Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

SALZIGE UMARMUNGEN

5/10


Sara Khorami duckt sich vor dem Kraken
© 2026 Splendid Film


LAND / JAHR: NORWEGEN 2026

REGIE: PÅL ØIE, SJUR AARTHUN

DREHBUCH: VILDE EIDE, NATASHA ARTHUR, KJERSTI HELEN RASMUSSEN

KAMERA / SCHNITT: SJUR AARTHUN

CAST: SARA KHORAMI, MIKKEL BRATT SILSET, INGVILD HOLTHE BYGDNES, ØYVIND BRANDTZÆG, JENNY EVENSEN, HANS MORTEN HANSEN, SILJE BREIVIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Zeig dich doch!

Monster nur peripher oder gar nicht vor die Kamera zu holen – nun, da hat Ridley Scott bewiesen, dass so etwas geht. Seine Alien-Kreatur sieht man im Original gerade mal ein paar Minuten, wenn überhaupt. Und dennoch ist dieses Wesen omnipräsent, obwohl man gar nicht mal so genau weiß, wie es aussieht. Hinter jeder Ecke hätte es lauern können, und ja, genau so wars dann auch. Übrig blieb nur Sigourney Weaver als legendäre Ripley, und erst im Showdown wird klar, womit man es eigentlich zu tun hat.

Ridley Scott ist das deswegen gelungen, weil er die Idee eines unberechenbaren Monsters im Kopf der Zuseher aufbauen konnte. In der Fantasie ist schließlich alles umso schrecklicher, je weniger man weiß. Auch Gareth Edwards konnte in seinem fulminanten Extraterrestric-Wildlife-Drama Monsters zeigen, wie sehr es gelingen kann, eine potenzielle Gefahr in der Geschichte alles, den ganzen Schauplatz, einfach nur durch die Möglichkeit, dass es sie gibt, durchdringen zu lassen.

Keine Ruh‘ hat man als Weichtier!

In Kraken von Pål Øie und Sjur Aarthun geschieht das nicht. Und das, obwohl man weiß, wie Kraken aussehen. Dieser Koloss von einem Weichtier schlummert inkognito im Sognefjord vor sich hin, keiner weiß wie lange schon, doch vermutlich ist diese Kreatur wahnsinnig alt, was die Vintage-Nachrichten zu  Beginn des Filmes belegen sollen. Da hat ein Bursche namens Olav Kryptozoologisches zu berichten – von seltsamem Nebel und einem monströsen Schatten.

Jahrzehnte später wird dieses Tier gestört – von einer Erfindung, die sich Sonic Lice nennt und als Schallwaffe die Lachse einer Zuchtfarm von Läusen freihalten soll. Schlecht justiert, lässt dieses Geräusch alle mögliche Meereslebewesen durchdrehen, auch den Koloss in der Tiefe, der die Dauerbeschallung satt hat und die acht Ärmel hochkrempelt, um Tabula Rasa zu machen. Die Belegschaft der Farm versucht, dem Kollateralschaden zu vertuschen, während Meeresbiologin Johanne der Gefahr relativ nahe kommt.

So fummeln Kraken

So richtig Schwung kommt nicht in die Sache, Lachsläuse hin oder her. Der Krake mag im Wasser lauern, fühlt sich aber nicht präsent an. An diesem Fjord spielt sich so einiges ab, auch Umweltschützer sind drauf und dran, diese Geräuschbojen zu sabotieren. Doch der Krake kann nicht so recht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Seine Arme können das noch weniger, auch wenn sie jeweils eigene kleine Gehirne haben. Irgendwann, und das erst sehr spät, stochern jede Menge schleimige Extremitäten die schiffsähnlichen Gänge der Fabrik entlang, Saugnäpfe hier, Saugnäpfe da, doch das große Ganze war den Filmemachern dann doch zu viel Aufwand.

Szenenweise können durchaus Assoziationen zu The Abyss oder Underwater – Es ist erwacht erweckt werden, der Monsterhorror zieht dann auch – auf die möglichst generische Art und Weise. Und ist mal kein dicker Fangarm im Weg, tun‘s gigantomanische Läuse dann auch. Sie muten an wie Pfeilschwanzkrebse, haben aber einen anderen Sinn von Humor als diese.

Die Natur und ihre Moral

Kraken – nicht zu verwechseln mit einem anderen Film gleichen Titels, und zwar einem russischen, in dem ein U-Boot gegen ein anderes dieser Kreatürchens kämpft, der aber noch weniger kann als die norwegische Ausgabe – bietet klassisches „Wir schaden der Natur – die Natur schlägt zurück“-Kino, wo immer einer oder eine im Ensemble längst alles besser weiß. Den Profitgeiern steht das Wasser höher als bis zum Hals, Mutter Erde ist eben moralisch. Und so ergötzt man sich zumindest ein paar Sekunden lang an einem Monster im Licht der Leuchtraketen. H. P. Lovecraft würde sagen: „Ein dicker, fetter Cthulhu“. Vielleicht ist er das ja auch, vielleicht aber ist es nur ein Prozent von den vielen, die zu den unbekannten Regionen dieser Weltmeere zählen.

Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

Mein Lehrer, der Krake

KOMM IN MEINE ARME

8/10

 

octopusteacher© 2020 Netflix

 

LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: PIPPA EHRLICH & JAMES REED

MIT CRAIG FOSTER

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Als Wildlife-Fotograf (wer gerne vorbeischauen möchte: www.biodiversity.at) verbindet mich mit diesem Film so einiges. Das sind zum einen die gemeinsamen maritimen Erkundungen von Vater und Sohn oder die Art und Weise, ohne Sauerstoff und nur mit Druckausgleich und Flossenschlag am Meeresboden entlangzugrundeln, um Fotos zu machen. Zum anderen sind es Begegnungen mit Kopffüßern, die, so kann ich bestätigen, zum Außergewöhnlichsten gehören, was man im Meer erleben kann. Mein letztes Intermezzo mit so einem Tier liegt schon einige Jahre zurück, jedoch ist es so, als wäre es gestern gewesen. In einer Bucht im Süden der griechischen Insel Zakynthos, im gerade mal kniehohen Wasser, hatte ich das Glück, einen Octopus vulgaris zu entdecken, der, ganz so wie sein Artgenosse im Film, eine auffallende Neugier an den Tag legte. Mit seinen saugnapfbestückten Armen, die sich wie Gummi dehnen lassen, beschloss der Kephalopode, meine Kamera zu erkunden. Das Schauspiel seines Pigmentwechsels war dabei der reinste Farbzirkus, von sandig weiß bis zu leuchtendem Blau. Dass diese Tiere intelligent sind, merkt man sofort. Oder spätestens nach Sichtung des oscarnominierten Dokumentarfilms Mein Lehrer, der Krake.

Diesmal ist es nicht das Mittelmeer, sondern der Süden Afrikas. Schauplatz sind die Tangwälder und ihr artenreiches Ökosystem. Von Helmschnecken bis Pyjamahaie (ja, die gibt es wirklich) hat hier scheinbar jeder seine Nische gefunden. Sogar Tierfilmer Craig Foster, der nach einem Burnout langsam wieder zu sich selbst finden konnte, indem er im kalten, bewegten Wasser des Atlantiks regelmäßig schnorcheln ging und dabei auf eine Artenvielfalt aufmerksam wurde, die ihren Höhepunkt in der Begegnung mit einem Oktopus fand. Dieses urtümliche, von der Evolution bis heute ignorierte Wesen war anfangs natürlich skeptisch, dann neugierig – und schließlich fasste es Vertrauen in dieses blasse, große, zweibeinige Wesen, das da immer wieder auftauchen muss, um Luft zu holen. Umgekehrt entstand so etwas wie eine freundschaftliche Liebe, und Foster beschloss, aus dieser Freundschaft ein Projekt zu machen: Was passiert, wenn der Mensch zum selbstverständlichen Teil im Leben eines Kraken wird? Und was macht ein Krake sonst so, wenn er seine täglichen Runden dreht?

Anders als herkömmliche Tierdokumentationen steht hier nicht vorrangig die atemberaubende Beschaffenheit der Natur im Vordergrund. Klar tut sie das auch, doch was diesen Film ganz besonders hervorhebt, ist der paraverbale Dialog zwischen Mensch und Umwelt um die Suche nach einem längst verloren geglaubten Platz unserer Art in den komplexen Ökosystemen dieser Welt. Foster will zeigen, dass es falsch ist, zu behaupten, der Mensch ist nicht Teil von all dem hier, was uns umgibt. Er ist es doch. Und er kann, wenn er will, selbst für die von uns so heftig geschundene Natur bereichernd sein. Er muss sich nicht entfremden, um seinen Selbstwert zu schützen. Er kann sich ebenso gut integrieren. Foster hat das getan, mit Beharrlichkeit und Obesssion – zumindest ein Jahr lang (was ungefähr der Lebensdauer eines Kopffüßers entspricht).

Es ist eine Balance zwischen Teil der Ordnung zu sein – und die Ordnung zu stören. Eine Verhaltensstudie, die das Regieduo Pippa Ehrlich und James Reed behutsam und respektvoll in Szene setzen, dabei in rotierender Reihenfolge Foster zu Wort kommen lassen, den Kraken beobachten und den lebensverändernden Einfluss der Ökosysteme Küste und Meer geltend machen. Am Ende dieses Krakenlebens ist ein liebevolles Beziehungsdrama mit all seinen Höhen und Tiefen entstanden, voller Neugier und Achtsamkeit.

Mein Lehrer, der Krake