Tove

TANZEN MIT DEN MUMINS

7/10


tove© 2021 Salzgeber


LAND / JAHR: FINNLAND, SCHWEDEN 2020

REGIE: ZAIDA BERGROTH

CAST: ALMA PÖYSTI, KRISTA KOSONEN, SHANTI RONEY, JOANNA HAARTTI, EEVA PUTRO, JAKOB ÖHRMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Kennt ihr diese knapp einen halben Meter großen, nilpferdähnlichen Strichwesen? Ihr habt diese gutherzigen Zeitgenossen sicher schon mal gesehen. Zumindest mir geht es so. Von irgendwoher kenn ich sie. Man nennt sie die Mumins. Klingelts da vielleicht? Aus der eigenen Kindheit? Beim Stöbern in Buchläden für den Nachwuchs? Kann durchaus sein. Die Mumins wurden zum Kassenschlager, waren die beliebten Stars noch beliebterer Kinderbücher. Dahinter stand Tove Jansson. Von dieser Dame hatte ich vor Sichtung dieses Films allerdings noch nie etwas gehört. Und es beweist, dass Finnland nicht nur den Komponisten Sibelius oder den Filmemacher Aki Kaurismäki hervorgebracht hat. Da gibt’s noch viele andere, die sollte man entdecken, und gerade für Leute, die ihr Glück im Ausleben ihrer künstlerischen Ader finden und sich gerne von Zielstrebigkeit und kreativem Output anderer motivieren lassen, sind Biopics wie Tove eine willkommene Ergänzung diverser Lücken auf der eigenen Wissensstraße der Kunst und Kultur. Dabei war Tove Jansson, zwar ermutigt, aber auch in eine Nische gedrängt durch ihren dominanten Vater, viel weniger eine Verfechterin der neoexpressionistischen Malerei als vielmehr eine Frau, die das etwas verstoßene Genre des Comiczeichnens bravourös mit jenen Skills verbunden hat, die zum Beispiel Astrid Lindgren wunderbar beherrscht hat – dem Geschichtenerzählen für Kinder.

Und noch was kommt hinzu, was in den Vierziger- und Fünfzigerjahren maximal in den Enklaven militanter Künstlerkreise demonstrativ ausgelebt wurde: die sexuelle Freiheit. Verfilmte Zeitbilder wie diese dürften in Ländern wie Russland oder Saudi-Arabien nicht mal unter der Hand weitergereicht werden – verboten und verpönt ist dort jedwede homosexuelle Tendenz oder gar künstlerische Darstellung. In Finnland ist das aber anders, zum Glück. Und auch im übrigen Europa. Und so lassen sich ganz entspannt hierzulande im Kino die Stationen eines Lebens verfolgen, dessen Protagonistin im übertragenen Sinne permanent am Tanzen war. Zu erkennen ist eine von Neugier und Selbstbestimmung durchwirkte Orientierungslosigkeit, die viel Unruhe erzeugt, so viel als geht gleichzeitig ausprobieren will und Individualisten wie Tove Janssen eben nicht nur an einer Sache kontinuierlich arbeiten lässt.

Diesen ewigen Tanz, mit oder ohne Mumins oder mit der leidenschaftlich geliebten Theaterregisseurin Vivica Bandler, die Toves phantastische Wesen tatsächlich auch auf die Bühne gebracht und so ihren Erfolg dafür in richtige Bahnen gelenkt hat, beherrscht die finnische Schauspielerin Alma Pöysti mit Bravour. Tove ist deswegen gelungen, weil, und so soll es auch sein, die kindlich-aparte Blondine mit dem blassen Teint alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Pöysti, die bereits mehrmals animierten Mumins-Filmen ihre Stimme lieh, hat mindestens so viel unverwechselbare Ausstrahlung wie zum Beispiel Tilda Swinton. Pöysti ist unverwechselbar in ihrer Erscheinung und man merkt, dass ihr die Materie alles andere als fremd scheint. In die Figur von Tove lässt sie sich fallen, vor allem intuitiv und impulsiv. Ihr zur Seite lässt sich Krista Kosonen entdecken, die frappant an die junge Barbara Sukowa erinnert, dabei aber eigentlich durch ihre Rolle in der schwedischen Fantasyserie Beforeigners Liebhabern europäischer Serienphantastik längst bekannt sein sollte. Ist sie aber nicht, vielleicht, weil beide Rollen so dermaßen grundverschieden sind, dass der Konnex dazwischen nicht gegeben ist. Beide zusammen, aber auch der Cast in den Nebenrollen, besticht durch Empathie für seine Rollen. In Tove regieren keine Gewalt, keine Niederträchtigkeit oder andere, nachhaltige Dramen. Das Biopic von Zaida Bergroth ist die sanfte, oft verträumte und diskret leidenschaftliche Geschichte einer Künstlergenese, die zwar bis zum finanziellen Erfolg reicht, in Wahreit aber stets den selben, im Kreise drehenden Parcour bestreitet. Das Leben, ein ständiger Neuanfang.

Tove

Astrid

DIE WELT, WIDDEWIDDE WIE SIE MIR GEFÄLLT

7/10

 

astrid© 2018 DCM

 

LAND: SCHWEDEN, DÄNEMARK 2018

REGIE: PERNILLE FISCHER CHRISTENSEN

CAST: ALBA AUGUST, TRINE DYRHOLM, HENRIK RAFAELSEN, MAGNUS KREPPER U. A.

 

Erst vor ein paar Wochen durfte ich gemeinsam mit meinem Filius einer Bühnenadaption des märchenhaften Abenteuers Ronja Räubertochter beiwohnen. Den DramaturgInnen ist die Aufbereitung fürs Theater fabelhaft gelungen. Die Mattisburg, der Wald und all die Rumpelwichte und Wiltruden sind mit wenigen Kniffen gleich einem Pop-up-Buch überzeugend arrangiert und zum Leben erweckt. Zwischen den Fronten der Mattisbande und der Borkasbande: ein aufgewecktes elfjähriges Mädchen, das Traditionen, die Moral ihrer Eltern und gesellschaftliche Dogmen hinterfragt. Alles ganz anders machen will, und mit dem angeblichen Feind ganz einfach lieb Freund ist. Weil Dinge hinterfragt werden müssen – oder Erfahrungen einfach selber gemacht. Denn wie sonst kann ein Mädchen sich seine eigene Meinung bilden? Ronja Räubertochter ist nur eine von ganz vielen Geschichten, die die schwedische Autorin Astrid Lindgren Zeit ihres Lebens niedergeschrieben hat. Zu größter Berühmtheit gelangte natürlich Pippi Langstrumpf – das kindliche Aufbegehren schlechthin. Ein Leben jenseits aller Regeln, die erste Superheldin zwischen Clownerie und Selbstbestimmung. Inger Nilsson hat dieser Ikone der Kinderliteratur im Fernsehen ein zeitloses Gesicht gegeben. Doch wie und warum hat sich Astrid Lindgren so sehr auf Jugendbücher spezialisiert? Warum haben Kinder vor allem literarisch so sehr ihr Leben dominiert?

Dieser Frage ist die schwedische Regisseurin Pernille Fischer Christensen nachgegangen. Ihr Film mit dem schlichten Titel Astrid ist eine unprätentiöse Annäherung an eine biographische Episode aus dem Leben der weltberühmten Autorin und gleichzeitig eine behutsam gesponnene Hymne auf eine weltbewegende Künstlerin, die das Aufwachsen so vieler Kinder mitgeprägt hat. Eine berührende Idee, während des Filmes immer wieder mal Leserbriefe aus dem Off mit den Stimmen von Kindern rezitieren zu lassen, um einen Ausblick auf das zu geben, was die junge Astrid Ericsson zukünftig erreichen wird. Davon aber hat sie im jugendlichen Alter von 16 Jahren eigentlich noch überhaupt keinen blassen Schimmer. Schreiben, das kann sie, das durfte sie schon unter Beweis stellen. Ein kreativer Kopf ist sie auch. Und jemand, der sich gerne über gesellschaftliches Regelwerk hinwegsetzt. Ein bisschen Pippi schimmert da schon durch. Und dann die Sache mit dem Zeitungsverleger Blomberg. Der viel ältere, getrenntlebende Vater zweier Kinder fängt mit dem jungen Mädchen eine Liaison an, die den kleinen Lasse das Licht der Welt erblicken lässt. Allerdings inkognito, denn in einer Zeit wie dieser war die kirchliche Gemeinde alles und ein uneheliches Kind gar nichts. Astrid muss also ihren Erstgeborenen vor übler Nachrede verstecken und ziemlich viele Entbehrungen auf sich nehmen, bis sie endlich zu sich selbst steht – und ihr Aufbegehren einen Sinn bekommt.

Es schnürt einem das Herz zusammen, wenn die eigene Mutter den kleinen Blondschopf zurücklassen muss. Wenn das Kleinkind das eigene Fleisch und Blut ablehnt. Wenn das Muttersein so abgestraft wird, dass es wehtut. Alba August bleibt in dieser prominenten Coming of Age-True Story nachhaltig im Gedächtnis. Vom Zöpfe tragenden, quirligen Teenie zur verantwortungsbewussten Frau weiß die 25jährige Schwedin, die erstmals in der Netflix-Serie The Rain in Erscheinung tritt, ihre Rolle glaubhaft zu nuancieren und die feministische Chronik gänzlich für sich zu beanspruchen. In einem Film, der an die rustikalen Bullerbü-Verfilmungen aus den 70ern erinnert, und dann wieder in nüchternen, aber eleganten Bildern die 20er-Jahre des ländlichen wie urbanen Schwedens abzubilden weiß, ohne sich in Postkartenoptik zu verlieren. Das warme Licht des Nordens aber legt sich über alles, und nichts ist trostlos genug, um die Zuversicht zu verlieren, die Astrid Lindgren stets beharrlich mit sich trägt. Alba August weiß auch das zu vermitteln.

Einziges Manko an diesem stimmigen Lebenslauf ist Fischer Christensen´s Hang zu ausuferndem Erzählen. Mit knapp über zwei Stunden hängt die Kamera szenenweise zu lange an der versonnenen Mimik der jungen Astrid Lindgren, verharrt zu lange an manchen Orten und macht es der Handlung manchmal etwas zu schwer, wieder in den Rhythmus zu finden. Da kann schon die eine oder andere Ungeduld erwachsen, doch letzten Endes wird man zum Abspann belohnt mit dem Gänsehautmoment eines Liedes der norwegischen Folksängerin Ane Brun. Dazwischen letzte Szenen eines wiedergefundenen Lebensglücks, das später in Ronja, Karlsson oder Michel von Lönneberga auf ewig weiterleben wird.

Astrid