Her Private Hell (2026)

HAUTE COUTURE IM KUNSTNEBEL

4/10


Sophie Thatcher erlebt ihre eigene Hölle in Her Private Hell
© 2026 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, USA 2026

REGIE: NICOLAS WINDING REFN

DREHBUCH: NICOLAS WINDING REFN, ESTI GIORDANI

KAMERA: PINO DONAGGIO

CAST: SOPHIE THATCHER, HAVANA ROSE LIU, CHARLES MELTON, KRISTINE FROSETH, DOUGRAY SCOTT, DIEGO CALVA, SHIOLI KUTSUNA, AOI YAMADA, SHIOLI KUTSUNA, HIDETOSHI NISHIIMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Es ist wieder soweit

Weihnachten. Oder sagen wir: Wie Weihnachten. Und zwar für alle, die das fantastische Genrekino lieben, das sich irgendwo zwischen Fantasy, Science-Fiction, Horror und Thriller befindet und zwischen all diesen vier Arten von Film hin- und herswitcht wie ein unruhiger Geist, der nicht weiß, wen er heimsuchen soll. Was dann passiert, sind zwölf wunderbare Tage, die länger andauern als die Festtage am Ende des Jahres und wo man sich Familie aussuchen kann. Nämlich jene des Slash.

Da sind sie wieder, die üblichen Verdächtigen, denen man jedes Mal gewahr wird, und auch ich bin so einer, mit meinem Filmgenuss-gebrandeten T-Shirt, der wohl fast jeden Tag das Filmcasino ganz so wie der unruhige Geist heimsuchen wird, um sich danach vor die Tastatur zu setzen und seine Gedanken in Sätze zu formen. Und das Beste: Ich weiß nicht, was kommen wird.

Ein Feinspitz für surreales Gewaltkino

Was man aber wusste: Nicolas Winding Refn wird seinen neuesten Film höchstpersönlich präsentieren, mit anschließender Fragerunde zu einem Streifen, der, und das muss ich zugeben, wieder mal bestätigt, dass der visionäre Feinspitz für surreales Gewaltkino nicht so ganz meinen Geschmack trifft. Das ist natürlich rein subjektiv, doch ein Teil dieser Filmkritiken, die ich hier schreibe, trägt natürlich auch das Kolorit meiner persönlichen Meinung. Also will ich ganz ehrlich sein.

Drive war tatsächlich ein stringenter Thriller mit ordentlich Drama dahinter – stimmig, gewaltspitz, so richtig Noir. Walhalla Rising – nun, da muss man kein Nordisch sprechen, denn gesprochen wird hier ohnehin nichts, wenn Mads Mikkelsen als absolutionssüchtiger Wikinger in der schlammigen Erde wühlt. Bei Only God Forgives bin ich ausgestiegen. Nichts für mich, zu krude, zu substanzlos, und die Sache mit den Essstäbchen, nun ja, das muss man mögen oder auch nicht.

Doch wenn schon Slash-Premiere, bei der ich nicht fehlen möchte, dann geht auch der neue Winding Refn. Ein sehr freundlicher, witziger Kerl, der gerne Autogramme gibt und der die von Festivalleiter Markus Keuschnigg übergebene Urne d’Honor trotz seines schrägen Filmstils tatsächlich noch um einen Tick bizarrer findet. Rot glänzend lag das kleine glänzende Aschebehältnis in seiner Hand. Ja, man kann auch so ein Kaliber von Künstler noch beeindrucken.

Alles so schön bunt hier

Die Sprache hat es dem Publikum, Reihe 11, Sitz 9, nach Sichtung von Her Private Hell nur teilweise verschlagen. Im Mittelpunkt seines ominösen Konstrukts um Selbstbestimmung, Familienzwist und toxisch-männlichem Terror steht Sophie Thatcher, ehemaliger Escort-Android (Companion), Missionarin im Hause von Hugh Grant (Heretic) und diesmal als grell geschminkter, wortkarger Vamp namens Elle, der die quirlige, aber obdachlose Hunter in ihre Hotelsuite einlädt, in der die ganze kaputte Familie haust, und zwar inmitten von Edelschick und teuren Klamotten.

Wie diese Familie funktioniert und ob es denn überhaupt eine Familie ist oder eher ein kleines Freudenhaus, das scheint nicht so ganz klar. Jedenfalls gibt es eine Stiefmutter, die um die Gunst von Elle buhlt, die aber wiederum ihren Vater sucht, der nach einer kleinen Märchenstunde rund um den Leatherman, der mit dem Nebel kommt, plötzlich verschwindet, nachdem er sich selbst in die Lederkluft geworfen hat.

Kann es sein, dass er von sich selbst gesprochen hat? Dass er selbst hinter dem bestialischen Frauenmörder ganz in knarzendem Leder steckt, mit den Diamanten an den Handschuhen, die den jungen Opfern eine Obduktion bei lebendigem Leibe verpassen. Auch das weiß man nicht so genau.

Symmetrie ist doch was Schönes

Irgendwie sucht hier jeder jeden, während ich nach der nötigen narrativen Substanz Ausschau halte. Und auch der Soldat K ist dem Frauenmörder auf der Spur, denn der hat seine Tochter. Das alles klingt nach blutigem Serienkillerthriller, doch wenn es so einfach wäre, wäre es nicht Nicolas Winding Refn. Der Mann ist schließlich ein Ästhet und Symmetrist, und es geht ihm gar nicht mal um die Story, die sich im Laufe des Films sowieso wie der Nebel bei Sonnenschein in nichts auflöst, sondern ganz und gar um die Optik, um das Licht (wo eine Warnung für stroboskoplichtanfälliges Publikum angebracht gewesen wäre) und um den Score. Letztlich auch um Sophie Thatcher, die Refn wie ein Testimonial atemberaubend ikonisch ins Bild setzt.

Kuschen vor dem Bildersturm

An ihr liegt es keinesfalls, dass Her Private Hell enttäuschend hohl wirkt. Vielleicht, weil sich in dieser Geschichte nichts bewegt, weil auch die fulminanten Bilder so statisch arrangiert sind, dass sie nichts vorwärtsbringen, weder Handlung noch charakterliche Entwicklung noch sonst einen roten Faden, der sich schüchtern zusammenrollt unter diesem Bildersturm.

Als Virtuose der Farben und des Lichts muss man Winding Refn wirklich loben. In den Achtzigern wäre das ein Werbespot gewesen, den man nicht so schnell vergessen hätte. Ein Werbespot für ein neues Parfum-Deo, womöglich gar mit dem trendigen Namen Impulse?

Wenn ihnen ein Mann, den sie noch nie gesehen haben, plötzlich…

Nun, hier schenkt dieser Mann, den Sophie Thatcher noch nie gesehen hat, zwar keine Blumen, jedoch läuft er ihr irgendwann über den Weg, und wir erkennen zum Glück, dass diese auseinanderdriftende Miniatur an Story doch noch auf einem gemeinsamen Fundament steht, zwischen Plexiglas-Kristallen und rosa-türkisem Lichtgemetzel.

Es wabert der Kunstnebel, es glitzern die Tropfen auf Thatchers Wangen. Jane Schoenbrun (Teenage Sex and Death at Camp Miasma) bringt ihre magentalastige Farbpalette stilsicherer in die Gegenwart, Refn hingegen schmachtet in artifizieller Synthesizer-Stasis, die hauptsächlich langweilt. Wunderschön und explizit langweilt.Das ist zu wenig für einen Film, aber mehr als genug für einen Clip, der vor dem Hauptprogramm läuft.

Her Private Hell (2026)

How to Blow Up A Pipeline (2022)

BREAKING BAD FÜR DEN GUTEN ZWECK

7/10


howtoblowuppipeline© 2023 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DANIEL GOLDHABER

DREHBUCH: ARIELA BARER, JORDAN SJOL & DANIEL GOLDHABER, NACH DEM BUCH VON ANDREAS MALM

CAST: ARIELA BARER, KRISTINE FROSETH, LUKAS GAGE, FORREST GOODLUCK, SASHA LANE, JAYME LAWSON, MARCUS SCRIBNER, JAKE WEARY, IRENE BEDARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Verbrechen zahlt sich aus? Vielleicht in der Politik, da merkt man nicht sofort, was im parlamentarischen Hinterzimmer alles beredet wird. Oder, wenn ein ganzes Volk an einem Strang zieht. Sowas nennt man dann Revolution, die wiederum Sinn macht, wenn Alleinherrschaften gestürzt werden sollen. Verbrechen aber im Gewand von linkem oder rechtem Idealismus zieht meist einen Rattenschwanz aus Ahndung und Vergeltung nach sich. Niemand kann verstehen, wie Gewalt – sei es nun gegen Menschen oder gegen Dinge – als gesetztes Zeichen für eine bessere oder andere Welt jemals genau dorthin führen soll. Um andere aufzurütteln? Die, die es vielleicht zum Umdenken bringen könnte, haben längst schon ihre Türen geöffnet, bevor sie eingerannt werden. Die anderen hängen in ihrer Borniertheit sowieso an ihrer Meinung. Und können statuierte Exempel wie im vorliegenden Film nur verurteilen oder geringschätzend belächeln.

Einen Kreuzzug gegen die kapitalistische Weltherrschaft zu führen ist, als würde man eine Festung mit Graffitisprays stürmen. Klimakleber blockieren zwar die Straße, blockieren aber auch ein Umdenken, weil Aktionen wie diese ganz andere Emotionen auslösen, nicht aber jene, die die Umwelt betreffen, die im Argen liegt. Idealisten, die eine Pipeline sprengen wollen, um den Ölfluss und damit die Konzernroutine zu stören, packen das Übel nicht an der Wurzel, sondern reißen dem Unkraut lediglich die Blätter aus. Ihre Vorgehensweise ist eine persönliche, und keine fürs globale Allgemeinwohl. Das erfährt man, wenn man sich How to Blow Up A Pipeline ansieht, basierend auf dem gleichnamigen Ratgeber für aktivistische Kriegsführung. In diesem Independentdrama treffen acht vom Leben im Stich gelassene, junge Menschen aufeinander, die sich in der Wüste von Texas einem Sabotageakt verschreiben, der, wie der Titel schon sagt, die Ölzufuhr eines Rohstoffgiganten an zwei auseinanderliegenden Stellen zumindest eine Zeit lang stoppen soll. In die Wege geleitet soll dies mit ordentlich Sprengstoff werden – einem vorzüglich selbst gemixten. Und schon erinnert das ganze Szenario ein bisschen an Breaking Bad – nur statt Crystal Meth, das ja wirklich nicht fürs Allgemeinwohl, sondern nur für den eigenen Profit hergestellt wird, mixt der in Sprengstoffen versierte Autodidakt Michael mit angehaltenem Atem und ruhiger Hand ein ganz anderes Pulver zusammen. Eines, dass Stahl, Nieten und alles andre in seine Einzelteile zerlegen soll. Die anderen sieben helfen dabei, füllen ganze Fässer mit Ammoniumnitrat, checken die Lage und schwören sich auf ein Gelingen des Anschlags ein, der tunlichst keine Menschenleben gefährden soll, denn schließlich geht es ja um die Menschlichkeit, um ein besseres Leben, um ein Umdenken. Mord wäre da das falsche Signal. Und Sachbeschädigung?

Regisseur Daniel Goldhaber bewundert seine acht Seelen, die im Winter der amerikanischen Wüste die Welt verändern wollen. Ja, er sympathisiert gar mit ihnen und erklärt sie zu Kreuzrittern, die sich Gehör verschaffen müssen. Andererseits aber schnipselt er ins fast schon semidokumentarische und genau beobachtete Making Of eines Anschlags die in groben Eckdaten zusammengefassten persönlichen Beweggründe jeder und jedes einzelnen. Dabei wird klar, dass selten der globale Zustand unserer Welt der Motor für die nun vor uns liegende Aktion darstellt, sondern ausschließlich persönliche Kränkungen, Benachteiligungen und gesundheitlicher Schaden. Ist das Ganze dann nicht eher eine Frage der Rache? Der Vergeltung? Die einzige Möglichkeit, sich den eigenen Schmerz und die Ungerechtigkeit rauszuschreien, weil ihn sonst keiner hört?

How to Blow Up A Pipeline ist fraglos eine spannende Chronik, und bietet aufgrund der unterschiedlichen Charaktere, die mit ihrer desillusionierten Grimmigkeit schließlich doch etwas gemeinsam haben, potenziellen Zündstoff, der das ganze Vorhaben bereits intern hätte scheitern lassen können. Das gemeinsame Ziel allerdings – die Aussicht, nichts mehr verlieren zu können, schweißt alle zusammen. Verzweiflung, Gruppendynamik und Teamgeist bilden die Essenz, die vorhanden sein muss, um Tabula rasa zu machen. In Goldhabers Film steht also primär die Erforschung der Parameter im Vordergrund, die zur praktischen Umsetzung radikaler Ideen führen. Andererseits kann Goldhaber auch nicht anders, als die Wahl extremer Mittel, um ein Statement zu setzen, für vertretbar zu befinden.

Von daher ist sein Film durchaus imstande, zu beobachten und zu provozierien. Am Ende wird das Charaktedrama gar zum – zugegeben etwas konstruierten – Thriller inklusive Story-Twist. Darüber, ob How to Blow Up A Pipeline nun aber Partei ergreift oder nicht, lässt sich streiten. Ich zumindest meine, er tut es. Doch wenigstens liegt hier – zwischen Wut und Pipeline – eine logische Verbindung vor, während das Anschütten berühmter Gemälde mit Tomatensuppe vielleicht doch am Ziel vorbeipatzt.

How to Blow Up A Pipeline (2022)