraft des Sehens neu definiert. Denn sehen lässt sich auch ganz anders. Und manchmal muss man die Augen schließen, um alles begreifen zu können. Der von Jaco van Dormael produzierte und auch sichtlich von ihm beeinflusste belgische Kunstfilm erinnert in seiner assoziativen, experimentellen Kameraführung stark an das Kino von Julian Schnabel, insbesondere an seinen Film Schmetterling und Taucherglocke. Unverkennbar aber auch der Einfluss Krysztof Kieslowskis, vor allem, was die Metaphysik der menschlichen Existenz betrifft. Als meditatives Philosophikum lässt sich dieser Film betrachten, als ein fragmenthaftes, aber dennoch stringentes Gespinst zur Relativität des Sehens und Erfassens, eingebettet in einer sehr körperlichen, erotischen Abhängigkeit, die sich – wie typisch eben für van Dormael – manchmal ein bisschen selbst karikiert, ohne sein Thema aber lächerlich zu machen. Dank der knappen Laufzeit von rund 80 Minuten erliegt Mein Engel nicht dem Problem, seinen kreativen Ist-Zustand allzu auszureizen, doch selbst bei dieser Kino-Miniatur ist Muße gefragt – aber die haben entspannte Kinogeher mit Hang zu poetisch-phantastischen Denkspielchen ohnehin.

Mein Engel

Prospect

ALLE IM GRÜNEN BEREICH

6,5/10

 

prospect2© 2019 capelight pictures

 

LAND: USA, KANADA 2019

BUCH UND REGIE: ZEEK EARL, CHRISTOPHER CALDWELL

CAST: SOPHIE THATCHER, PEDRO PASCAL, JAY DUPLASS, SHEILA VAND, ANDRE ROYO U. A.

 

Es ist eigentlich ganz einfach: Man gehe auf einen Flohmarkt, am besten aber auf einen, der so absonderliches technisches Zeug anzubieten hat wie Schläuche, Gerätschaften aller Art, alte Staubsauger und Waschmaschinen zum Beispiel. Oder ausrangierte Zweiradhelme, die den HSSE-Standards nicht mehr genügen. Als Location bräuchten wir einen Urwald, am besten einen in höheren Lagen, der mit Flechten und Moosbewuchs nicht spart. Vielleicht lässt sich ja für Drehzwecke wenig frequentiertes Gebiet betreten, wie zum Beispiel den Białowieża-Nationalpark in Polen oder das Refugium rund um den österreichischen Dürrnstein. So unberührt wie möglich, nicht dass Jogger und Biker durchs Bild flitzen. Natürlich, wir räumen nachher wieder alles auf. All das Graffel, das wir eingekauft haben, landet nachher vielleicht wieder am Flohmarkt – oder aber, wenn der Sponsor nicht absrpingt, könnte man die Requisiten auch für ein Sequel nutzen. Ist nun alles da, was wir brauchen, fehlt nur noch ein toughes Drehbuch, und vielleicht ein Hauptdarsteller, der sich als Zugpferd für die Produktion zumindest als Nebendarsteller in der wohl besten Serie aller Zeiten einen Namen gemacht hat. In diesem Fall war das Pedro Pascal. Game of Thrones-Fans – und das sind fast alle – wissen: Pedro Pascal war die Sandschlange Oberyn Martell aus dem sonnigen Süden, die dem reitenden Berg zum Opfer fiel, und das schon in Staffel 4. Der gebürtige Chilene aber hat die Rechnung mit dem Wirten damit gemacht – er wird zukünftig als kesser Mandalorian das Star Wars-Universum unsicher machen. Es sei ihm vergönnt, der Mann ist sympathisch, und es macht ihn noch sympathischer, wenn kleine, feine Filme wie Prospect ihn zu ihrem Cast zählen dürfen.

Ehrlich mal, George Lucas hat seinen Star Wars-Erstling zumindest teilweise auch nicht anders ausgestattet. Man nehme nur mal die längst legendäre Cantina-Szene aus Episode IV. Da zeigen sich ebenfalls zusammengewürfelte Outfits aus allen Ecken der Second-Hand-Galaxie und Rausverkäufen diverser Requisitenkammern. Was die Creature Designer damals gemacht haben, war verblüffend, und gleichzeitig von so schrulliger Vielfalt, das aus diesem Gebrauchtwaren-Retro-Look ein ganz eigenes Universum entstanden ist, das zuletzt in Solo so richtig kostümtechnisch herumfabulieren konnte. Prospect ist so, als gäbe es wie für den amerikanischen Western die stockfleckigere Italo-Version auch für das Star Wars-Universum. In welchem aber genau dieser Weltraum-Survivalthriller spielt, bleibt ungeklärt. Auch, woher Astronaut Damon und dessen Tochter eigentlich kommen, was sie eigentlich wollen und wohin das führt. Vieles bleibt anfangs im Unklaren, auch die Bedeutung dieses grünen Mondes (nein, nicht Endor!), der von einer Raumstation umkreist wird, an die wiederum Damons Raumkapsel angedockt hat. Später erfahren wir: der grüne Mond zieht allerlei Glücksritter an, die in den Nestern spinnenartiger Kreaturen wühlen, die wiederum in ihren hochgiftigen Kokons unter Anwendung der richtigen, neutralisierenden Chemie gigantische Edelsteine ausspucken, die am Schwarzmarkt unglaubliches Geld bringen. Der Mond selbst: eine menschenfeindliche Gegend, die Biomasse ist enorm, die herumflirrenden Sporen der Pflanzen toxisch bis dorthinaus, und so erscheint auch die ganze Aura des Mondes in einem seltsam gelbstichigen Licht, wie die Optik ausgebleichter alter Fotografien. Erinnerungen an das russische Science-Fiction-Kino des Andrej Tarkovskij werden wach, aber auch an den durch außerirdischen Einfluss veränderten Wald aus Jeff Vandermeers Southern Reach-Trilogie, dessen erster Teil – Auslöschung – bereits grandios verfilmt wurde.

Prospect reiht sich problemlos unter jene Art Science-Fiction, die etwas ganz anderes will als nur mit der gefühlt 100sten Alien-Reißbrett-Variation, gepaart mit psychopathischem Wahnsinn, die reißerische Billigschiene zu bemühen. Natürlich ist Prospect ein Low-Budget-Film, aber einer mit Potenzial, und einer, der seine eigenwillige Story rund um ein Mädchen und einen Schatzpiraten mit allerlei kunstvoll gepatchworkter Details garniert, die seltsam durchdacht wirken, alles andere als improvisiert, als wären sie Teil eines größeren Überbaus, von dessen Existenz keiner weiß. Sterile Hochglanz-Raumzeit war gestern, das Gestern ist also die neue Vision eines versemmelten Heute, fit für das freie Spiel der Kräfte. Bis der letzte zweckentfremdete Sanitärschlauch platzt und poröse Dichtungen mal wieder den Atem rauben.

Prospect

Stan & Ollie

NICHT OHNE MEINEN BUDDY

5,5/10

 

Unit stills photography© 2019 SquareOne Entertainment / capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, KANADA 2019

REGIE: JON S. BAIRD

CAST: STEVE COOGAN, JOHN C. REILLY, DANNY HUSTON, NINA ARIANDA, SHIRLEY HENDERSON U. A.

 

Es gibt Beziehungen, die sind in so heißem Feuer geschmiedet, da reichen weder familiäre Bindungen noch ein Ehegelübde heran. Sie sind sogar schon mehr als nur eine innige Freundschaft, das ist sogar schon so etwas wie eine Symbiose – eine Existenz, die nur doppelt gemoppelt gelebt werden kann. Im fiktionalen Kulturkreis findet sich da einiges, wie zum Beispiel Don Camillo und Peppone oder Asterix und Obelix. Oder könntet ihr euch Obelix ohne Asterix vorstellen? Oder umgekehrt? Fix ohne Foxi? Peterson ohne Findus? Dinge der Unmöglichkeit. Bud Spencer oder Terence Hill waren im Alleingang bei weitem nicht so gut. Genauso verhält es sich auch mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Ihre Beziehung war genauso, nämlich die eines dynamischen Duos, das ohne den anderen niemals konnte und wenn doch, dann war das eine Schmach für beide. Stan & Ollie oder Dick & Doof, wie sie im deutschen Sprachraum auch hießen, waren nicht auseinanderzudividieren, waren wie Dean Martin & Jerry Lewis, Farkas & Waldbrunn und wie sie noch so alle hießen, diese Buddies, die sich ihre Pointen zuwarfen wie treffsichere Pässe beim Volleyball. Wo einer die Scherze auflegt, und der andere hineinsteigen muss. Das war wohl witzig damals, das war Slapstick mit Niveau, perfekt getimt und minutiös vorbereitet. Da saß jede Geste, jede Mimik. Sogar das Schälen von Eiern wurde zur Lachnummer. Das musste man können, so clownesk aufzutreten, dass es nicht peinlich wirkt, sondern pointiert und von lässiger Jovialität, trotz oder gerade wegen der hingebungsvoll nervenden Blicke von Oliver Hardy, der den achselzuckenden und kopfkraulenden Stan Laurel stets maßregeln musste, um kurzerhand Torten oder ähnliches ins Gesicht zu bekommen. Es lassen sich die Klassiker wie Die Wüstensöhne tatsächlich noch genießen – diese Nummernrevuen haben ein Kolorit und eine paraverbale Palette an komischer Performance, die heutzutage noch ihresgleichen sucht.

Und nun, da sind sie wieder, begleitet vom musikalischen Intro des Cuckoos Dance und nach einem Drehbuch von Jeff Pope (Oscarniminierung für Philomena), der die Fakten zu den letzten Dekaden des Komikerduos gewissenhaft zusammengetragen hat. Handverlesene Momente, hinter den Kulissen hervorgeholt. Was da zum Vorschein kam? Der Plan zu einem Film über Robin Hood. Veralbernd natürlich und aus der Feder von Stan Laurel, sowieso stets der Mastermind hinter dem Erfolg, wie Blitzgneisser Asterix, dem Obelix in blindem Vertrauen stets folgt. Nur – die Zeiten haben sich geändert, wir schreiben Anfang der 50er Jahre. Da fährt das Publikum doch eher auf die Eskapaden von Abbot & Costello ab, und weniger auf den lakonischen Fettnäpfchenreigen, wie sie Chaplin, Lloyd oder Keaton auch so an den Tag gelegt hatten. Die Investoren zieren sich, die Bühnenversion ihrer Filmsketches sind im Rahmen einer England-Tournee nur spärlich besucht. Und Ollie, der hat Knieprobleme. Beide aber können es nicht lassen. Sie müssen weitermachen, denn was wären sie ohne einander. Und ohne ihren Sinn für Humor, der die Massen doch bis jetzt begeistert hat. Alles hat aber ein Ende. Und irgendwann müssen auch die beiden ihre viel zu kleinen und zu großen Melonen an den Haken hängen.

Stan & Ollie ist ein wehmütiges Farewell für Fans und Kenner dieser Urgesteine aus einer längst vergangenen, analogen Ära. Steve Coogan und John C. Reilly sind phänomenal – nicht nur dass sie so aussehen wie die beiden darzustellenden Kindsköpfe. Sie bewegen sich auch genauso, haben dieselbe Mimik. Machen immer wieder mal vergessen, dass es sich hierbei gar nicht um die echten Stars handelt. Darüber hinaus aber bleibt das Porträt einer innigen künstlerischen Verbundenheit in schaumgebremster Zurückhaltung seltsam blass. Und das nicht wegen des grauen Schnauzers von Ollie. Sondern, weil das Abendrot ihres Erfolges nicht die ganze Geschichte ist – die ich aber gerne gesehen hätte. Der Film hebt zwar am Höhepunkt ihrer Karriere an, springt aber sofort 16 Jahre weiter. Was bleibt, ist ein Abgesang. Rührend zwar, aber verdünnt auf Spielfilmlänge. Reilly und Coogan legen sich ins Zeug, füllen mit ihren Konterfeis vorwiegend die Kamera aus und machen schon deutlich, was beide damals wirklich verbunden hat. Das hat als Psychogramm einer Freundschaft schon Hand und Fuß, leidet aber schnell unter Atemnot, wie Oliver Hardy, dessen Herz bald nicht mehr mitmacht. So ist das ganze biografische Fragment: langsam, irgendwie schwächelnd, wenn geht rastend. Das passt natürlich zum Befinden von Stan & Ollie, lässt aber deren unverwüstlichen komödiantischen Esprit der beiden auf Dauer vermissen, auch wenn die Vision eines letzten gemeinsamen Films wehmütig macht.

Stan & Ollie

Der Buchladen der Florence Green

MIT DEM BUCHRÜCKEN ZUR WAND

6/10

 

florence_green© capelight pictures 2004-2018

 

LAND: SPANIEN, GROSSBRITANNIEN, DEUTSCHLAND 2017

REGIE: ISABEL COIXET

CAST: EMILY MORTIMER, BILL NIGHY, PATRICIA CLARKSON, JAMES LANCE U. A.

 

Erst vor Kurzem war in den Nachrichten wieder zu hören, dass das beliebteste Medium zum Lesen von Romanen, Fachliteratur und Ähnlichem immer noch das faden-, klebe- oder ringgebundene Buch ist, mit seinen bedruckten Seiten, Umschlägen, Vorsatzpapieren und dem Klappentext vorne und hinten. Ich muss also keine Sorge haben, dass der Blick in aufgeschlagene Seiten mitsamt seinem olfaktorischen wie haptischen Erlebnis vollends einem sterilen E-Book-Universum weichen muss. Da wäre wohl Florence Green ganz meiner Meinung. Ein Buch daheim im Regal stehen zu haben – was heißt eines, mehrere, ganze Kompendien und Reihen – hat etwas Verbindendes, vor allem mit dessen Inhalt. Und ich kann Florence Green nur beipflichten, wenn sie sagt: Mit einem Buch ist man nie wirklich allein. Da ist was dran. Diese Omnipräsenz von gespeichertem Wissen und verewigten Gedanken ist ein Portal nach außen, ein individuell zusammengestelltes Archiv von Information, die man kennen, wissen oder einfach nur um sich haben will, nur für den Fall. Es fühlt sich gut an, und es fühlt sich auch gut an, in die eine oder andere Buchhandlung zu gehen und Inhaltsangaben auf den Rückseiten von Büchern zu lesen, hinein zu schmökern in den Senf anderer Leute, die noch dazu das Talent haben, zu schreiben. Da ist es meist still, reizarm, inspirierend, ein Ort des Denkens und Nachdenkens. Traurig, wenn dann eine Buchhandlung nach der anderen schließt, nur weil Onlineportale den Wettbewerbsvorteil genießen. Damals, in den 50er Jahren, in welchen Isabel Coixet´s jüngster Film angesiedelt ist, war die Idee von Click&Buy reinste Science-Fiction. Da waren Buchläden das Social Media ohne fahrlässiges Kommentieren, da gab es maximal wohlformulierte Rezensionen in der Tageszeitung. Aber wo keine Buchhandlung, da auch keine Leserschaft, wie zum Beispiel in dem kleinen Küstenort Hardborough, wo das Volk maximal beim Wirten weilt, in die Kirche geht oder an Straßenecken smalltalkt. Die bibliophile Witwe Florence Green packt die Marktlücke also am Schopf, mietet sich in ein schmuckes altes Gebäude ein, dass ohnehin schon seit Ewigkeiten leer steht und beschenkt die Bürger der Stadt mit wohlsortiertem Lesestoff.

Allerdings kommt, womit die Frömmste wohl niemals gerechnet hätte, und womit sie in Zukunft auch nicht mehr in Ruhe wird leben können. Die missgünstigen Nachbarn, oder besser gesagt die Reichen, die das Geld haben, um anzuschaffen, die sind plötzlich nicht sehr erfreut. Dabei handelt es sich lediglich um eine einzige Person, eine Grand Dame mit künstlerischen Ambitionen, herrlich affektiert verkörpert von Patricia Clarkson, die statt einer biederen Buchhandlung ein Kulturzentrum eröffnen will. Gut, das könnte sie ja in jedem anderen leerstehenden Gebäude – aber nein, die Dame möchte besagtes Old House okkupieren, und Florence Green, die hat sich gefälligst zu vertrollen. Natürlich lässt sich das der intellektuelle Freigeist nicht gefallen, und entwickelt eine unerschütterliche Beharrlichkeit, die letzten Endes aber auf Granit beißen wird. Und das nicht nur, weil Werke wie Vladimir Nabokov´s Lolita als Fifty Shades of Grey der Nachkriegszeit für Lesefreude selbst für Buchstabenmuffel sorgt.

So spröde, trocken und staubgewischt wie das Interieur der Buchhandlung ist Isabel Coixet´s Gesellschaftsdrama dann teilweise auch geworden. Die spanische Regisseurin, die mit beachtlichen Filmen wie Mein Leben ohne mich oder Das geheime Leben der Worte zumindest bei mir wohlwollend in Erinnerung geblieben ist, passt sich mit Der Buchladen der Florence Green nicht nur den unbeständigen Wetterverhältnissen der englischen Küste an, sondern auch der verknöcherten Geisteshaltung des provinziellen Kleinbürgertums, das unter der Kantare perfider Möchtegern-Oligarchen steht. Ihr Film ist aus einem anderen Holz geschnitzt als alle bisherigen Werke, und es ist auch nicht so, das Coixet tatsächlich einen prägnanten Stil hätte, den man sofort erkennt. Vielmehr ist ihr Stil eine Anpassung an das Szenario, egal welche Geschichte sie erzählt. Selbst das ist eine Form von gestalterischer Konsequenz. Der Buchladen der Florence Green nach dem Buch von Penelope Fitzgerald wirkt urbritisch, etwas starr, irgendwie unbeweglich. Womöglich soll das so sein, und auch die erstmal etwas enervierende Stimme aus dem Off rechtfertigt am Ende ihre Notwendigkeit. Am Nachhaltigsten aber bleibt neben Emily Mortimer´s neuer Paraderolle als idealistisches Ein-Personen-Unternehmen natürlich Bill Nighy in Erinnerung, der als exzentrischer Außenseiter und Bücherwurm minutiös die Mühsal sozialer Interaktion greifbar werden lässt. Mit all diesen Figuren, welche die Parabel von der Ohnmacht gegen gesellschaftliche Dominanz bevölkern, gelingt Coixet dennoch ein zwar desillusionierendes, aber nicht resignierendes Drama, das ein eher unerwartetes Ende findet und vor allem durch sein Ensemble überzeugt. Und wiedermal klar macht, das ohne dem Willen der anderen der eigene Wille alleine oft nicht reicht.

Der Buchladen der Florence Green