White Boy Rick

DEAL WITH IT

5/10

 

Matthew McConaughey (Finalized);Richie Merritt (Finalized)© 2019 Sony Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: YANN DEMANGE

CAST: RICHIE MERRITT, MATTHEW MCCONAUGHEY, BEL POWLEY, JENNIFER JASON LEIGH, BRUCE DERN, EDDIE MARSAN, RORY COCHRANE U. A.

 

Hätte die österreichische und leider schon verstorbene Dokufilmerin Elisabeth T. Spira ihre Alltagsgeschichten in den USA gedreht, hätte es sicher eine Episode gegeben, die mit dem ungefähren Arbeitstitel „Auf der Waffenmesse“ dem Stelldichein rund um Ballermann und Söhne auf den Zahn gefühlt hätte. Natürlich in ihrer entwaffnend diskreten Art, und der eine oder andere Waffennarr hätte wohl manch verstörende Bekenntnisse von sich gegeben. Mit so einem Schwenk über die Tischreihen voller schwarzer Sporttaschen, angefüllt mit Schießeisen aller Art, beginnt das auf realen Begebenheiten beruhende, biographische Kriminaldrama rund um einen Jungen, der Walter White aus Breaking Bad wohl alle Ehre gemacht hätte und der in völlig natürlicher Annahme, Waffen sind Teil des Alltags, seinen Papa auf eingangs erwähntes Event begleitet. Natürlich hat dieser Junge das Spektrum an Waffentypen, deren Gadgets und Wirkungsgrad schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Jungspund-Profi unter dem Herrn, besser gesagt unter dem alten Herrn, denn Papa Rick lehrt ihn Sachen Erziehung genau das, worauf es ankommt. Wir schreiben die 80er im Drogen-Gomorrha Detroit, und Matthew McConaughey ist mit Vokuhila und Rotzbremse unterwegs. Ein extremer Proletenlook, fehlt nur noch das Goldkettchen. Ob das dabei war, weiß ich nicht mehr. Zumindest hat dieses Rick jr., der anders als seine Schwester zwar nicht zu den Drogen greift, aber alsbald mit den Drogen dealt, da er als zwangsläufiges Spitzel für das FBI arbeiten muss – sonst wandert der väterliche Schnurrbart hinter schwedische Gardinen. Denn das Dealen mit Waffen ist genauso wenig rechtens wie das Dealen mit Crack. Aber wie geht’s wohl so einem Halbwüchsigen, der mit dem großen Unterwelt-Business in Berührung kommt? Der wittert das große Geld. Und aus der Arbeitsteilung mit den Guten, die längst nicht so gut sind, wie sie scheinen (wie kann man einen 14jährigen Jungen nur so ausnutzen?) wird eine wenig überraschende selbige mit den Bösen. Letztere Arbeitsteilung ist wohl profitabler, zumindest vorerst. Das war bei Breaking Bad genauso. Nur der Krug geht solange bis zum Brunnen bis er bricht. Und irgendwann zerbricht auch die Welt von Rick Junior.

Das Krimidrama des britischen Video- und Fernsehfilmes Yann Demange (u. a. das Irlanddrama ’71) nimmt sich ausreichend Zeit, den Prozess eines existenziellen Niedergangs genau zu beobachten. Doch sein Film hat ein grundlegendes Problem, das angesichts seiner Thematik womöglich gar nicht anders gelöst hätte werden können: all die Figuren in White Boy Rick, all diese schon im Vorfeld gescheiterten Charaktere, die ihr Heil im Verbrechen suchen, sind von einer Arroganz durchdrungen, die es schier unmöglich macht, auch nur irgendeine Form von Sympathie zu empfinden. Bei Matthew McConaughey, der schon in Dallas Buyers Club mit fragwürdiger Gesichtsbehaarung Mut zur Hässlichkeit bewiesen hat, darf auch hier am Rande der Gesellschaft stehen. Am Schwierigsten zu begreifen allerdings ist die Rolle des von Richie Merritt dargestellten Teenies Rick, der in einer präpotent altklugen Art anscheinend komplett zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert. Der in seiner Dreistigkeit fast schon widerliche Jungspund macht auf cool, wie es Jungs in diesem Alter eben tun – und reflektiert auch dann nicht sein Tun, als er älter wird, als er sieht, welches Elend sein Tun verursacht. Auch das erinnert an Breaking Bad, auch in Vince Gilligans Serienkult liegen die Skrupel vor dem Elend der „Kunden“ mit der Gier nach Reichtum im verstörenden Dauerclinch, ohne einen befriedigenden Konsens zu finden. Den gibt es auch gar nicht. Und Zukunft hat das Ganze auch nicht, wie die Faktenlage hinter der real existierenden Figur des Richard Wershe jr. preisgibt.

White Boy Rick enthält nichts, was nahegeht. Keinen Charakter, dessen Schicksal tangiert, mit Ausnahme vielleicht von Ricks drogensüchtiger Schwester Dawn (intensiv: Bel Powley). Das haben Biopics über Verbrecher, die im Grunde keinen eigenen Film verdient haben, manchmal so an sich. Und wie man sich bettet, so liegt man, anders lässt sich das gar nicht formulieren. Richie Merritt ist daher auch längst kein Sympathieträger, sondern eher einer, der meint, dass ihn andere gar nicht verdient haben. Das lässt mich als Zuseher außen vor. Diese unreflektierte Arroganz fröstelt, berührt mich eher unangenehm. Und lässt White Boy Rick von mir aus mit seinem Schicksal allein.

White Boy Rick

Hard Powder

RACHE, AM BESTEN KALT SERVIERT

3/10

 

HARD POWDER© 2019 Constantin Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, NORWEGEN, USA, KANADA 2019

REGIE: HANS PETTER MOLAND

CAST: LIAM NEESON, LAURA DERN, TOM BATEMAN, TOM JACKSON U. A.

 

Winter is coming. Zumindest in Hans Petter Molards Zweitverfilmung eines Thrillers, der im Original Kraftidioten heißt und mit Stellan Skarsgard damals einen Schauspieler gefunden hat, der in scheinbar stoischer Wut Rache übt. Einer nach dem anderen, so in der deutschsprachigen Übersetzung, ist ein Film nicht zwingend für kalte Wintertage. Vielleicht sogar mehr für den Sommer, um sich zumindest filmtechnisch abzukühlen. Was da an Schneemassen gepflügt werden, geht auf keine Skipiste. Gut, dass es eben Männer wie Filmvater Nils gibt, der sich durch die Unpassierbarkeiten des hohen Nordens kämpft. Und der von einem Tag auf den anderen seinen ermordeten Sohn beerdigen muss, der wiederum von Handlangern eines Drogenkartells aufgeknüpft wurde. Wer diese Killer waren, und was das Ganze mit dem toten Filius zu tun hat, das sind Fragen, die Nils nicht lösen kann. Also plant er den Suizid – bis sich fünf vor zwölf das Schicksal plötzlich wendet. Und der trauernde Papa zu den Waffen greifen kann.

Diese skandinavische Krimifarce konnte 2014 sogar noch den großen Bruno Ganz dafür gewinnen. Ein grimmiger Auszählreim voller Sarkasmus, ein blutiger Reigen sich aneinanderreihender Todesfälle, die allesamt nicht zufällig passieren, sondern im Strudel einer Vergeltungsspirale nach dem Domino-Prinzip einfach passieren. Keine Ahnung allerdings, warum Hans Petter Moland 5 Jahre später seinen recht gelungenen Film nochmal verfilmen muss. Womöglich, weil Übersee vom Original wenig weiß. Filme aus Europa sind dort nicht so der Bringer. Nicht, weil sie vielleicht nicht gerne gesehen werden wollen, sondern weil dort keiner Untertitel mag. Synchro-Studios gibt es auch keine, auf die Idee würde die USA niemals kommen, Fremdfilme zu übersetzen. Das britische Kino hat es da besser, die knapp 7000km Luftlinie über den Atlantik fällt da kaum ins Gewicht. Englisch ist Englisch, das wird in einen Topf geworfen. Das ist schon ein gewisser Kulturpatriotismus, eine Arroganz gegenüber einer vielfältigen Filmwelt, die mehr zu bieten hat als gewohnten Lokalkolorit. Die einzige Lösung: Zweitfilme. Mit selbem Inhalt, aber mit anderen Schauspielern, und an anderem Ort. Vorzugsweise gleich in Amerika. Und in amerikanischem Englisch. Weil um den Plot, um den ist es viel zu schade, war doch der Film hierzulande ein Erfolg.

Cold Pursuit heißt also die Kopie, und aus völlig unerfindlichen Gründen musste der Titel hierzulande in Hard Powder umgetextet werden. Wie jetzt? Vom Englischen ins Englische? Das ergibt keinen Sinn. Von solchen fragwürdigen Beispielen gibt es einige. ich sage nur: 96 Hours statt Taken. Womit wir schon bei Liam Neeson wären. Der kämpft sich in diesem Convenience-Aufguss mehr schlecht als recht, und vor allem schauspielerisch, durch eine scheinbar unüberwindbare Witterung. Neeson hat schon genug Rache geübt, das sieht man ihm an. So, wie er sich hier bis in die Chefetage durchmordet, hätte das Steven Seagal auch getan. So weit sind wir also schon gekommen. Schauspielerischen Ehrgeiz gibt es hier keinen mehr. Verheizt wird aber nicht nur Neeson, auch Laura Dern weiß in keiner Szene, was sie in diesem Film eigentlich macht – und zieht recht früh von dannen. Überzeugt also schon nicht das Staraufgebot in diesem Film, bleibt der Rest auch hinter den Erwartungen zurück. Hard Powder ist ein liebloses Thrillervehikel, fahrig inszeniert, grob abgespult, bleibt überhaupt nicht im Fluss. Chancen auf Neuverwertung eines Erfolges lässt man natürlich nicht ungenutzt, schon gar nicht als geschäftstüchtiger Filmemacher wie Molard einer ist. Aber sich selbst zu rebooten, wie es seinerzeit schon Ole Bornedal mit Nachtwache getan hat, um den Erfolg zu vermehren, hat für mich stets den Beigeschmack eines Ausverkaufs. Da ist das skandinavische Kino mit all seinen einzigartigen Ideen quer durch alle Genres ganz vorne mit dabei. Klar, aus diesem kreativen Füllhorn will jeder einen Becher voll. Wobei sich hier die Frage stellt: wer wen dazu genötigt hat, meist dem Original hinterherhinkende Kopien zu erstellen: der Künstler selbst, so wie unlängst Til Schweiger mit Honig im Kopf – oder das Studio? Eigentlich egal, wer Profit riecht und das Geld hat, schafft an.

Hard Powder

Triple Frontier

NEHMEN WAS MAN KRIEGEN KANN

6/10

 

triplefrontier© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. C. CHANDOR

CAST: OSCAR ISAAC, BEN AFFLECK, PEDRO PASCAL, CHARLIE HUNNAM, GARRETT HEDLUND U. A.

 

Da gibt es dieses Abenteuer-Brettspiel, es nennt sich Drachenhort. Da ziehst du als mittelalterlicher Krieger durch ein Labyrinth, in dessen Zentrum sich der Hort des Drachens befindet. Ähnlich wie Dungeons & Dragons, habe ich aber noch nie gespielt. Beim Drachenhort, da kannst du, wenn der Drache schläft, Schätze raffen. Und das kannst du immer wieder tun, bis der Drache dann doch erwacht – und du alles verlierst. Die Gier war in diesem Fall ein Hund, beim nächsten Mal wird dein Vorgehen womöglich weiser und leiser sein. Wenn es denn ein nächstes Mal gibt. Beim Brettspiel lässt sich das bewerkstelligen. Im simulierten Leben eines Filmes zwar auch, aber das hängt ganz davon ab, ob wir einen Groundhog Day haben oder es Kohle für ein Reboot gibt. In Triple Frontier steht beides nicht zur Wahl. Da müssen die fünf Söldner, darunter Ben Affleck, Oscar Isaac und Charlie Hunnam, sofort die richtige Entscheidung treffen – und vielleicht ihre Gier zügeln, bevor der schnaufende Riese erwacht. Ich könnte hier jetzt noch andere Sprichwörter bemühen, welche die neue Netflix-Produktion in einer abschließenden Moralpredigt auf einen Einzeiler reduzieren. Aber das würde vielleicht zu viel über den Film verraten. Obwohl sehr bald absehbar wird, wohin der ganze Einsatz führen wird.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich zumindest in der ersten Filmstunde darauf warten, endlich das unverwechselbare Botox-Konterfei Sylvester Stallones zu erhaschen. Stattdessen habe ich „Poe Dameron“ vor mir, der seine alte Militärgang zusammentrommelt, um einem Drogenboss im brasilianischen Dschungel das Handwerk zu legen. Darüber hinaus soll der Drachenhort des Bösewichts geplündert werden und in die eigene Tasche wandern. Millionen, die da winken. Jeder kann sie brauchen, vom Piloten bis zum kühlen Kopf der Planung. Alles erinnert unweigerlich an den wilden Haufen der Expendables, nur weniger selbstironisch, ernsthafter und im Stile eines Tom Clancy-Thrillers, der zwar mit Politik nichts am Hut hat, seine Helden aber unter der Flagge trotzigem Es-Steht-mir-zu-Idealismus in die grüne Hölle schickt. Thriller wie diese ohne politischen Bezug gibt es ja kaum mehr, Triple Frontier ist so eine Reminiszenz an die alte Schule der 80er, als Chuck Norris noch Missing in Action war oder Arnold Schwarzenegger als Phantom-Kommando seine Tochter retten musste. Aufgesetzt ernsthaft, plakatives Actionkino pur. Triple Frontier erinnert daran, wird aber durch seine begleitende Parabel über die Gier zu einem fingerzeigenden Haudrauf-Märchen und tauscht den moralinsauren Lerneffekt gegen eine gewisse Schadenfreude. Der Fischer und seine Frau fällt mir da noch ein – oder Hans im Glück. Nur Hans im Glück ist froh, den Klumpen Gold nicht mehr tragen zu müssen, während unsere Robin Hoods den für den karitativen Selbstzweck unter den Nagel gerissenen Reinerlös niemals nicht liegenlassen würden. Niki Lauda hätte gesagt: „Wir haben ja nichts zu verschenken!“ Ein Geizgeständnis, das natürlich Folgen hat. Und die führen quer über die Anden. Zwischen Stoßtrupp Gold und Three Kings wird obendrein also noch ein recht solider Survivaltrip mit Heli, Muli und per pedes.

J.C. Chandor hat sich nach Finanz- und Ein-Mann-Katastrophen (Margin Call, All is Lost) dem Genre des Actionfilms zugewandt. Das beschert landschaftliche Augenweiden, viel Grün und Exotik. Chandor weiß sehr gut, wie er die Umgebung in seinen Film miteinbezieht. Seine Figuren aber bleiben, was sie sind: stereotype Haudegen, Männerrollen wie aus den Bastei Lübbe-Heftchen, unwahrscheinlich fit, selten gesegnet mit Selbsterkenntnis und in naivem Heroismus ehr-geizige Ziele verfolgend. Das ist charakterlich recht obsolet und flach, einen Kreise ziehenden Mehrwert hat das handfeste Rififi keinen. Dafür aber wird bei den Rollenklischees nicht so schwarzweißgemalt wie es bei einem Film wie diesen eigentlich zu erwarten war. Alles in allem also ein Abenteuer in rutschfesten Stiefeln und mit jeder Menge Kleingeld – wie ein Erlebnisurlaub für harte Kerle im Krisengebiet mit niemals sinkender, aber sickernder Moral, die uns klarmacht: Geiz ist nicht immer geil.

Triple Frontier

Peppermint: Angel of Vengeance

DIE RACHE EINER MUTTER

6,5/10

 

peppermint© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PIERRE MOREL

CAST: JENNIFER GARNER, JOHN GALLAGHER JR., JOHN ORTIZ, JUAN PABLO RABA, ANNIE ILONZEH U. A.

 

Es gibt nichts Fürchterlicheres als sein eigenes Kind zu verlieren. Noch dazu durch Gewalteinwirkung, erschossen von einem Killerkommando, am Geburtstag der Kleinen, ein paar Tage vor Weihnachten. Assoziationen mit tatsächlichen Ereignissen aus Straßburg oder Berlin werden wach. Da kommt wirklich alles, woraus die Hölle einer stolzen Mutter besteht, zusammen. Und nicht nur das – der Papa muss auch noch daran glauben. Das Böse nimmt vor gar nichts mehr Rücksicht, nicht mal mehr vor Kindern. Ein Pech für die Mörder, nämlich dass die letzte Bastion aus dem Mikrokosmos Familie dem Schicksalssturm weiterhin trotzt – und zwar nichts Geringeres als die Institution Mutter. Und der Zorn einer solchen, der kann endlos sein. Mindestens so verheerend wie jener eines John Wick, der nur sein Auto zurückwill und für seinen getöteten Hund Vergeltung übt. Die tödliche Effizienz von Jennifer Garner hat allerdings einen längeren Vorlauf. Ganz zu Beginn, da ist sie noch ein biederes, gebrochenes Häufchen Elend, seelisch zerrissen und auf Gerechtigkeit hoffend. Doch die macht sich rar – zu groß die Angst vor dem Damoklesschwert eines mächtigen Drogenkartells, zu korrupt die Justiz, um die angeklagten Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was also bleibt, ist die Wahl der Waffen – zu denen Frau greift, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um wie eine Nemesis die Unterwelt mit Vernichtung zu strafen.

Das tut Riley North aka Jennifer Garner dann auch. Und neben ihr wirken Gesinnungsgenossen wie Bruce Willis aus Death Wish maximal so, als hätten sie beim wöchentlichen Lotto-Jackpot nicht mal einen Dreier gemacht. Empfinden also halb so viel, wie Riley North es tut. Ein Glück, dass Garner ihr schauspielerisches Soll mit sehr viel Ehrgeiz erfüllt. Ihre Figur der wutentbrannten und verstörten Trauernden ist längst nicht so das plakative Abziehbild einer Killer-Queen, wie manch einer vielleicht vermuten würde. Selbstjustizler gibt es im Actionkino nämlich wie Sand am Meer, mehr davon männliche als weibliche. Im Grunde aber immer das gleiche Szenario. Was soll also an Peppermint anders sein? Eine berechtigte Frage. Überraschend sind solche Filme längst nicht mehr. Basierend auf dieser Bestandsaufnahme ist es viel wichtiger geworden, dem – sagen wir mal – Anti-Helden (denn Selbstjustiz kann niemals DIE rechtschaffene Lösung sein) mehr Struktur zu verleihen. Ihn nicht mehr nur mit einem markigen Spruch auf den Lippen ins Feld ziehen zu lassen, unzerstör- und vorhersehbar. Spätestens da wird der Thriller Marke Eigeninitiative zur Charakterstudie – und wieder sehenswerter und interessanter. Und wie Peppermint durchaus lohnenswert, gesehen zu werden. Garners Figur ist also weit mehr als ein zorniges Phantom-Kommando. Immer wieder fällt sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Leidet, am Boden zerstört, wirkt plötzlich kraftlos, geschlagen, resignierend. Und dann rafft sie sich wieder hoch. Zu verlieren hat sie ja schließlich nichts mehr, außer die Gelegenheit auf Rache. Ob das ihren Schmerz tilgen kann, ob das Töten der Peiniger tatsächlich zur Katharsis wird – das wagt Pierre Morel nicht wirklich zu bejahen. Für den Zuseher ist es jedenfalls eine Genugtuung, das war zumindest in Morel´s Filmen der 96 Hours-Franchise mit Liam Neeson schon so. Nachgesehen hat man Actionopa Neeson damals alles. Und wenn das bei ihm schon so war, dann bei Jennifer Garner erst recht. Also punktet Peppermint weniger mit den bewährten Mechanismen einer blutigen Mission quer durch einen ganzen Drogenring, sondern vielmehr mit dieser bildlichen Verbissenheit einer der mütterlichen Verpflichtung verschriebenen Tötungsmaschine, die manchmal gar nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Diese Wut ist ansteckend. Trotz der vielen Leichen, die Riley North´s Weg pflastern, wird sie nicht kleiner, nur verzweifelter. Aber zumindest nachvollziehbar. Für jeden, der Kinder hat.

Wenn schon, dann reflektiert Peppermint etwas mehr als andere Genrekollegen die Effizienz einer solchen Lynchjustiz, wenngleich die bösen Buben, die als eindimensionale Schießbudenfiguren weitestgehend von jeglicher Biografie befreit sind,  wirklich nur dazu da sind, um tödlich bestraft zu werden. Das macht diesen schwermütigen Reißer immerhin wieder zu einer Art Popcornkino für Freunde projektilreicher Heimsuchungen, was er letzten Endes auch sein soll. Nur mit dem Bisschen mehr an bitterer Wut im Bauch.

Peppermint: Angel of Vengeance

Gringo

DIE FIRMA DANKT!

6/10

 

GRINGO©2018 Tobis Film / Photo: Gunther Campine Courtesy of Amazon Studios

 

LAND: USA 2018

REGIE: NASH EDGERTON

CAST: DAVID OYELOWO, JOEL EDGERTON, CHARLIZE THERON, SHARLTO COPLEY, AMANDA SEYFRIED U. A.

 

Alles für die Firma, und natürlich auch alles für den besten Freund, der noch dazu der Vorgesetzte ist, was mal prinzipiell nie wirklich gute Vibrations erzeugt. Ist die Hierarchie mal festgelegt, haben persönliche Bande plötzlich nicht mehr so viel Zugkraft – oder finden ihren grenzenlosen Nutzen in der kollegialen Bereitschaft des Untergebenen. Der herzensgute Harold zum Beispiel hat keinen blassen Schimmer von den unerhörten Dingen, die da rund um ihn vorgehen, und die sowohl Privates wie Berufliches nicht mehr trennen wollen. Harold, das ist so eine unbeholfene Figur wie aus den desaströsen krimikomödiantischen Schieflagen aus der Feder der Coen-Brüder. Oder fast schon eine Art Jerry Lewis, während Dean Martin seinen devoten Grimassenschneider vorführt. Diesen sagenhaft blauäugigen Loser verkörpert überraschenderweise der ansonsten für ernste Mienen bekannte David Oyelowo, vorrangig in Erinnerung als Martin Luther King im Politdrama Selma. In Gringo allerdings entdeckt, liebt und herzt der Afroamerikaner seine komödiantische Seite, stets an der Schwelle zur Hysterie, herzzerreißend naiv und hyperaktiv wie nach ausgiebigem Koks-Konsum. Oyelowo weiß sich mit dieser Performance für den Casting-Entscheid überschwänglich zu bedanken. Als kleinkarierter, braver Workaholic, den die Umtriebe seiner Chefetage nach Mexiko führen, findet sich besagter Harold irgendwo zwischen Drogenkartell, selbstinszenierter Entführung und als ungewollt gerettetes Opfer wieder, das im Laufe des Filmes natürlich alles spitzkriegt, was im Land der unbegrenzten Drogen-Oligarchie und darüber hinaus im rechtsstaatlichen Amerika alles so abgeht. Sich händeringend zu wehren und dem falschen Freund das letzte Firmengeld aus der Tasche zu ziehen, das ist ein Prozess, der die launige Krimikomödie quer durch die ganze Laufzeit des Films auf Trab hält.

Stuntman Nash Edgerton, Bruder von Joel, der in Gringo die Rolle des schmierigen falschen Fünfziger übernimmt, hat für sein Langfilmdebüt ordnungsgemäß alle Hausaufgaben gemacht, auf Basis eines Drehbuchs, welches sich storymäßig trotz all seiner verwebten Handlungsfäden nicht in redundanten Nebensächlichkeiten verliert. Gringo ist ein schwarzhumoriger Thriller, nie wirklich ernstzunehmend, teilweise sogar überraschend, oft aber Vorbilder zitierend, die in der Chronik gerechtigkeitsliebender Krimischwänke bereits auf deutlich raffiniertere Art ihre grimmige Loserstory erzählt haben. Da kommt die Ballade vom Außendienstler in Mexiko nie wirklich aus dem Schatten heraus, unterhält aber dennoch und vor allem aufgrund der gut aufgelegten Darsteller, die mit David Oyelowo in diesem Live-Act-Cartoon um die Wette intrigieren. Charlize Theron als Business-Miststück par excellence zeigt wieder einmal ganz andere Seiten ihres Könnens, Joel Edgerton ist sowieso nur noch zum Abwatschen niederträchtig, und Sharlto Copley im Reinhold Messner-Look ist der fleischgewordene Wendehals für günstige Gelegenheiten. Alle gemeinsam sind ein pfiffiges Ensemble, nur inhaltliche Originalität, die lässt Gringo weitestgehend außen vor. Da helfen auch zeitweise überzogene Gewaltspitzen nichts, selbst der Wechsel zwischen Scherzlosigkeit und schadenfrohem Slapstick gibt dem ganzen Szenario nicht mehr Grip.

Am Ende des Filmabends lässt sich aber nicht wirklich großartig meckern, man fühlt sich unterhalten und an Genrefilme und -serien anderen Kalibers erinnert (ein bisschen The Mexican, ein bisschen Breaking Bad), während Edgerton´s schmissige Firmeninsolvenz als müßiges Fangenspiel zum Zeitvertreib wenigstens keinen schalen Geschmack hinterlässt, ganz so wie bei einem würzigen Joint, nach dessen Konsum man aber zumindest stoned wäre. Dieser Bewusstseinszustand bleibt aber in Gringo trotz heiß begehrter Hasch-Pillen unerreicht.

Gringo

Barry Seal

MOST WANTED MAN

7/10

 

barryseal© 2017 Universal Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: DOUG LIMAN

MIT TOM CRUISE, DOMNHALL GLEESON, SARAH WRIGHT U. A.

 

Es gibt Dinge, die tatsächlich nur in den Vereinigten Staaten von Amerika passieren. Zum Beispiel so etwas wie Donald Trump. Oder eine Klage wegen zu heißen Kaffees. Der Absturz eines vermeintlichen Ufos. Oder die Macht der Geheimdienste, die bereits schon weit über die Grenzen von Transatlantica hinausgeht. Hollywood unter der Regie von Actionspezialist Doug Liman hat aus dem schier grenzenlos scheinenden Panoptikum amerikanischer Merkwürdigkeiten die Biografie eines Mannes herausgepickt, der vom routinierten Piloten einer Passagierfluglinie zum Most Wanted Man so gut wie alle und jeden gleichermaßen beeindruckt wie enttäuscht hat. Dieser Barry Seal war in den späten Siebzigern und den Achtzigern, zur Amtszeit von Ronald Reagan, im wahrsten Sinne des Wortes ein Überflieger. Nicht nur, dass die CIA ihn abgeworben hat, um im Stellvertreterkrieg der Achsenmächte Mittelamerika auszuspionieren. Auch das langsam erstarkende Drogenkartell rund um Pablo Escobar hat den Gelegenheits-Allrounder in die Finger bekommen. Auf gewohnt joviale wie gleichermaßen kompromisslose Weise haben die Finsterlinge aus Kolumbien Barry Seal den lukrativen Job eines Drogenkuriers angeboten. Dieses zweigleisige Befahren von Flugrouten war aber erst der Anfang einer atemlosen True Story über die Absurdität von Reichtum und dem dehnbaren Begriff von Moral und Anstand. Wäre Barry Seal nicht der gewesen, der er war, hätte dieser wohl begehrteste Familienvater der Welt die herumreißenden Zügel der Geschäftemacherei niemals in Händen behalten können.

Der Bourne-Regisseur hat daraus einen irrlichternden Sampler aus Polit-, Familien- und Drogendrama zusammengemixt. Sein Film gebärdet sich wie ein Videoclip – eine Ästhetik, die wir schon bei Oliver Stone oder Tony Scott beobachten konnten. Viel anders lässt sch Barry Seal in seinem wilden, ungestümen Strudel aus Deals, Machenschaften, Wahnsinn und Bedrohung überhaupt erst gar nicht darstellen. Ein Leben im Stakkato, in ständiger Hektik, in fortdauernder Gier. Barry Seals übergroßes Ego zieht die Mächte des Zwielichts und der Finsternis an wie ein schwarzes Loch alle Materie. Der Narziss badet im Geld, das keiner jemals ausgeben kann. Gefahr ist notwendiges Übel. Ja zu sagen die einzige richtige Entscheidung. Bis Reagans Regierung und die Medien alles vernichten – mehr aus plumper Stümperhaftigkeit als aus Vorsatz. Das hätte Trump auch passieren können. Oder wird ihm noch passieren.

Tom Cruise stürzt sich in seine Rolle wie ein Fallschirmspringer in den freien Fall. Gut möglich und sehr wahrscheinlich, dass der zuvorkommende Scientologe wieder mal die meisten Stunts selbst gemacht hat, so fertig, wie er nach zwei Stunden Laufzeit aussieht. Natürlich, Filme entstehen nicht chronologisch, aber zumindest hat man das Gefühl, bei Barry Seal war das allerdings der Fall. Barry Seal ist wie ein Walter White auf Speed, nur dass Seal in seiner ungebremsten Arbeitsmoral Befehlsempfänger bleibt, der die wohlkoordinierte Drecksarbeit erledigt. Zu sehen, wie ein Mann mit großen Fähigkeiten am Boden und in der Luft zerrissen, ausgenutzt und weggeworfen wird, ist bittere, zynische Realität.

Durch Doug Liman´s leichter Hand wird man bei Barry Seal das Gefühl nicht los, einer Komödie beizuwohnen. Das ist der Film aber keineswegs. Doch die Art, in der die Memoiren eines Tausendsassas erzählt werden, spiegelt die Facetten eines schnellen, gierigen, todesmutigen Lebens als bravouröses, kurzweiliges Entertainment wider. Eine farbenfrohe, grelle Show zwischen Breaking Bad und Der Informant!. Beste Unterhaltung – auf Kosten einer rühmlich-unrühmlichen Legende.

Barry Seal