Die schönste Zeit unseres Lebens

LIEBE AUF REBOOT

7/10

 

zeitunsereslebens© 2019 Constantin Film

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: NICOLAS BEDOS

CAST: DANIEL AUTEUIL, FANNY ARDANT, GUILLAUME CANET, DORIA TILLIER, PIERRE ARDITI, DENIS PODALYDÉS U. A. 

 

Welchen Moment aus eurem Leben würdet ihr wohl gerne nochmal erleben? Wobei ich besser die Frage voranstellen sollte: würdet ihr einen Moment in eurem Leben überhaupt nochmal erleben wollen? Oder reicht die eigene Erinnerung? Oft ist diese aber schon nach Jahren oder Jahrzehnten so weichgezeichnet, wie man sie gerne hätte. So ausgeschmückt und ergänzt, fast wie aus einem Roman. Vielleicht verblassen auch manche Erinnerungen, manche Schlüsselszenen eines Lebens, die aber notwendig wären, um wieder auf Spur zu kommen. Ein Trigger aus der Vergangenheit. Ein Neuentzünden verlorener Leidenschaften. Das wäre doch was?

Anfangs ist selbst Victor als relativ brotloser Comiczeichner ziemlich skeptisch, als er den Flyer eines ganz speziellen Dienstleisters in Händen hält, der vergangene Erlebnisse authentisch inszeniert. Dabei muss es nicht mal die eigene Geschichte sein, es kann auch Weltgeschichte sein, die ein Bekannter seines Sohnes bis ins Detail nachstellen kann – mit Schauspielern, Effekten, Musik und allen anderen Sinnen, die es zu täuschen gilt. Da die Ehe des Zeichners vor dem Aus und die Frage im Raum steht, warum es hatte so weit kommen können, packt Victor die Gelegenheit beim Schopf und lässt sich die ersten Tage der großen Liebe originalgetreu und nach allen Regeln der Kunst unter die stattliche Nase reiben. Der Effekt: Zyniker Victor verliebt sich erneut – allerdings nicht in seine Ehefrau, sondern in dessen jüngere Ausgabe.

Frankreich, ich wiederhole mich dabei durchaus gerne öfters, ist die Wiege der Tragikomödie. Wenn’s nicht so wehmütig wäre, wäre es durchaus äußerst komisch. Beides zusammen ergibt einen nachdenklichen Mix aus der verträumten Essenz einer emotionalen Erinnerung und einer chaotisch kippenden Beziehungskette, die das Liebesleben so mancher Person durcheinanderbringt. Daniel Auteuil als bärbeißiger Misanthrop mit Rausche- und später mit adrettem Schnurrbart (steht ihm tatsächlich gut!) brilliert sowohl in seiner verlebten Figur eines im Alter faul gewordenen Besserwissers als auch in der Rolle des charmanten Zeitreisenden, der wieder auf die Werkeinstellungen eines leidenschaftlichen Jungspunds zurückgesetzt wird – der Gras raucht und Hemden mit Spitzkragen trägt. Diese Idee hatte mich schon im Trailer überzeugt – der Reboot einer Liebe durch den Blick zurück ist ein augenzwinkernder, absichtlich irrealer Kniff, der natürlich, realistisch betrachtet, so nicht funktionieren kann, der aber so eine herrlich abdriftende Geschichte entwickelt, die so manche Paare auch auf ihre eigene, vielleicht etwas ins routinierte Räderwerk geratene Beziehung ummünzen könnten. Die Prämisse, dass man nahe dran ist, die Liebe des Lebens mit dem Bild der Erinnerung selbiger zu hintergehen – das ist schon ein satirisches Bonmot, das sich auch erlaubt, die Verkümmerung der Romantik im Zeitalter des High-Tech zu parodieren. Das Drehbuch wurde verdientermaßen mit einem César geadelt.

Dabei hat Guillaume Canet als Zeitreise-Illusionist eine nicht minder wichtige Rolle, der als scheinbar beziehungsunfähiger Choleriker für andere Die schönste Zeit unseres Lebens parat hat, für sich selbst aber einen solchen Moment schmerzlich vermisst. Durch Daniel Auteuils Zeitsprung in sein altes Ich gelangt auch Canet auf den Weg der Erkenntnis. Ob er ihn auch geht, wird hier nicht verraten. Schön ist jedenfalls, dass Nicolas Bedos selbst verfasstes Liebes- und Lebensbild gespickt ist mit jeder Menge Songs aus den Siebzigern, einer satten Dosis schmuckem französischem Lebensstil und beherzt gesungener Chansons. Wobei – der ganze Film ist wie ein Chanson: nachdenklich, humorvoll und bittersüß.

Die schönste Zeit unseres Lebens

45 Years

DIE FRAU VON FRÜHER

4/10

 

45years© 2015 Filmladen

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: ANDREW HAIGH

CAST: CHARLOTTE RAMPLING, TOM COURTENAY U. A.

 

Charlotte Rampling geht mit dem Hund spazieren – und es ist eine herbstliche Welt, in der sie es tut. Kalt und grau ist es, man atmet klare Luft, das Denken zieht so seine Bahnen. Dieser Herbst, der hat sich auch in eine Beziehung eingeschlichen, die schon mehr als 40 Jahre währt – genauer gesagt 45, aber das lässt sich ohnehin aus dem Titel ablesen. Mit 40 hätte ein großes Fest stattfinden sollen, eine Erneuerung des Eheversprechens, doch dazu kam es nicht, wahrscheinlich aus Krankheitsgründen. Ein zweiter Anlauf also – mit 45 auf der ehelichen Habenseite ist man sowieso noch nicht viel weiser als mit 40, somit macht das keinen Unterschied mehr. Was einen Unterschied macht, das ist ein Brief aus der Schweiz. Denn Gatte Jeff, der verlor vor einem halben Jahrhundert die Liebe seines Lebens, bei einer Bergtour durchs Gebirge. Ein Unfall, tragisch und traumatisch – die Leiche wurde nie gefunden. Bis jetzt. Und mit dem Finden derselbigen schleicht sich plötzlich ein Gedanke ein, der sich so egozentrisch, herbeigeholt und abstrakt anfühlt, dass es fast unmöglich scheint, daraus einen Film zu machen.

Der Film wurde gemacht, vom Briten Andrew Haigh, und widmet sich nichts anderem als den Was-wäre-wenn-Gedanken einer älteren Dame, deren Komplex, das Opfer einer möglichen zweiten Damenwahl zu sein, den ganzen Spaß am entspannten Herbst des Lebens nimmt. Da frage ich mich nicht nur einmal im Film: Was genau ist Filmcharakter Kates Problem? Dass ihr Mann ein Leben vor ihr hatte? Dass die Gespräche abends im Bett ausnahmsweise mal von der Vergangenheit handeln? Von der ersten großen Liebe? Ehrlich gefragt – wer hat schon seine erste große Liebe letzten Endes wirklich gehelicht? Oder wähnt sich immer noch in trauter Zweisamkeit mit einer Liebe, deren Flamme so lodert wie am ersten Tag? In den seltensten Fällen. Wenn doch, dann Hut ab. Realistisch betrachtet kann ich es kaum glauben. Denn Liebe ist etwas, dass sich stetig wandelt, und niemals so bleibt wie am ersten Tag. Dauerhafte Liebe, das ist ein nachhaltiger, inniger Zustand einer sich längst bewährten Zuneigung, die gar nicht viele Worte braucht. Das ist Geborgenheit, Sicherheit, ein Aufeinander-Verlassen. Diese Liebe, die Jeff damals wohl empfunden hatte, war anders. Eine dieser ungestümen Erfahrungen, ein Durchbrennen – von kurzer Dauer, intensiv und wunderschön, keine Frage. Aus damaliger Sicht: die Liebe des Lebens. Aus der Zeit und dem damaligen Kontext gerissen etwas, dass rückblickend gar nicht mehr beurteilt werden kann. Hätte diese Liebe gehalten, wäre Katya, so hieß das Mädchen, damals nicht verunglückt? Wer weiß, das sind Spekulationen, Hypothesen, irrlichternde Gedanken, die keinen Halt besitzen. Für Charlotte Rampling als eine im Ego gekränkte Ehefrau sehr wohl. Und das nach 40 Jahren? Wo ist das Vertrauen hin?

Das Stigma, nur die zweite Wahl gewesen zu sein, lässt Ursache und Wirkung, lässt die sich verändernden Zeiten und das Weiterentwickeln einer längst vertrauten Person ziemlich außen vor, ignoriert es sogar. Zweite Wahl wäre es gewesen, hätte Jeff beide Frauen zur gleichen Zeit gekannt. Doch dem war nicht so. Gattin Kate kann den Unterschied nicht erkennen, ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt – und dadurch überraschend unsympathisch. Wäre ich Gatte Jeff, würde ich mich gekränkter fühlen als umgekehrt. Denn Misstrauen und Eifersucht wiegt schwerer als das Bejammern einer verschütteten Milch, die wohl süßer war als jede andere, aber nicht zwingend wohlschmeckender.

45 Years ist ein betuliches, stilles, kleines Kammerspiel, vorwiegend ein Zwei-Personenstück, das schauspielerisch tadellos funktioniert. Jedoch ist mir selten ein Film wie dieser untergekommen, dessen Prämisse sich mir so querlegt wie hier. Und eigentlich nichts erzählt, was auch nur irgendwie bereichert. Vielleicht ist das Drama bewusst so ausgelegt, aber das scheint mir dann doch nicht so gewollt.

45 Years