No Good Men (2026)

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

7,5/10


Anwar Hashimi und Shahrbanoo Sadat im Film No Good Men
© 2026 Polyfilm / Virginie Surdej


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK, NORWEGEN 2026

REGIE: SHAHRBANOO SADAT

DREHBUCH: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI

KAMERA: VIRGINIE SURDEJ

CAST: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI, LIAM HUSSAINI, YASIN NEGAH, TORKAN OMARI, FATIMA HASSANI, AHMAD AZIZI, MASIHULLAH TAJZAI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Wird man als Außenstehender Gewalt gegen Frauen gewahr, sagt es schon der uns allen hoffentlich zugrundeliegende Menschenverstand, dass wir einschreiten sollen. Hat man denn die glückliche Gelegenheit, dem toxisch-männlichen Gewalttäter im Vorteil zu sein, ist dieses Einschreiten noch selbstverständlicher als sonst.

Eine Kosten-Nutzen-Rechnung gegenüber Unrecht

Die Welt aber sieht weg, seit im April 2021 die US-amerikanischen Soldaten aus Afghanistan abgezogen sind und die unsäglichen Taliban wieder die Macht ergriffen haben. Wohlwissend, dass es für Frauen und gebildete Menschen die Fahrkarte in die Hölle bedeuten würde, haben jene, die die Gelegenheit hätten, dem toxisch-männlichen Gewalttäter gegenüber im Vorteil zu sein, dem Unglück den Rücken gekehrt.

Geht uns alle nichts an. Im Gegenteil, gewisse Innenminister suchen den diplomatischen Kontakt zu radikalen Verbrechern. Kann man machen, wurde in der NS-Zeit ja auch getan. Gut ist das nicht. Zivilcourage wird gefordert, doch nur im Privaten. Global gesehen überlässt man das Land am Hindukusch seinem Schicksal. Stattdessen greift man lieber andere Länder an, die zumindest Öl haben. Einen gewissen Eigennutz sollte man dabei schon einfordern dürfen, oder?

Valentinstag in Kabul

Hat diese nicht minder subjektive Stellungnahme zur Lage einer verlorenen Nation irgendetwas mit diesem Film zu tun? Zumindest sind es assoziative Gedanken, die bei No Good Men der Reihe nach hochkommen.

Nicht in Afghanistan (wie denn auch?), sondern vorwiegend in Deutschland gedreht, zeigt der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale die afghanische Hauptstadt Kabul zumindest vor dem Abzug der US-Truppen und demnach auch vor der Invasion der Taliban als das sehr wohl patriarchale, aber duldsame Konstrukt einer urbanen Gesellschaft – ähnlich den Zuständen in Kairo, vielleicht weniger radikal als in Teheran. Frauen sind aber, wie sonst auch überall in muslimischen Ländern, diejenigen, die die Care-Arbeit leisten, während Männer das Geld heimbringen zu ihrem Eigentum, ihrer Frau und Familie. Der Mann hat das Sagen, und widerspricht man ihm, setzt es Strafen. Von Liebe ist da längst keine Rede mehr. Oder wie sieht das aus, in so einem Land an einem Valentinstag? War jemals irgendwann die Rede von Liebe?

Des Mannes Eigentum

Ernüchternde Erkenntnisse bringt Kamerafrau Naru, die fürs Kabuler Fernsehen arbeitet, von einer aufgebürdeten Straßenbefragung zurück ins Studio. Ich liebe dich ist in dieser Gesellschaft ein Fremdwort, Liebe gleichzusetzen mit Unterwerfung, Ehe ein Arrangement, das Frauen eingehen müssen, um nicht auf der Straße zu stehen. Mit resignativen Minen finden sie zu diesen Statements den bitteren Humor, der die Qual der Wahl, ein anderes Leben zu führen, durch eine andere, ausweglose ersetzt.

Hätte der renommierte Journalist Qodrat sie nicht als Lektion für ihr aufmüpfiges Verhalten auf die Straße gesetzt, wäre es zu diesem Lokalaugenschein gar nicht erst gekommen. Und dieser hätte wohl auch nicht darüber nachgedacht, vielleicht doch falsch gehandelt zu haben. Denn schließlich ist Qodrat ja ein Gentleman, einer von den Guten – obwohl man meinen könnte: Gute Männer gibt es in Afghanistan keine mehr.

Der etwas andere Humphrey Bogart

No Good Men ist nicht gegen die lieben Männer gerichtet. Sondern, so Hauptdarsteller Anwar Hashimi, der den Film auch live im Metrokino in Wien vorgestellt hat, viel eher eine Ode an selbige. Zumindest an die einzelnen, letzten Gentlemen. In diesem Fall eben Qodrat, der Naru auf Augenhöhe begegnet, selbst mit der reservierten Lässigkeit eines Humphrey Bogart die Welt sieht und fast schon als „Frauenheld“ oder „Macho“ betrachtet werden könnte. Doch diese Attitüde führt in die Irre. Zwischen Qodrat und Naru entsteht eine Bindung, eine leise, zärtliche, versteckte Romanze, die lediglich aus dem Respekt und der Achtsamkeit füreinander entsteht. Kaum zu glauben, dass das Ende bald kommen und niemand mehr hinsehen wird. Doch die beiden erleben etwas, was in diesen Breiten fast schon als unmöglich gilt. Sie erleben vielleicht etwas, das sich Liebe nennt.

Ein Blickwinkel ist niemals genug

Shahrbanoo Sadat ist ein verdammt kluger Kopf. Eine Künstlerin, die alles andere sein will, nur nicht militant oder festgefahren in einer einseitigen Agenda. Nicht nur, dass sie selbst Regie geführt hat – sie hat sich noch dazu selbst inszeniert, und das Ganze in Zusammenarbeit mit Anwar Hashimi zu Papier gebracht. Ein Mann und eine Frau arbeiten gleichberechtigt an einer Geschichte und schaffen eine Tragikomödie mit Esprit, Wortgewandtheit und Augenzwinkern. Und mit dem nötigen Quantum an Schmerz, Wehmut und Trauer. Niemals ist No Good Men ein Lamento, sondern setzt Taten, begehrt auf und konfrontiert. Kein Film, der in seiner eigenen Verzweiflung versinkt, denn Grund genug dafür gäbe es. Vielmehr ein kokettierender Tanz auf dem Vulkan oder fast schon eine Art Endzeitkomödie, über die man nur so viel schmunzeln kann, wie es die Figuren des Films auch selbst zulassen. Und nicht nur einmal blickt dabei die Frau auf den Mann herab.

Ein ganz großer Kinomoment

Wenn sich am Ende der Anfang vom Ende anbahnt, weicht die Leichtigkeit einer charmanten Gesellschaftskritik emotionalem, großem Kino und einem bekennenden Moment der Nähe, wie man ihn als Vorbild in Casablanca gesehen hat. Hier werden unter den Füßen all jener, die ihr Heil in der Flucht vor dem Gottesstaat suchen, Rollenbilder zertrampelt und aus dem Weg gestoßen. Hier ist der Good Man nicht der selbstgefällige Selbstlose, sondern der Wertschätzende und Liebende. Eine kleine Welt, die aus ihren Fehlern gelernt hat, inmitten eines Desasters, dessen krankes Frauenbild unbelehrbar bleibt.

No Good Men (2026)

Die andere Seite (2026)

ENDLICH ÜBER DEM BERG SEIN

6/0


Nina Hoss ist im Film Die andere Seite auf der Flucht© 2026 Trimafilm / Florian Strandl / X Verleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: MARIKO MINOGUCHI

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: NINA HOSS, PRECIOUS MARIAM SANUSI, BARBARA PETRITSCH, MOHAMED ACHOUR, JOHANNES NUSSBAUM, THERESE AFFOLTER, HELMUTH A. HÄUSLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Einem Kaninchen das Fell abzuziehen ist sicher nicht leicht. Schon gar nicht, wenn es unter Zeitdruck geschieht, denn jeden Moment könnte Hanna (Nina Hoss) entdeckt werden. Mit diesen Bildern beginnt das dystopische Fluchtdrama von Mariko Minoguchi, welche die Schauspielerin herausfordernd distanzlos in Szene setzt. Auf diese Weise einem filmischen Prozess ausgesetzt zu sein, fordert womöglich noch mehr Einsatz und Bereitschaft als archaische Essenszubereitung unter Kälte, Nässe und der Möglichkeit, erwischt zu werden.

Die filmische Belagerung der Intimsphäre

In Großaufnahme blickt Nina Hoss‘ Auge nervös hin und her, durch kein anderes menschliches Organ lassen sich Stress, Angst und Anspannung besser visualisieren als durch dieses empfindliche Konstrukt, das besser als jede Kamera Licht und Farben wahrnehmen kann.

Die Welt selbst aber ist farblos geworden, sie hat mehr schlecht als recht eine Pandemie hinter sich gebracht, die wohl exorbitant mehr Todesopfer eingefordert haben muss als jene, die wir kennengelernt haben: Covid oder Corona, durchwachsene Jahre mit Lockdown, Babyelefanten und dem Damoklesschwert der Triage über unseren Köpfen.

Die nächsten zwei Wochen waren da immer entscheidend – nicht so bei Nina Hoss, die sich schon seit Jahren im deutschen Forst versteckt hält. Klar ist: Die Infizierten müssen in Quarantäne, aufgrund der Menge an Fällen gibt es Camps, die aber, so lässt es der Film durchblicken, mit einem menschenunwürdigen Dasein drohen.

Kein Zusammenbruch des Systems

Minoguchi orientiert sich dabei weniger an einer urbanen Dystopie als vielmehr an einem postapokalyptischen Szenario – alles fühlt sich an, als wäre die Zivilisation zusammengebrochen. Im Allgemeinen ist sie das nicht, sondern nur für die zwar infizierte, aber nicht erkrankte Ex-Ehefrau und -Mutter Hanna. Die Endzeit für das Individuum mag zwar nicht eine solche Wirkung haben wie das globale Pendant, lässt sich aber, weil Minoguchi so nahe an ihre Survivalistin herangeht, deutlich höherschrauben, denn das ganze Drumherum, die Welt um Nina Hoss herum, spart sie mehr oder weniger dann aus, wenn es in die Zivilisation geht.

Wir ahnen nur immer wieder die Infrastruktur nach der Krise, wir bemerken einen intakten Alltag mit FFP2-Masken und militärischer wie fachkundiger Präsenz – wie damals, als Impfzelte das Stadtbild auch bei uns prägten. Wie schlimm es ist, lässt sich bis auf ein paar Fetzen, die den Status quo übermitteln, nur schwer herausfinden.

Alle sind wir letzten Endes auf uns allein gestellt

Diese Ahnung, lediglich dieses Vermuten, lässt mich als Zuseher genauso schwimmen wie Nina Hoss. Irgendwann bricht diese nämlich ihre Zelte ab und wandert in den Süden – dorthin, wo das Virus dank der hohen UV-Strahlung besser einzudämmen ist als in Mitteleuropa. Ihr Weg in die Zuflucht, fernab von hollywoodeskem Parkour à la Greenland, gestaltet sich als entbehrungsreiche Reise, während dieser es der Himmel nicht gut mit ihr meint, die Kälte unter das Gewand kriecht, die Physis nur noch schwer mitmacht.

Minoguchi erspart uns zwar sämtliche Klischees eines virusbedingten Endzeit-Generalverdachts, nutzt aber das Schreckgespenst einer Krankheit lediglich als Variable für den Zustand von Isolation, Verfolgung und Solidarität. Zu wenig plakativ? Zu sehr metaphorisch? Irgendetwas fehlt, vielleicht ist es das, was in anderen themenverwandten Filmen, die dank einer explizit dargestellten Gefahr (Carriers, Contagion) der Bedrohung ein Gesicht geben, für klare Verhältnisse sorgt.

Die Verhältnisse in Die andere Seite bleiben diffus. Lieber One-Woman-Show als Fluchtkammerspiel in und über die Berge. Nina Hoss gibt alles, der Film selbst gibt weniger als das, was wir ansatzweise überwunden haben.

Die andere Seite (2026)

AnyMart (2026)

TOTALITARISMUS IM SONDERANGEBOT

7/10


Shôta Sometani folgt den Regeln im Film Anymart
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: YUSUKE IWASAKI

KAMERA: MAO OHKAWARA

CAST: SHÔTA SOMETANI, ERIKA KARATA, MASAHIKO NISHIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN



Ein Trailer, der nichts preisgibt

Zeig mir den Trailer, und ich sag dir, ob ich mir den Film ansehe: Das, was man vorab von AnyMart zu sehen bekommt, wird wohl niemanden so schnell dazu bewegen, ins Kino zu gehen. Wir sehen einen Japaner, womöglich Mitte zwanzig, irgendwo an einer Supermarktkassa irgendeiner Lebensmittelkette, daher auch der Titel: AnyMart.

In so einem Laden steht da einer und schaut – ausdruckslos, gelangweilt und fast schon wie in Trance. Diese Gleichgültigkeit nahe am Gehirn-Standby hat auch etwas Bedrohliches. Langsam fährt die Kamera näher, als würde gleich in der nächsten Sekunde etwas Entsetzliches passieren. Doch es ist nur dieser Mann, der während des Wartens auf Kundschaft vor sich hin starrt. Was will uns dieser Trailer damit sagen?

Endstation Supermarkt?

Ist es die Ruhe vor einem Amoklauf? Aufgestauter Frust? Ermüdung angesichts der Uniformität verpackter Hühnerteile? Bedient AnyMart das Gerücht oder vielleicht das Klischee, dass im gehorsamen Mikrokosmos eines Supermarktes ein Tag wie der andere ist, jede Woche wie die nächste und jedes Jahr wie das darauffolgende? Dass es zwischen Kassa, Rabattaktionen und dem Nachschlichten von Waren nichts gibt außer das Vakuum eines zomboiden Konformismus, den das Management vorschreibt?

Das Urteil, das AnyMart über eine gesamte Branche fällt, ist aber nur eine Metapher für etwas ganz anderes. Und zwar für ein System aus Regeln, Normen und Disziplin. Ist dieses Konstrukt erstmal geschaffen, lässt sich das Individuum so sehr unterordnen, dass es nicht mehr zu denken braucht.

Die totale Kontrolle

In diesem kleinen Lebensmittelladen arbeitet der bereits aus dem Trailer bekannte Sakai – es stellt sich heraus: Völlig eingelullt von der Tristesse des Alltags ist er noch nicht, doch er folgt brav den Anweisungen seines Vaters, dem das Geschäft gehört. Dieser sitzt vorwiegend in einem schmalen Hinterzimmer vor dem Bildschirm und beobachtet seine Bediensteten, er ist Herr über Recht und Ordnung. Was er sagt, ist Gesetz. Selber denken darf hier keiner, sondern ausschließlich befolgen, was zu tun er aufträgt. Ein Big Brother im Kleinformat.

Die totale Unterdrückung

Diese Starre des Systems ist unerbittlich. Nichts bewegt sich, jede Abweichung wird geahndet. Und dann kommt Ogawa, eine engagierte junge Frau, die sich so viel Geld dazuverdienen will, um nach ihrer Ausbildung zur Friseurin einen eigenen Laden zu eröffnen. Siehe da, da hat jemand Ambitionen. Da denkt jemand selbst. Auch gegenüber dem AnyMart versucht es ein Einzelunternehmer mit Quiches aller Art.

Der Konformismus schlägt jedoch überall zu, das Individuum zählt nichts, die Furcht und die Abscheu vor Ideen brennen auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf selbstbestimmten Erfolg nieder. Wie unbarmherzig lässt diese triste Dystopie eines Arbeitsmarkt-Horrors die Peitsche knallen. Schwarzhumorig kann man das nennen, oder aber auch zutiefst zynisch. Das leise Aufbegehren gegen Windmühlen mag gar nie zu einer Revolution ausarten, denn unter den Teppich gekehrt wird, was das System fehlerhaft erscheinen lässt.

Anders gedacht ist schon halb verloren

Der ebenfalls besondere und außerhalb der Wahrnehmung existierende Geheimtipp Corner Office schickt Jon Hamm statt in den Supermarkt ins Büro, um dort einen imaginären Raum zu entdecken, der die Leistungsfähigkeit beflügelt. Gern gesehen wird das Ausscheren aus der Reihe dort genauso wenig wie im japanischen Plastikverpackungs-Eldorado. Während Corner Office als smarte Mystery daherkommt, taucht AnyMart resignierend in die Finsternis ab.

Dabei zündet Regiedebütant Yusuke Iwasaki für seinen ersten Spielfilm eine lange Lunte. Die repetitive Trostlosigkeit der Existenzen mag in ihrer ereignislosen Nüchternheit beunruhigen – und ja, AnyMart bleibt selbst unbeweglich und starr in der Schilderung tödlichen Starrsinns in einer Vorhölle aus Ordnung, die keinen Widerspruch duldet.

Der wohl bitterste Film des ganzen Slash Filmfestivals ist ein Spätzünder und wirkt mit einiger Verspätung erst so richtig nach wie Muskelkater. Als hätte man sich halb zu Tode geschuftet und wüsste gar nicht mal, wofür.

AnyMart (2026)

No Rest for the Wicked (2026)

WIR ALLE SIND INSELN

7,5/10


Pilou Asbæk und Egor Venned in der Literaturverfilmung No Rest for the Wicked
© 2026 Polyfilm / Slash Filmfestival


LAND / JAHR: DÄNEMARK, ISLAND, FÄRÖER 2026

REGIE: KASPER KALLE

DREHBUCH: RASMUS BIRCH, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON KARL HEINRICH ULRICHS

KAMERA: JACOB MØLLER

CAST: PILOU ASBÆK, EGOR VENNED, SOFIA NOLSØE, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, KJARTAN HANSEN, BÚI DAM, NICOLAJ FALCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Wer glaubt, dass der Färöer-Archipel zu Island gehört, irrt genauso wie jene, die glauben, er gehöre zu Schottland oder Norwegen. Nichts da, diese Inselwelt, die aussieht, als wäre sie eine der nordischen Welten, die man erreichen kann, wenn man durch Portale schreitet, die nur gottähnlichen Metawesen zugänglich sind, gehört zu Dänemark, also zumindest zur Krone, verwaltet sich aber, wie Grönland, stets autonom. Anders wäre diese Abgelegenheit gar nicht machbar.

Ein Baum, was ist das?

Wasserfälle und an den dunklen Felswänden entlang mäandernde Rinnsale wirken fast organisch. Tief ins Innere führen kleine, stille Fjorde, außen tobt der Nordatlantik und hat so manchen Kahn schon auf Grund gesetzt. Wie isoliert muss diese Welt erscheinen, wenn man die Zeit zurückdreht, sagen wir ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Romantik und der Schauergeschichten zwischen Mary Shelley, Lord Byron und Bram Stoker. Es ist die Zeit der melancholischen Landschaftsmaler und der Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod. Und eine Zeit, in der niemand die Spielarten von Liebe und Zuneigung überhaupt hinterfragt. Schließlich geht es nur ums Überleben in dieser kalten, baumlosen und vom Wetter dominierten Unwirtlichkeit.

Wir retten uns gegenseitig

In so einer Welt muss der junge Erwachsene Baldur seinen Vater ersetzen und bei Muttern leben, die ein frommes, karges Leben führt und nicht unwesentlich starken Druck auf ihren Sohn ausübt, damit der nicht auf die Idee kommt, sein eigenes Leben zu leben.

Bis er beim Rudern zwischen den Klippen und Felsen auf den Schiffbrüchigen Helge stößt. Der eine rettet den anderen und umgekehrt, und schon sitzt der Däne Pilou Asbæk, den wir alle aus der Kultserie Game of Thrones kennen, in welcher er den garstigen Onkel Euron Greyjoy gegeben hat, am Tisch zwischen Baldur und seiner Mutter, die schon gleich ein Auge auf ihn wirft, nichts ahnend, dass sich Helge dem gleichen Geschlecht zugehörig fühlt. Eine Romanze bahnt sich an, bei welcher von vornherein klar ist, dass die Gesetze der Färöer-Inseln nicht für Liebende gemacht sind.

Dem Zeitgeist verbunden und dennoch vordenken

Diese Wildromantik, die Kasper Kalle hier in seinem zweiten Langfilm das Geschehen dominieren lässt, dient dazu, eine 1884 verfasste Kurzgeschichte des deutschen Schriftstellers Karl Heinrich Ulrichs zu illustrieren, eines Mannes, der als Vorreiter in den Belangen homosexueller Menschen gilt. Klarerweise ist seine melodramatische, düstere Liebesgeschichte von all diesen avantgardistischen Gedanken geprägt – und er verknüpft sie mit vertrauten Tropen aus dem Schauergenre rund um Wiedergänger und Vampire, die damals wohl noch ein und dasselbe waren. Bram Stoker wird seinen berühmten Roman noch schreiben, Mary Shelleys Klassiker liegt schon Jahrzehnte zurück.

Sehnsucht, Bestimmung und Pflicht

Bereits früh im Film ist klar: Zwischen Pilou Asbæks Figur und des vom Färöer Schauspieldebütanten Egor Venned dargestellten Baldur gibt es eine Verbindung, die weit über den Tod und das tragische Schicksal hinausgeht. Ob nun Kasper Kalle dem morbiden Sehnsuchtsgenre Neues abverlangen kann?

Es gelingt insofern, als sich Kalle voll und ganz auf jene Stimmung verlässt, die ihm die Färöer Landschaft vermittelt. Viel tun dafür muss er nicht. Regen, Nebel und dergleichen kommen wie das Amen im Gebet. Das ist klassisch, das ist gut so, um all das, was an Paranormalem passiert, etwas anders zu erzählen.

Das, was vom Mythos erzählt, fällt nicht ganz so klassisch aus. Vielmehr geht es um das Rollenspiel unter den dreien, oder ich will fast sagen vieren, denn der absente, tote Vater, dessen Lücke niemand füllen will, drängt danach, ersetzt zu werden. Es ist ein Reigen der Bestimmungen: Die Mutter sieht Helge als Mann, Helge sieht dieses Heim als Zuflucht, Baldur Helge als seinen Schlüssel zur Freiheit.

Der letzte Wille stirbt nie

Wenn dann der Tod zum Thema wird, weicht die rationale Physik okkulten Gesetzen, die tief in die historische Angst vor Wiedergängern eintaucht und die Ursache des Untoten-Daseins fast schon absichtlich missverstehen, damit Kalle sie entsprechend interpretieren kann. Das geht mit viel Dunkelheit, wenigen Worten, wenig, aber doch mit Blut und gänzlich ohne Maskerade.

Mag sein, dass für die Intensität dieser Liebe zu wenig Platz bleibt. Das, was später folgt, mag sich gar nicht mal auf diese innige Zugehörigkeit rückbesinnen können, da sie fast ausschließlich durch Körperlichkeiten dargestellt wurde, nicht aber durch geistige, charakterliche Verschmelzung.

Woher dann diese Sehnsucht? Weil alle in dieser Welt irgendwo dazugehören wollen, zu jemand anderem, zu einer anderen Welt vielleicht außerhalb dieses eigenen Archipels? Die queere Liebe ist da nur eine Variation einer ganz anderen Selbstbestimmung, die mit postmortalem Recht und Gehörtwerden zu tun hat.

No Rest for the Wicked (2026)

Her Private Hell (2026)

HAUTE COUTURE IM KUNSTNEBEL

4/10


Sophie Thatcher erlebt ihre eigene Hölle in Her Private Hell
© 2026 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, USA 2026

REGIE: NICOLAS WINDING REFN

DREHBUCH: NICOLAS WINDING REFN, ESTI GIORDANI

KAMERA: PINO DONAGGIO

CAST: SOPHIE THATCHER, HAVANA ROSE LIU, CHARLES MELTON, KRISTINE FROSETH, DOUGRAY SCOTT, DIEGO CALVA, SHIOLI KUTSUNA, AOI YAMADA, SHIOLI KUTSUNA, HIDETOSHI NISHIIMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Es ist wieder soweit

Weihnachten. Oder sagen wir: Wie Weihnachten. Und zwar für alle, die das fantastische Genrekino lieben, das sich irgendwo zwischen Fantasy, Science-Fiction, Horror und Thriller befindet und zwischen all diesen vier Arten von Film hin- und herswitcht wie ein unruhiger Geist, der nicht weiß, wen er heimsuchen soll. Was dann passiert, sind zwölf wunderbare Tage, die länger andauern als die Festtage am Ende des Jahres und wo man sich Familie aussuchen kann. Nämlich jene des Slash.

Da sind sie wieder, die üblichen Verdächtigen, denen man jedes Mal gewahr wird, und auch ich bin so einer, mit meinem Filmgenuss-gebrandeten T-Shirt, der wohl fast jeden Tag das Filmcasino ganz so wie der unruhige Geist heimsuchen wird, um sich danach vor die Tastatur zu setzen und seine Gedanken in Sätze zu formen. Und das Beste: Ich weiß nicht, was kommen wird.

Ein Feinspitz für surreales Gewaltkino

Was man aber wusste: Nicolas Winding Refn wird seinen neuesten Film höchstpersönlich präsentieren, mit anschließender Fragerunde zu einem Streifen, der, und das muss ich zugeben, wieder mal bestätigt, dass der visionäre Feinspitz für surreales Gewaltkino nicht so ganz meinen Geschmack trifft. Das ist natürlich rein subjektiv, doch ein Teil dieser Filmkritiken, die ich hier schreibe, trägt natürlich auch das Kolorit meiner persönlichen Meinung. Also will ich ganz ehrlich sein.

Drive war tatsächlich ein stringenter Thriller mit ordentlich Drama dahinter – stimmig, gewaltspitz, so richtig Noir. Walhalla Rising – nun, da muss man kein Nordisch sprechen, denn gesprochen wird hier ohnehin nichts, wenn Mads Mikkelsen als absolutionssüchtiger Wikinger in der schlammigen Erde wühlt. Bei Only God Forgives bin ich ausgestiegen. Nichts für mich, zu krude, zu substanzlos, und die Sache mit den Essstäbchen, nun ja, das muss man mögen oder auch nicht.

Doch wenn schon Slash-Premiere, bei der ich nicht fehlen möchte, dann geht auch der neue Winding Refn. Ein sehr freundlicher, witziger Kerl, der gerne Autogramme gibt und der die von Festivalleiter Markus Keuschnigg übergebene Urne d’Honor trotz seines schrägen Filmstils tatsächlich noch um einen Tick bizarrer findet. Rot glänzend lag das kleine glänzende Aschebehältnis in seiner Hand. Ja, man kann auch so ein Kaliber von Künstler noch beeindrucken.

Alles so schön bunt hier

Die Sprache hat es dem Publikum, Reihe 11, Sitz 9, nach Sichtung von Her Private Hell nur teilweise verschlagen. Im Mittelpunkt seines ominösen Konstrukts um Selbstbestimmung, Familienzwist und toxisch-männlichem Terror steht Sophie Thatcher, ehemaliger Escort-Android (Companion), Missionarin im Hause von Hugh Grant (Heretic) und diesmal als grell geschminkter, wortkarger Vamp namens Elle, der die quirlige, aber obdachlose Hunter in ihre Hotelsuite einlädt, in der die ganze kaputte Familie haust, und zwar inmitten von Edelschick und teuren Klamotten.

Wie diese Familie funktioniert und ob es denn überhaupt eine Familie ist oder eher ein kleines Freudenhaus, das scheint nicht so ganz klar. Jedenfalls gibt es eine Stiefmutter, die um die Gunst von Elle buhlt, die aber wiederum ihren Vater sucht, der nach einer kleinen Märchenstunde rund um den Leatherman, der mit dem Nebel kommt, plötzlich verschwindet, nachdem er sich selbst in die Lederkluft geworfen hat.

Kann es sein, dass er von sich selbst gesprochen hat? Dass er selbst hinter dem bestialischen Frauenmörder ganz in knarzendem Leder steckt, mit den Diamanten an den Handschuhen, die den jungen Opfern eine Obduktion bei lebendigem Leibe verpassen. Auch das weiß man nicht so genau.

Symmetrie ist doch was Schönes

Irgendwie sucht hier jeder jeden, während ich nach der nötigen narrativen Substanz Ausschau halte. Und auch der Soldat K ist dem Frauenmörder auf der Spur, denn der hat seine Tochter. Das alles klingt nach blutigem Serienkillerthriller, doch wenn es so einfach wäre, wäre es nicht Nicolas Winding Refn. Der Mann ist schließlich ein Ästhet und Symmetrist, und es geht ihm gar nicht mal um die Story, die sich im Laufe des Films sowieso wie der Nebel bei Sonnenschein in nichts auflöst, sondern ganz und gar um die Optik, um das Licht (wo eine Warnung für stroboskoplichtanfälliges Publikum angebracht gewesen wäre) und um den Score. Letztlich auch um Sophie Thatcher, die Refn wie ein Testimonial atemberaubend ikonisch ins Bild setzt.

Kuschen vor dem Bildersturm

An ihr liegt es keinesfalls, dass Her Private Hell enttäuschend hohl wirkt. Vielleicht, weil sich in dieser Geschichte nichts bewegt, weil auch die fulminanten Bilder so statisch arrangiert sind, dass sie nichts vorwärtsbringen, weder Handlung noch charakterliche Entwicklung noch sonst einen roten Faden, der sich schüchtern zusammenrollt unter diesem Bildersturm.

Als Virtuose der Farben und des Lichts muss man Winding Refn wirklich loben. In den Achtzigern wäre das ein Werbespot gewesen, den man nicht so schnell vergessen hätte. Ein Werbespot für ein neues Parfum-Deo, womöglich gar mit dem trendigen Namen Impulse?

Wenn ihnen ein Mann, den sie noch nie gesehen haben, plötzlich…

Nun, hier schenkt dieser Mann, den Sophie Thatcher noch nie gesehen hat, zwar keine Blumen, jedoch läuft er ihr irgendwann über den Weg, und wir erkennen zum Glück, dass diese auseinanderdriftende Miniatur an Story doch noch auf einem gemeinsamen Fundament steht, zwischen Plexiglas-Kristallen und rosa-türkisem Lichtgemetzel.

Es wabert der Kunstnebel, es glitzern die Tropfen auf Thatchers Wangen. Jane Schoenbrun (Teenage Sex and Death at Camp Miasma) bringt ihre magentalastige Farbpalette stilsicherer in die Gegenwart, Refn hingegen schmachtet in artifizieller Synthesizer-Stasis, die hauptsächlich langweilt. Wunderschön und explizit langweilt.Das ist zu wenig für einen Film, aber mehr als genug für einen Clip, der vor dem Hauptprogramm läuft.

Her Private Hell (2026)

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

EMANZIPIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN

5/10

 

Haley Bennett will in Virginia Woolf's Night & Day einfach nur studieren
© 2026 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: TINA GHARAVI

DREHBUCH: JUSTINE WADDELL, NACH DEM ROMAN VON VIRGINIA WOOLF

KAMERA: SEBASTIAN EDSCHMIED

CAST: HALEY BENNETT, ELYAS M’BAREK, LILY ALLEN, TIMOTHY SPALL, JENNIFER SAUNDERS, JACK WHITEHALL, MISIA BUTLER, SALLY PHILLIPS, SIMON PHILLIPS, CAMILLA BORGHESANI, ERIKA LINDER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Wenn ein Trailer den Film erzählt

Es gibt keinen anderen Film, von welchem ich in den letzten drei Monaten im Kino nicht öfters den Trailer ansehen habe müssen als für diesen hier: Virginia Woolf’s Night & Day. Haley Bennett, die, des Nächtens im Wasser schwimmend, zu den Sternen blickt und sich bei diesen Lichtjahre entfernten Himmelskörpern erkundigt, ob diese ihr nicht zublinzeln. Immer und immer wieder, es ist, als hätte man den Film bereits gesehen, da der Gusto machende Zusammenschnitt sogar das zu erwartende Ende vorwegnimmt. Da will ich schließlich auch wissen, ob der Film selbst dann mehr bietet als nur Sterne, Blinzeln, Heiratsanträge und ein griesgrämiger alter Patriarch namens Timothy Spall, der seine Tochter anhält, gefälligst Mutter und Ehefrau zu sein.

Drängende Themen bis heute

Virginia Woolf war da immer schon eine Avantgardistin in Sachen Frauenrecht und Selbstbestimmung. Ihr zweiter, 1919 erschienener Roman Night and Day erzählt von einer resoluten jungen Frau, die nicht daran denkt, sich mit ihrem Sandkastenfreund zu verloben, nachdem der ihr einen mehr oder weniger unbeholfenen Antrag macht. Katharine, so nennt sich Bennetts Figur, will studieren, das Universum erforschen, und ganz im Speziellen herausfinden, was es zu bedeuten hat, wenn manche Gestirne heller scheinen als andere. Dafür büffelt und erforscht sie im Obergeschoss einer Fabrik, die nebenbei noch den Suffragetten als Basislager dient. Mit anderen Worten: Eine Kämpferin wie Katherine können all die Frauenrechtlerinnen (und Frauenrechtler) gut gebrauchen.

Nur nichts ausprobieren!

Was nicht zu erwarten war: Elyas M’Barek, Zugpferd des Deutschen Kinos, darf sich hier im England des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts als immigrierter Lektor versuchen – bei einem unaufgeregten Film wie diesen gelingt ihm das formidabel, und natürlich kann man, was die Professionalität des ganzen Ensembles angeht, nicht wirklich meckern. Doch obwohl Virginia Woolf’s Night & Day naturgemäß für eine gute Sache einsteht, oder besser gesagt: von den Anfängen weiblicher Emanzipation berichtet (worüber man nie zu viel bringen kann), plätschert der ganze Streifen ohne Wendungen recht gediegen und von vornherein schon durch seine thematische Ansage gesättigt vor sich hin – und kann tatsächlich kaum viel mehr beitragen als bereits schon im Trailer veröffentlicht. Dort ist tatsächlich alles schon gesagt, im Film dann vom selben noch viel mehr, was Virginia Woolf’s Night & Day eine Beschaulichkeit angedeihen lässt, die jedwede gesellschaftliche Aufbruchs- und Ausbruchsstimmung einfach nicht empfinden kann.

Was läuft denn zu den Feiertagen?

Tina Gharavis Arbeit hat den Verve eines für die Weihnachtsfeiertage angefertigten BBC-Fernsehfilms, der sich mehr hat kosten lassen als womöglich andere Projekte, der aber in seiner konventionell erzählten Simplifikation der Geschichte jeden fernsehenden Haushalt weitestgehend zufriedenstellen wird. Ist ja nett anzusehen, dieses Drama, es regt nicht auf, es schert nicht aus, es bedient den Glanz der Festtage mit gefällig aufbereiteter Literatur.

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

Vivaldi und ich (2025)

WENN DIE GONDELN MASKIERTE MÄDCHEN TRAGEN

7/10


Tecla Insolia mit Maske im Historienfilm Vivaldi und ich
© 2026 Ellio di Pace, X Verleih AG


ORIGINALTITEL: PRIMAVERA

LAND / JAHR: ITALIEN, FRANKREICH

REGIE: DAMIANO MICHIELETTO

DREHBUCH: LUDOVICA RAMPOLDI, DAMIANO MICHIELETTO

KAMERA: DARIA D’ANTONIO

CAST: TECLA INSOLIA, MICHELE RIONDINO, FABRIZIA SACCHI, ANDREA PENNACCHI, VALENTINA BELLÈ, STEFANO ACCORSI, MIKO JARRY, HILDEGARD DE STEFANO, COSIMA CENTURIONI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Freiheit ist alles. Ist man frei, lässt es sich auch laut Wolfgang Ambros, der das ungepflegte Äußere in seinem Austropop-Klassiker feiert, verwahrlost leben. Ganz egal, ob man vor dem Nichts steht, in der Gosse hockt oder in der „Kinettn“ schläft.

Diese Sehnsucht verspürt auch das Waisenmädchen Cecilia, das in Venedig des frühen achtzehnten Jahrhunderts, also noch ein ganzes Stückchen Zeit vor Mozarts Geburt, zumindest die Gnade erfährt, Violine spielen zu dürfen, wenn schon der Rest ihres überschaubaren Lebens innerhalb der vier Wände des Waisenhauses Ospedale della Pieta nach strengen Regeln verläuft und ganz sicher nicht so, wie es sich eine junge Frau gerne wünschen würde.

Fremdbestimmung bar excellence

So ein Waisenhaus finanziert sich nicht von selbst. Ein jungfräuliches musikalisches Mädchen-Ensemble soll den nötigen Reibach lukrieren – richtig viel Geld macht die Buchhaltung mit dem Verschachern hübscher Damen an reiche Gockel. Cecilia weiß: auch ihr steht bald die Verheiratung bevor, und zwar an einen zukünftigen Kriegshelden, sollte er am Schlachtfeld über die Türken siegen. Sie weiß auch: Sobald sie unter der Fuchtel eines Patriarchen steht, gibt’s kein Gestreiche und Gezupfe mehr, denn schließlich schickt es sich nicht, als Frau irgendwelche Künste zu trainieren.

Diese brotlose Kunst

Was für Zeiten. Was für Sitten. Und zwischen all dem ganz plötzlich Antonio Vivaldi. Dazu muss man wissen: So richtig ruhmreich war das Leben dieses großen Komponisten auch nicht. Er war zwar gern gehört und wurde bewundert, doch groß raus kommen sollte er bis zu seinem Tode nicht, denn die Stunde des Ablebens verbrachte er in tiefster Armut. 200 Jahre später dann die Entdeckung, mitsamt der vier Jahreszeiten.

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist

Die Entstehung der selbigen wird in dieser weitestgehend frei ersonnenen Möglichkeit einer Begegnung so herrlich subtil angedeutet, als würde man bereits den Sommer spüren, obwohl noch Frühling herrscht. Oder vor dem ersten Schnee. Als würde man diese gewissen Gerüche einer Jahreszeit schon vor allen anderen wahrnehmen – erahnend, was folgen wird.

Für diesen Moment, der in Vivaldi die Saat der Idee zu seinem Zyklus gelegt haben könnte, holt sich Theater- und Opernregisseur Damiano Michieletto für seinen ersten Kino- und Spielfilm eine ganz besondere Akteurin: Tecla Insola, in ihrer Heimat wohl eher als Popsängerin bekannt und genauso wie Michieletto macht sie mit Vivaldi und ich ihren ersten Schritt auf die Leinwand.

Beschreibe mir deine Freiheit

Irgendwie lässt sich der Eindruck nicht verdrängen, Tecla Insola schon mal irgendwo gesehen zu haben, so vertraut kommt sie einem vor, so nahbar wirkt diese Cecilia – introvertiert, auf gute Art rebellisch, klug und wortgewandt nur dann, wenn es etwas zu sagen gibt.

Michele Riondino (The Holy Boy) gibt den kränklichen, hustenden und gehetzten Künstler, der scheinbar nur von seinen Partituren lebt und von nichts sonst. Kaum zu glauben, dass beide sich irgendwann annähern – doch nicht auf eine Weise, wie manche jetzt denken würden.

Vivaldi und ich lässt diese beiden Charaktere ihren inneren Aufstand proben, lässt sie in kreativer Synergie zusammentreffen, dabei entsteht auf beiden Seiten ein mögliches alternatives Leben in Erfüllung und eben besagter Freiheit – in einer Stadt, die selbst schon eingeengt und begrenzt genug ist, durch ihre Kanäle und durch das Meer.

Venedig ist nicht immer nur Markusplatz und Canale Grande

Michielettos Film zeigt Venedig in seiner ganzen Bescheidenheit und Nüchternheit. Er zeigt die Stadt aus der Sicht der Eingeschlossenen und Abhängigen. Dabei fällt mir Andrea Segres ebenfalls ganz andersartiger Städtefilm Welcome Venice ein, der diesem Touristenklischee von urbaner Sehenswürdigkeit seine Echtheit zurückgibt.

Vivaldi und ich spielt natürlich in einer Zeit, die lange zurückliegt. Und dennoch ist das Bild der dahinschippernden Gondel, in denen maskierte Mädchen sitzen, weil keiner ihre jungfräulichen Gesichter sehen darf, ungemein gegenwärtig und vertraut – mit Carneval und sonstigem Schnickschnack hat das Ganze aber nichts zu tun.

Es klingt das Cembalo, es wehen die Kutten

Die Bilder in diesem Film sprechen für sich, so auch die Kostüme, beides vereinigt sich in regem Austausch mit den klangvollen Melodien des Spätbarock, hervorzuheben sind neben der Violine die höfisch-sphärischen Töne das Cembalo. Wenn Cecilia in roter Kutte und schwarzer Maske die ersten Klänge von Vivaldis Sommer geigt, während sie nur für kurze Zeit durch die geschenkte Freiheit eines Wäldchens spaziert, so ist das anmutig und wunderschön.

Vielleicht verwahrlost, aber frei

Um nichts in der Welt würde man Cecilias Lebenstraum scheitern sehen wollen. Und dennoch verweigert Michieletto seinem Vivaldi die Chance, dem historischen Realismus zu entsagen und das Unmögliche durchzusetzen.

Verzweiflung, Schmerz, Verzicht und der nur dadurch mögliche Schritt ins Ungewisse runden diese kraftvoll-feministische Ballade ab, in Erinnerung bleibt Tecla Insolas zuversichtlicher Blick in eine Zukunft, die außer Freiheit und Verwahrlosung vielleicht nichts bieten wird.

Vivaldi und ich (2025)

DJ Ahmet (2025)

VON WEGEN SCHWARZES SCHAF

7/10



© 2025 Neue Visionen


LAND / JAHR: NORDMAZEDONIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: GEORGI M. UNKOVSKI

KAMERA: NAUM DOKSEVSKI

CAST: ARIF JAKUP, DORA AKAN ZLATANOVA, AGUSH AGUSHEV, AKSEL MEHMET, ATILA KLINCE, SELPIN KERIM, METIN IBRAHIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Nordmazedonien und der Rest der Welt – ja, auch dort lebt man auf dem selben Planeten wie die übrige Menschheit auch, nur etwas provinzieller. Was letztlich kein Grund dafür sein soll, nicht auch die Vorteile des Fortschritts zu genießen. Doch in der Provinz, das wissen wir, haben Traditionen das Vorrecht darauf, alles andere, was da so an Einfluss aus dem Osten oder den Westen herüberschwappt, durchzulassen, damit es sich in einem jahrhundertelang gleichen Alltag integriert, oder abzuschmettern. Beim Abschmettern ist man dort vor allem dann gut, wenn es um die Rechte der Frauen geht. Das mag bei den Alten vielleicht etwas zu spät kommen, denn die scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – nicht aber bei den jungen, die man heutzutage ungern noch als heiratsfähig bezeichnet. Eine dieser jungen Frauen ist Aya. Und die hat die Nase voll vom Patriarchat.

Fremdbestimmt leben

Wie es der Zufall im Film gerne will – und dieser hier mag durchaus mit dem Genre der RomCom liebäugeln, auch wenn der Schauplatz dafür ein gänzlich ungewohnter ist – trifft Aya auf den etwas schusseligen, aber musikverliebten Ahmet. Er und der Rest seiner Familie muss ein tragisches Schicksal verarbeiten, nämlich den Tod der Mutter. Bruder Naim spricht seitdem kein Wort mehr und sucht Schritt auf Tritt die Nähe Ahmets. Der Vater: verdrossen, störrisch und trauernd. Kann man verstehen, muss man aber nicht auf jene übertragen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Vielleicht streben genau die etwas ganz anderes an als am hauseigenen Hof die Schafe zu hüten statt in die Schule zu gehen, um sich der eigenen Peer-Group anzuschließen. Immerhin bleibt Ahmet noch Aya – denn die übt für eine Tanzperformance im Rahmen des kommenden Dorffestes, mit der sie ihrem dominanten Vater in seinen vorgestrigen Ansichten vor den Kopf stoßen will.

Retro-Revolution als RomCom

Wie Ahmet dabei zum DJ wird, ist eine versponnene, launig verfilmte Tragikomödie, die nicht nur von der Energie der beiden jungen Leute lebt, die sich in kleinen Schritten, zaghaft und mit sehr viel Neugier im Gepäck, einander annähern. Dabei strahlt Dora Akan Zlatanova eine Grazie, einen Esprit und eine Persönlichkeit aus, die dieser mitunter turbulenten kleinen Geschichte dMelodie verleiht. Schon die erste Szene ihres Auftretens hat Magie: Man sieht nur Ayas Turnschuhe, wie sie durchs Feld gleiten, dann wandert die Kamera höher, wir sehen ein Mädchen in traditionellem Gewand und mit geschnürtem, gelbem Kopftuch – eine blonde Haarsträhne fällt keck über ihre Stirn. Ihr Blick sagt alles – und findet den von Ahmet. So freudvoll traditionell diese Art und Weise ist, eine Romanze zu beginnen, während sie an die entzückenden Liebesfilme der 50er erinnert, so progressiv mag dann auch die Geisteshaltung sein, welche die beiden Revoluzzer dazu bringt, nicht nur aus den Mechanismen einer obsoleten Gesellschaftsstruktur auszubrechen, sondern auch aus der Enge einer auferlegten Trauer.

Jugend ändert sich überall

Die knarzende Stille der Traditionen vertreibt so mancher Techno-Beat mit Lust an der Aufmüpfigkeit, ohne aber die Geduld dabei zu verlieren, wenn es darum geht, den Traditionen von Verliebtheit und Zuneigung Raum und Zeit zu lassen. Beides passt gut zusammen, nichts davon wirkt aufgesetzt. Progressives Highlight ist zweifelsohne seine für manch konservativen Muslim provokative, für manch Taliban wohl schockierende musikalische Alternative zum Muezzin. Was Autorenfilmer Georgi M. Unkovski aber am allerbesten gelingt, und wofür man ihn regelrecht loben muss, ist, dass er aus seinem erfrischend selbstironischen DJ Ahmet kein kitschiges Märchen macht, sondern auf faire Weise das mögliches Szenario eines zwar nicht in jeder Hinsicht guten, aber auch nicht hoffnungslosen Endes durchspielt. Genau das hätte man dem Film vielleicht gar nicht so zugetraut. Genauso wenig, wie das Durchsetzungsvermögen einer nordmazedonische Next Generation, die den Wind of Change bringt.

DJ Ahmet (2025)

Her Will Be Done (2025)

BETEN AUF TEUFEL KOMM RAUS

5,5/10


© 2025 WTFilms


ORIGINALTITEL: QUE MA VOLONTÉ SOIT FAITE

LAND / JAHR: FRANKREICH, POLEN 2025

REGIE / DREHBUCH: JULIA KOWALSKI

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: MARIA WRÓBEL, ROXANE MESQUIDA, WOJCIECH SKIBIŃSKI, KUBA DYNIEWICZ, JEAN-BAPTISTE DURAND, RAPHAËL THIÉRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Warum ich lieber in der Stadt lebe als am Land? Abgesehen davon, dass ich nicht ein bis zwei Stunden mit dem Auto fahren muss, um in ein Kino zu gelangen, wird das Urbane zum Schmelztiegel allerlei gesellschaftspolitischer Strömungen, die natürlich nicht immer progressiv sind, die sich aber mit all dem Regressiven die Waage halten und wo das Morgen nicht nur mit dem Hahnenschrei assoziiert wird. Gut, das mag vielleicht etwas polemisch sein, aber nicht von ungefähr greifen Filmemacher in der Darstellung ruraler Umstände auf einen Status Quo zurück, der in längst vergangene und niemals zu hinterfragende Traditionen tief einzementiert jegliche Progression als etwas Schädliches erachtet, während das Schädliche und Diskriminierende einfach, weil es „immer schon so wahr“ die Ewigkeit überdauern muss. Beharrlichkeit und Konservativismus ist Gift für den psychosozialen Fortschritt – kein Wunder, dass die Landflucht in Andreas Prohaskas neuem Gesellschaftshorror Welcome Home Baby, in welchem störrische, altvaterische Mystik auch gerne den Opfertisch bereitet, zur unheilvollen Metapher und das Aussterben dörflicher Mikrokosmen als Albtraum inszeniert wird. Kein Wunder auch, dass Ari Aster in Midsommar zum sonnenhellen Horror ruft oder Brigitte Hobmeier in Elisabeth Scharangs Wald als heimkehrende Städterin vor allem auf toxische, männliche Skepsis trifft. In solchen Gemeinden ist bis zum heutigen Tag die patriarchale Ordnung immer noch jene, gegen die sich niemand aufzulehnen hat. Rollenbilder sind klar verteilt, die Macht liegt beim physisch Stärkeren, und das sei der Mann.

Angstfiguren der Selbstbestimmung

Dem „starken“ Geschlecht, selbst seinem Sexualtrieb unterworfen, war die Unterwerfung der Frau nur genehm. Widerworte oder andere Weltsichten mussten schließlich verteufelt werden, womit wir bei den Hexen wären. Forderte eine Frau ihre Rechte, und willigte nicht ein, zu tun, was der Vater, der Bruder oder der Mann befahl, brach die dörfliche Ordnung zusammen, die Inquisition trat an den Richtertisch, die Ächtung schritt fort. Alles nur schreckliche Vergangenheit? In dieser Systematik vielleicht, nicht aber in der übergriffigen Selbstüberschätzung derber Trunkenbolde, die in Her Will Be Done mit Tunnelblick und erbsengroßem Hirn während den letzten Zuckungen folklorer Feierlichkeiten den Geschlechtsakt gewaltsam einfordern wollen. Doch das ist ein Moment in Julia Kowalskis Coming of Age-Mystery, der bereits schon, irgendwo in der Mitte des Films, den Wendepunkt markiert, den Anfang vom Umsturz verknöcherter Strukturen.

Unterdrückung des Ausbruchs

Im Zentrum des Geschehens, irgendwo in der französischen Provinz an einem Bauernhof, muss die junge Nawojka (Maria Wróbel) damit klarkommen, das Erbe ihrer Mutter in sich zu tragen – nämlich das Böse, den Teufel, den Antichrist – kurz: alles Hexische, was letztlich zu deren Tod geführt hat. Was tut man schließlich, um diese ketzerischen Impulse zu unterdrücken? Man betet und kniet auf Teufel komm raus, muss unter Krämpfen und muskelzehrenden Anfällen dagegen ankämpfen, damit die Dunkelheit den juvenilen Geist nicht übermannt. Alles nur Einbildung oder ist da tatsächlich was dran? Die Brüder und der Vater achten schon darauf, das Nawojka ihre Pflichten erfüllt – schließlich ist dieses Familie eine patriarchal geführte, und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen – an die lässt sich gar nicht denken. Bis Sandra auftaucht, die Erbin des Nachbarhofs – unkonventionell, verführerisch, selbstbestimmt. Ein No-Go für alle Männer, die Frauen gerne unter ihrer Kuratel haben wollen. Zwischen Sandra und Nawojka entstehen Synergien, die das unvermeidliche Verhängnis heraufbeschwören, allerdings auch einen Befreiungsakt, der nicht unblutig vonstatten geht.

Mit Konservativem gegen das Konservative

Julia Kowalski, längst nicht fertig mit den erzkonservativen Strukturen ihrer elterlichen Heimat, nämlich Polen, hat mit ihrer feministischen Mystery notwendige Akzente gesetzt – ganz klar müssen solche Filme richtig interpretiert werden, eine konservative Zielgruppe kann mit solchen Werken wohl gar nichts anfangen und fühlt sich im Handeln des traditionellen Mobs wohl in den eigenen Ansichten bestätigt. Für alle anderen, die den Paradigmenwechsel in unserer Geschlechtergesellschaft befürworten, mag Her Will Be Done nicht nur offene Türen einrennen – die Idee, der Aufbau und die narrative Struktur der Geschichte gerät mitunter etwas zögerlich, situationsverliebt, der Stimmung und des Settings verhaftet.

Aller Anfang ist bei Filmen stets schwer, nicht weniger als das Finden eines runden Abschlusses. Kowalski muss sich bemühen, um ihre Parabel des Aufbegehrens und der Identitätsfindung auf die richtigen Schienen zu setzen. Wie die Verhältnisse stehen, wird bald klar, eher noch, als Kowalski sich dabei gemüßigt fühlt, die Sondierung der Umstände als vollendetes erstes Kapitel abzuschließen und die Essenz des Ganzen freizulegen. Dabei ist selbst in der Darstellung des Abgesangs auf den Konservativismus eben genau das Konservative zu finden; klassische bildliche Allegorien, viel Hexenspuk und die finsteren Mächte der Natur. Das wirkt letztlich allzu bieder, das Konfrontieren der Alteingesessenen mit nackten Tatsachen wird der Höhepunkt eines milden, grobkörnigen Gesellschaftsthrillers, der zwar aufschreit, aber nur leise – damit niemand den Hahnenschrei überhört, der den falsch verstandenen Morgen einkräht.

Her Will Be Done (2025)

Wunderschöner (2025)

DIE TRUGBILDER WEIBLICHER FREIHEIT

7,5/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: KAROLINE HERFURTH

DREHBUCH: KAROLINE HERFURTH, MONIKA FÄSSLER

CAST: KAROLINE HERFURTH, NORA TSCHIRNER, ANNEKE KIM SARNAU, EMILIA SCHÜLE, EMILIA PACKARD, DILARA AYLIN ZIEM, ANJA KLING, GODEHARD GIESE, FRIEDRICH MÜCKE, MALICK BAUER, MAXIMILIAN BRÜCKNER, LEVY RICO ARCOS, SAMUEL SCHNEIDER U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Wenn sich ein Mann als Frauenversteher deklariert, ist ja das alleine schon ein überheblicher und gleichsam herablassender Begriff – als wären Frauen ein Rätsel, das Mann knacken muss, um von einer Frau das zu bekommen, was diesem vorschwebt ergattern zu müssen. Wenn schon Frauenversteher, dann wären es Frauen selbst, die sich dieses „Prädikat“ aneignen könnten. Und im ganz besonderen Karoline Herfurth. Dabei interessiert sie gleichermaßen, wenn nicht brennender, wie ein Mann vielleicht tickt. Was ihn bewegt, was ihn erregt, was ihn scheitern lässt. Wunderschöner, die Fortsetzung von Wunderschön, lässt sich auch ganz ohne Vorkenntnis des ersten Teils betrachten, schließlich sind es ganz andere Fallbeispiele, die hier erörtert werden. Wunderschöner ist bei Weitem nicht nur ein Frauenfilm, was das Werk in eine Nische drängen würde, wo es gar nicht und vor allem nicht ausschließlich hingehört. Genauso gut will Herfurth alles von Männern wissen und vor allem von dieser Diskrepanz zwischen beiden Geschlechtern, die zu überbrücken proaktive Anstrengungen erfordert – von beiden Seiten, dabei deutlich mehr von Seiten der Frau, denn die ist immer noch die Unterdrückte, Missbrauchte, Diskriminierte, während sich der Mann in seiner Machtposition gefällt.

Während Frauen sich längst schon repositionieren und dabei versuchen, aus ihrem Rollenklischee herauszukommen, haben Männer gehörig viel Aufholbedarf. Das Bequemliche an diesem Patriarchat, dieses Ruhekissen, zieht Herfurth den Männern unter dem Hintern weg. Und veranschaulicht auf schmerzliche, liebenswürdige und tragikomische Weise, und ohne jemals mit dem Finger zu zeigen, dass es in auf- und umbruchsbereiten Zeiten wie diesen keine Selbstverständlichkeiten mehr gibt, dass im Grunde alles, was die geschlechterbezogene Gesellschaft betrifft, obsolet erscheint. Dieses Miteinander wird in Wunderschöner zu einer komplexen Baustelle im Zeitstrahl der sozialen Entwicklung – eine Baustelle, die nicht mal noch als Fundament wahrgenommen werden kann. Was existiert, mag vielleicht ein Team sein. Ein Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern, so wie in diesem Fall, um einen Film zu verwirklichen, der die Grenzen dieser Baustelle absteckt. Der zumindest ersichtlich macht, woran gearbeitet werden muss. Um queere Verhältnisse geht es dabei diesmal nicht.

Wunderschöner erzählt in episodenhaften Sequenzen, deren Erzählfäden aber miteinander verflochten sind, von fünf Frauen unterschiedlichen Alters, die selbst erst erkennen müssen, welche Rollen genau sie in diesem System erstens gerade einnehmen und zweitens einnehmen sollten. Sie positionieren sich, erklären sich, behaupten sich – und begreifen erst so richtig, woran es krankt. Fremddefiniert durch den Mann ist der einzige Weg der der Emanzipation, jedoch nicht auf eine kämpferische Art und Weise, die gerne belächelt wird, sondern auf eine ganz natürliche, fast schon geschlechtsunabhängige. Karoline Herfurth als Familienmutter Sonja, die von ihrem Mann getrennt lebt, von welchem sich aber, aus beiderseitigem Interesse, kein Abstand gewinnen lässt, stellt das Zentrum der mannigfaltigen Erzählung. Nora Tschirner als Lehrerin Vicky wartet, bis ihr Partner von einem Selbstfindungstrip endlich heimkehrt. Anneke Kim Sarnau als die wohlsituierte Politikergattin Nadine muss das Fremdgehen ihres Mannes verkraften und setzt sich mit dem Thema Prostitution auseinander. Emilia Schüle als Julie, die gerne beim Fernsehen arbeitet, muss sich einer toxischen Männlichkeit im Betrieb erwehren, die frappant an Weinstein erinnert. Und schließlich Schülerin Lilly, die sich als junge Frau zwar frei fühlt, den Begriff weiblicher Selbstbestimmung aber erst noch überdenken muss. Alle zusammen, und dazu noch einige tragende und wichtige Randfiguren, erschaffen das komplexe und vielschichtige Bild eines Ist-Zustandes, der nicht darauf aus ist, sein Publikum mit neuen Erkenntnissen zu erhellen. Wunderschöner hat keinen Aha-Effekt, allerdings aber, und das ist viel wichtiger, ruft er geduldete Verhältnisse in Erinnerung, die im Argen liegen. Herfurth führt ihr Ensemble mit Sorgfalt, sie weiß im Vorhinein, was und wie sie es sagen will, ohne plattes Betroffenheitskino zu veräußern.

Wunderschöner distanziert sich auch von den aalglatten Tragikomödien eines Schweighöfers oder Schweigers, sogar von den Ensemblestücken eines Simon Verhoeven oder Wortmann. Am ehesten noch erinnert ihre Arbeit an Doris Dörrie zu ihren besten Zeiten, und dennoch ist Herfurths Film noch immersiver, weil sie Emotionen abbildet, die sonst nur innerhalb der vier Wände bleibt. Das ist charmant und aufrichtig, und auch wenn manchmal der Imperativ zur Veränderung fast schon so präsentiert wird wie ein Werbespot für Frauenrechte, so kann es, genauer betrachtet, selbst davon nicht genug geben. Letztlich will auch Herfurth, das alles gut wird, und man fragt sich, ob angesichts dieser offenen Wunden und Problemzonen im Rahmen eines abendfüllenden Spielfilms jemals irgendetwas davon auf heilsame Bahnen gerät. Herfurth gelingt das Kunststück, ihre Ambitionen nicht überzustrapazieren und auch nichts unter Zeitdruck zu überladen. Letztlich staunt man, wie es ihr gelingt, zumindest Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen. Und nein, es ist gar nichts gut, das Happy End ist nur ein neuer Status Quo, die Romantik die Vergessenheit eines Moments. Die Probleme bleiben, denn alles andere wäre ein Affront zur Realität.

Wunderschöner (2025)