Die Wunderübung

SCHLIMMER GEHT IMMER

7,5/10

 

wunderuebung© 2018 Luna Filmverleih

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: MICHAEL KREIHSL

CAST: AGLAIA SZYSZKOWITZ, DEVID STRIESOW, ERWIN STEINHAUER

 

Demnächst kommt Daniel Glattauers Email-Roman Gut gegen Nordwind in die Kinos. Wie bitte soll das gehen, einen digitalen Briefroman für die Leinwand zu adaptieren? Anscheinend hat´s geklappt, das Feedback des interessierten Publikums ist noch ausstehend, immerhin war Gut gegen Nordwind auch schon auf der Bühne, was aber nichts heißen mag, denn Lesungen gibt’s da genug, Zuhören ist im Theater noch mehr die Devise als im Kino, wo man auch visuell gerne verwöhnt wird. Bei Glattauers Bühnenstück Die Wunderübung hatte ich allerdings ähnliche Bedenken. Ein Drei-Personen-Stück von relativ kurzer Dauer, Schauplatz eine therapeutische Praxis für Eheprobleme. Wie packend kann das sein? Und wie sehr erfreue ich mich dabei am Beziehungsleid anderer, die sich in sittsamem Abstand von einer Sesselbreite Gemeinheiten an den Kopf werfen? Die Wunderübung allerdings war ein Bühnenerfolg. Und 3-Personen-Stücke gibt es auch jede Menge im Kino, so zum Beispiel Ariel Dorfmanns Bühnenstück Der Tod und das Mädchen, adaptiert von Roman Polanski. Dennoch habe ich bei Erscheinen im Kino die Ehekomödie nicht vorrangig auf meine Watchlist gesetzt. Umso willkommener war es, Michael Kreihsls (u. a. Heimkehr der Jäger) Kinoadaption später dann als zerstreuendes Zuckerl im Streaming-Portal meines Vertrauens zu finden. Man kann´s ja mal probieren, auch wenn der Abend schon recht vorgeschritten ist, man nächsten Morgen früh raus muss oder die Stimmung für üppiges Ausstattungskino gerade mal nicht die Heimkinoatmosphäre dominiert. Problemfilme sollen es auch nicht sein, nicht im klassischen Sinn. Dann lieber eine Problemkomödie, denn um irgendwas etwas muss sich ja schließlich das Ganze drehen, wenn es kein Bildessay a la Geyrhalter sein will, das auf meditativem Wege das Oberstübchen durchbläst.

In Die Wunderübung sammelt das in die Jahre gekommene Ehepaar Dorek alle seine Countenance zusammen, um einen Therapeuten aufzusuchen, der den letzten Rest an Zuneigung aus 17 Jahren Zweisamkeit und Familie ähnlich einem Archäologen aus dem Sand der Zeit kratzen muss. Der Therapeut ist Erwin Steinhauer – ich liebe diesen Mann! Egal, welche Rolle er verkörpert. ganz so wie Peter Simonischek besitzt Steinhauer ein unvergleichlich angenehme wie gehaltvolle Erzähl- und Sprechstimme, seine Mimik ist grandios, die natürliche Beiläufigkeit, in der seine Figuren Gestalt annehmen, schwer nachzuahmen. Steinhauer spielt den wortkargen Polt genauso mit Charisma wie den schmierigen Bezirkspolitiker aus Thomas Roths erlesenen Trautmann-Filmen. Unvergessen seine Rolle als Benedikt Höllrigl in Felix Mittlerers NS-Satire In der Löwengrube. Die Rolle des Therapeuten ist zwar weniger anspruchsvoll, aber bietet genug Fläche für eine einstudierte Sozialkompetenz am Rande der Überheblichkeit, verständnisvoll nickend und innerlich resignierend. Denn die beiden – Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz, sind ein hoffnungsloser Fall, wie es scheint. Schenken tun sie sich nichts, womöglich hassen sie sich gar. Wie diese verstockte Riesenkrise befrieden? Vielleicht mit einem Wunder? Aber wie, wenn gar das eigene beziehungstechnische Kartenhaus in sich zusammenstürzt?

Das Wunder haben bei dieser Adaption eigentlich Michael Kreihsl und Dichter Glattauer vollbracht, der nebst dem eigentlichen Drama auch die Screenfassung schrieb. Die Wunderübung ist eine der souveränsten Überraschungen des österreichischen Films, unerwartet sehenswert und sehr gewitzt. Langeweile kommt keine auf, das Problem ist schwerwiegend, aber nicht unlösbar, je nachdem, in welche Relation man es bringt. Glattauer hievt die Sicht der Dinge auf einen ganz eigenen Blickpunkt, entlarvt menschliches Wohlbefinden als ein Aufraffen im Schatten der Krisen anderer und lässt Beziehungen einfach niemals seiner launenhaften Schwingungen entkommen. Kennt man das Bühnenstück nicht, ist der Story-Twist am Ende ein tatsächlich kaum vermutbarer, vielleicht einer, bei welchem sich denken lässt, es wäre zu schön, um wahr zu sein, ginge die etwas mehr als 90minütige Sitzung am Ende wirklich diesen Weg der geschickten Manipulation. Doch was zu schön ist, kann auch wirklich wahr sein, und das zugunsten eines humorvollen Dreiers voller spitzer Bemerkungen, versteckter Finten und relativer Wahrnehmungen. Ein Film, in seiner inszenatorischen Schlichtheit und seiner schauspielerischen Spielfreude gerade richtig, um wiedermal klug unterhalten zu werden.

Die Wunderübung

Amerikanisches Idyll

WENN DER APFEL WEIT VOM STAMM FÄLLT

7/10

 

amerikanischesidyll© 2016 Splendid Film / Quelle: rollingstone.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: EWAN MCGREGOR

MIT EWAN MCGREGOR, JENNIFER CONNELLY, DAKOTA FANNING U. A.

 

Der amerikanische Autor Philip Roth ist längst einer der bekanntesten und beliebtesten Romanautoren der Gegenwart. Wann der Nobelpreis für Literatur an ihn verliehen wird, ist wahrscheinlich nur mehr eine Frage der Zeit. Seine Geschichten sind meist autobiografisch geprägt und sezieren in stilsicherer Erzählkunst gesellschaftliche Paradoxien, Anomalien und Abgründe. So richtig tief im selbstzerstörerischen Schlamm unter dem Fundament einer augenscheinlich heilen Familienwelt wühlt sein Roman Amerikanisches Idyll, im Original American Pastoral. Ein bleischwerer Stoff, eine wuchtige, niederschmetternde Geschichte. Und noch dazu eine, die sich Schauspieler Ewan McGregor für sein Regiedebüt hergenommen hat. Natürlich, zu aller Anfang mal etwas Leichtes, Eingängiges. Eine Fingerübung. Denn Schauspieler sein heißt nicht automatisch auch gleich Regie führen zu können. Da wäre eine kleine, bescheidene Romanze vielleicht besser gewesen? Wie stemmt jemand wie Ewan McGregor regietechnisch so einen filmischen Brocken?

Nun, Fakt ist – er stemmt es. Er stemmt es geradezu bravourös. Und obendrein gibt er schauspielerisch seine bisher beste Performance ab. Vergessen sind da unsägliche Eskapaden wie die des Möchtegern-Sängers in Moulin Rouge oder als teilnahmsloser Spielball ost-westlichen Agentenpokers in Verräter wie wir. Für McGregor dürfte Amerikanisches Idyll eine fast schon persönliche Sache gewesen sein. Etwas, das er unbedingt selber angehen wollte. Und tatsächlich ist der ehemalige Jedi-Ritter und Drogenjunkie in der Rolle des verzweifelten, manischen und aufopferungsvollen Familienvaters wirklich bestens besetzt. Ihm zur Seite die bildschöne Jennifer Connelly als Ehefrau, Ex-Model und Neo-Farmerin mit Mut zur abgeschminkten Hässlichkeit. Beide haben ein riesiges Problem: ihre Tochter. Das stotternde, wenig selbstbewusste Mädchen mutiert fast schon über Nacht zur linksradikalen Terroristin und verschwindet spurlos. Erschütternd für die Eltern, ganz klar. Keiner kann sagen, warum das passiert. Der Schönheits- und Geltungswahn der Mutter kann es längst nicht mehr sein. Mangelnde Fürsorge auch nicht wirklich, zumindest nicht von Seiten des Vaters. Die Mutter, sie ist das Objekt des Widerstands. Des todbringenden Widerstands. Was als traumatisches TV-Erlebnis für das heranwachsende Kind beginnt, artet aus in Tod und Verderben. Der Sinn hinter den terroristischen Akten ist unklar. Wettern gegen den Vietnamkrieg, der zu der Zeit, in welcher der Film spielt, in vollem Gang gewesen war, kann unmöglich im Töten von Menschen seine Berechtigung finden. Wieso Menschen zu Attentätern werden, und welche Erlebnisse in der Kindheit als Auslöser womöglich verborgen liegen, das hat uns schon vor einigen Jahren der Österreicher Michael Haneke in Das weiße Band vor Augen geführt. In Amerikanisches Idyll verschwindet die Ursache zumeist hinter der Wirkung. Die Symptome allerdings, die aus einem gewissen unbehüteten Wohlstand heraus einer Krankheit ähnlich aus dem jungen Mädchen ausbrechen, können auch für den Zustand einer Zeit stehen, die global mit Unruhen, Angst und Schrecken verbunden war. Interventionskriege, Palästina-Terror und die RAF. Dakota Fanning, längst erwachsen, verliert als schwarzes Schaf der Familie jegliche Selbstachtung und interpretiert ihre Rolle als sozial verwahrlostes Faktotum mit viel Gespür und Empathie für die sicherlich schwierig zu handhabende literarische Figur.

Amerikanisches Idyll erinnert mich an Geschichten aus der Feder des Schweizers Friedrich Dürrenmatt. Vor allem die Rolle des „Swede“ Levov ist eine dürrenmatt´sche Figur. Ein ewig Wartender und Hoffender, ganz so wie sein Kommissar Matthäi aus dem grandiosen Kriminalroman Das Versprechen. Das bizarre Schicksal, dass sowohl ihn als auch den Vater ereilt, ist ebenfalls eine Binnenhandlung im Rahmen einer Ich-Erzählung. Auch hier gibt es Gemeinsamkeiten. Und beides ist lesens- bzw. sehenswert. McGregor´s Debüt ist intensives, überraschend gelungenes Erzählkino. Schwermütig, uramerikanisch und expressiv gespielt.

Amerikanisches Idyll