Wohin der Wind uns trägt (2025)

GELEGENHEIT MACHT ZUKUNFT

7,5/10


Eya Bellagha und Slim Baccar unterwegs nach Djerba im Roadmovie Wohin der Wind uns trägt
© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: WHERE THE WIND COMES FROM

LAND / JAHR: TUNESIEN, KATAR, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: AMEL GUELLATY

KAMERA: FRIDA MARZOUK

CAST: EYA BELLAGHA, SLIM BACCAR, SONDOS BELHASSEN, MAYA BLOUZA, LOBNA NOOMENE U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



In Tunis ist es auch nicht gerade so, als hätte man dort die Zukunft verpasst oder wüsste nicht, was alles im Zeitalter der Information möglich sein kann. Nur weil es Nordafrika ist, braucht Europa nicht annehmen, dass Chancengleichheit nicht gefragt sei. Dabei war Tunesien wie fast jeder Staat an der afrikanischen Mittelmeerküste französische Kolonie – und bis heute verbindet die Kolonialmacht und ihre nun unabhängigen Gebiete zumindest das Zugeständnis Frankreichs, Menschen von dort nach Europa zu lassen.

Wie es dort dann weitergeht, ist eine andere Sache. Doch so weit sind wir hier noch nicht, denn der Wind, der die beiden Freunde Alyssa und Mehdi weiter tragen soll als die Möglichkeiten es hergeben, hat noch nicht mal angefangen, als Südwind seine Pflicht zu tun.

Das innige Beispiel einer Freundschaft

Alyssa und Mehdi – das ist kein Liebespaar. Beide kenne sich von klein auf, sind so etwas wie Bruder und Schwester – haben also eine Beziehung, die in den 80ern Harry und Sally für unmöglich hielten. Und die so viel Gewicht hat, dass nichts beide auch nur jemals entzweien könnte.

Vielleicht aber hält die Zukunft  Schicksale bereit, die für Konflikte sorgen. Die beide in unterschiedliche Richtungen treibt. Bobachtet man Alyssa und Mehdi aber, wie sie versuchen, die trostlose Unbeweglichkeit ihres Status Quo zwischen familiärer Verpflichtung und Jobsuche hier in Tunis zu überwinden, konfrontiert Wohin der Wind uns trägt (Im Original noch treffender: Where the Wind Comes From) sein Publikum mit dem energiegeladenen Abenteuer einer Orientierungssuche.

Nach der Decke strecken? Ist nicht!

Und taucht dabei tief in die inneren Welten seiner beiden jungen Helden ab, die wissen, wie man Gelegenheiten am Schopf packt. Nur so, nur durch Improvisation, Wagemut und Dreistigkeit, scheint man als Young Adult hier in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling voranzukommen – man muss nur die Grenzen, die einem gesteckt werden, links liegen und Verantwortung für andere gegen Eigenverantwortung tauschen. Einen zielgerichteten, aufmüpfigen Egoismus entwickeln. Und nach Djerba düsen.

Also klauen Alyssa (berührend authentisch: Eya Bellagha) und Mehdi kurzerhand den nicht unauffälligen Jeep eines Bekannten, um zu einem Zeichenwettbewerb auf der Touristeninsel vor Tunesiens Küste zu gelangen. Mehdi ist schließlich hochtalentiert, entwirft surreale Bilder, versteht das Handwerk – und hat sein Werk auch schon eingereicht.

Belastungsprobe für Werte und Prinzipien

Auf dem Weg dorthin aber mag der eine oder andere Engpass beide vor Herausforderungen stellen, die sie so noch nicht kannten. Sie mögen ihre Prinzipien vielleicht manchmal verraten, die eigenen Grenzen dehnen und Erfahrungen sammeln, die sehr viel auch mit der Rolle der Frau in einem muslimischen Land zu tun hat. Und dem, was man ihr zugesteht, tun zu dürfen – oder auch nicht.

Roadmovies gibt es viele. Selbstfindungen währenddessen ebenso. Doch was Amel Guellaty ganz besonders hier gelungen ist, und wodurch sie ihre Reise zu etwas ganz Besonderem werden lässt, ist diese gnadenlos bedingungslose Freundschaft, dieses Zueinanderhalten und das tiefe Vertrauen, das beide einander schenken.

Platz für die inneren Welten

Berührende Momente wechseln mit dreistem Schicksals-Gambling – doch überzogen wird das Ganze nie. Eine gewisse verspielte Verträumtheit und eine Liebe zu ihren Figuren bringt Guellaty auch dazu, die inneren Welten von Alyssa in dezent gesetzten, surrealen Szenen zu visualisieren. Bei Mehdi muss sie das nicht tun – er hat seine Bilder, die seine Gefühlswelt zeigen.

Diese erfrischend unverkrampfte Sicht auf die Welt, verbunden mit dem empfundenen Recht junger Menschen, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken, egal wie – das trägt eine Wahrhaftigkeit in sich, die so bescheiden und virtuos daherkommt, dass sich jede Vermutung, in einem Betroffenheitsfilm nur more of the same erzählt zu bekommen, im Wüstenwind zerstreut.

Dann dreht sich der Wind

Frech und fröhlich, doch genauso mit Angst im Herzen und Wille im Verstand, fahren die beiden einer Zukunft entgegen, die so ungewiss ist, dass sich Kilometer für Kilometer nur improvisieren lässt. Irgendetwas wird passieren, hin zu Neuem oder zurück zu Altem, neu betrachtet. Eine Reise, fast schon so wie bei Paolo Coelho, nur mit dem Wind, der sich immer wieder dreht.

Wohin der Wind uns trägt (2025)

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

DUNKLE MATERIE IN DER ZWEISAMKEIT

6/10


Zendaya und Robert Pattinson im Film Das Drama von Kristoffer Borgli
© 2026 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

KAMERA: ARSENI KHACHATURAN

CAST: ROBERT PATTINSON, ZENDAYA, ALANA HAIM, MAMOUDOU ATHIE, MICHAEL ABBOTT JR., YAYA GOSSELIN, SYDNEY LEMMON, HAILEY GATES U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Kristoffer Borgli setzt sich nun schon zum dritten Mal mit den Paradoxien des urbanen Miteinanders auseinander. Sick of Myself, sein erster Film, handelt von den Auswüchsen der Geltungssucht und der Aufmerksamkeit, die man anderen Menschen schenkt, wodurch manche versehentlich ihren Selbstwert definieren. Ein seltsam analytischer, aber treffsicherer Film. Dream Scenario geht da einen Schritt weiter ins Mysteriöse, gar Surreale: Good old Nicholas Cage ist dort der Traummann für alle, und zwar deswegen, weil er des Nächtens wie einst Freddy Kruger zwar nicht auf destruktive, aber dennoch auf eskalierende Weise in den Köpfen der Menschen herumspukt. Die Rechnung geht nicht unbedingt auf, natürlich nimmt sich Borgli auch hier wieder diverse Gesellschaftsphänomene zur Brust, formgerecht zugeschnitten auf das Zeitalter der Sozialen Medien.

Das offene Buch hat geheime Seiten

Jetzt hat Borgli die omnipräsente Schauspielerin und Sängerin Zendaya sowie Ex-Vampir Robert Pattinson vor die Kamera geholt – um klar Schiff zu machen, wenn es darum geht, als Liebespaar nur auf Basis enthüllter Geheimnisse reüssieren zu können. Man muss sich einander schließlich alles sagen – oder nicht? Wer man gewesen ist, wie man sich entwickelt hat; all die Fehlleistungen, all die Abzweigungen im Leben, die einen dorthin geführt haben, wo man sich lieb hat. Auch all die dunkle Materie. Denn wie sonst könnte man sein Gegenüber wirklich kennen, wüsste man nicht auch dies?

Also nutzen Charlie und Emma, glücklich liiert und kurz davor, pompös zu heiraten, die Gunst der Stunde, um mit ihren Treuzeuginnen und – zeugen diese dunkle Materie auszugraben. Als Emma an die Reihe kommt, bleibt allen der Mund offen stehen ob dieses psychopathischen Ansatzes. Charlie (Pattinson) ist wie die anderen auch völlig vor den Kopf gestoßen. Wie kann denn die Liebe seines Lebens jemals so viel Sünde sein?

Die Sache nicht auf sich beruhen lassen

Nüchtern betrachtet folgt auf so viel Offenbarung das Gespräch und die Lösung des Konflikts. Weiters die Akzeptanz, dass die Person, die man liebt, aus ihren Fehlern gelernt hat und nun ein anderer Mensch ist. Die bessere Hälfte legt die Sache ad acta, kommt es doch auf das Vertrauen an. Bei Kristoffer Borgli geht der Reigen aber weiter. Nach zwanzig Minuten Problembewältigung stellt sich die Frage: Wie? Der Konflikt scheint bereinigt, die Sache vom Tisch, nur der Film will nicht enden. Was hat Borgli in seinem analytischen Psychodrama Das Drama – Noch einmal auf Anfang denn noch vor?

Fingerzeigen tut man nicht

Er schenkt uns einen zerrütteten Robert Pattinson, der mit skurrilen Visionen hadert und seine große Liebe plötzlich nicht mehr zu kennen glaubt. Er schenkt uns eine recht ratlose Zendaya, die anders denkt als ihr Zukünftiger, und so auch nicht wahnsinnig viel zum Fortlauf der Geschichte beiträgt. Die Bühne gehört dem hadernden Bräutigam in spe, der sich im Selbstmitleid suhlt und damit alles nur nicht schlimmer macht.

Doch ist es nur das, nur diese Unaufbringbarkeit von Akzeptanz und Vertrauen? Borgli will mehr, er widmet sich der Toxizität der Cancel Culture – also mehr oder weniger der kollektiven Verurteilung durch jene, die ihre dunkle Materie niemals haben zeigen müssen. Da fühlt man sich gleich als besserer Mensch, hat man den oder die andere am Pranger und nicht sich selbst.

Die schale Wirkung des Selbstmitleids

Das Drama – Nochmal einmal auf Anfang hat mit diesen Betrachtungen eine clevere Prämisse und bringt bewegend viel Stoff für Diskussionen nach dem Kino. Mag sein, dass man danach diesen Spaß auch selber praktiziert und die Lebensbeichte schlechthin ablegt – unter der Voraussetzung, sich zweimal zu überlegen, wie man mit den neugewonnenen Informationen umgeht. Auserzählt hätte Borgli seinen Film aber schon viel früher, er reichert ihn daher an mit repetitiven Szenen an, die im sachlichen Setting einer schmucklosen Inszenierung wie verwässerter Wein erscheinen.

Nicht vollmundig, sondern schal eskaliert das Drama im Drama zu einem offensichtlichen Höhepunkt hin, der die Freiheit des peinlichen Scheiterns genießt. Das alles ist etwas selbstverliebt und trägt vor allem bei Zendaya das Bewusstsein zur Schau, dass es einfach reicht, sie selbst zu sein, ohne viel dafür tun zu müssen. Damit hat Pattinson Raum genug, um sich künstlich reinzusteigern, doch auch das ist nicht mehr als halbwegs solide.

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

Oslo Stories: Liebe (2024)

DIE LUST AUF ANDERE

7/10


© 2024 Alamode Film


ORIGINALTITEL: KJÆRLIGHET

LAND / JAHR: NORWEGEN 2024

REGIE / DREHBUCH: DAG JOHAN HAUGERUD

CAST: ANDREA BRÆIN HOVIG, TAYO CITTADELLA JACOBSEN, MARTE ENGEBRIGTSEN, LARS JACOB HOLM, THOMAS GULLESTAD, MARIAN SAASTAD OTTESEN, MORTEN SVARTVEIT U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Nicht nur Richard Linklater kann den Dialogfilm. Wir erinnern uns noch: Before Sunrise, ebenfalls Teil einer Trilogie, in der es ums Reden, dann ums Reden und nochmals um Reden geht, ließ das Publikum nicht nur Wien bei Nacht betrachten, sondern etablierte eine intellektuelle Kunstform, in welcher weniger die Handlung den Film antreibt, sondern das gesprochene Wort. Und hier auch nicht der Monolog, sondern der Austausch an Meinungen, Erlebnissen und das gelebte Interesse am Gegenüber. In Anbetracht aktueller sozialer Tendenzen, die in Richtung Ich-Einkehr gehen und in denen das sogenannte Gegenüber lediglich zur tagebuchähnlichen Projektionsfläche wird, ist diese Art der selbstlosen Aufmerksamkeit eine seltene Eigenschaft, die im Gedankenkino wiederkehrt und sich etabliert, momentan und sehr auffällig vor allem in der Oslo-Trilogie, die zwar nicht ganz so radikal wie Linklater nur das Gespräch sucht, dafür aber einen gemeinsamen Nenner all dieser drei Filme freilegt: Sexuelle Normen und intime Identitäten.

Während Oslo Stories: Träume empfundene sexuelle Anziehung und das Verliebtsein in vielerlei Hinsicht und aus den Blickwinkel unterschiedlicher Menschen betrachtet, geht Oslo Stories: Liebe einen Schritt weiter und sieht sich an, wie gelebte Individualität mit unterschiedlichen Formen von zwischenmenschlicher Beziehung klarkommt. Auf der einen Seite ist da der homosexuelle Krankenpfleger Tor, der täglich mit der Fähre zur Arbeit pendelt und die Überfahrt dafür nützt, Kontakte für sexuelle Abenteuer zu knüpfen. Bis er auf den Psychiater Bjørn trifft – einem Mann, der ganz anders tickt (und als einziger auch in Oslo Stories: Träume vorkommt). Auf der anderen Seite haben wir Marianne, Urologin und Arbeitskollegin von Tor, die sich von diesem inspirieren lässt und, obwohl ihre Freundin sie mit einem alleinstehenden Familienvater verkuppeln will, der sehr wohl ihr Typ zu sein scheint, das Konzept der sexuellen Freiheit erprobt.

Sex und die Suche nach Vertrauen

Let’s Talk About Sex? Es geht bei weitem nicht nur darum. Es lässt sich gar erkennen, dass diese Form des Miteinanders im letzten Teil von Haugeruds urbaner Trilogie andere Prioritäten erlangt. Das müssen längst nicht die wichtigsten sein, können aber gewichtig werden, wenn der Begriff des Vertrauens in einer ganz gewissen Szene im Film kein einziges Mal Erwähnung findet. Und doch gibt es Lebensentwürfe, die ohne diesen Umstand klarkommen, die den Wert des Vertrauens und Vertrauen-Gebens nicht erfahren müssen oder wollen. In genau dieser Szene, wenn Marianne mit ihrer Fähren-Bekanntschaft für eine Nacht über das Fremdgehen philosophiert, denke zumindest ich unweigerlich an Karoline Herfurths geglücktem Episodendrama Wunderschöner. Dieser Moment passt da gut hinein, weitet sich das Gespräch auch noch insofern aus, da es die männliche Wahrnehmung von Frauen, die ihre Selbstbestimmung leben, kritisch, aber vorwurfsfrei thematisiert.

Vorwürfe gibt es in Oslo Stories: Liebe schließlich überhaupt keine, nur wahnsinnig viel Verständnis. Als wäre das Künstlermanifest Dogma 95 wieder auferstanden, lobt Haugerud den Dialogfilm als dokumentarischen, fast schon beiläufigen Austausch, ohne dabei allzu sehr abzudriften. Die Side Story um eine Osloer Jubiläumsfeier mag vielleicht trotz ihrer feministischen Thematik nicht ganz fertig und auch weniger relevant wirken für das, was den Film umtreibt – die parallel- und ineinanderlaufenden Charakterentwicklungen hingegen bestechen durch ihre sprachliche Raffinesse, die sogar jede Menge nonverbales Understatement zulässt, wenngleich Oslo Stories: Liebe in der norwegischen Originalfassung mit Untertiteln fast schon als halbes Buch durchgeht, mit vielen netten Bildern, auch vom Osloer Rathaus. Ein seltsames, kantiges, geometrisches Gebäude, scheinbar brutalistisch. Ein Kontrapunkt zur veränderlichen Gefühlswelt dieser experimentierfreudigen Liebenden.

Oslo Stories: Liebe (2024)

Was Marielle weiß (2025)

DIE RECHENSCHAFT DER ELTERN

6/10


© 2025 Alexander Griesser / Walker + Worm Film; DCM


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: FRÉDÈRIC HAMBALEK

CAST: JULIA JENTSCH, FELIX KRAMER, LEANI GEISELER, MEHMET ATEŞÇI, MORITZ TREUENFELS, SISSY HÖFFERER, VICTORIA MAYER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Gewalt ist auch keine Lösung – und niemals gut. Sie führt zu Gegengewalt, und ist auch als solche zu bezeichnen, wenn sie nur verbal passiert. So gesehen ist es Marielle gewesen, die angefangen hat und ihre Freundin als Schlampe bezeichnet. Daraufhin setzt es eine Ohrfeige, die nachhaltiger nicht sein kann. Das dreizehnjährige Mädchen kann plötzlich alles sehen und hören, was ihre Eltern tun und sagen. Niemand will das, genauso wenig Marielle, die nicht weiß, wie ihr geschieht. Da es in ihrer Familie anscheinend Usus ist, Probleme relativ zeitnah anzusprechen, werden auch Mama und Papa davon unterrichtet – die sich prompt fremdschämen müssen, weil sie an genau jenem Tag beide Dinge getan haben, auf die sie nicht stolz sind. Wäre an sich kein Problem, Geheimnisse gehören zum Miteinander dazu, es sei denn sie verletzten das Vertrauen zueinander, denn dann ist der Spaß vorbei. Bei Julia Jentsch und Felix Kramer steht dieses Werte-Empfinden an der Kippe, vorallem bei Jentsch, die verbalen Sex in der Rauchpause als etwas erachtet, was man unter den Tisch fallen lassen könnte. Würde Marielle nicht alles wissen. Um schon bald dieses Wissen gegen ihre Eltern anzuwenden. Um sie zu zwingen, das Richtige zu tun.

Was Marielle weiß (und sie weiß vieles) will Satire sein, zieht dabei aber keine klaren, scharfen Konturen. Als Mysterydrama lässt sich Frédéric Hambaleks zweite Regiearbeit wohl am ehesten betrachten, als intellektuelle, subversive Uminterpretation des amerikanischen Geschlechterrollen-Leichtgewichts Was Frauen wollen. Was Eltern tatsächlich wollen, darüber ist Marielle so ziemlich erschüttert. Der Kleinen, die es faustdick hinter den Ohren hat, wird nur allzu spät bewusst, dass sie einen familiären Kleinkrieg angezettelt hat. Eine Krise, die individuelle Bedürfnisse hervorgräbt, die in einer Gemeinschaft nicht gelebt werden können, die aber für den Einzelnen, der ungebunden und frei sein will, anwendbar scheinen. Da krachen Lebensentwürfe und Begehrlichkeiten aufeinander, ähnlich wie in Babygirl mit Nicole Kidman. Der offene Dialog, fußend auf Vertrauen, wird dabei zum No-Go. Hambalek schafft eine unbequeme Stimmung, die sich mit Leichtigkeit nicht ganz so gut auskennt. Ein Wohlfühlfilm ist das Ganze nicht, das Konzept eines Rollentauschs, wenn die Eltern in einer Lage stecken, die normalerweise der Nachwuchs innehat, schafft schmerzliche Umstände, in denen gesagt wird, was einem später sehr wohl leidtun wird.

Was Marielle weiß ist somit eher eine über das Familienverhältnis hinausgehende Experimentierstudie über die Wahl der Worte, über deren Wirkung, die Faustschlägen gleichkommt; über den Anstand und die Kunst, das Richtige zu sagen. Da sich in gesellschaftlichen Zeiten wie diesen der oder die Einzelne vermehrt um sich dreht, und gegenseitige Kompromisse, die das Zusammenleben erst möglich machen, als Einschränkung des Individualismus angesehen werden, führt das reuelose Stillen von Bedürfnissen in Was Marielle weiß zu einer beklemmenden Eigendynamik, deren Ausmaß nicht allen bewusst wird. Jentsch und Kramer sowie die präzise aufspielende Jungschauspielerin Leanie Geiseler wagen den Sprung ins kalte Wasser, in einer Versuchsanordnung, die einiges auf den Kopf stellt, den Kopf aber nicht frei bekommt von Kränkung und Unzufriedenheit. Es bleibt das Gefühl eines verkomplizierten Konflikts, wobei es weniger um die Wahrheit geht als darum, wie man mit der Wahrheit, die man selber weiß und der andere nicht, umgeht. Das Phantastische in Hambaleks Film bleibt angenehm unerklärt und dient als Metapher in einem pragmatischen, wenig wärmenden Film, der letztlich alles in zynischem Licht erscheinen lässt, als wäre die glückliche Familie längst ausgestorben.

Was Marielle weiß (2025)

Cat Person (2023)

VORSICHT VOR MÄNNERN

7,5/10


cat-person© 2023 Studiocanal


LAND / JAHR: FRANKREICH, USA 2023

REGIE: SUSANNA FOGEL

DREHBUCH: MICHELLE ASHFORD, NACH DER KURZGESCHICHTE VON KRISTEN ROUPENIAN

CAST: EMILIA JONES, NICHOLAS BRAUN, GERALDINE VISWANATHAN, ISABELLA ROSSELLINI, HOPE DAVIS, CHRISTOPHER SHYER, LIZA KOSHY, JOSH ANDRÉS RIVERA U. A.

LÄNGE: 2 STD 


Etwas schräg ist der Kerl an der Kinokassa eigentlich schon, aber andererseits auch süß. Doch Vorsicht. Dieses „Süß“ könnte nur die Fassade für einen charakterlichen Zustand sein, der – wie bei zu viel Süßem – in weiterer Folge für Unwohlsein sorgt. Ein Problem, mit welchem Frau sich herumschlagen muss, will akuter Männernotstand im Rahmen heterosexueller Beziehungsmuster behoben werden. Denn Männer wollen – ganz oben auf der Agenda – empirischen Wissens nach immer nur das eine. Dafür schlüpfen sie in Rollen, die für das andere Geschlecht attraktiv genug erscheinen. Sie bewahren ihre Geheimnisse und verkaufen sich gänzlich ohne Unzulänglichkeiten. Eigenwerbung und Partner-PR – nichts davon, damit ist zu rechnen, mag authentisch sein. Und doch passiert es immer wieder. Denn die Liebe ist – wie Conny Francis schon singt – ein seltsames Spiel, aus dessen Fehlern niemand lernt.

Dieser Kerl an der Kinokassa also, dieser Robert, der auf charmante Weise unbeholfen daherkommt, will Margot (Emilia Jones) gerne näher kennenlernen. Oftmals hat man Pech und das Gegenüber ist bereits vergeben – so aber hat Robert Glück und beide kommen sich näher. So weit, so simpel wäre Cat Person von Susanna Fogel, gäbe es da nicht die potenzielle Gefahr, die, sensibilisiert durch News und Medien, hinter jedem Mannsbild steckt, welches sich an soziokulturell tief verankerten Stereotypen und Rollenbildern abarbeitet, die jahrhundertelang alles Weibliche als zu unterdrückendes Feindbild entsprechend behandelt haben, aus Angst, nicht nur intellektuell zu unterliegen. Mit dieser herumgeisternden Möglichkeit, die Katze im Sack erstanden zu haben, muss Margot nun umgehen. Ein kleiner Trost mithilfe eines Glaubenssatzes gefällig?

Männer, die Katzen halten, also eben Cat Persons, sind harmlos, so sagt man. Stimmt das? Je mehr die beiden Zeit miteinander verbringen, desto deutlicher regt sich in Margot der Verdacht, dass mit Robert irgendetwas nicht stimmt. Oder ist es nur die eigene Angst, irgendwann ausgeliefert zu sein? Als die Katze durch Abwesenheit glänzt und der Sex dann auch kein zündendes Heureka verursacht, sondern ganz im Gegenteil, lediglich zur Tortur wird, distanziert sich Margot, will gar Schluss machen. Doch einen Mann wie Robert einfach so abservieren, der vielleicht seinen Psychopathen hervorgekehrt, wenn es um Kränkung geht? Immer mehr spitzt sich Cat Person zum Thriller zu, zum psychologischen Tagebuch unguter, gar bedrohlicher Vorahnungen, die in der Fantasie Margots eher Gestalt annehmen als es tatsächlich der Fall ist. Diese stete Furcht vor toxischer Männlichkeit gebiert Ungeheuer, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Susanna Fogel, welche die viral gegangene Blogger-Story von Kristen Roupenian interpretiert, spielt geschickt mit Erwartungen, Ängsten und den Zwickmühlen gesellschaftlicher Pflichten, die auf kolportierten Glaubenssätzen basieren. Cat Person atmet die kontaminierte Luft aus Misstrauen und berechtigter Vorsicht. Anders als Bisheriges, das aus spannungsgeladenen Beziehungskisten gezaubert wurde – von Eine verhängnisvolle Affäre bis zum eben in den Kinos angelaufenen Romantikdrama It Ends with Us mit Blake Lively – liefert Cat Person keinen offenen Kampf und keine klar markierten Positionen. Die spielerische Suspense entsteht durch das Ausleben der bitteren Konsequenzen, die aufgrund von Vorurteilen entstehen, die über ein gesamtes Geschlechterbild hinwegschwappen. Die Vermutung ist das Indiz, die Möglichkeit der Beweis. Fogel ist eine ausgesprochen kluge und ungewöhnliche Tragikomödie gelungen, deren Protagonisten einem leidtun können, die jedoch Opfer des eigenen mitgelebten sozialen Wahnsinns geworden sind, der immer mehr um sich greift. Ein Film, der ausser oft ins Schwarze auch den Puls der Zeit trifft.

Cat Person (2023)

Falcon Lake (2022)

DIE SCHRECKEN EINES SOMMERS

8/10


falconlake© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, KANADA 2022

REGIE: CHARLOTTE LE BON

DREHBUCH: CHARLOTTE LE BON, FRANÇOIS CHOQUET, NACH DER GRAPHIC NOVEL VON BASTIEN VIVÈS

CAST: JOSEPH ENGEL, SARA MONTPETIT, MONIA CHOKRI, ARTHUR IGUAL, KARINE GONTHIER-HYNDMAN, THOMAS LAPERRIERE, ANTHONY THERRIEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Es ist ein Sommer wie damals. Zumindest fühlt es sich so an, auch wenn Smartphones oder andere mobile Endgeräte der Zerstreuung dienen. Es fällt nicht schwer, diese Dinge zu übersehen. Man will sie in dieser anregenden Zeitkapsel gar nicht als inhärent wissen – man will nur den beiden jungen Menschen zusehen, die sich anscheinend gefunden haben und sich gegenseitig faszinierend finden. Da gibt es Bastien, gerade mal Teenager, der bald seinen 14. Geburtstag feiert und mit Eltern und jüngerem Bruder irgendwo in Kanada an einem See Urlaub macht. Da gibt es Chloe, ein 16jähriges Mädchen mit langem dunklem Haar und gern auf Partys. Die Eltern der beiden sind befreundet, beide Familien teilen sich eine Hütte, und bald teilen die beiden Teenies auch die meiste Zeit des Tages miteinander, indem sie um den See strawanzen, sich Geschichten erzählen und Fotos machen, die den Geist eines ertrunkenen Jungen abbilden, der an den Ufern und verhüllt in weißes Laken immer wieder erscheint, da er selbst noch nichts davon weiß, eigentlich gestorben zu sein. Diese Idee beruht auf keinen wahren Begebenheiten, Chloe hat sich das einfach ausgedacht. Und dennoch verlässt einen nicht das Gefühl, dass der Ort ein Geheimnis birgt, welches, von der Zeit losgelöst, irgendwann in Erscheinung treten könnte. Wie das nun mal so ist bei jungen Menschen, erlebt der junge Bastien seine erste Romanze, seine ersten sexuellen Erfahrungen und erste Eifersucht. Probiert Verbotenes, fühlt noch nie Dagewesenes. Lässt die Nähe zu einem Menschen zu, der sie sucht.

Charlotte Le Bon, die man bislang nur als Schauspielerin zu schätzen gelernt hat, wagt sich mit dieser bittersüßen Ballade über die Gefühle junger Menschen an die Verfilmung einer Graphic Novel von Bastien Vivès heran. Dabei gelingt ihr das Kunststück einer stimmungsvollen Romanze, die sich niemals mit oberflächlichen Klischees abgeben will, sondern durch die greifbaren Bedürfnisse der Protagonisten hindurch bis auf ihre verborgenen Ängste stößt. Da ist viel Sorge, alleingelassen zu werden oder nirgendwo dazuzugehören. Da ist viel Angst vor Peinlichkeiten oder dem Umstand, dem anderen nicht zu genügen. Wie Joseph Engel als Bastien es meistert, so unverkrampft und wahrhaftig diesen Sommer so zu erfahren, als wäre er tatsächlich Teil seiner Biografie, bildet das Herzstück des Films, gemeinsam mit der inspirierenden Chemie zwischen ihm und Sara Montpetit, die an Ali McGraw erinnert und einen ungestümen Lebens- und Leidensdrang mit sich bringt.

Es passiert nicht viel am Falcon Lake. Es passieren Dinge, die wir alle auf eine ähnliche Weise selbst schon erlebt haben, die auch einfach so passieren, weil es eben Sommer ist, und der Tag lang genug für Müßiggang, Philosophieren und kindlichen Wagemut. Und dennoch ist der letztes Jahr in Cannes erstmals gezeigte Geheimtipp mehr als nur Stimmungsbild und Beobachtung. Hier liegt etwas Metaphysisches zugrunde – eine Dimension, die keiner so recht greifen kann, die Bastien und Chloe aber umgeben, als wären sie Teil einer höheren Bestimmung. Diese geheimnisvolle, impressionistische Welt lässt den See als Tor in eine andere Welt erscheinen, den Wald drumherum als Ereignishorizont. Hier ist vieles im Gange, dass zwischen den gesprochenen Zeilen liegt und sich meist nur in der Haltung der Figuren oder im malerischen Naturalismus eines Ortes so richtig andeutet. In seiner von Licht und Wärme, Regen und Gewitter durchdrungenen Weise erinnert Falcon Lake dabei an das intensive Erwachen Timothée Chalamets aus Call Me By Your Name.

Die Schrecken eines Sommers sind alles andere als banaler Horror – sie sind die unerwarteten Gefühle, die man zulassen muss, sich ihnen aber nicht gänzlich hingeben darf. Sie sind der Glaube an Dinge, die man nicht sehen kann. Wie die eigene Zukunft.

Falcon Lake (2022)

Wie im echten Leben (2021)

WISCH UPON A STAR

7,5/10


wieimechtenleben© 2022 Filmladen


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: EMMANUEL CARRÈRE

BUCH: EMMANUEL CARRÈRE, HÉLÈNE DEVYNCK

CAST: JULIETTE BINOCHE, HÉLÈNE LAMBERT, LÉA CARNE, ÉMILY MADELEINE, PATRICIA PRIEUR, ÉVELYNE PORÉE, DIDIER DUPIN, LOUISE POCIECKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Was zeichnet eigentlich den westlichen Wohlstand aus? Nein, nicht in erster Linie das Geld, denn das haben mittlerweile nur mehr die Privilegierten und Mächtigen. Es ist die Hygiene. So ein Standard will was heißen. Einmal nicht geputzt, versiffen öffentliche Sanitäranlagen im Eiltempo, in Großraumbüros mobilisiert sich der Lurch zwischen den Kabeln und Steckerleisten zur großen Revolte. Im Restaurant kommt man nicht mehr vom Boden weg, denn da klebt das verschüttete Cola von vorgestern. Die großen Schritte Richtung Zukunft können nicht begangen werden, wenn der Dreck die Behaglichkeit außen vorlässt, die das Image des Westens etabliert. Und die, die dafür verantwortlich sind – ein großer Teil der kritischen Infrastruktur nämlich, denn ohne Hygiene geht gar nichts – müssen ein berufliches Leben im Verborgenen fristen, wie Vampire, die man tunlichst nicht dem Sonnenlicht aussetzt. Sie kommen, wenn alle gegangen sind oder kurz, bevor das Tagesgeschäft wo auch immer wieder losgeht. Dabei ist der Begriff Putzfrau oder Putzmann ohnehin obsolet und abwertend. Wie wäre es mit Raumpflegerinnen und Raumpfleger? Schon besser.

Eine zeitgemäßere Bezeichnung des Berufes bedeutet aber nicht, dass die Arbeitsumstände auf adäquate Weise ebenfalls optimiert wurden – ganz und gar nicht. Um diesen Umständen auf den Grund zu gehen und einen Blick hinter die Kulissen frisch gemachter Betten, duftender Toiletten und glänzender Böden zu wagen, gibt sich Bestseller-Autorin und Investigativ-Journalistin Marianne (sehr authentisch: Juliette Binoche) als Jobsuchende aus, die mit Handkuss jene freie Stelle annimmt, für die sie zwar heillos überqualifiziert scheint, die aber Zähigkeit erfordert. Sie wird Teil einer Gruppe von gerade mal über die Runden kommenden Arbeiterinnen, die für einen Hungerlohn tagtäglich bis an ihre Grenzen gehen. Klar – mit dem Schmutz muss man mal auf du und du sein, sonst wird das nichts. Doch die gemeinsame Anstrengung schweißt zusammen. Aus dem Team werden Freundinnen, aus der entbehrungsreichen Schufterei mitunter die Challenge, in Rekordzeit alles fertigzubekommen. Letztendlich bleibt es aber nur eine Frage der Zeit, bis Mariannes wahre Identität ans Licht kommt – und das für eigene Zwecke erlangte Vertrauen auf dem Prüfstand steht.

Will man dem Alltag von RaumpflegerInnen folgen, tun’s meistens Journaldokus wie Am Schauplatz. Für einen Spielfilm, der genauso wenig schönt, der keine Lust hat, irgendwem zu schmeicheln und keine Scheu davor hat, sich bereitwillig dem Leben und Leiden einer um ihre Anerkennung gebrachten Branche zu nähern, ist die Dokumentation durchgetakteter Arbeitstage nur das Fundament für ein explizites Drama um unerbrachte Wertschätzung für sogenannte niedere Arbeiten, die allerdings getan werden müssen, um das System am Laufen zu halten. Autor und Filmemacher Emmanuel Carrère ist wohl der Romancier unter den Sozialfilmern – Ken Loach oder die Brüder Dardenne sind zwar auf ihre ernüchternde und nüchterne Art unnachahmlich und präzise, für das große zwischenmenschliche Drama findet Carrère noch das bisschen mehr an Emotionalität und Eleganz, ohne dabei die Realität aus den Augen zu verlieren. Diesen unsichtbaren Engeln setzt dieser ein kleines, rechtschaffenes und unpathetisches Denkmal jenseits vom Sozialporno eines Ulrich Seidl. Am Ende aber ist die Diskrepanz zwischen den Gesellschaftsschichten unüberbrückbar, so sehr man sich auch eine alles verbindende Harmonie erhofft, welche die Protagonistinnen auf Augenhöhe wieder zueinander führt.

Wie im echten Leben (2021)

Nowhere Special

BEREIT MACHEN ZUM LOSLASSEN

7/10


nowherespecial© 2021 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ITALIEN, RUMÄNIEN, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: UBERTO PASOLINI

CAST: JAMES NORTON, DANIEL LAMONT, BERNADETTE BROWN, CHRIS CORRIGAN, VALENE KANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Mit der Einsamkeitselegie Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit hat mich der gebürtige Römer Uberto Pasolini nachhaltig beeindruckt. In diesem Meisterwerk – und das ist nicht übertrieben – lässt er Eddie Marsan nach Hinterbliebenen einsam Verstorbener suchen, während das Schicksal der Toten ihn selbst ereilt. Starker Tobak, kein erbauliches Thema, und trotz dieser Widmung für ein Tabu gelingt Pasolini eine wunderbar poetische, formvollendete Ode an die Nächstenliebe, die keineswegs für Trübsinn sorgt, sondern einfach nur enorm berührt, bewegt und erstaunt. Pasolini scheint einer jener Filmemacher zu sein, die sich dem gefälligen Trend an Themen auch nicht hingeben wollen. Er will vor allem einen Umstand betrachten, der es in Zeiten wie diesen mehr wert ist als viele andere, betrachtet zu werden: Das Füreinander.

Mit diesem Imperativ des Füreinander will Pasolini auch in seinem neuen Werk rund 8 Jahre später dem Dilemma des Allein- und Verlassenseins erneut die Stirn bieten. Diesmal aber aus einer ganz anderen Perspektive und einem ganz anderen Existenzbereich – nämlich jenem eines noch intakten familiären Gefüges aus Vater und Sohn. Zumindest sind hier zwei versammelt, die durch eine starke Bindung aus Liebe, Verantwortung und Vertrauen so schnell nichts aus der Bahn werfen kann. Dabei sei gesagt: Sohn Michael ist gerade mal 4 Jahre alt, ein süßer kleiner, recht introvertierter Bub, oftmals vor sich hin sinnierend und bei Papa all die Geborgenheit auskostend, die so ein kleiner Mensch tatsächlich braucht. Der Vater, John, gibt alles – doch wie lange noch? Wie es das Schicksal oft will, ist dieser an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Natürlich erfährt der kleine Michael davon nichts, doch diesem entgeht natürlich auch nicht, dass da irgendwas im Busch ist, wenn Papa immer mal wieder fremde Familien besucht. Warum tut er das, wird sich der Kleine wohl fragen. Ganz klar: Michael braucht neue Eltern, denn wenn John mal tot ist, hat der Kleine niemanden mehr.

Normalerweise schnürt es einem bei so etwas die Kehle zu und man bekommt kein Wort mehr heraus, weil der Frosch im Hals so groß ist. Noch dazu sieht Jungschauspieler Daniel Lamont dermaßen zum Steinerweichen aus, dass man am liebsten in den Film steigen und das Kind einfach an sich drücken will. Sich so vielen traurigen Aussichten auszusetzen – wer will das schon? Doch Pasolini ergeht sich nicht in Sentimentalitäten und hat auch überhaupt nicht vor, irgendwelche Tränendrüsen leerzudrücken. Er entwickelt einen Stil, wie ihn schon Ken Loach, der Meister des Sozialkinos, die längste Zeit souverän umsetzt – den nicht ganz nüchternen, aber objektiven Alltagsrealismus, die Draufsicht auf zwei Leben und deren Geschick, sich dem Unausweichlichen anzupassen. Die Chemie zwischen James Norton und dem kleinen Lamont stimmt, die letzten Tage und Wochen des Miteinanders verharren in einer unbekümmerten Gegenwart, anstatt sich in einer furchtvollen und verlustreichen Zukunft zu suhlen. Das macht Nowhere Special erträglich, wenngleich das gefühlvolle Drama dennoch seinen Weg findet, auf bescheidenem Wege das Herz zu berühren. Verblüffend aber, dass die Traurigkeit bei Pasolini tatsächlich von jener Art ist, die als schön empfunden werden kann. Der Schmerz eines Abschieds, verbunden mit dem Hallo eines Neuanfangs.

Nowhere Special

The Tender Bar

MEIN COOLER ONKEL CHARLIE

7/10


the-tender-bar© 2021 Amazon Studios


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: GEORGE CLOONEY

CAST: TYE SHERIDAN, BEN AFFLECK, LILY RABE, CHRISTOPHER LLOYD, BRIANNA MIDDLETON U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Es scheint momentan ein Trend des US-Kinos zu sein, lokalen Größen aus Literatur, Bühne und Fernsehen ganze Filme zu widmen. Es sind dies Leute, deren Bekanntheit zumindest aus meiner Sicht vielleicht bis an die Ostküste des nordamerikanischen Kontinents reicht – doch wohl kaum darüber hinaus. Streaming-Giganten wollen das jetzt ändern, allen voran Netflix mit dem Musical Tick,Tick… Boom! über einen Komponisten namens Jonathan Larson – noch nie von ihm gehört. Auf Amazon prime sind gleich zwei Biopics am Start. Erstens: Being the Ricardos über die Stars einer Sitcom namens I love Lucy, die hierzulande auch nicht gerade der Straßenfeger gewesen sein kann.  Und zweitens: The Tender Bar, George Clooneys Verfilmung der Memoiren J. R. Moehringers. Ich kenne Salinger, aber Moehringer? Gut, es ist ja nicht so, dass meine Screentime dem Motto folgt: „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.“ Was bei Clooney lockt, ist erstens Clooney – und dann natürlich Ben Affleck hinter dem Tresen, der nebst Hochprozentigem auch Weisheiten für seinen Neffen ausschenkt.

Dieser Neffe – JR – sucht schließlich mit seiner delogierten Mama Unterschlupf bei Opa (Doc Brown Christopher Lloyd), der im Übrigen auch Onkel Charlie einquartiert hat – ein Mann, der sein Leben genießt und die Straße runter in der Dickens-Bar jobbt. An den Wänden des Lokals stapeln sich Bücher, und Charlie schafft es, den Kleinen fürs Lesen zu begeistern. Damit ist schon mal ein Grundstein für die spätere Laufbahn gelegt, die sich anfangs noch am Jurastudium orientiert. JR’s Vater sei noch erwähnt, der ist nämlich ein bekannter Moderator und Taugenichts, versoffen und für den eigenen Nachwuchs zumeist unpässlich. Dafür aber ist Charlie stets da – liebevoll unterstützend zwar, aber nicht betüddelnd. Das ist viel wert. Auch dann, als es Jahre später den ersten Liebeskummer gibt.

Was wir in der nostalgischen Jugendserie Wunderbare Jahre als Bewegtbild-Fotoalbum so genossen haben, bringt George Clooney auch hier, in The Tender Bar, zusammen, und zwar behutsam und entschleunigt. Das, woran sich Moehringer erinnert, haben wir jedoch in vielen anderen Filmen bereits ähnlich oder leicht abgewandelt gesehen. Aber: Clooney gelingt es, im permanenten Farbton eines goldgelben Nachmittags Stimmung zu erzeugen. Mit einem dezent selbstgefälligen Ben Affleck als Fels in der Brandung verwandtschaftlichen Erwachsenwerdens, auf welchen JR alias Tye Sheridan immer wieder zurückkommt, um sich erneut Schwung zu holen für die nächste zu schwimmende Länge an Leben, läuft The Tender Bar eigentlich nie Gefahr, den leisen Zauber eines familiären Zusammenhalts verpuffen zu lassen. Auch wenn Sheridans Figur bald auf eigenen Füßen steht und so seine Erfahrungen im echten Leben macht – die Rückendeckung Familie bleibt omnipräsent und unterstützend, und zwar auf eine gesunde Art, beständig an Ressourcen.

In Summe ergibt das einen schmeichelnden, warmen, angenehmen Film über Selbstlosigkeit, Vaterfiguren und ehrlichen Rückhalt.

The Tender Bar

Große Freiheit

NÄHE UNTER MÄNNERN

7/10


grossefreiheit© 2021 Filmladen


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2021

REGIE: SEBASTIAN MEISE

BUCH: SEBASTIAN MEISE, THOMAS REIDER

CAST: FRANZ ROGOWSKI, GEORG FRIEDRICH, THOMAS PRENN, ANTON VON LUCKE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Im Präkambrium sexueller Freiheit war die Vorstellung von Regenbogenparaden, Schwulenbars oder Gay-Communities die absurde Zukunftsvision einer moralisch verwahrlosten Gesellschaft. Homosexualität – ja, die gab es immer. Sie entweder als Krankheit zu behandeln oder eben zu unterdrücken – die einzigen Möglichkeiten, damit klarzukommen. Und ja: Homosexualität mag zwar eine biologische Anomalie sein, doch die Natur ist voll solcher nonlinearen Richtungswechsel, die zum Konzept gehören und somit auch nicht widernatürlich sind. Das zu akzeptieren, fällt einer christlich geprägten Gesellschaft schwer, die Sitte und Kultur auf dem Segen der Päpste aufgebaut hat. Nicht, dass der Prozess bereits ein durchgestandener ist. Es mag zwar alles besser geworden sein – den schiefen Blick gibt es aber immer noch, trotz des Predigens einer modernen Toleranzgesellschaft. Die war Ende der Sechziger noch nicht mal geboren, denn Paragraph 175 – sexuelle Strafhandlungen unter Männern – war eben noch nicht abgeschafft. Einer wie Hans Hoffmann (Franz Rogowski) landet dadurch immer wieder im Knast, erstmals sogar schon nach Ende des Krieges, und zwar raus aus dem KZ und rein in die Zuchtanstalt. Dabei teilt er sich mit dem Wiener Viktor, der Schwule zutiefst ablehnt, eine Zelle. Anfangs stellt sich das Zusammenleben als schwierig heraus, später aber entsteht sowas wie eine indirekte Freundschaft zwischen den beiden, welche die Liebschaften Hoffmanns überdauert.

Es ist, als wäre Sebastian Meises hochgelobter dritter Spielfilm die Gay-Version von Frank Darabonts Die Verurteilten – nur ohne der spannungsgeladenen Komponente eines Ausbruchs. Denn das ist Große Freiheit gar nicht, viel eher sind es die zwischenmenschlichen Intimitäten, die dem großen Gefängnisklassiker aus den Neunzigern ähneln. Und die gehen entschieden in eine Richtung, für die das starke Geschlecht niemals so wirklich Worte finden kann. Für Sebastian Meise gibt es keinerlei Berührungsängste in Sachen Zärtlichkeiten zwischen Männern. Ein Umstand, den ein männliches, heterosexuelles Publikum vielleicht durchaus peinlich berühren kann. Durch die gleichgeschlechtliche Liebe gibt es die Verteilung von Rollen nicht mehr: Der Mann wird zum beschützenden Partner, zumindest einer der beiden ruht als zweitweise schwächeres Geschlecht in den Armen des anderen. Das ist etwas, das unserer Kultur fremd vorkommt. Umso intensiver und ehrlicher nähert sich Meise diesem Umstand, um Vertrauen zu schaffen. Ein Kaliber wie Rogowski, der allerdings verbal schwer zu verstehen ist, hat damit genauso wenig Probleme wie Österreichs genialer Dialektredner Georg Friedrich – und keiner von beiden stiehlt dem anderen die Show. Zwischendurch und auch nur temporär schürt einer wie Thomas Prenn auf authentische Weise das sexuelle Verlangen eines Mannes für einen Mann. Neben Timothée Chalamet (Call Me by Your Name) wird auch Prenn zum klassischen Jüngling, welcher der Nähe unter Männern im sozialen Fegefeuer eines Gefängnisses so etwas zeitlos Schönes wie Romantik schenkt.

Derweil befindet sich Große Freiheit auf der Shortlist für den Auslandsoscar. Ob dieser offene Umgang mit einer etwas anderen sexuellen Freiheit wie dieser tatsächlich auch abseits von Cannes ausreichend Stimmen erhält? Mich jedenfalls hat das Schwulen- und Freundschaftsdrama einerseits an den heterosexuellen Rand gedrängt, andererseits aber sorgt die Tatsache, dass die neue Zärtlichkeit zwischen Männern auch ganz anderer Art sein kann, für ein Umdenken in einer Welt harter Kerle.

Große Freiheit