Father Mother Sister Brother (2025)

WAS MAN VON DEN ELTERN WEISS

6,5/10


© 2025 Vague Notion, photo by Yorick Le Saux


LAND / JAHR: USA, IRLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: JIM JARMUSCH

KAMERA: FREDERICK ELMES, YORICK LE SAUX

CAST: ADAM DRIVER, MAYIM BIALIK, TOM WAITS, CATE BLANCHETT, VICKY KRIEPS, CHARLOTTE RAMPLING, INDYA MOORE, LUKA SABBAT, SARAH GREENE, FRANÇOISE LEBRUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Die eigene Schwester, der eigene Bruder – alleine was die Blutsverwandtschaft angeht, gibt es keinen anderen Verwandten, der einem genetisch nähersteht. Gemeinsam aufgewachsen ist viel mehr, als unter einer Obhut aufgewachsen, die sagt, wo es langgeht, und die einem in Kindesjahren oftmals ratlos zurücklässt, was so manche Erziehungsmaßnahme betrifft. Als Geschwisterpaar kann es zwar auch zu Dominanz und Devotismus kommen, doch zumindest hängt man gemeinsam auf Augenhöhe in einer Kinderstube fest, in der man gemeinsame Erfahrungen in Sachen Erziehung durchaus teilen kann. Und dann auch später: Die Eltern werden älter, die Kinder groß – die Brücke zu den Erziehungsberechtigten mag man geschlagen haben, um ihnen ihrer selbst willen näherzukommen, oder eben nicht.

Familie hat man ungefragt

Dieses „Oder eben nicht“ hat der legendäre Independentfilmer Jim Jarmusch nun aufgegriffen. Sein dreiteiliger Episodenfilm trägt zwar den Titel Father Mother Sister Brother, doch Vater und Mutter bleiben das rätselhafte Subjekt, das unbekannte Wesen, das man zwar sieht und spürt und umarmt, aber nicht ergründen kann. Dabei ist es ganz egal, ob diese Eltern, ob Mutter oder Vater, nun anwesend sind oder nicht. In der dritten und alles einschließenden Episode Sister Brother ist nicht mal das vonnöten, da braucht es Mutter und Vater nicht mal, um sich mit ihnen posthum auseinandersetzen zu wollen. Dieses Anschleichen, Annähern, dieses Betrachten der Elternschaft, die man bisher nicht ergründen konnte und es auch niemals wird, denn diese entwickeln sich auch nochmal um einiges weiter und haben sich von jenen Menschen entfernt, die sie waren, als man Kind war – dieses Annähern und Betrachten reicht für Jim Jarmusch allemal, um alltägliche Miniaturen zu skizzieren, die das Fremde in der Familie thematisieren und es anhand unbeholfener Skurrilitäten und stockender Gespräche als einen Umstand dokumentieren, den man oft als etwas beschreibt, das man sich nicht aussuchen kann. Familie, die hat man schließlich ungefragt.

Abwesenheit in Anwesenheit, und umgekehrt

Und so schickt Jarmusch gleich anfangs Adam Driver und Big Bang Theory-Star Mayim Bialik ins winterliche Nirgendwo zu Musiker Tom Waits, der vorgibt, ein verschrobener, etwas hilfloser und mittelloser alter Sack zu sein. Warum tut er das? Um sich der Fürsorge seiner Kinder zu versichern? Könnte sein, jedenfalls scheint bis auf die pflichterfüllende Nächstenliebe nicht sehr viel beide Generationen zu verbinden. In der mittleren Episode sehen wir Cate Blanchett und Vicky Krieps, wie sie einmal im Jahr zur gespreizten Teezeremonie ihrer Mutter antanzen müssen. Hier gibt es noch weniger Wärme, reichlich Floskeln und unergiebigen Small Talk – das gemeinsam Erlebte hat mit dem Ende der Kindheit auch das ihre gefunden. Familie ist selten nachhaltig, bleibt auf verschlossener Distanz, Charlotte Rampling braucht vor dieser Zusammenkunft zumindest eine Therapiesitzung per Telefon.

Am Ende dann Eltern, die durch Abwesenheit präsenter sind als Waits und Rampling – ihr Ableben rückt die Sehnsucht nach der beschützenden, erzieherischen Instanz, nach einem Vorbild in den Mittelpunkt. Beide, Indya Moore und Luka Sabbat, erkennen die Besonderheit der Eltern erst nach ihrem Verschwinden, nach dem Gefühl des Verlustes. Auch sie entfremdete Wesen, zu denen man nicht anders konnte als aufzusehen.

Stilistische Spielereien

Natürlich erkennt man die eine oder andere Situation so oder anders aus dem eigenen Leben wieder. Nichts, was Jarmusch zeigt, ist von weit hergeholt, sondern unvermittelt erlebbar. Father Mother Sister Brother entwirft keine besonderen Welten, keine besonderen Momente – Jarmusch blickt auf den Kern der Begegnung, auf die Art des In-die-Augen-Sehens oder Nichtbetrachtens. Sein Episodenfilm ist von reduktionistischer Studienhaftigkeit, und es wäre nebst dieser familiären Ratlosigkeit kein spezieller Pfiff in ihnen vorhanden, würde der Filmemacher nicht die selbstauferlegte Challenge meistern wollen, einzelne Elemente in seinem Narrativ immer wiederkehren zu lassen. Das mag mitunter ganz witzig sein, wenn es sich um Paralleluniversen handeln würde, die zeitgleich und ineinander existieren – und vielleicht tun sie das ja auch. Vom Wert des Wassers ist die Rede, von einer eigentümlichen Phrase, die da heisst: „Fertig ist die Laube“. Von skateboardende Jungs oder den Fotos von damals, die, am Kaminsims, auf der Kommode oder als Teil des Nachlasses eine Zusammengehörigkeit dokumentieren, die einem längst schon wie weggewischt vorkommt. Letztlich hätte Jarmusch diese Spielerei gar nicht nötig gehabt, hat sie doch nur rein stilistisch einen gewissen dekorativen Wert, fürs inhaltliche Gesamtkonzept jedoch nicht den geringsten.

Father Mother Sister Brother (2025)

A Babysitter´s Guide to Monster Hunting

OBACHT, DAS TRAUMMÄNNLEIN KOMMT

3/10


ababysittersguide© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: RACHEL TALALAY

CAST: TAMARA SMART, OONA LAURENCE, TOM FELTON, INDYA MOORE, MOMONA TAMADA, CAMERON BANCROFT U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Genau solche Titel sind wie gemacht für vielversprechende Gruselabenteuer mit Fantasy-Touch,  und erinnern fast schon an Douglas Adams Hitchhikers Guide through the Galaxy. Wie schon in der Gruselkomödie Vampires vs. the Bronx müssen auch hier unterschiedlich gealterte, letzten Endes vigilante Kids in quotenmäßig verordneter ethnischer Vielfalt die Welt vor der Verbreitung des Bösen retten. Basierend auf der dreiteiligen Buchreihe des Autors Joe Ballarini hat´s der erste Teil mal ins Halloween-Angebot von Netflix geschafft. Die Regie hat Rachel Talalay übernommen, am besten bekannt für ihre Comic-Verfilmung Tank Girl mit Lori Petty aus den Neunzigern. A Babysitter´s Guide to Munster Hunting birgt ja schon mal ein launiges Konzept, rein aus dem Bauch heraus. Die Ausgangssituation klingt zumindest mal so, als würde jemand Die Monster AG neu verfilmen, aus Sicht der Kinder und noch dazu als Live Action Movie. Dieser Eindruck weicht aber schnell wieder. Viel mehr geht’s – und das ist für Volksschüler vielleicht dann doch ein bisschen zu spooky, obwohl der Film eine Freigabe von 7+ bekommen hat – in Richtung eines Coming of Age-Sandmann-Abenteuers, in dem speziell begabte Kinder aus ihren Betten entführt werden, um Alpträume zu bekommen, die sich dann manifestieren und auf die gesamte Menschheit losgelassen werden sollen. Das wiederum ist ja fast schon auf dem Niveau eines Horrormärchens im Stile von Jean Pierre Jeunets und Marc Caros Die Stadt der verlorenen Kinder. So kunstvoll abgehoben wird’s dann aber auch nicht. Ganz im Gegenteil – obwohl sich das Fantasyabenteuer ganz gut anlässt, verliert es nach einer Sitcom-Länge Spieldauer wieder gehörig an Fahrt, obwohl es da eigentlich so richtig losgehen hätte sollen, und schleppt sich bis zum vorhersehbaren Finale seltsam hölzern dahin.

So wie bei Vampires vs. The Bronx hapert es hier vor allem an einer schlampigen Drehbuchadaption, die keinerlei dramaturgische Dichte aufweist. Hier wie dort glänzt der Cast durch ungelenkes Spiel im Dunstkreis von fahrigem Fernsehpragmatismus. Eine Auftragsarbeit im Schnellverfahren. Ob Rachel Talalay selbst glücklich ist über ihren fertigen Film? Kann ich mir kaum vorstellen. Überraschenderweise stiehlt sich Harry Potters schulischer Erzfeind „Draco Malfoy“ Tom Felton in das knallbunte Brimborium zwischen unechten Talente-Show-Kulissen und gewolltem Epic-Fantasy-Naturalismus, und zwar als Imitation der Tim-Burton-Kultfigur Beetlejuice, die aber längst nicht so viel liebenswerten Schabernack treibt wie seinerseits Michael Keaton. CGI-Hingucker sind die drei kartoffelähnlichen Mönsterchens mit schiefem Gesicht, die für etwas Esprit sorgen, doch sie sind fast auch schon die einzigen, die dem Begriff Monster-Hunting etwas abgewinnen. Weitere Kreaturen sucht man außerhalb der Schatten allerdings vergebens. A Babysitter´s Guide to Monster Hunting ist ein lahmes, nichtssagendes Abenteuer, abgespult und formelhaft. Für alle, die ein Trostpflaster nach dieser Ernüchterung suchen: Guillermo del Toros Animationsserie Trolljäger ist die mit Abstand bessere Alternative.

A Babysitter´s Guide to Monster Hunting

Queen & Slim

AM WEG DES GRÖSSTEN WIDERSTANDS

6/10

 

Queen & Slim© 2020 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: MELINA MATSOUKAS

DREHBUCH: LENA WAITHE

CAST: DANIEL KALUUYA, JODIE TURNER_SMITH, BOOKEM WOODBINE, STURGILL SIMPSON, CHLOË SEVIGNY, INDYA MOORE U. A. 

 

Da haben sie wieder den Salat, diese Amerikaner. Der mutwillige Mord an George Floyd hat abermals die Gemüter erhitzt, Demos auf den Plan und zu Gewalt aufgerufen, vorwiegend gegen die von Weißen dominierte Exekutive. Langsam müsste man vermuten, ob beim Auswahlverfahren für Polizisten nicht generell ein gewisser arger Schlendrian herrscht, denn wie sonst kommt der rassistische Pöbel andauernd in Griffweite einer Polizeimarke? Wie viele davon würden übrigbleiben, die frei vom Hass auf Schwarze sind?

In Queen & Slim, einem Thriller-Roadmovie quer durch die Vereinigten Staaten mit Ziel Florida, wird diesmal allerdings ein Weißer erschossen. Ein Ordnungshüter, der vor farbigen Mitbürgern panische Angst verspürt. Nach einem Tinder-Date geraten Queen & Slim in eine Fahrzeugkontrolle, werden angehalten, müssen aussteigen. Schon da beginnt der Missbrauch von Amtsgewalt. Ein falsches Wort folgt dem nächsten und schon liegt der tote Polizist in der Gosse. Notwehr, klarer Fall. Das sagt auch die Fahrzeugkamera des Streifenwagens. Doch nüchtern betrachtet werden die beiden vor Gericht den Kürzeren ziehen, oder nicht? Also: gemeinsam fliehen, Richtung Süden eben, um mit einem Flieger nach Kuba ins Exil.

Schon klar, das ist der Traum der Revoluzzer. Und von vornherein zum Scheitern verurteilt, das sagt uns das Kino schon längst, nicht erst seit Bonny & Clyde. Das sagt uns das Kino mit Thelma & Louise, Sugarland Express oder Wisdom – alles Roadmovies auf dem Weg ins Wunderland, in die Illusion, in eine bessere, nicht existente Welt, wo alles seine Ordnung hat, und jeder die Wahrheit kennt. Denn würde das jeder tun, wäre sonnenklar, dass Queen & Slim nicht zwingend schuldig sind. Womit der Film einen kleinen Denkfehler hat, der mich rückblickend nicht ganz zufriedenstellen kann. Fakt ist: die Tat wurde gefilmt, und zwar so gut, dass der Tathergang mühelos rekonstruiert werden kann. Warum also so eine Angst vor dem Rechtsstaat? Ist es tatsächlich so, dass die Justiz wirklich immer noch das Recht der Schwarzen sabotiert? Musikvideo-Macherin Melina Matsoukas überhöht den Pessimismus der schwarzen Minderheit so stark, dass das Ausbrechen aus dem Rechtsstaat näherliegt als die ungleich höhere Chance zu nutzen, einen Prozess durchzustehen, der die Korrumpierbarkeit der Justiz nicht ganz so über einen Kamm schert. Nein, das machen sie nicht, die beiden. Dafür sind sie viel zu sehr Black Power, viel zu sehr gegen die Politik eines Donald Trump, die den Grundverdacht der Ablehnung mit sich herumträgt. Queen & Slim kämpfen sich vorwärts und feiern ihren gar nicht so privaten Aufstand. Badl stehen Gleichgesinnte Schulter an Schulter. Matsoukas arbeitet diesen afro-amerikanischen Gemeinschaftssinn extrem hervor. Die beiden Outlaws werden meist umjubelt, werden zu Helden hochstilisiert, zu Vorbildern gar, was natürlich nach hinten losgeht, wie der Film an manchen, aber vielleicht zu wenigen Stellen klar hervorhebt.

Queen & Slim ist die zeitgemäße Antithese zu Green Book, doch der Rassenhass bleibt meist außen vor. Er geistert wie ein Gespenst in den Köpfen der Protagonisten, als hätten beide ihr fixes Vorurteil trotz fehlenden empirischen Wissens, als wäre es rein die Kränkung für ein Unglück, das stellvertretend sein muss für einen ganzen gesellschaftlichen Zustand. Es ist ein Gefühl, dem beide nachgeben, mit Leidenschaft, einem richtigen Gangsterpärchen gleich, doch für das Gute nur. Das Amerika, das an den Fenstern des türkisfarbenen Oldtimers vorbezieht, ist seltsam anachronistisch. Sklaven auf dem Feld, Pferde auf der Ranch, und im Keller schrummt der Blues. Ein reaktionäres Amerika, das Freiheit nur denen gibt die es erkämpfen wollen. Queen & Slim – ein gefälliger Brother- and Sisterhood-Gruß, der längst nicht immer erwidert wird.

Queen & Slim