Barry Seal

MOST WANTED MAN

7/10

 

barryseal© 2017 Universal Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: DOUG LIMAN

MIT TOM CRUISE, DOMNHALL GLEESON, SARAH WRIGHT U. A.

 

Es gibt Dinge, die tatsächlich nur in den Vereinigten Staaten von Amerika passieren. Zum Beispiel so etwas wie Donald Trump. Oder eine Klage wegen zu heißen Kaffees. Der Absturz eines vermeintlichen Ufos. Oder die Macht der Geheimdienste, die bereits schon weit über die Grenzen von Transatlantica hinausgeht. Hollywood unter der Regie von Actionspezialist Doug Liman hat aus dem schier grenzenlos scheinenden Panoptikum amerikanischer Merkwürdigkeiten die Biografie eines Mannes herausgepickt, der vom routinierten Piloten einer Passagierfluglinie zum Most Wanted Man so gut wie alle und jeden gleichermaßen beeindruckt wie enttäuscht hat. Dieser Barry Seal war in den späten Siebzigern und den Achtzigern, zur Amtszeit von Ronald Reagan, im wahrsten Sinne des Wortes ein Überflieger. Nicht nur, dass die CIA ihn abgeworben hat, um im Stellvertreterkrieg der Achsenmächte Mittelamerika auszuspionieren. Auch das langsam erstarkende Drogenkartell rund um Pablo Escobar hat den Gelegenheits-Allrounder in die Finger bekommen. Auf gewohnt joviale wie gleichermaßen kompromisslose Weise haben die Finsterlinge aus Kolumbien Barry Seal den lukrativen Job eines Drogenkuriers angeboten. Dieses zweigleisige Befahren von Flugrouten war aber erst der Anfang einer atemlosen True Story über die Absurdität von Reichtum und dem dehnbaren Begriff von Moral und Anstand. Wäre Barry Seal nicht der gewesen, der er war, hätte dieser wohl begehrteste Familienvater der Welt die herumreißenden Zügel der Geschäftemacherei niemals in Händen behalten können.

Der Bourne-Regisseur hat daraus einen irrlichternden Sampler aus Polit-, Familien- und Drogendrama zusammengemixt. Sein Film gebärdet sich wie ein Videoclip – eine Ästhetik, die wir schon bei Oliver Stone oder Tony Scott beobachten konnten. Viel anders lässt sch Barry Seal in seinem wilden, ungestümen Strudel aus Deals, Machenschaften, Wahnsinn und Bedrohung überhaupt erst gar nicht darstellen. Ein Leben im Stakkato, in ständiger Hektik, in fortdauernder Gier. Barry Seals übergroßes Ego zieht die Mächte des Zwielichts und der Finsternis an wie ein schwarzes Loch alle Materie. Der Narziss badet im Geld, das keiner jemals ausgeben kann. Gefahr ist notwendiges Übel. Ja zu sagen die einzige richtige Entscheidung. Bis Reagans Regierung und die Medien alles vernichten – mehr aus plumper Stümperhaftigkeit als aus Vorsatz. Das hätte Trump auch passieren können. Oder wird ihm noch passieren.

Tom Cruise stürzt sich in seine Rolle wie ein Fallschirmspringer in den freien Fall. Gut möglich und sehr wahrscheinlich, dass der zuvorkommende Scientologe wieder mal die meisten Stunts selbst gemacht hat, so fertig, wie er nach zwei Stunden Laufzeit aussieht. Natürlich, Filme entstehen nicht chronologisch, aber zumindest hat man das Gefühl, bei Barry Seal war das allerdings der Fall. Barry Seal ist wie ein Walter White auf Speed, nur dass Seal in seiner ungebremsten Arbeitsmoral Befehlsempfänger bleibt, der die wohlkoordinierte Drecksarbeit erledigt. Zu sehen, wie ein Mann mit großen Fähigkeiten am Boden und in der Luft zerrissen, ausgenutzt und weggeworfen wird, ist bittere, zynische Realität.

Durch Doug Liman´s leichter Hand wird man bei Barry Seal das Gefühl nicht los, einer Komödie beizuwohnen. Das ist der Film aber keineswegs. Doch die Art, in der die Memoiren eines Tausendsassas erzählt werden, spiegelt die Facetten eines schnellen, gierigen, todesmutigen Lebens als bravouröses, kurzweiliges Entertainment wider. Eine farbenfrohe, grelle Show zwischen Breaking Bad und Der Informant!. Beste Unterhaltung – auf Kosten einer rühmlich-unrühmlichen Legende.

Barry Seal

Moonwalkers

MOND-SÜCHTIG

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moonwalkers

Man stelle sich folgenden Alptraum vor: der Augenblick, in dem der erste Mensch den Boden unseres Erdtrabanten betritt, wird weltweit live auf allen Fernsehkanälen, die es in den späten Sechzigern gibt, übertragen – und keiner landet. Nicht auszudenken. Eine Blamage, vor allem für die Vereinigten Staaten. Und nicht nur das. Die Supermacht im Westen verliert auch ihr Gesicht vor der Supermacht im Osten, die immerhin schon mit Juri Gagarin den ersten Menschen überhaupt in den Weltraum geschickt hat. Was für ein Spektakel das gewesen sein muss. Und wie sehr sich die USA dabei in den Allerwertesten gebissen hat. Also muss der Mond zumindest ein amerikanischer sein. Und falls das nicht gelingt – dann trotzdem. Wen also damit am besten beauftragen als den britischen Kino-Visionär Stanley Kubrick, der doch erst kürzlich mit dem Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum die Illusion des Outer Space geradezu perfekt auf die Leinwand gezaubert hat.

Auf Basis dieser angeblich tatsächlichen Ereignisse begibt sich die psychedelische Thrillerkomödie Moonwalkers auf satirisches Terrain. Niemand geringerer als Hellboy Ron Perlman schlüpft in die fiktive Rolle eines vom Vietnamkrieg traumatisierten Spezialagenten, der den Deal mit Kubrick an Land ziehen soll. Nur, da gibt es noch die Idee eines von „Ron Weasley“ Rupert Grint dargestellten Taugenichts und Möchtegern-Bandmanager, die millionschwere Chance eines gefakten Mondabenteuers für sich selbst zu nutzen. Zugegeben, die turbulente Groteske hinter der ohnehin skurrilen Episode aus der Geheimdienst- und Mediengeschichte ist fürwahr ein origineller Spaß, der über weite Strecken unterhält. Die 60er genau wie die 70er Jahre kann man designtechnisch bis zum Abwinken ausschlachten – alleine die Mode der Flower-Power-Ära sorgt schon für Belustigung. Wie sehr muss dann auch noch das drogengeschwängerte Lebensgefühl der Children of Revolution auf die Gegenwart befremdlich wirken?

Moonwalkers ist ein bizarrer Mix aus dem Musical Hair, Gilliam´s Fear & Loathing in Las Vegas und – man möchte es kaum glauben – den österreichischen Drogenkomödien von Michael Glawogger und mit Michael Ostrowski, allen voran Contact High oder Hotel Rock ‚N‘ Roll. Auch in diesen beiden Filmen spielt die Handlung eine untergeordnete Rolle. Viel mehr ist die verharmlosende plakative Illustration einer aufgrund von LSD beeinträchtigter Wahrnehmung auf die Welt wohl die eigentliche lustgewinnende Ambition des Regisseurs. Diese farbenfrohe Grottenbahnfahrt ist natürlich gespickt mit allerhand absurden Einfällen, lässt den Film aber relativ rasch stagnieren. Ein zugedröhnter Ron Perlman ist in der ersten Szene vielleicht wirklich erlebenswert, in jeder weiteren allerdings nur noch repetitiv. Doch mit der ausufernden Eskalation der verabreichten chemischen Wirkstoffe ist es in Moonwalkers damit aber noch nicht getan. Gegen Ende kippt das schrullige, Kunst und Künstler parodistisch beäugende Szenario in einen blutigen Shootout, der an Kingsman oder Kick Ass erinnert. Das passt in seiner comichaft überzeichneten Extreme zwar einerseits dazu, wirkt aber auch so orientierungslos wie aufgesetzt. Abgeschossene Köpfe und gurgelndes Kunstblut hätten in keinster Weise sein müssen – dem Direct-to-DVD-Konsumentenkreis dürfte es gemäß dem trendigen Publikumsmotto „Blood sells“ aber gefallen.

Anders als im Home Cinema ist Moonwalkers zumindest hierzulande gar nicht anzusehen – eine vorgefertigte Zielgruppe fürs Kino hätte er vor allem bei Fans der Sex & Drugs & Rock ‚N‘ Roll-Trilogie in österreichischen Landen allerdings schon verbuchen dürfen.

Moonwalkers

Alles unter Kontrolle

WERNER IN THE MIDDLE

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AllesunterKontrolle

Ihr werdet lachen, oder vielleicht gar mit den Augen rollen, aber tatsächlich habe ich Werner Boothe vor einiger Zeit beobachten können – ohne dass er irgendetwas davon wahrgenommen hätte. Es war im dritten Wiener Gemeindebezirk, Ecke Ungargasse, Neulinggasse. Wahrscheinlich war er gerade aus nahegelegenem BILLA gekommen, oder einfach nur unterwegs gewesen zu einem Termin. Aber da hört mein Wissen auch schon wieder auf. Mit den Überwachungsapparaten der Supermächte kann ich leider gar nicht mithalten. Vielmehr bin auch ich Opfer davon – wie und in welchem Ausmaß, kann ich nicht sagen. Doch solange ich es nicht weiß, macht es mich ehrlich gesagt nicht heiß – denn ändern kann ich daran sowieso nichts. Und die Zeit, die ich dafür aufwenden müsste, um unentdeckt zu bleiben, habe ich beim besten Willen nicht.

Auch ein Mann der Öffentlichkeit wie Werner Boote wird daran nichts ändern – nur die Dinge hinterfragen und den Spuren nachgehen, die zu Big Brother führen. Das ist sehr informativ, neigt aber auch zur abendfüllenden Selbstdarstellung. Ähnlich wie Michael Moore oder Hanno Settele im Österreichischen Rundfunk ist sein erklärendes und interviewendes Konterfei omnipräsent. Im Gegensatz zu Dokumentarfilmern, die alles andere, nur nicht sich selbst, in den Mittelpunkt stellen. Da wäre Nikolaus Geyrhalter, der Spezialist für No Comment-Collagen. Aber auch der leider erst kürzlich verstorbene Michael Glawogger oder Darwins Nightmare-Macher Hubert Sauper. Alle drei sind und waren Aufklärer der Vernunft und des guten Gewissens. Stille Beobachter, Bilderpoeten und unbequeme Erforscher. Was aber nicht heißen soll, das Dokumentarfilmer wie Werner Boote nicht auch zu den wissensdurstigen Aufklärern gehören – nur ihre Art, Fragen beantwortet haben zu wollen, ist weitaus publikumsnäher und gefälliger. Auch eine Methode, keine Frage. Und sogar eine gern gesehene. Werner Boote ist einfach sympathisch, ein Entertainer und Vortragender. Einer, den man ohne Weiteres wochenlang an ausverkauften Abenden im Audimax antrifft. Das würden Sauper, Geyrhalter und Co eigentlich nie tun. Maximal eine Podiumsdiskussion nach der Premiere, denn nicht jeder ist zur Rampensau geeignet. Boote hingegen schon. Und er hat Charme, den er einzusetzen weiß, im Gegensatz zu Michael Moore, der meist mit der Tür ins Haus fällt und erfolgreich so tut, als würde er anderen zuhören. Das ist die Gefahr beim Doku-Entertainment – dass es letzten Endes um den Dokumentierenden geht, mit all seinen Ansichten. Und weniger um die Sache selbst.

Klar, auch Filmjournalisten sollen eine Meinung haben, und diese auch vertreten. Aber die Kunst des sachlichen Filmes liegt darin, das Ergebnis nicht vorzufertigen, sondern für den interessierten Zuseher unbewertet zu lassen. Offen, interpretier- und auswertbar. Gerade das macht Dokus spannend. Und ja, das gelingt auch Alles unter Kontrolle, Bootes dritter filmischer Expedition in den menschlichen Kosmos. Mit Spaß an investigativem Nachwassern und verfolgt von der eigenen Kamera trifft der graumelierte Intellektuelle auf Personen unterschiedlichster Art, spricht mit Opfern und versuchsweise mit „Tätern“. Mit IT-Experten und dem Wachpersonal vor der NSA-Zentrale. Zwischendurch setzt der Film auf augenzwinkernde Showelemente und einem Siri-ähnlichen Dialogpartner aus dem Off. Alles zusammen entschärft die Klaustrophobie des Themas und malt zum Glück den Teufel nicht an die Wand, sondern gefällt mit populärwissenschaftlichem Aufklärungsjournalismus, der den Horizont erweitert und Aufschluss gibt, ohne anstrengen zu müssen. Boote ist der ideale Dokufilmer, der das Zeug dazu hat, den Mainstream dazu animieren, ins Kino zu gehen – auch wenn daheim dok.1 oder Universum läuft.

Alles unter Kontrolle ist wiedermal ein Film, der zeigt, dass das Genre der bewegten Sachkunde längst nicht trocken sein muss, um die Zustände auf unserem Planeten besser zu veranschaulichen. Zwar nicht künstlerisch hochwertig und was weiß ich wie innovativ, aber mindestens so unterhaltsam wie ein ausverkaufter kabarettistischer Vortrag an der Uni, allerdings mit fachlichen Untertönen.

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Alles unter Kontrolle

Eye in the Sky

FEIGHEIT VOR DEM FEIND

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eyesky

Ich sehe es noch immer ganz deutlich vor mir. Das kleine Mädchen in der roten Jacke. Wer kann sich noch erinnern? Dieses kleine, jüdische Mädchen war das einzige farbige Element in Steven Spielbergs für mich unumstrittenem Meisterwerk Schindlers Liste aus dem Jahr 1993. Warum aber gerade dieses Mädchen? Spielberg wollte hier das Leid und das Schicksal des Einzelnen, des Individuums, ganz klar verdeutlichen. Nicht die Massenvernichtung, nicht das Schicksal aller europäischen Juden macht den Krieg und den Genozid erst so schrecklich – es beginnt bereits bei jeder einzelnen, noch so kleinen Tragödie. Bei jedem einzelnen gestohlenen Leben. So irrt dieses rote Mädchen immer wieder durchs Bild. Ziellos, hoffnungslos. Es reicht schon ein einzelner Mensch, der aufgrund menschenverachtender Ideen anderer sein Leben nicht mehr leben darf.

Diese Symbolik finden wir auch in dem Antikriegs- oder Terrordrama Eye in the Sky, für mich eine der größten Überraschungen in diesem Filmjahr 2016. Überraschend auch deswegen, da dieser Film hierzulande – eigentlich unverständlicherweise – nicht ins Kino kam. Dabei ist er bis in die Nebenrollen mit Helen Mirren, Aaron Paul und Alan Rickman, noch dazu in seinem letzten Auftritt, erlesen besetzt und entpuppt sich als enorm spannendes, gesellschafts- und politkritisches Kammerspiel, das mühelos das Niveau dichter Konfliktdramen wie Eine Frage der Ehre oder Die 12 Geschworenen erreicht. Jene Leser, die mit verfilmten Bühnenstücken wie diesen nichts anfangen können, sollten aber bitte nicht zurückschrecken. Man könnte Eye in the Sky zwar mühelos für das Theater adaptieren – da der Film aber zwischen CIA-Zentrale und einer ostafrikanischen Stadt, in welcher der Feind lauert, hin und herwechselt, bleibt ein potenzieller Ermüdungseffekt, der mit reinen Schauspieldramen manchmal einhergeht, komplett aus. Dieser Film geht sehr wohl auch an die Nieren.

Im Zentrum steht das Schicksal eines unschuldigen muslimischen Mädchens in rotem Tschador, das allmorgendlich am Straßenrand Brot verläuft und sich zufälligerweise im Wirkungsradius einer von der CIA abzuschießenden Drohnenbombe befindet. Doch wie dieses Mädchen warnen, ohne das es die Terroristen spitzkriegen? Wie den Vergeltungsschlag ausführen, ohne menschliche Kolateralschäden in Kauf nehmen zu müssen? Diese entscheidende Frage nach dem Recht oder Unrecht, das Mädchen opfern zu müssen zum Wohle einer befriedeten Menschheit, hängt wie das Damoklesschwert kritisch und bedrohlich über jene, die diese Entscheidung fällen müssen. Und dann gibt es noch diese, die den Drohnenabschuss ausführen. Welche Rolle spielen sie bei der Sache? Gavin Hood´s Film bezieht anfangs keine Stellung. Das muss er auch nicht. Die agierenden Personen lenken die Story von selbst. Und müssen sich schnell entscheiden, denn das zu nutzende Zeitfenster ist klein. Genau dieses Dilemma macht das Terrordrama so spannend. Und so emotional. Letztendlich wird klar, dass ein Krieg niemals unschuldig ist. Und sei er auch noch so technologisiert. Oder noch so perfektioniert. Doch wer maßt es sich an, überhaupt das Wohl der Menschheit übernehmen zu müssen? Oder über das Leben eines anderen zu entscheiden?

Eye in the Sky setzt die Menschenrechte hinter einem Mantel scheinbarer Effizienz ziemlich außer Kraft – und verblüfft in seiner Dichte, Ernsthaftigkeit und Klugheit. So klar und schnörkellos hat schon lange kein Politthriller mehr ein grundlegendes Problem der Neuzeit auf den Tisch gebracht. Eye in the Sky steht fast für Eye for an Eye – den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben ist eine gewichtige Frage der Verantwortung, der Perspektive und der technologischen Macht. Ein ganz großer Geheimtipp, der auf brisante, packende Weise zur Diskussion einlädt.

 

Eye in the Sky

The Infiltrator

MITTENDRIN STATT NUR DABEI

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infiltrator

Schon wieder im Drogensumpf. Bryan Cranston, vormals exaltiertes und herrlich schräges Familienoberhaupt von Superhirn Malcolm, hat uns in Breaking Bad – einer der wohl besten Fernsehserien überhaupt – das Fürchten gelehrt, indem er zum weltweiten Crystal Meth-Papst aufgestiegen ist. Jetzt landet er wieder in diesem Terrain – allerdings zäumt er das Pferd diesmal von hinten auf. Indem er dem Drogenkartell rund um Erzschurke Pablo Escobar das Handwerk legt – und den finsteren Kerlen gehörig auf den Wecker fällt, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen. Basierend auf der Lebensgeschichte des Zollbeamten Robert Mazur, der unter dem Decknamen Bob Musella vorgab, das Blutgeld der Kolumbianer reinwaschen zu können, ohne dabei aufzufallen, hat der amerikanische Regisseur Brad Furman, unter anderem verantwortlich für Der Mandant, zwar einen konventionellen, aber spannenden Undercover-Thriller inszeniert.

Wobei er mit Bryan Cranston sowieso schon die halbe Miete bezahlt hat. Er meistert seine Rolle des anfänglichen Schreibtischhengstes, der später Familie, Leib und Leben riskiert, um das Böse in der Welt dingfest zu machen, mit Leichtigkeit. Kein Wunder, er hat für Breaking Bad genug trainiert, um auf ganzer Länge zu überzeugen. Sowohl als Ehemann, Biedermann mit Schnauzer und risikobereiter Geheimagent. Noch dazu stimmt das Setting der frühen Achtziger bis ins Detail. Eine Stilwelt, deren Umsetzung ähnlich jener der Siebziger leicht hinzukriegen ist. Die ganze Geschichte übrigens könnte nach einem Krimi von Robert Ludlum oder gar Tom Clancy stammen – viel erstaunlicher ist es dann, festzustellen, dass sich das ganze Szenario tatsächlich so zugetragen hat – oder zumindest annähernd, denn das Kino adaptiert und interpoliert so Manches, um breitenwirksamer zu sein. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass hier nicht allzu viel verschönert oder verschlimmert wurde. Sowohl das Personal der CIA als auch Escobars Handlanger sind nachvollziehbare Charaktere, denen man ihre Absichten unumwunden abnimmt. Einzig Benjamin Bratt wirkt auch als graumelierte rechte Hand der Colombian Connection zu brav und aalglatt, um wirklich der Schurke zu sein, für den man ihn hält. Doch wer weiß, wir wissen es alle nicht, vielleicht war dieser Mann wirklich so. Das weiß nur Robert Mazur – und von ihm ist auch die autobiografische Vorlage. Wohingegen Pablo Escobar höchstselbst lediglich einen Cameo-Auftritt in Brad Furman´s Film hinlegt. Eine flüchtige Erscheinung, wie das unangreifbar Böse, dass den Agenten Mazur nur zufällig streift. Diese Unantastbarkeit verdeutlicht nur zu gut, wie schwierig es gewesen sein muss, das Geflecht aus Drogen, Terror, Macht und Gewalt aufzudröseln. Bis man endlich mal das lebenswichtige Haupt der Hydra zu Greifen bekommt, stehen vorher noch unzählige weitere köpfe im Weg, deren Vertrauen man gewinnen und dessen Lebens- und Arbeitsweise man infiltrieren muss. Die skurrilste Begebenheit dieser Operation gegen die Macht der Drogen ist die Scheinhochzeit des Bob Marsella mit seiner Arbeitskollegin, um die perfekte Illusion zu wahren.

Wie sehr dies auf Kosten der echten Ehe geht, und wie sehr das erfundene Leben die psychische Substanz der Protagonisten dieser Operation bröckeln lässt, ist die interessanteste Episode in diesem stringent erzählten, packenden Thrillerdrama, in dem es auch um Vertrauen, Freundschaft und verdammt viel Glück geht. Denn Glück hatte dieser Mann, war sein Unterfangen doch des Öfteren haarscharf an der Kippe zum Scheitern. Dieser Balanceakt macht den Film sehenswert, mal abgesehen von Mr. Heisenberg, der mit gewohnt expressiver Mine zur Abwechslung mal kein Meth, sondern ein anders Süppchen kocht.

 

The Infiltrator