Der Schneeleopard

AUDIENZ EINES PHANTOMS

8/10


schneeleopard© 2021 PaprikaFilms


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: MARIE AMIGUET, VINCENT MUNIER

MIT: VINCENT MUNIER, SYLVAIN TESSON

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Unverhofft kommt oft. Ja klar, das ist eine ziemlich ausgeleierte Binsenweisheit, aber sie würde uns nicht zum Hals raushängen, wäre sie nicht wahr. Dabei liegt die Kunst darin, etwas Erhofftes temporär aufzugeben. Sich bescheiden zu zeigen im Streben, ein Ziel zu erreichen. Das ist ein Umstand, oder sagen wir ein abstraktes, mysteriöses Gesetz, das dem Begegnen mit der Natur oder der Natur selbst zugrunde liegt. Naturfotografen und -filmer, Vogelbeobachter und alle, die ihr Hauptaugenmerk auf alles richten, was hier wächst, lebt und atmet, wissen sehr gut, was ich meine. Da sucht man und sucht man und wartet voller Ungeduld, und nichts passiert. Ab dem Moment, wenn die Genügsamkeit Einzug hält, setzt einem die Seele der Welt oder was auch immer genau das vor, was man die ganze Zeit eigentlich gewollt hat. So gesehen bei meinen Begegnungen mit dem Oktopus im Mittelmeer, den Hirschebern auf Sulawesi oder dem Jaguar im Pantanal. Diesen beiden Herren in dem Dokumentarfilm Der Schneeleopard scheint eine ähnliche Lehre erteilt zu werden, zumindest dem einen der beiden, dem französischen Reiseschriftsteller Sylvain Tesson, der von sich selbst des Öfteren behauptet, stets viel zu überhastet von A nach B gekommen zu sein, ohne wirklich auf die Details geachtet zu haben. Vielmehr, so meint er, würde er selbst beobachtet als selbst zu beobachten. Mit dieser mehrwöchigen Expedition soll das ein Ende haben. An seiner Seite: der Tierfotograf Vincent Munier, ein Profi und ganz bewusst damit vertraut, wie die Natur tickt. Daher ist Geduld und weniger der Drang nach der großen Begegnung der Schlüssel auf die andere Seite, dorthin, wo es nicht nach Menschen riecht und die zivilisationslose, wilde Weite zum Denken anregt.

Wir befinden uns in diesem stillen, meist im Flüsterton gesprochenen Abenteuer Richtung Ursprung auf 5000 Metern über dem Meeresspiegel im Hochland von Tibet, wo arschkalter Wind weht, es immer wieder mal graupelt und der Bart gefriert. Wo der Bunsenbrenner wie urzeitliches Feuer eine Höhle erwärmt und das Robben übers Feld das neue Wandern ist. Auf die Suche nach dem stattlichen, schwer aufspürbaren Tier haben sich schon viele begeben. Der Schneeleopard ist daher ein Naturfilm, der in dem, was er zeigt, natürlich keine Exklusivität genießt. Im Fernsehen sind Dokus wie diese gang und gäbe. Doch fürs Kino gestaltet sich so ein Projekt doch etwas anders, und will mehr sein als nur den naturkundlichen Anteil des Allgemeinwissens erweitern. Denn das Tier, um das es hier geht, hat, wenns hochkommt,  gerade mal eine Minute Sendezeit. Der Rest ist Suchen, Warten, Zurückkehren zum Basislager, das Notieren von Notizen oder der Zeitvertreib mit einer Handvoll Kinder, die in der Gegend wohnt. Ungefähr gleich, wenn nicht sogar noch mehr beeindruckend als die vielen Panoramen hier auf diesem Plateau ist der Sound unterschiedlichster Tierarten, die dann auch noch allesamt vor die Kamera treten. Und alles, wirklich alles, trägt bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad Winterfell bis zum Kuschelalarm. Kugelrund, bauschig und schneeverweht wuseln, stehen und traben Warmblüter durch die Landschaft, aus sicherer Entfernung beobachtet, wobei Fotograf Munier mit einer Uneitelkeit besticht, die ihn zu einem devoten Besucher macht in einer Welt, in der er eigentlich nichts zu suchen hat. Beide, er und Tesson, sind Zaungäste, die auf das Unwahrscheinliche warten, nächtelang, wochenlang. Marie Amiguet fängt diese grenzgängerische Geduld und den Respekt vor allem, was hier lebt, mit einer fast unsichtbaren Regie ein. Alles steckt im Tarnanzug, versteckt hinter Felsen, gelegen auf der Lauer, um als Mensch die Harmonie, die Homo sapiens selbst wieder gerne hätte, nicht zu stören.

Es knackt und zwitschert, es röhrt und dampft – dazwischen die knorrigen Klänge von Warren Ellis und Nick Cave, der am Ende des Films dann noch stimmlich zu hören ist. Tatsächlich ist Der Schneeleopard wie ein elegisches, zufrieden stimmendes Lied des großen britischen Musikers – nachdenklich, entschleunigt und mitunter melancholisch, atemberaubend fotografiert und angenehm menschenleer.

Der Schneeleopard

Gunda

DIE SAU RAUSLASSEN

5/10


gunda© 2021 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, USA 2020

REGIE: VICTOR KOSSAKOVSKI

BUCH: VICTOR KOSSAKOVSKI, AINARA VERA

KAMERA: EGIL HÅSKJOLD LARSEN, VICTOR KOSSAKOVSKI 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Ich fröne ja nur ungern fremdsprachigen Filmen im Original, dessen Sprache und Dialekt ich nicht mal ansatzweise verstehe, die aber auch nicht untertitelt sind. Gut, man könnte sich mehr schlecht als recht den Plot zusammenreimen, jedoch zum Filmgenuss gedeiht diese Sichtung nicht wirklich. Ist es allerdings ein fremdsprachiger Film im Original, für den es ganz einfach keine Untertitel gibt, da die Sprache niemand versteht, wäre das ein bisschen etwas anderes. In Gunda zum Beispiel lässt sich die Sprache – meist grunzend, guttural oder grölend – zwar nicht im Mindesten verstehen, dafür aber lässt sich schon aufgrund das tierischen Verhaltens so manche Bedeutung ableiten. Und zugegeben: so komplex ist die Handlung des vorliegenden Dokumentarfilms auch nicht, um durcheinanderzugeraten.

Das Beste an Gunda ist, neben all der künstlerischen Optik, dass die Bühne dieses Films voll und ganz den Tieren gehört, und diese grunzen, gurren und grölen, wie der Tag lang ist, ohne von einem Erklärbär aus dem Off auf die Protagonisten eines weiterbildenden Schulfernsehens getrimmt zu werden. Der Mensch hat hier nur im weitesten Sinn Bedeutung, alle anderen Einflüsse bleiben außen vor. So sehen wir, wie die Sau Gunda zu Beginn des Films ihre Jungtiere zur Welt bringt – und wie diese dann im Laufe der Zeit älter, größer, vorlauter werden, immer noch quirlig und treu der Mama folgend, an Zitzen saugend, quengelnd. Als Intermezzi dienen Hühner (darunter eine einbeinige Virtuosin) und Rinder. Wie das allerdings so läuft auf einer Farm, ist dem Vieh, das dort lebt, etwas ganz anders bestimmt als ein ruhiger Lebensabend. Auch das widerfährt der Familie Sus scrofa domesticus, und plötzlich wirken die für uns von kleinauf vertrauten Fleischlieferanten in ihrer Trauer und Ratlosigkeit gar nicht mal mehr so unmenschlich. Am Ende gibt Gunda zu denken – doch das in die Länge gezogene Davor tarnt den Content für einen beeindruckenden Kurzfilm mit dem Selbstbewusstsein eines abendfüllenden Leinwanderlebnisses.

So niedlich und gleichermaßen faszinierend die jungen Trüffeldinger auch sind, so prachtvoll Victor Kossakovski diesen Alltag zwischen Hof und Wald auch eingefangen hat, mit schönen Unschärfezooms und Weitwinkel-Tableaus, so kurzatmig gibt sich die Collage an Szenen, die wiederholt stets das gleiche tierische Verhalten beobachten. Auf die Dauer ist das zwar immer noch schön fotografiert und süß – Mehrwert bringt es keinen mehr. Einen Urlaub am Bauernhof dagegengesetzt, wäre der zwar nicht schwarzweiß, aber immerhin aufschlussreicher, weil dort womöglich das Interagieren verschiedenster Tierarten gegeben wäre, die ich in Gunda allerdings vermisse. Darüber hinaus wurde die von allem artifiziellen Beiwerk befreite Doku an drei verschiedenen Orten gefilmt. Das ergibt weniger Sinn als würde sich Kossakovski auf einen Ort des Zusammenlebens konzentrieren.

Würde man Kuh und Huhn weglassen – die ebenfalls nicht viel Aufschluss bieten – und würde man viel zu lange Takes etwas kürzen; würde man die glücklichen Stunden der Ferkel vielmehr auf wesentliche Momente reduzieren, stünde einem Bravo für einen tierrechtlich relevanten, intensiven Kurzfilm in einer Sprache, die wir nicht kennen, nichts mehr im Wege.

Gunda

Mein Lehrer, der Krake

KOMM IN MEINE ARME

8/10

 

octopusteacher© 2020 Netflix

 

LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: PIPPA EHRLICH & JAMES REED

MIT CRAIG FOSTER

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Als Wildlife-Fotograf (wer gerne vorbeischauen möchte: www.biodiversity.at) verbindet mich mit diesem Film so einiges. Das sind zum einen die gemeinsamen maritimen Erkundungen von Vater und Sohn oder die Art und Weise, ohne Sauerstoff und nur mit Druckausgleich und Flossenschlag am Meeresboden entlangzugrundeln, um Fotos zu machen. Zum anderen sind es Begegnungen mit Kopffüßern, die, so kann ich bestätigen, zum Außergewöhnlichsten gehören, was man im Meer erleben kann. Mein letztes Intermezzo mit so einem Tier liegt schon einige Jahre zurück, jedoch ist es so, als wäre es gestern gewesen. In einer Bucht im Süden der griechischen Insel Zakynthos, im gerade mal kniehohen Wasser, hatte ich das Glück, einen Octopus vulgaris zu entdecken, der, ganz so wie sein Artgenosse im Film, eine auffallende Neugier an den Tag legte. Mit seinen saugnapfbestückten Armen, die sich wie Gummi dehnen lassen, beschloss der Kephalopode, meine Kamera zu erkunden. Das Schauspiel seines Pigmentwechsels war dabei der reinste Farbzirkus, von sandig weiß bis zu leuchtendem Blau. Dass diese Tiere intelligent sind, merkt man sofort. Oder spätestens nach Sichtung des oscarnominierten Dokumentarfilms Mein Lehrer, der Krake.

Diesmal ist es nicht das Mittelmeer, sondern der Süden Afrikas. Schauplatz sind die Tangwälder und ihr artenreiches Ökosystem. Von Helmschnecken bis Pyjamahaie (ja, die gibt es wirklich) hat hier scheinbar jeder seine Nische gefunden. Sogar Tierfilmer Craig Foster, der nach einem Burnout langsam wieder zu sich selbst finden konnte, indem er im kalten, bewegten Wasser des Atlantiks regelmäßig schnorcheln ging und dabei auf eine Artenvielfalt aufmerksam wurde, die ihren Höhepunkt in der Begegnung mit einem Oktopus fand. Dieses urtümliche, von der Evolution bis heute ignorierte Wesen war anfangs natürlich skeptisch, dann neugierig – und schließlich fasste es Vertrauen in dieses blasse, große, zweibeinige Wesen, das da immer wieder auftauchen muss, um Luft zu holen. Umgekehrt entstand so etwas wie eine freundschaftliche Liebe, und Foster beschloss, aus dieser Freundschaft ein Projekt zu machen: Was passiert, wenn der Mensch zum selbstverständlichen Teil im Leben eines Kraken wird? Und was macht ein Krake sonst so, wenn er seine täglichen Runden dreht?

Anders als herkömmliche Tierdokumentationen steht hier nicht vorrangig die atemberaubende Beschaffenheit der Natur im Vordergrund. Klar tut sie das auch, doch was diesen Film ganz besonders hervorhebt, ist der paraverbale Dialog zwischen Mensch und Umwelt um die Suche nach einem längst verloren geglaubten Platz unserer Art in den komplexen Ökosystemen dieser Welt. Foster will zeigen, dass es falsch ist, zu behaupten, der Mensch ist nicht Teil von all dem hier, was uns umgibt. Er ist es doch. Und er kann, wenn er will, selbst für die von uns so heftig geschundene Natur bereichernd sein. Er muss sich nicht entfremden, um seinen Selbstwert zu schützen. Er kann sich ebenso gut integrieren. Foster hat das getan, mit Beharrlichkeit und Obesssion – zumindest ein Jahr lang (was ungefähr der Lebensdauer eines Kopffüßers entspricht).

Es ist eine Balance zwischen Teil der Ordnung zu sein – und die Ordnung zu stören. Eine Verhaltensstudie, die das Regieduo Pippa Ehrlich und James Reed behutsam und respektvoll in Szene setzen, dabei in rotierender Reihenfolge Foster zu Wort kommen lassen, den Kraken beobachten und den lebensverändernden Einfluss der Ökosysteme Küste und Meer geltend machen. Am Ende dieses Krakenlebens ist ein liebevolles Beziehungsdrama mit all seinen Höhen und Tiefen entstanden, voller Neugier und Achtsamkeit.

Mein Lehrer, der Krake